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Der Graf Cagliostro

Heinrich Conrad: Der Graf Cagliostro - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
editorHeinrich Conrad
authorHeinrich Conrad
publisherVerlag Robert Lutz
addressStuttgart
seriesRARA
volumeFünfter Band
printrunDritte Auflage
titleDer Graf Cagliostro
created20100718
senderwww.gaga.net
correctorfranka.antenne@gmx.de
year1921
projectid21b7233c
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Einleitung

Bei meinen Arbeiten zur Neuherausgabe der Selbstbiographie und Briefe Elisas von der Recke, die gleichzeitig bei Robert Lutz in Stuttgart unter dem Titel »Herzensgeschichten einer baltischen Edelfrau« erscheinen werden, bin ich naturgemäß immer wieder auf Cagliostro gestoßen, der im Leben der Frau von der Recke einst eine so bedeutende Rolle gespielt hat. Dieser Anregung verdankt das vorliegende Buch seine Entstehung: mit ständig wachsendem Interesse durchflog ich die wichtigste Literatur über den berüchtigten Wundermann, der sein Schwindlerdasein so ganz auf die Leichtgläubigkeit und Torheit der Menschen gegründet hatte, und zwar in einer solch großartigen Weise und mit solch ungeheurem Erfolg, wie kein abenteuernder Betrüger je vor ihm oder nach ihm bis auf den heutigen Tag. Ist demnach die Geschichte des Cagliostro an sich schon reich genug an fesselnden Einblicken in Zeitverhältnisse, die trotz aller gerade damals betriebener Aufklärung es ermöglichten, daß insbesondere die Gebildeten zu Opfern des Betrügers wurden, so scheint mir der Lebensgang des theosophischen Mysterien-Schwindlers für unsere Gegenwart noch von ganz besonderem »aktuellem« Reize zu sein. Die in der zweiten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts über Cagliostro erschienenen Bücher betonen nämlich immer wieder, daß in unserem nun wirklich aufgeklärten Zeitalter eine Erscheinung wie der Graf Cagliostro natürlich unmöglich sei – und gerade das dünkt mich fraglich! Freilich: eine einfache Kopie Cagliostros, seine alchimistischen Schnurrpfeifereien Ausgestorben sind die alchimistischen Schwindler nicht und sie werden stets da sein, solange es noch Menschen gibt, die sich durch die sacra auri fames verblenden lassen. Nur die Methoden unserer modernen Goldmacher sind andere geworden: statt mit Tiegeln und Retorten »arbeiten« sie mit Gründungen, Patenten und Versprechung ungewöhnlich hoher Zinsen im Stile der Adele Spitzeder (Dachauer Banken), und es ist erstaunlich, wie viele Gimpel immer wieder mit dem alten Schwindel ungewöhnlich hoher Gewinnaussichten gefangen werden. Ich erinnere auch an jenen Goldmacher, der u. a. mehrere deutsche Bundesfürsten vor wenigen Jahren mit seinem Projekt, den Goldstaub der ägyptischen Sandwüsten durch Auswaschen zu gewinnen, um viele Millionen betrogen hat. und dergleichen grober Schwindel würden heutigentages wohl nicht möglich sein, aber ich bin überzeugt, daß unter ähnlichen Zeitumständen immer auch einander ähnliche Dinge in die Erscheinung treten, in ewiger Wiederholung bis ans Ende der Menschheit: verschieden in der Form, in der sie sich äußern, in ihrem Wesen dagegen gleich oder doch aufs nächste miteinander verwandt. Ein Cagliostro ist nur möglich gewesen zu einer Zeit, die durch den Mystizismus, die Theosophie und den Spiritismus eines Swedenborg, Gassner, Mesmer und Schrepfer aufs glücklichste für ihn vorbereitet war; Cagliostro war der, ich möchte sagen notwendige Abschluß einer aufs Übersinnliche, auf das Okkulte gerichteten Epoche. Wenn aber nicht alle Zeichen trügen, so stehen wir augenblicklich schon weit in den Anfängen eines gleichfalls auf das Mystische, Übersinnliche hinstrebenden Zeitgeistes, der schon vor dem Kriege sich mit seinen teilweise aus dem Orient hergeholten Lehren bemerkbar machte und inzwischen durch die allgemeine, tiefe Seelennot der Kriegszeit, besonders die Trauer über den Verlust innigst geliebter Mitmenschen, eine starke Förderung erfuhr. Es ist gar nicht zu verkennen, daß der Krieg bereits die verschiedensten Formen des Okkultismus und Mystizismus gezeitigt hat, Angefangen hat es gleich mit den Amuletten unserer Frontsoldaten, mit ihren »sicheren« Ahnungen und Vorzeichen eines nahen Todes oder umgekehrt mit ihrem »inneren Bewußtsein«: Heute trifft mich keine Kugel, und verwandten Dingen. Es folgte dann, sehr charakteristisch, die Unzahl von Weissagungen über den Ausgang des Krieges, die, wenn sie auch von den wenigsten im strengen Sinn des Wortes geglaubt wurden, doch selbst unserer sonst ernst zu nehmenden Presse beachtlich genug erschienen, um von ihr weitergegeben zu werden. und so der Boden vorbereitet wird, aus dem heraus unser Cagliostro, d. h. der für uns zeitgemäße Schwindelmystiker wahrscheinlich erstehen wird: der Mann, der die sehnsüchtige und daher besonders leichtgläubige Menschheit geschickt zu nehmen und auszuplündern versteht. Okkulte Hellseher werden kommen, ehrliche Narren, wie sie auch einem Cagliostro vorausgingen, und ihnen folgen dann die hellseherischen Dunkelmänner mit dem sicheren Blick für die Konjunktur und fürs Geschäft. Gewaltige Umsätze werden gemacht werden, viele, viele Schäfchen werden geschoren werden, und unter der ethischen Firma »Liebet euch untereinander« werden Konventikel entstehen, in denen man sich – liebt untereinander. Man werfe mir nicht ein, daß ich ja selber jetzt unter die »Weissager« gegangen sei! Wer aus früheren Zeiten die Verirrungen des menschlichen Geistes kennt, die oft so weit ins Pathologische hineinreichen, wer da weiß, wie solche Verirrungen ansteckend wirken und zu Epidemien anschwellen, und wer zugleich mit klarem Kopfe den Hang (vorläufig noch) kleiner Volksteile zum Mystizismus und Okkultismus bei uns beobachtet, und die aus alledem sich ergebenden Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten ins Auge faßt – der wird mich verstehen. Ihm wird es auch nicht entgangen sein, daß neben der Hinneigung zum eigentlichen Okkultismus unsere Zeit, vielleicht als Reaktion gegen den grausigen Intellektualismus der Maschinengewehre und Riesenkanonen, eine klar erkennbare Abwendung von allem Intellektuellen hinweg zum Gefühlsmäßigen, Unbegriffenen und Unbegreiflichen zeigt. In den verschiedensten Künsten bricht eine ausgesprochen anti-verstandliche Richtung hervor, die das Begriffliche mit Nachdruck verleugnet: die »gegenstandslose« Malerei und Graphik; etwas Verwandtes in der Dichtung: der Dadaismus, und auch in der Musik etwas Ähnliches. Diese wendet sich freilich überhaupt nicht an den Intellekt, aber es ist immerhin kennzeichnend, daß Musikverständige von gewissen allerneuesten Kompositionen sagen, daß man sich »dabei nichts mehr denken könne«. Wo aber der Verstand grundsätzlich verleugnet wird und nur das Unbegreifliche gilt, da wird stets auch der Schwindel geglaubt, und alle Herzen und Köpfe stehen ihm um so weiter offen, je dreister und verstandeswidriger er auftritt. Ist es doch beispielsweise oft schwer, in einem Saale voll gegenstandsloser Kunst sicher zu unterscheiden, wo ein ehrliches, wenn auch höchst unverständliches Schaffen vorliegt, und wo der platte, bewußte Schwindel an der Wand hängt. Die Anhänger und Verehrer der neuen Kunstrichtung aber bewundern, wie sich jeder überzeugen kann, neben dem Echten ebenso auch den offensichtlichsten Irrsinn und Humbug unterschiedslos durcheinander »wie Mausdreck und Coriander«.

Solche Beobachtungen und Überlegungen sind es gewesen, die mir den Gedanken eingegeben haben, in Verbindung mit Elisas von der Recke berühmter Enthüllungsschrift, die dem Ansehen Cagliostros den ersten wirksamen Stoß versetzte, meinen Zeitgenossen die merkwürdige Laufbahn dieses Riesenschwindlers vorzuführen. Wenn mich dabei in erster Linie vielleicht der Gedanke geleitet hat, den vom Zuge der Zeit noch nicht Ergriffenen einiges schätzenswerte Material zur Geschichte geistiger Verirrungen an die Hand zu geben, so lag mir doch auch daran, mit dieser Schrift, und mittels ihrer dann durch die Tagespresse, vor dem mit ziemlicher Gewißheit zu erwartenden Schwindel à la Cagliostro im voraus zu warnen. Nur, daß mich dabei das unbehagliche Gefühl nicht losläßt, es hätte eigentlich doch keinen rechten Zweck. Die Welt will nun einmal mit erstaunlicher Hartnäckigkeit betrogen sein, und ich halte es hier mit Immanuel Kants Pessimismus. Als nämlich der Königsberger Kirchenrat Borowski seine Schrift über und gegen Cagliostro »und den schwärmerischen Unfug unserer Zeit überhaupt« geschrieben hatte, bat er Kant um ein Geleitwort dazu. Der Philosoph kam dieser Bitte nach, indem er vorwiegend über den Mesmerismus schrieb. Den Hang zu der so überhandnehmenden Schwärmerei vergleicht er mit dem »vor einigen Jahren postschnell seinen Umlauf um die Welt machenden in Wien sogenannten russischen Katarrh (Grippe), der unaufhaltsam viele befiel« und fährt dann fort: »Wider diesen Unfug ist nun nichts weiter zu tun, als den animalischen Magnetiseur magnetisieren zu lassen, solange es ihm und anderen Leichtgläubigen gefällt. Weitläufige Widerlegung ist hier wider die Würde der Vernunft und richtet auch nichts aus, ... wie denn auch dergleichen Ereignisse in der moralischen Welt nur eine kurze Zeit dauern, um andern Torheiten Platz zu machen.« Und der Bonner Psychiater Dr. Carl Pelmann sagt in seinen »Psychischen Grenzzuständen« dasselbe, nur mit anderen Worten, wenn er schreibt: »Es hat den Anschein, als ob sich die jeweilige Menge der zu einer Zeit vorhandenen Torheit stets gleich bliebe und nur in der Form ein Wechsel einträte,« woran er noch die sehr treffende Bemerkung knüpft, man stoße bei allen von solch einer Torheit befallenen »auf die gleiche Abweisung jeder Belehrung und das unablässige Streben, dem Andersdenkenden die eigene Überzeugung aufzudrängen.« Ja, man muß sogar froh sein, wenn die Leute, denen man ihren Wahn zu zerstören unternimmt, nicht noch grob und beleidigend werden, wie es denn erfahrungsgemäß nichts Undankbareres, manchmal sogar Gefährlicheres gibt, als einen falschen Heiligen und Propheten oder falschen Gedanken vor seinen Jüngern und Anbetern ins rechte Licht zu stellen. Man riskiert mitunter Gesundheit und Reputation, wenn man z. B. jemand seinen Astralleib nehmen will.

Wenn aber manche meiner Vorgänger, die sich ebenfalls literarisch mit Cagliostro befaßt haben, immer wieder nicht ohne eine gewisse Selbstgerechtigkeit auf die unglaubliche Borniertheit hinweisen, die allein es diesem Betrüger möglich machte, seine Opfer so gründlich zu schröpfen, so muß ich dem entgegenhalten, daß außer den schlechthin beschränkten Köpfen es doch auch, wie das Beispiel Elisas von der Recke deutlich zeigt, gerade die edelsten Naturen waren, die sich von Cagliostro beschwindeln ließen – allerdings nur infolge ihres wenigstens vorübergehend geschwächten Intellektes. Und so wird auch der neue Mysterienschwindel, den ich kommen sehe, außer den gewöhnlichen Dunstköpfen leider auch eine Anzahl gerade der besten, nach Erkenntnis strebsamsten, nach innerer Läuterung sehnsüchtigsten Menschen an sich ziehen. Selbstverständlich auch alle hysterischen Weiber, zumal wenn der kommende Schwindler oder seine Aura so etwas schön Männliches hat. Ebenso selbstverständlich wird auf den kommenden Schwindel hereinfallen die ganze Klasse jener phantastischen Menschen, die jeden ihr erreichbaren Humbug eine Zeitlang mitmacht, wie die Mode, bzw. eine an sich vielleicht vernünftige, aber ziemlich belanglose Sache durch Übertreibung allemal zu einem Humbug aufbläht. Ich meine die Leute, die z. B. mit einer sogenannten »natürlichen« Lebensweise, durch poröse Kleidung, mit Swett Marden, Yoghurttrinken oder Johannes Müller eine weitgehende und nachhaltige Veredelung der Menschheit zu erzielen glauben. Ferner die Hansdampf-in-allen-Gassen-Naturen, jene Vornewegsten und G'schaftelhuber, die immer hitzig dabei sind, wo gerade etwas reformiert werden soll: vom Stuhlgang bis zur Liebe, vom Wanderverein bis zum Staat. Ihnen muß man wünschen, daß sie in ihrem dunkeln Drang des Irrweges sich bald bewußt werden, gleich der feinen, seelenvollen Frau von der Recke vor hundertachtunddreißig Jahren.

Genau so, wie uns eben jetzt die Grippe körperlich heimgesucht hat, so werden wir in den nächsten Jahren viele einer geistigen Grippe erliegen sehen: dem Okkultismus, dem theosophischen Mystizismus und dergleichen, wobei es auf die Namen ja keineswegs ankommt. Und wer die Welt kennt, der wird es nicht für eine Kühnheit halten, wenn ich behaupte, daß der neue, »aptierte«, daß unser Cagliostro kommen wird Ich kann mich hier auf Wilhelm Häring stützen, der einleitend zu seiner Abhandlung über Cagliostro vor langen Jahren bereits schrieb: »Ein Cagliostro heut, in dieser Gestalt, mit dieser Proteusnatur, mit diesen Zwecken und dieser Wirkung wäre unmöglich. Nicht daß ein kühner Betrüger nicht abermals wagen sollte, die Leichtgläubigkeit der Menge auszubeuten; ist die Schwärmerei, der Mystizismus aus der Mode, so ist irgend ein anderer Wahn in der Mode, deren sich ein Abenteurer bemächtigen kann. Auch schützt unser skeptisch kritischer Sinn uns nicht davor; auch damals war ein kritisches Jahrhundert.« Schwärmerei und Mystizismus scheinen mir aber gerade wieder einmal Mode zu werden! Ergo ... – oder auch mehrere solcher Menschenkenner –, und in innigster Verbindung damit der Finanzskandal und der Skandal in venere. Das alles gehört zusammen und liegt in der Luft. Die geistige Struktur unserer nächsten Jahre macht den neuen Cagliostro zu einem Erfordernis der Zeit, denn gewisse Erscheinungen wiederholen sich mutatis mutandis immer und ewig.

Weil die Dummen nie alle werden und die Sehnsucht leichtgläubig macht!

 

Es war nicht meine Absicht, mit dem vorliegenden Buche Neues über Cagliostro und seine Zeit zu sagen – schon aus dem Grunde nicht, weil es schwer halten dürfte, neues Material zum Thema Cagliostro irgendwie und -wo noch aufzustöbern. Für meine Zwecke scheint es mir vielmehr zu genügen, wenn ich aus den nächstliegenden und wichtigsten Quellen Altes wieder neu ans Licht ziehe, so viel, als nötig ist, um von Cagliostro, seinen Methoden und seiner Zeit ein klares Bild zu geben. Aus der Zahl der Werke, die mir für den folgenden Abschnitt »Die Schrittmacher des Cagliostro« besonders von Wert waren, nenne ich die vortreffliche Schrift von Dr. Eugen Sierke »Schwärmer und Schwindler zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts«, Leipzig 1874. Verlag S. Hirzel. Leider ist das Buch vergriffen. eine ungemein fleißige, verdienstvolle Arbeit, die jedem empfohlen sei, der sich eingehender mit Cagliostro und seinen Vorläufern zu beschäftigen beabsichtigt.

München, im September 1918.

Heinrich Conrad.

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