Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexandre Dumas (der Ältere) >

Der Graf von Monte Christo. Fünfter Band.

Alexandre Dumas (der Ältere): Der Graf von Monte Christo. Fünfter Band. - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/dumasalt/montchr5/montchr5.xml
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDer Graf von Monte Christo. Fünfter Band.
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
illustratorFritz Bergen
translatorMax Pannwitz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120405
projectidfb3c1afd
Schließen

Navigation:

Der Einbruch

Am andern Tage begab sich der Graf von Monte Christo wirklich mit Ali und mehreren Dienern nach Auteuil. Zu dieser Abreise, an die er am Tage vorher so wenig wie Andrea gedacht hatte, bestimmte ihn hauptsächlich die Ankunft Bertuccios, der, aus der Normandie zurückgekehrt, Nachrichten vom Hause und von der Korvette überbrachte.

Das Haus war bereit, und die Korvette, die seit acht Tagen in einer kleinen Bucht mit ihrer Ausrüstung von sechs Mann vor Anker lag, konnte, nachdem alle Förmlichkeiten erfüllt waren, auf den ersten Wink ihres Gebieters wieder in See gehen. Der Graf lobte Bertuccios Eifer und forderte ihn auf, sich zu schneller Abreise fertig zu halten, da sich sein Aufenthalt in Frankreich nicht mehr über einen Monat ausdehnen würde. Ich muß nun vielleicht in einer Nacht von Paris nach Treport reisen, sagte er zu ihm, und will an acht Stellen frische Pferde auf der Straße eingestellt haben, mit denen ich fünfzig Meilen in zehn Stunden zurücklegen kann.

Eure Exzellenz hat schon früher diesen Wunsch kundgegeben, antwortete Bertuccio, und die Pferde stehen bereit, ich habe sie selbst angekauft und an den passendsten Orten, nämlich in Dörfern, wo gewöhnlich niemand anhält, untergebracht.

Es ist gut, sagte Monte Christo, ich bleibe einen oder zwei Tage hier, richten Sie sich demgemäß ein!

Als Bertuccio im Begriff war hinauszugehen, um alle Befehle für diesen Aufenthalt zu erteilen, öffnete Baptistin die Tür und brachte einen Brief.

Was tun Sie hier? fragte der Graf, als er ihn ganz mit Staub bedeckt erblickte, ich habe Sie nicht verlangt, scheint mir?

Ohne zu antworten, näherte sich Baptistin dem Grafen, bot ihm den Brief und sagte: Wichtig und dringend.

Der Graf öffnete den Brief und las:

Herr von Monte Christo wird benachrichtigt, daß in dieser Nacht ein Mensch in sein Haus in Paris dringen wird, um Papiere zu stehlen, die er im Sekretär des Ankleidezimmers eingeschlossen glaubt. Man weiß, daß der Graf von Monte Christo mutig genug ist, um nicht seine Zuflucht zur Polizei zu nehmen, deren Einschreiten den, welcher ihm diesen Rat gibt, sehr gefährden müßte. Der Herr Graf kann entweder durch eine vom Schlafzimmer ins Kabinett führende Öffnung oder, indem er sich im Kabinett verbirgt, sich selbst Gerechtigkeit verschaffen. Viele Leute und offenbare Vorsichtsmaßregeln würden sicherlich den Bösewicht abschrecken und den Herrn Grafen der Gelegenheit berauben, einen Feind kennen zu lernen, den durch einen Zufall die Person entdeckte, die dem Grafen diesen Rat gibt, die aber wahrscheinlich nicht in der Lage wäre, den Rat zu wiederholen, wenn dieses Unternehmen scheitern und der Bösewicht ein anderes versuchen würde.

Der Graf glaubte zuerst, es sei eine Diebslist, eine plumpe Falle, die eine Gefahr hinmalte, um eine andere, größere, zu verdecken. Er wollte den Brief trotz der Empfehlung des ungenannten »Freundes« oder vielleicht gerade deswegen einem Polizeikommissar übergeben lassen, als ihm plötzlich der Gedanke kam, es könnte wirklich ein Feind von ihm sein, den er allein zu erkennen vermöge, und von dem er vorkommendenfalls Nutzen ziehen könnte.

Sie wollen mir nicht meine Papiere stehlen, sie wollen mich töten, sagte Monte Christo; es sind keine Diebe, es sind Mörder. Der Polizeipräfekt soll sich nicht in meine Privatangelegenheiten mischen. Ich bin meiner Treu reich genug, um hierbei seiner Verwaltung jede Ausgabe zu ersparen. Der Graf rief Baptistin zurück. Sie begeben sich sogleich nach Paris und bringen alle Diener hierher, sagte er zu ihm. Ich brauche alle meine Leute in Auteuil.

Soll nicht irgend jemand zu Hause bleiben?

Warum, sagte der Graf; Sie bringen alle Ihre Kameraden mit, vom ersten bis zum letzten; alles übrige aber bleibe im gewöhnlichen Zustande. Die Läden des Erdgeschosses werden geschlossen, das genügt.

Baptistin verbeugte sich und ging.

Der Graf ließ sagen, er werde allein speisen und wolle nur von Ali bedient werden. Er aß mit seiner gewöhnlichen Ruhe und Mäßigkeit, bedeutete darauf Ali durch ein Zeichen, er solle ihm folgen, entfernte sich durch die kleine Tür, wandte sich zum Bois de Boulogne, als wolle er spazieren gehen, schlug den Weg nach Paris ein, und befand sich mit Einbruch der Nacht vor seinem dortigen Hause.

Monte Christo lehnte sich an einen Baum und übersah die doppelte Allee, betrachtete die Vorübergehenden und tauchte seinen Blick in die nächsten Straßen, um zu sehen, ob nicht irgend jemand im Hinterhalt liege. Nach Verlauf von zehn Minuten hatte er sich völlig überzeugt, daß ihn niemand belauere. Er lief sogleich mit Ali nach der kleinen Tür, trat rasch ein und erreichte auf der Gesindetreppe, zu der er den Schlüssel hatte, sein Schlafzimmer, ohne einen einzigen Vorhang zu öffnen oder zu verschieben, ohne daß der Portier im Dienerhause seine Rückkehr vermuten konnte.

In seinem Schlafzimmer hieß er Ali still stehen, dann ging er in das Kabinett, verschloß den Sekretär doppelt, nahm den Schlüssel an sich, kehrte zur Tür des Schlafzimmers zurück, riß die doppelte Schließkappe des Riegels ab und ging hinein.

Währenddessen legte Ali auf einen Tisch die Waffen, die der Graf befohlen hatte, nämlich einen kurzen Karabiner und ein Paar Doppelpistolen, deren übereinanderliegende Läufe auf das sicherste zu zielen gestatteten. So bewaffnet, hielt der Graf das Leben von fünf Personen in seinen Händen.

Es war halb zehn Uhr. Der Graf und Ali aßen eilig ein Stück Brot und tranken ein Glas spanischen Wein; dann schob Monte Christo ein bewegliches Stück Wand beiseite, eine Vorrichtung, wie er sie in verschiedenen Zimmern hatte anbringen lassen, so daß er das ganze Nebenzimmer übersehen konnte. Pistolen und Karabiner lagen im Bereich seiner Hand, und Ali stand neben ihm, mit einer kleinen arabischen Axt bewaffnet.

Durch ein Fenster des Schlafzimmers, das parallel mit dem des Kabinetts lag, konnte der Graf auf die Straße sehen. So vergingen zwei Stunden. Es herrschte die tiefste Finsternis, und dennoch unterschied Ali vermöge seiner natürlichen Anlage und der Graf, vermöge der auf If erfolgten Anpassung das schwächste Zittern der Bäume im Hofe. Das Licht in der Portierloge war schon seit lange erloschen.

Es war anzunehmen, daß der Angriff, wenn überhaupt, durch die Treppe des Erdgeschosses und nicht durch ein Fenster erfolgen würde. Nach der Ansicht des Grafen wollten die Mörder sein Leben und nicht sein Geld. Daher wollten sie wahrscheinlich in sein Schlafzimmer dringen und dahin entweder auf der Geheimtreppe oder durch das Fenster des Kabinetts gelangen.

Er stellte Ali an die Tür der Treppe und überwachte fortwährend das Kabinett. Es schlug drei Viertel auf zwölf Uhr im Invalidenhause; der Westwind brachte auf seinen feuchten Schwingen den düstern Ton der drei Schläge. Als der letzte Schlag erstarb, glaubte der Graf ein leichtes Geräusch auf der Seite des Kabinetts zu hören. Auf dieses erste Geräusch folgte ein zweites, dann ein drittes; bei dem vierten wußte er, woran er war. Eine feste und geübte Hand war beschäftigt, die vier Seiten einer Scheibe mit einem Diamanten zu durchschneiden.

Der Graf fühlte, wie sein Herz rascher schlug; er machte jedoch nur ein Zeichen, um Ali in Kenntnis zu setzen. Dieser trat einen Schritt näher zu seinem Herrn.

Monte Christo war begierig, zu erfahren, mit welchen und mit wieviel Feinden er es zu tun habe. Das Fenster, an dem gearbeitet wurde, lag der Öffnung gegenüber, durch die der Graf das Kabinett überblickte. Seine Augen richteten sich nach diesem Fenster; er sah einen dichteren Schatten von der Finsternis sich abheben, dann wurde eine Scheibe völlig undurchsichtig, als ob man von außen ein Blatt Papier daran klebte, und endlich krachte die Scheibe, ohne zu fallen. Durch die im Fenster bewerkstelligte Öffnung streckte sich ein Arm herein, der den inneren Riegel suchte. Eine Sekunde nachher drehte sich das Fenster auf seinen Angeln, und ein Mensch kam herein. Dieser Mensch war allein.

Das ist ein kecker Bursche, murmelte der Graf.

In diesem Augenblicke fühlte er, daß ihn Ali leicht an der Schulter berührte; er wandte sich um. Ali deutete auf das nach der Straße gehende Fenster des Zimmers. Monte Christo machte drei Schritte nach dem Fenster hin, denn er kannte die ausgezeichnete Feinheit der Sinne seines treuen Dieners. Er sah wirklich einen anderen Menschen, der auf einen Randstein gestiegen war und, wie es schien, zu sehen suchte, was bei dem Grafen vorging.

Gut! sagte er, es sind zwei, der eine handelt, der andere steht auf der Lauer.

Er hieß Ali den Mann auf der Straße nicht aus dem Gesichte verlieren und wandte sich zum Kabinett zurück.

Der Einbrecher war eingetreten und schaute sich um, die Arme vor sich ausstreckend. Endlich schien er sich orientiert zu haben; es waren zwei Türen im Kabinett, und er schickte sich an, die beiden Riegel vorzustoßen.

Als er sich der Schlafzimmertür näherte, glaubte Monte Christo, er wolle hereinkommen, und hielt eine Pistole bereit; doch er hörte nur das Geräusch des zugeschobenen Riegels. Es war nur eine Vorsichtsmaßregel: der nächtliche Gast, der nicht wußte, daß der Graf die Schließkappe weggenommen hatte, hielt sich nun für sicher und meinte, völlig unbesorgt vorgehen zu können.

Jetzt zog der Mann aus seiner weiten Tasche etwas, das der Graf nicht erkennen konnte, legte dieses Etwas auf ein Tischchen, ging gerade auf den Sekretär zu und bemerkte, daß der Schlüssel wider sein Erwarten fehlte.

Doch der Einbrecher war ein vorsichtiger Mann, der an alles gedacht hatte. Der Graf hörte bald, wie Eisen an Eisen klirrte, wie vom Schütteln eines Bundes formloser Schlüssel, wie sie die Schlosser benutzen und die bei den Dieben Nachtigallen heißen.

Ah! ah! murmelte Monte Christo mit einem Lächeln der Enttäuschung, es ist nur ein Dieb.

Aber der Mann konnte in der Dunkelheit das passende Werkzeug nicht herausfinden. Er nahm daher seine Zuflucht zu dem Gegenstand, den er auf das Tischchen gelegt hatte, ließ eine Feder spielen, und alsbald warf ein bleiches Licht seinen fahlen Widerschein auf die Hände und das Gesicht des Mannes.

Halt! flüsterte Monte Christo, mit einer Bewegung des Erstaunens zurückweichend, es ist . . .

Ali hob seine Axt.

Rühre dich nicht, sagte Monte Christo leise zu ihm, laß deine Axt liegen, wir brauchen hier keine Waffen mehr. Dann fügte er, seine Stimme noch mehr dämpfend, einige Worte hinzu; denn der Ausruf, den das Erstaunen dem Grafen entrissen hatte, war, obwohl schwach, doch hinreichend gewesen, den Mann beben zu lassen.

Der Graf hatte Ali einen Befehl gegeben, dieser entfernte sich sogleich und machte von der Wand des Alkovens einen schwarzen Rock und einen dreieckigen Hut los. Währenddessen warf Monte Christo rasch seinen Rock, seine Weste und sein Hemd von sich, und der durch den Spalt der Füllung dringende Lichtstrahl traf ein geschmeidiges Stahlhemd, wie es in Frankreich, wo man jetzt keine Dolche mehr zu fürchten hat, vielleicht zuletzt Ludwig XVI. trug, der seine Brust vor dem Messer schützen wollte und dann mit dem Beile in den Hals getroffen wurde.

Diese Tunika verschwand bald unter einer langen Soutane, wie die Haare des Grafen unter einer Perrücke mit Tonsur; der auf die Perrücke gesetzte dreieckige Hut verwandelte den Grafen vollends in einen Abbé.

Der Mann hatte sich indessen, als er nichts mehr hörte, erhoben und ging wieder auf den Sekretär zu, dessen Schloß unter seiner Nachtigall zu krachen anfing.

Gut! murmelte der Graf, der sich ohne Zweifel auf irgend ein Geheimnis der Schlosserei verließ, das dem Diebe, so geschickt er auch sein mochte, nicht bekannt war, gut! du wirst ein paar Minuten zu tun haben; worauf er ans Fenster trat.

Der Mensch, den er hatte auf einen Randstein steigen sehen, war wieder herabgestiegen und ging in der Straße auf und ab. Als ihn Monte Christo noch einmal ins Auge faßte, schlug er sich plötzlich vor die Stirn und ließ über seine halbgeöffneten Lippen ein leichtes Lächeln hinschweben. Dann näherte er sich Ali und sagte leise zu ihm: Bleibe hier in der Dunkelheit verborgen, und welchen Lärm du auch hörst, was auch vorgehen mag, tritt nicht eher ein, als bis ich dich rufe.

Ali machte mit dem Kopfe ein Zeichen, daß er verstanden habe und gehorchen werde. Hierauf nahm Monte Christo aus einem Schranke eine Kerze, zündete sie an, und in dem Augenblick, wo der Dieb gänzlich von dem Schloß in Anspruch genommen war, öffnete er sacht die Tür, wobei er Sorge trug, daß das Licht, das er in der Hand hielt, vollständig auf sein Gesicht fiel.

Die Tür drehte sich so sacht, daß der Dieb das Geräusch nicht hörte, aber zu seinem großen Erstaunen sah er plötzlich, daß sich das Zimmer erleuchtete, und wandte sich um.

Ei! guten Abend, mein lieber Herr Caderousse, sagte Monte Christo, was zum Teufel tun Sie denn zu dieser Stunde hier?

Der Abbé Busoni! rief Caderousse.

Und da er nicht wußte, wie diese seltsame Erscheinung bis zu ihm gekommen war, da er doch die Tür geschlossen hatte, ließ er seinen Bund falscher Schlüssel fallen und blieb bestürzt und unbeweglich auf der Stelle. Der Graf stellte sich zwischen Caderousse und das Fenster und schnitt ihm so sein einziges Rückzugsmittel ab.

Der Abbé Busoni! wiederholte Caderousse, den Grafen mit stieren Augen anschauend.

Allerdings der Abbé Busoni; er selbst, in Person, und es freut mich, daß Sie mich wiedererkennen, mein lieber Herr Caderousse; das beweist, daß wir ein gutes Gedächtnis haben, denn wenn ich mich nicht täusche, sind es bald zehn Jahre, daß wir uns nicht gesehen.

Diese Ruhe und Ironie erfüllten Caderousse mit einem schwindelartigen Schrecken.

Der Abbé! der Abbé! murmelte er, während seine Zähne klapperten und seine Hände sich krampfhaft zusammenzogen.

Wir wollen also den Herrn Grafen von Monte Christo bestehlen? fuhr der vermeintliche Abbé fort.

Mein Herr Abbé, murmelte Caderousse, der das Fenster zu erreichen suchte, das ihm Monte Christo unbarmherzig abschnitt, mein Herr Abbé, ich weiß nicht . . . ich bitte Sie zu glauben . . . ich schwöre Ihnen . . .

Ein Fenster durchschnitten, fuhr der Graf fort, eine Blendlaterne, ein Bund Nachtigallen, ein halb gesprengter Sekretär, das ist doch klar?

Caderousse erstickte beinahe in seiner Halsbinde, er suchte eine Ecke, in der er sich verbergen, ein Loch, durch das er verschwinden könnte.

Ah! ich sehe, Sie sind immer noch derselbe, mein Herr Mörder, sagte der Graf.

Herr Abbé, da Sie alles wissen, so wissen Sie auch, daß nicht ich es war, sondern die Carconte; die Richter haben das auch erkannt und mich nur zu den Galeeren verurteilt.

Sie haben also Ihre Zeit beendigt, da ich Sie hier gerade damit beschäftigt finde, sich wieder auf die Galeeren zu bringen?

Nein, Herr Abbé, es hat mich jemand befreit.

Dieser Jemand hat der Gesellschaft einen vortrefflichen Dienst geleistet!

Ah! ich hatte jedoch versprochen . . .

Sie sind also ausgebrochen?

Ach! ja! erwiderte Caderousse in größter Unruhe.

Schlimmer Rückfall . . . das wird Sie, wenn ich mich nicht täusche, auf den Richtplatz bringen. Schlimm, schlimm, Diavolo! wie die Weltlichen meines Landes sagen.

Herr Abbé, ich gebe einem Zuge nach . . .

Das behaupten alle Verbrecher.

Die Not . . .

Schweigen Sie doch, sagte verächtlich Busoni, die Not kann dahin führen, daß man ein Almosen fordert, daß man ein Brot an der Tür des Bäckers stiehlt, aber nicht daß man einen Sekretär in einem Hause sprengt, das man unbewohnt glaubt. War es auch die Not, als Sie den Juwelier Joannès, der Ihnen 45 000 Franken für den Diamanten, den Sie von mir erhalten, auszahlte, ermordeten, um den Diamanten und das Geld zu haben?

Verzeihung, Herr Abbé, Sie haben mich schon einmal gerettet, wenn Sie noch einmal . . .

Das ermutigt mich nicht.

Sind Sie allein, Herr Abbé, fragte Caderousse, die Hände faltend, oder haben Sie bereits Gendarmen in Ihrer Nähe, um mich festzunehmen?

Ich bin ganz allein, antwortete der Abbé, und werde noch einmal Mitleid mit Ihnen haben und Sie gehen lassen welches Unglück auch meine Schwäche nach sich ziehen sollte, wenn Sie mir die volle Wahrheit sagen.

Ah! Herr Abbé, rief Caderousse, sich Monte Christo einen Schritt nähernd, ich kann wohl sagen, daß Sie mein Retter sind.

Sie behaupten, man habe Sie aus dem Bagno befreit?

Oh! so wahr ich Caderousse heiße, Herr Abbé.

Wer hat es getan?

Ein Engländer, namens Lord Wilmore.

Ich kenne ihn und werde also erfahren, ob Sie lügen.

Herr Abbé, ich spreche die reine Wahrheit.

Dieser Engländer beschützte Sie?

Nicht mich, sondern einen jungen Korsen, der mein Kettengefährte war.

Wie hieß dieser junge Korse? – Benedetto.

Das ist ein Taufname.

Er hatte keinen andern, denn er war ein Findelkind.

Also ist dieser junge Mann mit Ihnen entwichen?

Ja. Wir arbeiteten in Saint-Mandrier bei Toulon. Während des Mittagsschlafes unserer Wärter gingen wir in einen Winkel, durchsägten unsere Ketten mit einer Feile, die uns der Engländer hatte zukommen lassen, und flüchteten uns schwimmend.

Was ist aus Benedetto geworden?

Ich weiß es nicht. Wir trennten uns in Hyères.

Und um seiner Beteuerung mehr Gewicht zu verleihen, machte Caderousse abermals einen Schritt auf den Abbé zu, der unbeweglich und ruhig stehen blieb.

Sie lügen, sagte der Abbé mit einem unbeschreiblich gebieterischen Ausdruck. Sie lügen! Dieser Mensch ist noch Ihr Freund, und Sie bedienen sich seiner vielleicht als Genossen!

Oh, Herr Abbé! . . .

Wie haben Sie gelebt, seitdem Sie Toulon verlassen? Antworten Sie. – Wie ich konnte.

Sie lügen! wiederholte der Graf zum dritten Male noch gebieterischer, so daß ihn Caderousse erschrocken anschaute.

Sie haben von dem Gelde gelebt, das er Ihnen gegeben.

Ja, es ist wahr, sagte Caderousse, Benedetto ist der Sohn eines vornehmen Herrn.

Wie kann er der Sohn eines vornehmen Herrn sein?

Der natürliche Sohn.

Wie heißt dieser vornehme Herr?

Graf von Monte Christo, der hier wohnt.

Benedetto, der Sohn des Grafen? versetzte Monte Christo ebenfalls erstaunt.

Verdammt! ich muß es wohl glauben, da der Graf selbst einen falschen Vater für ihn gefunden hat, da ihm der Graf viertausend Franken monatlich gibt, da ihm der Graf eine halbe Million vermacht.

Ah! ah! rief der falsche Abbé, der zu begreifen anfing; und wie nennt sich dieser junge Mensch?

Andrea Cavalcanti.

Also ist es der junge Mann, den mein Freund, der Graf von Monte Christo, bei sich empfängt, und der Fräulein Danglars heiraten wird? – Ganz richtig.

Und Sie dulden dies, Elender! Sie, der Sie sein Leben und seine Brandmarkung kennen?

Warum soll ich meinen Kameraden verhindern, glücklich zu werden?

Es ist richtig, es kommt nicht Ihnen zu, Herrn Danglars zu warnen, das ist meine Sache.

Tun Sie das nicht, Herr Abbé! . . .

Warum nicht?

Wir würden dadurch unser Brot verlieren!

Und Sie glauben, um Elenden, wie ihr seid, das Brot zu erhalten, werde ich mich zum Begünstiger ihrer ruchlosen Streiche, zum Mitschuldigen ihrer Verbrechen machen?

Herr Abbé . . . sagte Caderousse, sich abermals nähernd.

Ich werde Herrn Danglars alles sagen.

Donner und Teufel! rief Caderousse, ein blankes Messer aus seiner Weste ziehend und den Grafen mitten auf die Brust stoßend, du wirst nichts sagen, Abbé!

Zu Caderousses großem Erstaunen sprang der Dolch, statt in die Brust des Grafen zu dringen, stumpf ab. Zu gleicher Zeit packte der Graf mit der linken Hand das Faustgelenk des Mörders und drehte es mit einer solchen Kraft, daß das Messer aus den erstarrten Fingern fiel und Caderousse einen Schmerzensschrei ausstieß. Aber der Graf drehte trotzdem weiter das Handgelenk des Banditen, bis dieser mit ausgerenktem Arme zuerst auf die Knie und dann mit dem Gesicht auf die Erde fiel.

Der Graf stützte seinen Fuß auf Caderousses Kopf und sagte: Ich weiß nicht, was mich zurückhält, dir den Schädel einzutreten, Bösewicht!

Ah! Gnade! Gnade!

Der Graf zog seinen Fuß zurück und rief: Stehe auf!

Caderousse stand auf und sagte, seinen gequetschten Arm streichend: Mein Gott! welche Faust haben Sie, Herr Abbé!

Still! Gott verleiht mir die Kraft, ein wildes Tier, wie du bist, zu bändigen; ich handle im Namen Gottes, dessen erinnere dich wohl, Elender, und dich in diesem Augenblick verschonen, heißt abermals den Absichten Gottes dienen. Nimm diese Feder und dieses Papier und schreibe, was ich dir diktieren werde!

Ich kann nicht schreiben, Herr Abbé.

Du lügst; nimm die Feder und schreibe!

Von dem stärkeren Willen bezwungen, setzte sich Caderousse und schrieb: Mein Herr, der Mensch, den Sie bei sich empfangen und dem Sie Ihre Tochter bestimmen, ist ein ehemaliger, mit mir aus dem Bagno von Toulon entwichener Galeerensklave; er hatte die Nummer 59 und ich die Nummer 58. Er hieß Benedetto; aber er weiß seinen wahren Namen nicht, da er nie seine Eltern gekannt hat.

Unterzeichne! fuhr der Graf fort.

Sie wollen mich also ins Verderben stürzen?

Wenn ich dies wollte, so würde ich dich in die nächste Wachtstube schleppen; überdies wirst du zu der Stunde, wo das Billett an seine Adresse abgegeben wird, wahrscheinlich nichts mehr zu befürchten haben. Unterzeichne also!

Caderousse unterzeichnete, und nachdem er noch die Adresse des Barons Danglars daraufgeschrieben hatte, nahm der Abbé das Billett und sagte: Nun gehe!

Wo hinaus? – Wo du hereingekommen bist.

Sie führen etwas gegen mich im Schilde, Herr Abbé?

Dummkopf, was soll ich denn gegen dich im Schilde führen?

Herr Abbé, sagen Sie mir, daß Sie meinen Tod nicht wollen. – Ich will, was Gott will.

Aber schwören Sie mir, daß Sie mich nicht schlagen werden, während ich hinabsteige.

Feiger Schwachkopf.

Was wollen Sie aus mir machen?

Das frage ich dich. Ich versuchte, einen glücklichen Menschen aus dir zu machen, und du wurdest ein Mörder.

Herr Abbé, wagen Sie noch einen letzten Versuch.

Es sei, sagte der Graf. Höre, du weißt, daß ich ein Mann von Wort bin? – Ja.

Wenn du unversehrt nach Hause kommst, so verlasse Paris, verlasse Frankreich, und ich werde dir überall, wo du auch sein magst, solange du dich ehrlich aufführst, eine kleine Pension zusenden; denn wenn du unversehrt nach Hause kommst, nun wohl . . .

Nun? fragte Caderousse bebend.

Nun wohl! so glaube ich, daß dir Gott verziehen hat, und werde dir auch verzeihen.

So wahr ich ein Christ bin, stammelte Caderousse zurückweichend, ich sterbe vor Angst.

Vorwärts! sagte der Graf, mit dem Finger das Fenster bezeichnend.

Wenig beruhigt durch das Versprechen des Grafen, schwang sich Caderousse auf das Fenster und setzte den Fuß auf die Leiter. Hier hielt er zitternd an.

Nun, steige hinab, sprach der Abbé, die Arme kreuzend.

Caderousse fing an zu begreifen, daß von dieser Seite nichts zu befürchten war, und stieg hinab.

Monte Christo kehrte in sein Schlafzimmer zurück und sah mit einem raschen Blick auf die Straße zuerst Caderousse, der, nachdem er hinabgestiegen war, einen Umweg im Garten machte und seine Leiter an das äußerste Ende der Mauer stellte, um an einem anderen Platze hinauszusteigen, als wo er hereingekommen war.

Dann sah er den Menschen, der zu warten schien, parallel in der Straße fortlaufen und sich hinter dieselbe Ecke stellen, wo Caderousse herabsteigen wollte. Caderousse stieg langsam auf die Leiter und streckte, als er die obersten Stufen erreicht hatte, den Kopf über die Mauerkappe, um sich zu überzeugen, ob die Straße leer sei.

Man sah niemand, man hörte niemand. Auf dem Invalidenhause schlug es ein Uhr.

Da setzte sich Caderousse rittlings auf die Mauerkappe, zog die Leiter an sich, hob sie über die Mauer und fing an hinabzusteigen oder ließ sich vielmehr an den Holmen hinabgleiten, mit einer Geschicklichkeit, die von großer Übung zeugte.

Aber während er so herabrutschte, konnte er nicht mehr anhalten, obwohl er einen Menschen aus dem Schatten hervorstürzen sah, und obwohl ein Arm sich in dem Augenblicke erhob, wo er die Erde berührte. Dieser Arm stieß ihn so wütend in den Rücken, daß er die Leiter losließ und um Hilfe rief. Ein zweiter Stoß drang in derselben Sekunde in seine Seite, und er stürzte mir dem Ausruf: Mörder! nieder. Als er sich endlich auf der Erde wälzte, faßte ihn sein Gegner und brachte ihm einen dritten Stoß in die Brust bei. Caderousse wollte abermals schreien; doch er konnte nur einen Seufzer ausstoßen und ließ bebend das Blut seinen drei Wunden entströmen.

Als der Mörder sah, daß er nicht mehr schrie, hob er seinen Kopf bei den Haaren in die Höhe; Caderousse hatte die Augen geschlossen und den Mund verdreht. Der Mörder glaubte, er sei tot, ließ den Kopf zurückfallen und verschwand.

Sobald Caderousse jedoch merkte, daß der andere sich entfernte, richtete er sich auf seinen Ellenbogen auf und rief mit äußerster Anstrengung: Mörder! ich sterbe! zu Hilfe!

Der klägliche Ruf durchdrang die Schatten der Nacht. Es öffnete sich eine Tür der Geheimtreppe, dann die kleine Gartentür, und Ali und sein Herr liefen mit Lichtern herbei.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.