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Der Graf Cagliostro

Heinrich Conrad: Der Graf Cagliostro - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
editorHeinrich Conrad
authorHeinrich Conrad
publisherVerlag Robert Lutz
addressStuttgart
seriesRARA
volumeFünfter Band
printrunDritte Auflage
titleDer Graf Cagliostro
created20100718
senderwww.gaga.net
correctorfranka.antenne@gmx.de
year1921
projectid21b7233c
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Die Schrittmacher des Cagliostro

Wenn man eine Erscheinung wie den berüchtigten Cagliostro begreifen will, so darf man sie nicht für sich betrachten; man muß sie vielmehr im Zusammenhang mit ihrer Zeit sehen und vor allem auch die Vorarbeiten kennen, die eine Anzahl Schwärmer und Schwindler für sie geleistet hatten. Cagliostro, dieser Messias aller spiritistisch-theosophisch-mystischen Wirrköpfe und Irrgeister, hatte seine Vorläufer, von denen jeder auf seine Art einen Teil des Feldes bearbeitete, in das dann der kluge Italiener seinen rasch aufschießenden Samen streute, um eine reiche Ernte zu halten. In ihm vereinigten sich alle die zahlreichen Einzelrichtungen der ungesunden mystischen Schwärmerei, die dem letzten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts eigentümlich ist, und in ihm verkörperte sich ebenso das auf diese Geistesrichtung gegründete Schwindlertum. In einer anders gearteten Zeit wäre Cagliostro in der Form, wie er als Betrüger größten Stiles auftrat, nicht möglich gewesen.

Das Jahr 1773 hatte die Aufhebung des Jesuitenordens gebracht; der Geist der Aufklärung, der von den französischen Enzyklopädisten und den englischen Freimaurerlogen ausging und bei uns durch Lessing und Kant am vornehmsten vertreten ward, hatte der Gesellschaft Jesu das Todesurteil gesprochen. Die jesuitische Gefahr war aber mit der Aufhebung des Ordens noch nicht vorüber, man fürchtete mit Recht, daß die Jesuiten »unterirdisch« weiter wie bisher ihre Macht zu gebrauchen suchen würden, und so schlossen sich die aufgeklärten jesuitenfeindlichen Gebildeten in Geheimbünden, den Freimaurerlogen vor allen, zusammen, um der Gefahr zu begegnen. Zugleich lag es in der Richtung der Zeit, die gerade den Besten das Bedürfnis nach moralischer Läuterung und geistiger Erhebung fühlbar gemacht hatte, daß sie sich, noch immer ausgeschlossen von den großen öffentlichen Angelegenheiten des Staates und der Politik, dem ethischen Gebiete zukehrten. Die Frage nach des Lebens höchsten Zielen suchten sie sich zu beantworten, und da war es hauptsächlich die Freimaurerei, die sich zum Träger der neuen Gedanken machte. Während aber die Logen eine rationalistisch-aufgeklärte Veredelung des sittlichen Bewußtseins anstrebten, suchte – gewissermaßen eine Reaktionserscheinung – eine immer größere Menge anderer Vereinigungen dasselbe Ziel auf Grund eines pietistischen Bibelglaubens mit stark mystischem Einschlag zu erreichen. Unbefriedigt oder auch beängstigt von den Ergebnissen des rein vernünftigen Denkens suchte man dort den Rückweg zur Kirche, zu ihrem Dogma und – ihren Wundern. In diesen Konventikeln wurde der religiöse Mystizismus gepflegt, und den vermeintlichen neuen Wundern: den Visionen Swedenborgs, dem tierischen Magnetismus Mesmers, den Teufelsaustreibungen Gassners wandte man die gespannteste Aufmerksamkeit zu. Im weiteren Verlauf entarteten dann die Freimaurerlogen und wurden, ganz im Gegensatz zu ihren früheren Tendenzen, wahre Brutstätten eines okkulten Treibens. Der Geist der unter dem Namen Rosenkreuzer bekannten Geheimgesellschaften, die ursprünglich alchimistische Ziele verfolgten, drang verheerend in die Freimaurerlogen ein. Die Rosenkreuzer in erster Linie waren es, die unter dem Zusammenwirken von sittlichem Drang, Aberglauben und religiöser Empfindung sich der Theosophie, dem Geisterspuk und der Magie hingaben und damit auch in den Logen Eingang fanden. (Vergleiche den Abschnitt über Schrepfer.) – Es ist gewiß in diesem Zusammenhang nicht uninteressant, daß Dr. Rudolf Steiner 1906, nachdem er seine theosophische Mysterienschulung beendigt, eine theosophische Freimaurerloge gründete. Im letzten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts gewahrt man daher mit Staunen, wie einerseits der zunehmende Rationalismus mit allen Gründen der Vernunft und Wissenschaft gegen den Dämonen- und Hexenglauben kämpft, und gleichzeitig der Glaube an die okkultesten Mächte, an Magie, Geister und allen mystischen Unsinn gleich einer Epidemie die andere größere Hälfte der europäischen Kulturwelt ergreift. Es war, wie heute, eine Zeit des Überganges und der Umwälzungen auf geistig-seelischem Gebiet. Gottfried Keller hat in seiner »Ursula« einleitend von einer solchen sehr gut gesagt: »Wenn die Religionen sich wenden, so ist es, wie wenn die Berge sich auftun; zwischen den großen Zauberschlangen, Golddrachen und Kristallgeistern des menschlichen Gemütes, die ans Licht steigen, fahren alle häßlichen Tazzelwürmer und das Heer der Ratten und Mäuse hervor.«

So konnte sich ein Geisteszustand bilden, der den Schwärmern, Schwindlern und Hochstaplern ihre Erfolge überaus leicht machte. Denn wer überhaupt an übersinnliche Mächte glaubt, der wird sie stets auch da zu erkennen meinen, wo sie ihm nur vorgegaukelt werden. Da alles Übersinnliche und Übernatürliche der Vernunft widerspricht, jedenfalls von ihr nicht gefaßt werden kann, so hat der okkulte Wundergläubige, eben weil sein vernunftgemäßes Denken durch seine Gläubigkeit verdrängt ist, kein Mittel mehr, um eine Gaukelei zu durchschauen, vorausgesetzt nur, daß der ihm gebotene Schwindel nach Form und Inhalt den Vorstellungen entspricht, die der Wundergläubige sich von der Möglichkeit einer übernatürlichen Erscheinung gemacht hat. Franz Muncker sagt in seiner Abhandlung über Lavater: »Religiöse Schwärmer und angebliche Wundertäter flößten ihm stets großes Interesse ein, obschon er anfangs ihr Tun fast mit Mißtrauen betrachtete und redlich untersuchte, bevor er glaubte. Allein seine Ansicht von den außerordentlichen Gnadenwirkungen des heiligen Geistes setzte ihn der Gefahr einer Täuschung stärker ah jeden anderen aus.« Mit anderen Worten: Da Lavater an die göttliche Gnade des Wundertuns glaubte, fiel er auf alle Wundergaukeleien (insbesondere auch auf die Cagliostros) mit desto größerer Sicherheit herein. Oder um ein konkretes Beispiel zu nehmen: wessen Mentalität dem Glauben offensteht, ein Geist könne eine Weinflasche auf dem Tische tanzen lassen, der wird diese Betätigung eines Geistes zu erkennen meinen, wenn man die Flasche mit Hilfe eines schwarzen Frauenhaares, das gegen einen dunkeln Hintergrund nicht sichtbar ist, auf dem Tische Sprünge machen läßt. Der Wundergierige erblickt statt der Wirklichkeit, nämlich einer mittels Menschenwerk bewegten Flasche, sein eigenes Meinen: eine übersinnliche Erscheinung.

 

Der seiner Person nach harmloseste, in der Wirkung seiner theosophischen Lehre aber bedenklichste Schrittmacher Cagliostros war Emanuel Swedenborg. Zu Stockholm 1688 geboren, erwarb er sich in jungen Jahren bereits eine äußerst umfassende Bildung und beherrschte besonders die exakten Wissenschaften, in denen er für seine Zeit Bedeutendes leistete. Als 1724 Celsius starb, trug ihm die Universität Upsala den freigewordenen Lehrstuhl für höhere Mathematik an, den Swedenborg dankend ablehnte. Zehn Jahre später, im Alter von sechsundvierzig Jahren, hatte er in London eine Vision: ein von strahlendem Lichte umflossener Mann erschien ihm zur Nachtzeit, gab sich ihm als Gott zu erkennen und befahl ihm »den Menschen den innern und geistigen Sinn der heiligen Schriften auszulegen«; Gott werde diktieren, was Swedenborg schreiben solle. »In dieser Nacht,« sagt er, »wurden die Augen meines innern Menschen geöffnet und befähigt, in den Himmel, in die Geisterwelt und in die Hölle hineinzusehen,« und von nun an gab er alle wissenschaftlichen Arbeiten auf und befleißigte sich nur noch, dem erhaltenen Befehl nachzukommen. In der Folgezeit, berichtet er, seien ihm noch öfters die Augen seines Geistes geöffnet worden, »um bei völligem Tage zu sehen, was in der andern Welt vorging und mit Engeln und Geistern zu reden, wie ich mit Menschen rede«. Seine nunmehr verfaßten Schriften theosophischen Inhaltes füllten, außer dreizehn dicken Quartanten, die er selbst noch veröffentlichte, hundert Foliomanuskriptbände!

Daß Swedenborg an seine Visionen glaubte, kann nicht bezweifelt werden. Er prahlte nie mit ihnen und sprach über sie nur auf Befragen, dann aber mit einer so harmlosen Naivität, daß seine Aufrichtigkeit über jeden Verdacht erhaben ist, wie denn Swedenborg überhaupt ein sehr sympathischer, heiterer und freundlicher Mensch gewesen ist und ein Ehrenmann durch und durch. Selten verriet er sonstige Spuren geistiger Anomalie, wogegen er in seinen theosophischen Schriften, insbesondere in seinem »Himmel und Hölle, beschrieben nach Gehörtem und Gesehenem« und in den »Wonnen der Weisheit, betreffend die eheliche Liebe« (nämlich im Jenseits!) oft einen mystischen Unsinn preisgibt, den ein vernünftiger Mensch nur mitleidig belächeln kann. Sierke bringt eine kleine Blütenlese aus dem Galimathias, mit dem Swedenborgs Schriften durchsetzt sind; man möge sie dort nachlesen. Es genüge hier, folgendes aus Sierke zu zitieren: »Noch ungeheuerlicher aber sind die Darstellungen, die unser Seher von der Natur und den Bewohnern der Himmelskörper gibt. Was er hierin leistet, geht geradezu ins Alberne. Sagt er doch unter anderem, die Mondbewohner seien Pygmäen, die so fürchterlich schreien könnten, daß man darüber das Gehör verlieren möchte, sie seien so hurtig und behend wie die Heinzelmännchen und trügen einander wie Buben rittlings auf dem Rücken. Wer die Menge ähnlicher Absurditäten aus seinen gesamten Schriften zusammenstellen wollte, könnte damit allein einen ganzen Band füllen. Man fühlt sich angesichts derselben zu dem Ausrufe Ophelias gedrungen: ›Welch edler Geist ist hier zerstört!‹ – Es mag der Kuriosität halber noch erwähnt sein, daß Swedenborg außer auf dem Monde dreimal auf dem Saturn und sechsmal auf dem Merkur gewesen ist. Das Leben der Geister spielt sich nach ihm dort ganz ähnlich ab, wie unseres auf der Erde. So beschäftigen sich »drüben« z. B. die Holländer vornehmlich mit dem Handel! Der Verkehr mit den Geistern war für Swedenborg eine Quelle des Genusses und der Freude. Stundenlang konnte man ihn in seinem Zimmer mit dem Apostel Petrus oder Paulus, mit Virgil, Luther und anderen sich unterhalten hören, Swedenborg berichtet selbst: »Ich habe mit Paulus ein ganzes Jahr hindurch gesprochen, ich habe dreimal mit Johannes gesprochen, einmal mit Moses und hundertmal mit Luther. Mit den Engeln spreche ich täglich, sie hat mir der Herr beigegeben.« wobei außer für Swedenborg die Stimme des Geistes natürlich nicht vernehmbar war, und er war nach solchen »Besuchen« besonders heiter, wie sonst ein Mensch, der eine ihm liebe Bekanntschaft gemacht oder erneuert hat.

Seine theosophische Lehre kann man im allgemeinen als einen spekulativen Mystizismus auf physikalischer Grundlage bezeichnen; Proselyten zu machen, hat er nie versucht.

Im Jahre 1771 erlitt er einen Schlaganfall, der ihn rechtsseitig lähmte, und es mag dem Psychiater vielleicht einen Fingerzeig geben, daß nun Swedenborgs Umgang mit den Jenseitigen plötzlich aufhörte Dr. Carl Pelmann, Professor der Psychiatrie an der Universität Bonn, bezeichnet Swedenborg als Paranoiker. – sehr zum Leidwesen des alten Mannes, der im Verkehr mit den Geistern seine reinste Freude erlebte. Im folgenden Jahre 1772 ist er vierundachtzigjährig gestorben, ohne noch einmal mit der Geisterwelt in Verbindung getreten zu sein.

So wenig dieser Mann mit den freundlichen hellblauen Augen persönlich die Köpfe verwirrte, so sehr taten dies seine Schriften, besonders die aus seinem Nachlaß veröffentlichten. Etwa zehn Jahre nach seinem Tode gründeten seine Anhänger in London die erste »Theosophische Gesellschaft«, die mit eigener Druckerei Swedenborgs Schriften im Großen, und in verschiedenen Sprachen, vertrieb und Tochtergesellschaften gründete. Eine schon zu Lebzeiten Swedenborgs bestehende kleine Vereinigung seiner Anhänger in Schweden wurde ebenfalls ausgebaut, und sie wetteiferte mit den Engländern in der Werbetätigkeit für die neue Lehre. Die Swedenborgischen Zirkel nahmen teilweis freimaurerisches Gewand an, und in die alten Logen fand umgekehrt der Swedenborgismus allmählich Eingang. Alsbald aber wurden dieser und Mesmers Irrlehren miteinander verquickt zu einer neuen Form des Mystizismus, der in den entarteten Freimaurerlogen eine Pflegestätte fand. Der Gespenster- und Wunderglaube, theosophische Spekulationen und magische Phantastereien, nebst den aufs Materielle gerichteten alchimistischen Grübeleien wurden zu einer Modekrankheit. Cagliostro aber, der Menschenkenner mit dem sicheren Instinkt für das, was gerade »zieht«, benützte diese Umstände, um mit seinem freimaurerisch aufgeputzten System, jenem theosophisch-kabbalistischen Gemengsel von Blödsinn und Betrug, die vornehmsten und gebildetsten Kreise fast ganz Europas an sein Narrenseil zu binden und sich die Taschen zu füllen.

Wie schon angedeutet, erwuchs den Swedenborgianern ein bedeutender Bundesgenosse in Franz Mesmer. Auch er gehört zu den wichtigsten Pionieren Cagliostros, die den Verstand ausrodeten und die Köpfe für den Mystizismus urbar machten. Bei Konstanz 1734 geboren, studierte er zuerst Theologie, dann Jus, sattelte abermals um und wurde Mediziner. Im Alter von dreißig Jahren, 1764, schrieb er in Wien, seine Dissertation »Über den Einfluß der Planeten auf den menschlichen Körper«. Mesmer vertrat darin die Theorie: die Weltkörper wirkten, so wie Sonne und Mond Ebbe und Flut hervorriefen, auch auf alle sonstige Materie, insbesondere aber auf das Nervensystem, vermittels eines alles durchdringenden wellenartig wogenden Fluidums. Ich muß es den Physikern und Medizinern überlassen, darüber zu entscheiden, ob Mesmer mit seinen Ansichten, wie irrig sie im einzelnen auch sein mögen, so ganz auf dem falschen Wege war, wie späterhin geurteilt wurde. Hat man doch z. B. die auffällige Tatsache, daß die Selbstmordkurve im Juni am höchsten steht und nicht in dem trüben, vom »Selbstmordwetter« erfüllten November, allen Ernstes mangels jeder besseren Erklärung neuerdings auf siderische Einflüsse zurückgeführt!

Zuerst glaubte Mesmer, das Fluidum sei elektrischer Natur, sodann, nachdem er die Heilkraft des Magneten festgestellt hatte, legte er dem Fluidum magnetischen Charakter bei. Seine Erfahrungen mit dieser magnetischen Therapie, bei der richtige Magneten zur Anwendung kamen, belehrten ihn, daß der Magnet eigentlich nur den Leiter einer von ihm, Mesmer selbst, ausgehenden Kraft bilde, und daß dieselbe Wirkung eintrat, wenn er das nach Polen wechselnde Berühren, Bestreichen usw. statt mit dem Magneten mit bloßen Händen ausführe. Ja, er gelangte schließlich zur Überzeugung, daß es zur Erzielung der Heilwirkung schon genüge, wenn er seinen Willen auf den Kranken richte. Diese von ihm ausgehende Kraft nannte er den »tierischen Magnetismus«. Im Jahre 1775 trat er mit seinem auf seine Beobachtungen gegründeten System in die Öffentlichkeit und lenkte zugleich mit einer Flugschrift »Sendschreiben über die Magnetkur« die Aufmerksamkeit der leidenden Menschheit auf sich. Die Kranken strömten ihm bald in hellen Haufen zu, und während die Wiener Ärzte und die meisten deutschen Akademien sich ablehnend verhielten, verschafften ihm seine unbestreitbaren Kurerfolge das größte Ansehen; die in München von ihm bewirkten Heilungen veranlaßten die dortige Akademie der Wissenschaften, ihn zum Mitglied zu ernennen.

Von Anfang an hatte Mesmer die Anfeindungen seiner medizinischen Kollegen zu bestehen, die in ihm oft nur den Charlatan sehen wollten – wozu sein Auftreten Anlaß genug gab – und so siedelte er 1777/78 von Wien nach Paris über. Auch dort hatte er einen ungeheuren Zulauf, lag aber auch hier in beständigem Kampfe mit der Ärztezunft, die ihm zwar nicht die Tatsache der Heilungen bestritt, ihre Ursache aber nicht in Mesmers »Kraft«, sondern in einem selbsttätigen Wirken des kranken Organismus erblickte. Der Ausbruch der französischen Revolution machte seinem Pariser Aufenthalt ein Ende. In Meersburg am Bodensee starb er 1815.

Mesmers tierischer Magnetismus ist nach Ursprung und Bedeutung nicht anders zu beurteilen, als die Lehre vom Tischrücken, vom Spiritismus und ähnlichen Dingen. Mit Unrecht aber hat man in Mesmer schlechthin einen Charlatan erblickt. Er war ein Schwärmer, der, erfüllt von seiner phantastischen Idee, sich den ärgsten Selbsttäuschungen hingab und unzählige andere, die zu magischen und mystischen Ideen hinneigten, in seine freilich oft recht charlatanhaft anmutenden Phantasmagorien verstrickte. Er war bei alledem verständig genug, seine Lehre selbst als nur für Nervenkranke anwendbar zu bezeichnen, und seine Behandlungsart ist objektiv nichts anderes, als der unmittelbare Vorläufer der modernen Suggestivtherapie. Der Anhänger Mesmers, Dr. d'Eslon, Leibarzt des Grafen von Artois, der in Paris lange für dessen Anerkennung gekämpft hatte, gab 1784 zu, daß die Macht des tierischen Magnetismus nichts anderes als eben die Macht der Einbildung sei. Man kann Mesmer sogar als Verdienst anrechnen, daß er in einer mit Arzneien überladenen Zeit eine arzneilose Behandlung einführte.

Waren in Österreich, Ungarn und Bayern von Mesmers früherer Tätigkeit daselbst geistige Infektionsherde und Bazillenträger zurückgeblieben, die für weitere Ansteckung sorgten, so betrieb Mesmer von Paris aus die Durchseuchung Frankreichs systematisch, indem er dreißig magnetische Klubs gründete, die sich über das ganze Land erstreckten. Es waren durchweg Geheimgesellschaften, die bald anfingen, Swedenborgs Theosophie mit dem Magnetismus zu verquicken und diesen Mesmerisch-Swedenborgischen Mystizismus unter Beobachtung freimaurerischer Gebräuche kultivierten. Das ganze Treiben erhielt dadurch einen feierlich okkulten Nimbus, der das seine dazu beitrug, die Leichtgläubigen zu betören.

Die Zahl der magnetischen Wirkungen wurde nun um eine sehr wichtige bereichert: den Somnambulismus und die damit verknüpfte Hellseherei. Bei Mesmers auf Suggestion beruhenden Kuren waren, wie leicht zu verstehen, gelegentlich auch Fälle von Hypnotismus vorgekommen, ohne daß man damals noch vom Wesen der Hypnose eine Ahnung gehabt hätte. Der Marquis von Puysegur, einer der eifrigsten Anhänger Mesmers, beobachtete zuerst die merkwürdigen Halbschlafzustände, in die beim Magnetisiertwerden manche Patienten Mesmers verfielen. Sie zeigten die erstaunliche Verfeinerung und Empfindlichkeit der Sinnesorgane, die für den Somnambulismus kennzeichnend sind, mit welchem Namen man den hypnotischen Zustand bezeichnete. Die Überfeinerung der Sinne ließ die Somnambulen Dinge wahrnehmen, die ihrem Erkenntnisvermögen im gewöhnlichen Zustand völlig entrückt waren, außerdem aber zeigten sie eine innere Erleuchtung, die sie angeblich in Stand setzte, sogar in die Zukunft zu schauen; man nannte das clairvoyance oder Hellsehen. Der Marquis von Puysegur war ein untadelhafter Ehrenmann, und es geschah im besten Glauben, wenn er als Leiter der Straßburger Mesmerischen Gesellschaft für die neu entdeckte Wunderkraft Anhänger warb. Wie die Hypnose überhaupt, so ist auch der Somnambulismus noch reich an ungelösten Rätseln; es steht fest, daß die Somnambulen dank der hochgradig gesteigerten Empfindlichkeit ihrer Sinne Wahrnehmungen machen, die anderen, normalen Menschen als »Wunder« erscheinen müssen. Dagegen ist noch nie erwiesen worden, daß die Somnambulen zukünftige Dinge vorauszusagen wüßten. Innerhalb gewisser Grenzen kann natürlich jeder Zukünftiges voraussagen, sobald er die fraglichen ursächlichen Zusammenhänge erfahrungsgemäß kennt. Jeder Fahrplan sagt uns »Zukünftiges«, und unser ganzes tägliches Leben baut sich auf unserem Wissen von zukünftigen Dingen auf: der Bauer sät, weil er weiß, daß aus den Körnern binnen so und so viel Monaten Ähren mit dem Vielfachen der Saatkörner gewachsen sein werden, und wir kaufen uns in der Augusthitze Kohlen, weil wir von der Zukunft wissen, daß sie uns kalte Monate bringen wird. Es ist aber noch nie vorgekommen, daß jemand in somnambulem Zustande irgend etwas Tatsächliches gesagt hätte, das überhaupt bis dahin niemand wußte. Aber eben das Unerklärliche der Erscheinungen des Somnambulismus war es, das alle unklaren Köpfe, die von Swedenborgs Theosophie und Mesmers tierischem Magnetismus bereits eingenebelt waren, vollends ganz verwirrte und eine epidemische Wundergläubigkeit erzeugte, die eine Unmenge Menschen gänzlich um den nüchternen Verstand brachte und den Mysterienschwindlern in die Arme trieb. Für Deutschland übernahm in erster Linie Lavater, der sich für schlechthin alles einsetzte, was phantastisch und »übernatürlich« war, die Rolle des Wunderapostels, und es entsprach nur dem Zuge der Zeit, daß er überall Anhänger fand und diese auch ihrerseits sich berufen fühlten, den Geistesdunst über Deutschland ausbreiten zu helfen. Ein großer Teil Europas war nun bereits, was den Mystizismus und den auf ihn bauenden Schwindel anbelangt, zu dem Lande unbegrenztester Möglichkeiten geworden,.

Wenn uns Mesmer und seine Nachfolger in gewisser Hinsicht als »modern« anmuten, insofern, als sie nach neuen Erkenntnissen suchend Gebiete wie Suggestion und Hypnose, wenn auch fast unbewußt, betraten, so muß jetzt ein weiterer Schrittmacher Cagliostros genannt werden, der sich wie ein Fossil im Zeitalter des Rationalismus ausnimmt: Johann Joseph Gassner, der Teufelsbanner. Auch seine Krankenheilungen erstreckten sich vorwiegend nur auf Nervenleidende, insbesondere Hysterische, und beruhen im Grunde auf Suggestion und Autosuggestion, wie bei Mesmer auch. Aber die Methode Gassners ist ganz tief schwarz mittelalterlich, und man wird bei ihr aufs lebhafteste an die Teufelsaustreibungen erinnert, wie sie die Schwester Jeanne des Anges in ihren bei uns durch Hanns Heinz Ewers bekannt gewordenen »Memoiren einer Besessenen« schildert. Zweiter Band der Sammlung RARA.

Gassner wurde 1727 in Braz im Vorarlberg geboren, studierte Theologie und wurde 1758 Pfarrer in dem Dörfchen Kloesterle am Fuße des Arlberges. Hier wurde er zu dem »ins Geistliche übersetzten Mesmer«. Er klügelte sich eine Theorie aus, wonach es außer den natürlichen Krankheiten auch solche gibt, die der Teufel im menschlichen Körper verursacht. Diese vom Teufel geschaffenen Krankheiten würden allerdings durch dessen Eingriffe in den menschlichen Organismus zu natürlichen Leiden; aber da ihre Grundursache keine natürliche sei, so könne man sie mit medizinischen Mitteln nicht beseitigen, sondern nur mit geistlichen Mitteln, mit Gebeten und Beschwörungen. Ob eine Krankheit natürlichen oder teuflischen Ursprunges sei, das hätte ein erleuchteter Priester (einzufügen: wie Gassner!) zu entscheiden, und diesem müsse der Kranke gläubig folgen, um geheilt zu werden. Gassner begann also seine Teufelsbeschwörungen, erfuhr aber alsbald außer Zustimmung aus klerikalen Kreisen auch starke Gegnerschaft, namentlich, nachdem er einige auffällige Mißerfolge gehabt hatte. Da erwuchs ihm 1774 in dem Bischof von Regensburg, Grafen A. J. von Fugger, ein mächtiger Förderer. Der Bischof berief ihn mit Ehrungen auf seine Propstei Ellwangen in Württemberg, und hier hatte Gassner bald einen ungeheuren Zulauf. Allein im Dezember 1774 betrug die Zahl der nach Ellwangen gepilgerten Besessenen und anderweitig am Teufel Erkrankten mehr als siebenundzwanzighundert, und im ganzen sollen über zwanzigtausend Menschen nach Ellwangen gepilgert sein, um bei Gassner Heilung zu suchen, und zwar keineswegs nur die dummen Bauern, sondern zu einem großen Teil Leute aus den höchsten und gebildetsten Ständen, denen Gassner mit Beschwörungen, die er oft in wild brüllender Weise vornahm, mit Segnungen, »Besprechungen«, Handauflegen usw. den Teufel und damit die Krankheit austrieb. Über Gassners Teufelsbeschwörungen siehe die Fußnote Seite 39.

Im folgenden Jahre zog der Graf von Fugger seinen Schützling zu sich nach Regensburg, wo Gassner gleich wie in Ellwangen den stärksten Zulauf hatte. Aber während einerseits Gassners Anhängerschaft wuchs, zu der sich selbstverständlich auch Lavater gesellte, so vermehrte sich ebenso auch die Zahl seiner Gegner. Die Erzbischöfe von Prag und Salzburg traten mit Hirtenbriefen gegen sein Treiben auf, und 1775 machte der Kaiser Joseph II. ihm ein Ende, indem er dem Bischof von Regensburg befahl, Gassner seine Tätigkeit zu verbieten und ihn von Regensburg wieder zu entfernen. Gassner kam dem Verbot willig nach, erhielt vom Grafen von Fugger die Pfarrei Bendorf und starb daselbst 1779.

So wie Mesmer glaubte auch Gassner an sich und seine Wunderkraft. Er war sicher kein Betrüger, wie ihm denn auch von seinen heftigsten Gegnern niemals vorgeworfen wurde, er hätte für seine Kuren Belohnungen erhalten. Aber ebenso wie Mesmer und dessen Jünger half Gassner unbewußt mit, jene Atmosphäre zu schaffen, in der die nun folgenden Schwindler und Betrüger so üppig gedeihen konnten.

Der harmloseste unter diesen abenteuernden Betrügern ist der sogenannte Graf Saint Germain. Es scheint, daß er mit seinen Schwindeleien weiter nichts bezweckt hat, als sich in der vornehmen Welt und deren Genüssen zu behaupten, auf Kosten der Großen ein behagliches Leben zu führen und sich an dem Erstaunen zu ergötzen, das er mit seinen Besonderheiten und seinem Schwindel überall erregte, wo er auftrat. Das war seit 1750 der Fall. Erst nannte er sich Marquis von Montferrat, dann in Venedig Graf de Bellamare, in Pisa war er der Chevalier Schöning, in Mailand ein Chevalier Welldone, in Genua trat er als Graf Soltikow auf, in Schwalbach als Graf Tzarogy (Ragotzy) In Schwalbach lebte er längere Zeit beim Markgrafen von Ansbach. und in Frankreich nannte er sich Graf Saint Germain und blieb fortan bei diesem Namen bis an sein Ende. Seine Herkunft ist nie bekannt geworden, und selbst Friedrich der Große sprach von ihm als einem Manne, den man niemals habe enträtseln können. Nach seinen Schilderungen, wenn er Kindheitserinnerungen erzählte, verbrachte er seine Jugend in einem köstlichen Klima, umgeben von Pracht und Schönheit, so etwa, als wäre er Kronprinz eines Königs von Granada zur Zeit der Mauren gewesen. Die einen hielten ihn für einen portugiesischen Marquis von Betmar, andere für einen spanischen Jesuiten Aymar, wieder andere glaubten, einen elsäßischen Juden Wolff in ihm zu erkennen, oder einen Savoyarden namens Rotondo. Der Herzog von Choiseul, der allerdings aus politischen Gründen aufgebracht über Saint Germain war, bezeichnete ihn im Zorn als einen portugiesischen Juden. Der rätselvolle Mann sprach fließend Spanisch und Portugiesisch, vortrefflich Italienisch, sehr gut Deutsch und Englisch und das Französische mit einem piemontesischen Akzent. Seine Heimat dürfte die Iberische Halbinsel gewesen sein. Im Jahre 1761 spielte er als Agent des französischen Kriegsministers Grafen von Belleisle eine Rolle in einer politischen Intrige, eben jene, die den Herzog von Choiseul zu seinem Feinde machte, und 1762 soll er bei der Revolution in Petersburg mitgewirkt haben. Er reiste viel in Europa umher und lebte zuletzt in Eckernförde bei dem Landgrafen Karl von Hessen, wo er 1780 starb.

Aus der geraden Linie der Vorläufer des Schwindlers Cagliostro fällt er insofern heraus, als er, soweit bekannt ist, keine übersinnlichen Kräfte zu besitzen vorgab, keine Geister zitierte, noch sonstwie Hokuspokus machte, und er interessiert uns hier vor allem deshalb, weil sein Auftreten zeigt, welch ein kecker Schwindel damals in Europa jahrzehntelang möglich war. Der Graf Saint Germain erfreute sich eines wunderbar rüstigen Aussehens, und Leute, die ihn nach langen Jahren wiedersahen, versicherten, daß er nicht oder kaum gealtert habe. Eine besonders glückliche Naturanlage und kosmetische Mittel mögen das erklärlich scheinen lassen. Saint Germain benützte sein ewig gleiches Aussehen, um sehr geschickt den Anschein zu erwecken, als sei er einige hundert Jahre alt. Er erzählte Vorgänge aus der Zeit Karls V., Franz' I. und Heinrichs VIII. wie ein Augenzeuge, mit einer erstaunlichen Menge treffender historischer Einzelheiten und mit einer äußerst lebenswahren Anschaulichkeit und Lebendigkeit. Wenn er z. B. ein Gespräch wiedergab, so sagte er, scheinbar zerstreut: »Heinrich VIII. wandte sich darauf zu mir –« zuckte dann verlegen zusammen und fuhr hastig fort, um das »mir« zu verdecken: »... zu dem Grafen soundso.« Zu dem Baron von Gleichen sagte er einmal: »Diese Dummköpfe von Parisern glauben, ich sei fünfhundert Jahre alt, und ich bestärke sie in dieser Idee, weil ich sehe, daß sie ihnen so viel Vergnügen macht; nicht daß ich nicht wirklich unendlich älter wäre, als ich aussehe.«

Saint Germain war anscheinend im Besitz eines Geheimnisses, um falsche Edelsteine herzustellen. Er zeigte dem Baron von Gleichen einmal eine Menge so großer und schöner Steine, daß dieser die Schätze der Wunderlampe zu schauen glaubte. Möglich, daß Saint Germain von solchen unechten Juwelen zeitweilig seinen Unterhalt bestritt. Er lebte sehr mäßig, behauptete nie, Wundermittel zu besitzen, und riet seinen Freunden, die ihn fragten, was sie tun müßten, um lange zu leben, sie sollten nur sich mit Sennesblättern purgieren, was er selber regelmäßig tat. Häufig aber sprach er in dunkler Weise von den Tiefen der Natur, und von seinem Wissen, seinen Schätzen und seiner hohen Abkunft in einer Art, die die Phantasie entzündete und der Legendenbildung über ihn Nahrung bot.

Charakteristisch für die Zeit ist es, daß der Schwindler Saint Germain noch durch einen Pseudo-Saint Germain überboten werden konnte. Ein witziger Pariser, der die Kunst, andere Leute nachzuahmen, in hohem Maße besaß, ließ sich durch seine Freunde in solche Kreise einführen, in denen der echte Saint Germain nicht verkehrte und wurde dort als der bekannte Graf Saint Germain vorgestellt. Dieser Spaßmacher übertrumpfte sein Vorbild noch, indem er sich für einen Zeitgenossen Christi ausgab; er erzählte, welche Dienste er ihm in seinem Prozeß vor Pilatus geleistet usw., oder er berichtete von seiner Teilnahme am Konzil von Nicaea und solcher Scherze mehr. Dabei fand er nicht weniger Glauben, als der echte Saint Germain, und die ganze Mystifikation trug dazu bei, diesem ein Lebensalter anzudichten, das er selber gar nicht von sich behauptete. In Paris lief folgende Anekdote um: Der Diener des Grafen Saint Germain (vermutlich des unechten, und von diesem abgerichtet!) wurde gefragt, ob es wahr sei, daß sein Herr über siebzehnhundert Jahre alt sei. Darauf antwortete der Diener, er könne das nicht wissen, denn er sei erst ganz vor kurzem, vor hundertfünfzig Jahren, in seines jetzigen Herren Dienste getreten.

Wir werden später sehen, daß Cagliostro auch in Saint Germains Fußstapfen trat, und man wird begreifen, daß das Europa, das einen vielhundertjährigen Menschen als Zeitgenossen leibhaftig vor Augen zu haben meinte, eine Leichtgläubigkeit verriet, die auszunützen geradezu verlockend sein mußte.

Ein ganz grober Betrüger, im Stile des Cagliostro, und dessen letzter Vorläufer, war Johann Georg Schrepfer. Im Jahre 1730 zu Nürnberg geboren, wurde er wahrscheinlich sehr früh bereits Freimaurer. In Leipzig ließ er sich 1761 als »Weinschenk« nieder und übernahm daselbst 1769 eine gut gehende Kaffeewirtschaft. Da er der Rosenkreuzerischen Richtung anhing, so trat er in offenen Gegensatz zu dem Leipziger Maurertum und warb sehr geschickt unter seinen Gästen Anhänger, die sich an regelmäßigen Abenden zu magischen Übungen in seinem Kaffeehause einfanden. Ob er dabei im Dienste der Jesuiten stand, wie vielfach angenommen wird, ist nicht sicher erwiesen, aber auch keineswegs unwahrscheinlich. Es liegt ja auf der Hand, daß die Jesuiten ein starkes Interesse daran haben mußten, den ethischen Rationalismus der Logen durch die mystische Rosenkreuzerei zu infizieren; die Verdummung der Geister, um sie desto leichter zu beherrschen, lag ganz in den Absichten des Jesuitismus. Wie später Cagliostro, so behauptete auch Schrepfer, daß er das »wahre Geheimnis« des Maurertums besitze. Es galt nämlich als ausgemacht, daß es eine alte, mysteriöse »Weisheit« gebe, deren Besitz die Herrschaft über die Geister gewähre und die Gemeinschaft mit Gott ermögliche. Wer diese Weisheit besaß, sollte magische Fähigkeiten, u. a. auch die, Gold zu machen, erlangen. Vergleiche Seite 67. Man glaubte, die altägyptischen Priester hätten jenes Geheimnis Christus vertraut, und es sei später auf die Tempelherren übergegangen und zuletzt der Freimaurerei vererbt worden; es würde aber nur der kleinen Zahl von Maurern höherer Grade geoffenbart.

Ein sprechendes Zeugnis für den Glauben an das »wahre Geheimnis« der Maurerei haben wir in folgendem: Der Leipziger Kaufmann Joh. Sam. Benedikt Schlegel, eine Zeitlang Vertrauter Schrepfers und Logenmeister in Leipzig, hat über seinen Umgang mit diesem im Jahre 1805 eine Schrift erscheinen lassen, in deren Anhang sich verschiedene Briefe befinden. Einer derselben ist von dem Schauspieler Brückner aus Breslau, 20. März 1775 an Schlegel gerichtet und lautet folgendermaßen: »Ich habe seit kurzer Zeit meine Kenntnisse in der Maurerei sehr erweitert; denn viele hohe Obere der vier hiesigen strikten Observanz-Logen, besonders die Loge vom flammenden Stern, von welcher der Herr v. Marschall-Biberstein Meister vom Stuhl ist, haben eine nähere Bekanntschaft mit mir gesucht. Der Herr v. Marschall ist ein sehr braver Mann und ein Mann, welcher dem Geheimnisse der Maurerei nahe ist; er hat aus Klöstern sehr rare Manuskripte und wendet viel Geld daran ... (Dann von einer Konkurrenz-Loge sprechend:) Ihr System ist ein Mischmasch nach den schwedischen und französischen Logen und enthält weniger Beziehung auf das Geheimnis, als das System der strikten Observanz; denn die Tempelherren besaßen wirklich das Geheimnis der Maurerei, wie ein altes Manuskript in der Wolfenbüttelschen Bibliothek beweiset ... Mein lieber Bruder! Ein wahrer Maurer lebt ganz im Verborgenen. Hier im Preußischen sind noch sieben Personen, welche von den Tempelherren fortgepflanzt sind, worunter der Verfasser der Apologie Herr Starke in Königsberg mit gehört. Sie kommen alle Jahre in Güstrow zusammen und machen in einer alten Kapelle wahre Arbeiten. Sie nehmen einige sehr vertraute Logenmeister von der strikten Observanz mit sich, welche bei ihnen Wache halten müssen. Künftige Woche werde ich mit einem Manne Bekanntschaft machen, welcher, wie ich aus seinen Briefen und angezeichneten Stellen aus der Apologie gesehen habe, das Geheimnis der Maurerei auch kennen muß. Er lebt hier nahe bei Berlin ganz in der Stille, geht mit einem blauen Mantel, mit verschnittenen Haaren und einem Stutzbärtchen.«

Dieser Unsinn von dem wahren Geheimnis saß als fixe Idee in den Köpfen unzähliger Menschen; er war so allgemein in den tonangebenden gesellschaftlichen Kreisen damals verbreitet, daß Leute wie Schrepfer, und danach Cagliostro, es leicht hatten, ihre unverschämten Schwindeleien darauf zu gründen.

Auf den Kampf näher einzugehen, den Schrepfer mit der Leipziger Freimaurerei führte, ist hier nicht der Ort. Er endigte damit, daß Schrepfer bis in die höchsten sächsischen Hofkreise hinein Anhänger fand, mit denen er seine Geisterzitationen betrieb. Er ging dabei genau so zu Werke, wie wir es bei Cagliostro sehen werden, wobei ihm noch zustatten kam, daß er, Schrepfer, wahrscheinlich die Kunst des Bauchredens verstand Am 20. November 1790 lernte Elisa von der Recke in Grodno die verblüffenden Künste eines Bauchredners kennen. Sie schrieb damals in ihr Tagebuch: »Hätte Cagliostro diese Kunst besessen, um wieviel kräftiger und länger hätte er seine Täuschungen fortsetzen können!« und die Sinne seiner Freunde durch reichliche Bewirtung mit Punsch – nachdem er sie tagelang vorher hatte fasten lassen – benebelte. Im übrigen wirkte er auf die Einbildungskraft seiner Schäflein durch die gewöhnlichen Taschenspielerkünste und mit dem hiezu gehörigen Hokuspokus. Vielleicht noch mehr als Goethe hat Schiller dem magischen Unfug seiner Zeit Aufmerksamkeit geschenkt; er hat sich über das Treiben Schrepfers und Cagliostros genauestens unterrichtet und in seinem »Geisterseher« die von den beiden Betrügern bei ihren magischen Operationen geübten Taschenspielereien und Kunstgriffe mit ungewöhnlicher Anschaulichkeit und Lebendigkeit geschildert. Ich empfehle jedem, sie im Geisterseher nachzulesen. Ausführliche Beschreibungen der »Arbeiten« Schrepfers sind auch in Semlers »Sammlungen von Briefen und Aufsätzen über die Gassnerischen und Schrepferischen Geisterbeschwörungen« (1775) enthalten. In den Kreis der wundergläubigen Schäflein gelang es freilich auch einige Male einem Gegner Schrepfers, einzudringen, und Sierke berichtet, daß ein solcher Augenzeuge nicht nur beobachtete, wie die zitierten Geister die Tür, durch die sie eintraten, gleich sterblichen Menschen mit der Klinke öffneten, statt einfach, wie es einem Geiste ansteht, durch die Wand hereinzuschweben, sondern daß er auch zu einer Zeit, da Schrepfers Frau gesegneten Leibes war, ganz deutlich einen schwangeren Geist gesehen habe. Ein anderer Skeptiker schreibt in einem von Sierke angeführten Briefe über eine mißlungene Schrepfersche Geisterzitation an einen Freund: »Wir hoffeten immer, es sollte sich was zeigen, zumal da es bei der zweiten Meldung (des Geistes) an dem Schlosse drehete, als wenn es herein kommen wollte: ich hatte aber die Tür zugeriegelt, und da mußte es draußen bleiben. Es kam nichts ...«

Sicher gemacht durch die guten Beziehungen zu den einflußreichsten Persönlichkeiten Sachsens, gab Schrepfer sich nun als Bastard des Herzogs von Orleans und einen französischen Obersten aus und trat entsprechend auf. Er »arbeitete« häufig in Berlin, in Braunschweig und Dresden, setzte sich noch fester in der Gunst des Herzogs von Kurland, Christian Joseph Karl, Sohn des Kurfürsten von Sachsen (Friedrich August II.). – Wilhelm von Kügelgen gibt in seinen Jugenderinnerungen (4. Teil, 3. Kap.) eine ebenso lebendige wie humorvolle Schilderung von Schrepfers Umgang mit dem Herzog in Dresden und von einigen von Schrepfers hellseherischen und spiritistischen Leistungen daselbst. des Grafen Brühl, des Hofpredigers Stark und des Ministers von Wurmb und holte nun zu dem großen Schlage aus, der, wenn er gefallen wäre, die einflußreichsten Männer Sachsens zu Söldlingen des Jesuitismus gemacht hätte. Schrepfer bekannte nämlich jetzt, daß er einen Teil des Gesellschaftsvermögens des aufgelösten Jesuitenordens in Verwahrung habe, einen Betrag von rund einer Million Reichstalern, der in einem Paket, sächsische Staatspapiere enthaltend, in einer Frankfurter Bank deponiert sei. Über diese Gelder verfügte er in einem mit dem Minister von Wurmb geschlossenen Vertrag in einer Weise, die die höchsten Staatsbeamten zu Rentenempfängern der Jesuiten machte, d. h. die sächsische Regierung sollte für die Zwecke des Jesuitismus erkauft werden. Die für drei Jahre ausgesetzten Renten in Höhe von jährlich tausend bis sechzehntausend Talern sollten, wie es in dem noch vorhandenen Entwurf des Vertrages heißt, »nach Verfließung dieser drei Jahre vermehret werden«. Mit anderen Worten: es war eine Gehaltszulage verhießen für gute jesuitenfreundliche Arbeit!

Leider ist gerade dieser Teil der Geschichte Schrepfers sehr dunkel. Am 8. Oktober 1774 erschoß er sich zu Leipzig unter merkwürdigen Umständen, sein in Frankfurt am Main deponiertes Paket enthielt nur leeres Papier, und es ist fraglich, ob er wirklich ein Agent der Jesuiten war oder sich für seine schwindelhaften Zwecke nur als einen solchen ausgab. Nach Schrepfers Tode stellte sich nämlich heraus, daß er auch sonst noch, bei Kaufleuten, Kästchen mit angeblichem Wertinhalte hinterlegt und darauf Darlehen aufgenommen hatte. Ein Seidenhändler Dubosc war so um fünftausend Taler geprellt worden. Da die Betrogenen in solchen Fällen stets zum Schaden auch noch den Spott bekämen, so sind sie nur selten geneigt, sich der Welt als die Genarrten zu offenbaren. Daher das Dunkel, das gerade diese Seite der Betrügereien Schrepfers und Cagliostros bedeckt. Dem sei aber, wie ihm wolle, es erhellt jedenfalls aus seinem Treiben, wie die Jesuiten mit dem ganzen mystischen Unwesen entweder verquickt waren oder zu betrügerischen Zwecken damit verquickt werden konnten. Da auch Cagliostro vielen für einen Emissär der Jesuiten galt, so wird davon bei ihm noch ausführlicher zu sprechen sein.

Kennzeichnend für die Meinung, die man sich von Schrepfer gemacht, ist es, daß gleich nach seinem Tode das Gerücht sich verbreitete, er sei keines menschlichen Todes gestorben, die Kugel, die er sich in den Mund geschossen, hätte man, ohne daß sie eine Verletzung verursacht, daselbst gefunden, und die höheren Geister, unter deren Schutze er stand, hätten ihn »entrückt.«

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