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Der Graf von Monte Christo. Fünfter Band.

Alexandre Dumas (der Ältere): Der Graf von Monte Christo. Fünfter Band. - Kapitel 8
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDer Graf von Monte Christo. Fünfter Band.
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
illustratorFritz Bergen
translatorMax Pannwitz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Beauchamp.

Vierzehn Tage lang war in Paris nur von diesem verwegenen Diebstahlsversuche die Rede; der Sterbende hatte eine Erklärung unterschrieben, die Benedetto als Mörder bezeichnete.

Caderousses Messer, die Blendlaterne, der Schlüsselbund und die Kleider, ohne die Weste, die man nicht finden konnte, wurden in der Gerichtskanzlei niedergelegt, während man den Leichnam nach der Morgue brachte.

Der Graf antwortete auf alle Fragen, die Begebenheit sei vorgefallen, während er in seinem Hause in Auteuil gewesen, und er wisse nur, was ihm der Abbé Busoni gesagt, der ihn an diesem Abend ganz zufällig gebeten habe, die Nacht bei ihm zubringen zu dürfen, um in einigen Büchern seiner Bibliothek Studien zu machen.

Bertuccio allein erbleichte, so oft der Name Benedetto in seiner Gegenwart ausgesprochen wurde; aber seine Blässe blieb unbeachtet.

Auf den Schauplatz des Verbrechens gerufen, bemächtigte sich Villefort der Angelegenheit und führte die Untersuchung mit dem leidenschaftlichen Eifer, mit dem er in allen Kriminalfällen zu Werke ging. Doch es verliefen drei Wochen, ohne daß die tätigsten Nachforschungen irgend ein Resultat herbeiführten, und man fing an, den Diebstahlsversuch und die Ermordung des Diebes zu vergessen, um sich mit der nahe bevorstehenden Verheiratung des Grafen Andrea Cavalcanti mit Fräulein Danglars zu beschäftigen. Diese Heirat war angekündigt, und der junge Mann wurde im Hause des Bankiers als Bräutigam empfangen.

Man hatte an Herrn Cavalcanti Vater geschrieben, der die Heirat durchaus billigte und, während er sein ganzes Bedauern darüber ausdrückte, daß ihn sein Dienst verhindere, Parma zu verlassen, sich bereit erklärte, das Kapital von hundertundfünfzigtausend Franken Rente zu geben.

Es war verabredet, daß die drei Millionen bei Danglars angelegt werden sollten. Einige Personen versuchten zwar, dem jungen Manne Zweifel über die finanziellen Verhältnisse seines zukünftigen Schwiegervaters einzuflößen, der seit einiger Zeit wiederholte Verluste an der Börse erlitten habe; aber mit einer erhabenen Uneigennützigkeit und einem edlen Vertrauen wies der junge Mann diese Einflüsterungen zurück, von denen er aus Zartgefühl dem Baron kein Wort sagte.

Der Baron betete auch den Grafen Andrea Cavalcanti an. Von Fräulein Eugenie konnte man nicht das gleiche sagen. In ihrem instinktartigen Hasse gegen die Ehe hatte sie sich Andreas als eines Mittels, Morcerf zu entfernen, bedient; nun aber, da sich Andrea ihr zu sehr näherte, fing sie an, einen sichtbaren Widerwillen gegen ihn zu empfinden. Vielleicht hatte es der Baron bemerkt. Er stellte sich aber, als bemerkte er nichts.

Mittlerweile war die Beauchamp gewährte Frist abgelaufen. Morcerf hatte übrigens jetzt erkannt, daß Monte Christos Rat, die Sache auf sich beruhen zu lassen, gut gewesen war; denn niemand hatte die Mitteilung auf den General bezogen, kein Mensch hatte daran gedacht, in dem Offizier, der das Schloß von Janina ausgeliefert, den edlen in der Pairskammer sitzenden Grafen zu erkennen.

Aber Albert fühlte sich darum nicht minder beleidigt, denn die Absicht der Beleidigung lag offenbar vor. Überdies hatte die Art und Weise, wie Beauchamp bei ihrer Besprechung verfahren war, eine bittere Erinnerung in seinem Innern zurückgelassen. Beauchamp selbst hatte man seit dem Tage, an dem ihm Albert den Besuch gemacht, nicht wiedergesehen, und fragte man nach ihm, so hieß es, er sei auf kurze Zeit verreist.

Eines Morgens wurde Albert durch seinen Kammerdiener aufgeweckt, der ihm Beauchamp meldete.

Albert rieb sich die Augen, befahl, Beauchamp in seinem kleinen Rauchsalon im Erdgeschoß warten zu lassen, kleidete sich rasch an und ging hinab. Beauchamp schritt im Zimmer auf und ab, blieb aber, als er Morcerf erblickte, stehen.

Der Schritt, den Sie tun, indem Sie sich freiwillig und ohne den Besuch abzuwarten, den ich Ihnen heute zugedacht hatte, bei mir einfinden, scheint mir ein gutes Vorzeichen zu sein, sagte Albert; reden Sie geschwind, darf ich Ihnen die Hand reichen und sagen: Beauchamp, gestehen Sie ein Unrecht und bewahren Sie mir einen Freund? Oder muß ich ganz einfach fragen: Welche Waffen wählen Sie?

Albert, erwiderte Beauchamp traurig, wir wollen uns setzen und miteinander reden.

Es scheint mir im Gegenteil, mein Herr, daß Sie mir zu antworten haben, ehe wir uns setzen.

Albert, erwiderte der Journalist, es gibt Umstände, wo die Schwierigkeit gerade in der Antwort liegt.

Ich werde sie Ihnen leicht machen, mein Herr, indem ich Ihnen die Frage wiederhole: Wollen Sie zurücknehmen, ja oder nein?

Morcerf, man begnügt sich nicht, ja oder nein auf Fragen zu antworten, bei denen es sich um die Ehre, die gesellschaftliche Stellung, das Leben eines Mannes, wie des Herrn Generalleutnants Grafen von Morcerf, Pairs von Frankreich, handelt.

Was tut man denn?

Man tut, was ich getan habe, Albert; man sagt: Geld, Zeit und Anstrengung kommen nicht in Betracht, wenn Ruf und Interessen einer Familie auf dem Spiele stehen. Man sagt: Man braucht mehr als Wahrscheinlichkeit, man braucht Gewißheit, um ein Duell auf Leben und Tod mit einem Manne anzunehmen, dem man drei Jahre lang die Hand gereicht hat; man sagt: Kreuze ich den Degen, oder feure ich eine Pistole auf einen Freund ab, so muß ich mit dem ruhigen Herzen und dem lauteren Gewissen kommen, dessen ein Mann bedarf, wenn sein Arm ihm sein Leben retten soll.

Nun! fragte Morcerf ungeduldig, was soll das bedeuten?

Das soll bedeuten, daß ich von Jannia komme.

Von Janina? Unmöglich!

Mein lieber Albert, hier ist mein Paß; sehen Sie die Stempel: Genf, Mailand, Venedig, Triest, Delvino, Janina.

Albert schaute auf den Paß und sah dann wieder erstaunt zu Beauchamp auf.

Albert, wären Sie für mich ein Fremder, ein Unbekannter, so würde ich mir, wie Sie wohl begreifen, keine solche Mühe gegeben haben; aber ich dachte, ich sei Ihnen dieses Zeichen der Achtung schuldig. Ich brauchte acht Tage zur Reise nach Janina, acht Tage zur Rückkehr. Dazu kamen vier Tage Quarantäne und achtundvierzig Stunden Aufenthalt; das macht gerade drei Wochen. Ich bin in dieser Nacht angekommen und stehe nun vor Ihnen.

Mein Gott, wie viele Umschweife, Beauchamp, warum zögern Sie, mir zu sagen, was ich von Ihnen erwarte?

Es ist in der Tat . . .

Man sollte glauben, Sie hätten Furcht, zu gestehen, daß Ihr Korrespondent Sie getäuscht hat. – Nein.

Oh! keine Eitelkeit, Beauchamp, gestehen Sie immerhin, Ihr Mut kann nicht in Zweifel gezogen werden.

Oh! das ist es nicht, murmelte der Journalist; im Gegenteil . . .

Albert erbleichte furchtbar; er versuchte zu sprechen, aber das Wort erstarb auf seiner Zunge.

Mein Freund, sagte Beauchamp mit dem liebevollsten Tone, glauben Sie mir, ich wäre glücklich, Ihnen meine Entschuldigungen bieten zu können, und ich böte sie Ihnen von ganzem Herzen; aber ach! . . .

Was aber? – Die Meldung hatte recht, mein Freund.

Wie! der französische Offizier . . . dieser Fernand?

Ja.

Dieser Verräter, der die Schlösser des Mannes übergeben hat, in dessen Diensten er stand . . .

Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen sage, was ich Ihnen sagen muß, dieser Mann ist Ihr Vater!

Albert machte eine wütende Bewegung, um sich auf Beauchamp zu stürzen; doch dieser hielt ihn mehr noch durch einen sanften Blick, als durch seine ausgestreckte Hand zurück.

Hier, mein Freund, sagte er, ein Papier aus seiner Tasche ziehend, hier ist der Beweis.

Albert öffnete das Papier; es war eine Erklärung von vier angesehenen Bewohnern Janinas, die bestätigten, daß der Oberst Fernand Mondego, Instruktor im Dienste des Wesirs Ali Tependelini, das Schloß von Janina gegen zweitausend Beutel übergeben habe. – Die Unterschriften waren durch den Konsul beglaubigt.

Albert wankte und fiel wie vernichtet auf einen Stuhl.

Nach einem kurzen, schmerzlichen Stillschweigen schwoll ihm das Herz und ein Tränenstrom entstürzte seinen Augen.

Beauchamp schaute den jungen Mann, der sich dem Übermaß des Schmerzes hingab, mit tiefem Mitleid an, näherte sich ihm und sagte: Albert, nicht wahr, Sie begreifen mich nun? Ich wollte alles sehen, alles selbst beurteilen, in der Hoffnung, die Erklärung würde günstig für Ihren Vater ausfallen, und ich könnte ihm volle Gerechtigkeit widerfahren lassen. Doch die Erkundigungen, die ich einzog, bestätigten im Gegenteil, daß dieser von Ali Pascha zum Generalgouverneur erhobene Fernand Mondego kein anderer ist, als der Graf von Morcerf. Da kehrte ich zurück und erinnerte mich der Ehre, die Sie mir angetan, mich unter Ihre Freunde zu zählen, und eilte zu Ihnen.

Auf seinem Lehnstuhle ausgestreckt, hielt Albert seine Hände vor die Augen.

Ich eilte zu Ihnen, fuhr Beauchamp fort, um Ihnen zu sagen: Albert, die Fehler unserer Väter in diesen wilden Zeiten können die Kinder nicht berühren. Sehr wenige haben die Revolutionen, in deren Mitte wir geboren sind, durchgemacht, ohne daß Kot oder Blut ihre Uniform oder ihr Richterkleid befleckt hätte. Albert, nun, da ich alle Beweise habe, nun, da ich Herr Ihres Geheimnisses bin, kann mich niemand in der Welt zu einem Zweikampfe zwingen, den Ihnen, ich bin davon fest überzeugt, Ihr Gewissen als ein Verbrechen vorwerfen würde; aber was Sie von mir verlangen können, biete ich Ihnen an. Sollen diese Beweise, diese Enthüllungen, diese Erklärungen verschwinden? Soll dieses furchtbare Geheimnis zwischen Ihnen und mir bleiben? Meinem Ehrenwort anvertraut, wird es nie über meine Lippen kommen; reden Sie, Freund, wollen Sie dies?

Albert warf sich ihm um den Hals und rief: Ah, edles Herz! – Nehmen Sie, sagte Beauchamp, indem er Albert die Papiere überreichte.

Albert ergriff die Papiere, preßte, zerknitterte sie mit krampfhafter Hand und wollte sie zerreißen; doch in der Furcht, es könnte das kleinste Teilchen, vom Winde fortgeweht, die Kunde weitertragen, verbrannte er sie bis auf das letzte Fetzchen an einer Kerze.

Teurer Freund! vortrefflicher Freund! murmelte Albert, während er die Papiere verbrannte.

Möge dies alles wie ein böser Traum vergessen werden, sagte Beauchamp, möge es erlöschen, wie diese Funken, möge alles verschwinden, wie der letzte Rauch, der aus der stummen Asche aufsteigt.

Ja, ja, sagte Albert, und es bleibe nur die ewige Freundschaft, die ich meinem Retter weihe; eine Freundschaft, die meine Kinder auf die Ihrigen übertragen werden; eine Freundschaft, die mich stets daran erinnern soll, daß ich das Blut meiner Adern, das Leben meines Körpers, die Ehre meines Namens Ihnen zu verdanken habe, denn wenn eine solche Sache bekannt geworden wäre, oh! Beauchamp, ich würde mir die Hirnschale zerschmettert haben, . . . oder, nein, arme Mutter, denn ich hätte dich nicht mit demselben Schlage töten wollen, mit dem ich mich von dieser Welt verbannte.

Doch bald verlor sich wieder diese plötzliche Aufwallung, und Albert verfiel abermals in Traurigkeit.

Nun? fragte Beauchamp, was gibt es denn noch?

Es ist mir, als sei mir etwas vom Herzen gebrochen, antwortete Albert. Hören Sie, Beauchamp, man kann sich nicht so im Nu von der Achtung, von dem Vertrauen, von dem Stolze trennen, den der fleckenlose Name eines Vaters seinem Sohne einflößt. Oh! Beauchamp, Beauchamp! wie werde ich nun meinem Vater ansehen? Werde ich meine Stirn zurückziehen, wenn er ihr seine Lippen, meine Hand, wenn er ihr seine Hand nähert? Oh, Beauchamp, ich bin der unglücklichste Mensch. Ah! meine Mutter, meine arme Mutter! rief Albert durch seine in Tränen gebadeten Augen das Portrait seiner Mutter anschauend; wenn du das gewußt, wieviel hättest du leiden müssen!

Auf, Mut gefaßt, mein Freund! sagte Beauchamp, ihn bei den Händen fassend.

Aber woher kam die Meldung in Ihrer Zeitung? Dahinter steckt ein unbekannter Haß, ein unsichtbarer Feind.

Wohl! ein Grund mehr. Mut gefaßt, Albert! keine Spuren von Aufregung auf Ihrem Gesichte! Bewahren Sie Ihre Kräfte, mein Freund, bis zu dem Augenblicke, wo der Ausbruch erfolgt!

Oh! Sie glauben also, wir seien noch nicht am Ziele? – Ich glaube nichts, mein Freund; doch es ist am Ende alles möglich; sagen Sie mir, heiraten Sie noch Fräulein Danglars?

Warum fragen Sie mich dies im Augenblick, Beauchamp?

Weil mir die Antwort darauf mit dem Gegenstande, der uns zu dieser Stunde beschäftigt, in Verbindung zu stehen scheint.

Wie? rief Albert, dessen Stirn sich entflammte, Sie glauben, Herr Danglars . . .

Ich frage Sie nur, wie es sich mit Ihrer Heirat verhält. Sehen Sie in meinen Worten nichts anderes, als das, was ich darein legen will, und geben Sie ihnen nicht mehr Gewicht, als sie haben.

Nein, erwiderte Albert, die Heirat ist abgebrochen.

Gut, sagte Beauchamp. Als er aber sah, daß der junge Mann wieder in seine Schwermut verfiel, fügte er hinzu: Glauben Sie mir, es wird das beste sein, wir gehen ins Freie. Eine Fahrt nach dem Walde oder ein Spazierritt wird Sie zerstreuen; wir frühstücken bei unserer Rückkehr irgendwo, Sie gehen an Ihre Geschäfte und ich an die meinigen.

Gern, erwiderte Albert, wir gehen zu Fuß aus, ich denke, etwas Anstrengung wird mir gut tun. – Es sei.

Die Freunde gingen auf den Boulevard. Als sie die Madeleine erreicht hatten, sagte Beauchamp: Hören Sie, da wir auf dem Wege sind, wollen wir doch Herrn von Monte Christo besuchen; er wird Sie zerstreuen, denn er versteht es bewunderungswürdig, die Geister zu beschwichtigen, indem er nie fragt. Meiner Ansicht nach sind die Leute, die nie fragen, die besten Tröster.

Gut, lassen Sie uns zu ihm gehen!

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