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Der Graf von Monte Christo. Erster Band.

Alexandre Dumas (der Ältere): Der Graf von Monte Christo. Erster Band. - Kapitel 8
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDer Graf von Monte Christo. Erster Band.
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
illustratorFritz Bergen
translatorMax Pannwitz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Das Verhör.

Kaum hatte Villefort den Speisesaal verlassen, als er seine heitere Miene ablegte und die ernste Maske eines Mannes annahm, der zu dem erhabenen Amt, über das Leben von seinesgleichen zu entscheiden, berufen ist. Trotz der Beweglichkeit seiner Gesichtszüge, die der Staatsanwalt wie ein geschickter Schauspieler vor seinem Spiegel geübt hatte, fiel es ihm diesmal schwer, eine ernste Miene und einen düstern Ausdruck beizubehalten. Abgesehen von der Erinnerung an die politische Laufbahn seines Vaters, die seiner Zukunft in den Weg treten konnte, war Gérard von Villefort in diesem Augenblick so glücklich, als es einem Menschen zu sein vergönnt ist. Schon an sich reich, nahm er mit siebenundzwanzig Jahren ein hohes Amt ein. Er war im Begriff, ein junges hübsches Mädchen, das er liebte, zu heiraten. Neben ihrer Schönheit hatte seine Braut noch den Vorzug, einer von den Familien anzugehören, die am Hofe im höchsten Ansehen standen, und außer dem politisch förderlichen Einflusse ihrer Eltern brachte sie ihrem Gatten eine Mitgift von 50 000 Talern, die sich eines Tages durch eine Erbschaft von einer halben Million vermehren sollte. Dies alles zusammen erhob den Staatsanwalt in einen solchen Zustand von Glückseligkeit, daß er sich jeden Augenblick zusammennehmen mußte, um die gewollte, seinem Amte angemessene Miene zur Schau zu tragen.

Vor der Tür fand er den Polizeikommissar, der auf ihn wartete. Beim Anblick des schwarzgekleideten Mannes fiel er sofort aus der Höhe des dritten Himmels auf die materielle Erde, auf der wir einhergehen. Er brachte nun sein Gesicht leichter in die gehörige Verfassung, näherte sich dem Beamten und sagte: Hier bin ich, ich habe den Brief gelesen; Sie taten wohl daran, diesen Menschen zu verhaften. Geben Sie mir nun über ihn und über die Meuterei alle einzelnen Umstände an, die Sie in Erfahrung gebracht haben!

Über die Meuterei, mein Herr, wissen wir noch nichts; alle Papiere, die man bei ihm bekommen hat, sind in Ihrem Bureau versiegelt niedergelegt worden. Was den Angeschuldigten betrifft, so haben Sie aus dem Briefe, der ihn denunziert, ersehen, daß er Edmond Dantes heißt und Sekond an Bord des Dreimasters »der Pharao« ist, der Baumwollenhandel mit Alexandrien und Smyrna treibt und dem Hause Morel und Sohn in Marseille gehört.

Hat er bei der Kriegsmarine gedient, ehe er bei der Handelsmarine diente?

Nein, er ist ein ganz junger Mensch.

In diesem Augenblicke, als Villefort an die Ecke der Rue des Conseils gelangt war, redete ihn ein Mann an, der ihn zu erwarten schien; es war Herr Morel.

Ah, Herr von Villefort! rief der brave Mann, ich bin sehr glücklich, Sie zu treffen. Denken Sie, daß man den seltsamsten, den unerhörtesten Mißgriff begangen hat; man hat den Sekond meines Schiffes, Edmond Dantes, verhaftet.

Ich weiß es, mein Herr, antwortete Villefort, und werde ihn sogleich verhören.

Oh, Herr, fuhr Morel, hingerissen von seiner Freundschaft für den jungen Mann, fort, Sie kennen den nicht, den man anklagt, aber ich kenne ihn. Denken Sie sich den sanftesten, den redlichsten Menschen, und ich wage wohl zu behaupten, einen der besten Seeleute bei der ganzen Handelsmarine. Oh, Herr von Villefort, ich empfehle Ihnen denselben aufrichtig und von ganzem Herzen.

Villefort gehörte, wie wir gesehen haben, der aristokratischen Partei der Stadt an und Morel der demokratischen. Der erste war Ultraroyalist, der zweite des Bonapartismus verdächtig. Villefort schaute Morel mißtrauisch an und antwortete ihm mit kaltem Tone:

Sie wissen, mein Herr, daß man im Umgang sanftmütig, als Händler ehrlich, im Berufe geschickt und nichtsdestoweniger politisch ein großer Verbrecher sein kann. Sie wissen das, nicht wahr, mein Herr?

Der Beamte legte auf diese letzten Worte einen besondern Nachdruck, als wollte er sie auf den Reeder selbst anwenden, während sein forschender Blick dem bis in die Tiefe des Herzens dringen zu wollen schien, der so kühn war, für einen andern einzutreten, während er wissen mußte, daß er selbst der Nachsicht bedurfte.

Morel errötete, denn er fühlte, daß sein Gewissen in Bezug auf seine politische Gesinnung nicht ganz rein war, und überdies beunruhigte seinen Geist einigermaßen die vertrauliche Mitteilung, die ihm Dantes über die Zusammenkunft mit dem Großmarschall gemacht hatte, und die Worte, die vom Kaiser an Dantes gerichtet worden waren. Er fügte indessen mit dem Tone der tiefsten Teilnahme hinzu: Ich bitte Sie inständig, Herr von Villefort, seien Sie gerecht, wie Sie es sein müssen, gut, wie Sie es immer sind, und geben Sie uns schleunigst diesen armen Dantes zurück!

Das »geben Sie uns« klang in dem Ohre des Staatsanwalts ganz revolutionär.

Ei, ei, sagte er ganz leise zu sich selbst, geben Sie uns! . . . sollte dieser Dantes zu irgend einer Massenverschwörung gehören, daß sein Beschützer sich unwillkürlich der Mehrzahl bedient? Man hat ihn, wie man mir sagte, in zahlreicher Gesellschaft verhaftet, das werden wohl seine Genossen gewesen sein! Laut fügte er hinzu: Mein Herr, Sie können vollkommen ruhig sein. Sie werden nicht vergeblich an meine Gerechtigkeit appelliert haben, wenn der Angeklagte unschuldig ist. Ist er dagegen schuldig, so werde ich genötigt sein, meine Pflicht zu tun.

Da er inzwischen die Tür seines unmittelbar an den Justizpalast stoßenden Hauses erreicht hatte, grüßte er mit eisiger Höflichkeit den unglücklichen Reeder, der wie versteinert auf dem Platze blieb, und trat würdevoll in seine Wohnung. Das Vorzimmer war voll von Gendarmen und Polizeiagenten. Mitten unter ihnen stand, streng bewacht, ruhig und unbeweglich der Gefangene.

Villefort schritt durch das Vorzimmer, warf einen flüchtigen Blick auf Dantes, nahm ein Bündel Akten, das ihm ein Agent überreichte, und verschwand mit den Worten: Man führe den Gefangenen vor!

So rasch sein Blick auch gewesen war, so genügte er doch für Villefort, ihm einen Begriff von dem Menschen zu geben, den er verhören sollte. Auf dieser breiten, offenen Stirn las er Verstand, im festen Auge Mut, in den fleischigen halbgeöffneten und elfenbeinweiße Zähne zeigenden Lippen Treuherzigkeit.

Einen Augenblick nach ihm trat Dantes ein. Der junge Mann war immer noch bleich, aber ruhig und sorglos. Er verbeugte sich vor seinem Richter mit ungezwungener Artigkeit und suchte dann mit den Augen einen Stuhl, als befände er sich im Zimmer des Reeders Morel.

Jetzt erst begegnete er Villeforts düsterm Blicke, dem Blicke, der den Männern des Gesetzes eigentümlich ist, die nicht in ihren Gedanken lesen lassen wollen. Dieser Blick belehrte ihn, daß er sich vor der strengen Justiz befand.

Wer sind Sie und wie heißen Sie? fragte Villefort, in den Akten blätternd, die bereits sehr umfangreich geworden waren.

Ich heiße Edmond Dantes und bin Sekond an Bord des Schiffes Pharao.

Was taten Sie in dem Augenblick, wo Sie verhaftet wurden?

Ich wohnte meinem Verlobungsmahle bei, mein Herr, sagte Dantes mit leicht bewegter Stimme, so schmerzlich war der Kontrast jener Augenblicke der Freude mit der traurigen Szene, in der er hier auftrat, so sehr ließ Herrn von Villeforts, düsteres Gesicht seiner Mercedes' strahlendes Antlitz in um so hellerem Lichte erglänzen.

Sie wohnten Ihrem Verlobungsmahle bei? sagte Villefort, unwillkürlich bebend. So unempfindlich er gewöhnlich war, so erregte ihn doch dies Zusammentreffen lebhaft, und Dantes' bewegte Stimme erweckte eine sympathische Fiber im Grunde seiner Seele. Er heiratete auch, er war auch glücklich, wie Dantes, und man hatte ihn in seinem Glücke gestört, damit er zur Vernichtung der Freude eines Menschen beitrüge, der, wie er, seiner Seligkeit so nahe stand.

Man sagt, Sie haben sehr auffallende politische Ansichten? fuhr nach einigen Augenblicken Villefort fort, der gern die Frage in die Form einer Anklage kleidete.

Meine politischen Ansichten, mein Herr? Ach! ich schäme mich beinahe, es zu gestehen, aber ich habe das nie gehabt, was man eine Ansicht nennt. Ich bin kaum neunzehn Jahre alt, ich weiß nichts, ich bin nicht bestimmt, irgend eine Rolle zu spielen; das wenige aber, was ich weiß und sein werde, wenn man mir die Stelle bewilligt, nach der ich trachte, habe ich Herrn Morel zu verdanken. Alle meine Ansichten, ich sage nicht politische, sondern Privatansichten, beschränken sich auf folgende drei Gefühle: ich liebe meinen Vater, ich ehre Herrn Morel und bete Mercedes an. Das ist alles, was ich über meine Ansichten vor Gericht erklären kann, und Sie sehen, daß es nicht eben sehr interessant ist.

Während Dantes so sprach, schaute Villefort sein zugleich sanftes und offenes Gesicht an und erinnerte sich zugleich der Worte Renées, die, ohne den Gefangenen zu kennen, um Nachsicht für ihn gebeten hatte. Mit dem gewohnten Scharfblick, den er in der Erforschung des Verbrechens und der Verbrecher bereits besaß, erkannte er in jedem Worte Dantes' den Beweis seiner Unschuld.

Bei Gott, sagte Villefort zu sich selbst, das ist ein guter Bursche, und ich werde hoffentlich nicht viel Mühe haben, mich bei Renée willkommen zu machen, indem ich ihrer Empfehlung Folge leiste. Das trägt mir einen guten Händedruck vor aller Welt und insgeheim einen herzlichen Kuß ein.

Bei dieser doppelten Hoffnung erheiterte sich Villeforts Antlitz so, daß Dantes, der allen Bewegungen in der Physiognomie seines Richters gefolgt war, lächelnd die große Veränderung in seinem Aussehen bemerkte.

Ist Ihnen bekannt, sagte Villefort, daß Sie Feinde haben?

Feinde, ich? erwiderte Dantes, ich habe das Glück, noch zu wenig zu sein, als daß mir meine Stellung Feinde verschafft haben sollte. Was meinen vielleicht etwas lebhaften Charakter betrifft, so suche ich ihn stets meinen Untergeordneten gegenüber zu mildern. Ich habe zehn bis zwölf Matrosen unter meinem Befehle; und diese werden Ihnen auf Befragen sagen, daß sie mich lieben und achten, nicht wie einen Vater, dazu bin ich noch zu jung, sondern wie einen Bruder.

Aber in Ermanglung von Feinden haben Sie vielleicht Neider; Sie sollen mit neunzehn Jahren Kapitän werden, das ist ein hoher Posten in Ihrem Stande; Sie sollen ein hübsches Mädchen heiraten, das Sie liebt, das ist ein seltenes Glück bei allen Ständen der Erde. Diese zwei Vorzüge des Schicksals konnten Ihnen Neider zuziehen.

Ja, Sie haben recht. Sie müssen wohl die Menschen besser kennen, als ich. Sollten aber diese Neider unter meinen Freunden sein, so gestehe ich, daß ich sie lieber nicht kennen lernen will, um sie nicht hassen zu müssen.

Sie haben unrecht; man muß so klar als möglich um sich her sehen. In der Tat, Sie scheinen mir ein so ehrenwerter Mann zu sein, daß ich von der gewöhnlichen Regel des Gerichtsverfahrens abgehen und Ihnen zum Lichte verhelfen will, indem ich Ihnen die Anzeige mitteile, die Sie vor mich gebracht hat. Hier ist das Papier. Erkennen Sie die Handschrift?

Villefort zog den Brief aus seiner Tasche und reichte ihn Dantes. Dieser schaute und las. Eine Wolke zog über seine Stirn, und er sagte: Nein, ich kenne diese Handschrift nicht, sie ist verstellt, und dennoch hat sie eine sehr freie Form. Jedenfalls ist es eine geschickte Hand, die dies geschrieben hat; ich bin sehr glücklich, fügte er, Villefort dankbar anschauend, hinzu, daß ich es mit einem Manne, wie Sie sind, zu tun habe, denn in der Tat, mein Neider ist ein wahrer Feind.

Und an dem Blitze, der in den Augen des jungen Mannes zuckte, als er diese Worte sprach, konnte Villefort erkennen, wieviel heftige Energie unter dieser äußeren Sanftmut verborgen lag.

Und nun antworten Sie mir offenherzig, sagte der Staatsanwalt, nicht wie ein Angeklagter seinem Richter, sondern wie ein Mensch in einer falschen Stellung einem andern Menschen antwortet, der sich für ihn interessiert. Was ist wahr an dieser anonymen Anklage?

Villefort warf den Brief, den ihm Dantes zurückgegeben hatte, mit einer Gebärde des Widerwillens auf den Schreibtisch.

Alles oder nichts, mein Herr. Hören Sie die reine Wahrheit, bei meiner Seemannsehre, bei meiner Liebe für Mercedes, bei dem Leben meines Vaters. Als wir Neapel verließen, wurde der Kapitän Leclère von einer Hirnentzündung befallen. Unerwartet rasch verschlimmerte sich seine Krankheit, so daß er nach drei Tagen sein Ende herannahen fühlte und mich zu sich berief. Er ließ mich schwören, alles zu tun, was er von mir verlange, befahl mir, nach der Insel Elba zu steuern, dort dem Großmarschall einen Ring und Brief zu überbringen und schließlich eine Sendung zu erfüllen, mit der mich der Großmarschall beauftragen würde. Es war die höchste Zeit; zwei Stunden nachher erfaßte ihn das Delirium; am andern Tage war er tot. Ich steuerte also nach der Insel Elba, wo ich am andern Tage anlangte, und stieg allein an das Land. Unverzüglich sandte ich dem Großmarschall den Ring, der mir als Erkennungszeichen dienen sollte, und alle Türen öffneten sich vor mir. Er empfing mich, fragte mich nach dem Tode des unglücklichen Leclère und übergab mir einen Brief, den er mich persönlich nach Paris zu bringen beauftragte. Ich versprach es ihm, denn es galt, den letzten Willen meines Kapitäns zu erfüllen. Ich stieg hier an das Land, ordnete rasch alles, was das Schiff betraf, und lief dann zu meiner Braut, die ich liebevoller und schöner als je wiederfand. Ich feierte endlich, wie ich Ihnen sagte, mein Verlobungsmahl, sollte mich in einer Stunde verheiraten und gedachte morgen nach Paris abzureisen, als ich auf die Denunziation hin verhaftet wurde.

Ja, ja, murmelte Villefort, dies alles scheint mir der Wahrheit gemäß, und wenn Sie schuldig sind, so sind Sie nur einer Unklugheit schuldig, und diese entschuldigt sich noch durch die Befehle Ihres Kapitäns. Geben Sie uns den Brief, den man Ihnen auf Elba eingehändigt hat! Verpfänden Sie mir Ihr Ehrenwort, sich bei der ersten Vorladung zu stellen, und kehren Sie zu Ihren Freunden zurück.

Ich bin also frei! rief Dantes im Übermaß der Freude.

Ja, nur geben Sie mir den Brief!

Er muß vor Ihnen liegen, mein Herr, denn man hat ihn mir mit meinen andern Papieren genommen.

Warten Sie, sagte Villefort zu Dantes, der seine Handschuhe und seinen Hut nahm; warten Sie! An wen war er adressiert?

An Herrn Noirtier, Rue Coq-Héron in Paris.

Wie vom Blitz getroffen sank Villefort auf seinen Stuhl zurück. Aber mit krampfhafter Anstrengung erhob er sich bald wieder, um den Stoß Papiere, die man Dantes abgenommen, zu erreichen, und zog nach kurzem Suchen den unseligen Brief hervor, auf den er einen Blick voll unsäglichen Schreckens warf.

Herr Noirtier, Rue Coq-Héron Nr. 13, murmelte er, immer mehr erbleichend.

Ja, antwortete Dantes erstaunt. Kennen Sie ihn?

Nein, versetzte Villefort lebhaft; ein treuer Diener des Königs kennt keine Verschwörer.

Es handelt sich also um eine Verschwörung? sagte Dantes, der von einer noch größeren Bangigkeit als zuvor erfaßt wurde. Jedenfalls wußte ich, wie ich Ihnen vorhin sagte, durchaus nichts von der Depesche, deren Träger ich war.

Ja, versetzte Villefort mit dumpfem Tone, aber Sie wissen den Namen des Adressaten.

Um ihm selbst den Brief zu überbringen, mußte ich ihn wohl wissen.

Und Sie haben diesen Brief niemand gezeigt? fragte Villefort, während er las und immer mehr erbleichte.

Niemand, mein Herr, auf Ehre!

Niemand weiß, daß Sie der Träger eines von Elba kommenden und an Herrn Noirtier adressierten Briefes waren?

Niemand, mit Ausnahme dessen, der ihn mir zugestellt hat.

Das ist zuviel, das ist noch zuviel! murmelte Villefort, und seine Stirn verdüsterte sich immer mehr, je näher er dem Ende des Briefes kam. Seine bleichen Lippen, seine zitternden Hände, seine glühenden Augen erregten in Dantes die traurigsten Befürchtungen. Nachdem Villefort vollends ausgelesen hatte, ließ er sein Haupt in seine Hände sinken und blieb einen Augenblick unbeweglich.

Oh, mein Gott! was ist Ihnen denn? fragte Dantes schüchtern.

Villefort antwortete nicht; aber nach einer Minute richtete er seinen bleichen, verstörten Kopf wieder auf, las den Brief zum zweitenmale und sagte dann: Und Sie sagen, Sie wissen nichts von dem Inhalte des Briefes?

Ich wiederhole Ihnen bei meiner Ehre, ich weiß nichts davon, antwortete Dantes; aber mein Gott, was haben Sie denn? Sie sind unwohl! Soll ich läuten? Soll ich rufen?

Nein, antwortete Villefort, rasch aufstehend, rühren Sie sich nicht, sprechen Sie kein Wort! Ich brauche nichts, ein vorübergehender Schwindel, nichts mehr. Antworten Sie!

Dantes erwartete das Verhör, das diese Frage ankündigte, aber vergebens. Villefort fiel auf seinen Stuhl zurück, fuhr mit eisiger Hand über seine mit Schweiß übergossene Stirn, las den Brief zum drittenmale und sagte zu sich selbst: Ah, wenn er weiß, was dieser Brief enthält, und wenn er je erfährt, daß Noirtier mein Vater ist, so bin ich verloren, auf immer verloren.

Und von Zeit zu Zeit schaute er Edmond an, als hätte sein Blick die unsichtbare Schranke durchbrechen können, welche im Herzen die Geheimnisse verbirgt, die der Mund bewahrt.

Wir dürfen nicht mehr daran zweifeln! rief er plötzlich.

Aber in des Himmels Namen, sagte der unglückliche junge Mann, wenn Sie an mir zweifeln, wenn Sie einen Verdacht gegen mich haben, so fragen Sie mich, und ich bin bereit zu antworten.

Villefort raffte sich mit einer heftigen Anstrengung auf und sagte mit einem Tone, dem er Sicherheit verleihen wollte: Herr Dantes, die schwersten Anschuldigungen entspringen für Sie aus diesem Verhöre. Es steht also nicht in meiner Gewalt, wie ich anfangs gehofft habe, Sie in Freiheit zu setzen. Ehe ich eine solche Maßregel treffe, muß ich mich mit dem Untersuchungsrichter beraten. Sie haben ja bisher gesehen, wie ich gegen Sie verfahren bin.

Ja, mein Herr! rief Dantes, und ich danke Ihnen, denn Sie sind für mich eher ein Freund als ein Richter gewesen.

Nun wohl, ich werde Sie noch einige Zeit, doch so kurze Zeit als nur immer möglich, gefangen halten. Die Hauptanklage gegen Sie liegt in diesem Briefe, und Sie sehen . . .

Villefort näherte sich dem Kamin, warf ihn ins Feuer und blieb dabei stehen, bis er völlig in Asche verwandelt war.

Und Sie sehen, fuhr er fort, daß ich ihn vernichte. Doch hören Sie mich, nach einer solchen Handlung müssen Sie natürlich Zutrauen zu mir haben, nicht wahr?

Oh, befehlen Sie, ich werde Ihre Befehle befolgen!

Nein, sagte Villefort, sich dem jungen Mann nähernd, nein, ich will Ihnen keinen Befehl, sondern einen guten Rat geben. Ich will Sie bis heute abend hier im Justizpalaste behalten; vielleicht wird ein anderer kommen und Sie befragen. Sagen Sie ihm alles, was Sie mir gesagt haben, aber kein Wort von diesem Briefe!

Ich verspreche es Ihnen.

Villefort sprach in bittendem Tone, und der Angeklagte beruhigte den Richter.

Sie begreifen, sagte er, einen Blick auf die Asche werfend, die noch die Form des Papiers bewahrte, nun, da dieser Brief vernichtet ist, wissen nur Sie und ich allein von seiner Existenz, und er kann Ihnen nie wieder vorgelegt werden. Verleugnen Sie ihn, wenn man davon spricht, verleugnen Sie ihn keck, und Sie sind gerettet!

Seien Sie unbesorgt, ich werde leugnen, sagte Dantes.

Gut, gut, versetzte Villefort und fuhr mit der Hand nach einer Klingelschnur. In dem Augenblicke aber, wo er läuten wollte, hielt er wieder inne und sagte: Es war der einzige Brief, den Sie hatten?

Der einzige.

Schwören Sie?

Dantes streckte die Hand aus und sagte: Ich schwöre.

Villefort läutete. Der Polizeikommissar trat ein. Villefort sagte dem Beamten einige Worte ins Ohr. Der Kommissar antwortete mit einer Bewegung des Kopfes.

Folgen Sie dem Herrn! sagte Villefort zu Dantes.

Dantes verbeugte sich, warf einen Blick der Dankbarkeit auf Villefort und ging ab.

Kaum war die Tür hinter ihm geschlossen, als Villefort die Kräfte schwanden und er wie ohnmächtig auf einen Stuhl fiel.

Nach einem Augenblick aber murmelte er: Oh, mein Gott! Woran hängen Leben und Glück! Wäre der Erste Staatsanwalt in Marseille gewesen, hätte man den Untersuchungsrichter statt meiner gerufen, so war ich verloren, und dieses Papier, dieses verfluchte Papier stürzte mich in den Abgrund. Oh, Vater, wirst du denn immer als Hindernis zwischen mich und das Glück treten? Muß ich denn ewig mit deiner Vergangenheit kämpfen?

Dann schien plötzlich ein unerwarteter Gedanke seinen Geist zu durchzucken, sein Antlitz erleuchtete sich, ein Lächeln umspielte seine noch zusammengepreßten Lippen, und seine Augen gewannen wieder ihre Festigkeit. Ja, so ist es, sagte er; dieser Brief, der mich zu Grunde richten sollte, wird vielleicht mein Glück machen. Auf, Villefort, ans Werk!

Und nachdem er sich versichert hatte, daß der Angeschuldigte sich nicht mehr im Vorzimmer befand, entfernte er sich ebenfalls und ging rasch nach dem Hause seiner Braut.

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