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Der Graf von Monte Christo. Fünfter Band.

Alexandre Dumas (der Ältere): Der Graf von Monte Christo. Fünfter Band. - Kapitel 14
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDer Graf von Monte Christo. Fünfter Band.
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
illustratorFritz Bergen
translatorMax Pannwitz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Das Duell

Nach Mercedes Entfernung versank bei Monte Christo alles wieder in Schatten. Wie! sagte er zu sich selbst, während sich die Lampe und die Kerzen traurig verzehrten und die Diener ungeduldig im Vorzimmer warteten; wie, das so langsam vorbereitete, mit so viel Mühe und so vielen Sorgen errichtete Gebäude ist mit einem einzigen Schlage, mit einem einzigen Worte, mit einem Hauche eingestürzt! Wie! Dieses Ich, das ich für etwas hielt, dieses Ich, auf das ich so stolz war, dieses Ich, das ich in den Kerkern des Schlosses If so klein gesehen und dann so groß zu machen gewußt hatte, wird morgen ein Häuflein Staub sein! Ach! es ist nicht der Tod des Körpers, was ich beklage. Was ist der Tod für mich? Eine weitere Stufe in der Ruhe und zwei weitere in der Stille. Nein, es ist nicht das Dasein, was ich beklage, es ist die Zertrümmerung meiner so mühsam ausgearbeiteten und aufgebauten Entwürfe. Die Vorsehung, von der ich glaubte, sie sei mit mir, war also dagegen?

Die Last, fast so schwer wie eine Welt, die ich aufhob und bis an das Ziel tragen zu können glaubte, entsprach meinem Wunsche, aber nicht meiner Kraft; meinem Willen, aber nicht meiner Macht, und ich muß sie schon auf der Hälfte des Weges niederlegen. Oh! ich werde wieder Fatalist werden, ich, den vierzehn Jahre der Verzweiflung und sechzehn Jahre der Hoffnung zu einem Gottesverehrer gemacht haben!

Und dies alles, mein Gott! weil mein Herz, das ich für tot hielt, nur entschlummert war, weil es erwachte, weil es schlug, weil ich dem Schmerze dieses Herzschlages nachgab, den die Stimme einer Frau in der Tiefe meiner Brust wieder zum Leben erweckte. Und dennoch, fuhr der Graf, sich immer mehr in die Gedanken an den nächsten Tag vertiefend, fort, und dennoch ist es unmöglich, daß diese Frau, ein so edles Herz, aus Selbstsucht eingewilligt hat, mich, den Mann voll Kraft und Leben, töten zu lassen! Es ist unmöglich, daß sie bis zu diesem Grade die mütterliche Liebe, oder vielmehr den mütterlichen Wahnsinn treibt! Es gibt Tugenden, deren Übertreibung ein Verbrechen wäre. Nein, sie wird irgend eine pathetische Szene ersonnen haben, sie wird kommen und sich zwischen die Degen werfen, und das wird das Erhabene lächerlich machen.

Die Röte des Stolzes stieg Monte Christo auf die Stirn.

Lächerlich, wiederholte er, und die Lächerlichkeit wird auf mich zurückfallen . . . Ich, lächerlich! Lieber sterben. Dummheit! Dummheit! rief er endlich, so den Edelmut üben und sich wie eine träge Zielscheibe vor den Pistolenlauf eines jungen Mannes stellen! Nie wird er glauben, daß mein Tod ein Selbstmord sei, und dennoch bin ich es der Ehre meines Andenkens schuldig, daß die Welt erfährt, ich habe freiwillig meinen bereits zum Schlage erhobenen Arm aufgehalten, und mich mit dem gegen andere so mächtig bewaffneten Arm selbst geschlagen. Es muß sein, und ich werde es tun.

Und er nahm eine Feder, zog ein Papier aus dem geheimen Fache seines Büros und fügte unten an die Schrift, die nichts anderes war, als sein nach seiner Ankunft in Paris gemachtes Testament, einen Nachtrag, der die Ursache seines Todes auch dem Blödesten klar legte.

Mein Gott! ich tue dies, sagte er, die Augen zum Himmel aufschlagend, ich tue dies ebensowohl für deine Ehre, als für die meinige. Oh, mein Gott! ich habe mich seit zehn Jahren als den Abgesandten deiner Rache betrachtet, und es soll sich kein Elender wie dieser Morcerf, es soll sich kein Danglars, kein Villefort einbilden, der Zufall habe sie von ihrem Feinde befreit. Sie mögen erfahren, daß die Vorsehung, die bereits ihre Bestrafung beschlossen, nur durch die Macht meines Willens eine Änderung gestattete, daß die Strafe nur aufgeschoben ist und in der andern Welt ihrer harrt, und daß sie für die Zeit nur die Ewigkeit eingetauscht haben.

Während er so in der düsteren Ungewißheit und den üblen Träumen eines durch den Schreck erweckten Menschen schwebte, begann der Tag an den Fenstern zu erscheinen und unter seinen bleichen Händen das Papier zu erhellen, auf das er diese seine letzte Rechtfertigung geschrieben hatte. Plötzlich drang ein leichtes Geräusch an sein Ohr. Er glaubte etwas wie einen erstickten Seufzer gehört zu haben; er wandte den Kopf, schaute umher und sah niemand. Nun wiederholte sich aber das Geräusch deutlich.

Da stand er auf, öffnete sacht die Tür des Salons und sah auf einem Lehnstuhle mit niederhängenden Armen und geneigtem bleichem Kopf Haydee, die sich quer vor die Tür gesetzt hatte, damit er nicht, ohne sie zu sehen, hinausgehen könnte, die aber nach langem Wachen von dem übermächtigen Schlaf bezwungen worden war.

Das Geräusch der Tür weckte sie nicht, und Monte Christo heftete einen Blick voll Weichheit und Mitleid auf sie.

Sie hat sich erinnert, daß sie einen Sohn besitzt, sagte er, und ich habe vergessen, daß ich eine Tochter besitze. Dann fuhr er, traurig den Kopf schüttelnd, fort: Arme Haydee! sie wollte mich sehen, sie wollte mich sprechen, sie hat etwas befürchtet oder erraten . . . Ah! ich kann nicht von hinnen, ohne ihr Lebewohl zu sagen, ich kann nicht sterben, ohne sie irgend jemand anzuvertrauen.

Und er kehrte sacht an seinen Platz zurück und schrieb unter die ersten Zeilen:

Ich vermache Maximilian Morel, Kapitän der Spahis und Sohn meines ehemaligen Patrons Pierre Morel, Reeders in Marseille, zwanzig Millionen, wovon ein Teil von ihm seiner Schwester Julie und seinem Schwager Emanuel angeboten werden soll, wenn er nicht glaubt, ein solcher Vermögenszuwachs könne ihrem Glücke schaden. Diese zwanzig Millionen sind in meiner Grotte in Monte Christo vergraben, deren Geheimnis Bertuccio kennt.

Ist sein Herz frei, und er will Haydee, die Tochter Alis, des Paschas von Janina, heiraten, die ich mit der Liebe eines Vaters erzogen habe, und die für mich die Liebe und Zärtlichkeit einer Tochter gehabt hat, so wird er dadurch meinen letzten Wunsch erfüllen.

Gegenwärtiges Testament hat bereits Haydee zur Erbin meines übrigen Vermögens gemacht, das in Ländereien, englischen, und holländischen Renten und in dem Mobiliar in meinen verschiedenen Palästen und Häusern besteht, was sich nach Abzug dieser zwanzig Millionen und der verschiedenen Legate zu Gunsten meiner Diener immer noch auf sechzig Millionen belaufen mag.

Er vollendete eben die letzte Zeile, als ein hinter ihm ausgestoßener Schrei die Feder seinen Händen entfallen ließ. Haydee, sagte er, du hast gelesen?

Erweckt vom Tageslicht, das auf ihre Augenlider fiel, hatte sie sich in der Tat erhoben und dem Grafen genähert, ohne daß er ihre leichten und überdies vom Teppich gedämpften Tritte gehört hatte.

Oh! Herr, sprach sie, die Hände faltend, warum schreibst du zu einer solchen Stunde? Warum vermachst du mir dein ganzes Vermögen? Du verläßt mich?

Ich will eine Reise machen, liebes Kind, sagte Monte Christo mit einem Ausdrucke voll unendlicher Schwermut und Zärtlichkeit, und wenn mir Unglück widerführe . . . Der Graf hielt inne.

Nun? . . . fragte Haydee mit einer Bestimmtheit, die der Graf nicht an ihr kannte.

Nun, wenn mir das Unglück widerführe, sagte Monte Christo, so will ich, daß meine Tochter glücklich sei.

Haydee schüttelte traurig den Kopf und sagte: Du denkst an den Tod, oh Herr?

Es ist ein heilsamer Gedanke, wie der Weise sagt. Wohl! wenn du stirbst, sagte sie, so vermache dein Vermögen anderen, denn ich brauche nichts mehr.

Und sie nahm das Papier und zerriß es in vier Stücke, die sie mitten in das Zimmer warf. Doch diese für eine Sklavin so ungewöhnliche Energie hatte ihre Kräfte erschöpft, und sie fiel ohnmächtig zu Boden. Monte Christo neigte sich auf sie herab und hob sie in seinen Armen empor; und als er dieses schöne, bleiche Antlitz, diese schönen, geschlossenen Augen, diesen schönen, unbelebten Körper sah, kam ihm zum erstenmale der Gedanke, sie liebe ihn vielleicht auf andere Weise, als wie eine Tochter ihren Vater liebt.

Ach! murmelte er mit einer tiefen Entmutigung, ich hätte vielleicht noch glücklich sein können!

Dann trug er Haydee in ihr Gemach, übergab sie hier, noch ohnmächtig, den Händen ihrer Frauen, kehrte in sein Kabinett zurück, das er rasch schloß, und schrieb nun das zerrissene Testament noch einmal. Als er vollendete, ließ sich das Geräusch eines in den Hof fahrenden Wagens hören. Monte Christo näherte sich dem Fenster und sah Maximilian und Emanuel aussteigen.

Gut, sagte er, es war Zeit! Und er versiegelte sein Testament mit einem dreifachen Siegel.

Nach einem Augenblick hörte er das Geräusch von Tritten im Salon und öffnete selbst. Morel erschien auf der Schwelle, zwanzig Minuten vor der verabredeten Stunde.

Ich komme vielleicht zu bald, Herr Graf, sagte er, aber ich gestehe offen, ich konnte keine Minute schlafen, und so war es im ganzen Hause. Um wieder ich selbst zu werden, mußte ich Sie stark in Ihrer mutigen Sicherheit sehen.

Monte Christo vermochte diesem Beweise von Zuneigung nicht zu widerstehen, und er reichte dem jungen Manne nicht die Hand, sondern öffnete ihm seine Arme.

Morel, sagte er mit bewegter Stimme, es ist ein schöner Tag für mich, der Tag, an dem ich mich von einem Manne, wie Sie sind, geliebt fühle . . . Guten Morgen, Herr Emanuel. Sie kommen also mit mir, Maximilian?

Bei Gott! erwiderte der junge Mann, haben Sie daran gezweifelt?

Ich hatte jedoch unrecht . . .

Hören Sie, ich beobachtete Sie gestern während der ganzen Herausforderungsszene, ich dachte die ganze Nacht hindurch an Ihre Sicherheit und sagte mir, wenn nicht alles trügt, muß die Gerechtigkeit für Sie sein.

Ich danke, Morel.

Dann schlug der Graf einmal auf das Glöckchen und sagte zu Ali, der sogleich eintrat: Laß dies zu meinem Notar tragen. Es ist mein Testament, Morel. Wenn ich tot bin, nehmen Sie Kenntnis davon.

Wie! rief Morel, Sie tot?

Ei! muß man nicht auf alles gefaßt sein, lieber Freund? Doch, Morel, sagte der Graf, Sie sahen mich nie mit Pistolen schießen? – Nein.

Wohl, wir haben noch Zeit, sehen Sie!

Monte Christo nahm seine Pistolen, klebte ein Kreuzaß an die Scheibe und schoß mit vier aufeinander folgenden Schüssen, die vier Zweige des Kreuzes weg. Bei jedem Schusse erbleichte Morel.

Er untersuchte die Kugeln, mit denen Monte Christo dieses Kraftstück ausführte, und sah, daß sie nicht dicker waren, als Rehschrote.

Das ist furchtbar, sagte er, sehen Sie, Emanuel! Dann wandte er sich an Monte Christo mit den Worten: Graf, im Namen des Himmels, töten Sie Albert nicht, der Unglückliche hat eine Mutter!

Das ist richtig, sagte Monte Christo, und ich habe keine.

Diese Worte wurden in einem Tone gesprochen, der Morel beben ließ.

Sie sind der Beleidigte, Graf, und schießen zuerst.

Ich schieße zuerst.

Oh! das habe ich erlangt, oder vielmehr gefordert.

Auf wieviel Schritte? – Auf zwanzig.

Ein furchtbares Lächeln zog über die Lippen des Grafen hin, als er sagte: Morel, vergessen Sie nicht, was Sie soeben gesehen haben.

Ich rechne nur auf Ihre Aufregung, um Albert zu retten, sprach der junge Mann.

Ich aufgeregt? entgegnete Monte Christo.

Oder auf Ihren Edelmut, mein Freund; bei der Sicherheit Ihres Schusses kann ich Ihnen nur eines sagen, was lächerlich wäre, wenn ich es einem anderen sagen würde.

Was?

Zerschmettern Sie ihm den Arm, verwunden Sie ihn, aber töten Sie ihn nicht.

Morel, hören Sie noch folgendes; ich bedarf keiner Aufmunterung, Herrn von Morcerf zu schonen; Herr von Morcerf, das künde ich Ihnen zum voraus an, wird so geschont sein, daß er ruhig mit seinen Freunden zurückkommt, während ich . . .

Nun! Sie?

Oh! Mich wird man zurücktragen.

Gehen Sie! rief Maximilian außer sich.

Es ist, wie ich Ihnen sage, mein lieber Morel, Herr von Morcerf wird mich töten.

Morel schaute den Grafen wie ein Mensch an, der nicht mehr begreift.

Was ist Ihnen seit gestern abend begegnet?

Es ist mir begegnet, was Brutus am Vorabend der Schlacht von Philippi begegnete: ich habe ein Gespenst gesehen.

Und dieses Gespenst?

Dieses Gespenst sagte mir, ich habe genug gelebt.

Maximilian und Emanuel schauten einander an; Monte Christo zog seine Uhr und sagte: Gehen wir, es ist sieben Uhr, und die Zusammenkunft ist auf Punkt acht Uhr bestellt.

Ein angespannter Wagen wartete; Monte Christo stieg mit seinen Zeugen ein. Als man durch den Flur ging, blieb Monte Christo vor einer Tür stehen, um zu horchen; Maximilian und Emanuel, die aus Diskretion einige Schritte vorausgegangen waren, glaubten ihn seufzen zu hören.

Schlag acht war man an dem verabredeten Platze.

Wir sind an Ort und Stelle und kommen zuerst, sagte Morel, den Kopf durch den Kutschenschlag steckend.

Der Herr wird mich entschuldigen, versetzte Baptistin, der seinem Gebieter mit unsäglichem Schrecken gefolgt war, ich glaube dort unter den Bäumen einen Wagen zu bemerken.

Monte Christo sprang leicht aus seiner Kalesche und gab Emanuel und Maximilian die Hand, um ihnen aussteigen zu helfen. Maximilian hielt die Hand des Grafen in der seinigen zurück und sagte: Das gefällt mir, das ist eine Hand, wie ich sie gern bei einem Manne sehe, dessen Leben auf seiner guten Sache beruht.

Ich erblicke wirklich zwei junge Männer, die auf und ab gehen und zu warten scheinen, sagte Emanuel.

Monte Christo zog Morel ein paar Schritte hinter seinen Schwager zurück und fragte ihn: Max, ist Ihr Herz frei?

Morel schaute Monte Christo erstaunt an.

Ich verlange kein Geständnis von Ihnen, mein Freund, ich richte eine einfache Frage an Sie; antworten Sie ja oder nein, mehr verlange ich nicht von Ihnen.

Ich liebe ein Mädchen, Graf.

Lieben Sie es innig? – Mehr als mein Leben.

Da entgeht mir abermals eine Hoffnung, sagte Monte Christo. Dann murmelte er mit einem Seufzer: Arme Haydee!

In der Tat, Graf, rief Morel, wenn ich Sie weniger kennen würde, müßte ich Sie für minder tapfer halten, als Sie sind.

Weil ich an jemand denke, den ich verlassen soll, und seufze? Morel, versteht sich ein Soldat so wenig auf den Mut? Beklage ich das Leben? Was ist mir an Leben oder Sterben gelegen, mir, der zwanzig Jahre zwischen Leben und Tod zugebracht hat? Seien Sie übrigens unbesorgt, diese Schwäche, wenn man es eine Schwäche nennen darf, ist nur für Sie vorhanden. Ich weiß, daß die Welt ein Salon ist, den man höflich und anständig, das heißt grüßend und seine Spielschulden bezahlend, verlassen muß.

Gut! das heiße ich sprechen, sagte Morel. Doch haben Sie Ihre Waffen mitgebracht?

Ich? Warum? Ich hoffe, diese Herren werden die ihrigen haben.

Ich will mich erkundigen.

Morel ging auf Beauchamp und Chateau-Renaud zu. Als diese Maximilians Bewegung bemerkten, traten sie ihm einige Schritte entgegen. Die drei jungen Leute grüßten sich, wenn nicht freundlich, doch höflich.

Verzeihen Sie, meine Herren, sagte Morel, doch ich sehe Herrn von Morcerf nicht.

Er hat uns heute morgen sagen lassen, er würde erst an Ort und Stelle mit uns zusammentreffen.

Übrigens kommt hier ein Wagen, bemerkte Chateau-Renaud.

Es kam wirklich in scharfem Trabe ein Wagen herbei.

Meine Herren, sagte Morel, ohne Zweifel haben Sie Pistolen bei sich, Herr von Monte Christo erklärt, er leiste auf sein Recht, sich der seinigen zu bedienen, Verzicht.

Wir sahen diese Zartheit von seiten des Grafen vorher, Herr Morel, antwortete Beauchamp, und ich brachte die Pistolen mit, die ich mir vor acht Tagen gekauft habe. Sie sind ganz neu und haben noch niemand gedient; wollen Sie sie untersuchen?

Herr Beauchamp, erwiderte Morel, sich verbeugend, wenn Sie mir versichern, Herr von Morcerf kenne diese Waffen nicht, so genügt mir natürlich Ihr Wort.

Meine Herren, sagte Chateau-Renaud, nicht Morcerf ist in diesem Wagen angekommen, sondern Franz und Debray.

Sie hier, meine Herren! sagte Chateau-Renaud, mit jedem einen Händedruck austauschend, und durch welchen Zufall?

Albert hat uns bitten lassen, wir möchten uns hier einfinden.

Beauchamp und Chateau-Renaud sahen sich erstaunt an.

Meine Herren, versetzte Morel, ich glaube zu begreifen.

Lassen Sie hören.

Gestern nachmittag erhielt ich einen Brief von Herrn von Morcerf, der mich bat, in die Oper zu kommen.

Und ich auch, sagte Debray.

Und ich auch, sprach Franz.

Und wir auch, sagten Chateau-Renaud und Beauchamp.

Sie sollten nach seinem Willen bei der Herausforderung gegenwärtig sein, fuhr Morel fort, und sollen nun auch seinem Zweikampfe beiwohnen.

Ja, meinten alle, so wird es sein.

Doch Albert kommt immer noch nicht, murmelte Chateau-Renaud, es sind zehn Minuten darüber.

Hier kommt er, rief Beauchamp, er ist zu Pferde und reitet, von seinem Bedienten begleitet, mit Windeseile.

Welche Unklugheit, sagte Chateau-Renaud, zu Pferde zu kommen, um sich auf Pistolen zu schlagen! Ich habe ihm doch eine so gute Lektion gegeben!

Und dann, sehen Sie, sagte Beauchamp, mit einem Kragen an der Halsbinde, mit offenem Rock und weißer Weste; warum hat er sich nicht einen schwarzen Fleck auf den Magen zeichnen lassen, das wäre noch einfacher gewesen.

Währenddessen war Albert bis auf zehn Schritte herangekommen; er hielt sein Pferd an, sprang zu Boden und warf die Zügel seinem Bedienten zu.

Albert war bleich und hatte rote, geschwollene Augen; man sah, daß er die ganze Nacht keine Sekunde geschlafen. Über sein ganzes Antlitz war ein Ausdruck traurigen Ernstes gebreitet, wie man ihn sonst nie bei ihm sah.

Ich danke, meine Herren, daß Sie die Güte gehabt haben, meiner Einladung zu entsprechen, sagte er, glauben Sie mir, ich bin Ihnen für dieses Zeichen der Freundschaft im höchsten Maße erkenntlich.

Morel hatte, als sich Morcerf näherte, zehn Schritte rückwärts gemacht und stand entfernt.

Auch Ihnen gebührt mein Dank, Herr Morel, sagte Albert. Kommen Sie zu uns, Sie sind nicht zuviel hier.

Mein Herr, erwiderte Maximilian, Sie wissen vielleicht nicht, daß ich Zeuge Ihres Gegners bin.

Ich war dessen nicht gewiß, doch vermutete ich es. Desto besser! je mehr Ehrenmänner hier anwesend sind, desto mehr werde ich mich befriedigt fühlen.

Herr Morel, sagte Chateau-Renaud, Sie können dem Herrn Grafen von Monte Christo ankündigen, daß Herr von Morcerf eingetroffen ist und daß wir zu seiner Verfügung stehen.

Morel machte eine Bewegung, um sich seines Auftrages zu entledigen. Beauchamp zog zu gleicher Zeit sein Pistolenkästchen aus dem Wagen.

Warten Sie, meine Herren, sagte Albert, ich habe Herrn von Monte Christo ein paar Worte zu sagen.

Unter vier Augen? fragte Morel.

Nein, vor allen.

Alberts Zeugen schauten sich erstaunt an; Franz und Debray wechselten leise ein paar Worte, und Morel kehrte, freudig über diesen unerwarteten Zwischenfall, zu dem Grafen zurück, der mit Emanuel spazieren ging.

Was will er von mir? fragte Monte Christo.

Ich weiß nicht; er verlangt mit Ihnen zu sprechen.

Oh! er versuche Gott nicht durch eine neue Beleidigung!

Ich glaube nicht, daß dies seine Absicht ist, entgegnete Morel.

Der Graf ging, von Maximilian und Morel begleitet, vorwärts; sein ruhiges, heiteres Antlitz stand in seltsamem Widerspruch zu dem verstörten Antlitz Alberts, der sich ihm mit den vier jungen Leuten näherte.

Drei Schritte voneinander blieben Albert und der Graf stehen.

Meine Herren, nähern Sie sich, sagte Albert; kein Wort von dem, was ich Herrn von Monte Christo zu sagen die Ehre haben werde, soll verloren gehen, denn was ich sage, mögen Sie jedem wiederholen, der es hören will, so seltsam meine Rede auch erscheinen mag.

Ich warte, mein Herr, sagte der Graf.

Herr Graf, begann Albert mit einer anfangs zitternden Stimme, die jedoch immer mehr Sicherheit gewann, Herr Graf, ich machte Ihnen zum Vorwurf, daß Sie das Benehmen des Herrn von Morcerf in Epirus bekannt machten, denn so schuldig auch Herr von Morcerf war, so glaubte ich doch nicht, Sie seien berechtigt, ihn zu bestrafen. Heute aber weiß ich, daß Sie dieses Recht haben. Nicht der Verrat Fernand Mondegos gegen Ali Pascha macht mich so bereitwillig, Sie zu entschuldigen, sondern der Verrat des Fischers Fernand gegen Sie und das unerhörte Unglück, das die Folge dieses Verrats gewesen ist. Auch sage ich und erkläre ich laut: Ja, mein Herr, Sie haben recht gehabt, sich an meinem Vater zu rächen, und ich, sein Sohn, danke Ihnen, daß Sie nicht mehr getan haben.

Hätte der Blitz mitten unter die Zuschauer dieser unerwarteten Szene geschlagen, sie wären sicherlich nicht erstaunter gewesen, als bei dieser Erklärung.

Monte Christo erhob langsam die Augen zum Himmel mit einem Ausdrucke unendlicher Dankbarkeit und konnte nicht genug bewundern, wie die aufbrausende Natur Alberts, dessen Mut er in Rom kennen gelernt hatte, sich so völlig unter diese Demütigung beugte. Er erkannte Mercedes' Einfluß und begriff, wie deren edles Herz sich dem Opfer nicht widersetzt hatte, von dem es zum voraus wußte, daß es unnötig sein sollte.

Wenn Sie nun meine Entschuldigungen genügend finden, mein Herr, sagte Albert, so bitte ich Sie, geben Sie mir Ihre Hand.

Das Auge feucht, die Brust beklommen, den Mund halb geöffnet, reichte Monte Christo Albert seine Hand, die dieser mit einem Gefühle drückte, das einem ehrfurchtsvollen Schrecken glich.

Meine Herren, sagte er, Herr von Monte Christo hat die Güte, meine Entschuldigungen anzunehmen; ich hatte voreilig gegen ihn gehandelt. Die Eile ist eine schlechte Ratgeberin, ich handelte schlecht. Nun ist mein Fehler wieder gutgemacht. Ich hoffe, die Welt wird mich nicht für feig halten, weil ich getan, was mir mein Gewissen befohlen. Doch in jedem Falle, sollte man meinen Schritt falsch auffassen, sagte der junge Mann, stolz das Haupt erhebend, und als richtete er eine Aufforderung an seine Freunde und an seine Feinde, in jedem Fall würde ich diese Ansicht über mich in das rechte Geleise zu bringen wissen.

Was hat sich denn in der letzten Nacht ereignet? fragte Beauchamp Chateau-Renaud; es scheint mir, wir spielen hier eine traurige Rolle.

In der Tat, was Albert getan, ist entweder sehr erbärmlich oder sehr schön, antwortete der Baron.

Ah! lassen Sie hören? fragte Franz Debray, was soll das bedeuten? Wie! der Graf von Monte Christo entehrt Herrn von Morcerf, und er hat recht in den Augen seines Sohnes? Hätte ich zehn Janina in meiner Familie, so würde ich mich verpflichtet fühlen, mich zehnmal zu schlagen.

Die Stirn gesenkt, die Arme schlaff, niedergebeugt unter der Last von vierundzwanzig Jahren der Erinnerung, dachte Monte Christo weder an Albert, noch an Beauchamp, noch an Chateau-Renaud, noch an irgend einen von denen, die sich auf dem Platze fanden, sondern er dachte an die mutige Frau, die ihn um das Leben ihres Sohnes gebeten, der er das seinige angeboten, und die es ihm durch das furchtbare Geständnis eines Familiengeheimnisses gerettet, das in dem jungen Manne das Gefühl der Sohnesliebe für immer austilgte.

Stets die Vorsehung, murmelte er. Ah! heute erst weiß ich ganz gewiß, daß ich der Abgesandte Gottes bin.

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