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Der Graf von Monte Christo. Erster Band.

Alexandre Dumas (der Ältere): Der Graf von Monte Christo. Erster Band. - Kapitel 21
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDer Graf von Monte Christo. Erster Band.
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
illustratorFritz Bergen
translatorMax Pannwitz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Die Insel Tiboulen.

Betäubt, fast erstickt, hatte Dantes noch die Geistesgegenwart, seinen Atem zurückzuhalten, und da seine rechte Hand, für alle Fälle bereit, sein Messer geöffnet hielt, so schlitzte er rasch den Sack auf und streckte zuerst den Arm und dann den Kopf heraus. Nun aber fühlte er sich, trotz seiner Bemühungen, die Kugel aufzuheben, fortwährend hinabgezogen. Da bückte er sich, suchte den Strick, der seine Beine zusammenhielt und durchschnitt diesen mit äußerster Anstrengung gerade in dem Augenblick, wo er zu ersticken drohte. Hierauf stieg er mittels eines kräftigen Fußstoßes auf die Oberfläche des Meeres, während die Kugel in unbekannte Tiefen das grobe Gewebe hinabzog, das ihm zum Leichentuche hatte dienen sollen. Dantes nahm sich nur Zeit, Atem zu holen, und tauchte zum zweiten Male unter, denn es mußte seine erste Vorsichtsmaßregel sein, spähenden Blicken zu entgehen.

Als er zum zweiten Male erschien, war er bereits wenigstens fünfzig Schritte von dem Orte seines Sturzes entfernt; er sah über seinem Haupte einen schwarzen stürmischen Himmel, an dessen Oberfläche der Wind eilige Wolken hinpeitschte, während zuweilen ein sternbesätes Stück Himmel sichtbar wurde. Vor ihm dehnte sich die düstere, tosende Fläche aus, deren Wogen wie beim Herannahen eines Sturmes zu brodeln anfingen, während hinter ihm, einem drohenden Gespenste ähnlich, der Granitriese sich erhob, dessen Spitze wie ein Arm anzuschauen war, der sich ausstreckte, seine Beute wiederzufassen. Auf dem höchsten Felsen erblickte er eine Stocklaterne, die zwei Schatten beleuchtete. Es kam ihm vor, als neigten sich diese Schatten unruhig zum Meere herab. Die Totengräber mußten wirklich den Schrei gehört haben, den er ausgestoßen hatte. Er tauchte abermals unter und legte eine ziemlich lange Strecke unterm Wasser zurück.

Als er wieder auf die Oberfläche kam, war die Laterne verschwunden. Er mußte sich orientieren. Von den Inseln, die das Schloß If umgeben, liegen Ratonneau und Pomègue am nächsten; aber sie sind bewohnt. Die sichersten Inseln waren daher die unbewohnten, Tiboulen oder Lemaire, die jedoch eine starke Stunde vom Kastell If entfernt sind. Dantes beschloß nichtsdestoweniger, eine von diesen beiden Inseln zu erreichen. Aber wie sie mitten in der Nacht finden? In diesem Augenblick erblickte er das Feuer des Leuchtturms von Planir. Wenn er gerade auf diesen Leuchtturm zuhielt, ließ er die Insel Tiboulen etwas links; er mußte also die Insel auf seinem Wege finden. Freilich betrug die Entfernung mindestens eine Meile, aber Dantes fand zu seiner Freude, daß ihm seine gezwungene Untätigkeit nichts von seiner Kraft und Behendigkeit genommen, und er fühlte, daß er noch Herr des Elementes war, in dem er sich schon als kleines Kind getummelt hatte. Die Furcht verdoppelte überdies seine Kräfte. So oft er sich auf der Spitze einer Woge erhob, umfaßte sein rascher Blick den sichtbaren Horizont und suchte in die dichte Finsternis zu tauchen. Es verging eine Stunde, während deren Dantes, vom Gefühl der Freiheit begeistert, die Wellen in der gewählten Richtung zu durchschneiden fortfuhr.

Nun schwimme ich bald eine Stunde, sagte er zu sich selbst; doch da mir der Wind entgegenbläst, muß ich eine Viertelstunde zugeben. Ich kann indessen, wenn ich mich nicht in der Richtung getäuscht habe, jetzt nicht mehr fern von der Insel Tiboulen sein. Wenn ich mich aber getäuscht hätte?

Ein Schauer durchlief den Körper des Schwimmers. Er suchte sich einen Augenblick auf den Rücken zu legen, um auszuruhen, aber das Meer wurde immer heftiger, und er sah, daß dieses Erleichterungsmittel, auf das er gerechnet hatte, unmöglich war.

Nun gut! sagte er, ich werde bis ans Ende aushalten, bis meine Arme nachlassen und meine Beine erstarren; dann sinke ich auf den Grund.

Und er schwamm wieder mit der Kraft und dem Antriebe der Verzweiflung. Plötzlich kam es ihm vor, als ob der bereits dunkle Himmel sich noch mehr verdüsterte, und als ob eine dichte, schwere, gedrängte Wolke sich auf ihn herabsenkte. Zu gleicher Zeit fühlte er einen heftigen Schmerz am Knie, er streckte die Hand aus und berührte die Erde. Nun sah er, was der Gegenstand war, den er für eine Wolke gehalten hatte. Zwanzig Schritte vor ihm stieg eine Felsenmasse empor, es war die Insel Tiboulen.

Dantes fühlte Land unter seinen Füßen, er machte ein paar Schritte vorwärts und streckte sich mit unsäglichem Dank gegen Gott auf den Granitkanten aus, die ihm zu dieser Stunde weicher schienen, als ihm je das weichste Bett vorgekommen war. Dann entschlummerte er, trotz des Windes, trotz des Sturmes, trotz des beginnenden Regens, völlig erschöpft durch die Anstrengung, und versank in den köstlichen Schlaf eines Menschen, dessen Körper erstarrt, dessen Seele aber im Bewußtsein eines unerwarteten Glückes fortglüht. Nach einer Stunde erwachte Edmond wieder unter dem ungeheuren Krachen des Donners; der Sturm war entfesselt und peitschte die Luft mit seinem geräuschvollen Flügelschlage. Dantes hatte sich mit seinem Seemannsblicke nicht getäuscht; er war wirklich auf der Insel Tiboulen gelandet; er wußte aber auch, daß sie kahl und öde war und nicht den geringsten Zufluchtsort bot. Nach Beendigung des Sturmes wollte er sich daher wieder in die See werfen und nach der zwar ebenfalls unfruchtbaren, aber viel größeren und deshalb gastlicheren Insel Lemaire schwimmen. Ein überhängender Fels bot ihm augenblicklichen Schutz: er flüchtete sich darunter, und beinahe gleichzeitig brach der Sturm in seiner ganzen Wut los. Edmond fühlte, wie der Fels zitterte, der ihn beschirmte; am Fuße der riesigen Pyramide sich brechend, sprangen die Wellen bis zu ihm herauf. Obgleich in Sicherheit, wurde er bei dem furchtbaren Tosen und den blendenden Blitzen von einer Art Schwindel ergriffen; nun erinnerte er sich auch, daß er seit 24 Stunden nichts gegessen, er hatte Hunger, er hatte Durst. Er streckte daher die Hände und den Kopf aus und trank das Wasser des Sturmes aus der Höhlung des Felsen.

Als er sich erhob, beleuchtete ein Blitz den weiten Raum. Bei dessen Schimmer sah Dantes zwischen der Insel Lemaire und dem Cap Croiselle, eine Viertelstunde entfernt, ein kleines Fischerfahrzeug erscheinen, das zugleich vom Sturme und der Woge fortgerissen wurde. Eine Sekunde nachher erschien das Schiff, mit furchtbarer Geschwindigkeit sich nähernd, auf dem Gipfel einer zweiten Welle. Gleichzeitig vernahm er ein furchtbares Krachen, und Todesgeschrei erreichte sein Ohr. Dann versank alles in Nacht. Nach und nach legte sich der Wind, der Himmel wälzte gegen Westen große graue Wolken; die dunkle Himmelsbläue erschien wieder mit Sternen, die heller funkelten als je; bald zeigte gegen Osten ein langer rötlicher Streifen am Horizont das Nahen des Morgens.

Dantes blieb unbeweglich und stumm vor diesem großen Schauspiel, als erblickte er es zum ersten Male – er hatte es in der Tat seit der Zeit, daß er im Kastell If war, nicht wieder gesehen. Es mochte ungefähr fünf Uhr sein, und das Meer beruhigte sich immer mehr. In zwei bis drei Stunden, sagte Edmond zu sich selbst, wird der Schließer in mein Zimmer kommen, den Leichnam meines armen Freundes finden, ihn erkennen, mich vergebens suchen und Lärm machen. Dann wird man das Loch in der Wand finden; man wird die Menschen befragen, die mich ins Meer schleuderten und die den Schrei, den ich ausstieß, hören mußten. Sobald die Barken mit bewaffneten Soldaten gefüllt sind, werden sie dem unglücklichen Flüchtling nachsetzen, da man wohl weiß, daß er nicht fern sein kann. Die Kanone wird der ganzen Küste Nachricht geben, daß man einem Menschen, der nackt und ausgehungert umherirrt, keine Zufluchtsstätte geben soll. Was soll dann aus mir werden? Ich hungere, ich friere, ich habe alles, selbst das rettende Messer, das mir im Schwimmen hinderlich war, weggeworfen; ich bin der Gnade des nächsten Bauern preisgegeben, der durch meine Auslieferung zwanzig Franken verdienen möchte; ich besitze weder Kraft, noch einen Gedanken, noch Entschlossenheit mehr.

In dem Augenblick, wo Edmond in völliger geistiger wie körperlicher Erschöpfung seinen Blick angstvoll dem Schlosse If zuwendete, sah er an der Spitze der Insel Pomègue ein lateinisches Segel vom Horizont sich abheben und ein kleines Fahrzeug erscheinen, in dem nur das Auge eines Seemanns eine genuesische Tartane auf der noch dunkeln Linie des Meeres zu erkennen vermochte. Sie kam aus dem Marseiller Hafen und gewann das offene Meer.

Oh! rief Edmond, wenn ich bedenke, daß ich in einer halben Stunde dieses Schiff erreichen könnte, befürchtete ich nicht, als Flüchtling erkannt und nach Marseille zurückgeführt zu werden! Was soll ich tun? Was soll ich sagen? Welche Fabel soll ich erfinden, mit der ich Glauben fände? Meist sind das Schleichhändler, halbe Piraten. Unter dem Vorwande der Küstenschiffahrt treiben sie Seeräuberei; sie werden mich lieber verkaufen als eine für sie nutzlose, wenn auch gute Handlung ausführen. Ich will warten . . . Doch das Warten ist etwas Unmögliches; ich sterbe vor Hunger, in ein paar Stunden wird das Wenige, was mir von Kraft übrig geblieben ist, vollends verschwunden sein. Überdies naht die Stunde des Besuchs, man hat noch nicht Lärm gemacht. Vielleicht haben die Leute keinen Argwohn; ich kann mich für einen von den Matrosen des kleinen Schiffes ausgeben, das in der Nacht gescheitert ist. Das klingt nicht unwahrscheinlich; keiner wird zurückkehren, um mir zu widersprechen, denn das Meer hat sie alle verschlungen.

Während Dantes diese Worte sprach, wandte er die Augen nach der Stelle, wo das kleine Schiff zerschellt war, und erbebte. Am Rande eines Felsens war die phrygische Mütze eines der schiffbrüchigen Matrosen hängen geblieben, und nahe dabei schwammen einige Trümmer des Kiels, träge Balken, die das Meer an den Fuß der Insel warf. Dantes' Entschluß war auf der Stelle gefaßt, er bedeckte sich den Kopf mit der Mütze, warf sich in die See, ergriff einen von den Balken und wandte sich, um in die Fahrtlinie des Schiffes zu gelangen.

Nun bin ich gerettet, murmelte er.

Indessen näherten sich Schiff und Schwimmer einander unmerklich. Da erhob sich Dantes aus den Wellen und bewegte seine Mütze als Notzeichen, aber niemand bemerkte ihn auf dem Schiffe. Er wollte rufen, erkannte jedoch, als er mit dem Auge die Entfernung maß, daß seine Stimme nicht bis zum Schiffe gelangen konnte. Er wünschte sich nun Glück, daß er so vorsichtig gewesen war, sich auf einem Balken auszustrecken. Geschwächt, wie er war, hätte er sich vielleicht nicht auf dem Meere halten können, bis er die Tartane erreicht hatte; und fuhr die Tartane vorüber, ohne ihn zu sehen, so wäre er nicht im stande gewesen, die Küste zu gewinnen. Obgleich des Weges beinahe gewiß, den das Schiff verfolgte, begleitete es Dantes doch angstvoll mit seinen Augen bis zu der Minute, wo es nur noch einige hundert Meter entfernt war. Sogleich erhob er sich nun mit äußerster Anstrengung, daß er beinahe auf dem Wasser stand, bewegte seine Mütze in der Luft und schrie laut um Hilfe.

Diesmal hörte und sah man ihn. Die Tartane unterbrach ihren Lauf und drehte nach seiner Seite; zu gleicher Zeit bemerkte er, daß man eine Schaluppe ins Meer ließ. Einen Augenblick nachher steuerte die Schaluppe, mit zwei Matrosen bemannt, auf ihn zu. Dantes ließ nun den Balken los, dessen er nicht mehr zu bedürfen glaubte, und schwamm kräftig, um denen, die ihm entgegenkamen, den halben Weg zu ersparen. Der Schwimmer hatte indessen seinen Kräften zuviel zugemutet, seine Arme fingen an, steif zu werden, seine Beine hatten ihre Biegsamkeit verloren, seine Bewegungen wurden hart, seine Brust keuchte. Er stieß einen zweiten Schrei aus, die Ruderer verdoppelten ihre Tätigkeit, und einer von ihnen rief ihm italienisch »Mut!« zu. Das Wort drang in dem Augenblick zu ihm, als eine Woge, die er zu überwältigen nicht mehr Kraft hatte, über seinen Kopf hinging und ihn mit Schaum bedeckte.

Er erschien wieder, stieß einen dritten Schrei aus und fühlte, wie er untersank, als hätte er noch die tödliche Kugel am Fuße. Das Wasser ging über seinen Kopf, und durch die Wellen sah er den bleifarbigen Himmel mit schwarzen Flecken. Ein gewaltiger Ruck brachte ihn auf die Oberfläche zurück. Es kam ihm vor, als ob man ihn bei den Haaren faßte, dann sah und hörte er nichts mehr; er war ohnmächtig. Als er die Augen wieder öffnete, lag er auf dem Verdeck der Tartane Amalie, die ihren Weg fortsetzte. Er achtete vor allem auf die Richtung, die sie verfolgte; man entfernte sich immer mehr vom Schlosse If.

Dantes war so erschöpft, daß der Ausruf der Freude, den er von sich gab, für einen Schmerzensseufzer gehalten wurde; ein Matrose rieb ihm die Glieder mit einer wollenen Decke; ein anderer schob ihm die Mündung einer Kürbisflasche durch die Lippen; ein dritter, ein alter Seemann, der zugleich der Patron war, schaute ihn mitleidig an. Einige Tropfen Rum aus der Flasche belebten den geschwächten Magen des jungen Mannes, während die Reibungen, die der vor ihm knieende Matrose mit der Wolldecke an seinem Körper fortsetzte, seinen Gliedern wieder Geschmeidigkeit verliehen.

Wer seid Ihr? fragte in schlechtem Französisch der Patron.

Ich bin ein maltesischer Matrose, antwortete Dantes in schlechtem Italienisch; wir kommen von Syrakus und hatten Wein geladen. Der Sturm heute nacht überfiel uns bei Kap Morgiou, und wir scheiterten an den Felsen, die ihr dort seht; ich klammerte mich glücklicherweise daran an, während sich unser armer Kapitän den Kopf zerschellte. Ich bin, glaube ich, allein am Leben geblieben; ich sah euer Schiff, befürchtete, zu lange auf der einsamen Insel warten zu müssen, und suchte auf einem Trümmerstück unseres Fahrzeuges zu euch zu gelangen. Ich denke, daß ihr mir das Leben gerettet habt; ich wäre verloren gewesen, wenn mich nicht einer von euch bei den Haaren gefaßt hätte.

Das war ich, sagte ein Matrose mit treuherzigem, von einem langen schwarzen Barte umrahmten Gesichte, und es war Zeit, denn Ihr sankt unter.

Ja, sagte Dantes, ihm die Hand reichend, ja, mein Freund, und ich danke Euch zum zweitenmale.

Meiner Treu! versetzte der Matrose, ich zögerte fast; mit Eurem sechs Zoll langen Barte und Euren fußlangen Haaren sahet Ihr eher aus wie ein Räuber, als wie ein ehrlicher Mann.

Dantes erinnerte sich nunmehr, daß er sich seit seinem Aufenthalt im Schlosse If weder die Haare geschnitten noch rasiert hatte.

Ja, sagte er, ich habe in einem Augenblick der Gefahr der heiligen Jungfrau ein Gelübde getan, mir zehn Jahre lang weder die Haare noch den Bart zu schneiden.

Was sollen wir nun mit Euch machen? fragte der Patron.

Ach! was Ihr wollt. Die Feluke, zu der ich gehörte, ist verloren, der Kapitän ist tot. Ich bin demselben Schicksale entgangen, aber wie Ihr seht, völlig nackt. Zum Glück versteh' ich das Schifferhandwerk. Setzt mich im nächsten besten Hafen ab, wo Ihr vor Anker geht, und ich werde auf einem Handelsschiffe Beschäftigung finden.

Ihr kennt das mittelländische Meer?

Ich fahre darauf seit meiner Kindheit.

Ihr wißt, wo gute Ankerplätze zu finden sind?

Es gibt wenige Häfen, selbst unter den schwierigsten, wo ich nicht mit geschlossenen Augen aus- und einfahren könnte.

Sagt, Patron, sagte der Matrose, der Dantes Mut zugerufen hatte, warum soll der Kamerad nicht bei uns bleiben, wenn er die Wahrheit spricht?

Ja, wenn er die Wahrheit spricht, erwiderte der Patron mit einer Miene des Zweifels; aber in dem Zustande, in dem sich der arme Teufel befindet, verspricht man viel und hält dann eben gerade, was man kann.

Ich werde mehr halten, als ich versprochen habe.

Oh! oh! rief der Patron lachend, wir werden sehen.

Wann Ihr wollt, sagte Dantes aufstehend. Wohin fahrt Ihr?

Nach Livorno.

Warum preßt Ihr nicht, statt Schläge zu tun, wobei Ihr eine kostbare Zeit verliert, ganz einfach den Wind so fest als möglich?

Weil wir gerade auf die Insel Rion zulaufen würden.

Ihr kommt auf mehr als zwanzig Faden daran vorbei.

So nehmt das Steuerruder, sagte der Patron, und wir werden bald sehen, was Ihr versteht.

Der junge Mann setzte sich an das Steuerruder, überzeugte sich durch einen leichten Druck, daß das Schiff gehorsam war, und rief: An die Brassen und Boleinen.

Die vier Matrosen, welche die Mannschaft bildeten, liefen an ihre Posten, während ihnen der Patron zuschaute.

Holt an! fuhr Dantes fort.

Dieser Befehl wurde ausgeführt, und statt mit Schlägen fortzulaufen, rückte das kleine Schiff gegen die Insel Rion vor, an der es, wie Dantes vorhergesagt hatte, vorüberkam, indem es dieselbe zwanzig Faden vom Steuerbord ließ.

Bravo! riefen der Kapitän und die Matrosen.

Und alle schauten verwundert diesen Mann an, dessen Blick wieder eine Energie und dessen Körper wieder eine Kraft erfüllte, die keiner in ihnen vermutet hatte.

Ihr seht, sagte Dantes, das Steuerruder loslassend, daß ich Euch auf der Fahrt wenigstens zu etwas nütze sein könnte; wollt Ihr mich in Livorno nicht behalten, nun, so laßt Ihr mich dort, und von meinen ersten Monaten Sold entschädige ich Euch für meine Kost bis dahin und für die Kleider, die Ihr mir leiht.

Gut! gut! versetzte der Patron. Die Sache läßt sich machen, wenn Ihr nicht zu viel verlangt; doch nun, Jacopo, gebt dem Manne Kleider!

Der Matrose, der Dantes das Leben gerettet hatte, schlüpfte durch die Luke hinab und kam in einem Augenblick mit Hemd und Hose zurück, die Dantes mit unbeschreiblicher Freude anzog.

Braucht Ihr noch etwas? fragte der Patron.

Ein Stück Brot und noch einen Schluck von dem vortrefflichen Rum, den ich gekostet, denn ich habe lange nichts zu mir genommen.

Man brachte Dantes ein Stück Brot, und Jacopo reichte ihm die Flasche.

Halt, fragte der Patron, was ist im Kastell If los?

Eine kleine weiße Wolke war soeben an der südlichen Bastei des Kastells sichtbar geworden, und eine Sekunde nachher erstarb der Lärm eines entfernten Knalles an Bord der Tartane. Die Matrosen schauten einander an.

Es wird ein Gefangener in dieser Nacht entwichen sein, und man feuert die Lärmkanone ab, sagte Dantes.

Der Patron warf dem jungen Mann, der die Kürbisflasche an den Mund gesetzt hatte, einen prüfenden Blick zu; aber er sah ihn den Trank mit solcher Ruhe schlürfen, daß er keinen Verdacht hegte.

Euer Rum ist teufelmäßig stark, sagte Dantes, mit dem Hemdärmel seine von Schweiß triefende Stirn abtrocknend.

Ist er es, murmelte der Kapitän, ihn anschauend, desto besser, ich habe in jedem Fall einen tüchtigen Mann bekommen.

Unter dem Vorwande der Müdigkeit bat Dantes, sich ans Steuerruder setzen zu dürfen. Sehr erfreut, seiner Funktionen überhoben zu sein, fragte der Ruderführer den Patron mit dem Auge, und dieser bedeutete ihm durch ein Zeichen, er könne den Helmstock seinem neuen Gefährten übergeben.

Den wievielten haben wir? fragte Dantes Jacopo, der sich zu ihm gesetzt hatte.

Den 28. Februar, antwortete dieser.

Und welches Jahr? fragte Dantes.

Welches Jahr? Ihr fragt, welches Jahr wir haben?

Was wollt Ihr, sagte Dantes, ich habe diese Nacht eine solche Angst ausgestanden, daß mein Gedächtnis noch völlig gestört ist.

Das Jahr 1829, sagte Jacopo.

Es waren auf den Tag vierzehn Jahre, daß man Dantes verhaftet hatte. Mit neunzehn Jahren war er in das Kastell If gekommen, und er verließ es mit dreiunddreißig Jahren. Ein schmerzliches Lächeln zog über seine Lippen hin; er fragte sich, was aus Mercedes während dieser Zeit, wo sie ihn hatte für tot halten müssen, geworden sei. Dann entzündete sich ein Blitz des Hasses in seinen Augen, indem er an die drei Menschen dachte, denen er eine so lange und grausame Gefangenschaft zu verdanken hatte, und er erneuerte gegen Danglars, Fernand und Villefort den Schwur unversöhnlicher Rache, den er im Gefängnis geleistet hatte; und sein Schwur war jetzt keine leere Drohung mehr, denn zu dieser Stunde hätte der beste Schnellsegler im Mittelländischen Meer sicherlich die kleine Tartane nicht mehr einholen können, die mit voller Kraft nach Livorno fuhr.

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