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Gutenberg > Heinrich Conrad >

Der Graf Cagliostro

Heinrich Conrad: Der Graf Cagliostro - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
editorHeinrich Conrad
authorHeinrich Conrad
publisherVerlag Robert Lutz
addressStuttgart
seriesRARA
volumeFünfter Band
printrunDritte Auflage
titleDer Graf Cagliostro
created20100718
senderwww.gaga.net
correctorfranka.antenne@gmx.de
year1921
projectid21b7233c
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Der Graf Cagliostro. Nach seinem Auftreten in Mitau

Von Mitau reiste Cagliostro nach Petersburg. Sein Ruf war ihm nach dorthin voraus gegangen, dennoch trat er daselbst bescheidener, als man erwarten durfte, auf. Um die große Katharina für seine Zwecke zu gewinnen, mußte er zuvor langsam das Terrain sondieren. War die Zarin gewonnen, hatte er es erreicht, daß sie sich zur Beschützerin, zur Großmeisterin der ägyptischen Freimaurerei erklärte, was konnte er mehr wünschen? Und seine Hoffnung war nicht ganz in die Luft gebaut, wenn er Katharinens Neigung zu allem Pikanten, Glänzenden, ihr eitles Streben: Menschenbeglückerin, Eroberin, Philosophin, Gelehrte, Mäzenatin und die erleuchtetste Fürstin des Jahrhunderts zu sein, in Anschlag brachte. Sie war ein Weib, nur ihr Gefühl, ihre Eitelkeit brauchte er zu reizen. Aber dem Fremden fehlte der Schlüssel; es gelang ihm nicht, in ihre unmittelbare Nähe zu dringen, ja nicht einmal, sie zu sehen.

Leider fehlen uns hier zuverlässige Nachrichten, und wir sehen uns häufig auf das Gebiet der Fabel zurückversetzt. Cagliostro trat in Petersburg zuerst als Arzt auf. Er fing damit an, Arme zu heilen und gab ihnen noch Geld. Einem Armen Nahrung zuwenden, ist oft so viel als eine zehrende Krankheit heilen. Ein Mann aus einer höhern Klasse sucht auch den fremden Doktor auf und fühlt die gute Wirkung seiner Mittel. Er schickt ihm ein ansehnliches Honorar, erhält das Geld aber wieder zurück. Dies macht natürlich Aufsehen. Ein Wunderdoktor, der keine Bezahlung nimmt und nur um der Humanität willen heilt, ist in Petersburg noch nicht vorgekommen. Man drängt sich, ihn zu sehen, und die russischen Großen werden von dem sarmatischen Feuer der Neugier und Bewunderung ergriffen. Er erhält Aufforderungen, Einladungen von allen Seiten, aber er lehnt sie ab und bittet, zu ihm in seine Wohnung zu kommen.

Statt einen Adepten zu finden, in einer rußigen Küche, über Tiegeln brütend, wie man erwartete, fand man beim Besuche eine liebliche, junge Frau, sauber, zierlich, aber bürgerlich einfach und sittsam, gekleidet, die von ihren Reizen selbst nichts zu wissen schien. Auf die Reden, welche einem Antrage vorangehen und in denen die russischen Großen nicht sehr zurückhaltend zu sein pflegen, am wenigsten bei der Frau eines Mannes, der in ihren Augen doch nicht viel mehr als ein Quacksalber war, auf diese anzüglichen Reden antwortete sie klug und freundlich, ohne Hoffnung zu erregen, doch auch ohne sie niederzuschlagen. Die arglose, schöne Frau konnte sich nicht denken, daß etwas Arges hinter den schmeichlerisch lautenden Reden verborgen sei.

Sie war etwa zwanzig Jahre alt, und doch sprach sie gelegentlich und mit völliger Unbefangenheit von ihrem ältesten Sohne, der schon seit langen Jahren Kapitän in holländischen Diensten sei. Man war erstaunt darüber und erklärlicherweise dahin gedrängt, sie nach ihrem Alter zu fragen. In der unbefangensten Art antwortete sie, daß sie gegen fünfzig Jahre zähle, ob doch gleich ihr Teint, ihr Busen und ihre Zähne sie Lügen zu strafen schienen. Das war zu außerordentlich, und die russischen Damen bewunderten die Fremde jetzt mehr um ihrer Bescheidenheit und ihrer Gabe willen, als die Männer um ihre Schönheit. Daß eine reizende junge Frau sich um dreißig Jahre älter mache, als sie war, war in ihren Augen eine Unmöglichkeit; also war, was die Gräfin auf vieles Andringen endlich bekannte, wahrscheinlich: daß ihr Gatte ein Wasser zu verfertigen verstehe, welches, die Runzeln glättend, so gut sei, als ein Brunnen der ewigen Jugend. Wie die Gräfin sich anfänglich geweigert hatte, so weigerte auch Cagliostro sich zuerst, von diesem Wasser mitzuteilen. Aber er ließ sich erweichen, und das Wasser verwandelte sich in Gold, welches, wenn nicht Cagliostro selbst, doch seine Gattin empfing.

Man berichtet auch einen französisch-pikant angemachten Roman von der Liebe eines russischen Fürsten zur schönen Gräfin Cagliostro – oder vielmehr Prinzessin Santa Croce, wie sich Lorenza in Petersburg nennen ließ – eines Fürsten, »welcher der wahrhafte Gott Rußlands war«. Wir dürfen an Potemkin denken. Seinen stürmischen Anträgen setzte sie den Anstand, die Tugend, die Treue gegen ihren vortrefflichen Gatten als Verteidigungswaffe entgegen. Er warf alle diese Schanzen nieder durch einen Diamantenschmuck und eine mit Rubeln vollgestopfte Börse. Aber die schöne Frau bittet ihn, indem sie ihm ihre stille Liebe zu dem liebenswürdigsten Manne von der Welt bekennt, Gold und Geschmeide zurückzunehmen, und ihr lieber dafür eine Pension auszusetzen, die es ihr möglich mache, für immer in diesem Lande mit dem Geliebten zu leben. Er bewilligt die Pension und nimmt die Geschenke nicht zurück. Aber das neue Liebesabenteuer des mächtigen Mannes ist sofort durch die ganze Stadt bekannt. Die schöne Gräfin S... ist untröstlich und klagt über die Unbeständigkeit der Männer. Da setzt sich die edle Fremde an den Schreibtisch und erklärt der Untröstlichen, daß sie weit davon entfernt sei, einer Mitschwester ihren Geliebten zu rauben, vielmehr bereit ist zu jedem Opfer. Die Gräfin S... weiß dies Opfer zu schätzen und sendet auf der Stelle dreißigtausend Rubel, unter der Bedingung, daß sie Rußland verlasse. Die Prinzessin Santa Croce schreibt nun wieder an den Fürsten, sie verlange weder Geschenke noch Kontrakte, er möge sie zurücknehmen, sie verlange nur sein Herz, ohne welches sie nicht leben könne. Heute habe sie erfahren müssen, daß man mit Geld ihr das Liebste, was sie besitze, abkaufen zu können glaube; sie sei gedemütigt, in Tränen. Weg das Geld, weg die Geschenke, die Anderer Neid erwecken, er möge nur sich selbst ihr erhalten, da er ihr einziges Glück sei. Der Fürst versteht das ganze Manöver, schickt dreißigtausend Rubel der Gräfin S... im Namen der Prinzessin Santa Croce und bittet diese, nur den Dingen ihren Gang zu lassen und jeden Eklat zu vermeiden.

Aber als er im Begriff ist, den Lohn für eine solche Großmut zu ernten, wird Cagliostros Gattin plötzlich durch einen Kurier nach Zarskojeselo zur Kaiserin berufen. Katharina empfängt die schöne Fremde mit Güte und Huld und fragt sie nach ihrer eigenen und der Lebensgeschichte ihres Gatten, insbesondere aber auch nach ihrem Verhältnis zu dem mächtigen Fürsten. Die Prinzessin Santa Croce lügt mit Geschicklichkeit, indem sie nur die Schwächen bekennt, welche interessieren, und das Unrecht, welches man gerne vergibt. Katharina hat gnädig zugehört und erwidert: »Ich wünsche Ihnen alles Gute, schöne Frau, aber die Wundertaten Ihres Gatten passen nicht zu der Philosophie, die ich in meinen Staaten einführen will. Ich wünsche nicht, daß Sie den Aufenthalt in meinem Reiche zu bedauern hätten, aber meine Ansichten erfordern, daß Sie andere Länder zu Ihrem Aufenthalt wählen. Auch spricht man von einer unangenehmen Geschichte, daß ein Kind verschwunden sei. Man wird Ihnen zwanzigtausend Rubel auszahlen. Reisen Sie ab und überlassen Sie hier das Menschengeschlecht den Konjekturen der hiesigen Ärzte zur Beute.« Cagliostro und seine Gattin mußten abreisen; die letztere vergaß aber nicht, die Geschenke des Fürsten und der Gräfin zusammen einzupacken.

So der Roman. Möglich, daß mehr daran wahr ist, als es den Anschein hat. Für uns bleibt nur das Resultat, das mit andern Nachrichten stimmt: daß Cagliostro zuerst als Arzt auftrat, daß er auch hier die Schönheit und Schlauheit seiner Gattin zu seinen Zwecken benutzte und das Gold aus ihren Händen empfing, welches er selbst offiziell von sich wies; daß es ihm nicht glückte, in die Nähe der Kaiserin zu kommen, und daß ein Immediatbefehl derselben ihn aus Petersburg verwies.

Über den wahren Grund seiner Ausweisung liefen verschiedene Gerüchte um. Das folgende ist am verbreitetsten gewesen: Eine Mutter aus den höhern Ständen sah ihr zärtlich geliebtes, zweijähriges Kind im Sterben. Die Ärzte hatten es aufgegeben. Sie verspricht Cagliostro fünftausend Louisd'or, wenn er es heile. Er fordert acht Tage Zeit. Aber schon am zweiten Tage wird das kleine Mädchen sichtlich schlimmer. Jetzt bittet er, daß man ihm das Kind ganz überlasse, um die Kur in seiner eigenen Wohnung zu unternehmen. Am fünften Tage verkündet er schon der erfreuten Mutter, daß Zeichen der Besserung eingetreten wären, am achten erklärt er, er sei der Genesung gewiß, endlich bringt er nach drei Wochen ein vollkommen gesundes Kind der entzückten Mutter zurück. Die Freude dauerte aber nur kurze Zeit. Das Mutterherz findet sich nicht in gleichem Maße zu dem genesenen, wie zu dem kranken Kinde hingezogen. Zugleich verbreitet sich das Gerücht, daß einer andern Mutter, einer gemeinen Russin, ein Kind gestohlen oder abgekauft sei. Die Sache wird untersucht, und Cagliostro muß bekennen, daß das Kind der vornehmen Russin gestorben und er ein anderes, von ihm erkauftes, dafür untergeschoben habe. Er glaubt sich durch die Sympathie gerechtfertigt, welche er für den unsäglichen Schmerz einer Mutter empfunden, die, wenigstens für den Augenblick zu täuschen, um zu trösten, zur heiligen Pflicht des Menschenfreundes werde. Nun will man wenigstens die fünftausend Louisd'or zurückhaben; aber sie sind verschwunden. Cagliostro reicht seine Rechnungen dafür ein und eilt, die Grenzen Rußlands zu erreichen. – Rücksichten für den allmächtigen Günstling, den erwähnten Fürsten, sollen die Kaiserin bewogen haben, statt der Strafe die milde Ausweisung zu verfügen.

Andere behaupten, Katharinas Leibarzt Rogerson, ein derber Schotte aus dem Annandale habe sie bewirkt, weil ihm die Praxis des Wunderdoktors zum Schaden gereichte. Cagliostro, gekränkt, forderte den Arzt nachher auf Tod und Leben, aber nicht Degen und Pistole, sondern Gift sollten die Waffen sein, um die gekränkte Ehre wiederherzustellen. Der Leibarzt sollte alle ihm nur bekannten Gifte, auch die allerheftigsten, untereinandermischen, und zu zwei Dosen, deren jede hinreichend wäre, um zwanzig Menschen zu töten. Alsdann wolle er, Cagliostro, in Gegenwart glaubwürdiger Zeugen, die eine Dosis verschlucken, während der Arzt die andere zu sich nehme. Darauf sei jedem erlaubt, seine Wissenschaft zu Hilfe zu rufen, um durch Gegengifte die Wirkung des Giftes aufzuheben. Auf diese Weise könne jeder seine Kunst bewähren und seine Ehre retten. Der Arzt schlug diesen Zweikampf aus. Auch solche Histörchen gehören zur vollständigen Geschichte eines mythischen Heros. Er ist es nicht durch das, was er wirklich gesprochen und getan, sondern durch das, was man von ihm glaubt und fabelt.

Noch andere behaupteten, daß der spanische Gesandte v. Normandez, oder der preußische, Graf von Görz, Cagliostros rasche Entfernung bewirkt habe; jener durch die öffentliche Erklärung, daß er weder spanischer Graf noch Oberst sei, wofür er sich in Petersburg ausgegeben, dieser, weil er den Wundermann wegen verschiedener Wechsel auf Antrag des preußischen Konsuls in Cadix gerichtlich in Anspruch hatte nehmen wollen.

Seine eigenen Berichte in der Untersuchung erwähnen von allem hier Erzählten nicht das geringste. Er betrat danach Rußlands Hauptstadt, reich an Ruhm und an Gelde, und erwarb sich bald die Freundschaft vieler Großen und Freimaurer. Er besuchte die Logen und predigte, wie anderwärts. Er machte, wie er behauptete, in Petersburg großes Aufsehen wegen seiner doppelten Gabe, verborgene Dinge aufzudecken und die Zukunft vorauszusagen. Einem russischen Fürsten sagte er seine nahe Ungnade, einem Fräulein ihren nahen Tod voraus, und von einem Großen entdeckte er, daß er seine eigene Nichte entehrt habe, was sonst niemandem bekannt war. Vor Gericht beteuerte er, daß ihm diese Kenntnis nicht durch kabbalistische Mittel zugekommen, sondern daß es nur eigene Eingebungen gewesen. Die Russen ließ er im Glauben an seine Kenntnis der Kabbala. Er rühmte sehr den entschiedenen und zuversichtlichen Ton, durch welchen er das Vertrauen der Vornehmen und Großen in Petersburg gewonnen. – Daß er auch hier in den Freimaurerlogen gearbeitet, ist aus andern Quellen bekannt; aber sein Hauptzweck war verfehlt, Katharina II. zur Beschützerin der von ihm gestifteten Loge d'Adoption zu gewinnen, so verfehlt, daß, nachdem er kaum Rußland den Rücken gekehrt, die Kaiserin sich an den Schreibtisch setzte, um Spottgedichte auf ihn zu verfassen. Sie schrieb zwei Lustspiele in russischer Sprache. Das erste hieß: »Der Betrüger«. Cagliostro war darin unter dem Namen Kalifakscherton nach dem Leben geschildert. Sie läßt ihn mit Alexander dem Großen und Salomon sprechen, Edelsteine schmelzen, Gold machen, kurz alles, was Cagliostro getrieben. Das zweite führte den Titel »Der Verblendete«, dem nach Jahren – so dauernd hatte Cagliostro Katharinens Aufmerksamkeit in Anspruch genommen – ein drittes: »Der sibirische Schamane«, folgte. Friedrich Nicolai ließ sie ins Deutsche übersetzen, und gab sie 1788 unter dem Titel: »Lustspiele wider Schwärmerei und Aberglauben von J. Maj. d. K. v. R.« heraus. Die beiden ersten Lustspiele wurden in Petersburg auf das Nationaltheater gebracht, und die Unternehmer hatten den für jene Zeit sehr großen Gewinn von zwanzigtausend Rubeln davon.

Um das Publikum vorher zu belehren, hielt man es aber für angemessen, ihm durch eine öffentliche Bekanntmachung den Sinn dieser Stücke zu eröffnen. Man ist der Meinung, daß auch sie im wesentlichen von der hohen Verfasserin der Dramen selbst herrühre. Als ein Dokument zu Cagliostros Geschichte sei sie hier mitgeteilt.

»Obwohl unser Jahrhundert von allen Seiten das Kompliment erhält, das philosophische Jahrhundert zu heißen, und obwohl wir demselben das große Wort Aufklärung schon zum voraus zur Grabschrift bestellen, so werden dennoch überall eine Menge Köpfe von einem so anhaltenden Schwindel ergriffen, daß die Göttin der Weisheit sich genötigt sieht, die komische Muse um Arznei für diese Kranken zu bitten. Man möchte seinen eigenen Augen nicht trauen, so oft man liest, was für wunderbare Dinge um und neben uns vorgehen. Man zitiert Geister, man sieht durch dicke Wände, hält Klubs mit Verstorbenen, destilliert Universaltinkturen und präserviert sich auf ewig gegen den Tod – man schmiedet Diamanten, kocht Gold, trägt den Stein der Weisen schon in der Tasche, zaubert ohne weitere Umstände den Mond herab und reißt die Welt aus ihrer Achse. Tierischer Magnetismus und Kabbala, Desorganisation und Mystik sind aus Worten zu Ideen geworden, die dem Scharfsinn zum Wetzsteine dienen. Und die Depositare dieser Wundergaben versammeln nicht etwa die leichtgläubige Menge um eine Jahrmarktsbude, nein, Mesmer, Cagliostro und Kompagnie sehen sich in geschmückten, vollgedrängten Assembleen; – die Pariser Welt hascht ihnen ein Geheimnis nach dem andern weg, und verschickt die Pariser Puppe so eiligst als möglich nach allen Residenzen zum angestaunten Modemodell usw. Dazu schüttelt nun freilich wohl die wahre Philosophie den Kopf und legt nicht immer den Finger auf den Mund; aber ihre leise Stimme wird nicht überall vernommen; man hört eben auf zu magnetisieren, und fängt mit dem Herrn Marquis von Puysegur an zu desorganisieren. Erst mußten die Akademisten zu Paris in Atem gesetzt werden, ehe Mesmers Heiligenschein verschwand; Kardinal Rohan mußte erst den Verhaftsbefehl lesen, ehe er und halb Paris mit ihm sich überzeugen konnte, daß ihn Cagliostro nicht wirklich mit Heinrich dem Vierten zu Abend hatte speisen und die Nacht über in Kleopatras Armen schlummern lassen; Bayern mußte erst Männer in ansehnlichen Posten auf die Wanderung senden, ehe es in den Köpfen Tag ward; Berlin mußte seinen Philosophen volle Arbeit geben, um nachbarlichen Philosophen Behutsamkeit anzuempfehlen. Der glückliche Norden bedurfte dieser mächtigen Anstalten nicht. Ein lachendes Lustspiel reicht hin, die schwindelnden Köpfe zu heilen und die gesunden auf immer zu präservieren. Das bezauberte Schloß, gegen welches anderer Orten Justiz und Philosophie mit Katapulten und Ballisten anzieht, wird hier mit Knallpulver des Witzes gesprengt.«

Man sieht, die Zarin hatte mit Aufmerksamkeit die geistigen Verirrungen ihrer Zeit verfolgt und mit sicherem, ungetrübtem Blick erkannt.

Mitau durchfliegend, ging Cagliostro mit seiner Frau nach Warschau. Im Mai 1780 kam er an. Hier sind wir nicht auf Mythen und Gerüchte beschränkt, sondern stehen fest auf dem Boden erwiesener Tatsachen, wie sie in der früher erwähnten Schrift des Grafen Mosczynski mitgeteilt werden. Auch Cagliostros Geständnisse zu Rom decken sich im wesentlichen mit den Angaben des polnischen Edelmannes. Cagliostro trat sogleich als Maurer auf, der gern bereit sei, die tiefen Geheimnisse, welche seine Vertrautheit mit dem ägyptischen Urkultus ihn gelehrt, den andern Freimaurern mitzuteilen. Der Fürst Poninsky nahm ihn in seinen Palast auf, wo er fürstlich behandelt und bedient wurde, und in seinem Benehmen nichts unterließ, was darauf hindeuten konnte, daß er sich dieser Auszeichnungen für vollkommen wert und sie als ihm »zuständig« halte. Er ging in weißen Schuhen mit roten Absätzen umher, was zu seinem anderweitigen Aufzuge mit Ringen, Diamanten, Edelsteinen, Ketten und kostbaren Schnallen stimmte. Eine magische Operation mit der »Waise« fand alsbald statt. Sie verlief ziemlich ebenso als die in Mitau vorgenommenen und lieferte dieselben Resultate. Die Waise, ein achtjähriges Mädchen, bekannte indessen am Tage darauf, daß sie nichts von dem wirklich gesehen, was sie als ihr erschienen hätte angeben müssen; man habe ihr vielmehr eingeschärft, wenn der fremde Herr frage, was sie gesehen, ob dies oder jenes? so müsse sie immer das antworten, was der Herr zuerst genannt. Also auf die Frage: Siehst du die Engel über dir schweben, oder neigen sich die Tannen zu deinen Füßen? hatte sie zu antworten: Die Engel schweben über mir. Aber die polnischen Waisen gaben doch zuweilen verkehrte Antworten. Um sicherer zum Ziele zu kommen, wählte er ein sechzehnjähriges und reines Mädchen. Aber er selbst war drauf und dran, dem armen Geschöpf diese letztere Eigenschaft zu rauben, als er sie zur Inspiration instruierte. Das Mädchen hatte sich zu dem Geisterspiel im allgemeinen verstanden, weil Cagliostro versprochen, ihr Glück zu machen und ihr einen guten Mann zu verschaffen. Zu einem Mehreren, als die Rolle einzulernen, wollte sie sich indessen nicht verstehen, und Cagliostro hatte alle Mühe, die über seine Anträge sehr Aufgebrachte nur dahin zu bewegen, die Rolle weiter zu spielen. Sie gestand, in welcher Art sie von ihm eingelernt und wie die Stichworte verabredet worden. Auch sie mußte auf die erste Phrase in seiner Frage, bejahend oder verneinend antworten, je nach seinen Gestikulationen. Wenn er ihr befahl, einen zitierten Geist oder einen Engel zu küssen, mußte sie hinter dem schwarzen Tuchvorhang die Lippen auf ihren eigenen Arm drücken.

Es war nicht zu verhindern, daß einiges davon jetzt schon ins Publikum kam; das große Publikum, zumal das blasierte, höhere einer großen Stadt, wollte aber damals nicht Kritik, sondern Wunder. Die sich einmal dafür interessiert, wollten nicht öffentlich als Betrogene erscheinen; sie mußten also in der Hoffnung, daß die Wunderkraft sich doch endlich bewähren werde und den Sieg davon trage, wie ein verlierender Spieler immer neue Einsätze wagen. Cagliostro wurde durch ihren Eifer und durch die Furcht der Beschämung gehalten. So konnte er seine ägyptische Loge forthalten und fand Zuhörer, die sich zum Glauben zwangen; er konnte stark besuchte Vorlesungen über Arzneikunde halten, die in Lästerungen und Schimpfreden gegen alle Ärzte bestanden. Er diktierte als Arzt Rezepte, aber wählte dazu Ingredienzien, welche in Warschau entweder gar nicht zu haben, oder doch außerordentlich kostbar waren.

Am 11. Juni 1780 hielt er eine ägyptische Loge. Fürsten, Grafen, die ersten Notabilitäten waren zugegen. Bis dahin hatte er seinen Umgang mit Geistern darauf beschränkt, daß er sie unsichtbar ihn umschweben ließ, daß er ihre Stimme hörte und ihnen gebot; nur seine verzückten Waisen sahen sie und kosten mit ihnen hinter dem schwarzen Schirm. Aber die reichen Polen wollten für ihr Geld und ihre Wißbegierde mehr; sie wollten einen materiellen Genuß, kurz sie wollten mit ihren Augen die Geister sehen. Wollte Cagliostro nicht seinen Ruf ganz verscherzen, so mußte er sich dazu verstehen, und er versprach, den schon erwähnten ägyptischen Großkophta, über dessen Bedeutung wir später noch sprechen werden, auch den blödesten Augen sichtbar zu zeigen. Der Großkophta, nach Cagliostros Versicherung tausend Jahre alt, erschien auch wirklich. Er sah sehr dick aus, war weiß gekleidet, mit weißem, langem Haar und langem weißem Barte; auf seinem Kopfe saß ein großer Turban. – Trotz des ungewissen Lichtscheins, trotz der hin und her wallenden Rauchwolken, trotz des Glaubens, der Hoffnung, der Bangigkeit der Zuschauer, kam ihnen der dicke Großkophta verdächtig vor. Die freien und edlen Männer wollten plötzlich aufspringen und mit ihren Armen untersuchen, was von Materie, was von Geist an dem Ägypter sei – als die beiden einzigen Lichter verloschen! Im selben Augenblicke – sagt der Warschauer Zeuge – fielen Pudermantel, Bart, Maske, Turban unter den Tisch und verschwanden, und in der Minute darauf, als die Lichter wieder angezündet wurden, saß Cagliostro auf derselben Stelle, wo vorhin der Großkophta stand. Er versicherte, der Geist sei in derselben Sekunde, wo er auf seinen Ruf erschienen, von höhern Mächten wieder nach Ägypten abberufen worden und habe ihn an seine Stelle gesetzt.

Ob es zu Erörterungen deshalb kam, oder ob die polnische heftige Natur sich mit dieser Erklärung zufrieden gab, wird nicht gesagt. Wenn wir uns die ans Lächerliche streifende Wirkung, die Störung und das erweckte Mißtrauen vorstellen, so können wir, von unserm Standpunkte aus, uns schwer denken, wie überhaupt noch ein Vertrauen bleiben konnte. Wenigstens kam es noch zu keinem offenbaren Bruche, denn Cagliostro setzte seine Experimente, nur in einem andern Fache, fort. Mochten die polnischen Großen daran verzweifeln, Geister unter ihr Kommando zu bekommen, so blieb ihnen doch noch die Aussicht, daß der ungeschickte Geisterbanner wenigstens ein geschickter Chemiker, ein bewanderter Alchimist und fähig sei, die Metalle zu verwandeln.

Jetzt sollte vor dem Kreise der vertrauten Logenglieder Gold gemacht werden, und zum Laboratorium war ein Ort bei Warschau bestimmt. In Wola wurden die Operationen zur Verwandlung der Metalle vorgenommen. Obwohl er sich schon in seinem Privatlaboratorium zu Warschau gehörig präpariert haben konnte, schloß sich Cagliostro dennoch auch hier die Nacht über ein, um sich mit den Geistern zu besprechen. Wehe dem, der über die Schwelle, dessen Fuß in die geheiligten Kreise trat, weil er der Macht der wachehaltenden Dämonen, die kein Mitleid kennen, verfallen war. Und doch hatte sich in diese Zirkel ein Dämon mit hineingeschlichen, der Cagliostros ganze Arbeit umsonst machte, der Dämon der Skepsis, verkörpert in der Person des Grafen Mosczynski, der selbst ein tüchtiger Chemiker war. Dieser verfolgte den Wundermann auf allen Schritten und ließ mit seinen scharfen Augen keinen Griff, keine Bewegung unbeachtet. So entdeckte er bei dem Prozeß der Festmachung des Quecksilbers und dessen Verwandlung, daß Cagliostro unter seiner Maurerschürze, die er immer bei den Operationen trug, die Schmelztiegel verwechselte; er entdeckte, wie der Taschenspieler unversehens in die Masse etwas Silber praktizierte, während er das gefundene Silber für die Wirkung seines roten Pulvers erklärte. Mosczynski protestierte dagegen, daß die Operationen immer bei einem sehr schwachen Lichte getrieben würden und auf einem schwarzen Teppich. Cagliostro protestierte gegen des Grafen Protestationen. Daß ihm hier nichts glücken wolle, sei der Einfluß des Teufels, der immer um ihn her stöbere, in Gestalt eines schwarzen Affen, einer Katze oder eines Hundes. Dagegen, daß der Menschenfeind ihm nicht an seiner Person schaden könne, habe er sich zwar durch kabbalistische Charaktere verwahrt, die er an beiden Seiten des Ofens angebracht; allein weit gefährlicher und absolut hindernd sei der Umstand, daß sich unter seinen Jüngern ein Ungläubiger befinde. Er geriet in die furchtbarste Wut gegen diesen Geist der Verneinung, gegen diesen Judas, diesen Gotteslästerer, dieses Ungeheuer.

Cagliostro hatte wenigstens eine neue Ausflucht gefunden, welche ihn für einige Zeit schützte. Es war doch möglich, daß nur der Unglaube die Wirkung hinderte. Schlägt doch dies Mittel auch noch jetzt an. Der Stein der Weisen sollte nun in Warschau gefunden werden. Die Operation würde lange dauern, in bestimmten Epochen; zu jeder derselben waren sechs bis acht Wochen nötig. Während der Zeit empfahl er fleißig Psalmen zu singen, sich Pergament zu kaufen, um ein Fünfeck, einen Pentakel, einen Talisman zu fertigen. Das Nüchternbleiben und Fasten, was er anderwärts, später, sehr anempfahl, scheint er bei den polnischen Magnaten nicht für angemessen gehalten zu haben. In der Zwischenzeit aber amüsierte er die Loge durch Rezepte zur Erzeugung von Dingen leichterer Art. Den Wein solle man in Mist eingraben, um seine Quintessenz zu erhalten. Auch wie man Perlen machen könne, gab er an, diesmal mit Anempfehlung einer Vorrichtung, die schon Albertus Magnus angegeben. Auch an Schönheitswassern fehlte es nicht, ohne daß man von ihrer Wirkung etwas erfuhr.

Aber den reichen Polen ward die Zeit zu lang; das Psalmensingen gefiel ihnen nicht. Graf Mosczynski erklärte laut, Cagliostro sei ein Taschenspieler. So übel war es ihm noch nirgend ergangen; er schien seine Fassung zu verlieren. Er schrie, er wolle nichts mehr mit dem Ungeheuer von Undank zu tun haben; dieser Graf sei seines Glückes und der Reichtümer nicht wert, mit denen er ihn überschütten wolle. Dann schwor er beim Allmächtigen und beteuerte bei seiner Ehre, daß er das Werk des Goldmachens vollenden und alle glücklich machen wolle. Er erbot sich, mit Ketten an den Füßen im Laboratorium zu arbeiten, sich auf der Stelle umbringen zu lassen, wenn er nicht alles Versprochene liefere. Er wollte mit Waisen operieren, die nur polnisch verständen, denen er also nicht die Lektion vorsagen könne (!). In seiner immer steigenden Verwirrung verspricht der Apostel der Gottesweisheit seinen Verehrern ein sichtbares Zeichen seiner Kraft. Man solle ihn nur mit seinen Vertrauten in den Garten gehen lassen, um Mitternacht mit einer Laterne, und er wolle eine Wirkung hervorbringen, daß alle Fensterscheiben zertrümmert würden. Er wolle auch fünfzig Pfund Quecksilber zum Besten der Warschauer Armen in Silber verwandeln, und dann abreisen, ohne Dank, ohne Bereicherung, ohne andern Lohn als sein Gefühl und die kleine Bitterkeit, daß man vergeblich sich einer Nachreue überlassen werde. Diese Stadt voller Ungläubigen sei nicht wert der Wohltaten, welche die Nähe eines gottbeseligten Apostels ihr gewähre.

Das war die Sprache eines Mannes, der sich schon selbst verloren gibt. Graf Mosczynski riet, ihn alle Experimente machen zu lassen, nur nicht das mit der Laterne und der Erschütterung um Mitternacht. Denn wenn er auch kein Gold und Silber zu machen verstände, möchte er ihm nicht die Kunst absprechen, Knallgold und Knallsilber zu verfertigen, was für sie alle eine unangenehmere Erschütterung als die wohltätige des Zwerchfells hervorbringen dürfte.

Cagliostro hatte ausgespielt. Von allen diesen Experimenten nahm er keins mehr vor. Er war am 26. Juni 1780 mit seiner Gattin und seinem Gefolge aus Warschau verschwunden.

Cagliostro selbst behauptete, nichts von den reichen Geschenken aus Warschau mitgenommen zu haben. Graf Mosczynski berichtet anders. Er für seine Person empfing auch hier nichts, dafür aber seine Gattin, welche ihre Rolle vortrefflich spielte. Im vertrauten Gespräche drückte sie ihre Ehrfurcht, die bis zum Schaudern ging, vor den Kenntnissen ihres Gemahls aus. Dann machte sie den Begierigen Hoffnung, sie werde sich bei ihrem Gatten für sie verwenden und wies die Diamanten und den Schmuck, den man ihr bot, nicht ab. Aber dringend bat sie stets, ja ihrem Manne nichts davon zu sagen. Ihre Reize waren bei diesen Geschäften nicht minder wirksam. Man rechnete aus, daß sie an Juwelen in Warschau den Wert von fünfunddreißighundert Dukaten erhalten. Im ganzen soll Cagliostros Aufenthalt daselbst seinen Freunden gegen achttausend Dukaten gekostet haben.

Das von Mosczynski angegebene war übrigens sein gewöhnliches Manöver, wie er sich für seine Arbeiten bezahlen ließ. Er selbst, seit er sich in diese höhern Sphären versetzt, nahm selten oder nie Geschenke an; auch die bedeutendsten Gaben und Anerbietungen seiner Anhänger und Bewunderer wies er mit Entschiedenheit von sich. Die Gräfin war dagegen angewiesen, wie sie sich zu benehmen habe. Zuweilen saß er, wenn die Freunde ihn besuchten, hinstarrend, teilnahmlos, wie von einer geheimnisvollen Melancholie ergriffen, da. Man fragte die ängstlich um ihn besorgte Gattin nach der Ursache, und erhielt die Antwort, es sei doch traurig, daß ein Geist, wie der ihres Gatten, in seinem großen Werke durch Belanglosigkeiten geärgert werde, die kaum der Rede wert seien. Einmal war er bestohlen, ein andermal waren Wechsel ausgeblieben; und aus Delikatesse, aus nicht zu überwindendem Zartgefühl wolle er nicht allein seinen Freunden nichts davon vertrauen, sondern würde selbst, dessen sei sie gewiß, jedes Anerbieten von sich weisen. Es sei nun einmal sein schöner Stolz, ohne irgend eine Belohnung der Wohltäter der Menschheit zu werden. Seine Anbeter beeiferten sich alsdann, Summen und große Summen in die Hand der treuen Gattin zu legen, mit der dringenden Aufforderung, die Sache so fein zu behandeln, daß der Edle es nie erfahre, daß er nie Ursache habe, darüber zu erröten.

 

Ende Juni 1780 hatte Balsamo aus Warschau Reißaus genommen, und Anfangs September tauchte er in Straßburg auf. Über seinen dortigen Aufenthalt sind wir ziemlich gut unterrichtet. Wie in Petersburg trat Cagliostro zuerst als Arzt auf, wie wir aus dem Briefe Partheys an Frau von der Recke bereits wissen. Er nahm nichts von seinen Patienten, dies ist erwiesen durch die übereinstimmenden Nachrichten der großen Zahl von Personen, welche über seinen Straßburger Aufenthalt geschrieben haben. Er öffnete vielen Kranken sein Haus, er speiste sie an seiner Tafel, er entließ sie mit Geschenken. An Zweiflern fehlte es freilich nicht, die Ärzte in der Stadt und in Paris gerieten gegen ihn in Harnisch; aber das Volk betrachtete ihn als einen Wohltäter der Menschheit, einen halben Heiland, die Mehrzahl der Vornehmen des elsäßischen Adels hatte sich von ihm hinreißen lassen; da waren der Marschall von Contades, der Marquis de la Salle, der Baron Flachsland, Baron de L'Or, Baron Vorminzer, Baron Dietrich, die Prinzessin Christine seine intimsten Freunde; die älteren Damen waren entzückt über seine Artigkeit im Spiel, da er, bei hohem Einsatz, aus Galanterie fast immer verlor, und sogar Naturforscher und Ärzte betrachteten ihn mit Bewunderung, oder studierten ihn wenigstens, um ein Etwas kennen zu lernen, was sie noch nicht kannten.

Wir lassen hier einige der vielen Zeugen reden. Ein gewisser Mayer schreibt: »Cagliostro ist ein außerordentlicher, wundervoller Mann, dessen Betragen und ausgebreitete Kenntnisse gleich bewunderungswürdig sind. Seine äußerliche Gestalt verkündet Verstand und Genie; seine Feueraugen können tief in der Seele lesen. Niemand weiß, wo er her ist, und wo er hin will. Er ist jetzt sieben oder acht Monate hier. Die Befehlshaber der Stadt und alle Vornehme ehren und lieben ihn; die Armen und das Volk beten ihn fast an; gewisse Leute nur hassen, verleumden, verfolgen ihn. Er nimmt keine Belohnung für Heilung und Arznei an und unterstützt dagegen noch Arme. Er isset wenig – und beinahe nichts, als italienische Pasteten – legt sich niemals zu Bette und schläft nur ungefähr zwei oder drei Stunden in einem Lehnstuhl. Er ist immer bereit, zu welcher Stunde es sei, dem Elenden zu Hilfe zu eilen, und kennt kein anderes Vergnügen, als seinen Nebenmenschen zu helfen. Dieser unerklärbare Mann macht dabei einen ansehnlichen Staat, der um desto mehr auffallen muß, da er alles vorausbezahlt und da niemand weiß, woher er seine Einkünfte bezieht. – Ich habe wenig Seelen so gefühlvoll als die seinige angetroffen; wenige Herzen so zärtlich, so gutmütig, so mitleidsvoll. Er besitzt dabei ganz außerordentliche Kenntnisse, spricht fast alle europäische und asiatische Sprachen. Seine Beredsamkeit setzt in Erstaunen und reißt mit sich fort, auch wenn er sich in einer von denen Sprachen ausdrückt, die ihm am wenigsten geläufig sind. Ganze Bände könnte man von seinen Kuren anfüllen und unter den fünfzehntausend Kranken, die er in die Kur genommen, können seine erbittertsten Feinde ihm nur drei Todesfälle vorwerfen, woran er aber ganz unschuldig ist. Ich komme eben von einer Audienz von ihm zurück. Jeder muß den Menschenfreund verehren. Man stelle sich einen geräumigen Saal vor, der mit elenden Geschöpfen angefüllt ist, die ihre erschlaffenden Hände mit Mühe gen Himmel erheben, um den Beistand des Cagliostro anzuflehen. Er hört einen nach dem andern an, vergißt kein einziges ihrer Worte – entfernt sich auf einige Augenblicke, kommt mit einer Menge Arzeneien und mit einer – angefüllten Geldbörse wieder und verteilt beides. Alle diese Elenden, von Dankbarkeit und Liebe durchdrungen, werfen sich ihm zu Füßen, umfassen seine Knie, nennen ihn ihren Retter, ihren Vater, ihren Gott. Der edle Mann wird bewegt – Tränen rollen aus seinen Augen – er möchte sie gern verbergen, kann aber nicht – er weint, und die ganze Versammlung vergießt einen Strom von Tränen. Und dies ist nur eine schwache unvollkommene Skizze des bezaubernden Schauspiels.«

Der Göttinger Professor Meiners, während dieser Epoche zum Besuch in Straßburg, schreibt in den »Briefen über die Schweiz« (1782), daß er ihn nur in seiner Equipage vorüberfahren gesehen, da Cagliostro keine Besuche von gesunden und neugierigen Reisenden annehme. Wer nicht krank sei und doch zu ihm eindringe, behandele er auf die gröbste Weise als Spion. Nach allem, was er über ihn hörte, erschien er ihm mehr Betrüger als Schwärmer. »Er gibt vor, daß er Gotteslästerer riechen könne, und daß er durch ihre Ausdünstungen in epileptische Zuckungen verfalle. Öffentlich rühmt er sich hier nicht mehr der Herrschaft über die Geister und magischer Künste, aber er ruft auch noch jetzt vorgebliche Geister an, um durch ihre Beihilfe Krankheiten zu heilen.«

Ein anderer Reisender, welcher in der Berliner Monatsschrift (1784) über einen Besuch bei ihm spricht, nennt ihn »einen originalen, impertinenten, alles unter den Fuß tretenden, kopfaufwerfenden Charlatan en gros, wie er ihm. noch nie vorgekommen.« Und er schließt seinen Bericht mit den Worten: »Wenn man sieht, wie der Mensch mehrere begüterte Leute so ganz in seiner Gewalt hat, daß sie keine Sinne als nur für ihn und sein Treiben haben, und daß er ihnen jeden Augenblick sicher zumuten könnte, Weib und Kind auf den glühenden Rost zu legen, um Wunder zu sehen – dann versteht man die elenden Kunstgriffe wohl, mit denen solch ein unverschämter Bube die Schwachheit und Torheit kurzsichtiger Menschen [»versteinerte Anbeter« nannte er sie vorher] benutzt, um sich Ansehen und Güter zu erlügen.«

Daß Cagliostro trotz seiner in Arabien verlebten Jugend mit dem Professor Norberg aus Upsala sich nicht auf Arabisch unterhalten konnte, hat Parthey in seinem Briefe schon kurz erwähnt. Dieser Schwede war auf Staatskosten im Orient gewesen und befand sich auf der Rückreise in Straßburg. Über den Vorfall berichtet ein Ungenannter im Jahre 1781 in den »Oberrheinischen Mannigfaltigkeiten« folgendermaßen: »Er gibt von sich aus, er wäre zwanzig Jahre in Ägypten und Asien gewesen und spräche Arabisch am fertigsten. Aber da ist ihm neulich ein sonderbarer Spaß geschehen. Da kommt ein Professor aus Schweden hieher, dem das Arabische so frisch vom Maule soll weggehen, wie der Sau das Grunzen; der geht zu Cagliostro, parliert eins daher auf Arabisch, daß es eine Art hatte, und mein Graf gafft ihn an, weiß nicht, was dies zu bedeuten hat und wußte nicht einmal, daß es Arabisch wäre! So wird man ertappt, wenn man lügt.«

Dagegen veröffentlichte der Chevalier Langlois, ein Dragonerhauptmann, ein Dankschreiben, worin er nicht genug die an ihm verrichtete Wunderkur preisen konnte. Daß Cagliostro wirklich einige glückliche Kuren vollbracht, ist nicht zu bestreiten. Er besaß einige, wenngleich sehr wenige ärztliche Kenntnisse, und wo der Glaube da ist, helfen diese, und wenn sie auch in noch geringerem Maße vorhanden sind. Langlois war ein Hypochonder. Sein Schreiben half Cagliostros Kredit zu erhalten. Zur Zeit, als Cagliostro in Straßburg weilte, redigierte Schiller die »Nachrichten zum Nutzen und Vergnügen«, in denen über Cagliostros Auftreten in Straßburg berichtet wird, er gelte bald für einen Araber, bald für einen Gascogner, bald für einen entlaufenen Franziskaner; er solle nicht im Bett, sondern nur wenige Stunden im Lehnstuhl schlafen, nur einmal täglich essen, die wahre Chemie und Medizin der alten Ägypter herübergebracht haben und älter als zweihundert Jahre sein. In seinem »Geisterseher« hat Schiller einige Jahre später in überaus anschaulicher Weise die Betrügereien Cagliostros und Schrepfers geschildert.

Auch in Straßburg arbeitete er in den Freimaurerlogen, doch mit weniger Geräusch als an andern Orten. Es ist gewiß, daß er durch die Maurer-Konnexionen sich zuerst Eingang in den angesehenem Familien der Stadt verschafft hatte. Er sprach und warb für seinen ägyptischen Ritus; die Novizen, welche noch nicht Freimaurer waren, nötigte er indessen, sich vorher in den gewöhnlichen Freimaurerorden aufnehmen zu lassen. Die Versuche mit den Waisen gerieten (nach seinen Bekenntnissen in Rom) hier vortrefflich. Die Fragen, welche man ihnen stellte, betrafen nicht bloß die Engel, sondern man forschte auch nach verborgenen Dingen, künftigen Vorfällen, zuweilen auch nach gewissen pikanten Geschichten, welche das Tagesgespräch ausmachten. Cagliostro ließ hier auch andere arbeiten und fragen, doch mußte er ihnen vorher die »von Gott ihm gegebene Gewalt« mitteilen. Ohne die Mitteilung blieben die Arbeiten der Mitglieder umsonst. Auch hier äußerte sich der Zweifel. Man sagte ihm geradezu, er und die Waise könnten doch einverstanden sein. Cagliostro ließ es sich gefallen, daß ein neues, ihm ganz unbekanntes Mädchen geholt werde, und auch jetzt gingen die Arbeiten nach Wunsch. Ja er ließ, um den Zweifler ganz zu bekehren, diesen selbst seine Hand auf das Haupt der Waise legen, nachdem er ihn geweiht, und alles ging trefflich vonstatten – sagt Cagliostro.

Seine ägyptischen Logen hielt er meist in einem unfern der Stadt gelegenen Landhause ab, welches man noch später das Cagliostranum nannte. Die Landleute zogen im Vorübergehen den Hut davor ab, sagte er wohlgefällig seinen Richtern, und erwiesen dem Hause alle Ehrfurcht, denn sie glaubten, es sei zur Grabstätte des Grafen Cagliostro bestimmt. Zur Einrichtung desselben, in chinesischer Bauart, hatte ihm ein hoher Gönner zwanzigtausend Francs gegeben, und die Gewinnung dieses Gönners war aller Wahrscheinlichkeit das Hauptziel seiner ärztlichen und Maurerarbeiten in Straßburg. Irgendwie mußten die Summen wieder eingebracht werden, die er hier als freigebiger Arzt, als Menschenwohltäter und durch seine prächtige Haushaltung vergeudete. Hier waren keine reichen, verschwenderischen Polen, und die aufgetretenen Zeugen wissen von keinem Franzosen oder Deutschen, den er in Straßburg um Gold prellte, bis auf das eine Opfer, das dafür desto willenloser und sicherer in seine Netze fiel. Über die Art, wie es geschehen, über die Ausdehnung der wunderbaren Gewalt, welche Cagliostro über diesen Mann gewonnen, ruht noch heute ein Schleier.

Sein Opfer war der Kardinal Fürst von Rohan. Der liebenswürdige, überaus schwache Charakter dieses blasierten Prinzen ist bekannt. Er suchte, ohne innere Stütze, nach einem geistigen Halt. Verirrt vom natürlichen Wege, suchte er die Gotteserleuchtung bei den Phantasmagorien eines Geisterbanners. Wir wissen, wie der Kardinal sich in der Halsbandgeschichte von einer schlauen Intrigantin hintergehen ließ; in welcher Art er ganz und gar in die Gewalt des Magiers fiel, ist nicht ausgesprochen, aber Schlüsse mögen wir aus jenem Prozeß auf diesen ziehen.

Der Kardinal war in Straßburg, das zu seinem Sprengel gehörte. Er hatte sich bei dem Wundermann angemeldet, war aber in schroffer Weise von ihm zurückgewiesen worden. So etwas mochte Rohan noch nicht vorgekommen sein; es war etwas Neues, Pikantes. Nach Cagliostros eigener Erzählung hatte Rohan durch seinen Oberjägermeister, Baron von Millinen, den Wunsch ausgedrückt, ihn kennen zu lernen; aber Cagliostro ging nicht hin, weil er nichts als Neugier vermutete. Erst als Rohan wegen eines Anfalls von Engbrüstigkeit klagen ließ, fliegt er hin, um zu helfen. Darauf besuchte ihn Rohan mit vielem Gepränge und wohnte seinen Freimaurerarbeiten bei. Bald hatte Balsamo sich zum Despoten und Tyrannen seiner Seele gemacht. Goethe hat uns in seinem »Großkophta« davon ein lebendiges Bild geliefert. Cagliostro sagte (nach den römischen Bekenntnissen) zu seiner Frau: »Ich drehe ihm den Kopf, tue du das übrige.« Zwischen zwei solchen Feuern verschwand alle Selbständigkeit, aller eigener Wille. Rohan ward der Sklave, der auf die Worte seines Herrn schwor und mit gläubiger Ergebung seinen Blicken und Bewegungen folgte. Unter Cagliostros Chimären, durch welche er besonders entnervte Wüstlinge zu gewinnen wußte, war auch die der physischen Wiedergeburt. Der Kardinal, ein Mann zwischen Vierzig und Fünfzig, hatte sein Leben genossen; körperlich wieder ein neuer Mensch zu werden, mußte einen großen Reiz für ihn haben. Behufs jener Verjüngungskur ward das Landhaus eingerichtet. Rohan überhäufte auch außerdem Mann und Frau mit großen Geschenken, mit bedeutenden Summen Geldes. Noch bei Cagliostros Verhaftung in Rom fand man von diesen Geschenken vor. Wie weit er den Kardinal ausgebeutet, ist nicht ermittelt worden, aber in der Halsbandgeschichte erscheint Rohan als ein Mann mit zerrütteten Vermögensverhältnissen. Vor der Welt leugnete Cagliostro, irgend etwas von ihm empfangen zu haben, selbst noch in der Bastille; vor dem Inquisitionsgericht in Rom räumte er seine reiche Beute ein.

Noch andere bedeutende Männer machten hier Cagliostros Bekanntschaft. Goethes Schwager, der Hofrat Schlosser redete damals von ihm im deutschen Museum als »von einem großen Manne, der nur von den Alltagsmenschen unseres kraftlosen Jahrhunderts verkannt und verlästert werde.« – Lavater lernte ihn hier ebenfalls kennen. Damals konnte er aber nichts aus ihm herausbringen als die Worte: »Sind Sie von uns beiden der Mann, der am besten unterrichtet ist, so brauchen Sie mich nicht; bin ich's, so brauch' ich Sie nicht.« – So schieden sie von einander. Am andern Morgen sandte Lavater folgende Fragen an Cagliostro:

Woher stammen Ihre Kenntnisse?
Wie haben Sie dieselben erlangt?
Worin bestehen sie?

worauf die lakonische Antwort erfolgt sein soll:

In verbis,
In herbis,
In lapidibus.

Auch dieses Charlatanrezept konnte den psychologischen Glauben Lavaters nicht erschüttern. In der »Rechenschaft an seine Freunde« sagt er, er möchte Blut weinen, »daß eine Gestalt, wie die Natur nur alle Jahrhunderte formt, daß ein solches Produkt der Natur so sehr mißkannt werden müsse«. – Später ruft er aus: »Cagliostro, ein Mann, und ein Mann, wie es wenige gibt; indessen bin ich doch kein Gläubiger. O! wär' er so einfachen Herzens und demütig wie ein Kind; hätte er Sinn für die Einfachheit des Evangeliums und die Hoheit des Herrn! Wer dann wäre so groß wie er? Cagliostro sagt oft, was nicht wahr ist, und verspricht, was er nicht erfüllt. Dennoch halte ich seine Operationen nicht für Betrug, obgleich sie das nicht sind, was er behauptet.« – »Wenn der redliche Lavater,« ruft Thomas Carlyle aus, »so über ihn sprechen konnte, was durften dann andere über ihn sagen!« Zu den »Halbbetrogenen«, von denen Goethe in seiner Italienischen Reise schreibt, gehörte auch Lavater. Dieser hatte Goethen von Cagliostros Wundertaten berichtet, und Goethe schrieb am 18. März 1781 an Lavater: »Cagliostro ist immer ein merkwürdiger Mensch. Und doch sind Narr mit Kraft und Lump so nah verwandt.« – Da Lavater abermals versuchte, in Goethe einen Glauben an Cagliostros übersinnliche Macht zu erwecken, antwortete jener am 22. Juni 1781: »Was die geheimen Künste des Cagliostro betrifft, bin ich sehr mißtrauisch gegen alle Geschichten, besonders von Mitau her. Ich habe Spuren, um nicht zu sagen Nachrichten von einer großen Masse Lügen, die im Finstern schleicht, von der Du noch keine Ahnung zu haben scheinst. Glaube mir, unsere moralische und politische Welt ist mit unterirdischen Gängen, Kellern und Kloaken minieret, wie eine große Stadt zu sein pflegt, an deren Zusammenhang und ihrer Bewohnenden Verhältnisse wohl niemand denkt und sinnt; nur wird es dem, der davon einige Kundschaft hat, viel begreiflicher, wenn da einmal der Erdboden einstürzt, dort einmal ein Rauch aus einer Schlucht aufsteigt, und hier wunderbare Stimmen gehört werden. Glaube mir, das Unterirdische geht so natürlich zu, als das Überirdische, und wer bei Tage und unter freiem Himmel nicht Geister bannt, ruft sie um Mitternacht in keinem Gewölbe. Glaube mir, Du bist ein größerer Hexenmeister, als je einer, der sich mit Abacadabra gewaffnet hat.« – Der letzte Satz soll offenbar ausdrücken, daß das ganze Cagliostroische Hexenwerk nur in Lavaters Glauben bestünde. Am 17. Februar 1829 schrieb Eckermann sich auf: »Viel über den Groß-Kophta gesprochen. ›Lavater,‹ sagte Goethe, ›glaubte an Cagliostro und dessen Wunder. Als man ihn als einen Betrüger entlarvt hatte, behauptete Lavater, dies sei ein anderer Cagliostro, der Wundertäter Cagliostro sei eine heilige Person. Lavater war ein herzensguter Mann, allein er war gewaltigen Täuschungen unterworfen, und die ganz strenge Wahrheit war nicht seine Sache, er belog sich und andere‹.« Und in seiner Campagne in Frankreich hatte Goethe mit Bezug auf Lavater geschrieben: »Mit Verdruß hatte ich viele Mal die Betrügereien kühner Phantasten und absichtlicher Schwärmer zu verwünschen Gelegenheit gehabt und mich über die ungeheuerliche Verblendung vorzüglicher Menschen bei solchen frechen Zudringlichkeiten mit Widerwillen verwundert.«

Im Schutz des Kardinals, und durch diesen dem Präfekten von Straßburg empfohlen, wer wagte sich an Cagliostro! Er gebraucht des Kardinals Equipage als seine eigene; er geht mit ihm Arm in Arm über die Straße. Durch ihn hat er schon Konnexionen in Paris und erhält von dort so nachdrückliche Unterstützungen, wie Kabale und Hofgunst sie nur Charlatanen gewähren können, etwas, das auch außerhalb Frankreichs vorkommt. Der Minister, Graf von Vergennes, schrieb an den Präfekten: da alle Nachrichten über den Grafen Cagliostro seit seinem Aufenthalte in Straßburg so vorteilhaft lauteten, erfordere die Menschlichkeit und Gastfreundschaft, ihn nicht zu beunruhigen, sondern ihm Achtung zu erweisen; es solle sich also der Magistrat denselben ihm empfohlen sein und ihm alle die Annehmlichkeiten angedeihen lassen, die er durch seine persönlichen Vorzüge verdiene. – Der Großsiegelbewahrer von Miromenil schrieb: die sehr menschenfreundlichen Handlungen des Grafen Cagliostro verdienten, daß ihm besonderer Schutz widerführe; der Magistrat solle ihm also jede Unterstützung und jene Ruhe angedeihen lassen, die ein Fremder, besonders wenn er Nutzen schafft, in den Staaten des Königs von Frankreich zu fordern hätte. Ebenso verwandte sich der Marquis von Ségur für ihn.

Dennoch verdrängte ihn, nach mehrjährigem Aufenthalte, der Neid derjenigen, sagt er, denen sein Glück schon lange mißfiel, aus einem Orte, welchen er gern als Ziel seines wandelreichen Lebens angesehen hätte. Für seine Wohltaten ward er mit Schmähschriften belohnt; man nannte ihn den Antichrist, den ewigen Juden, den eintausendvierhundertjährigen Mann! Er verließ Straßburg im Jahre 1783 und flog nach Neapel, angeblich, weil ein teurer Jugendfreund, der Ritter Aquino, dort auf dem Sterbebette nach ihm verlangte. Doch müssen wir einschalten, daß er schon vor seiner Abreise auf Anlaß des Kardinals Rohan einen Ausflug nach Paris gemacht, um dort den Krankheitszustand des Prinzen von Soubise, Rohans Verwandten, zu untersuchen. Er konnte in diesem Falle zwar nicht als Wundertäter wirken, denn die Fakultätsärzte hatten den jungen Prinzen bereits kuriert; aber schon das Gerücht von seiner Anwesenheit in der Hauptstadt veranlaßte, daß er von Kranken überlaufen wurde. In den dreizehn Tagen seines dortigen Aufenthaltes hatte er von morgens sechs Uhr bis Mitternacht mit Kranken zu tun, die er hier, wie in Straßburg, umsonst heilte und denen er selbst noch Arzneien für sein Geld kaufte.

Über seinen vorübergehenden Aufenthalt in Neapel fehlen uns wieder beglaubigte Nachrichten. Seinen Freund Aquino konnte er nicht retten, denn er fand ihn schon im Sterben. Er blieb kaum drei Monate in Neapel, wie er selbst in seinem Mémoire angab, weil die dortige medizinische Fakultät ihn verfolgte; vor Gericht sagte er: weil der Minister Vergennes ihn gar zu dringend ersucht, nach Frankreich zurückzukehren. Seine Frau meinte, weil es mit seiner Maurerei dort nicht hatte glücken wollen.

Er wollte durch das südliche Frankreich nach England reisen. Aber in Bordeaux, wo er am 8. November 1783 ankam, wird er erkannt, man will ihn nicht fortlassen; es sind der Wißbegierigen, der Kranken und Wundersüchtigen zu viele, welche auf ihn hoffen. Namentlich sollen die Offiziere der Garnison als seine neugierigsten und gläubigsten Jünger sich um ihn geschart haben, und während elf Monaten, die er hier blieb, zeigte er sich in allen seinen Gestalten und Eigenschaften, je nachdem er sich durch dieselben die beste Ausbeute versprach.

Rührend klingen die Nachrichten, welche er über sich selbst den Richtern hinsichtlich seines Bordeauxer Aufenthalts gibt. Er hatte Visionen und nahm zu an Kenntnis der göttlichen Dinge. Die Waisen hinter dem schwarzen Schirme antworteten bei den maurerischen Arbeiten hier mit einer besondern Klarheit und Innigkeit. Sie sagten, daß sie nicht allein die Engel, welche sie herabriefen, sähen, sondern selbst mit Händen griffen. Ja man hörte deutlich ein Geräusch, als ob außer der Waise noch jemand hinter dem Behältnisse stecke. Da schloß denn Cagliostro daraus, daß dies die Wirkung eines ganz besondern göttlichen Beistandes wäre; ein Trost des himmlischen Vaters für ihn, daß er nicht verzagen solle in seinem großen Werke, und eine Weisung, daß alle, die ihn verfolgt und verleumdet, namentlich die Richter, welche sich in den Prozessen gegen ihn gebrauchen lassen, von ihm gestraft werden würden durch einen plötzlichen, schimpflichen Tod, oder durch anderes Unglück, welches ihnen das Leben zur Qual mache.

Diese erbaulichen Betrachtungen machte er jedoch erst 1790 vor seinen Richtern in Rom, als die französische Revolution bereits angefangen hatte, ihre Zuchtrute gegen die Mächtigen zu erheben. Aber er hatte in Bordeaux auch eine Vision, die ihn ungemein stärkte.

In eine schwere Gallenkrankheit verfallen, lag er, von seinen maurerischen Jüngern umgeben, in tiefem Schlummer. Plötzlich verklärten sich seine Züge, nachdem sie noch eben einen sehr finstern Ausdruck gehabt, er schlug die Augen auf und verkündete ein wunderbares Gesicht, welches ihn beängstigte und beglückte. Zwei Gestalten hatten ihn am Halse ergriffen und schleppten ihn nach einer tiefen unterirdischen Höhle. Durch eine Pforte trat er in einen festlich beleuchteten, königlichen Saal, wo viele Gestalten, wie bei einem Feste umherwandelten. Er erkannte darunter viele verstorbene Brüder der Logen. Süße Wonne durchströmte seine Adern, denn er vermeinte, aus dem irdischen Jammertale entrückt, in das Paradies versetzt zu sein. Auch legte man ihm ein langes weißes Kleid an, und gab ihm ein flammendes Schwert in die Hand, wie das der Würgengel. Geblendet vom Glanze, der ihm entgegenstrahlte, ging er einige Schritte nach der Richtung zu, von wo er kam; aber er konnte nicht weiter, er fühlte sich gedrungen, auf seine Knie zu stürzen, das höchste Wesen anbetend, dem er die himmlische Glückseligkeit verdanke; aber eine unbekannte Stimme rief ihm zu: »Dies ist das Geschenk, welches du einst erhalten wirst; doch vorher mußt du noch vieles vollbringen.« Da hörte die Vision auf. Mit ungemeiner Rührung hatten seine Anhänger zugehört, und er versprach ihnen mit weihevoller Stimme: nun solle ihn nichts abhalten, die ägyptische Maurerei aller Orten und mit allen Kräften, die Gott ihm leihe, zu verbreiten.

Nicht so rührend und erbaulich klingt es, wenn man hört, daß er jene Gallenkrankheit aus Ärger sich zugezogen, weil ihn der Ehemann einer Dame, gegen welche er seine Leidenschaft zu deutlich an den Tag gelegt, aus dem Hause geworfen hatte. Auch bezeugte seine Gattin, die ganze Vision wäre nur eine Erfindung gewesen, um seine Jünger, welche schon zu wanken angefangen, wieder fest zu machen. Desgleichen erfahren wir aus diesen Bekenntnissen, daß er auch hier als Schatzgräber operierte. Einer adeligen Dame wußte er zu beweisen, daß auf einem ihrer Landgüter ein Schatz, von bösen Geistern bewacht, ruhe, den er ihr zu heben verhieß. Der Schatz blieb ruhen, aber die fünftausend Livres, welche sie ihm für seine Mühe gezahlt, nahm er bei seiner Abreise mit sich.

Seine Zeit in Bordeaux war um, seine Sendung erfüllt. Er bedurfte nicht mehr der Wache vor seinem Hause, um den Zudrang der Bresthaften abzuhalten. Im Oktober 1784 verließ er die Stadt und wandte sich nach Lyon.

 

Aus Lyon verbreitete sich plötzlich die Nachricht: Cagliostro sei tot. Aber ehe man Zeit zum Bedauern hatte, lebte er wieder auf. Es war nur die Erfüllung dessen, was er vielen seiner Jünger verkündet, sie würden einst hören, daß er gestorben sei, aber sie sollten nicht trauern, denn sein Tod sei nur der des Phönix, der Übergang zu einer Palingenese. Und der wiedergeborene Cagliostro trat in Lyon mit neuer Würde auf; nicht als Goldmacher, Arzt und Perlengießer, sondern als Stifter einer Mutterloge der ägyptischen Maurerei, welche ihn selbst überleben und die Schule werden solle, aus welcher die Weisheit des ägyptischen Glaubens über alle Welt ergossen werden dürfte!

Es ist hier am Ort, die auf uns gekommenen Nachrichten über sein System in Kürze herzusetzen. Schon ehe er es seinen römischen Richtern mit Stolz vortrug, war manches davon verlautbart. Am angemessensten scheint es jedoch, unsern Auszug nach seinen Bekenntnissen in Rom zu geben, da es die letzte, geläuterte Fassung dieses Systems von frechem Betruge und Blödsinn ist.

In diesen römischen Bekenntnissen ließ er klüglicherweise die Mythe hinsichtlich seiner Person fahren, und beschränkte sich auf das System selbst. Nicht in den Pyramiden, noch in Medina, war ihm die Weihe gekommen, sondern nachdem er sich in England in den Freimaurerorden hatte aufnehmen lassen, fand er bei einem Antiquar das vergilbte Manuskript eines ihm gänzlich unbekannten Schriftstellers, George Cofton, das von der ägyptischen Freimaurerei handelte. Aber dieses Lehrgebäude triefte von Aberglauben und Zauberei. Sein Streben war nun, die Spuren weiter zu verfolgen, alles Gottlose daraus auszumerzen und einen neuen Ritus in der Freimaurerei einzuführen.

Er verfaßte ein vollständiges Gesetzbuch in französischer Sprache, welches er vor den Richtern als das seine anerkannte; aber es war mit so viel Talent und in so gutem Stil geschrieben, daß es selbst den römischen Inquisitoren nicht entging, wie dasselbe nicht von ihm selbst herrühren konnte, sondern daß einer seiner gläubigen oder bezahlten Anhänger seine Diktate verarbeitet haben mußte.

Vollkommenheit verheißt dieses System allen, die daran glauben, Vollkommenheit durch physische und sittliche Wiedergeburt. Physisch wiedergeboren kann der Mensch werden durch den Stein der Weisen oder die Acacina. Die Wirkung ist so vollständig, daß die Kräfte der frischesten Jugend zurückkehren und die Unsterblichkeit in Aussicht steht. Zur sittlichen Wiedergeburt verhilft ein Fünfeck, wodurch der Mensch wieder in den durch die Erbsünde verloren gegangenen Stand der ursprünglichen Unschuld versetzt wird.

Die ägyptische Freimaurerei ward durch Enoch und Elias gestiftet, verlor aber im Zeitlauf viel von ihrer Reinheit und ihrem Glanze. Bei den Männern ward sie zur Gaukelei, bei den Frauen verschwand sie gänzlich, da man diese nicht mehr zuließ. Durch den Eifer des Groß-Kophta ward ihre Restauration bewirkt.

Darauf folgen die Satzungen: über die Eigenschaften, die zur Aufnahme erforderlich sind; über die verschiedenen Klassen und deren Verrichtungen; der Katechismus der Lehrlinge, Gesellen und Meister; die Erkennungszeichen; über das Tribunal, um etwa entstehende Irrungen zwischen den Logen zu schlichten; über das enge Band der Einigkeit, das alle umschlingen solle; über die Zeremonien bei der Aufnahme der Novizen und bei Abhaltung der Logen, welche im wesentlichen mit denen der gewöhnlichen Freimaurer übereinstimmen.

Der Wiederhersteller der ägyptischen Freimaurerei war, wie gesagt, der Groß-Kophta. Er wird in dem Lehrgebäude mit Gott verglichen; er wird angebetet, kann den Engeln gebieten; die Gläubigen rufen ihn an, wie einen Heiligen, alles kraft der Stärke, die ihm vom Schöpfer besonders mitgeteilt worden. In dem Psalme: »Herr, sei Davids eingedenk!« wird statt Davids in der ägyptischen Liturgie der Name des Groß-Kophta gesetzt. – Ein so mächtiges mystisches Wesen war der Groß-Kophta, und doch konnte Cagliostro bei der Untersuchung nicht leugnen, daß er sich an vielen Orten mit ihm identifiziert habe.

Zur Aufnahme sind die Bekenner jeder Religion befähigt, nur müssen sie 1) an das Dasein Gottes, 2) an die Unsterblichkeit der Seele glauben, und 3) vorher in der gemeinen Freimaurerei eingeschrieben sein. Sie müssen Verschwiegenheit hinsichtlich des Geheimnisses geloben, welches man ihnen im Tempel anvertrauen würde, und unbedingten Gehorsam gegen die Obern. Von den Zeremonien nur etwas: Bei Aufnahme der Frauen wird ihnen eine Locke abgeschnitten. Beim Schluß des Aktes gibt man ihnen dieselbe zurück mit dem Auftrage, sie nebst einem Paar Handschuhe an denjenigen Mann zu verschenken, welchem sie am meisten gewogen seien. Wird eine Kandidatin zum Lehrlingsstande geweiht, so bläst die Meisterin vom Stuhl ihr ins Angesicht. Sie fängt bei der Stirn an und endet beim Kinn, worauf sie spricht: »Ich hauche dich in der Absicht an, daß die Wahrheiten, deren Kenntnis wir besitzen, dein Herz durchdringen und darin keimen mögen usw.« Wird ein Mann aus dem Lehrlingsstande in den der Gesellen erhoben, so erklärt der Meister, daß er diese Erhebung vornehme, »kraft der Gewalt, die ihm aus Gottes Gnade und durch den Groß-Kophta geworden«, und bestellt ihn zum Verwahrer der neuen Geheimnisse, »welche wir in den geheiligten Namen des Helion, Melion, Tetragrammaton dir mitzuteilen uns anschicken«. Letztere Worte sind arabisch und heilig.

Die gemeinen Freimaurer haben Johannes den Täufer zum Schutzpatron, Cagliostro in seinem Ritus fügte noch den Evangelisten Johannes hinzu, wegen der großen Ähnlichkeit zwischen den Arbeiten seines Ritus und der Offenbarung Johannis.

Um zum Meister befördert zu werden, bedarf es der Inspiration der oft erwähnten Waise, die auch Taube genannt wird, eines Knaben oder Mädchens, das noch im Stande der Unschuld ist. Vor dem Sündenfall der Menschen hätte ein solches Wesen die Macht gehabt, den sieben reinen Geistern zu gebieten. Diese Macht erteilt ihm nun der Venerable. Die sieben reinen Geister heißen: Anael, Michael, Raphael, Gabriel, Uriel, Zobiachel und Hanachiel. Unterm Gebet aller Mitglieder wird die Waise in einen weißen Talar mit einer blauen Binde und roter Schnur gekleidet. Man haucht sie an und schließt sie in das Tabernakel (alias hinter die spanische Wand); er ist von innen weiß ausgeschlagen, mit einer Tür und einem Fenster. Drinnen steht ein Fußschemel und ein kleiner Tisch mit drei brennenden Kerzen. Die sieben Geister müssen auf das Gebot des Venerablen der Waise erscheinen. Sagt die Waise, daß sie da sind, so befiehlt er ihr, sie kraft der dem Groß-Kophta erteilten Macht zu befragen: ob der Kandidat des Meisterstuhls würdig sei? – Sollte, eine Dame zur Meisterin ernannt werden, so mußte auch Moses zitiert werden, um die künstliche Rosenkrone zu weihen, welche für ihre Stirn bestimmt war. Hatte Moses diese Krone während der ganzen Beschwörung in der Hand gehalten, dann war die Dame des Meisterstuhls würdig.

Zur Erlangung der Vollkommenheit bedarf es, wie angeführt, der sittlichen und physischen Wiedergeburt. Um sie zu erreichen, muß man zwei verschiedene Quarantänen durchmachen, für die erste eine vierzigtägige Einsamkeit, für die zweite eine ebenso lange körperliche Kur.

Zur sittlichen Wiedergeburt ist ein sehr hoher Berg nötig; er wird Sinai genannt. Auf dessen Gipfel wird ein Pavillon von drei Stockwerken erbaut, Sion. Das oberste Zimmer muß achtzehn Fuß im Quadrat, nach jeder Seite vier eirunde Fenster und eine einzige kleine Öffnung zum Eingange haben. Das mittlere muß ganz rund, ohne Fenster und so geräumig sein, daß dreizehn kleine Betten Platz haben. Eine Lampe erhellt dieses Zimmer, das sonst nur mit dem notdürftigsten Gerät ausgestattet sein darf. Dies Zimmer heißt Ararat, zur Erinnerung an die Stätte der Ruhe, wo Noahs Arche sitzen blieb. Auch der Gott geweihte Freimaurer bedarf der Ruhe. Das unterste Zimmer ist der Speisesaal nebst Vorratskämmerchen.

Die dreizehn Meister schließen sich in den Pavillon, nachdem er wohl versehen, ein, um ihn vierzig Tage lang nicht zu verlassen. Von jedem Tage verfließen sechs Stunden in Betrachtungen und Ruhe, drei in Gebet, neun in heiligen Übungen (Zubereitung des jungfräulichen Blattes und anderer Instrumente), die sechs letzten Stunden zur Erhaltung der erschöpften Kräfte. Summa vierundzwanzig. Nach dem dreiunddreißigsten Tage werden die dreizehn Meister des sichtbaren Umganges mit den sieben vornehmsten Engeln zu genießen anfangen. Die Engel werden ihr Siegel und ihren Namenszug in das jungfräuliche Blatt eingraben. Das jungfräuliche Blatt wird entweder aus dem Fell eines jungen Hammels gefertigt, oder aus der Nachgeburt eines jüdischen Knaben. Beide müssen mit Seidenzeug gereinigt werden. Am vierzigsten Tage ernten sie die Früchte ihrer Arbeiten; jeder erhält das Fünfeck, d. i. jenes jungfräuliche Blatt mit den Engelsunterschriften.

Damit wird der Geist der dreizehn Meister voll göttlichen Feuers, ihr Leib so rein wie der des unschuldigsten Kindes, ihre Einsicht unbegrenzt, ihre Gewalt unermeßlich. Ihre Wünsche werden sich auf vollkommene Ruhe einschränken, um zur Unsterblichkeit zu gelangen. Außerdem erhält jeder Besitzer des geheiligten Fünfecks noch sieben andere Fünfecke zweiter Qualität, zur Verteilung an sieben andere Personen. Diese sind nur von einem Engel unterzeichnet, daher kann der Besitzer auch nur über diesen einen Engel verfügen.

Die physische Wiedergeburt ist schwieriger, dafür aber auch desto lohnender. Wer sie erreicht hat, kann zur Geistigkeit von fünftausendfünfhundertsiebenundfünfzig Jahren gelangen, und sein Leben so lange gesund und ruhig hinbringen, bis Gott ihn bei lebendigem Leibe zu sich nimmt. Die Operation ist folgende: er muß sich in jedem fünfzigsten Jahre, im Wonnemonat, zur Zeit des Vollmondes mit einem Freunde auf dem Lande in ein Zimmer und in einem Alkoven einschließen, nichts genießend als eine leichte Suppe, zarte kühlende und öffnende Kräuter, und nur Regenwasser, das im Mai gefallen ist, trinken. Jede Mahlzeit muß mit einem flüssigen Körper anfangen und mit einer Brotkruste enden. Am siebzehnten Tage ein Aderlaß; dann gewisse weiße Tropfen, sechs des Morgens, sechs des Abends, jeden folgenden Tag immer zwei mehr bis zum zweiunddreißigsten. An diesem Tage in der Morgendämmerung ein neuer kleiner Aderlaß. Am folgenden zu Bett gelegt, worin er bis zum Schluß der Operation verbleibt. Am dreiunddreißigsten wird der erste Gran des Urstoffes, der Materia prima, eingeschlürft. Diesen Urstoff hatte Gott, um den Menschen unsterblich zu machen, erschaffen. Die Kenntnis davon ging durch den Sündenfall verloren, und kann nur durch die Arbeiten der wahren Freimaurer wieder gewonnen werden. Kaum sind die ersten Tropfen dieses Urstoffes über die Zunge geglitten, so verliert der Mensch das Bewußtsein. Zuckungen, ein heftiger Schweiß und ebenso heftige Ausleerungen folgen. Ist er wieder zu sich gekommen, wird er in ein neues Bett gebracht und erhält eine Kraftbrühe von einem Pfund Rindfleisch, ohne Fett, aber mit Kräutern. Folgenden Tags den zweiten Gran Urstoffs; darauf Fieberschütteln, Faseln; Haut, Zähne, Haare fallen aus. Am fünfunddreißigsten Tag ein laues Bad; am sechsunddreißigsten den dritten und letzten Gran Urstoff in einem Glase alten Weines. Im sanften Schlafe, welcher darauf erfolgt, wachsen Haut, Haare und Zähne wieder nach! Beim Erwachen ein aromatisches Bad. Am achtunddreißigsten Tage ein Salpeterbad; am neununddreißigsten zehn Tropfen von Cagliostros Balsam in zwei Löffeln roten Weines. Am vierzigsten ist die Wiedergeburt erfolgt.

So lautet sein System nach der Angabe der Inquisitoren. Wann er diese Ausgeburt einer barocken Phantasie verfertigt, welche Vorgänger ihm dabei vor Augen schwebten, ist nicht mehr zu bestimmen. Entweder verdankt es die krasse Ausbildung erst einer spätern Zeit oder er wagte in Mitau nicht, damit hervorzutreten, obgleich es, nach unsern heutigen Begriffen, kaum faßlich scheint, wie er allüberall damit vor ein gebildetes Publikum sich wagen konnte. In Kurland hatte seine magische Philosophie einen etwas träumerisch-sinnigen Anstrich, wenigstens wußte er das Grobmaterielle mehr in den Hintergrund zu drängen.

 

Drei Monate verbrachte er in Lyon zur Stiftung der Mutterloge, welcher der Name der »siegenden Weisheit« beigelegt ward. Die Begeisterung, welche seine Reden erregten, war außerordentlich, absonderlich, als er ermahnte, daß jeder Bruder ein Apostel Gottes sein müsse, der das Gute verkünde und zur Flucht vor dem Bösen rate; daß ihrer jetzt Zwölf beisammen seien, wie bei Christus, daß aber einer drunter wäre, der seinen Meister verraten werde. Allein Gottes Hand werde ihn züchtigen. Alle protestierten, alle waren erschüttert; doch schon folgenden Tags trat einer, der sich als Zweifler kund gab, aus; und Gottes Hand züchtigte ihn, denn er ward beraubt und geriet nach wenigen Monaten in die dürftigsten Umstände.

Hier, in Lyon, wurde nun wirklich ein solcher Bergpavillon mit drei Stockwerken, behufs der geistigen Wiedergeburt, von seinen Anhängern und nach seinem oben angegebenen Plane prachtvoll und mit großen Unkosten erbaut; ein Bau, der uns architektonisch etwas zweifelhaft erscheint. Er selbst sagte aus, daß alle anderen Logen, welche er später oder früher an andern Orten errichtet, diesem Bau nicht das Wasser gereicht hätten. In der Mitte des Tempels stand sein Brustbild von Marmor. Den Gliedern der neuen Mutterloge übergab er das Original seines Gesetzbuches, welches zu Anfang und Ende sein Sinnbild zierte: eine Schlange, durch deren Schwanz ein Pfeil geht. Er erzeigte ihr außerordentliche Beweise des Vertrauens, indem er als Großmeister oder Großer Anfang der Loge zwei Venerables ernannte, welche in seiner Abwesenheit ihr vorstehen und die Operationen mit der Waise vornehmen sollten, zu welchem Ende er ihnen seine Gewalt mitteilte. Durch diese Venerablen ward die Loge feierlich wie eine Kirche eingeweiht, jedoch erst nach Cagliostros Abreise. Folgender Brief eines seiner Anhänger, bei jener Gelegenheit an den Großmeister gerichtet, ist uns in den römischen Akten erhalten:

»Herr und Meister!

Nichts gleicht Ihren Wohltaten, als die Glückseligkeit, die Sie uns verschaffen. Ihre Repräsentanten haben sich der von Ihnen anvertrauten Schlüssel bedient, die Türen des großen Tempels zu eröffnen, und haben sich alles nötige Ansehen gegeben, um Sie darinnen in Ihrer großen Macht glänzen zu lassen.

Europa sah noch kein so erhabenes, so heiliges Fest; und wir getrauen uns, zu behaupten, daß dasselbe keine Zeugen haben konnte, die von der Größe des Gottes aller Götter mehr durchdrungen, und für Ihre höchste Güte erkenntlicher gewesen wären.

Unsere Meister haben ihren gewohnten Eifer, und jene religiöse Ehrfurcht an Tag gegeben, mit welcher sie jede Woche bei den geheimen Arbeiten unserer Kammer erscheinen. Unsere Gesellen haben einen Eifer und eine edle und ernsthafte Frömmigkeit bezeigt, worüber diejenigen zwei Brüder, welche die Ehre hatten, Sie zu repräsentieren, erbaut worden. Die Anbetung und die Arbeiten dauerten drei Tage, und wir waren durch einen bewunderungswürdigen Zusammenfluß der Umstände zu siebenundzwanzig an der Zahl in dem Tempel versammelt. Die Einweihung desselben wurde am 27sten vollendet, nachdem die Anbetung vierundfünfzig Stunden gedauert hatte.

Heute haben wir keine andern Geschäfte, als die freilich allzuschwachen Ausdrücke unserer Dankbarkeit vor Ihre Füße niederzulegen. Wir wagen es nicht, Ihnen umständlich die göttliche Feier, zu deren Werkzeug Sie uns zu machen geruheten, zu beschreiben, und schmeicheln uns der Hoffnung, eine solche ausführliche Beschreibung in kurzem durch einen unserer Brüder übermachen zu können, welcher Ihnen dieselbe selbst zu Händen stellen wird. Inzwischen müssen wir noch anführen, daß in dem Augenblicke, als wir den Ewigen anflehten, uns durch ein sichtbares Zeichen sein Wohlgefallen an unsern Gebeten und an unserm Tempel zu erkennen zu geben, und während unser Meister eben in Mitte der Zeremonien begriffen war, der Ewige ungerufen erschien. Der erste Philosoph des Neuen Testaments segnete uns, nachdem er sich vor der blauen Wolke niedergelassen hatte, von welcher wir die Erscheinung erhielten, und erhob sich wieder über diese Wolke, deren Glanz von dem Augenblicke an, als sie vom Himmel auf die Erde sank, unser junges Mädchen E*** nicht ertragen konnte.

Die zwei großen Propheten, und der Gesetzgeber Israels, gaben uns merkbare Zeichen von ihrer Güte und ihrem Gehorsam gegen Ihre Befehle. So viel wir endlich nach unserer Schwachheit urteilen können, so hat sich alles vereinigt, die Operationen vollständig und vollkommen zu machen.

Wie glücklich sind Ihre Söhne, wenn Sie geruhen wollen, selbe stets zu schützen, und mit Ihren Flügeln zu bedecken! Sie sind noch von den Worten durchdrungen, welche Sie aus der Höhe der Luft an die E*** richteten, welche in ihrem und unserm Namen Sie anflehte: »Sag ihnen, daß ich sie liebe, und sie beständig lieben werde.«

Sie schwören Ihnen eine ewige Ehrfurcht, Liebe und Dankbarkeit, und sie bitten Sie, vereint mit uns, um Ihren Segen. Möchte dieser ihre Wünsche krönen!

Den 1. August 5556.

Ihre untertänigsten, ehrfurchtsvollsten Söhne und
Untertanen, der ältere Sohn Alexander Terrible

Auf ihre inständigste Bitte ließ er den zwei Venerablen und dem Großsekretär ein Patent mit seiner eigenhändigen Unterzeichnung zurück, welches, auf einer Kupferplatte kostbar gestochen, durch seine Verzierungen sowohl, als durch den Ton seines Inhalts merkwürdig genug ist, um hier als ein Aktenstück einen Platz zu finden. So entzückt waren seine Kinder darüber (wie er seine Jünger noch im Verhör mit Selbstgefälligkeit nannte), daß sie ihm die allerkostbarsten Freimaurergeräte dafür verehrten. Das Patent lautet:

›Ruhm Weisheit
Ewigkeit
Guttätigkeit Wohlfahrt.‹

›Wir, der Groß-Kophta, in allen morgen- und abendländischen Teilen der Erde Stifter und Großmeister der erhabenen ägyptischen Maurerei, tun hiemit allen, die Gegenwärtiges zu Gesicht bekommen, zu wissen, daß uns, während unsers Aufenthalts zu Lyon, mehre Glieder der Loge vom Orient und gewöhnlichen Ritus, welche den unterscheidenden Titel der Weisheit angenommen hat, ihre heißen Wünsche geoffenbaret haben, sich unter unsere Herrschaft zu begeben, und von uns zur Kenntnis und Fortpflanzung der Maurerei in ihrer wahren Gestalt und primitiven Reinheit, die nötige Beleuchtung und Gewalt zu bekommen. Wir haben uns ihre Wünsche gefallen lassen, in der Überzeugung, daß wir durch diesen Beweis unsers Wohlwollens und Zutrauens den gedoppelten Trost genießen werden, zur Ehre Gottes und zum Besten der Menschheit gearbeitet zu haben.

Nachdem wir nun in Gegenwart des Venerablen und mehrerer Glieder dieser Loge, die Macht und Gewalt, die wir zur Vollziehung einer solchen Handlung besitzen, hinlänglich festgesetzt und erprobet haben, so errichteten und erschufen wir aus diesen Beweggründen, und unter dem Beistande jener Brüder für immerwährende Zeiten im Oriente zu Lyon gegenwärtige ägyptische Loge, erhuben sie für alle Morgen- und Abendländer zur Mutterloge, erteilten ihr von diesem Augenblicke an den ausgezeichneten Titel der triumphierenden Weisheit, und erwählten zu ihren beständigen und unabsetzbaren Obern:

N. N. zum Venerablen, und

N. N. zum Substituten desselben; usw.

Wir erteilen diesen Obern ein für allemal Befugnis und Gewalt, mit den ihrer Leitung untergebenen Brüdern die ägyptische Loge zu halten, zu allen Graden der ägyptischen Lehrlinge, Gesellen und Meister zu befördern, Atteste auszufertigen, Gemeinschaft und Briefwechsel mit allen Maurern unsers Ritus und den Logen, von denen sie abhängen, in allen Teilen der Welt, wo sie sich auch immer befinden mögen, zu unterhalten; diejenigen Logen vom gewöhnlichen Ritus, welche ein Verlangen bezeigen, in unser Institut einverleibt zu werden, nach einer vorläufigen Prüfung, und mit der von uns vorgeschriebenen Formalität aufzunehmen, und überhaupt alle jene Gerechtsame auszuüben, welche einer rechtmäßigen und vollkommenen ägyptischen Loge, die den Titel, die Prärogativen und die Autorität einer Mutterloge hat, zustehen und eigen sein können.

Wir befehlen dafür den Venerablen, Meistern, Obern und Gliedern der Loge, eine beständige und gewissenhafte Aufmerksamkeit auf die Logenverrichtungen zu haben, damit diejenigen der Aufnahme, und überhaupt alle übrigen Verrichtungen in Gemäßheit jener Anordnungen und Statuten geschehen, welche wir festsetzten, und mit unserer Unterschrift und unserm großen Siegel, sowie auch mit unserm Wappensiegel übergeben haben.

Wir befehlen ferner allen und jeden Brüdern, standhaft auf den strengen Gesinnungen der Tugend zu beharren und durch die Regelmäßigkeit ihrer Aufführung zu beweisen, daß sie die Gesetze und den Endzweck unsers Ordens lieben und kennen.

Zur urkundlichen Bekräftigung des Gegenwärtigen haben wir dasselbe eigenhändig unterschrieben, und das große Siegel, welches wir dieser Mutterloge zu führen erlaubten, so wie auch unser eigenes Maurer- und Profansiegel beigedruckt.

Gegeben im Orient zu Lyon.‹

 

Cagliostro stand auf dem Kulminationspunkte seines Ruhmes. Im Januar 1785 sehen wir ihn in Paris auftauchen. Nicht als Arzt, der die Armen heilen will, nicht als stiller Menschenbeglücker, sondern als Erneuerer des Freimaurerordens. Jetzt reiste er in Extrapostchaisen mit zahlreichem Gefolge. Seine Kuriere, Läufer, Kammerdiener und seine ganze Dienerschaft waren prachtvoll gekleidet. Eine einzige Bedientenlivree, die er in Paris machen ließ, kostete zwanzig Louisdor. Er war schon von Straßburg aus mit den ersten und hochgestelltesten Männern in genauem Verkehr. Solchem Umgang entsprach denn auch die Pracht der Möbel und der Einrichtung seiner Zimmer, sein und seiner Gattin Anzug und eine auserwählte Tafel, welche stets für Gäste, die ungebeten sich einfanden, gedeckt war.

Cagliostro wirkte in Paris. Über das Wie wußte zu seiner Zeit die Pariser Gesellschaft Rechenschaft zu geben. Heut sind uns nur noch Hieroglyphen übrig geblieben von diesem witzigen Mystizismus und diesem mystischen Witz, den er vor den Eingeweihten, den Neugierigen und der blasierten, nach allem Pikanten lüsternen Modewelt spielen ließ. Wir sind abermals auf Fabeln angewiesen: die Memoiristen der Zeit fanden es für angemessener und angenehmer, die wirkliche Torheit in diese Hülle zu kleiden. Die Zeitgenossen sahen hindurch, und nachher kamen so furchtbare Tragödien, daß man das Possenspiel einer ernsthafteren Betrachtung nicht mehr für wert hielt. Die zweiundsiebzig Pariser Freimaurerlogen gerieten in Bewegung. Ob er mit seinem ägyptischen Ritus siegte, wissen wir nicht, aber die Zahl seiner Anhänger war groß, und es waren hochgestellte Männer darunter. Wir zweifeln nicht, daß Cagliostro auch hier sein System den Geschmäcken angepaßt haben wird. Nächtliche Sitzungen fanden statt, in welchen er den Parisern Vorlesungen voll tiefsinnigen Ernstes hielt, weil dieser schauerliche Ernst gerade eine angenehme Abwechslung nach leichtsinnigem Getändel bot. Geister der Verstorbenen wurden zitiert; ob gerade aber in so leiblicher Gestalt, daß die Schemen Senecas, Alexanders und Montaignes sich mit den Eingeweihten an den Abendtisch niedersetzten, geistreiche Totengespräche mit ihnen pflegend, ob der Kardinal von Rohan wirklich nach einer solchen Beschwörungsszene, umdunstet von den Rauchwolken des Magiers, in den Armen der Kleopatra die Nacht zu ruhen vermeinte, müssen wir ebenso dahin gestellt sein lassen, als die Wahrheit einer sehr lasziv geschilderten weiblichen Freimaurerloge, abgehalten von der Gräfin Cagliostro für die weibliche Haute-Volée von Paris, in welcher nicht allein der Geist der Wahrheit, sondern auch die sechsunddreißig Damen, welche ihn erschaut, im Kleide der Natur aufgetreten sein sollen. Die näheren Umstände, wie diese Loge sowohl wie die männliche organisiert und eingeweiht wurden, müssen wir aus Schicklichkeitsgründen übergehen. Die Manier, in welcher jener bedeutungsvolle Akt vollzogen wurde, erinnert lebhaft an den antiken Mysterienkultus. Man fröhnte dem gröbsten Sinnengenuß und gestaltete das Treiben zu einer schamlosen Gelegenheitsmacherei für vornehme Personen.

Gewisser ist, daß der Kardinal von Rohan hier in Paris, wie die Fliege im Netz der Spinne, vollkommen von dem Gaukler umstrickt war. »Wie die Welt so ungerecht gegen Cagliostro ist!« sagte er einst zur Gräfin Lamotte. »Er ist der größte und weiseste Mensch, ja ein wirklicher Gott. Was ist's, das er nicht vermag?« – Ein anderes Zeugnis sagt über die unumschränkte Gewalt, deren Cagliostro sich über den Prinzen bemeistert: »Der Kardinal betete ihn im eigentlichen Verstände an. Man sah ihn mehr als einmal vor Cagliostro auf den Knien liegen, ihm die Hände küssen, ihn um Wunder und Weisheit bitten. Er war so von Cagliostros Allmacht überzeugt, daß er von ihm alle Verwandlungen, überhaupt alle Wunder erwartete. Alle Gaukeleien, die Cagliostro um ihn trieb, zu beschreiben, würden hundert Blätter nicht hinreichen.« Dieses Zeugnis läßt es außer Zweifel, daß der Luxus und Aufwand, den Cagliostro in Paris machte, aus den Mitteln des Kardinals bestritten wurde. Er gab willig alles hin, in gläubiger Erwartung der Klumpen Goldes und der Diamanten, welche Cagliostro zu machen versprach.

Statt dessen ward der unglückselige Kardinal wegen gestohlener Diamanten in die Bastille gesperrt. Die Lamotte in der Bastille zeugte in dem folgenden Halsbandprozeß gegen Cagliostro, daß er das ihm zur Verwahrung übergebene Halsband veruntreut, auseinandergenommen und daraus seine schon früher auf allerhand Art erworbenen Schätze vermehrt habe. Demzufolge ward Cagliostro am 22. August 1785 um acht Uhr morgens in die Bastille geführt.

Darf man Mirabeau trauen, welcher um jene Zeit seine Briefe über Cagliostro und Lavater herausgab, so war das Aufsehen, welches Cagliostros Verhaftung erregte, von merkwürdigen Symptomen der Teilnahme begleitet; merkwürdig deshalb, weil man ihn kurz vorher »einen Betrüger, einen Erzschelm« genannt, einen Buben, der zum Lohn für seine Entdeckung des Steines der Weisen, für seine Elixire, seine Mittel, berühmte Tote aus dem Grabe zu rufen und Diamantenwasser zu bereiten, auf dreihundert Jahre und einen Tag zu den Galeeren verurteilt zu werden verdiene (weil die Strafe auf Lebenszeit bei ihm, der sich unsterblich gemacht, doch allzugrausam sei). Wir wissen nicht, durch was er, schon nach so kurzem Aufenthalt in der Hauptstadt, im Ansehen bei den Parisern gesunken sein konnte, aber Mirabeau wird in den Angaben durch andere, übereinstimmende Zeugnisse unterstützt, daß Cagliostros Verhaftung ihn beim Publikum wieder auf den Gipfel der Gunst erhob. Er ward zum Wohltäter der Menschheit, zum Philosophen, Weisen, »der den Auftritt des Sokrates mit dem Giftbecher vielleicht wiederholen werde«.

So arg wurde es nicht, hart und despotisch war indessen die Behandlung, welche er erfuhr, und er durfte mit Recht über ein widerrechtliches Verfahren klagen, da er, am 22. August 1785 verhaftet, erst am 30. Januar 1786 gerichtlich vernommen wurde! – Doch er blieb guten Mutes, die Zeitungen durch Europa gaben tägliche Bulletins über sein Befinden. Man wußte, was er aß, trank, sprach. Eingestanden hat er später in Rom, daß er sowohl, als die andern Gefangenen Mittel gefunden, sich untereinander zu verständigen, um ihre Aussagen danach vor Gericht einzurichten, und die dicken Mauern der Bastille wären vermöge einer einfachen magischen Operation, nämlich durch geschickt verwandtes Gold mit dem Gepräge des Königs, durchsichtig geworden.

Das Parlament mußte ihn freisprechen. Auch Mirabeau räumt ein, daß der Betrüger möglicherweise in dieser einen Angelegenheit nicht als Schelm gehandelt habe. Nach der neuesten quellenmäßigen Behandlung des Halsbandprozesses von Funck-Brentano: L'affaire du Collier (Paris 1901) liegen aber erhebliche Beweisgründe für eine Verbindung Cagliostros mit dem Halsbandskandal vor.

Am 30. März 1786 fuhr Cagliostro nach dem Parlamentshause, um sein freisprechendes Urteil zu vernehmen. Seine Frau war schon einige Tage vorher entlassen. Der Menschenwohltäter ließ auch diese Gelegenheit nicht ungenützt, zu zeigen, daß er an diesem Tage der Freude auch an andere denke, die des Trostes bedurften. Vor seinem Fiaker ging ein Krüppel mit Medizinflaschen für die Bedürftigen.

Am 31. Mai ward er aus dem Gefängnis entlassen. Der Jubel seiner zahlreichen Anhänger, ihre Aufwartungen, ihre Vivats, ihre Illuminationen ihm zu Ehren, dauerten nur kurze Zeit. Schon folgenden Tages erhielt er den königlichen Befehl, Paris binnen vierundzwanzig Stunden, das Königreich in drei Wochen zu verlassen. Die römischen Akten berichten (nach seinen Aussagen), daß sich darauf in seinem Hause eine Menge Leute eingefunden und bereit erklärt hätten, die Waffen zu ergreifen, um sich der königlichen Gewalt zu widersetzen (??). Aber Cagliostro wollte keine Revolution (!). Er beschwichtigte sie; anderwärts werde er seine Stimme erschallen lassen. Er zog nach Passy, vor Paris' Toren. Scharenweis folgten ihm seine Jünger und Anhänger, Männer und Frauen vom ersten Range, selbst Personen vom Hofe. Man fürchtete für sein Leben; je zwei und zwei hielten beständig Wacht vor seinem Zimmer. Boshaft fragt der Pater Marcellus: ob auch da, als er von einer jungen, aber häßlichen Amerikanerin die Taxe des Patentes für die Freimaurerei, aber nicht in barem Gelde, erhob?

Der betrügerische Intendant Chesnon und der Gouverneur der Bastille, der Marquis de Launay, sollten ihn beraubt und betrogen haben, indem sie seine Gattin bei der Entlassung gezwungen, ein Attest zu unterschreiben, wonach sie alle ihre Kleinodien und Gelder, die bei der Verhaftung mit Beschlag belegt worden, wieder empfangen hätte; und sie hatte dieselben doch nur zum Teil zurückerhalten. Aber trotz dieser Beraubung hielt Cagliostro in Passy einen so glänzenden Haushalt als in Paris. Es flimmerte von Diamanten: »Ich bedarf keines Menschen,« sprach er stolz. »Bei solchen Schätzen bedarf man der Beihilfe keines andern,« und ließ sich von seinem Pariser Bankier Wechselbriefe in Höhe von hundertfünfzigtausend Franken auf London geben. In drei Kutschen reiste er am 13. Juni nach Boulogne ab.

 

Er erfüllte in London sein den Jüngern gegebenes Wort: anderwärts wolle er seine Stimme erschallen lassen. Zuerst ein neuer Prozeß; die Parodie zum Halsbandprozesse. Er verklagte den Intendanten Chesnon und den Bastillengouverneur Marquis de Launay. Nicht weniger als folgende kostbare Dinge wollte er bei seiner Verhaftung besessen haben, die mit Beschlag belegt und ihm nicht wieder ausgeliefert worden: verschiedene Medikamente und sechs Bouteillen eines kostbaren Balsams von Rosen, Zimmt und andern teuern Essenzen; fünfzehn Rollen, jede mit fünfzig Doppellouisdors, ein Beutel mit zwölfhundertdreiunddreißig römischen Zechinen, vierundzwanzig spanische Quadrupel, zwei Portefeuilles mit Papieren, siebenundvierzig Billets der Caisse d'Escompte, jedes von tausend Livres; viertausend Livres aus der Hauskasse seiner Frau; außerdem viel Silberzeug und Juwelen. »Durch ein feierliches Arrêt für unschuldig erklärt, welches Schicksal zwingt mich, meine Stimme noch einmal bei den französischen Tribunalen zu erheben?« so fängt seine Klage an. Warum muß er um Geld klagen? Es ist nicht für ihn. Alles, was er hat, ist das Erbteil der Unglücklichen, es sind ihre Rechte, die er verteidigt. Für ihn selbst ist der Verlust seiner Papiere weit schmerzlicher; von so großer Wichtigkeit sind sie für ihn, daß ihn bloß die göttliche Vorsehung wegen des Verlustes derselben entschädigen kann.

Auch dieser Prozeß erregte außerordentliches Aufsehen, ohne doch zu einem eigentlichen Ende zu kommen. Ein Wirbelwind furchtbarer Ereignisse verschlang diesen widerwärtigen Rechtshandel, und wenn Cagliostro noch zwei Jahre später von tückischem Rachegefühl erfüllt war, hatte er wiederum Gelegenheit, von dem Strafgericht Gottes zu sprechen, das seine Feinde treffe, als der unglückliche de Launay bei der Erstürmung der Bastille fiel.

Cagliostro hielt noch weiter Wort. Er begnügte sich nicht damit, den Kommissar und Gouverneur eines Gerichts und eines Gefängnisses zu verklagen, sondern schleuderte seine Geschosse gegen die Regierung selbst. Es ist möglich, daß Cagliostro damals wieder an einem Wendepunkt seines Lebens stand, wie vor Jahren, als er, ebenfalls in London, die Idee seiner Logenreform nach ägyptischem Ritus faßte. Ohne es zu wollen, war er in Paris eine politische Persönlichkeit geworden: als Gefangener in der Bastille, dem verhaßten Symbol des französischen Absolutismus – als unschuldig Gefangener, der bei seiner Abreise von Boulogne Gegenstand von Massendemonstrationen wurde, die nicht sowohl dem Wundermann als dem Opfer der französischen Willkürherrschaft galten. Es ist denkbar, daß ihm das zu Kopfe gestiegen war und er neue Möglichkeiten vor sich aufsteigen sah.

Aus dem ägyptischen Traumreiche war er in das von politischen Parteien durchwühlte und gärende Frankreich versetzt, und war klug genug, um zu verstehen, was hier galt, und um davon den möglichsten Vorteil für seine Person zu ziehen. Den revolutionären, den republikanischen Tendenzen mußte er schmeicheln, um seine neuen Anhänger sich zu gewinnen. Ging es einmal mit dem Groß-Kophta nicht mehr, und dem Goldmachen und der moralischen Wiedergeburt, so war es doch möglich, daß für ihn ein neues, politisches Logensystem blühte, in welchem er abermals als Meister vom Stuhl glänzen könne. Er ließ in Paris von einem seiner Anhänger einen Aufruf an das französische Volk gegen die königliche Macht schreiben, der aber so stark war, daß selbst der englische Verleger Schwierigkeiten machte, ihn zu drucken. Dennoch geschah es: »Cagliostros Sendschreiben an die französische Nation« erschien, ward in alle Sprachen übersetzt, machte ungeheures Aufsehen und füllte den Beutel des Verfassers mit ansehnlichem Gewinn. Cagliostro weissagte in dieser Schrift, – geschrieben zu London am 20. Juni 1786 – daß: 1) die Bastille werde niedergerissen und zu einem öffentlichen Spaziergange werden, 2) daß in Frankreich ein Fürst regieren werde, welcher die Lettres de cachet abschaffen, die Generalstaaten zusammenrufen und die wahre Religion wieder einsetzen werde. –

Sein politischer Charakter dauerte indessen nicht lange. Zwar schäumte der heftige Südländer vor Wut gegen das Frankreich, wo er, der für seine Schuld nie bis da gebüßt, zum erstenmal hatte büßen müssen, und diesmal unschuldig. Er korrespondierte in dem Sinne mit seinen Anhängern dort, er zitierte sie zu sich nach London, er predigte, er prophezeite Aufruhr, Umsturz des Königtums; wie die Anhänger der Tempelherren den Tod ihres Großmeisters gerächt, stände es auch ihm und den Seinen zu, was er in Frankreich erlitten, zu rächen. Aber das war nur etwas Vorübergehendes. Die Politik war nicht sein Feld; wenn er gleich ihre Intrigen begriff, wenn er wie ein geschickter Feldherr die Vorteile des Augenblicks zu benutzen wußte, war ihm das große Feld doch fremd, wo man zuletzt offen, im hellen Sonnenlicht seine großen Trümpfe ausspielen muß. Er brauchte verschlossene Zimmer, Kerzenlicht, Dampf und Glauben mit Gehorsam vermischt. Die kritische Vernunft, die Selbstprüfung gehörte nicht in sein System. – Noch einmal später blitzte ein politischer Impuls in ihm auf, aber nur die Not war sein Vater, und es ward ein beschämendes Abblitzen. Aus Rom, ehe er noch in die Engelsburg gebracht wurde, richtete er beim Ausbruch der Revolution Vorstellungen an die französische Nationalversammlung, daß die freie Nation ihm die Erlaubnis zur Rückkehr erteilen möge, welche der Despotismus ihm entzogen, ihm, dem Manne, welcher sich so lebhaft für die Freiheit der Franzosen verwandt habe! – Die Nationalversammlung tat ihm den Gefallen nicht.

Er kehrte in London zu seinem früheren Berufe zurück, nur mit etwas modifizierter Richtung, denn sein Talent schmiegte sich dem Bedürfnis und Verlangen an. In England wehte damals durch die praktisch trockene Luft ein feuchter Schauer aus den germanischen Wunderhöhlen. Es war seit einigen Jahren eine theosophical society gestiftet, welche sich mit Swedenborgs Schriften viel beschäftigte, sie übersetzen und seine hinterlassenen Handschriften drucken ließ. Hier suchte man nicht nach dem Stein der Weisen, man wollte nicht Gold machen, noch ein ewiges Leben auf Erden erstreben, man suchte nur die Apokalypse zu erklären und nach dem »Neuen Jerusalem«. Cagliostro war der Mann, die Suchenden in ihrer unbestimmten heiligen Brunst auf den rechten Weg zu leiten. Er fand in Lord Gordon, einem Manne von glühender Einbildungskraft, aber ungeregeltem Verstande, einen eifrigen Anhänger, einen Busenfreund, und abermals einen reichen Gimpel, an den er seine Saugmaschine setzen konnte.

Das Spiel wurde hier mehr in der Stille betrieben, dauerte aber nicht lange, weil Cagliostro in London eine Macht kennen lernte, die es mit ihm aufnehmen konnte, die Zeitungspresse. Der Redakteur einer in London erscheinenden französischen Zeitung, des Courier de l'Europe, Morand, ein tüchtiger Publizist von Gesinnung, unternahm es, vor der Welt gegen Cagliostro aufzutreten, und verfolgte diese Absicht so unerbittlich, daß Cagliostro endlich vor ihm weichen mußte.

Die Charlatannatur hatte dem Wundermann in einer unglücklichen Stunde in den Nacken geschlagen. In dem zweiten Londoner Sendschreiben, dem an das britische Volk, In diesem bekannte Cagliostro sich als Verfasser des an die französische Nation gerichteten. hatte er folgendes Kuriosum einfließen lassen: Zu Medina befreiten sich die Einwohner von den Raubtieren, wie Löwen, Tigern und Leoparden, indem sie Schweine mit Arsenik mästeten und sie so in die Wälder jagten. Die wilden Tiere zerrissen, fraßen sie und krepierten dann am Arsenik, welcher den Schweinen nichts schadet. Morand fertigte diese Albernheit nach Verdienst ab. Cagliostro blieb ihm nichts schuldig: am 3. September 1786 forderte er ihn durch ein gedrucktes Blatt heraus. »Ich lade Sie auf den 9. November, neun Uhr morgens, zu einem Frühstück ein. Sie sollen dazu den Wein und die anderen Zutaten liefern; ich dagegen werde eine Schüssel nach meiner Manier dazu offerieren. Diese wird nämlich ein kleines Schwein sein, das auf meine Weise gemästet worden ist. Zwei Stunden vor der Mahlzeit werde ich es Ihnen lebend zeigen, und zwar fett und gesund. Sie sollen es dann töten und es zubereiten, und ich werde mich dann auch nicht einen einzigen Augenblick demselben nähern, bis man es bei Tisch servieren wird. Sie selbst sollen es dann in zwei Stücke schneiden, davon dasjenige wählen, welches Ihnen als das appetitlichste erscheint, und mir dasjenige auflegen, welches Sie für gut halten. Am anderen Tage wird Ihnen eine von folgenden vier Eventualitäten passiert sein. Entweder werden wir beide zugleich tot sein, oder weder einer noch der andere, oder aber ich werde tot sein, Sie aber nicht, oder endlich Sie und ich nicht. Von diesen vier Möglichkeiten schenke ich Ihnen drei und wette mit Ihnen fünftausend Guineen, = 105 000 Mark daß Sie am Tage darauf eine Leiche sein werden, während ich mich ganz wohlauf befinden werde. Sie werden mir gestehen, daß man schwerlich ehrlicher spielen könnte und daß Sie notgedrungen meine Wette annehmen müssen, oder erklären, daß Sie ein Dummkopf sind und daß Sie in seichter und täppischer Weise über eine Tatsache sich lustig gemacht haben, die über Ihr Denkvermögen ging.« Nebenher beschuldigt Balsamo den Redakteur noch, er habe ihn nur deshalb angegriffen, weil Balsamo nicht sein Wohlwollen erkauft hätte.

Morand machte zur Gegenbedingung, die Szene müsse an einem öffentlichen Orte spielen, zu dem jedermann Zutritt hätte. Da er sich nicht dadurch gemein machen wolle, daß er sich mit einem Menschen wie Cagliostro zusammen zu Tische setze, so möge sich statt seiner Cagliostro irgend ein fleischfressendes Tier zum Tischgenossen erwählen. Im übrigen wolle Morand, sobald er Garantie besitze, daß die Summe in der Tat bereit liege und bei verläßlichen Personen hinterlegt sei, die sonderbare Wette annehmen.

Natürlich nahm Cagliostro die so abgeänderten Bedingungen seinerseits ebenfalls nicht an, sondern schrieb im »Public Advertiser« einen zweiten offenen Brief, in welchem er mit hämischen Floskeln erklärte, er wolle Morand, nicht seinen Stellvertreter bekämpfen, und wenn er also nicht sich selbst stellen möge, so könne die Wette nicht zum Austrage gelangen.

Nun riß Morands Geduld, und er stellte dem Publikum einen Charlatan dar, vor dem es erröten mußte. Zugleich deckte er so viele einzelne Betrügereien, die ihm bekannt geworden, auf, daß die Gläubiger und die Geprellten erwachten und ihn vor die Gerichte zogen.

Unter den zahllosen Anekdoten, die er von ihm nach und nach zum Besten gab, benachrichtigte er die Welt auch von einem Verhältnis, von welchem die wenigsten bis da etwas wußten: von der ruchlosen Art, mit welcher er seine Gattin behandle und von deren Reizen Vorteil ziehe. Sie sei das unglücklichste Weib von der Welt, und Cagliostro als Gatte ein roher wilder Mann, der, während er öffentlich die zärtlichste Neigung heuchle, unter vier Augen die unmenschlichsten Grausamkeiten gegen seine Gattin verübe.

Im März 1787 war Cagliostro aus London verschwunden. Morands Anzeigen sollen die Regierung aufmerksam gemacht haben, und man behauptet, daß die auch von daher ihm drohenden Verfolgungen ihn zur Flucht genötigt hätten. Seine Frau blieb zurück. Da erwachte in ihr die Stimme des Gewissens, die sich, wie sie vor dem Inquisitionsgericht glaubhaft machte, schon oft in ihr geregt, aber durch die Drohungen ihres Gatten unterdrückt worden war. Sie vertraute sich mehreren Personen, unter bittern Klagen über ihren grausamen Mann; aber noch fand dieser Mittel, sie wieder an sich zu ziehen und zum Schweigen zu bringen. Er ließ sie von einem seiner Jünger nach Biel in der Schweiz bringen, wo er sich damals grade aufhielt, und sie mußte vor dem dortigen Magistrat ein angeblich freiwilliges Bekenntnis ablegen, worin sie alle ihm in London zugesprochenen Schandtaten ableugnete, und ihn für den rechtlichsten Mann und besten Christen erklärte!

Doch sein Glücksstern ging unter. In der Schweiz, abwechselnd in Basel und Biel, operierte er zwar noch einige Zeit, von einer Dame im ersteren Orte unterstützt, welche ihm früher in Straßburg ihre vollkommene Genesung von einer gänzlichen nervösen Zerrüttung verdankte; er magnetisierte und hatte in Basel eine in mysteriösem Stil glänzend eingerichtete Loge; er arbeitete mit Lavater an der Errichtung des neuen Jerusalems; die Desorganisation und der Somnambulismus wurden von beiden weiter verbreitet, und die Schrift der Recke, die nun erschienen war, wurde zwar auch in der Schweiz und im Elsaß gelesen, aber sie half nichts. Die Anbeter des Wundermanns blieben.

Aber – entweder war es der Geist der Unruhe, oder, was wahrscheinlicher, ihm fehlten hier die Gordons, Rohans, die reichen kurländischen Großen und polnischen Magnaten, er »schaffte« nicht, was er wollte. Er geht, nachdem seine Frau zu Aix in Savoyen eine Badekur gemacht, nach Turin. Dort wird er durch königlichen Befehl verwiesen. Wien verläßt er gleichfalls, man weiß nicht weshalb. In Roveredo ward ihm die medizinische Praxis auf Kaiser Josephs II. Befehl untersagt. Doch war sein Aufenthalt dort nicht ohne Wirkung, da bald nach seiner Flucht ein kleines Buch unter dem Titel »Liber memorialis de Caleostro dum esset Roborati« seine dortigen Betrügereien mit schonungslosem Spotte aufdeckte und geißelte. Ein Schreiben aus Roveredo aus der nämlichen Zeit gibt uns in noch kürzerer Darstellung von dem Verhalten Balsamos einige Nachrichten. Wir lassen daher hier einiges daraus folgen. Es befindet sich im »Journal von und für Deutschland«, von Bibra, 1788, abgedruckt.

»Ich war vor einiger Zeit in Tirol,« so beginnt das vom Dezember 1788 datierte Schreiben; »vielleicht ist es Ihnen nicht unlieb, wenn ich Ihnen Nachricht von einer in mancher Beziehung interessanten Bekanntschaft, die ich da machte, gebe. Cagliostro kam nach Roveredo. Cagliostro hieß es auf allen Straßen und Gassen, von einem Ende Tirols bis zum anderen. Er war kaum einige Tage allda, so verbreitete sich auch schon der Ruf seiner neuen Wunder weit umher. Ich war nicht sehr weit von Roveredo entfernt. Es war der Mühe wert, ihn zu besuchen, der schon in so vielen Ländern seine Bude aufschlug, Tausende von Menschen an sich zog und bei Tausenden tiefe Bewunderung und bei Hunderten tiefe Verachtung einholte. Mein Urteil war zwar schon im voraus über ihn gefällt, aber ich wollte Bestätigung; ich kam, sprach ihn, oder besser hörte ihn sprechen, weil er zu beredt ist, um andere viel reden zu lassen, und fand die Bestätigung. Männer und Weiber aus allen Ständen und aus allen benachbarten Gegenden kamen, aber freilich aus verschiedenen Absichten, den Wundermann zu sehen. Der Vormittag gehörte den Kranken, der Abend den Vorwitzigen. Ich war unter den letzteren. Madame Cagliostro saß auf dem Sofa, Monsieur le Comte stand auf der Seite oder in der Mitte und rund umher saßen und standen die Besuchenden. Herrliche Szenen hat mir dieses komisch-tragische Schauspiel drei Abende durch gewährt. Sie lassen sich nicht ganz beschreiben. Aber wäre ich doch ein Chodowiecki gewesen, ich hätte sie abgezeichnet. Daß Menschen einem Marktschreier anhangen, daß es der Toren aller Orten so viele gibt und daß eben diese einem Charlatan das Handwerk so leicht machen, ist sehr begreiflich. Aber einem so groben Charlatan anhangen, anhangen einem Betrüger, dem schon so oft die Larve abgerissen wurde, der schon ein so alter Betrüger ist, dieses ist schwer zu begreifen, dies gereicht unserm Jahrhundert zu nicht geringer Schande und ist ein Beweis, daß die Zahl der Unwissenden, der Schwärmenden und Leichtgläubigen noch lange die größte sei und die Unwissenheit, Schwärmerei und Leichtgläubigkeit einen sehr hohen Grad erreichen kann. Ich hörte ihn die größten Sottisen, die unverschämtesten Lügen und unerträgliches Eigenlob nacheinander hersagen, und ich sah zugleich, daß dies alles viele seiner Enthusiasten noch mehr für ihn einnahm. Ich sah sogar, daß es sehr unklug, sehr gefährlich würde gewesen sein, manchen von diesen nur in etwas bei so auffallenden Dingen aufmerksamer machen zu wollen. Und er siegt, mag er auch nur der flachste Menschenkenner sein, mag er auch nur die gemeinsten Listen und Kunstgriffe gebrauchen, mag es ihm auch an wahren Kenntnissen, an Feinheit, an Welt und an äußerlichen Vorzügen noch so sehr mangeln. . . . . . . . . . . . . . . . . Er erzählte sodann, daß er, um wenigstens mit einem kleinen Teile seiner Kenntnisse der Menschheit nützlich und seinen Freunden dankbar zu sein, den Schweizern vorgeschlagen habe, das viele Gold, Silber und Edelgesteine in Menge, welche unter den Eisbergen verborgen liegen müßten, aufzusuchen, und um die Eisberge wegzubringen, sie mit Essig und Salpeter zu beschießen, wo sie dann ganz zerschmelzen und die Schätze der Erde offen lassen würden. Hier rissen seine Verehrer Augen, Mund und Ohren auf und beklagten die Torheit der Exzellenzen von Bern nicht wenig, daß sie einen so nützlichen Vorschlag nicht annahmen, sondern ihm rieten, sich nur mit Heilkunde abzugeben. Nur einer unterbrach die lange Pause und sagte dem großen Manne in aller Demut, ihn nehme es nicht Wunder, daß die Schweizer seinen Vorschlag nicht ausführen wollten, weil sie gefürchtet haben würden, durch die Zerschmelzung der Eisberge möchte die ganze Schweiz überschwemmt werden. Diesen Zweifel erwartete der große Mann nicht, legte den Kopf an dem Sitz zurück, wandte ihn hin und her und brachte lange nichts als ein verdrießliches non, non, non hervor, gleichsam als wolle er das zerschmelzende Eis bitten, ihm diesen Streich nicht zu spielen. Endlich glaubte er dadurch wieder alles gut zu machen, daß er versicherte, die Schweiz habe eben so viele Flüsse, Seen und auch unterirdische Kanäle, in welche sich das häufige Eiswasser sogleich verteilen würde. Als ihm aber der andere geantwortet hat, daß er die Schweiz sehr wohl kenne und daß alle diese Seen und Kanäle für einen so großen, so jähen und hohen Wassersturz wenig nützen würden und daß alles zugrunde gehen müßte, wußte er sich nicht mehr zu helfen und rief ein lautes »ah non?« aus und fing an, von seinen Kranken zu sprechen.« –

*

In Trient fand er, wegen seiner vorgeblichen medizinischen und chemischen Kenntnisse, zwar einigen Zutritt beim Fürstbischof, konnte aber mit seiner Maurerei kein Glück machen. Ein durchreisender deutscher Fürst besuchte noch den berühmten Mann, und erhielt von ihm einen Gegenbesuch; aber von Kaiser Joseph erging ein Schreiben an den Prälaten, daß er sich verwundern müsse, wie derselbe einem Manne »von diesem Schlage« den Aufenthalt vergönne.

Er mußte also fort. Aber noch ein anderes dringenderes Argument nötigte ihn dazu – seine unerschöpflichen Geldquellen waren ausgegangen; schon hatte er, um nur leben zu können, Juwelen verpfänden müssen. Aber wohin sich wenden? Fast alle Länder, von Palermo bis Petersburg, waren ihm verschlossen. Seine Gattin bestürmte ihn, sich nach Rom, ihrer Vaterstadt, zu wenden. Die Sehnsucht nach den Ihrigen, die Hoffnung, erlöst zu werden von ihrer bisherigen Lebensart, ihre Gewissensangst, die dort vielleicht Befriedigung fände, und die Furcht vor dem unseligen Ende, welches ihrer Phantasie bei Tag und Nacht vorschwebte, ließen sie zum erstenmal selbsttätig werden. Sie bearbeitete mehrere Hofleute des Fürstbischofs, ihrem Gatten zuzureden, sie bat sie, ihm Empfehlungen nach Rom zu geben, um ihn zu einem Entschluß zu bringen. Cagliostro war endlich entschlossen, denn es blieb ihm nichts anderes übrig; er heuchelte zu Füßen eines Beichtvaters die tiefste Reue über sein freimaurerisches Treiben, und der Fürstbischof, gerührt über den zerknirschten Sünder, gab ihm dafür die gewünschten Empfehlungen an einige hohe Personen in Rom.

Zu Ende Mai 1789 zog er in Rom ein, nicht mehr, wie es scheint, mit dem frühern Glanze. Doch wirkte sein Name noch bei vielen, welche dem Kitzel nicht widerstehen konnten, selbst zu untersuchen, ob die tausend andern vor ihnen sich hatten betrügen lassen, oder zu stumpfsinnig gewesen wären, die Wahrheit zu erkennen. Er trat auf als Arzt, aber nicht mit Glück; er arbeitete an der Stiftung seiner ägyptischen Loge und fand zum Teil gläubige Jünger, aber – nicht solche, wie Cagliostro sie verlangte. Sie wollten zwar Wunderdinge sehen, aber nicht dafür bezahlen. Sie waren begierig, Gold zu machen, aber durchaus nicht die nötigen Vorschüsse einzuschießen. Nicht einmal fünfzig Scudi für das schön gestochene Lyoner Patent wollten sie entrichten! Der große Cagliostro scheiterte an solchen Erbärmlichkeiten. Er mußte über dem Studium des Überirdischen den Charakter seiner italienischen Landsleute vergessen haben. Einige Liebeshändel, zu denen er sich vergaß, füllten ebensowenig seine Börse, und er mußte ein kostbares Geschenk aus der bessern Zeit nach dem andern in den mons pietatis tragen, als die letzte traurige Katastrophe eintrat.

Unzufrieden mit der römischen Luft, und sehnsüchtig nach Frankreich zurückblickend, dem glücklichen Theater seiner größten Wirksamkeit, hatte er eben seine Vorstellung an die Nationalversammlung in Paris entworfen und abgesandt, als er einen Wink erhielt, daß man ihm nachstelle. Cagliostro achtete nicht darauf, obgleich die Warnungen dringender wiederholt wurden. Doch erließ er (seiner Aussage nach, was wohl zu sondern!) ein Kreisschreiben an alle Logen der gemeinen wie der ägyptischen Freimaurerei, worin er alle Mitbrüder anwies, ihm beizuspringen, falls er wirklich gefänglich eingezogen werden sollte. Als er abends am 27. Dezember 1789 von der Inquisition verhaftet und mit seiner Gattin in einer Kutsche, von zwölf Grenadieren begleitet, nach der Engelsburg gebracht wurde, hatte er keines seiner Papiere verbrannt oder beiseite geschafft. Man fand seine sämtlichen Briefschaften, Freimaurergeräte und selbst das ängstlich von ihm gehütete Gesetzbuch der ägyptischen Freimaurerei vor.

Die Nachricht erregte durch die ganze gebildete Welt die größte Sensation. War er früher schon der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit, so wurde er es jetzt nur um so mehr. Man erging sich in Mutmaßungen, was der Anlaß der Verhaftung gewesen sei? Einige wollten das Motiv auf die Halsbandgeschichte zurückdatieren, andere vermuteten, daß er ein geheimer Jakobiner sei, daß Pius VI., von Paris aus gewarnt, ihn habe verhaften lassen, vielleicht auch, weil er eine Revolution in Rom anzustiften versucht. Noch andere sahen in ihm den geheimen Apostel der Illuminaten, deren Verbindungen, Mitteln und Anzahl man durch Beschlagnahme seiner Papiere auf die Spur kommen wollte. Dieser furchtbare Bund bestand für die, welche ihn fürchteten, aus einigen Millionen Mitgliedern. Man wußte auch, seine Gattin habe ihn verraten, und er, in Verzweiflung darüber, habe sich zweimal mit der Pistole das Leben nehmen wollen. Dann, daß er in tiefe Schwermut verfallen sei, Speisen und Getränke einige Tage hindurch zurückgewiesen, aber die ihm versagte Feuerung sich erbeten habe. Ihm seien gleich nach seiner Verhaftung aus London Wechselbriefe in Höhe von fünftausend Pfund Sterling zugekommen; sein Anhang sei sehr groß, auch unter den vornehmsten Familien in Rom; er konspiriere aus seinem Kerker, und Papst und Kardinalskollegium zitterten vor ihm, da er den Umsturz des päpstlichen Reiches und die Schleifung der Engelsburg prophezeit habe. Mit Zittern erinnerte man sich daran, daß er es ja gewesen, der drei Jahre vorher die Zerstörung der Bastille vorausgesagt hatte!

Solche Bedeutung schenkte man, nach so vielen Entlarvungen, noch immer einem Betrüger, entweder aus Sucht nach wunderbarer Erklärung für einfache Tatsachen, oder weil die vielen Betrogenen nach dem letzten Strohhalm haschten, um sich vor der eigenen Beschämung zu retten.

Verhaftet wurde Cagliostro auf Grund seines Versuches, eine Freimaurerloge in Rom zu gründen, und dies nach päpstlichen Verordnungen ein Verbrechen war. Außerdem kamen noch politische Gründe hinzu. Die französische Revolution war gerade in ihrer furchtbarsten Entwicklung; in ihr erblickte man zu Rom nicht das Auflehnen eines Volkes gegen jahrelange Unterdrückung, Rechtlosigkeit und Ausbeutung, sondern die Tat von Verschworenen, die Thron und Altar bedrohten und in den ketzerischen Freimaurerlogen ihren Ursprung hatten. Wenn man in Cagliostro das Haupt der Freimaurer festnahm, in die Geheimnisse der Logen drang, ihre Personenregister in Beschlag nahm, so konnte man ja den drohenden Umsturz verhüten.

In seiner Verteidigung machte Cagliostro den besten Gebrauch von diesem Wahn. Nachdem er bekannt hatte, was nicht mehr zu leugnen war, stellte er sich dar als ein gläubiger katholischer Christ, der vielleicht geirrt hätte, aber nur von der heiligsten Inbrunst geleitet, die Überzeugungen der wahren römisch-katholischen Religion unter den Völkern zu verbreiten. Weil er aber in dem gemeinen Freimaurerorden Gottlosigkeit, Atheismus und schwarze Künste gefunden, habe er seine ägyptische Loge gestiftet, in der Absicht, die allein wahre Erkenntnis zu verbreiten. Er stopfte seinen Richtern den Mund mit grauenvollen Erzählungen von der Gottlosigkeit der Freimaurer, mit Winken über ihre sträflichen Absichten und Intrigen gegen die monarchische Verfassung und die katholische Kirche. So weit gelang es ihm, sie damit zu beschwatzen, daß sie nicht genug von seinen haarsträubenden Eröffnungen hören konnten; aber sich weiß zu brennen vermochte er doch auch vor diesen Richtern nicht.

Was Pater Marcellus aus den Akten veröffentlichte, ist, soweit es das Schwindlerleben Cagliostros aufhellen kann, bereits an seinem Orte erwähnt worden. Hier sei nur noch auf die Behauptung Cagliostros hingewiesen, wonach es seine Redekraft war, mit der er die Gemüter bezwang. Mit Entzücken schilderte er, wie seine Reden oft mehrere Stunden gedauert und durch ihre Trefflichkeit seine Zuhörer bezaubert und gefesselt hätten. Aber sie wären auch von einer Erhabenheit, einer alles umfassenden Gelehrsamkeit, voll tiefster Einsichten in die heilige Schrift und von einem solchen Eindrucke gewesen, daß viele Irrgläubige und Zweifler dadurch zur Erkenntnis Gottes und der katholischen Religion zurückgekehrt wären.

Seine Frau dagegen sagte: seine Reden seien über alle Maßen weitschweifig gewesen; man könne sich kein nachlässiger hingeworfenes, unbündigeres Gewäsch denken. Zudem habe er immer erst einige Flaschen leeren müssen, ehe er in Fluß kam. Oft mußte ihm die Frau einen Stoff aus der Bibel geben; den ersten besten. Sein schlechtes Französisch in sizilianischem Munde hätte bisweilen ganz anders gewirkt, als er angab, nämlich das Zwerchfell erschütternd. Was politische Grundsätze anlangt, so habe er die Fürsten Tyrannen gescholten, wo das Publikum aus Unzufriedenen bestand; dagegen mit salbungsvollen Worten zum Gehorsam gemahnt, wo er ein royalistisches Auditorium vor sich hatte. Außer seiner Frau gaben viele andere, die ihn gehört, ein ähnliches Urteil und Zeugnis ab. Er habe immer viel, aber ohne Methode, ohne Logik, ohne Gegenstand und in einem Schwulst von Worten und Empfindungen gesprochen, daß er gewöhnlich selbst den Faden verlor. In eben der Weise erging er sich vor den Richtern in stundenlang dauernden zwecklosen Deklamationen, und keine Ermahnung, sich kurz zu fassen, konnte den Strom seiner Charlatansberedsamkeit unterbrechen.

Die Phantasie seiner Zuhörer half ihm nicht wenig. Der Glaube an ihn war im voraus da. Verstanden sie die Reden nicht, so maßen sie die Schuld ihrer eigenen mangelnden Kenntnis bei, suchten tiefsinnige Beziehungen, wo er Unsinn redete, und erklärten sich das ganz Dunkle nach ihrem besten Wissen oder ihrer Neigung. Je abstruser und unverständlicher ein Mystiker drauflosredet, desto mehr wird in seinen leeren Schwulst ein tiefer Sinn hineingeheimnist, und wer das okkulte Kauderwelsch den »Betrogenen und Halbbetrogenen« gegenüber als das bezeichnet, was es ist, nämlich als Blödsinn, der läuft, wie Goethe sagt, Gefahr, daß sein gesunder Menschenverstand »von der Höhe ihres gläubigen Dünkels herab bedauert wo nicht gering geschätzt wird.« Man kann das gegenwärtig alle Tage erleben! Die Welt, die betrogen sein will, läßt sich mit so wenigem schon abspeisen.

 

Am 21. März 1791 wurde die ganze Rechtssache dem vollen Rate der heiligen Inquisition und endlich, nach altem Herkommen, am 7. April dem heiligen Vater vorgetragen. Pius VI. sprach, obwohl der Verbrecher, wie Pater Marcellus ausruft, »als Wiederhersteller und Fortpflanzer der ägyptischen Maurerei« vielfach den Tod verdient hatte, in gewohnter Milde, nur folgende Sentenz über ihn aus:

»Giuseppe Balsamo, mehrerer Verbrechen Beklagter, Bekenner und gegenseitig Überwiesener, ist in alle jene Zensuren und Strafen verfallen, welche wider förmliche Ketzer, Irrlehrer, Erzketzer, Meister und Anhänger der superstiziösen Magie verhängt sind, sowie auch in die Zensuren und Strafen, welche sowohl in den apostolischen Konstitutionen Clemens' XII. und Benedikts XIV. wider alle diejenigen, die auf irgend eine Weise die Gesellschaften und Zusammenkünfte der Freimaurer begünstigen und befördern, als auch in dem Edikte des Staatssekretariats wider diejenigen bestimmt sind, welche sich über diesen Punkt in Rom oder an einem andern Orte der päpstlichen Herrschaft vergehen. Aus besonderer Gnade aber wird ihm die Strafe der Übergabe an den weltlichen Arm (das heißt die Todesstrafe) in eine ewige Gefangenschaft in irgend einer Festung verändert, wo er ohne Hoffnung einer Begnadigung in strenge Verwahrung genommen werden soll. Wenn er als förmlicher Ketzer in dem Orte seines gegenwärtigen Verhafts abgeschworen haben wird, sollen ihm die Zensuren erlassen und die gebührende heilsame Buße auferlegt werden.

»Das geschriebene Buch, welches betitelt ist: »Ägyptische Maurerei«, soll feierlich verdammt sein, als ein Buch, welches Gebräuche, Behauptungen, Lehren und Systeme enthält, die der Verführung einen weiten Weg bahnen, die christliche Religion zerstören, und welches abergläubisch, gotteslästerlich, ruchlos und ketzerisch ist; und soll eben dieses Buch, samt allen Werkzeugen, die dieser Sekte angehören, öffentlich von dem Henker verbrannt werden.

»Mittels einer neuen Konstitution werden sowohl die Konstitutionen der vorherigen Päpste, als auch das besagte Edikt des Staatssekretariats wider die Gesellschaften und Zusammenkünfte der Freimaurer bestätigt und erneuert und namentlich der ägyptischen Sekte und einer andern, die sich Illumination nennt, erwähnt, und wider alle und jede, welche sich in eine solche Sekte aufnehmen lassen, oder sie begünstigen, die schärfsten Strafen, und hauptsächlich jene Zensur festgesetzt.«

So wurde Cagliostro als Freimaurer und Ketzer bestraft. Seine übrigen Verbrechen sind nicht einmal erwähnt.

Er ward nach St. Leo ins Gefängnis abgeführt, wo er schon im Jahre 1795 starb. Seine Gattin ward auf zeitlebens in ein Kloster gesperrt. Noch zeigt man in dem höchsten Stockwerk der Engelsburg in Rom das Gefängnis, wo Cagliostro gesessen.

*

So endete dieser außerordentliche Mann, der seine Zeit verstand und die Konjunktur für Mystik ausnützte, die er richtig erkannt hatte. Der Weltkrieg wird eine neue, ähnliche Konjunktur schaffen; er hat Tausenden die Weltanschauung, auf der sie bisher fest und sicher gestanden, unter den Füßen weggeschlagen, diese Tausende suchen nach einem neuen Halt, und gleich Ertrinkenden greifen sie nach allem, was sich gerade bietet. Da bietet sich das Übersinnliche ... Und die Klage Goethes, die dem Buche vorausgestellt ist, hat nach hundertsiebenundzwanzig Jahren nichts von ihrer Berechtigung verloren:

»Es ist erbärmlich, anzusehn, wie die Menschen
nach Wundern schnappen.«

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