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Der Graf von Monte Christo. Dritter Band.

Alexandre Dumas (der Ältere): Der Graf von Monte Christo. Dritter Band. - Kapitel 14
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDer Graf von Monte Christo. Dritter Band.
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
illustratorFritz Bergen
translatorMax Pannwitz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Robert der Teufel.

Der Vorwand des Opernbesuchs war um so näherliegend, als am Abend eine Feierlichkeit in der Akademie royale de Musique stattfinden sollte.

Morcerf hatte, wie die meisten reichen jungen Leute, seinen Orchestersperrsitz und konnte außerdem in zehn Logen von Personen seiner Bekanntschaft einen Platz haben. Chateau-Renaud hatte seinen Sperrsitz zunächst bei ihm. Beauchamp hatte als Journalist seinen Platz überall.

Lucien Debray war an diesem Tage die Loge des Ministers zur Verfügung gestellt, und er hatte sie dem Grafen von Morcerf angeboten, der auf Mercedes' Ablehnung zu Danglars schickte und ihm sagen ließ, er würde wahrscheinlich am Abend der Baronin und ihrer Tochter einen Besuch machen, wenn die Damen die Loge, die er ihnen antrage, annehmen wollten. Die Damen hüteten sich wohl, die Einladung auszuschlagen. Niemand ist so lüstern nach Logen, die nichts kosten, als ein Millionär. Was Danglars betrifft, so erklärte dieser, seine politischen Grundsätze und seine Eigenschaft als oppositioneller Abgeordneter erlaubten ihm nicht, in die Loge des Ministers zu gehen. Die Baronin schrieb sogleich Lucien, er möge sie abholen, da sie nicht allein mit Eugenie in die Oper fahren könnte.

In der Tat, wären die beiden Frauen allein gekommen, so hätte man das sicherlich sehr anstößig gefunden. Wenn aber Fräulein Danglars mit ihrer Mutter und deren Liebhaber erschien, so war dagegen nichts einzuwenden; man muß die Welt nehmen, wie sie ist.

Ah! ah! sagte Chateau-Renaud, dort sind Personen Ihrer Bekanntschaft, Vicomte. Was zum Teufel schauen Sie denn rechts! Man sieht Sie.

Albert wandte sich um, und seine Augen begegneten wirklich denen der Baronin Danglars, die ihn leicht mit dem Fächer begrüßte. Was Fräulein Eugenie betrifft, so senkten sich ihre großen, schwarzen Augen kaum bis zum Orchester.

In der Tat, mein Lieber, fuhr Chateau-Renaud fort, ich begreife nicht, was Sie, abgesehen von der Mesalliance, gegen Fräulein Danglars einzuwenden haben; es ist wirklich eine sehr hübsche Person.

Allerdings sehr hübsch, erwiderte Albert; doch ich muß Ihnen gestehen, daß ich in Beziehung auf Schönheit etwas Milderes, Zarteres, Weiblicheres vorziehen würde.

So sind die jungen Leute, versetzte Chateau-Renaud, der sich als ein Mann von dreißig Jahren Morcerf gegenüber ein väterliches Ansehen gab; Sie sind nie zufrieden. Wie, mein Lieber, man findet für Sie eine Braut, die nach dem Muster Dianas geschaffen scheint, und Sie fühlen sich dadurch nicht befriedigt!

Das ist es gerade, ich hätte mir lieber etwas in der Art der Venus von Milo gewünscht. Stets mitten unter ihren Nymphen, erschreckt mich diese Diana ein wenig; ich fürchte, sie könnte mich als Actäon behandeln.

In der Tat, ein Blick auf das Mädchen erklärte zum Teil Morcerfs Gefühl. Fräulein Danglars war schön, aber von einer etwas starren Schönheit. Ihre Haare waren sehr schwarz, doch in ihren natürlichen Wellen bemerkte man einen gewissen Widerstand gegen die Hand, die ihnen ihren Willen aufnötigen wollte; ihre Augen, schwarz wie die Haare, überwölbt von herrlichen Brauen, die nur den Fehler hatten, daß sie sich zuweilen zusammenzogen, waren besonders merkwürdig durch einen Ausdruck von Festigkeit, den man in dem Blicke eines Mädchens erstaunlich finden mußte. Ihr Mund war etwas groß, aber mit schönen Zähnen geschmückt, welche ihre Lippen noch bedeutend hervorhoben, deren zu lebhaftes Rot von der Blässe ihrer Gesichtsfarbe stark abstach. Ein schwarzes Mal endlich an der Ecke des Mundes verlieh vollends dieser Physiognomie den entschiedenen Charakter, der Morcerf ein wenig erschreckte. Alles übrige an ihr stand indessen im Einklang mit dem Kopf. Sie war, wie Chateau-Renaud sagte, die jagende Diana, nur mit etwas noch Festerem, noch Muskulöserem in ihrer Schönheit.

Ihre Erziehung schien, wie gewisse Züge ihrer Physiognomie, einen mehr männlichen Charakter zu tragen. Sie sprach mehrere Sprachen, zeichnete sehr leicht, machte Verse und komponierte; besonders leidenschaftlich war sie für die Musik eingenommen, die sie mit einer ihrer Freundinnen aus der Pension studierte, einer jungen Person ohne Vermögen, die jedoch alle Anlagen hatte, eine vortreffliche Sängerin zu werden. Ein großer Komponist hegte, wie man sagte, für sie eine mehr als väterliche Teilnahme, und hatte ihr die Hoffnung eingeflößt, sie würde eines Tags ein Kapital in ihrer Stimme finden.

Die Möglichkeit, daß Fräulein Lucie d'Armilly, so hieß die junge Künstlerin, später einmal auf der Bühne auftrat, veranlaßte Fräulein Danglars, wenn sie auch das junge Mädchen bei sich empfing, sich doch nie öffentlich in seiner Gesellschaft zu zeigen. Ohne indessen in dem Hause des Bankiers die unabhängige Stellung einer Freundin der Tochter des Hauses zu haben, nahm Lucie immerhin einen höheren Rang ein, als den einer gewöhnlichen Lehrerin.

Einige Sekunden nach dem Eintritt der Baronin Danglars sahen die jungen Leute, daß das Parterre sich erhoben hatte und aller Augen sich auf einen Punkt richteten; ihre Blicke folgten der allgemeinen Richtung und hafteten an der Loge des ehemaligen russischen Botschafters. Ein Mann in schwarzer Kleidung von etwa vierzig Jahren war mit einer Frau in orientalischem Kostüm eingetreten. Die Frau war von der höchsten Schönheit und das Kostüm auffallend reich.

Ah! rief Albert, es ist Monte Christo mit seiner Griechin.

Es waren wirklich der Graf und Haydee. Nach weniger als einer Minute war die junge Frau der Gegenstand der Aufmerksamkeit des ganzen Saales; die Frauen neigten sich aus ihren Logen heraus, um unter dem Feuer des Kronenleuchters diese Kaskade von Diamanten funkeln zu sehen.

Der zweite Akt ging unter dem dumpfen Geräusche vorüber, das bei versammelten Massen ein großes Ereignis andeutet. Niemand dachte daran, Stillschweigen zu fordern. Diese junge, schöne, blendende Frau war das seltsamste Schauspiel, das man sehen konnte.

Diesmal deutete ein Zeichen von Frau Danglars Albert unzweideutig an, daß er erwartet werde. Sobald der Akt beendigt war, eilte er auf die Vorbühne. Er begrüßte die beiden Frauen und reichte Debray die Hand.

Die Baronin empfing ihn mit reizendem Lächeln und Eugenie mit ihrer gewöhnlichen Kälte.

Meiner Treu, Freund, sagte Debray, Sie sehen in mir einen ganz erschöpften Menschen, der Sie um Hilfe ruft, um wieder zu Kräften zu kommen. Die Frau Baronin drückt mich zu Boden mit Fragen über den Grafen, und ich soll wissen, von wo er ist, woher er kommt und wohin er geht; ich bin, bei Gott, kein Cagliostro, und um mich aus der Klemme zu ziehen, sagte ich: Fragen Sie Morcerf, er kennt seinen Monte Christo an den Fingern auswendig. Hierauf machte man Ihnen ein Zeichen.

Ist es denn glaublich, sagte die Baronin, daß man, wenn man eine halbe Million geheime Fonds zur Verfügung hat, nicht besser unterrichtet ist?

Gnädige Frau, entgegnete Lucien, ich bitte Sie, zu glauben, daß ich, wenn ich eine halbe Million zu meiner Verfügung hätte, sie zu etwas anderem verwenden würde, als über Herrn Monte Christo Erkundigungen einzuziehen, denn in meinen Augen hat er kein anderes Verdienst, als daß er zweimal so reich ist, als ein Nabob. Ich habe meinem Freunde Morcerf das Wort abgetreten, besprechen Sie sich mit ihm . . . mich geht es nichts mehr an.

Ein Nabob hätte mir sicherlich nicht ein Paar Pferde von dreißigtausend Franken, nebst vier Diamanten an den Ohren, von denen jeder fünftausend Franken wert ist, zugeschickt!

Oh! was die Diamanten betrifft, erwiderte lachend Morcerf, das ist seine Manie. Ich glaube, daß er, wie Potemkin, stets Diamanten in seinen Taschen trägt und sie auf seinem Wege ausstreut, wie es der kleine Däumling mit seinen Kieselsteinen machte.

Er wird eine Mine gefunden haben, sagte Frau Danglars. Sie wissen, daß er einen unumschränkten Kredit auf das Haus des Barons hat.

Nein, das wußte ich nicht, aber es muß so sein, versetzte Albert.

Und daß er Herrn Danglars ankündigte, er gedenke, ein Jahr in Paris zu bleiben und hier sechs Millionen auszugeben!

Er ist der Schah von Persien, der inkognito reist.

Und diese Frau, Herr Lucien, fragte Eugenie, haben Sie bemerkt, wie schön sie ist?

In der Tat, mein Fräulein, ich kenne niemand, der den Personen Ihres Geschlechts so volle Gerechtigkeit widerfahren läßt, wie Sie.

Lucien hielt sein Lorgnon an das Auge und rief: Reizend, in der Tat, reizend!

Und weiß Herr von Morcerf, wer sie ist?

Mein Fräulein, sagte Albert, auf diese fast unmittelbare Aufforderung erwidernd; ich weiß es so ungefähr, wie alles, was die geheimnisvolle Person betrifft, mit der wir uns beschäftigen. Diese Frau ist eine Griechin.

Das sieht man leicht an ihrer Tracht, und Sie sagen mir nichts, was nicht bereits der ganze Saal so gut wüßte, wie wir.

Es tut mir leid, daß ich ein so unwissender Cicerone bin, entgegnete Morcerf; doch ich muß gestehen, daß sich meine Kenntnisse hierauf beschränken. Ich weiß überdies nur noch, daß sie vortrefflich musikalisch ist, denn als ich eines Tages bei dem Grafen frühstückte, hörte ich die Töne einer Guzla, die nur von ihr kommen konnten.

Ihr Graf empfängt also? fragte Frau Danglars.

Und zwar auf eine glänzende Weise, das schwöre ich Ihnen.

Ich muß Herrn Danglars bewegen, ihn zum Diner und zum Ball einzuladen, damit er uns ähnliches bietet.

Wie! Sie wollen ihn besuchen? sagte Debray lachend.

Warum nicht? Mit meinem Manne!

Aber der geheimnisvolle Graf ist Junggeselle.

Sie sehen, daß dies nicht der Fall ist, entgegnete die Baronin, ebenfalls lachend und auf die schöne Griechin deutend.

Diese Frau ist eine Sklavin, wie er uns, Sie erinnern sich, Morcerf, bei Ihrem Frühstück selbst gesagt hat?

Gestehen Sie, mein lieber Lucien, sagte die Baronin, daß sie vielmehr das Aussehen einer Prinzessin hat.

Aus Tausendundeiner Nacht.

Aus Tausendundeiner Nacht, das sage ich nicht; doch was macht eine Prinzessin aus, mein Lieber? Die Diamanten, und damit ist sie zur Genüge bedeckt.

Sie hat sogar zu viele Diamanten an sich, sagte Eugenie; sie wäre schöner ohnedies, denn man würde ihren Hals und ihre reizend geformten Handgelenke sehen. Oh, die Künstlerin! Sehen Sie, wie leidenschaftlich sie wird! sagte Frau Danglars.

Ich liebe alles, was schön ist, sagte Eugenie.

Aber was sagen Sie denn zu dem Grafen? fragte Debray, es scheint mir, er ist auch nicht übel.

Der Graf, entgegnete Eugenie, als wäre es ihr noch nicht eingefallen, ihn anzuschauen, der Graf ist sehr bleich.

Gerade in dieser Blässe liegt das Geheimnis, das wir suchen, sagte Morcerf. Die Ihnen bekannte Gräfin die dort in der Seitenloge sitzt, behauptet, wie Sie wissen, er sei ein Vampir.

Morcerf, Sie sollten Ihrem Grafen von Monte Christo einen Besuch machen und ihn zu uns bringen, sagte Frau Danglars.

Warum? fragte Eugenie.

Damit wir mit ihm sprechen könnten; bist du nicht begierig, ihn zu sehen?

Nicht im geringsten.

Seltsames Kind! murmelte die Baronin.

Oh! er wird wohl von selbst kommen, sagte Morcerf. Er hat Sie gesehen, gnädige Frau, und grüßt Sie soeben.

Die Baronin gab dem Grafen seinen Gruß mit einem reizenden Lächeln zurück.

Wohl, ich opfere mich, sagte Morcerf; ich verlasse Sie und will sehen, ob es nicht möglich ist, mit ihm zu sprechen.

Das ist ganz einfach, gehen Sie in seine Loge.

Ich bin nicht vorgestellt.

Wem?

Der schönen Griechin.

Es ist eine Sklavin, sagen Sie.

Doch Sie behaupten, es sei eine Prinzessin . . . Nein! . . . ich hoffe, wenn er mich hinausgehen sieht, wird er auch hinausgehen.

Es ist möglich. Gehen Sie!

Ich gehe, sagte Morcerf und ging hinaus. In dem Augenblick, wo er an der Loge des Grafen vorüberkam, öffnete sich wirklich die Tür; der Graf sagte einige arabische Worte zu Ali, der im Flur stand, und nahm Morcerf am Arme.

Ali schloß die Tür wieder und stellte sich davor; es bildete sich im Gange eine ganze Versammlung um den Nubier.

In der Tat, sagte Monte Christo, Ihr Paris ist eine seltsame Stadt, und Ihre Pariser sind ein seltsames Volk. Schauen Sie, wie sie sich um Ali drängen, der nicht weiß, was das bedeuten soll.

Glauben Sie mir, daß sich Ali dieser Popularität nur erfreut, weil er Ihnen gehört und Sie in diesem Augenblick der Mann der Mode sind.

Wirklich? Und was erwirbt mir diese Gunst?

Bei Gott! Sie selbst. Sie verschenken Gespanne von tausend Louisd'or; Sie retten Staatsanwaltsfrauen das Leben; Sie lassen unter dem Namen Major Black Vollblutpferde mit Jockeys so groß wie Quistitis rennen.

Und wer zum Teufel hat Ihnen alle diese Tollheiten erzählt?

Zuerst Frau Danglars, die vor Verlangen stirbt, Sie in Ihrer Loge zu sehen; sodann das Journal von Beauchamp und endlich meine eigene Einbildungskraft. Warum nennen Sie Ihr Rennpferd Vampa, wenn Sie das Inkognito behaupten wollen?

Ah! Sie haben recht, das war eine Unklugheit. Doch sagen Sie mir, kommt der Graf von Morcerf nicht auch zuweilen in die Oper? Ich habe ihn überall mit den Augen gesucht und nirgends bemerkt.

Ich glaube, er wird heute abend in die Loge der Baronin kommen.

Die reizende Person, welche bei ihr sitzt, ist ihre Tochter?

Ja.

Ich mache Ihnen mein Kompliment. Doch mein lieber Graf, wir sprechen später hiervon. Was sagen Sie aber zu der Musik?

Morcerf lächelte und erwiderte: Zu welcher Musik?

Zu der, die Sie soeben gehört haben.

In diesem Augenblick ertönte das Glöckchen.

Sie werden mich entschuldigen, sagte der Graf, nach seiner Loge zurückkehrend.

Wie, Sie gehen?

Sagen Sie der Gräfin G***, wenn Sie sie sprechen, viel Schönes von ihrem Vampir.

Und der Baronin?

Ich werde die Ehre haben, wenn sie es mir erlaubt, ihr heute abend meine Aufwartung zu machen.

Während des dritten Aktes fand sich der Graf von Morcerf, wie er versprochen hatte, bei Frau Danglars ein. Der Graf war keiner von den Menschen, die in einem Saale einen Aufruhr hervorbringen; auch bemerkte niemand seine Ankunft außer den Personen in seiner Loge.

Monte Christo sah ihn indessen, und ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen.

Haydee sah nichts, solange der Vorhang aufgezogen war; wie jede Urnatur betete sie alles an, was zum Ohr und zum Gesicht spricht.

Nach dem dritten Akt verließ der Graf seine Loge und erschien einen Augenblick nachher in der der Baronin Danglars.

Die Baronin konnte sich nicht enthalten, einen Schrei freudigen Erstaunens auszustoßen.

Ah! Sie kommen, Herr Graf, rief sie; es drängte mich in der Tat, meinen mündlichen Dank dem schriftlichen hinzuzufügen, den ich bereits bei Ihnen abgestattet habe.

Oh! gnädige Frau! Sie erinnern sich noch dieser Kleinigkeit? Ich hatte sie bereits vergessen, sagte der Graf.

Ja; aber das vergißt man nicht, Herr Graf, daß Sie am andern Tage meine arme Freundin aus der Gefahr errettet haben, der sie durch eben diese Pferde preisgegeben war.

Auch diesmal, gnädige Frau, verdiene ich Ihren Dank nicht; es war Ali, mein Nubier, der das Glück hatte, Frau von Villefort diesen ausgezeichneten Dienst zu leisten.

War es auch Ali, der meinen Sohn den Händen der römischen Banditen entriß? sagte der Graf von Morcerf.

Nein, Herr Graf, sagte Monte Christo, die Hand drückend, die ihm der General reichte, nein, diesmal nehme ich den Dank für meine Rechnung an; aber Sie haben mir diesen Dank bereits abgestattet, und ich habe ihn angenommen, und es beschämt mich in der Tat, daß ich Sie noch erkenntlich finde. Ich bitte Sie, erweisen Sie mir die Ehre, Frau Baronin, mich Ihrer Fräulein Tochter vorzustellen.

Oh! Sie sind schon vorgestellt, wenigstens dem Namen nach, denn seit einigen Tagen sprechen wir nur von Ihnen. Eugenie, fuhr die Baronin, sich gegen ihre Tochter umwendend, fort, der Herr Graf von Monte Christo.

Der Graf verbeugte sich; Fräulein Danglars machte eine leichte Bewegung mit dem Kopfe.

Sie haben eine bewunderungswürdige Person bei sich, sagte Eugenie, ist es Ihre Tochter?

Nein, mein Fräulein, erwiderte Monte Christo, erstaunt über diese außerordentliche Offenherzigkeit oder diese merkwürdige Entschiedenheit, es ist eine arme Griechin, deren Vormund ich bin.

Und sie heißt?

Haydee, antwortete Monte Christo.

Eine Griechin! murmelte der Graf von Morcerf.

Ja, Graf, sagte Frau Danglars, sagen Sie mir, ob Sie je an dem Hofe von Ali Pascha Tependelini, dem Sie so glorreich dienten, eine so herrliche Tracht gesehen haben, wie die, welche wir hier vor Augen haben?

Ah! Sie haben in Janina gedient, Herr Graf?

Ich war Generalinstruktor der Truppen des Paschas, antwortete Morcerf, und ich mache kein Geheimnis daraus, daß mein geringes Vermögen von der Freigebigkeit dieses erhabenen albanesischen Heerführers herrührt.

Sehen Sie nur! sagte Frau Danglars.

Wo denn? stammelte Morcerf.

Dort! sagte Monte Christo.

Und den Grafen mit seinem Arme umfassend, neigte er sich mit ihm zur Loge hinaus.

In diesem Augenblicke gewahrte Haydee, die den Grafen mit den Augen suchte, seinen bleichen Kopf neben dem Morcerfs, den er umfaßt hielt.

Dieser Anblick brachte auf die Griechin die Wirkung eines Medusenhauptes hervor; sie machte eine Bewegung vorwärts, als wollte sie beide mit den Augen verschlingen; dann warf sie sich fast in derselben Sekunde wieder zurück und stieß einen schwachen Schrei aus, der jedoch von den Personen, die ihr zunächst waren, und von Ali gehört wurde, der sogleich die Tür öffnete.

Was ist denn Ihrem Mündel begegnet, Herr Graf? fragte Eugenie, man sollte glauben, sie sei unwohl.

In der Tat, es scheint so zu sein, sagte der Graf, doch erschrecken Sie nicht darüber. Haydee ist sehr nervös und daher sehr empfindlich gegen Gerüche; ein Geruch, der ihr zuwider ist, kann ihr eine Ohnmacht zuziehen; aber ich habe hier ein Gegenmittel, sagte der Graf, ein Fläschchen aus der Tasche ziehend.

Nachdem er die Baronin und ihre Tochter mit einer einzigen Verbeugung gegrüßt und einen letzten Händedruck mit dem Grafen und mit Debray ausgetauscht hatte, verließ er die Loge.

Als er in die seinige zurückkehrte, war Haydee noch sehr bleich; sobald er erschien, nahm sie ihn bei der Hand.

Monte Christo bemerkte, daß die Hände des Mädchens zugleich feucht und eisig kalt waren.

Mit wem sprachst du denn, Herr? fragte das Mädchen.

Mit dem Grafen von Morcerf, der im Dienste deines erhabenen Vaters stand und, wie er selbst bekennt, ihm sein Vermögen zu verdanken hat.

Ha, der Elende! rief Haydee, er ist es, der ihn an die Türken verkauft hat, und dieses Vermögen ist nur der Preis seines Verrates. Wußtest du das nicht, lieber Herr?

Ich habe wohl so etwas in Epirus gehört, sagte Monte Christo, aber ich kenne die einzelnen Umstände nicht. Komm, meine Tochter, du wirst sie mir erzählen, sie müssen sehr seltsamer Art sein.

Oh ja, komm, komm! Es ist mir, als müßte ich umkommen, wenn ich diesem Menschen länger gegenüber bleibe.

Und Haydee stand rasch auf, hüllte sich in ihren mit Perlen und Korallen geschmückten Burnus von weißem Kaschmir und verließ die Loge in dem Augenblick, wo der Vorhang aufgezogen wurde.

Sehen Sie, ob dieser Mensch auch nur irgend etwas tut, wie ein anderer! sagte die Gräfin zu Albert, der sich in ihre Loge begeben hatte. Er hört ganz andächtig den dritten Akt an und geht in der Minute, wo der vierte beginnen soll, fort.

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