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Der Graf von Monte Christo. Fünfter Band.

Alexandre Dumas (der Ältere): Der Graf von Monte Christo. Fünfter Band. - Kapitel 5
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDer Graf von Monte Christo. Fünfter Band.
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
illustratorFritz Bergen
translatorMax Pannwitz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Das Zimmer des ehemaligen Bäckers.

Am Abend des Tages, als der Graf von Morcerf mit einer Wut, die sich aus der Weigerung des Bankiers erklärt, Danglars' Haus verlassen hatte, fuhr Herr Andrea Cavalcanti, die Haare frisiert und glänzend, den Schnurrbart zugespitzt, mit weißen Handschuhen, auf seinem Phaëton in den Hof des Bankiershauses.

Als er zehn Minuten im Salon war, fand er Gelegenheit, Danglars in eine Fenstervertiefung zu ziehen, wo er ihm die Qualen seines Lebens seit der Abreise seines edlen Vaters auseinandersetzte. Seit dieser Abreise, sagte er, habe er in der Familie des Bankiers, wo man so wohlwollend gewesen, ihn wie einen Sohn aufzunehmen, alle Garantien des Glückes gefunden, die ein Mensch immer suchen müsse, bevor er sich von den Launen der Leidenschaft hinreißen lasse, – und was die Leidenschaft selbst betreffe, so habe er das Glück gehabt, ihr in den schönen Augen von Fräulein Danglars zu begegnen.

Danglars hörte mit der größten Aufmerksamkeit; seit einigen Tagen erwartete er diese Erklärung, und als sie endlich kam, erheiterte sich sein Auge ebensosehr, als es sich bei Morcerfs Worten verdüstert hatte. Er wollte indessen den Antrag des jungen Mannes nicht so annehmen, ohne irgend eine Einwendung zu machen.

Herr Andrea, sind Sie nicht ein wenig zu jung, um an das Heiraten zu denken? sagte er.

Nein, mein Herr, erwiderte Cavalcanti, ich wenigstens finde es nicht; in Italien verheiraten sich die vornehmen Herren im allgemeinen jung. Das Leben ist so vielen Wechselfällen unterworfen, daß man das Glück ergreifen muß, sobald es in unsern Bereich kommt.

Mein Herr, sagte Danglars, wenn ich nun voraussetze, Ihr Antrag, der mich ehrt, werde von meiner Frau und von meiner Tochter angenommen, so fragt es sich noch, mit wem werden wir über das Materielle verhandeln? Es ist dies, scheint mir, ein wichtiges Geschäft, das die Väter allein zum Heil ihrer Kinder abzumachen wissen.

Mein Vater ist ein weiser Mann. Er hat in Voraussicht des Umstandes, daß ich das Bedürfnis fühlen würde, mich in Frankreich niederzulassen, alle Papiere, die meine Identität erweisen, und einen Brief zurückgelassen, in dem er mir, für den Fall, daß ich eine ihm angenehme Wahl treffe, vom Tage meiner Heirat an eine Rente von 150 000 Franken zusichert. Es ist dies, soviel ich beurteilen kann, der vierte Teil der Einkünfte meines Vaters.

Ich hatte immer die Absicht, meiner Tochter 500 000 Franken bei ihrer Verheiratung zu geben; überdies ist sie meine einzige Erbin.

Wohl! sagte Andrea, Sie sehen, die Sache stände vortrefflich, vorausgesetzt, mein Antrag wird von der Frau Baronin Danglars und von Fräulein Eugenie nicht zurückgewiesen. Wir haben dann 175 000 Franken Rente. Nehmen wir an, ich bringe es bei dem Marquis dahin, daß er mir, statt die Rente zu bezahlen, das Kapital gibt, so treiben Sie diese zwei oder drei Millionen um, und zwei oder drei Millionen können in geschickten Händen immerhin zehn Prozent eintragen.

Ich nehme immer nur zu vier, sagte der Bankier, und sogar zu drei und ein halb. Aber bei meinem Schwiegersohne nehme ich zu fünf, und wir teilen den Nutzen.

Vortrefflich, Schwiegervater, sagte Cavalcanti, der sich von seiner gemeinen Natur hinreißen ließ, die von Zeit zu Zeit den aristokratischen Firnis sprengte, womit er sie zu bedecken suchte. Doch sofort sagte er, sich verbessernd: Oh! verzeihen Sie, mein Herr, schon die Hoffnung macht mich beinahe verrückt; wie wäre es erst mit der Wirklichkeit!

Aber, versetzte Danglars, der seinerseits nicht bemerkte, wie dieses, anfangs uneigennützige Gespräch rasch zum Geschäftlichen überging, aber es gibt wohl einen Teil Ihres Vermögens, den Ihnen Ihr Vater nicht verweigern kann?

Welchen Teil? fragte der junge Mann.

Den, welcher von Ihrer Mutter herkommt.

Ah! gewiß, den von meiner Mutter Oliva Corsinari!

Und wie hoch mag sich dieser Vermögensteil belaufen?

Meiner Treu, sagte Andrea, ich habe hierüber nie nachgedacht; doch ich schätze ihn auf wenigstens zwei Millionen.

Danglars fühlte jene freudige Beklemmung, wie sie der Geizige fühlt, der einen verlorenen Schatz wiederfindet.

Nun, mein Herr, sagte Andrea, sich mit zärtlicher Achtung vor dem Bankier verbeugend, darf ich hoffen? . . .

Mein Herr Andrea, erwiderte Danglars, hoffen Sie und glauben Sie mir, daß die Sache abgeschlossen ist, wenn nicht ein Hindernis von Ihrer Seite den Gang der Angelegenheit aufhält.

Ah! Sie erfüllen mich mit Freude, mein Herr.

Doch, wie kommt es? fragte Danglars nachdenkend, wie kommt es, daß der Graf von Monte Christo, Ihr Patron in der Pariser Welt, nicht mit Ihnen erschienen ist, um diese Bitte an mich zu richten?

Andrea errötete unmerklich und antwortete: Ich war soeben bei dem Grafen; er ist unbestreitbar ein vortrefflicher Mann, aber er hat oft merkwürdige Ideen. Er billigte mein Vorhaben sehr und sagte mir sogar, er glaube nicht, daß mein Vater einen Augenblick zögern werde, mir das Kapital statt der Rente zu geben; er versprach mir, mich dabei mit seinem Einfluß zu unterstützen; doch er erklärte mir zugleich, persönlich habe er nie die Verantwortung dafür, um eine Hand zu bitten, auf sich genommen, und er würde sie auch nie auf sich nehmen. Aber er fügte hinzu, wenn er je dieses Widerstreben beklagt habe, so sei es in diesem Falle, denn er denke, die beabsichtigte Verbindung sei eine schickliche und glückliche. Will er übrigens auch nichts offiziell tun, so behält er sich doch vor, Ihnen zu antworten, wie er sagt, wenn Sie mit ihm sprechen sollten.

Ah! sehr gut!

Nun, da die Familienangelegenheit glücklich beendet ist, sagte Andrea mit seinem reizendsten Lächeln, wende ich mich an den Bankier.

Was wollen Sie von ihm, lassen Sie hören! entgegnete Danglars, ebenfalls lächelnd.

Übermorgen habe ich so etwa viertausend Franken von Ihnen zu beziehen; doch der Graf hat begriffen, daß der kommende Monat größere Ausgaben mit sich bringen muß, denen mein jetziges kleines Einkommen nicht entspricht, und so hat er mir diese Anweisung von zwanzigtausend Franken angeboten. Sie ist von seiner Hand unterzeichnet, wie Sie sehen; sind Sie damit zufrieden?

Bringen Sie mir solche Anweisungen für eine Million, und ich nehme sie Ihnen alle ab, sagte Danglars, den Schein in die Tasche steckend. Sagen Sie mir, wann Sie morgen zu Hause sind, und mein Kassenbote kommt zu Ihnen.

Morgen vormittag um zehn Uhr; je eher, desto besser, denn ich möchte morgen aufs Land fahren.

Es sei; morgen um zehn Uhr!

Am andern Tage waren mit einer Pünktlichkeit, die dem Bankier Ehre machte, die zwanzigtausend Franken bei dem jungen Manne, der wirklich ausfuhr und zweihundert Franken für Caderousse zurückließ.

Mit dieser Fahrt bezweckte Andrea hauptsächlich, seinem gefährlichen Freunde aus dem Wege zu gehen; auch kam er am Abend so spät als möglich zurück.

Doch kaum war er ausgestiegen, als er den Portier vor sich stehen sah. Mein Herr, der Mensch ist gekommen, sagte er.

Was für ein Mensch? fragte nachlässig Cavalcanti.

Der Mensch, dem Euere Exzellenz die kleine Rente gibt.

Ah! ja, sagte Andrea, der alte Diener meines Vaters. Nun, Sie haben ihm die zweihundert Franken, die ich ihm zurückgelassen, übergeben?

Ja, Exzellenz, pünktlich. Aber er wollte sie nicht nehmen.

Andrea erbleichte. Wie? Er wollte sie nicht nehmen? versetzte er mit leicht bewegter Stimme.

Nein, er wollte mit Eurer Exzellenz sprechen. Ich entgegnete ihm, Sie seien ausgegangen, er blieb hartnäckig; endlich aber schien er sich überzeugen zu lassen und gab mir diesen Brief, den er versiegelt mitgebracht hatte.

Geben Sie! sagte Andrea.

Und er las bei der Laterne seines Phaëtons: Du weißt, wo ich wohne, ich erwarte dich morgen um halb neun.

Andrea betrachtete das Siegel, um zu sehen, ob der Brief nicht von Neugierigen aufgemacht sei; das Siegel war jedoch völlig unverletzt.

Sehr gut, sagte er, armer Mensch! Ein vortreffliches Geschöpf!

Und der Portier, von diesen Worten erbaut, wußte nicht, was er mehr bewundern sollte, den jungen Herrn oder den alten Diener.

Spanne rasch aus und komm zu mir herauf! sagte Andrea zu seinem Diener.

Mit zwei Sprüngen war der junge Mann in seinem Zimmer und verbrannte Caderousses Brief.

Ich habe, sagte er sodann zu dem eintretenden Diener, mit einer Grisette zu tun, der ich weder meinen Titel, noch meinen Stand sagen will; leih mir deine Livree und bringe mir deine Papiere, damit ich, im Falle der Not, in einem Wirtshause schlafen kann.

Fünf Minuten nachher verließ Andrea, völlig verkleidet, das Hotel, nahm einen Wagen und ließ sich zum Wirtshaus zum roten Roß fahren.

Am andern Tage verließ er dieses Wirtshaus, ging über den Boulevard bis zur Rue Menilmontant, blieb vor der Tür des dritten Hauses links stehen und sah sich vergebens nach einem Portier um.

Wen suchen Sie, mein hübscher Junge? fragte die Obsthändlerin gegenüber.

Herrn Palletin, einen ehemaligen Bäcker, meine gute Mama, antwortete Andrea.

Hinten im Hofe, links im dritten Stocke.

Andrea schlug den bezeichneten Weg ein und zog übelgelaunt an einer Klingel. Nach einigen Sekunden erschien Caderousses Gesicht hinter dem in der Tür angebrachten Gitter.

Ah! du bist pünktlich, sagte er und öffnete.

Andrea warf bei seinem Eintritte seine Livreemütze von sich, die neben den Stuhl auf die Erde fiel.

Ruhig, ärgere dich nicht, Kleiner, sagte Caderousse. Sieh, ich habe an dich gedacht, schau einmal das gute Frühstück an, das wir genießen werden. Gottes Donner! lauter Dinge, die du gern hast.

Atem schöpfend sog Andrea einen Küchengeruch ein, dessen grobes Aroma auf einen ausgehungerten Magen nicht ohne Reiz sein mochte. Es war eine Mischung von frischem Fett und Knoblauch, wozu noch der Duft von geschmortem Fleisch und vor allem der scharfe Geruch der Muskate und Gewürznelke kam. Dieser Mischgeruch entstieg zwei auf zwei Kohlenbecken stehenden Platten und einer Kasserolle, deren Inhalt in einer Ofenröhre kochte. In dem anstoßenden Zimmer sah Andrea überdies einen ziemlich reinlichen Tisch mit zwei Gedecken, dazu zwei versiegelte Flaschen, die eine grün, die andere gelb, ein gutes Maß Branntwein in einer Flasche und etwas Obst auf einem Teller.

Wie kommt dir das vor, Kleiner? fragte Caderousse, nicht wahr, das duftet? Ah! du weißt, ich war damals ein guter Koch, du erinnerst dich, wie man sich die Finger nach meiner Küche leckte? Du hast zuerst von meiner Küche gekostet und, denk' ich, sie nicht verachtet. Und Caderousse fing an, Zwiebeln abzuklauben.

Schon gut, schon gut, sagte Andrea verdrießlich; bei Gott! wenn du mich gestört hast, damit ich mit dir frühstücke, so soll dich der Teufel holen!

Mein Sohn, sagte Caderousse pathetisch, während man ißt, plaudert man; und dann, du Undankbarer, macht es dir keine Freude, deinen alten Freund einmal zu sehen? Ich meinesteils weine vor Freude.

Schweige doch, Heuchler, versetzte Andrea; du solltest mich lieben?

Ja, ich liebe dich; oder der Teufel soll mich holen! Es ist eine Schwäche, ich weiß wohl, aber sie ist stärker als ich.

Was dich nicht abhält, mich wegen irgend einer Schufterei kommen zu lassen.

Geh doch! rief Caderousse, sein breites Messer an seiner Schürze abwischend, wenn ich dich nicht liebte, würde ich das elende Leben ertragen, das du mich führen läßt? Sieh doch nur, du trägst auf deinem Rücken das Kleid deines Bedienten, und hast folglich einen Bedienten, ich habe keinen und muß mein Gemüse selbst ausklauben. Du machst pfui über meine Küche, weil du an der Tafel des Hotel des Princes oder im Café de Paris speisest. Ich könnte auch speisen, wo ich wollte; nun! warum beraube ich mich dessen? Um meinem kleinen Benedetto keine Mühe zu machen. Gestehe nur, daß ich es könnte, wie?

Ein ganz unzweideutiger Blick bekräftigte den Sinn dieser Worte.

Gut, wir wollen annehmen, du liebst mich, sagte Andrea; warum hast du mich aber hergelockt?

Um dich zu sehen, Kleiner.

Um mich zu sehen, wozu? Da wir zum voraus alles abgemacht haben.

Ei! lieber Freund, gibt es Testamente ohne Kodizille? Doch du bist gekommen, um vor allem zu frühstücken, nicht wahr? Wohl, so setze dich, und laß uns mit diesen Sardellen und dieser frischen Butter anfangen, die ich, wie du es gern hast, auf Weinblätter gelegt habe. Ah! ja, du musterst mein Zimmer, meine vier Strohstühle, meine Bilder zu drei Franken. Verdammt! was willst du, das ist kein Hotel des Princes!

Du bist also bereits deiner Lage überdrüssig, du bist nicht mehr glücklich, du, der das Aussehen eines Bäckers haben wollte, der sich von den Geschäften zurückgezogen?

Caderousse stieß einen Seufzer aus.

Nun! was kannst du sagen? Hat sich dein Traum nicht verwirklicht?

Ich kann sagen, daß es wirklich ein Traum ist: Ein Bäcker, der sich zurückgezogen, der ist reich, der hat Renten.

Bei Gott, du hast Renten. – Ich?

Ja, du, da ich dir deine zweihundert Franken bringe.

Caderousse erwiderte, die Achseln zuckend: Es ist demütigend, so auf ungern gegebenes Geld angewiesen zu sein, das heute oder morgen ausbleiben kann. Du siehst wohl, daß ich für den Fall, daß dein Wohlstand nicht fortdauert, sparen muß. Ei! mein Gott! das Glück ist unbeständig. Ich weiß wohl, daß dein Glück groß ist, Böser, du wirst Danglars' Tochter heiraten.

Wie! Danglars'?

Gewiß Danglars'! Soll ich denn sagen: des Barons von Danglars? Das wäre, als ob ich sagte: des Grafen Benedetto . . . Danglars war ein Freund von mir, und wenn er nicht ein schlechtes Gedächtnis hätte, so müßte er mich zu deiner Hochzeit einladen . . . da er doch auch bei der meinigen gewesen ist . . . Verdammt! er war damals nicht so stolz, der kleine Kommis des Herrn Morel. Ich speiste mehr als einmal mit ihm und dem Grafen von Morcerf. Du siehst, ich habe schöne Bekanntschaften, und wenn ich sie ein wenig kultivieren wollte, so würden wir uns in denselben Salons begegnen.

Still doch, deine Eifersucht läßt dich Regenbogen sehen.

Es ist gut, mein Benedetto; man weiß, was man redet. Mittlerweile setze dich und laß uns essen!

Caderousse gab das Beispiel und fing an, mit gutem Appetit zu frühstücken, wobei er alle Gerichte lobte, die er seinem Gaste vorsetzte. Dieser schien entschlossen, zog herzhaft die Pfropfen aus den Flaschen und griff den mit Öl und Knoblauch geschmorten Kabeljau an.

Ah! Gevatter, sagte Caderousse, es scheint, du söhnst dich mit deinem ehemaligen Haushofmeister aus?

Meiner Treu, ja, erwiderte Andrea, bei dem, jung und kräftig, wie er war, für den Augenblick der Appetit den Sieg über alles andere davontrug.

Und du findest das gut, Spitzbube?

So gut, daß ich nicht begreife, wie ein Mensch, der so gute Dinge ißt, das Leben schlimm finden kann.

Das kommt davon her, daß mein ganzes Glück durch den einzigen Gedanken verdorben wird, daß ich auf Kosten eines Freundes lebe, nachdem ich mir stets meinen Unterhalt mutig selbst erworben habe.

Oh, was tut's? sagte Andrea. Ich habe genug für zwei, laß dich das nicht kümmern!

Wahrhaftig, nein; doch magst du mir glauben oder nicht, am Ende jedes Monats habe ich Gewissensbisse, so daß ich gestern die zweihundert Franken nicht nehmen wollte.

Ja, du wolltest mit mir sprechen; doch waren es wirklich Gewissensbisse?

Wahre Gewissensbisse; und dann ist mir ein Gedanke gekommen. Es ist erbärmlich, immer auf das Ende des Monats warten zu müssen.

Ei! bemerkte philosophisch Andrea, der entschlossen war, seinen Gefährten kommen zu sehen, ei, vergeht das Leben nicht mit Warten? Ich, zum Beispiel, tue ich etwas anderes? Wohl, ich fasse Geduld, nicht wahr?

Ja, weil du statt elende zweihundert Franken zu erwarten, fünf- oder sechstausend, vielleicht zehn-, vielleicht sogar zwölftausend erwartest; denn du bist ein Geheimniskrämer. Du hattest früher auch immer kleine Börsen, Sparbüchsen, die du dem armen Freunde Caderousse zu entziehen suchtest. Zum Glück hatte der fragliche Freund eine feine Nase.

Du fängst wieder an, abzuschweifen und abermals von der Vergangenheit zu sprechen; wozu soll es nützen, frage ich dich, die Dinge so wiederzukäuen?

Ah! du bist einundzwanzig Jahre alt und kannst die Vergangenheit vergessen; ich zähle fünfzig und muß mich ihrer erinnern. Doch gleichviel, kommen wir auf die Geschäfte zurück. Ich wollte dir sagen, wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich realisieren . . .

Wie! Du würdest realisieren?

Ja, ich würde mir ein Semester zum voraus erbitten, unter dem Vorwand, ich wolle durch Erwerbung von Grundbesitz politischen Einfluß gewinnen, dann würde ich mich mit meinem Semester aus dem Staube machen.

Halt, halt, halt! rief Andrea, das ist vielleicht nicht so schlecht gedacht.

Mein lieber Freund, iß aus meiner Küche und befolge meine Ratschläge, du wirst dich dabei physisch und moralisch nicht schlecht befinden.

Doch warum befolgst du nicht selbst den Rat, den du mir gibst, warum realisierst du nicht ein Semester, ein ganzes Jahr sogar und ziehst dich nach Brüssel zurück? Statt wie ein ehemaliger Bäcker wirst du dann aussehen, wie ein in Ausübung seiner Funktionen begriffener Bankerottierer.

Wie zum Teufel soll ich mich mit zwölfhundert Franken zurückziehen?

Ah! Caderousse, wie anspruchsvoll du wirst! Vor zwei Monaten starbst du beinahe vor Hunger.

Der Appetit kommt beim Essen, sagte Caderousse. Auch habe ich einen Plan gemacht.

Caderousses Pläne erschreckten Andrea noch mehr, als seine Gedanken; die Gedanken waren nur der Keim, der Plan war die Verwirklichung. Laß deinen Plan hören, sagte er, der muß hübsch sein!

Warum nicht? Von wem war der Plan, mittels dessen wir die Anstalt des Herrn So und So verlassen haben? Von mir, denke ich; er war darum nicht schlimmer, wie mir scheint, insofern wir nun hier sind.

Ich leugne das nicht, antwortete Andrea, du ersinnst zuweilen etwas Gutes; doch laß deinen Plan hören!

Sage, fuhr Caderousse fort, kannst du mir, ohne einen Sou auszugeben, so etwa 15 000 Franken zukommen lassen . . . Nein, mit 15 000 Franken ist es nicht genug, mit weniger als 30 000 Franken ist es mir nicht möglich, ein ehrlicher Mann zu werden.

Nein, sagte Andrea trocken, nein, das kann ich nicht.

Du hast mich, wie es scheint, nicht begriffen, entgegnete Caderousse kalt und mit ruhiger Miene, ich sagte dir, ohne einen Sou auszugeben.

Soll ich etwa stehlen, damit man uns wieder dorthin führt?

Oh! mir ist es gleichgültig, ob man mich wieder packt oder nicht; ich bin ein komischer Bursche; weißt du. Ich sehne mich zuweilen nach den Kameraden; es ist nicht wie bei dir, der du ohne Herz bist und sie gern nie wiedersehen möchtest.

Andrea bebte und erbleichte.

Still, Caderousse, keine Albernheiten, sagte er.

Oh, nein! sei unbesorgt, mein kleiner Benedetto; doch gib mir ein Mittelchen an, wie ich diese dreißigtausend Franken gewinnen kann, ohne daß du dich in irgend etwas zu mischen brauchst; du läßt mich nur einfach machen.

Wohl! ich werde sehen, sagte Andrea.

Einstweilen jedoch erhöhst du mein Monatgeld auf fünfhundert Franken, nicht wahr, Kleiner? Ich habe eine Leidenschaft, ich möchte gern eine Wirtschafterin nehmen.

Du sollst deine fünfhundert Franken haben, doch es wird mir schwer, mein armer Caderousse . . . du mißbrauchst . . .

Bah! rief Caderousse, du schöpfst aus Kassen, die keinen Grund haben.

Man hätte glauben sollen, Ardrea erwartete seinen Gefährten bei diesem Punkte, so sehr erglänzte sein Auge von einem raschen Blitz, der allerdings sogleich wieder erlosch.

Es ist dies eine Wahrheit, antwortete Andrea, und mein Beschützer ist vortrefflich gegen mich.

Dieser liebe Beschützer, versetzte Caderousse, er gibt dir also monatlich? . . .

Fünftausend Franken.

So viel tausend, als du mir hundert gibst: in der Tat, nur die Bastarde haben Glück Fünftausend Franken monatlich . . . was zum Teufel kann man damit alles machen!

Ei, mein Gott! das ist schnell ausgegeben; auch bin ich wie du, ich möchte gern ein Kapital haben.

Ein Kapital . . . ja . . . ich begreife, jeder möchte gern ein Kapital haben.

Wohl! ich werde eins haben.

Und wer wird es dir geben? Dein Prinz?

Ja, mein Prinz; leider muß ich auf seinen Tod warten, weil er mich in seinem Testament bedacht hat.

Wirklich? Mit wieviel? – Mit fünfmal hunderttausend.

Nicht möglich! – Caderousse, bist du mein Freund?

Auf Leben und Tod! – Wohl, ich werde dir ein Geheimnis mitteilen.

Andrea hielt inne und schaute umher.

Habe keine Furcht, wir sind allein. – Ich glaube, ich habe meinen Vater wiedergefunden. – Deinen wahren Vater oder den Vater Cavalcanti? – Nein, denn dieser ist wieder abgereist. – Und dieser wahre Vater ist . . .

Nun, Caderousse, ist der Graf von Monte Christo; du begreifst, nun erklärt sich alles. Er kann es nicht laut gestehen, wie es scheint; doch er läßt mich durch Herrn Cavalcanti anerkennen, dem er hierfür 50 000 Franken gibt.

50 000 Franken, um dein Vater zu sein! Ich hätte es für die Hälfte, für 15 000 Franken, getan. Warum hast du nicht an mich gedacht, Undankbarer?

Wußte ich es, da sich alles machte, während wir dort waren?

Ah! es ist wahr. Und du sagst, durch sein Testament? . . .

Vermacht er mir fünfmal hunderttausend Franken.

Bist du dessen gewiß?

Er hat es mir gezeigt! Doch das ist noch nicht alles.

Findet sich ein Kodizill dabei?

Wahrscheinlich, worin er mich anerkennt.

Oh! der gute Mann von einem Vater, der allerehrlichste Mann von einem Vater!

Sage mir nun noch einmal, ich hätte Geheimnisse vor dir!

Nein, und dein Vertrauen ehrt dich in meinen Augen. Dein fürstlicher Vater ist also außerordentlich reich?

Ich glaube wohl. Er kennt sein Vermögen selbst nicht. Verdammt, ich sehe es wohl, ich, der zu jeder Stunde bei ihm ein- und ausgehen kann. Einmal brachte ihm ein Bankdiener 50 000 Franken in einem Portefeuille so dick wie deine Serviette; gestern brachte ihm sein Bankier 100 000 Franken in Gold.

Caderousse war betäubt; es kam ihm vor, als hätten die Worte des jungen Mannes den Ton des Metalls, und als hörte er Kaskaden von Goldstücken rollen.

Und du besuchst dieses Haus? – Wann ich will.

Caderousse blieb einen Augenblick nachdenklich; man konnte leicht sehen, daß er in seinem Innern einen großen Gedanken erwog. Dann rief er plötzlich: Wie gern möchte ich dies alles sehen, und wie schön muß es sein!

Es ist in der Tat prachtvoll!

Wohnt er nicht in der Avenue des Champs-Elysées?

Ja, Nummer dreißig, in einem schönen, einzeln stehenden Hause zwischen Vorhof und Garten, es läßt sich leicht erkennen.

Wohl möglich; doch es ist weniger das Äußere, was mich beschäftigt, als das Innere. Das schöne Gerät, das man dort finden muß! Sage mir, Andrea, da muß gut bücken sein, wenn der brave Herr Monte Christo seine Börse fallen läßt?

Oh, mein Gott! es ist nicht der Mühe wert, darauf zu warten, das Geld findet sich in seinem Hause wie das Obst auf einem Baumgute.

Sage, Andrea, du solltest mich einmal dahin führen.

Ist dies möglich? Unter welchem Titel?

Ich werde mich als Parkettwichser vorstellen.

Es sind überall Teppiche gelegt.

Ah verdammt! dann muß ich mich begnügen, die Sache in der Einbildungskraft zu sehen.

Ich glaube, das ist das beste.

Suche mir wenigstens begreiflich zu machen, wie das Anwesen eingeteilt ist.

Ich müßte Papier haben, um einen Plan zu machen.

Hier hast du, rief Caderousse lebhaft und holte aus einem alten Schranke Papier, Tinte und Feder.

Andrea nahm die Feder mit unmerklichem Lächeln und begann: Das Haus liegt, wie ich dir gesagt habe, zwischen Vorhof und Garten; siehst du, so. Und er machte eine Skizze vom Garten, vom Hof und vom Hause.

Hohe Mauern? – Nein, höchstens acht bis zehn Fuß. – Das ist nicht klug.

Andrea führte seinen Plan weiter aus.

Das Erdgeschoß? fragte Caderousse.

Im Erdgeschoß ein Speisesaal, zwei Salons, ein Billardzimmer, die Vorderhaustreppe und eine kleine Geheimtreppe.

Die Fenster? – Die Fenster prächtig, so schön und so breit, daß ein Mann von deiner Gestalt durch jede Scheibe schlüpfen könnte. Läden, deren man sich jedoch nie bedient. Monte Christo ist ein Original und sieht gern in der Nacht den Himmel.

Und die Bedienten, wo schlafen sie?

Oh! die haben ihr eigenes Haus. Denke dir einen hübschen Schuppen rechts beim Eingang, auf diesem Schuppen ist eine Anzahl von Zimmern für die Bedienten. Früher war ein Hund da, der im Hofe umherlief, doch man hat ihn nach dem Hause in Auteuil bringen lassen, du weißt, wo du mich erwartet hast? – Ja.

Ich sagte ihm gestern erst: Das ist unklug von Ihnen, Herr Graf, denn, wenn Sie nach Auteuil gehen und Ihre Diener mitnehmen, so bleibt das Haus allein. – Nun! fragte er mich, und sodann? – Sodann wird man Sie an einem schönen Tage bestehlen. – Er antwortete mir: Was tut mir das, wenn man mich bestiehlt?

Caderousse bemerkte darauf gegen Andrea: Vielleicht befindet sich daselbst ein Sekretär mit einer mechanischen Vorrichtung.

Wieso? – Ja, der den Dieb in einem Gitter packt und eine Melodie spielt. Man hat mir gesagt, es sei ein solcher auf der letzten Ausstellung gewesen.

Er hat ganz einfach einen Sekretär von Mahagoniholz, an dem ich beständig den Schlüssel gesehen habe.

Und man bestiehlt ihn nicht? – Nein, die Leute in seinem Dienst sind ihm sehr ergeben.

In diesem Sekretär wird vielleicht Geld sein? – Vielleicht . . . man kann nicht wissen, was darin ist.

Und wo steht er? – Im ersten Stocke.

Mache mir auch einen Plan vom ersten Stocke.

Andrea nahm wieder die Feder. Im ersten, siehst du, finden sich ein Vorzimmer und ein Salon; rechts Salon, Bibliothek und Arbeitskabinett; links Salon, ein Schlafzimmer und ein Ankleidezimmer. In diesem Ankleidezimmer ist der Sekretär.

Hat das Ankleidezimmer ein Fenster?

Zwei, da und da. Und Andrea zeichnete zwei Fenster an das Zimmer, das auf dem Plane die Ecke bildete und sich als minder groß darstellte als das Schlafzimmer.

Fährt er oft nach Auteuil? fragte Caderousse.

Zwei- oder dreimal in der Woche; morgen z. B. soll er dort den Tag und die Nacht zubringen.

Weißt du das gewiß? – Er hat mich dahin zum Mittagessen eingeladen.

Das lasse ich mir gefallen, das ist ein Leben! rief Caderousse; ein Haus in der Stadt, ein Haus auf dem Lande. Und du wirst bei ihm speisen? – Wahrscheinlich.

Wenn du dort speisest, so schläfst du auch dort? – Wenn es mir Vergnügen macht. Ich bin bei dem Grafen wie zu Hause.

Caderousse schaute den jungen Mann an, als wollte er die Wahrheit aus der Tiefe seines Herzens reißen. Aber Andrea zog eine Zigarrenbüchse aus der Tasche, nahm eine Havanna daraus, zündete sie ruhig an und begann ganz unbefangen zu rauchen.

Wann willst du deine fünfhundert Franken? fragte er Caderousse. – Sobald als möglich.

Wohl, es sei, wenn ich morgen nach Auteuil fahre, lasse ich dir das Geld zurück. Aber nicht wahr, dann ist's genug, du quälst mich nicht mehr? – Nie.

Caderousse wurde so düster, daß Andrea befürchtete, er werde gezwungen sein, diese Veränderung wahrzunehmen. Er verdoppelte daher seine Heiterkeit und Sorglosigkeit.

Wie munter du bist, sagte Caderousse, man möchte fast glauben, du hättest bereits deine Erbschaft in den Händen!

Nein, leider nicht! . . . aber an dem Tage, wo ich sie habe . . . Nun, ich sage dir nur, man wird sich seiner Freunde erinnern.

Ja, da du ein so gutes Gedächtnis hast.

Was denkst du? Ich glaubte, du wolltest etwas von mir erpressen oder mich prellen.

Ich! welch ein Gedanke!

Also, sagte Andrea, hast du noch etwas von mir zu verlangen? Brauchst du etwa meine Weste, willst du meine Mütze? Sprich unverhohlen.

Nein, ich halte dich nicht mehr zurück. Du bist ein glücklicher Bursche, antwortete Caderousse, du gehst und findest wieder deine Lakaien, deine Pferde, deinen Wagen und deine Braut. – Jawohl!

Sage doch, ich hoffe, du wirst mir ein schönes Hochzeitsgeschenk an dem Tage machen, wo du die Tochter meines Freundes Danglars heiratest? – Ich habe dir bereits gesagt, das ist eine Einbildung, die du dir in den Kopf gesetzt.

Wieviel Mitgift? Eine Million?

Andrea zuckte die Achseln.

Eine Million also, sagte Caderousse; du wirst nie so viel haben, als ich dir wünsche. – Ich danke.

Oh! es kommt von gutem Herzen, fügte Caderousse lachend hinzu. Warte, ich will dich zurückführen.

Es ist nicht nötig. – Doch.

Warum dies? – Weil an der Tür ein kleiner Kunstgriff angebracht ist; es ist eine Vorsichtsmaßregel, die ich glaubte nehmen zu müssen: Schloß Huret und Fichet, durchgesehen und verbessert von Gaspard Caderousse. Ich mache dir ein ähnliches, wenn du einmal Kapitalist bist.

Ich danke, sagte Andrea, ich werde dich acht Tage vorher davon in Kenntnis setzen lassen.

Sie trennten sich. Caderousse blieb auf dem Vorplatze stehen, bis er Andrea nicht nur die drei Stockwerke hinab, sondern auch durch den Hof hatte gehen sehen; dann kehrte er eilig zurück, schloß sorgfältig wieder seine Tür und fing an, wie ein zünftiger Architekt den Plan zu studieren, den ihm Andrea gemacht hatte.

Der liebe Benedetto, sagte er, ich glaube, es wäre ihm nicht leid, wenn er erben könnte, und der, welcher den Tag vorrückt, wo er die halbe Million einstreichen darf, wird nicht sein schlimmster Freund sein.

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