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Der Graf von Monte Christo. Sechster Band.

Alexandre Dumas (der Ältere): Der Graf von Monte Christo. Sechster Band. - Kapitel 13
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDer Graf von Monte Christo. Sechster Band.
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
illustratorFritz Bergen
translatorMax Pannwitz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Der Löwengraben.

Eine Abteilung der Force, welche die gefährlichsten Gefangenen enthielt, hieß die Cour de Saint-Bernard. Die Gefangenen nannten sie aber in ihrer kräftigen Sprache Löwengraben, ohne Zweifel, weil sie Zähne haben, die häufig in die Gitterstangen und zuweilen auch die Wächter beißen.

Es ist ein Gefängnis im Gefängnis, die Mauern haben die doppelte Dicke. Jeden Tag untersucht ein Kerkerknecht sorgfältig die massiven Gitter, und an den herkulischen Gestalten, an den kalten, scharfen Blicken der Wächter erkennt man, daß diese in Anbetracht der Gefährlichkeit der Insassen sorgfältig ausgewählt sind.

Der zu dieser Abteilung gehörige Grasplatz ist von ungeheuren Mauern umgeben, über welche die Sonne nur schräg hereinfällt. Hier irren von der Stunde des Aufstehens an sorgenvoll, abgemagert, bleich wie Schatten, die Menschen umher, welche die Gerechtigkeit unter dem Messer gebeugt hält, das sie für sie schärft. Man sieht sie an der Mauer lehnen, die am meisten Wärme einzieht und zurückhält. Hier verweilen sie, zwei und zwei plaudernd, öfter noch allein, das Auge unablässig auf die Tür geheftet, die sich öffnet, um einen von den Bewohnern dieses finsteren Aufenthaltes für immer abzurufen, oder um in den Schlund eine neue aus dem Schmelztigel der Gesellschaft ausgeworfene Schlacke zu speien.

Diese Abteilung hat ihr eigenes Sprechzimmer; es ist ein langes Viereck, durch zwei etwa drei Fuß voneinander parallel laufende Gitter in zwei Teile geteilt, so daß der Besuch dem Gefangenen nicht die Hand geben oder ihm etwas zuschieben kann. Dieses Sprechzimmer ist düster, feucht und in jeder Hinsicht fürchterlich.

So gräßlich aber auch der Ort ist, so ist er doch ein Paradies für diese Menschen, deren Tage gezählt sind; denn selten verläßt man den Löwengraben, um anderswohin zu gehen, als aufs Schafott, in das Bagno oder in das Zellengefängnis.

In dem beschriebenen feuchtkalten Hofe ging, die Hände in den Rocktaschen, ein junger Mensch auf und ab, der von den Bewohnern des Grabens mit großer Neugierde betrachtet wurde.

Nach dem Schnitte seiner Kleider hätte man ihn für einen feinen Herrn halten können, wären diese Kleider nicht zerfetzt gewesen. Sie sahen indessen auch nicht abgetragen aus; fein und weich an den unberührten Stellen, nahm das Tuch unter der streichelnden Hand des Gefangenen leicht wieder seinen Glanz an. Er wandte dieselbe Sorgfalt an, um sein Battisthemd in Ordnung zu bringen, und fuhr über seine lackierten Stiefel mit dein Zipfel seines Taschentuches, worauf Anfangsbuchstaben mit einer heraldischen Krone gestickt waren.

Einige Kostgänger des Löwengrabens sahen mit auffallendem Interesse der Toilette des Gefangenen zu.

Sieh da, der Prinz macht sich schön, sagte einer.

Er ist von Natur sehr schön, bemerkte ein anderer, und wenn er nur einen Kamm und Pomade hätte, so würde er alle die Herren mit den weißen Handschuhen verdunkeln.

Sein Kleid muß sehr neu gewesen sein, und seine Stiefel glänzen gar hübsch. Es ist schmeichelhaft für uns, daß wir so stattliche Kollegen haben; . . . und diese Spitzbuben von Gendarmen sind gemeine Burschen, daß sie einen solchen Putz zersetzt haben!

Es scheint, das ist ein Berühmter, sagte ein dritter, er hat alles getan . . . und zwar in der großen Art . . . er kommt noch so jung hier an! Oh, das lob' ich mir!

Der Gegenstand dieser gemeinen Bewunderung schien dieses Lob mit Behagen einzuschlürfen. Als seine Toilette beendigt war, näherte er sich einer Tür, an der ein Gefangenwärter lehnte.

Hören Sie, mein Herr, sagte er zu diesem, leihen Sie mir zwanzig Franken, Sie bekommen sie bald wieder; bei mir laufen Sie keine Gefahr. Bedenken Sie, daß ich Verwandte habe, die mehr Millionen besitzen, als Sie Franken. Geben Sie mir zwanzig Franken, ich bitte Sie, damit ich mir einen Schlafrock laufen kann. Ich leide furchtbar, daß ich immer in Frack und Stiefeln sein muß . . . Und welch ein Frack für einen Prinzen Cavalcanti!

Der Wächter drehte ihm den Rücken zu und zuckte die Achseln.

Gehen Sie, sagte Andrea, Sie sind ein Mensch, der kein Herz im Leibe hat, und ich werde Sie um Ihren Platz bringen.

Jetzt erst drehte sich der Gefangenwärter um und brach in ein schallendes Gelächter aus.

Nun näherten sich die Gefangenen und machten einen Kreis.

Ich sage Ihnen, fuhr Andrea fort, daß ich mir mit dieser elenden Summe einen Rock und ein Zimmer verschaffen kann, um auf anständige Weise den hohen Besuch zu empfangen, den ich jeden Tag erwarte.

Er hat recht! Er hat recht! riefen die Gefangenen; bei Gott, man sieht, daß er ein ganzer Mann ist.

Nun, so leiht ihr ihm die zwanzig Franken! sagte der Wärter, sich mit seiner kolossalen Schulter an die Wand stützend; seid ihr das nicht einem Kameraden schuldig?

Ich bin nicht der Kamerad dieser Leute, entgegnete stolz der junge Mann; beleidigen Sie mich nicht, Sie haben kein Recht dazu!

Hört ihr ihn? rief der Wärter mit argem Lächeln, er behandelt euch schön; leiht ihm doch zwanzig Franken!

Die Verbrecher schauten sich mit dumpfem Murren an, und ein Sturm fing an, sich über dem aristokratischen Gefangenen zu sammeln.

Bereits näherten sich die Verbrecher Andrea, und einige riefen: Die Schlappe! Die Schlappe!

Es ist dies eine grausame Operation, wobei ein in Ungnade gefallener Insasse mit Schuhen, die mit Eisen beschlagen sind, geprügelt wird. Andere schlugen die Anwendung des Aals vor, das heißt, ein mit Sand und Kieselsteinen gefülltes gedrehtes Tuch sollte wie ein Dreschflegel zur Bearbeitung von Schultern und Kopf des Missetäters dienen. Wieder andere riefen: Die Peitsche für den schönen Herrn, den ehrlichen Mann!

Doch Andrea wandte sich gegen sie um, blinzelte mit einem Auge, schwellte die Backe mit seiner Zunge aus und ließ ein eigentümliches Schnalzen der Lippen hören.

Es war ein Maurerzeichen, das ihm Caderousse mitgeteilt hatte. Sie erkannten einen der ihrigen, und der Aufruhr legte sich sofort, was dem Gefangenwärter ganz unbegreiflich vorkam, so daß er, den Wechsel irgend einer unerlaubten Beeinflussung zuschreibend, Andrea trotz dessen Protesten zu durchsuchen anfing.

Plötzlich erscholl eine Stimme an der Pforte, und ein Aufseher rief: Benedetto!

Man ruft mich! sagte Andrea.

In das Sprechzimmer! rief die Stimme.

Hören Sie, man will mir einen Besuch abstatten! . . . Ah! mein lieber Herr, Sie werden sehen, ob man einen Cavalcanti wie einen gewöhnlichen Menschen behandeln darf!

Und wie ein schwarzer Schatten in den Hof schlüpfend, eilte Andrea durch die halbgeöffnete Pforte und ließ seine Genossen und sogar den Gefangenwärter in Verwunderung zurück.

Man rief ihn in der Tat ins Sprechzimmer, und darüber durfte man sich nicht weniger wundern, als Andrea selbst; denn statt wie die andern von der erlaubten Wohltat des Schreibens Gebrauch zu machen, um sich reklamieren zu lassen, hatte der junge Mann seit seinem Eintritt in die Force ein stoisches Schweigen beobachtet.

Ich bin offenbar von irgend einem Mächtigen beschützt, sagte er, das ergibt sich aus allem: das plötzliche Vermögen, die Leichtigkeit, mit der ich alle Hindernisse beseitigt habe, eine neue Familie, ein mir verliehener berühmter Name, der Goldregen, die geplante Ehe. Eine Abwesenheit meines Beschützers hat mich zugrunde gerichtet, doch nicht gänzlich, nicht für immer! Die Hand hat sich für einen Augenblick zurückgezogen, sie muß sich wieder nach mir ausstrecken und mich in der Minute festhalten, wo ich in den Abgrund zu stürzen drohe. Warum sollte ich einen unklugen Schritt wagen? Ich würde mir vielleicht meinen Beschützer abhold machen. Es gibt für ihn zwei Wege, mich aus der Klemme zu ziehen, entweder eine geheimnisvolle Entweichung durch Gold zu erkaufen, oder den Richter zur Freisprechung zu nötigen. Warten wir mit dem Reden und Handeln, bis ich klar sehe, daß ich ganz verlassen bin, und dann erst . . .

Es war, wie sich Andrea sagte, offenbar zu früh am Tage, als daß der Untersuchungsrichter nach ihm senden konnte, und zu spät für einen etwaigen Ruf von seiten des Gefängnisdirektors oder des Arztes; es mußte also wirklich der erwartete Beschützer sein. Da erblickte er hinter dem Gitter des Sprechzimmers mit seinen vor Neugierde weit aufgesperrten Augen das düstere, verständige Gesicht Bertuccios, der ebenfalls mit schmerzlichem Erstaunen die Gitter, die verriegelten Türen und den Schatten betrachtete, der sich hinter den gekreuzten Stangen bewegte.

Ah! machte Andrea, im Herzen getroffen.

Guten Morgen, Benedetto, sagte Bertuccio mit seiner hohlen Stimme.

Sieh! sagte der junge Mann, voll Schrecken umherschauend.

Du erkennst mich nicht, unglückliches Kind! entgegnete Bertuccio.

Still! still doch! flüsterte Andrea, der das feine Gehör der Wände kannte; mein Gott, sprechen Sie nicht so laut!

Nicht wahr, du würdest gern mit mir allein reden?

Oh, ja.

Bertuccio griff in seine Tasche, machte einem Wärter, den man hinter der Scheibe der Pforte erblickte, ein Zeichen und sagte zu ihm: Lesen Sie.

Was ist das? fragte Andrea.

Der Befehl, dich in ein Zimmer zu führen und mich mit dir sprechen zu lassen.

Ah! Ah! machte Andrea, hüpfend vor Freude, dann sagte er zu sich: Abermals der unbekannte Beschützer! Man vergißt mich nicht! Man sucht die Heimlichkeit, da man in einem abgesonderten Zimmer mit mir sprechen will. Ich habe sie . . . Bertuccio ist vom Beschützer abgeschickt!

Der Wärter besprach sich einen Augenblick mit einem Oberen, öffnete sodann die zwei vergitterten Türen und führte Andrea, der vor Freude außer sich war, in ein Zimmer des ersten Stockes, das die Aussicht auf den Hof hatte.

Das Zimmer war getüncht und kam dem Gefangenen wunderbar schön vor; ein Ofen, ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch bildeten die kostbare Ausstattung.

Bertuccio setzte sich auf den Stuhl. Andrea warf sich auf das Bett. Der Wärter entfernte sich.

Laß hören, was hast du mir zu sagen? sprach der Intendant.

Und Sie? versetzte Andrea.

Sprich du zuerst . . .

Oh! nein, Sie haben mir viel mitzuteilen, da Sie mich aufsuchten!

Wohl! es sei. Du hast deine Verworfenheit fortgesetzt; du hast gestohlen, du hast gemordet.

Wenn Sie mich in ein besonderes Zimmer führen, um mir nur dies zu sagen, mein Herr, so hätten Sie sich lieber gar keine Mühe machen sollen. Es gibt anderes, das ich nicht weiß, sprechen wir lieber davon! Wer hat Sie geschickt?

Oh, oh! Sie gehen sehr rasch, Herr Benedetto.

Nicht wahr? Und gerade aufs Ziel. Ersparen wir uns alle unnützen Worte. Wer schickt Sie?

Niemand.

Woher wissen Sie, daß ich im Gefängnis bin?

Ich habe dich längst in dem frechen Burschen erkannt, der so zierlich sein Pferd auf den Champs-Elysées tummelte.

Die Champs-Elysées . . . Ah! ah! . . . die Champs-Elysées! Sprechen wir von meinem Vater, wenn's beliebt!

Wer bin denn ich?

Sie, mein braver Herr, sind mein Adoptivvater . . . Doch, ich denke, Sie haben nicht zu meinen Gunsten 100 000 Franken hergegeben, die ich in vier bis fünf Monaten verbrauchte; Sie haben mir nicht einen italienischen Vater und Edelmann verschafft; Sie haben mich nicht in die Gesellschaft eingeführt und zu einem gewissen Mittagsmahle, das ich noch zu genießen glaube, nach Auteuil eingeladen . . . Vorwärts, reden Sie, ehrenwerter Korse . . .

Was soll ich dir sagen?

Auf den Champs-Elysées wohnt ein sehr reicher Herr.

Bei dem du gestohlen und gemordet hast, nicht wahr?

Ich glaube, ja.

Der Herr Graf von Monte Christo?

Sie haben ihn genannt. Soll ich mich in seine Arme werfen und ausrufen: Mein Vater! Mein Vater!

Scherzen wir nicht, erwiderte Bertuccio mit ernstem Tone, ein solcher Name soll nicht ausgesprochen werden, wie du ihn auszusprechen wagst.

Bah! rief Andrea, etwas verblüfft durch Bertuccios feierliche Haltung, warum nicht?

Weil der, der diesen Namen führt, zu sehr vom Himmel begünstigt ist, um der Vater eines Elenden deiner Art zu sein.

Oh! Große Worte . . .

Und große Wirkungen, wenn du dich nicht in acht nimmst!

Drohungen! Ich fürchte sie nicht . . . ich werde sagen . . .

Glaubst du es mit Pygmäen, wie du einer bist, zu tun zu haben? sagte Bertuccio mit so ruhigem Tone und mit so sicherem Blicke, daß Andrea im Innersten erschüttert wurde, glaubst du es mit Bagnohelden oder mit Toren, wie man sie gewöhnlich in der Welt trifft, zu tun zu haben? . . . Benedetto, du bist in einer furchtbaren Hand, diese Hand will sich dir öffnen; benutze es!

Mein Vater . . . ich will wissen, wer mein Vater ist, sagte er eigensinnig; ich will darüber sterben, wenn es sein muß, aber ich werde es erfahren. Was kümmere ich mich um den Skandal? Für mich ist er vorteilhaft, er bringt mir Ruhm, er verleiht mir Ansehen, er empfiehlt mich. Doch ihr Leute von der großen Welt habt trotz eurer Millionen und eurer Wappen beim Skandal immer etwas zu verlieren . . . Nun, wer ist mein Vater?

Ich bin gekommen, es dir zu sagen . . .

Ah! rief Benedetto mit freudefunkelnden Augen.

In dieser Sekunde öffnete sich die Tür, und der Gefangenwärter sagte, sich an Bertuccio wendend: Verzeihen Sie, der Untersuchungsrichter erwartet den Gefangenen.

Das ist der Schluß meines Verhörs, sagte Andrea zu dem würdigen Intendanten . . . zum Teufel mit dem Überlästigen!

Ich werde morgen wiederkommen, versetzte Bertuccio.

Gut! sagte Andrea. Meine Herren Gendarmen, ich bin ganz zu Ihren Diensten . . . Ah, lieber Herr, lassen Sie doch ein Dutzend Taler in der Kanzlei zurück, daß man mir hier gibt, was ich brauche.

Es soll geschehen, erwiderte Bertuccio.

Andrea reichte ihm die Hand; Bertuccio hielt die seinigen in der Tasche und ließ nur das Klimpern von ein paar Goldstücken hören.

Das wollte ich sagen, versetzte Andrea mit einer lächelnden Grimasse, aber innerlich von Bertuccios seltsamer Ruhe ganz überwältigt.

Sollte ich mich getäuscht haben? sagte er zu sich selbst, in den länglichen und vergitterten Wagen steigend, den man den Salatkorb nennt. Wir werden sehen! Morgen also! fügte er, sich zu Bertuccio umwendend, hinzu.

Morgen! antwortete der Intendant.

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