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Der Graf von Monte Christo. Sechster Band.

Alexandre Dumas (der Ältere): Der Graf von Monte Christo. Sechster Band. - Kapitel 18
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDer Graf von Monte Christo. Sechster Band.
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
illustratorFritz Bergen
translatorMax Pannwitz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Die Abreise.

Diese Ereignisse beschäftigten ganz Paris. Auch Emanuel und seine Frau erzählten sie sich mit erklärlichem Erstaunen in ihrem kleinen Salon der Rue Meslay; sie stellten die drei ebenso plötzlichen wie unerwarteten Katastrophen von Morcerf, Danglars und Villefort zusammen. Maximilian, der ihnen einen Besuch machte, hörte ihnen zu.

Wie viele Unglücksfälle! sagte Emanuel, an Morcerf und Danglars denkend.

Welche Leiden! rief Julie, sich Valentines erinnernd, die sie nicht in Gegenwart ihres Bruders nennen wollte.

Wenn Gott sie geschlagen hat, sagte Emanuel, so geschah es, weil Gott in der Vergangenheit dieser Leute nichts fand, was eine Milderung dieser Strafe verdiente, weil diese Leute verflucht waren.

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als das Geräusch der Glocke ertönte. Fast in demselben Augenblick öffnete sich die Tür, und der Graf von Monte Christo erschien auf der Schwelle.

Ein doppelter Freudenschrei drang aus dem Munde der jungen Leute.

Maximilian, sagte der Graf, ohne daß es schien, als bemerke er den Eindruck, den seine Gegenwart auf seine Wirte hervorbrachte, Maximilian, ich komme, Sie zu holen.

Mich holen? fragte Maximilian, wie aus einem Traume erwachend.

Ja, ist es nicht unter uns verabredet, daß ich Sie mitnehme, und habe ich Ihnen nicht gestern gesagt, Sie möchten sich bereit halten?

Hier bin ich, sagte Maximilian, ich ging nur hierher, um Abschied zu nehmen.

Und wohin reisen Sie, Herr Graf? fragte Julie.

Zuerst nach Marseille, gnädige Frau.

Nach Marseille? wiederholten die beiden.

Ja, und ich nehme Ihnen Ihren Bruder.

Ach! Herr Graf, erwiderte Julie, geben Sie ihn uns geheilt zurück.

Morel wandte sich ab, um eine lebhafte Röte zu verbergen.

Ich werde es versuchen, versetzte der Graf.

Ich bin bereit, mein Herr, sprach Maximilian. Lebt Wohl! Gott befohlen, Emanuel! Gott befohlen, Julie!

Wie! Lebt wohl? rief Julie, du reisest also auf der Stelle, ohne Vorbereitung, ohne Paß?

Das sind Dinge, die den Kummer der Trennung verdoppeln, sagte Monte Christo, und ich bin fest überzeugt, Maximilian ist meiner Empfehlung gemäß, so vorsichtig gewesen, für alles zu sorgen.

Ich habe meinen Paß, und mein Koffer ist gepackt, sagte Morel.

Sehr gut, versetzte Monte Christo lächelnd, man erkennt hierin die Pünktlichkeit eines guten Soldaten.

Und Sie verlassen uns auf diese Art? sagte Julie, Sie verlassen uns auf der Stelle, Sir schenken uns nicht einen Tag, nicht eine Stunde?

Mein Wagen ist vor der Tür, gnädige Frau; ich muß in fünf Tagen in Rom sein.

Doch Maximilian geht nicht nach Rom! entgegnete Emanuel.

Ich gehe, wohin mich der Graf führt, sagte Morel mit einem traurigen Lächeln; ich gehöre ihm noch für einen ganzen Monat.

Oh! Mein Gott, wie er das sagt, Herr Graf.

Maximilian begleitet mich, sagte der Graf mit seiner überzeugenden Freundlichkeit, beruhigen Sie sich also über Ihren Bruder.

Gott befohlen, meine Schwester! wiederholte Morel; lebe wohl, Emanuel!

Er verwundet mir das Herz mit seiner Gleichgültigkeit, sagte Julie; oh! Maximilian, du verbirgst uns etwas!

Bah! rief Monte Christo, Sie werden ihn lachend und freudig zurückkommen sehen.

Maximilian schleuderte Monte Christo einen halb verächtlichen, halb zornigen Blick zu.

Vorwärts! sagte der Graf.

Ehe Sie von uns gehen, Herr Graf, sagte Julie, erlauben Sie uns, alles das auszudrücken, was einst . . .

Gnädige Frau, erwiderte der Graf, sie bei beiden Händen fassend, alles, was Sie mir sagen würden, käme nicht dem gleich, was ich in Ihren Augen lese; was Ihr Herz gedacht, hat das meinige empfunden. Wie die Wohltäter in Romanen hätte ich, ohne Sie wiederzusehen, abreisen müssen; doch diese Tugend ging über meine Kräfte, weil ich ein schwacher und eitler Mensch bin, weil der feuchte, freudige, zärtliche Blick von meinesgleichen nur wohltut . . . Nun reise ich ab, ich treibe die Selbstsucht so weit, daß ich sage: Meine Freunde, vergeßt mich nicht, denn ihr werdet mich wahrscheinlich nie wiedersehen.

Nicht wiedersehen! rief Emanuel, während zwei schwere Tränen über Julies Wangen rollten; nicht wiedersehen?

Indem der Graf an seine Lippen die Hand Julies drückte, die sich in seine Arme stürzte, reichte er die andere Emanuel; dann entriß er sich diesem Hause, einem weichen Neste, dessen Wirt das Glück war, und zog durch ein Zeichen den seit Valentines Tode stets unempfindlichen, leidenden, in Gedanken versunkenen Maximilian nach sich.

Geben Sic meinem Bruder die Freude wieder! flüsterte Julie Monte Christo zu.

Monte Christo drückte ihr die Hand, wie er sie ihr elf Jahre vorher auf der Treppe, die zu Morels Kabinett führte, gedrückt hatte.

Vertrauen Sie Simbad dem Seefahrer? fragte sie lächelnd der Graf.

Oh, ja.

Wohl! So schlafen Sie im Frieden und im Glauben an den Herrn.

Unten an der Freitreppe wartete Ali mit schweißglänzendem Gesicht; er schien von einem langen Gange zu kommen.

Nun? fragte ihn der Graf in arabischer Sprache, bist du bei dem Greise gewesen?

Ali machte ein bejahendes Zeichen.

Und du hast ihm den Brief vorgelegt, wie ich dir befohlen?

Ja, sagte ehrfurchtsvoll der Sklave.

Und was hat er gesagt oder vielmehr getan?

Ali stellte sich so unter das Licht, daß ihn sein Herr sehen konnte, und schloß, vortrefflich das Gesicht des Greises nachahmend, die Augen, wie dies Noirtier tat, wenn er ja sagen wollte.

Gut! Er nimmt es an, sagte Monte Christo; brechen wir auf!

Kaum hatte er dieses Wort entschlüpfen lassen, als bereits der Wagen rollte und die Pferde aus dem Pflaster eine Funkenmasse springen ließen.

Maximilian legte sich in seine Ecke, ohne ein Wort zu sprechen. Es verging eine halbe Stunde: der Wagen hielt plötzlich an; der Nubier stieg ab und öffnete den Schlag. Die Nacht funkelte von Sternen. Man war oben an der Anhöhe von Villedejuif, auf der Hochebene, von wo aus Paris wie ein düsteres Meer seine Millionen von Lichtern bewegt, die phosphoreszierenden Wellen gleichen.

Der Graf blieb allein, und auf ein Zeichen fuhr der Wagen ein paar Schritte weiter. Lange betrachtete er mit gekreuzten Armen schweigend das Babylon zu seinen Füßen. Dann sagte er, die Hände wie zum Gebete faltend:

Große Stadt! Es sind weniger als sechs Monate, daß ich durch deine Tore eingetreten bin. Ich glaube, daß mich der Geist Gottes zu dir geführt hat, triumphierend führt er mich von dir zurück. Das Geheimnis meiner Gegenwart in deinen Mauern habe ich diesem Gotte anvertraut, der allein in meinem Herzen zu lesen vermochte; er allein weiß, daß ich mich ohne Haß und ohne Stolz, doch nicht ohne Bedauern entferne! Er allein weiß, daß ich nicht meinetwegen und nicht um eitler Ursache willen von der Macht, die er mir anvertraut, Gebrauch gemacht habe. Oh, große Stadt! In deinem zitternden Schoße habe ich gefunden, was ich suchte; ein geduldiger Gräber, durchwühlte ich deine Eingeweide, um das Böse daraus hervorzutreiben; nun ist mein Werk erfüllt, meine Sendung beendigt; nun kannst du mir weder Freude, noch Schmerzen mehr bieten, Gott befohlen, Paris!

Sein Blick schwebte noch einmal wie der eines nächtlichen Geistes über die Ebene hin. Dann fuhr er mit der Hand nach der Stirn, stieg wieder in seinen Wagen, der bald auf der andern Seite der Anhöhe in einem Wirbel von Staub verschwand.

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