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Der Graf von Monte Christo. Dritter Band.

Alexandre Dumas (der Ältere): Der Graf von Monte Christo. Dritter Band. - Kapitel 19
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDer Graf von Monte Christo. Dritter Band.
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
illustratorFritz Bergen
translatorMax Pannwitz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
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Noirtier von Villefort.

Während der eben mitgeteilten Unterredung zwischen Valentine und Maximilian trug sich im Hause des Staatsanwalts folgendes zu. Herr von Villefort trat mit Frau von Villefort bei dem Vater des ersteren ein. Beide setzten sich an die Seite des Greises, nachdem sie ihn begrüßt und Barrois, einen alten Diener, der schon 25 Jahre in seinem Dienste stand, weggeschickt hatten.

Herr Noirtier saß in seinem großen Rollstuhle, auf den man ihn jeden Morgen setzte, einem Spiegel gegenüber, in dem das ganze Zimmer sichtbar war und der dem Greise, ohne daß er eine Bewegung machte, zeigte, wer in sein Zimmer eintrat, wer es verließ und was man um ihn her machte. Unbeweglich wie ein Leichnam, schaute Herr Noirtier mit gescheiten, lebhaften Augen seine Kinder an, deren umständliche Begrüßung ihm irgend einen feierlichen und unerwarteten Schritt verkündigte.

Das Gesicht und das Gehör waren noch die einzigen Sinne, die wie zwei Funken dieses bereits zu drei Vierteln dem Grabe angehörige menschliche Gebilde belebten; und von diesen zwei Sinnen vermochte nur einer nach außen das innere Leben des starren Körpers zu enthüllen, das Auge. Und dieses Auge, welches das innere Leben offenbarte, war einem von jenen fernen Lichtern ähnlich, die in finsterer Nacht dem in der Wüste verirrten Reisenden anzeigen, daß es noch ein Wesen gibt, welches in dieser Stille und in dieser Dunkelheit wacht.

In dem schwarzen Auge des alten Noirtier, das eine schwarze Braue überragte, während all sein Haar, das er lang und auf die Schultern herabhängend trug, weiß war, – in diesem Auge waren die ganze Tätigkeit, die ganze Gewandtheit, die ganze Kraft, der ganze Verstand, die einst in diesem Körper und in diesem Geiste weilten, nunmehr konzentriert. Fehlten auch die Bewegungen des Armes, die Gebärden des Antlitzes, der Ton der Stimme, die Haltung des Körpers, dieses mächtige Auge ersetzte alles; er befahl mit den Augen, er dankte mit den Augen; es war ein Leichnam mit lebendigen Augen, und nichts war ergreifender anzuschauen, als wenn sich zuweilen in diesem Marmorgesichte ein Zorn entzündete oder eine Freude glänzte. Nur drei Personen verstanden die Sprache des armen Gelähmten: Villefort, Valentine und der alte Diener. Da jedoch Villefort nur selten und eigentlich nur, wenn er es nicht umgehen konnte, seinen Vater sah, so beruhte das ganze Glück des Greises auf seiner Enkelin, und Valentine war durch Ergebenheit, Liebe und Geduld dahin gelangt, daß sie alle Gedanken Noirtiers von seinen Augen ablas. Auf seine stumme, für jeden andern unverständliche Sprache antwortete sie mit ihrer ganzen Stimme, mit ihrer ganzen Physiognomie, mit ihrer ganzen Seele, so daß sogar lebensvolle Gespräche zwischen dem Mädchen und dem Mann mit dem ungeheuren Wissen, dem unerhörten Scharfsinne und dem mächtigen Willen stattfinden konnten.

Valentine hatte also das seltsame Problem gelöst, die Gedanken des Greises zu verstehen und ihm ihre Gedanken verständlich zu machen; und infolgedessen kam es nur selten vor, daß sie bei den gewöhnlichen Vorkommnissen des Lebens nicht genau das Verlangen dieser lebendigen Seele oder das Bedürfnis dieses halb unempfindlichen Körpers erraten hätte. Der Diener Barrois kannte alle Gewohnheiten seines Herrn, und Noirtier brauchte nur ausnahmsweise etwas von ihm zu verlangen.

Villefort bedurfte keiner Unterstützung, um mit seinem Vater das seltsame Gespräch anzuknüpfen, das er mit ihm zu führen gedachte, denn auch er kannte, wie gesagt, vollkommen das Wörterbuch des Greises, und wenn er sich desselben nicht häufiger bediente, so geschah dies aus Überdruß oder Gleichgültigkeit. Er ließ also vorher Valentine in den Garten hinabgehen, entfernte Barrois, setzte sich rechts von seinem Vater, während Frau von Villefort ihren Platz zu seiner Linken nahm, und begann: Mein Herr, wundern Sie sich nicht, daß Valentine nicht mit uns heraufgekommen ist, und daß ich Barrois entfernte, denn die Unterredung, die wir untereinander haben werden, kann nicht in Gegenwart eines jungen Mädchens oder eines Dieners stattfinden; Frau von Villefort und ich haben Ihnen eine Mitteilung zu machen.

Noirtiers Gesicht blieb unempfindlich, während Villeforts Auge bis in die tiefste Seele des Greises dringen zu wollen schien.

Diese Mitteilung, fuhr der Staatsanwalt mit dem eisigen Tone fort, der nie einen Widerspruch zuzulassen schien, diese Mitteilung, Frau von Villefort und ich sind fest davon überzeugt, wird Sie erfreuen.

Das Auge des Greises blieb teilnahmlos, er hörte nur.

Mein Herr, sagte Villefort, wir verheiraten Valentine.

Ein Gesicht von Wachs wäre bei dieser Kunde nicht kälter geblieben, als das Gesicht des Greises.

Die Heirat wird binnen drei Monaten stattfinden, fügte Villefort hinzu.

Das Auge des Greises blieb immer gleich leblos.

Frau von Villefort nahm ebenfalls das Wort und sagte hastig:

Wir dachten, diese Mitteilung hätte Interesse für Sie, mein Herr; überdies schien Valentine sich stets Ihrer Zuneigung zu erfreuen; wir haben Ihnen also nur noch den Namen des für sie bestimmten jungen Mannes zu sagen. Es ist eine von den ehrenvollsten Partien, auf die Valentine Anspruch machen kann. Der junge Mann besitzt Vermögen, einen schönen Namen, und sein Benehmen und sein Geschmack bieten die vollkommene Gewähr, daß sie glücklich sein wird. Sein Name kann Ihnen nicht unbekannt sein: es handelt sich um Franz von Quesnel, Baron d'Epinay.

Während der kurzen Rede seiner Frau heftete Villefort einen noch aufmerksameren Blick als zuvor auf den Greis. Sobald Frau von Villefort den Namen Franz aussprach, bebte Noirtiers Auge, das sein Sohn so gut kannte, und ließ einen Blitz hervorleuchten.

Der Staatsanwalt, der mit der früheren politischen Feindschaft, die zwischen seinem Vater und Franzens Vater bestanden hatte, vertraut war, begriff diesen Feuerblick und diese Aufregung; doch er ließ beides scheinbar unbemerkt vorübergehen und nahm die Rede da wieder auf, wo seine Frau abgebrochen hatte.

Mein Herr, sagte er, Sie begreifen, es ist von Wichtigkeit, daß Valentine, die nunmehr ihrem neunzehnten Jahre nahe steht, ihre häusliche Versorgung findet. Nichtsdestoweniger haben wir Sie bei unseren Konferenzen nicht vergessen, und wir haben uns zum voraus vergewissert, daß Valentines Gatte einwilligen würde, wenn nicht bei uns zu leben, was für ein junges Ehepaar vielleicht lästig wäre, wenigstens Sie, den Valentine ganz besonders liebt, und der die gleiche Zuneigung für sie zu besitzen scheint, bei sich aufzunehmen. Dann würden Sie keine von Ihren Gewohnheiten aufzugeben brauchen und statt eines zwei Kinder haben, die über Ihre alten Tage wachten.

Noirtiers Augenblitz wurde gleichsam blutig. Es ging offenbar etwas Furchtbares im Innern des Greises vor, sicherlich stieg ihm der Schrei des Schmerzes und der Wut in die Kehle und erstickte ihn beinahe, da er nicht ausbrechen konnte, denn sein Gesicht wurde purpurrot, und seine Lippen erbleichten.

Villefort öffnete ruhig ein Fenster und sagte: Es ist sehr warm hier, die Wärme bekommt Herrn Noirtier schlecht.

Dann kam er zurück, jedoch ohne sich zu setzen.

Die erwähnte Heirat, fügte Frau von Villefort hinzu, ist Herrn d'Epinay und seiner Familie sehr angenehm; übrigens besteht diese Familie nur aus einem Oheim und einer Tante. Seine Mutter starb in dem Augenblick, wo sie ihn zur Welt brachte, und da sein Vater 1815, das heißt, als das Kind kaum zwei Jahre alt war, ermordet wurde, so braucht er nur dem eigenen Willen zu folgen.

Ein geheimnisvoller Mord, dessen Urheber unbekannt geblieben sind, obgleich der Verdacht sich auf verschiedene lenkte, sagte Villefort.

Noirtier machte eine solche Anstrengung, daß seine Lippen sich wie zu einem Lächeln zusammenzogen.

Die wahren Schuldigen aber, fuhr Villefort fort, diejenigen, die da wissen, daß sie das Verbrechen begangen haben; diejenigen, welche die Gerechtigkeit der Menschen während ihres Lebens und die Gerechtigkeit Gottes nach ihrem Tode treffen kann, sollten glücklich sein, wenn sie sich an unserem Platze befänden und Herrn Franz d'Epinay eine Tochter bieten könnten, um auch den Schein des Verdachtes zu ersticken.

Noirtier hatte sich mit einer Gewalt beruhigt, die man bei dieser gebrochenen Organisation nicht hätte erwarten sollen.

Ja, ich begreife, antwortete er Villefort mit einem Blicke, der zugleich tiefe Verachtung und sittlichen Zorn ausdrückte.

Villefort erwiderte diesen Blick, dessen Inhalt er gelesen hatte, mit einem leichten Achselzucken. Dann bedeutete er seiner Frau durch ein Zeichen, sie möge aufstehen.

Mein Herr, genehmigen Sie nun den Ausdruck meiner Achtung, sagte Frau von Villefort. Erlauben Sie, daß Eduard Ihnen seine Ehrfurcht bezeugt?

Verabredetermaßen drückte der Greis durch ein Schließen der Augen seine Billigung, seine Weigerung durch ein wiederholtes Blinzeln, und irgend einen Wunsch dadurch aus, daß er seine Augen zum Himmel aufschlug. Verlangte er nach Valentine, so schloß er nur das rechte Auge, verlangte er nach Barrois, so schloß er das linke Auge.

Auf Frau von Villeforts Frage blinzelte er heftig.

Als Frau von Villefort den Vorschlag mit einer offenbaren Weigerung aufgenommen sah, kniff sie die Lippen zusammen.

Ich werde Ihnen also Valentine schicken? sagte sie.

Ja, antwortete der Greis, rasch die Augen schließend.

Herr und Frau von Villefort grüßten und entfernten sich mit dem Befehle, Valentine zu rufen, der indessen schon gesagt worden war, sie sollte sich im Verlaufe des Tages bei Herrn Noirtier einfinden.

Kaum hatten sich die Eltern entfernt, so trat Valentine, noch ganz rosig vor Aufregung, bei dem Greise ein. Ein Blick sagte ihr, wie sehr ihr Großvater litt, und wieviel er ihr zu sagen hatte.

Ah, guter Papa, rief sie, was ist denn geschehen? Nicht wahr, man hat dich geärgert, und du bist aufgebracht?

Ja, erwiderte er, die Augen schließend.

Gegen wen? Gegen meinen Vater? Nein. Gegen Frau von Villefort? Nein. Gegen mich?

Der Greis machte ein bejahendes Zeichen.

Gegen mich! versetzte Valentine erstaunt.

Der Greis wiederholte das Zeichen.

Was habe ich dir denn getan, lieber, guter Papa? rief Valentine. – Keine Antwort; sie fuhr fort: Ich habe dich den ganzen Tag nicht gesehen, man hat dir irgend etwas über mich gesagt.

Ja, sagte mit Heftigkeit der Blick des Greises.

Vergebens suche ich zu erraten. Mein Gott! ich schwöre dir, guter Vater . . . Ah! nicht wahr, Herr und Frau Villefort gingen soeben von hier weg?

Ja.

Und sie sind es, welche dir Dinge gesagt haben, die dich ärgern? Was ist es denn? Mein Gott! Was konnten sie dir sagen? Und sie suchte, endlich sagte sie, die Stimme dämpfend und sich dem Greise nähernd. Oh! ich habe es, sie sprachen vielleicht von meiner Verheiratung?

Ja, antwortete der zornige Blick.

Ich begreife, du grollst mir wegen meines Stillschweigens. Oh! siehst du, sie hatten mir so oft eingeschärft, dir nichts davon zu sagen! Sie hätten mir selbst nichts davon gesagt, würde ich es nicht durch einen Zufall selbst erfahren haben; deshalb war ich so zurückhaltend gegen dich. Vergib mir, guter Papa Noirtier!

Wieder starr und ausdruckslos geworden, schien der Blick zu antworten: Es ist nicht allein dein Stillschweigen, was mich betrübt.

Was ist es denn? fragte das junge Mädchen; du glaubst vielleicht, ich würde dich verlassen, guter Vater, meine Heirat könnte mich vergeßlich machen?

Nein, erwiderte der Greis.

Warum bist du dann ärgerlich?

Die Augen des Greises nahmen einen Ausdruck von unendlicher Sanftmut an.

Ja, ich begreife, sagte Valentine, weil du mich liebst.

Der Greis machte ein bejahendes Zeichen.

Und du fürchtest, ich könnte unglücklich werden?

Ja.

Du liebst Herrn Franz nicht?

Seine Augen wiederholten drei- oder viermal: Nein.

Dann bist du wohl sehr bekümmert, lieber Vater?

Ja.

Wohl, so höre, sagte Valentine, vor Noirtier niederknieend und ihre Arme um seinen Hals schlingend. Ich bin auch sehr bekümmert, denn ich liebe Herrn Franz d'Epinay ebenfalls nicht.

Ein Blitz der Freude erleuchtete die Augen des Greises.

Als ich mich ins Kloster zurückziehen wollte, warst du so sehr aufgebracht gegen mich.

Eine Träne befeuchtete das trockene Augenlid Noirtiers.

Nun wohl, fuhr Valentine fort, ich dachte hieran, um dieser Heirat zu entgehen, die mich in Verzweiflung bringt.

Noirtiers Atem wurde keuchend.

Diese Heirat macht dir also großen Kummer, guter Vater? Oh, mein Gott! wenn du mir beistehen könntest, wenn wir beide diesen Plan zu vereiteln vermöchten! Aber du bist ohne Kraft gegen sie, du, dessen Geist doch so lebhaft, dessen Wille noch so fest ist; wenn es sich aber darum handelt, zu kämpfen, so bist du schwach und sogar noch schwächer als ich. Ach! du wärest in den Tagen deiner Kraft und deiner Gesundheit ein so mächtiger Beschützer für mich gewesen; aber heute vermagst du nur noch mich zu begreifen und dich mit mir zu freuen oder zu betrüben; es ist dies ein letztes Glück, das mir Gott mit den andern zu nehmen vergessen hat.

In Noirtiers Augen lag ein solcher Ausdruck von Kraft und Tiefe, daß das junge Mädchen darin die Worte zu lesen glaubte: Du täuschest dich, ich vermag noch viel für dich.

Du vermagst noch etwas für mich, lieber, guter Papa?

Ja.

Noirtier schlug die Augen zum Himmel auf. Dies war das zwischen ihm und Valentine verabredete Zeichen, wenn er etwas wünschte.

Was willst du, lieber, guter Papa?

Valentine suchte einen Augenblick in ihrem Geiste, drückte laut ihre Gedanken aus, wie sie ihr hintereinander kamen, und als sie sah, daß der Greis auf alles, was sie sagen mochte, beständig: Nein! antwortete, rief sie: Wohl, wir müssen zu den großen Mitteln greifen, da ich so dumm bin.

Dann sagte sie hintereinander alle Buchstaben des Alphabets her vom A bis zum N, während ihr Lächeln das Auge des Gelähmten befragte; beim N machte Herr Noirtier ein bejahendes Zeichen.

Ah! sagte Valentine, die Sache, die du begehrst, fängt mit dem Buchstaben N an; laß einmal sehen, na, ne, ni, no . . .

Ja, ja, ja, machte der Greis.

Ah, es ist no.

Valentine holte ein Wörterbuch, das sie vor Noirtier legte; sie öffnete es, und während das Auge des Greises auf die Blätter geheftet war, lief ihr Finger rasch auf den Seiten herab.

Die Übung seit den sechs Jahren, da Noirtier in seinen betrübten Zustand verfallen, machten ihr die Proben so leicht, daß sie so rasch den Gedanken des Greises erriet, als hätte dieser selbst in dem Wörterbuch suchen können.

Bei dem Worte Notar gab ihr Noirtier ein Zeichen, einzuhalten.

Notar? sagte sie; du willst einen Notar, guter Papa?

Der Greis machte ein Zeichen, daß er wirklich einen Notar verlange.

Darf es mein Vater wissen?

Ja.

Dann wird man dir ihn sogleich holen!

Valentine lief nach der Glocke, rief einen Bedienten und bat ihn, Herrn oder Frau von Villefort zu dem Großvater zu bitten.

Bist du zufrieden? sagte Valentine und lächelte ihrem Großvater zu, wie eine Mutter ihrem Kinde.

Herr von Villefort trat, von Barrois gerufen, wieder ein.

Was wollen Sie, mein Herr? fragte er den Gelähmten.

Mein Großvater verlangt nach einem Notar, sagte Valentine.

Bei diesem seltsamen und so unerwarteten Verlangen wechselte Herr von Villefort einen Blick mit dem Gelähmten.

Ja, machte der letztere mit einer Festigkeit, die ausdrücken wollte, er sei mit Hilfe von Valentine und seinem alten Diener, der nun wußte, was er haben wollte, bereit, den Kampf aufzunehmen.

Warum? fragte Villefort.

Der Blick des Gelähmten blieb unbeweglich und folglich stumm, was besagen wollte: Ich beharre auf meinem Willen.

Um uns einen schlimmen Streich zu spielen? versetzte Villefort, lohnt sich das der Mühe?

Wenn der gnädige Herr einen Notar haben will, so bedarf er seiner offenbar, sagte Barrois mit der, alten Bedienten eigentümlichen Hartnäckigkeit. Also werde ich einen Notar holen.

Barrois erkannte keinen andern Herrn an, als Noirtier, und gab nie zu, daß seinem Willen in irgend einer Beziehung widersprochen wurde.

Ja, ich will einen Notar, machte der Greis und schloß die Augen mit einer Miene des Trotzes, und als wollte er sagen: Wir wollen doch sehen, ob man es wagt, mir zu verweigern, was ich verlange.

Es wird ein Notar kommen, da Sie es durchaus so haben wollen, mein Herr; doch ich werde mich und Sie bei ihm entschuldigen, denn die Szene wird sehr lächerlich sein.

In dem Augenblick, wo Barrois wegging, schaute Noirtier Valentine mit einer herausfordernden Teilnahme an, die mehr sagte als Worte. Das Mädchen begriff diesen Blick und Villefort ebenfalls, denn seine Stirn verdüsterte sich, und seine Augenbrauen zogen sich zusammen. Er nahm einen Stuhl, setzte sich in dem Zimmer des Gelähmten fest und wartete.

Noirtier ließ ihn mit vollkommener Gleichgültigkeit gewähren, forderte aber mit einem kurzen Seitenblick Valentine auf, sich durchaus nicht zu beunruhigen und ebenfalls zu bleiben.

Drei Viertelstunden nachher kam der Diener mit dem Notar zurück.

Mein Herr, sagte Villefort nach den ersten Begrüßungen, Sie sind von Herrn Noirtier von Villefort hierher berufen worden; eine allgemeine Lähmung hat ihm den Gebrauch der Glieder und der Stimme geraubt, und uns allein gelingt es mit großer Mühe, einige Fetzen seiner Gedanken aufzufassen.

Noirtier ließ mit dem Auge eine so ernste und gebieterische Mahnung an Valentine ergehen, daß Sie auf der Stelle hinzufügte: Ich, mein Herr, verstehe alles, was mein Großvater sagen will.

Es ist wahr, bestätigte Barrois, alles, durchaus alles, wie ich dem Herrn unterwegs sagte.

Erlauben Sie mir, mein Herr, und Sie, mein Fräulein, sagte der Notar, sich an Villefort und Valentine wendend, es ist dies einer von den Fällen, wo der öffentliche Beamte nicht unbedachtsam zu Werke gehen darf, ohne eine gefährliche Verantwortlichkeit zu übernehmen. Wenn ein Akt gültig sein soll, so muß der Notar notwendigerweise vor allem davon überzeugt sein, daß er den Willen dessen, der ihm denselben diktiert, genau aufgefaßt und getreu ausgelegt hat. Ich kann aber unmöglich der Billigung oder der Mißbilligung eines Klienten, der nicht spricht, sicher sein, und da mir der Gegenstand seiner Wünsche oder seines Widerstrebens infolge seiner Stummheit nicht klar dargetan werden kann, so ist meine Tätigkeit hier mehr als unnütz und wäre sogar ungesetzlich ausgeübt.

Der Notar tat einen Schritt, um sich zu entfernen. Ein unmerkliches Lächeln des Triumphes zeigte sich auf den Lippen des Staatsanwaltes. Noirtier aber schaute Valentine mit einem so schmerzlichen Ausdrucke an, daß sie sich dem Notar in den Weg stellte.

Mein Herr, sagte sie, die Sprache, welche ich mit meinem Großvater spreche, läßt sich sehr leicht erlernen; und ich will sie Ihnen in wenigen Minuten begreiflich machen. Was brauchen Sie, mein Herr, um zur vollkommenen Beruhigung Ihres Gewissens zu gelangen?

Sie fragen, was zur Gültigkeit unserer Akte nötig sei? erwiderte der Notar; die Gewißheit der Billigung oder Mißbilligung. Wenn man testieren will, kann man zwar körperlich krank, aber geistig muß man gesund sein.

Wohl, mein Herr, mit zwei Zeichen werden Sie die Gewißheit erlangen, daß sich mein Großvater nie mehr, als jetzt, der Fülle seines Verstandes erfreut. Der Stimme und der Beweglichkeit der Gliedmaßen beraubt, schließt Herr Noirtier die Augen, wenn er ja sagen will, und blinzelt wiederholt, wenn er nein sagen will. Sie wissen nun genug, um mit Herrn Noirtier zu sprechen; versuchen Sie es!

Der Blick, den der Greis Valentine zuwarf, war so voll Zärtlichkeit und Dankbarkeit, daß ihn selbst der Notar begriff.

Sie haben gehört und verstanden, mein Herr, was Ihre Enkelin soeben sagte? fragte der Notar.

Noirtier schloß sacht die Augen und öffnete sie dann bald wieder.

Und Sie billigen, was sie sagte, nämlich, daß die von ihr angegebenen Zeichen wirklich die sind, mit deren Hilfe Sie Ihre Gedanken begreiflich machen?

Ja, machte der Greis.

Sie ließen mich rufen, um Ihr Testament zu machen?

Ja.

Und ich soll mich nicht entfernen, ohne dieses Testament gemacht zu haben?

Der Gelähmte blinzelte lebhaft und wiederholt mit den Augen.

Begreifen Sie nun, fragte das Mädchen, und ist Ihr Gewissen beruhigt?

Doch ehe der Notar antworten konnte, zog ihn Villefort beiseite und sagte zu ihm: Mein Herr, glauben Sie, daß ein Mensch ungestraft einen so furchtbaren körperlichen Schlag, wie ihn Herr Noirtier von Villefort erfahren hat, ertragen könne, ohne daß sein Geist ebenfalls bedenklich angegriffen sein muß.

Das beunruhigt mich nicht so sehr, Herr von Villefort, antwortete der Notar, aber ich frage mich, wie wir dazu gelangen, die Gedanken zu erraten, um Antworten hervorzurufen.

Sie sehen also, daß es unmöglich ist, sagte Villefort.

Valentine und der Greis hörten diese Unterredung mit an. Noirtier heftete seinen Blick so starr und fest auf Valentine, daß er offenbar eine Erwiderung veranlassen wollte.

Mein Herr, sagte sie, lassen Sie sich dadurch nicht beunruhigen! So schwierig es auch ist oder vielmehr scheinen mag, die Gedanken meines Großvaters zu entdecken, so werde ich sie Ihnen doch in einer Weise offenbaren, die jeden Zweifel in dieser Hinsicht benehmen muß. Seit sechs Jahren bin ich bei Herrn von Noirtier, und er mag selbst sagen, ob im Verlauf dieser sechs Jahre einer von seinen Wünschen, weil er ihn mir nicht hätte verständlich machen können, in seinem Herzen begraben geblieben ist.

Nein, bezeichnete der Greis.

Versuchen wir es! sagte der Notar. Sie nehmen das Fräulein zu Ihrem Dolmetscher an?

Der Gelähmte machte ein bejahendes Zeichen.

Wohl; was wünschen Sie, mein Herr, und welcher Akt soll vorgenommen werden?

Valentine nannte alle Buchstaben des Alphabets bis zum Buchstaben T.

Bei dem T hielt Noirtiers beredter Blick an.

Der Herr verlangt den Buchstaben T, sagte der Notar; das ist offenbar.

Valentine nahm nun das Wörterbuch und blätterte vor den Augen des aufmerksamen Notars. Testament bezeichnete bald ihr Finger, durch Noirtiers Blick festgehalten.

Testament! rief der Notar, die Sache ist klar, der Herr will testieren.

Ja, machte Noirtier wiederholt.

Mein Herr, das ist wunderbar, Sie müssen es selbst gestehen, sagte der Notar erstaunt zu Villefort.

In der Tat, versetzte dieser, und noch wunderbarer wäre das Testament; denn ich kann nicht denken, daß Sie die Bestimmungen Wort für Wort ohne die geistreiche Mithilfe meiner Tochter zu Papiere bringen wollen. Valentine ist aber etwas zu sehr bei diesem Testamente interessiert, um als eine entsprechende Dolmetscherin des dunkeln Willens des Herrn Noirtier von Villefort gelten zu können.

Nein, nein, nein! machte der Gelähmte.

Wie! entgegnete Herr von Villefort, Valentine ist nicht interessiert bei Ihrem Testament?

Nein, bezeichnete Noirtier.

Mein Herr, sagte der Notar, der, entzückt über ein solches Erlebnis, in der Gesellschaft die einzelnen Umstände dieser malerischen Episode wiederzuerzählen gedachte, – mein Herr, nichts scheint mir jetzt leichter als das, was ich soeben noch für etwas Unmögliches hielt, und dieses Testament wird ganz einfach ein sogenanntes mystisches Testament sein, das heißt von dem Gesetze vorhergesehen und als rechtsgültig anerkannt, vorausgesetzt, daß es in Gegenwart von sieben Zeugen vorgelesen, von dem Testator in ihrer Anwesenheit gebilligt und durch den Notar, ebenfalls in ihrer Anwesenheit, geschlossen wird. Was die Zeit betrifft, so wird es nicht länger dauern, als ein gewöhnliches Testament. Vor allem kommen die ehrwürdigen Formeln in Betracht, die sich immer gleich bleiben, und was die Einzelheiten betrifft, so werden diese sich zum größten Teil nach Lage der Sache und mit Ihrer Hilfe, der Sie die Geschäfte für den Erblasser besorgt haben, von selbst ergeben. Damit übrigens der Akt unangreifbar bleibt, werden wir ihm die vollständige Rechtsgültigkeit geben; einer von meinen Kollegen wird mir als Gehilfe dienen und gegen die Gewohnheit dem Diktieren beiwohnen. Sind Sie zufrieden, mein Herr? fügte der Notar, sich an den Greis wendend, hinzu.

Ja, erwiderte Noirtier, strahlend vor Freude, daß man ihn begriff.

Was hat er nur vor? fragte sich Villefort, dem seine hohe Stellung so viel Zurückhaltung aufnötigte, während er nicht zu erraten vermochte, worauf sein Vater abzielte.

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