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Der Graf von Monte Christo. Fünfter Band.

Alexandre Dumas (der Ältere): Der Graf von Monte Christo. Fünfter Band. - Kapitel 2
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDer Graf von Monte Christo. Fünfter Band.
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
illustratorFritz Bergen
translatorMax Pannwitz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Man schreibt uns aus Janina.

Franz verließ Noirtiers Zimmer so schwankend und verwirrt, daß Valentine selbst Mitleid mit ihm empfand.

Villefort, der nur einige Worte ohne Zusammenhang gesprochen hatte und in sein Kabinett entflohen war, erhielt zwei Stunden nachher folgenden Brief:

»Nach dem, was mir heute morgen enthüllt worden ist, kann Herr Noirtier von Villefort nicht annehmen, es sei eine Verbindung zwischen seiner Familie und der des Herrn Franz d'Epinay möglich. Herr Franz d'Epinay denkt mit Schrecken daran, daß Herr von Villefort, der, wie es scheint, die Ereignisse kannte, ihm nicht in diesem Gedanken zuvorgekommen ist.«

Wer den Staatsanwalt in diesem Augenblick in seiner Zerknirschung gesehen hätte, würde nicht geglaubt haben, daß er auch nur entfernt an diese Möglichkeit gedacht hätte. In der Tat hatte er ein solches Dazwischentreten seines Vaters schon deshalb für ganz ausgeschlossen gehalten, weil sich der alte Jakobiner nie die Mühe genommen hatte, ihn über den genauen Verlauf der Ereignisse aufzuklären, und der Staatsanwalt daher stets der Meinung gewesen war, der General von Quesnel sei ermordet worden.

Der schroffe Brief des jungen Mannes, der ihm bis dahin Ehrfurcht bewiesen hatte, verwundete Villeforts Stolz tödlich. Kaum befand er sich in seinem Kabinett, als seine Frau, deren Lage nach dem Verschwinden des Herrn d'Epinay dem Notar und den Zeugen gegenüber jeden Augenblick peinlicher geworden war, eintrat.

Herr von Villefort beschränkte sich darauf, ihr zu sagen, infolge einer Erklärung zwischen ihm, Herrn Noirtier und Herrn d'Epinay sei die Heirat als aufgegeben zu betrachten. Es war unangenehm, dies den Wartenden mitzuteilen. Als Frau von Villefort zurückkehrte, sagte sie auch nur, Herr Noirtier habe am Anfang der Besprechung eine Art von Schlaganfall gehabt, und die Unterzeichnung des Vertrags sei dadurch natürlich um einige Tage verschoben.

Die Zuhörer sahen einander bei dieser Mitteilung erstaunt an und entfernten sich, ohne ein Wort zu sagen.

Zugleich glücklich und erschrocken, umarmte Valentine den schwachen Greis, der mit einem Schlage die Kette zerbrochen hatte, die sie bereits für unauflöslich hielt, dankte ihm und bat ihn sodann um Erlaubnis, sich zu ihrer Erholung in ihr Zimmer zurückziehen zu dürfen. Doch statt in ihre Wohnung hinaufzugehen, eilte Valentine durch den Gang und von da durch die kleine Tür in den Garten. Inmitten aller der Ereignisse, die einander drängten, hatte ein dumpfer Schrecken beständig ihr Herz zusammengepreßt. Jeden Augenblick erwartete sie Morel bleich und drohend erscheinen zu sehen.

Es war in der Tat Zeit, daß sie zu dem Gitter kam. Da Morel das Kommende vermutete, als er Franz mit Herrn von Villefort den Kirchhof verlassen sah, war er ihm nachgefolgt. Er beobachtete dann, daß er wieder das Haus verließ und bald mit Albert und Chateau-Renaud zurückkehrte. Nun gab es für ihn keinen Zweifel mehr. Er eilte in sein Gehege, für jedes Ereignis bereit und fest überzeugt, Valentine werde im ersten freien Augenblick zu ihm eilen.

Er täuschte sich nicht; sein an die Bretter gedrücktes Auge sah nach langem, bangem Harren endlich das Mädchen erscheinen, das ohne die gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln nach dem Gitter lief. Mit dem ersten Blicke auf sie war er beruhigt; bei dem ersten Worte, das sie sprach, hüpfte er vor Freude.

Gerettet! sagte Valentine.

Gerettet! wiederholte Morel, der kaum an ein solches Glück glauben konnte, und durch wen?

Durch meinen Großvater. Oh! du mußt ihn sehr lieb haben, Maximilian!

Doch wie war es möglich? fragte Morel; welches seltsame Mittel hat er angewendet?

Valentine öffnete den Mund, um alles zu erzählen; doch sie bedachte, daß dem allen ein furchtbares Geheimnis zu Grunde lag, das nicht ihrem Großvater allein gehörte.

Später werde ich dir alles erzählen, sagte sie.

Wann? – Wenn ich einmal deine Frau bin.

Dies hieß das Gespräch auf ein Kapitel bringen, das Morel leicht alles verstehen ließ; er verstand sogar, daß er sich mit dem, was er wußte, begnügen solle, und das fiel ihm auch bei der guten Nachricht nicht schwer. Er willigte jedoch erst ein, sich zu entfernen, als ihm Valentine für den nächsten Abend ein Wiedersehen versprach.

Frau von Villefort war mittlerweile zu Herrn Noirtier hinaufgegangen. Noirtier schaute sie mit dem strengen, düstern Auge an, mit dem er sie gewöhnlich empfing.

Mein Herr, sagte sie, ich brauche Ihnen nicht erst mitzuteilen, daß Valentines Heirat aufgegeben ist.

Noirtier blieb unbeweglich.

Doch, was Sie nicht wissen, ist der Umstand, daß ich stets gegen diese Heirat gewesen bin, die wider meinen Willen geschlossen werden sollte.

Noirtier schaute seine Schwiegertochter wie ein Mensch an, der eine Erklärung erwartet.

Da nun aus dieser Heirat, die Ihnen, wie ich weiß, so sehr widerstrebte, nichts wird, so komme ich, um bei Ihnen einen Schritt zu tun, den weder Herr von Villefort noch Valentine tun können.

Noirtiers Augen sahen sie fragend an.

Ich komme, Sie zu bitten, mein Herr, fuhr Frau von Villefort fort, denn nur ich, die nichts davon hat, bin dazu berechtigt, ich komme, Sie zu bitten, Ihrer Enkelin, ich sage nicht Ihre Gunst, die sie stets gehabt hat, sondern Ihr Vermögen zufließen zu lassen.

Noirtiers Augen blieben eine Zeitlang unschlüssig, er suchte offenbar die Beweggründe dieses Schrittes und konnte sie nicht finden.

Darf ich hoffen, mein Herr, daß Ihre Absichten im Einklang mit der Bitte standen, die ich soeben an Sie gerichtet habe? sagte Frau von Villefort.

Ja, machte der Greis.

Dann entferne ich mich, zugleich dankbar und glücklich, sagte sie, grüßte Herrn Noirtier und verließ das Zimmer.

In der Tat ließ der Greis schon andern Tags den Notar kommen. Das erste Testament wurde vernichtet und ein anderes abgefaßt, nach dem sein ganzes Vermögen Valentine unter der Bedingung zufiel, daß man sie nicht von ihm trennte.

Neugierige Leute berechneten hieraus, als Erbin des Marquis und der Marquise von Saint-Meran und als Begünstigte ihres Großvaters werde Fräulein von Villefort eines Tags eine Rente von 300 000 Franken haben.

Während die Heirat zwischen Valentine und Herrn d'Epinay in die Brüche ging, hatte der Graf von Morcerf den Besuch Monte Christos empfangen, und um Danglars seinen Eifer kundzugeben, zog jener seine große Generalsuniform an, die er mit allen seinen Kreuzen hatte schmücken lassen, und befahl, seine besten Pferde anzuspannen.

So geschmückt begab er sich in die Rue de la Chaussee d'Antin und ließ sich bei Danglars melden, der eben seinen Monatsabschluß berechnete. Es war seit einiger Zeit nicht der Augenblick, in dem man den Bankier bei guter Laune fand. Beim Anblicke seines alten Freundes nahm Danglars eine majestätische Miene an und setzte sich steif in seinem Lehnstuhle zurecht. Dagegen hatte der sonst so förmliche Morcerf eine freundliche Miene angenommen. In der Überzeugung, seiner Eröffnung würde ein guter Empfang zuteil werden, ging er nicht diplomatisch zu Werke, sondern sagte, mit einem Schritte auf das Ziel losgehend: Baron, hier bin ich. Seit geraumer Zeit drehen wir uns um das, was wir früher besprochen . . .

Morcerf erwartete, er würde bei diesen Worten das Gesicht des Bankiers, dessen Verdüsterung er seinem Stillschweigen zuschrieb, sich aufheitern sehen; aber Danglars' Gesicht wurde im Gegenteil noch viel kälter und unempfindlicher, weshalb Morcerf mitten in seinem Satze anhielt.

Was haben wir besprochen, Herr Graf? fragte der Bankier, als suchte er vergebens in seinem Geiste die Erklärung dessen, was der Graf sagen wollte.

Oh! Sie sind ein Formenmensch, versetzte der Graf, und Sie erinnern mich daran, daß das Zeremoniell beobachtet werden muß. Meinetwegen. Da ich nur einen Sohn habe und dies das erstemal ist, daß ich an seine Verheiratung denke, so bin ich noch ein Lehrling hierin; wohl, es mag sein! Und Morcerf erhob sich mit einem gezwungenen Lächeln, machte eine tiefe Verbeugung vor Danglars und sagte: Herr Baron, ich habe die Ehre, Sie um die Hand von Fräulein Eugenie Danglars, Ihrer Tochter, für meinen Sohn, den Vicomte Albert von Morcerf, zu bitten.

Doch statt diese Worte wohlwollend aufzunehmen, wie Morcerf sicher erwartet hatte, runzelte Danglars die Stirn, setzte sich, ohne den Grafen, der stehen geblieben war, zum Sitzen einzuladen, und sagte: Herr Graf, ehe ich Ihnen antworte, muß ich überlegen.

Überlegen? entgegnete Morcerf, immer mehr erstaunt, haben Sie seit den acht Jahren, da wir zum erstenmal von dieser Heirat sprachen, nicht Zeit gehabt, sich die Sache zu überlegen?

Herr Graf, sagte Danglars, es kommen täglich Dinge vor, die einen nötigen, eine einmal gemachte Überlegung zu wiederholen.

Wieso? Ich begreife Sie nicht, Baron.

Ich will damit sagen, mein Herr, daß seit vierzehn Tagen neue Umstände . . .

Erlauben Sie mir, spielen wir Komödie?

Wie, Komödie?

Ja, wir wollen uns kategorisch erklären.

Das kann mir nur lieb sein.

Haben Sie Herrn von Monte Christo gesehen?

Ich sehe ihn sehr häufig, antwortete Danglars, er gehört zu meinen Freunden.

Wohl, bei einem seiner letzten Besuche in Ihrem Hause sagten Sie ihm, ich schiene vergeßlich, unentschlossen, in Beziehung auf diese Heirat. – Das ist wahr.

Nun! hier bin ich. Ich bin weder vergeßlich, noch unentschlossen, wie Sie sehen, denn ich komme, um Sie aufzufordern, Ihr Versprechen zu halten.

Danglars antwortete nicht.

Haben sich Ihre Ansichten so bald geändert? fügte Morcerf hinzu, oder haben Sie mich nur herausgefordert, um mich zu demütigen?

Danglars begriff, daß die Sache, wenn er das Gespräch in dem Tone, wie er es angefangen, fortsetzte, eine schlimme Wendung für ihn nehmen konnte.

Herr Graf, sagte er, Sie müssen mit vollem Rechte über meine Zurückhaltung erstaunt sein. Glauben Sie mir, ich begreife dies und bedaure es sehr. Seien Sie überzeugt, daß mir diese Zurückhaltung durch gebieterische Umstände vorgeschrieben wird.

Das sind Worte in die Luft gesprochen, mein lieber Herr, mit denen sich der erste beste begnügen könnte. Der Graf von Morcerf ist aber nicht der erste beste, und wenn ein Mann wie ich einen andern Mann aufsucht, ihn an ein gegebenes Wort erinnert, und dieser Mann sein Wort nicht hält, so hat er wenigstens das Recht, auf der Stelle zu verlangen, daß man ihm einen vernünftigen Grund angibt.

Danglars war feige, aber er wollte es nicht scheinen; von Morcerfs Ton gereizt, erwiderte er: Es fehlt mir auch nicht an einem vernünftigen Grunde.

Was wollen Sie damit sagen?

Daß ich einen vernünftigen Grund habe, daß er aber schwer anzugeben ist.

Sie fühlen doch, mein Herr, entgegnete Morcerf, daß ich mich damit nicht abspeisen lassen kann. Eines ist allerdings sehr klar, nämlich, daß Sie eine Verbindung mit mir ausschlagen.

Nein, mein Herr, sagte Danglars, ich verschiebe nur meinen Entschluß bis auf weiteres.

Doch Sie werden wohl nicht die Anmaßung haben, zu glauben, daß ich mich Ihren Launen füge und demütig auf die Rückkehr Ihrer Gunst warte?

Wenn Sie nicht warten können, Herr Graf, so wollen wir unsere Pläne als nicht geschehen betrachten.

Der Graf biß sich bis aufs Blut in die Lippen, um den Ausbruch zurückzudrängen, zu dem ihn sein stolzer, reizbarer Charakter trieb. Da er jedoch begriff, die Lächerlichkeit wäre unter diesen Umständen auf seiner Seite, so ging er bereits zur Tür des Salons, besann sich aber bald wieder eines andern und kehrte zurück. Eine Wolke zog über seine Stirn hin und ließ darauf, statt des beleidigten Stolzes, die Spur einer unbestimmten Unruhe zurück.

Lieber Herr Danglars, sagte er, wir kennen uns seit langen Jahren und müssen folglich einige Schonung gegeneinander üben. Sie sind mir eine Erklärung schuldig, und es ist doch das mindeste, daß ich erfahre, welchem unglücklichen Ereignis mein Sohn den Verlust Ihrer guten Absichten in Beziehung auf ihn zuzuschreiben hat.

Es betrifft den Vicomte nicht persönlich, mehr kann ich Ihnen nicht sagen, antwortete Danglars, der wieder frech wurde, als er sah, daß Morcerf sich besänftigte.

Und wen betrifft es denn? fragte Morcerf, dessen Stirn sich mit Blässe bedeckte, bebend.

Danglars, dem keines dieser Symptome entging, heftete auf ihn einen ungewöhnlich festen Blick und sagte: Danken Sie mir, daß ich mich nicht näher erkläre.

Ein zweifellos dem unterdrückten Zorne entspringendes nervöses Zittern schüttelte Morcerf, und er erwiderte, sich gewaltsam bezwingend: Ich bin berechtigt, eine Erklärung von Ihnen zu verlangen. Haben Sie etwas gegen Frau von Morcerf? Ist mein Vermögen nicht hinreichend? Sind es meine politischen Ansichten . . .

Nichts von dem allem, sagte Danglars; ich wäre unentschuldbar, denn dies alles ist mir schon jahrelang bekannt. Nein, suchen Sie nicht weiter, lassen Sie uns hierbei stehen bleiben. Einigen wir uns auf dem Worte Aufschub, das weder einen Bruch noch eine zweifellose Verbindlichkeit bedeutet. Mein Gott! nichts drängt uns. Meine Tochter ist siebzehn Jahre alt, Ihr Sohn einundzwanzig. Inzwischen schreitet die Zeit fort, sie führt die Ereignisse herbei. Die Dinge, die noch gestern dunkel schienen, sind heute vielleicht klar; oft enthüllen sich an einem Tage die grausamsten Verleumdungen.

Verleumdungen, haben Sie gesagt, mein Herr? rief Morcerf leichenbleich. Man verleumdet mich also?

Herr Graf, wir wollen uns nicht weiter erklären.

Ich soll mich also ruhig dieser Weigerung unterwerfen?

Welche für mich peinlicher ist als für Sie, denn ich rechnete auf die Ehre einer Verbindung mit Ihnen, und eine fehlgeschlagene Heirat schadet immer mehr der Braut, als dem Bräutigam.

Es ist gut, mein Herr, sprechen wir nicht mehr davon, sagte Morcerf, und seine Handschuhe mit der größten Wut zerknitternd, verließ er das Zimmer.

Danglars bemerkte wohl, daß es Morcerf nicht ein einzigesmal gewagt hatte, ihn zu fragen, ob er, Morcerf, die Ursache sei, warum er sein Wort zurücknehme.

Am Abend fand eine lange Besprechung mit mehreren Freunden statt, und Herr Cavalcanti, der sich beständig im Damensalon aufgehalten hatte, verließ das Haus zuletzt. Am andern Morgen verlangte Danglars sofort nach den Zeitungen. Als man sie ihm brachte, schob er die andern beiseite und griff nach dem Impartial, dessen Redakteur Beauchamp war.

Er brach rasch den Umschlag auf, öffnete ihn mit nervöser Hast, ging gleichgültig über den Pariser Artikel weg und blieb mit boshaftem Lächeln bei einer kurzen Notiz stehen, die mit den Worten anfing: Man schreibt uns aus Janina . . .

Gut, sagte er, nachdem er gelesen hatte, das ist ein Artikelchen über den Obersten Fernand, das mich aller Wahrscheinlichkeit nach der Mühe überheben wird, ihm nähere Erläuterungen zu geben.

In demselben Augenblick, nämlich als es neun Uhr schlug, erschien Albert von Morcerf, schwarz gekleidet, mit entschiedenem Schritt in dem Hause in den Champs-Elysées.

Der Herr Graf ist vor etwa einer halben Stunde ausgefahren, sagte der Hausmeister.

Hat er Baptistin mitgenommen? fragte Morcerf.

Nein, Herr Vicomte.

Rufen Sie Baptistin, ich will mit ihm sprechen.

Der Hausmeister holte den Kammerdiener und kam einen Augenblick nachher mit ihm zurück.

Mein Freund, sagte Albert, entschuldigen Sie meine Unbescheidenheit, doch ich wollte Sie selbst fragen, ob Ihr Herr wirklich ausgegangen ist.

Ja, Herr Vicomte.

Auch für mich?

Ich weiß, wie glücklich mein Gebieter ist, den Herrn Vicomte zu empfangen, und würde mich wohl hüten, ihn sonst abzuweisen.

Sie haben recht, denn ich muß ihn in einer sehr ernsten Angelegenheit sprechen. Glauben Sie, er wird lange ausbleiben?

Nein, denn er hat sein Frühstück auf zehn Uhr bestellt.

Gut, ich werde einen Gang auf den Champs-Elysées machen und um zehn Uhr wieder hier sein; sagen Sie dem Herrn Grafen, wenn er vor mir zurückkehrt, ich bitte ihn, mich zu erwarten.

Albert ließ vor der Tür des Grafen sein Kabriolett und ging zu Fuß spazieren. –

Als er an der Allée des Veuves vorüber kam, glaubte er die Pferde des Grafen zu erkennen, die vor der Tür einer dort liegenden Schießbahn standen; er näherte sich, und nachdem er die Pferde erkannt, erkannte er auch den Kutscher.

Ist der Herr Graf in der Schießbahn? fragte er diesen.

Als der Kutscher die Frage bejahte, trat Morcerf ein. In dem kleinen Garten stand der Aufwärter.

Verzeihen Sie, sagte dieser, der Herr Vicomte wird wohl die Gefälligkeit haben, einen Augenblick zu warten.

Warum, Philipp? fragte Albert, der als Stammgast über dieses Hindernis erstaunt war.

Weil der Herr, der in diesem Augenblick übt, die Schießbahn für sich allein nimmt und vor niemanden schießt.

Nicht einmal vor Ihnen, Philipp?

Sie sehen, ich bin vor der Tür meiner Loge. Sie kennen den Herrn?

Ich komme, um ihn zu holen; er ist mein Freund.

Ah! dann ist es etwas anderes. Ich will hineingehen und ihn benachrichtigen.

Und von seiner eigenen Neugierde getrieben, trat Philipp in die Schießhütte. Eine Sekunde nachher erschien Monte Christo auf der Schwelle.

Verzeihen Sie, lieber Graf, daß ich Sie bis hierher verfolge, sagte Albert; doch ich muß Ihnen vor allem sagen, daß es nicht der Fehler Ihrer Leute ist und daß ich allein indiskret bin. Ich begab mich zu Ihnen, man sagte mir, Sie seien ausgefahren, würden jedoch um zehn Uhr zum Frühstück zurückkehren. Ich wollte bis zehn Uhr spazieren gehn und sah hier zufällig Ihre Pferde und Ihren Wagen.

Was Sie mir sagten, gewährt mir die Hoffnung, daß Sie mit mir zum Frühstück kommen.

Nein, ich danke, es handelt sich jetzt nicht um ein Frühstück; vielleicht frühstücken wir später, doch bei Gott! in schlechter Gesellschaft.

Was zum Teufel reden Sie da?

Mein Lieber, ich schlage mich heute.

Sie? und warum?

Der Ehre wegen. – Ah! das ist ernst!

So ernst, daß ich komme, um Sie zu bitten, mir einen Dienst zu leisten. – Welchen?

Mein Zeuge zu sein. – Das ist eine wichtige Sache. Wir wollen hier nicht weiter darüber sprechen, sondern nach Hause zurückkehren. Ali, gib mir Wasser zum Händewaschen.

Treten Sie doch ein, Herr Vicomte, sagte Philipp ganz leise, Sie werden etwas Sonderbares sehen.

Morcerf trat in die Bahn. Statt der Plättchen waren Spielkarten an der Wand befestigt. Morcerf glaubte aus der Ferne, es sei ein völliges Spiel, denn er sah Karten vom Aß bis zum Zweier.

Ah! Ah! sagte Albert, Sie waren eben beim Piquetspielen.

Nein, sagte der Graf, ich war damit beschäftigt, ein Kartenspiel zu machen. – Wieso?

Ja, es sind Asse und Zweier, was Sie dort sehen, nur haben meine Kugeln Dreier, Fünfer, Siebener, Achter, Neuner und Zehner daraus gemacht.

Albert näherte sich. Die Kugeln hatten wirklich vollkommen genau und in vollkommen gleichen Entfernungen die fehlenden Zeichen ersetzt, und das Kartenpapier an den Stellen durchlöchert, wo es hätte bemalt sein sollen. Als Morcerf auf die Scheibe zuging, hob er auch noch ein paar Schwalben auf, welche die Unklugheit gehabt hatten, im Bereiche der Pistolen des Grafen vorüberzufliegen und von diesem geschossen worden waren.

Teufel! rief Morcerf.

Was wollen Sie, lieber Vicomte? sagte Monte Christo, ich muß wohl meine Augenblicke ausfüllen; doch kommen Sie, wir wollen gehen.

Beide stiegen in Monte Christos Wagen, der sie in wenigen Augenblicken zu seiner Wohnung brachte.

Monte Christo führte Morcerf in sein Kabinett und bezeichnete ihm einen Stuhl. Beide setzten sich.

Nun lassen Sie uns ruhig plaudern, sagte der Graf. Mit wem wollen Sie sich schlagen? – Mit Beauchamp.

Mit einem Ihrer Freunde?

Man schlägt sich stets mit Freunden.

Es bedarf aber wenigstens eines Grundes.

In seiner Zeitung von gestern abend . . . doch nehmen Sie, lesen Sie!

Ali reichte Monte Christo eine Zeitung, und dieser las folgende Worte:

Man schreibt uns aus Janina:

»Eine bis jetzt in weiten Kreisen unbekannte Tatsache ist zu unserer Kenntnis gekommen: Die Schlösser, welche die Stadt beschützen, wurden den Türken von einem französischen Offizier übergeben, in den Ali Tependelini sein ganzes Vertrauen gesetzt hatte, er hieß Fernand.«

Nun? fragte Monte Christo, was sehen Sie darin so Ärgerliches für Sie? – Was ich darin sehe?

Ja. Was geht es Sie an, daß die Schlösser von Janina durch einen Offizier namens Fernand übergeben worden sind?

Es geht mich viel an, da mein Vater, der Graf von Morcerf, mit seinem Taufnamen Fernand heißt.

Und Ihr Vater diente Ali Pascha?

Das heißt, er kämpfte für die Unabhängigkeit der Griechen; darin liegt die Verleumdung.

Ei! mein lieber Vicomte, lassen Sie uns vernünftig reden.

Das will ich ja gerade.

Sagen Sie mir doch, wer zum Teufel weiß in Frankreich, daß der Offizier Fernand derselbe Mann ist, wie der Graf von Morcerf, und wer kümmert sich jetzt noch um Janina, das 1822 oder 1823 glaube ich, genommen wurde?

Das ist eben die Schändlichkeit. Man läßt die Zeit darüber hingehen und kommt heute auf vergessene Ereignisse zurück, um einen Skandal daraus hervorgehen zu lassen, der einen Mann in hoher Stellung befleckt. Ich, der Erbe des väterlichen Namens, will nicht, daß darüber auch nur der Schatten eines Zweifels schwebe. Ich werde zu Beauchamp, dessen Zeitung diese Note veröffentlicht hat, zwei Zeugen schicken, und er wird sie widerrufen.

Beauchamp wird nichts widerrufen.

Dann schlagen wir uns.

Nein, Sie werden sich nicht schlagen, denn er wird Ihnen antworten, es habe in der griechischen Armee vielleicht fünfzig Offiziere namens Fernand gegeben.

Wir werden uns trotz dieser Antwort schlagen. Oh! es ist mein unabänderlicher Wille, daß dies aufhöre . . . Mein Vater, ein so edler Soldat, eine so erhabene Laufbahn . . .

Oder er wird in seine Zeitung einrücken: Wir haben Grund, zu glauben, daß dieser Fernand mit dem Herrn Grafen von Morcerf, dessen Taufname ebenfalls Fernand ist, nichts gemein hat.

Ich muß einen vollständigen, unbeschränkten Widerruf haben und werde mich hiermit nicht begnügen.

Sie schicken ihm also Zeugen? – Ja.

Sie haben unrecht. – Das heißt, Sie verweigern mir den Dienst, den ich von Ihnen verlange?

Ah! Sie kennen meine Theorie in Beziehung auf das Duell; ich habe Ihnen, wie Sie sich vielleicht erinnern, mein Glaubensbekenntnis hierüber in Rom abgelegt.

Und dennoch, mein lieber Graf, habe ich Sie soeben bei einer Beschäftigung gefunden, welche mit dieser Theorie wenig im Einklange steht.

Mein lieber Freund, Sie begreifen, man muß nie ausschließlich sein. Wenn man mit den Narren lebt, muß man mit Narrheiten rechnen; jeden Augenblick kann irgend ein verbranntes Gehirn, das nicht mehr Ursache hat, mit mir Streit zu suchen, als Sie bei Beauchamp, wegen der ersten besten Lumperei zu mir kommen oder mir Zeugen schicken, oder mich an einem öffentlichen Orte beleidigen. Nun wohl, dieses verbrannte Gehirn muß ich töten.

Sie geben also zu, daß Sie sich selbst schlagen würden? – Bei Gott! ganz gewiß.

Warum soll ich mich dann nicht schlagen?

Ich sage durchaus nicht, Sie sollen sich nicht schlagen; ich sage nur, das Duell sei eine ernste Sache, die man überlegen müsse.

Hat er es überlegt, als er meinen Vater beschimpfte?

Wenn er es nicht überlegt hat und Ihnen dies zugesteht, so müssen Sie ihm nicht grollen.

Oh! lieber Graf, Sie sind viel zu nachsichtig!

Und Sie viel zu streng. Sehen Sie, ich setze voraus . . . hören Sie wohl, ich setze voraus . . . Ärgern Sie sich nicht über das, was ich Ihnen sagen werde.

Ich höre.

Ich setze voraus, die angegebene Sache sei wahr.

Ein Sohn darf eine solche Voraussetzung, wenn die Ehre seines Vaters in Betracht kommt, nicht zugeben.

Mein Gott! wir leben in einer Zeit, wo man so vieles zugeben muß. – Das ist gerade die Schmach dieser Zeit.

Haben Sie vielleicht die Anmaßung, sie reformieren zu wollen? – Ja, soweit es mich betrifft.

Mein Gott, welch ein Starrkopf sind Sie doch, lieber Freund! – So bin ich nun einmal.

Sind Sie unzugänglich für gute Ratschläge? – Nein, wenn sie von einem Freunde kommen.

Halten Sie mich für Ihren Freund? – Ja.

Nun wohl, so erkundigen Sie sich, ehe Sie Ihre Zeugen zu Beauchamp schicken. – Bei wem?

Bei Haydee zum Beispiel. – Warum eine Frau in diese ganze Geschichte mischen? Was kann sie dabei tun?

Ihnen erklären, daß Ihr Vater keinen Anteil an der Niederlage oder an dem Tode des ihrigen hat, oder Ihnen hierüber Aufklärung geben. Hätte Ihr Vater zufälligerweise das Unglück gehabt . . .

Ich sagte Ihnen bereits, mein lieber Graf, ich könnte eine solche Voraussetzung nicht zugeben.

Sie schlagen dieses Mittel also aus? – Ich schlage es aus.

Dann einen letzten Rat. – Es sei! doch den letzten.

Schicken Sie keine Zeugen zu Beauchamp! – Erklären Sie sich.

Sie müssen mit Beauchamp reden. Ist er geneigt, zu widerrufen, so muß man ihm das Verdienst des guten Willens lassen, und der Widerruf erfolgt ja trotzdem. Weigert er sich aber, so ist es immer noch Zeit, zwei Fremde ins Geheimnis zu ziehen.

Es werden nicht zwei Fremde, sondern zwei Freunde sein.

Die Freunde von heute sind die Feinde von morgen

Ah! zum Beispiel? – Beauchamp zum Beispiel.

Also . . . – Also empfehle ich Ihnen Klugheit.

Sie glauben somit, ich sollte Beauchamp selbst aufsuchen? – Ja, allein. Wenn man etwas von der Eitelkeit eines Menschen erhalten will, so muß man diese Eitelkeit bis zum Scheine eines Zwanges schonen.

Ich glaube, Sie haben recht. Gehen Sie! Doch es wäre am Ende besser, gar nicht zu gehen. – Das ist unmöglich.

Machen Sie es also auf diese Art; es wird immer noch besser sein, als das, was Sie tun wollten.

Doch lassen Sie hören. Wenn es trotz meiner Vorsicht und trotz meines Verfahrens zum Duell kommt, werden Sie mir als Zeuge dienen?

Nein, lieber Vicomte, entgegnete Monte Christo, Sie konnten sehen, daß ich geeigneten Ortes und zu geeigneter Zeit stets zu Ihren Diensten bereit war; doch der Dienst, den Sie heute von mir verlangen, liegt außerhalb des Kreises, den ich zu leisten imstande bin.

Warum? – Sie werden es eines Tages erfahren.

Doch inzwischen?

Bitte ich Sie um Nachsicht für ein Geheimnis.

Es ist gut. Ich nehme Franz und Chateau-Renaud.

Nehmen Sie Franz und Chateau-Renaud, das wird vortrefflich sein.

Doch wenn ich mich schlage, geben Sie mir wenigstens eine Lektion im Degen oder in der Pistole!

Nein, das ist abermals unmöglich.

Sonderbarer Mann! Sie wollen sich also in nichts mischen? – Durchaus in nichts.

So sprechen wir nicht mehr davon. Gott befohlen, Graf. – Gott befohlen, Vicomte.

Morcerf nahm seinen Hut und ging. Vor der Tür fand er sein Kabriolett, und seinen Zorn so gut wie möglich bewältigend, ließ er sich zu Beauchamp fahren, der sich in seinem Redaktionszimmer befand.

Man meldete ihm Albert von Morcerf. Er ließ sich die Meldung zweimal wiederholen; dann rief er: Herein! Albert erschien. Beauchamp stieß einen Ausruf der Überraschung aus, als er seinen Freund erblickte.

Willkommen, lieber Albert, rief er, dem jungen Manne die Hand reichend; was zum Teufel bringt Sie zu mir? Haben Sie sich verirrt, wie der kleine Däumling, oder wollen Sie nur mit mir frühstücken? Suchen Sie einen Stuhl zu bekommen; halt, dort, neben dem Geranium, das mich allein daran erinnert, daß es auf der Welt Blätter gibt, die keine Papierblätter sind.

Beauchamp, erwiderte Albert, ich komme, um über Ihr Journal mit Ihnen zu sprechen.

Sie, Morcerf, was wünschen Sie?

Ich verlange eine Berichtigung.

Sie, eine Berichtigung! Worüber, Albert? Aber setzen Sie sich doch!

Ich danke, erwiderte Albert zum zweiten Male mit einem leichten Zeichen des Kopfes.

Erklären Sie sich!

Eine Berichtigung über eine Tatsache, welche die Ehre eines Mitgliedes meiner Familie angreift.

Gehen Sie doch! rief Beauchamp erstaunt; was für eine Tatsache? Das kann nicht sein.

Die Tatsache, die man Ihnen aus Janina mitgeteilt hat. – Aus Janina?

Ja, aus Janina. Wahrlich, Sie sehen aus, als ob Sie nicht wüßten, was mich hierher führt. – Bei meiner Ehre! . . . Baptiste, eine Zeitung von gestern!

Es ist nicht nötig, ich bringe Ihnen die meine.

Beauchamp las: Man schreibt uns aus Janina u. s. w.

Sie begreifen, die Sache ist ernster Natur, sagte Morcerf, als Beauchamp geendigt hatte.

Dieser Offizier ist also Ihr Verwandter? fragte der Journalist.

Ja, antwortete Albert errötend.

Nun, was soll ich tun, um Ihnen angenehm zu sein? sagte Beauchamp mit weichem, freundlichem Tone.

Es wäre mir sehr lieb, Beauchamp, wenn Sie dies widerrufen würden.

Beauchamp schaute Albert mit wohlwollender Aufmerksamkeit an und erwiderte sodann: Hören Sie, das wird uns Anlaß zu einem langen Gespräche geben, denn es ist immer etwas Ernstes um einen Widerruf. Setzen Sie sich, ich will die paar Zeilen noch einmal lesen.

Albert setzte sich, und Beauchamp las die Zeilen noch aufmerksamer als das erstemal.

Nun, Sie sehen, sagte Albert fest, ja schroff, Sie sehen man hat in Ihrer Zeitung ein Mitglied meiner Familie beleidigt, und ich will einen Widerruf.

Sie . . . wollen . . . –

Ja, ich will.

Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Sie durchaus nicht parlamentarisch sind, mein lieber Vicomte.

Ich will es nicht sein, erwiderte der junge Mann aufstehend, ich verlange den Widerruf einer Meldung, die Sie gestern veröffentlich haben, und ich werde ihn erhalten. Sie sind mein Freund, fuhr Albert mit gepreßten Lippen fort, als er sah, daß Beauchamp seinerseits das Haupt verächtlich zu erheben anfing, Sie sind mein Freund, und als solcher kennen Sie mich hoffentlich hinreichend, um meine Hartnäckigkeit unter solchen Umständen zu begreifen.

Bin ich Ihr Freund, Morcerf, so werden Sie durch Worte, wie ich sie eben gehört, am Ende machen, daß ich es vergesse . . . Doch ärgern wir uns nicht, oder wenigstens noch nicht, . . . Sie sind unruhig, gereizt, aufgebracht . . . Sagen Sie, wer ist der Verwandte, der Fernand heißt?

Es ist ganz einfach – mein Vater, Herr Fernand Mondego, Graf von Morcerf, ein alter Militär, der zwanzig Schlachten gesehen, und dessen edle Narben man nun gern mit Gassenkot bedecken möchte.

Ihr Vater? rief Beauchamp, dann ist es etwas anderes: ich begreife Ihre Entrüstung, mein lieber Albert . . . Lesen wir abermals . . .

Und er las die Note, auf jedes Wort einen Nachdruck legend.

Aber woraus sehen Sie, daß der Fernand dieser Zeitung Ihr Vater ist?

Nirgends, ich weiß es wohl, aber andere werden es sehen. Deshalb will ich, daß die Sache widerrufen wird.

Bei den Worten »will ich« schlug Beauchamp die Augen zu Morcerf auf, senkte sie aber sogleich wieder und verharrte einige Sekunden im Nachdenken.

Nicht wahr, Sie werden diese Note widerrufen, wiederholte Morcerf mit wachsendem, jedoch verhaltenem Zorn.

Ja, sagte Beauchamp.

Dann ist es gut! – Doch erst, wenn ich mich überzeugt habe, daß die Angabe falsch ist.

Wie? – Ja, die Sache verdient wohl, aufgeklärt zu werden.

Aber was finden Sie denn daran aufzuklären? versetzte Albert ganz außer sich. Wenn Sie nicht glauben, daß es mein Vater ist, so sagen Sie es auf der Stelle; glauben Sie, daß er es ist, so geben Sie mir Rechenschaft davon.

Beauchamp schaute Albert mit jenem ihm eigentümlichen Lächeln an, das die Schattierung aller Leidenschaften auszudrücken vermochte, und erwiderte: Mein Herr, wenn Sie gekommen sind, um Rechenschaft von mir zu verlangen, so hätten Sie nicht von Freundschaft und anderen Dingen sprechen sollen, die ich seit einer halben Stunde anzuhören die Geduld habe. Wollen Sie nun auf dieses Terrain übergehen?

Ja, wenn Sie die Verleumdung nicht widerrufen!

Einen Augenblick Geduld, keine Drohungen, wenn es gefällig ist, Herr Fernand Mondego, Vicomte von Morcerf, ich dulde sie nicht von meinen Feinden und noch viel weniger von meinen Freunden. Sie wollen also, daß ich die Behauptung über den General Fernand, an der ich bei meinem Ehrenworte keinen Anteil genommen habe, widerrufe?

Ja, ich will es! sagte Albert, dessen Kopf sich zu verwirren anfing.

Sonst werden wir uns schlagen? fuhr Beauchamp mit derselben Ruhe fort.

Ja, erwiderte Albert, die Stimme erhebend.

Wohl! hören Sie meine Antwort, mein lieber Herr: Diese Behauptung ist nicht von mir eingerückt worden, ich kannte sie nicht. Doch Sie haben durch Ihren Schritt meine Aufmerksamkeit auf die Tatsache gelenkt, an der ich festhalte; die Sache wird also bestehen bleiben, bis sie irgend jemand mit Fug und Recht widerlegt oder bestätigt hat.

Mein Herr, sagte Albert aufstehend, ich werde die Ehre haben, Ihnen meine Zeugen zu schicken; sie werden sich mit Ihnen über den Ort und die Waffen besprechen.

Sehr gut, mein lieber Herr.

Und heute abend, wenn es Ihnen beliebt, oder morgen spätestens treffen wir uns.

Nein! nein! Ich werde mich zur Stelle einfinden, wenn es sein muß, doch meiner Ansicht nach ist die Stunde noch nicht gekommen. Ich verlange drei Wochen; dann treffen wir uns, und ich sage Ihnen: Ja, die Behauptung ist falsch, und widerrufe sie, oder: Ja, die Sache ist wahr, und ich ziehe nach Ihrer Wahl den Degen aus der Scheide, oder nehme die Pistole aus dem Kasten.

Drei Wochen, rief Albert, drei Wochen sind drei Jahrhunderte, während deren ich entehrt bin.

Wären Sie mein Freund geblieben, so hätte ich gesagt: Geduld, Freund. Nun haben Sie sich zu meinem Feinde gemacht, und ich sage Ihnen: Was liegt mir daran, mein Herr!

Wohl, es sei, in drei Wochen! rief Morcerf. Doch bedenken Sie, nach drei Wochen kann Sie weder ein Aufschub, noch eine Ausflucht mehr frei machen . . .

Herr von Morcerf, sagte Beauchamp, ebenfalls aufstehend, ich kann Sie erst in drei Wochen zur Tür hinauswerfen, und Sie sind erst zu dieser Zeit berechtigt, mir den Kopf zu spalten. Bis dahin ersparen wir uns alles Gebelle zweier Doggen, die einander gegenüber an der Kette liegen.

Hierauf grüßte Beauchamp den jungen Mann mit ernster Miene und ging in seine Druckerei.

Albert entfernte sich, und während er über den Boulevard fuhr, erblickte er Morel, der mit erhobenem Haupte und strahlenden Augen in der Richtung nach der Madeleine vorüberging.

Ah! sagte er seufzend, das ist ein glücklicher Mensch.

Zufällig täuschte er sich nicht.

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