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Der Graf von Monte Christo. Erster Band.

Alexandre Dumas (der Ältere): Der Graf von Monte Christo. Erster Band. - Kapitel 11
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDer Graf von Monte Christo. Erster Band.
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
illustratorFritz Bergen
translatorMax Pannwitz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Der korsische Werwolf.

Drei Tage nach Villeforts Abreise saß König Ludwig XVIII. in einem Salon der Tuilerien und hörte ungläubig auf die Erzählungen des Herzogs von Blacas, der ihn vergeblich davon zu überzeugen suchte, daß sich im Süden Frankreichs etwas Geheimnisvolles vorbereite, daß er vermute, ja fast gewiß sei, Napoleon wolle von Elba entfliehen. Alle diese Nachrichten habe er von einem Boten, der soeben erst von Marseille eingetroffen sei. Aber der König wollte von alledem nichts hören und las dem mißtrauischen Höfling einen erst am selben Morgen vom Polizeiminister Dandré eingelaufenen Bericht über Napoleons Leben und Treiben auf Elba vor. Darin wurde der Kaiser als krank, melancholisch und vollständig harmlos dargestellt. Endlich gelang es dem Herzog, die Aufmerksamkeit des Königs dadurch zu erregen, daß er sagte, sein Gewährsmann aus Marseille sei Herr von Villefort. Der König, der Villefort als einen ehrgeizigen, durchaus ergebenen Royalisten kannte, gab endlich seine Einwilligung, diesen zu empfangen.

Als Villefort eintrat, redete ihn Ludwig XVIII. gnädig an und fragte, ob denn die Sache wirklich so ernst sei, wie man ihm vorrede.

Sire, sagte Villefort, sich verbeugend, ich halte die Sache für sehr dringend; aber bei der Eile, die ich angewendet habe, scheint mir das Übel nicht unüberwindlich.

Berichten Sie, bitte, ausführlicher, sagte der König, den selbst die Aufregung zu ergreifen begann, die Herrn von Blacas' Gesicht verstört hatte und Villeforts Stimme beben ließ. Sprechen Sie und holen Sie von Anfang aus; ich liebe in allen Dingen die Ordnung.

Sire, ich bin so rasch als möglich nach Paris gereist, um Eurer Majestät mitzuteilen, daß ich keins von den gewöhnlichen und nichtssagenden Komplotten, wie sie täglich im Volke und in der Armee angezettelt werden, sondern eine wirkliche Verschwörung entdeckt habe, die nichts weniger als den Thron Eurer Majestät bedroht. Sire, der Usurpator bemannt drei Schiffe. Er beabsichtigt die Ausführung eines vielleicht wahnsinnigen Planes, der jedoch furchtbar ist, so wahnsinnig er auch sein mag. Zu dieser Stunde muß er die Insel Elba verlassen haben, sicherlich, um eine Landung in Neapel, an der toskanischen Küste oder gar in Frankreich zu versuchen. Eurer Majestät ist es nicht unbekannt, daß der Souverän der Insel Elba Verbindungen mit Italien und Frankreich unterhalten hat.

Ja, ich weiß es, sagte der König sehr bewegt, und noch kürzlich hat man entdeckt, daß bonapartistische Versammlungen in der Rue Saint-Jacques stattgefunden haben. Doch fahren Sie fort, ich bitte Sie! Woher wissen Sie diese einzelnen Umstände?

Sire, aus einem Verhöre, dem ich einen Schiffer aus Marseille unterworfen habe; ich überwachte ihn seit langer Zeit und ließ ihn am Tage meiner Abreise verhaften. Dieser Mensch, ein unruhiger, des Bonapartismus verdächtiger Seemann, war insgeheim auf der Insel Elba; er hat dort den Großmarschall gesehen, von dem er mit einer mündlichen Botschaft für einen Bonapartisten in Paris beauftragt wurde, dessen Namen zu nennen ich ihn nicht bewegen konnte. Die Botschaft bestand aber darin, der Bonapartist solle die Geister auf eine Rückkehr vorbereiten, die unfehlbar demnächst stattfinden werde.

Eine Verschwörung, antwortete Ludwig XVIII. lächelnd, ist jetzt leicht anzuspinnen, aber schwer zum Ziele zu führen; seit zehn Monaten verdoppeln meine Minister ihre Wachsamkeit, um die Ufer des Mittelländischen Meeres vor jeder Gefahr zu bewahren. Stiege Bonaparte in Neapel ans Land, so wäre der ganze Bund auf den Beinen, ehe er Piombino erreicht hätte. Landete er in Toskana, so würde er den Fuß auf feindliches Gebiet setzen; erreichte er französischen Boden, so geschieht das mit einer Handvoll Menschen, und wir werden leicht mit ihm fertig werden. Beruhigen Sie sich also, mein Herr, rechnen Sie aber darum nicht minder auf meine königliche Dankbarkeit!

Ah! hier ist Herr Dandré, rief der Graf von Blacas.

In diesem Augenblick erschien wirklich auf der Türschwelle der Polizeiminister, bleich, zitternd, mit irrenden Blicken. Villefort machte einen Schritt, um sich zu entfernen, aber ein Händedruck des Herrn von Blacas hielt ihn zurück.

Einer übermächtigen Verzweiflung nachgebend, war der Polizeiminister im Begriff, sich Ludwig XVIII. zu Füßen zu werfen, aber dieser wich, die Stirn faltend, zurück und sagte: Werden Sie wohl sprechen?

Oh! Sire, welch ein furchtbares Unglück, nie werde ich mich mehr zu trösten wissen! – Der Usurpator hat am 26. Februar die Insel Elba verlassen und ist am 1. März gelandet.

Wo? In Italien? fragte rasch der König.

In Frankreich, Sire, in einem kleinen Hafen bei Antibes, im Golf Juan.

Der Usurpator ist in Frankreich, 250 Meilen von Paris, am 1. März gelandet, und Sie erfahren dies erst heute, am 3. März? . . . Ei, mein Herr, was Sie mir da sagen, ist unmöglich; entweder hat man Ihnen einen falschen Bericht erstattet, oder Sie sind ein Narr.

Ach! Sire, es ist nur zu wahr!

Ludwig XVIII. machte eine Gebärde des Zorns und Schreckens und richtete sich hoch auf, als ob dieser unvorhergesehene Schlag ihn tief ins Herz getroffen hätte. In Frankreich! rief er, der Usurpator in Frankreich! Man bewachte also diesen Menschen nicht? Doch, wer weiß, man war vielleicht mit ihm einverstanden.

Oh! Sire! rief der Herzog von Blacas, einen Mann, wie Herrn Dandré, kann man eines solchen Verrates nicht anklagen. Sire, wir waren alle blind, und der Polizeiminister hat nur diese allgemeine Blindheit geteilt.

Aber . . . sprach Villefort, dann plötzlich innehaltend, ah! . . . Vergebung . . . Sire! sagte er, sich verbeugend, mein Eifer reißt mich fort . . . Eure Majestät wolle mir gnädig verzeihen.

Sprechen Sie, mein Herr, sprechen Sie offen, sagte Ludwig XVIII. Sie allein haben das Übel vorhergesehen. Helfen Sie mir ein Mittel dagegen zu suchen.

Sire, sagte Villefort, der Usurpator ist im Süden verhaßt; man kann leicht die Provence gegen ihn aufbringen.

Ja, allerdings, sagte der Minister, aber wenn er durch Gap und Sisteron vorrückt? . . .

Er rückt vor! rief Ludwig XVIII., er marschiert also gegen Paris! Der Polizeiminister beobachtete ein Stillschweigen, das dem vollständigsten Zugeständnisse gleichkam.

Und die Dauphiné, Herr von Villefort, fragte der König, glauben Sie, daß man sie, wie die Provence, zur Schilderhebung bringen kann?

Sire, es tut mir leid. Eurer Majestät eine grausame Wahrheit sagen zu müssen; aber der Geist der Dauphiné ist bei weitem nicht so gut und verläßlich wie der der Provence und der Languedoc. Die Bergbewohner sind Bonapartisten, Sire.

Er war also gut unterrichtet, murmelte Ludwig XVIII. Und wieviel Mann hat er bei sich?

Sire, ich weiß es nicht, sagte der Polizeiminister.

Wie, Sie wissen es nicht? Sie haben vergessen, über diesen Umstand Erkundigungen einzuziehen? Er ist allerdings von geringer Bedeutung, fügte er mit niederschmetterndem Lachen bei.

Sire, ich konnte hierüber nichts erfahren. Die Depesche brachte nur die Nachricht vom Landen des Usurpators und von dem Wege, den er eingeschlagen hat.

Ludwig XVIII. machte einen Schritt vorwärts und kreuzte die Arme, wie es Napoleon getan hatte.

Also, sagte er, vor Zorn erbleichend, also sieben verbündete Heere haben diesen Mann gestürzt, ein Wunder des Himmels hat mich nach 25jähriger Verbannung auf den Thron meiner Väter gesetzt, damit nun, da ich ans Ziel meiner Wünsche gelangt bin, eine Gewalt, die ich in meinen Händen hielt, losbreche und mich niederwerfe! – Was unsere Feinde von uns sagen, ist also wahr: Nichts gelernt und nichts vergessen! Wenn ich noch verraten wäre, wie er, wollte ich mich trösten; aber mitten unter Leuten zu sein, die durch mich zu ihren Würden erhoben worden sind und sorgfältiger über mich wachen sollten, als über sich selbst! Denn mein Glück ist das ihrige; vor mir waren sie nichts, nach mir werden sie nichts sein. Elend umkommen durch Unfähigkeit, durch Albernheit, das ist schauderhaft!

Der Minister stand wie gebeugt unter diesem furchtbaren Anathem. Herr von Blacas trocknete sich seine mit Schweiß bedeckte Stirn. Villefort lächelte in seinem Innern im Gefühl seiner steigenden Bedeutung.

Fallen, fuhr Ludwig XVIII. fort, der mit dem ersten Blicke den Abgrund ermessen hatte, an dem die Monarchie stand. Oh, ich wollte lieber auf das Blutgerüst meines Bruders, Ludwigs XVI., treten, als so die Treppe der Tuilerien hinabsteigen, vertrieben durch die Lächerlichkeit . . . Kommen Sie her, Herr von Villefort! fuhr der König fort, sich an den jungen Mann wendend, der unbeweglich im Hintergrunde den Gang dieses Gespräches verfolgt hatte. Kommen Sie her und sagen Sie diesen Herrn, daß man zum voraus alles wissen konnte, was er nicht gewußt hat.

Sire, es war unmöglich, die Pläne zu erraten, die dieser Mann vor aller Welt verbarg.

Unmöglich! Das ist ein großes Wort. Leider gibt es große Worte, wie es große Männer gibt; ich hab' es erfahren! Unmöglich für einen Minister, der eine Verwaltung, Büros, Agenten und fünfzehnmal hunderttausend Franken geheime Fonds hat, zu wissen, was sechzig Meilen von Frankreichs Grenzen vorgeht? Hier steht ein Herr, der über keines von diesen Mitteln zu verfügen hatte, ein einfacher Beamter, der mehr wußte, als Sie mit Ihrer ganzen Polizei, der meine Krone gerettet haben würde, hätte er wie Sie einen Telegraphen zur Verfügung gehabt.

Der Blick des Polizeiministers richtete sich mit dem Ausdrucke des tiefsten Ärgers auf Villefort, der das Haupt mit der Bescheidenheit des Triumphators neigte.

Ich sage dies nicht mit Bezug auf Sie, Blacas, fuhr Ludwig XVIII. fort, denn wenn Sie auch nichts entdeckten, so waren Sie doch wenigstens so gescheit, in Ihrem Argwohn zu verharren; ein anderer als Sie würde vielleicht Villeforts Enthüllung gänzlich mißachtet haben.

Villefort suchte dem Minister zu Hilfe zu kommen. Ein anderer hätte sich durch die Trunkenheit des Lobes hinreißen lassen; aber er befürchtete, sich den Polizeiminister zum unversöhnlichen Feinde zu machen, wenn er auch fühlte, daß dieser seine Rolle bald ausgespielt hatte. Der Minister, der im vollsten Besitze seiner Macht nicht hinter Napoleons Umtriebe gekommen war, konnte doch vielleicht in den Zuckungen seines Todeskampfes Villeforts Geheimnis durchdringen; er brauchte ja nur Dantes zu befragen. Villefort kam also dem Minister zu Hilfe, statt ihn vollends niederzudrücken, und sagte: Sire, der rasche Gang des Ereignisses beweist, daß Gott allein es verhindern konnte. Was Eure Majestät als die Wirkung tiefen Scharfsinns meinerseits betrachtet, habe ich ganz einfach dem Zufalle zu verdanken; als ergebener Diener benutzte ich diesen Zufall und nichts weiter. Bewilligen Sie nur nicht mehr, als ich verdiene, Sire, und geben Sie nicht einem ersten überschwenglichen Gedanken nach.

Der Polizeiminister dankte dem jungen Mann mit einem beredten Blicke, und Villefort begriff, daß ihm sein Plan gelungen war, das heißt, daß er, ohne die Dankbarkeit des Königs zu verlieren, sich einen Freund gemacht hatte, auf den er kommendenfalls zählen konnte.

Es ist gut, sagte der König. Und nun, meine Herren, fuhr er, sich an Herrn von Blacas und den Polizeiminister wendend, fort, ich bedarf Ihrer jetzt nicht mehr; Sie können sich entfernen. Was noch zu tun ist, geht den Kriegsminister an.

Zum Glück, Sire, können wir auf die Armee zählen, sagte Herr von Blacas. Eure Majestät wissen, wie sehr sie nach allen Berichten der Regierung ergeben ist.

Sprechen Sie mir nicht von Berichten! Ich weiß nun, welches Vertrauen man ihnen schenken darf. Doch ich halte Sie nicht länger zurück, Herr von Villefort, Sie müssen von der langen Reise müde sein, ruhen Sie aus! Im übrigen seien Sie überzeugt, daß ich Ihre Dienste nicht vergessen werde.

Sire, die Güte, die mir Eure Majestät erweisen, ist eine Belohnung, die alle meine Wünsche in so hohem Grade übersteigt, daß ich nichts mehr zu fordern habe.

Gleichviel, mein Herr, wir werden Sie nicht vergessen, seien Sie unbesorgt. Inzwischen – der König machte das Kreuz der Ehrenlegion los, das er gewöhnlich neben dem St. Ludwigs-Kreuze trug, und gab es Villefort – nehmen Sie dieses Kreuz!

In Villeforts Augen schwamm eine Träne stolzer Freude. Er nahm das Kreuz und küßte es.

Und nun, sagte er, mit welchen Befehlen beehrt mich Eure Majestät?

Gönnen Sie sich die Ruhe, die Ihnen notwendig ist, und bedenken Sie, daß Sie, während es Ihnen an Macht gebricht, mir in Paris zu dienen, in Marseille von dem größten Nutzen für mich sein können.

Sire, antwortete Villefort, sich verbeugend, in einer Stunde werde ich Paris verlassen haben.

Gehen Sie, mein Herr, sagte der König, und sollte ich Sie vergessen, so scheuen Sie sich nicht, Ihren Namen bei mir in Erinnerung zu bringen! Herr Baron, geben Sie Befehl, den Kriegsminister aufzusuchen!

Ah, mein Herr, sagte der Polizeiminister zu Villefort, als sie die Tuilerien verließen. Sie treten durch die weit geöffnete Tür ein, und Ihr Glück ist gemacht.

Auf wie lange? murmelte Villefort, während er sich vor dem Minister, dessen Laufbahn abgeschlossen war, verbeugte. Ein Fiaker kam vorüber, Villefort warf sich in den Wagen und überließ sich seinen ehrgeizigen Träumen. In zehn Minuten hatte er sein Hotel erreicht. Er bestellte Pferde auf zwei Stunden später und befahl ein Frühstück. Als er sich eben zu Tische setzen wollte, erscholl die Glocke. Der Kammerdiener ging hinaus, um zu öffnen, und Villefort hörte eine Stimme seinen Namen aussprechen. Erstaunt fragte sich der junge Mann, wer wohl bereits seine Anwesenheit wissen könne. Der Kammerdiener kam zurück, und Villefort sagte: Nun, wer verlangt nach mir?

Ein Fremder, der seinen Namen nicht nennen will.

Wie sieht er aus?

Es ist ein Mann von fünfzig Jahren, hat schwarze Haare und Augen und trägt einen blauen Rock mit dem Orden der Ehrenlegion.

Er ist es, murmelte Villefort erbleichend.

Ei, bei Gott! sagte der Mann, dessen Signalement soeben gegeben wurde, auf der Schwelle erscheinend, was für Umstände macht man hier! Ist es in Marseille Gewohnheit, daß die Söhne ihre Väter in den Vorzimmern warten lassen?

Mein Vater! rief Villefort, ich täuschte mich also nicht . . . ich vermutete, Sie wären es.

Ah, wenn du es vermutetest, erwiderte der Ankommende, während er seinen Stock in eine Ecke stellte und seinen Hut auf einen Stuhl legte, so erlaube mir, dir zu bemerken, mein lieber Gérard, daß es nicht liebenswürdig von dir ist, mich so warten zu lassen.

Laß uns allein, Germain! sagte Villefort.

Der Bediente entfernte sich mit sichtbaren Zeichen des Erstaunens.

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