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Leonid Nikolajewitsch Andrejew: Der Gouverneur - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorLeonid Andrejew
titleDer Gouverneur
publisherBühnen- und Buchverlag russischer Autoren J. Ladyschnikow
addressBerlin
translatorAugust Scholz
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon
senderwww.gaga.net
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VI.

Im Gouverneurshause erfuhr man von dem bevorstehenden Tode des Gouverneurs nicht früher und nicht später als an anderen Orten und verhielt sich merkwürdig gleichgültig dagegen. Wie wenn die nahe Beziehung zu dem lebenden, gesunden, in voller Kraft stehenden Mann schon der Erkenntnis hinderlich gewesen wäre, was der Tod, sein Tod, ist; er stellte sich gleichsam nur als eine vorübergehende Abwesenheit dar. Gegen Mitte September wurde auf das Drängen des Polizeimeisters, der Maria Petrowna zu überzeugen wußte, daß der Landaufenthalt mit Gefahr verbunden sei, die Übersiedlung nach der Stadt vollzogen, und das Leben nahm seinen gewohnten, seit vielen Jahren nicht unterbrochenen Lauf. Der Beamte Koslow, dem der Schmutz und die banale Ausstattung der Gouverneurswohnung persönlich zuwider war, hatte fast eigenmächtig den Saal und das Gastzimmer neu tapezieren und die Decken frisch anstreichen lassen, wie auch neues Meublement im Stil der Decadence, grün Eiche, bestellt. Er nahm überhaupt die Rechte eines Hausdiktators in Anspruch, und alle waren damit zufrieden: die Dienerschaft sowohl, in die sogleich ein frischerer Zug kam, als auch Maria Petrowna, der alles, was Wirtschaft und Haushaltung betraf, verhaßt war. Trotz seiner Geräumigkeit war das Gouverneurhaus doch recht unbequem eingerichtet; die Toiletten und die Badestube lagen fast neben dem Gastzimmer, und die Speisen mußten die Lakaien aus der Küche durch einen kalten Korridor an den Fenstern des Speisezimmers vorübertragen, und man sah oft, wie sie sich zankten und gegenseitig mit den Ellenbogen stießen. Auch das wollte Koslow alles ändern, doch mußte er seinen Plan auf den nächsten Sommer verschieben.

»Er wird zufrieden sein,« sagte er im stillen mit Beziehung auf den Gouverneur, doch stellte er sich dabei merkwürdigerweise nicht Peter Iljitsch, sondern irgend einen andern vor; im Eifer seiner reformatorischen Tätigkeit kam ihm das jedoch gar nicht zum Bewußtsein.

Wie früher, so bildete Peter Iljitsch auch jetzt noch den Mittelpunkt des Hauses und des häuslichen Lebens, und die Worte: »Seine Exzellenz haben befohlen«, »Seine Exzellenz wünschen«, »Seine Exzellenz werden darüber böse sein« – blieben nach wie vor im Munde aller; hätte man jedoch statt seiner eine Puppe hingestellt, sie in eine Gouverneursuniform gesteckt und ein paar Worte sprechen lassen, kein Mensch hätte die Unterschiebung gemerkt – so sehr sah alles, was vom Gouverneur ausging, nach inhaltsloser, leerer Form aus. Wenn er einmal im Ernst böse wurde und auf jemanden losschrie und dieser Jemand darüber in Schreck geriet, so war's, als ob alles dies, das Schreien sowohl wie der Schreck, nur simuliert und in Wirklichkeit nichts derart vorhanden wäre. Ja, hätte er in dieser Zeit selbst jemanden getötet, so würde selbst dieser Tod nicht als wirklicher Tod erschienen sein. Für sich selbst noch lebendig, war er für die andern bereits tot, und sie gingen mit dem Toten lässig um und fühlten die Kälte und Öde, die von ihm ausging, ohne doch zu begreifen, was das bedeutet. Der Gedanke tötete den Menschen nach und nach, von einem Tag auf den andern. Indem er seine Kraft aus der Allgemeinheit schöpfte, ward er mächtiger als alle Maschinen, Waffen und Schießpulver; er beraubte den Menschen des Willens und machte sogar den Instinkt der Selbsterhaltung blind, er schuf rings um ihn einen freien Raum für den tödlichen Hieb, wie im Walde der Umkreis des Baumes gesäubert wird, der gefällt werden soll. Der Gedanke tötete ihn. Gebieterisch rief er jene, die den Schlag führen sollten, aus dem Dunkel hervor, erzeugte er sie gleichsam als Schöpfer. Und unbewußt rückten alle ab von dem, der dem Tode geweiht war, beraubten ihn jenes unsichtbaren, doch gewaltigen Schutzes, den das Leben aller Menschen für das Leben des Einzelnen bildet.

Nach Eingang des ersten anonymen Briefes, in dem der Gouverneur »Kindermörder« genannt worden war, vergingen ein paar Tage ohne Briefe, dann aber, wie infolge einer stillschweigenden Übereinkunft, regneten sie förmlich auf ihn herab, als fielen sie aus einem zerrissenen Postbeutel heraus, und an jedem Morgen wuchs der Stoß der Kuverts auf dem Schreibtisch des Gouverneurs. Wie die reife Frucht aus dem Mutterleibe hervordrängt, so strebte dieser gebieterische, tödliche Gedanke, der sich bisher nur durch den dumpfen Herzschlag wahrnehmbar gemacht hatte, unwiderstehlich ans Licht und begann sein eigenes, selbständiges Leben zu führen. In verschiedenen Stadtgegenden, aus verschiedenen Postkästen, von verschiedenen Leuten wurden diese in der Masse der andern Briefe zerstreuten Schreiben herausgesucht. Dann wurden sie in einen gleichmäßigen Haufen sortiert und durch einen einzelnen Menschen jenem gebracht, der ihrer aller Ziel war. Auch früher wohl hatte der Gouverneur anonyme Briefe erhalten – selten mit Schmähworten oder unbestimmten Drohungen, meist mit Denunziationen und Beschwerden, und er hatte diese Briefe nie gelesen; jetzt aber wurde es zu einem gebieterischen Zwange für ihn, sie zu lesen, wie er, unter dem gleichen Zwange, stets an das Ereignis und den Tod denken mußte. Und wie bei seiner Denkarbeit, mußte er auch beim Lesen allein und ungestört sein.

Selten am Tage, des öfteren hingegen am Abend setzte er sich fest in den Sessel vor dem Schreibtisch mit den ungeordnet herumliegenden Schriftstücken und dem Glas kaltgewordenen Tees, reckte die Schultern, setzte die goldene, stark vergrößernde Brille auf, betrachtete aufmerksam die Kuverts der Briefe und schnitt sie auf. Er hatte nun bereits gelernt, diese Briefe mit einem Blick zu erkennen, denn trotz der Verschiedenheit der Handschriften, des Papiers und der Briefmarken hatten sie doch etwas Gemeinsames, wie die Toten in dem Schuppen; und nicht er allein, sondern auch der Portier, der die Privatkorrespondenz von Peter Iljitsch in Empfang nahm, erkannte sie unfehlbar. Der Gouverneur las jeden Brief aufmerksam, ernst, von Anfang bis zu Ende, und wenn irgend ein Wort undeutlich geschrieben war, betrachtete er es lange, und suchte seinen Sinn zu erraten. Uninteressante Briefe, oder solche, die nichts als unanständige Schimpfereien enthielten, zerriß er; ebenso vernichtete er die Briefe, in denen unbekannte Freunde ihm von der bevorstehenden Ermordung Kunde gaben; alle übrigen aber versah er mit fortlaufenden Nummern und hob sie zu irgend einem ihm unklar vorschwebenden Zwecke auf.

Im allgemeinen war der Inhalt der Briefe, bei aller äußerlichen Verschiedenheit in der Sprache und dem Bildungsgrad des Schreibers, von ermüdender Eintönigkeit: die Freunde warnten, die Feinde drohten, und die Sache lief schließlich auf lauter kurze, beweislose »Ja« und »Nein« heraus. An die Worte »Mörder« von der einen und »standhafter Verteidiger der Ordnung« von der andern Seite hatte er sich schon gewöhnt, so oft kehrten sie fast unverändert in den Briefen wieder; und auch daran gewöhnte er sich bis zu einem gewissen Grade, daß alle, Freunde wie Feinde, gleichmäßig an die Unvermeidlichkeit seines Todes glaubten. Und es überlief ihn dabei nur kalt, und er hätte sich wohl erwärmen mögen, aber es gab nichts, das ihn erwärmt hätte; der Tee war kalt – man reichte ihm, Gott weiß, warum, jetzt immer kalten Tee, und auch der hohe ärarische Kachelofen war kalt. Längst schon, gleich nachdem er in dieses Haus eingezogen war, hatte er sich einen Kamin einrichten lassen wollen, aber es kam nicht dazu, und der alte Ofen erwärmte sich sehr schwer, wenn man ihn noch so sehr heizte. Vergeblich rieb er seinen Rücken an den kalten, nur unten ein wenig angewärmten Kacheln, schritt dann zweimal durch das kalte Kabinett, rieb die Hände aneinander und sprach mit seinem prächtigen Kommandobaß:

»Ich bin doch ein recht verfrorener Weichling geworden!«

Und dann setzte er sich wieder an die Briefe und suchte in ihnen nach etwas höchst Wichtigem, Entscheidendem.

»Ew. Exzellenz! Sie sind General, aber auch Generäle sind sterblich. Es gibt Generäle, die eines natürlichen, und andere, die eines gewaltsamen Todes sterben. Sie, Exzellenz, werden eines gewaltsamen Todes sterben. Ich habe die Ehre, zu zeichnen als Ihr ganz ergebenster Diener.«

Der Gouverneur lächelte – er konnte damals noch lächeln – und wollte den sehr sorgfältig geschriebenen Brief zerreißen, doch besann er sich eines Besseren, schrieb an den breiten Rand die Nummer: »Nr. 43, 22. September 190...« und legte ihn zur Seite.

»Herr Gouverneur, oder in Wirklichkeit Herr türkischer Pascha! Sie sind ein Dieb und gedungener Mörder, und ich könnte vor der ganzen Welt beweisen, daß Sie für die Ermordung der Arbeiter den Aktionären ein hübsches rundes Sümmchen abgeknöpft haben ...«

Der Gouverneur wurde purpurrot, knüllte den Brief zusammen, riß die Brille von der rot gewordenen großen Nase und rief laut, als wenn er auf eine Trommel schlüge:

»Tölpel!«

Dann steckte er die Hände in die Taschen, spreizte die Ellbogen vom Leibe und begann mit zornigen, den Takt markierenden Schritten im Zimmer auf und ab zu gehen. So schreiten – Gouverneure. So schreiten – Gouverneure. Als er sich beruhigt hatte, strich er den Brief wieder glatt, las ihn zu Ende, setzte mit leicht zitternder Hand die Nummer darauf und legte ihn sorgsam beiseite. »Den soll er lesen,« sagte er im stillen, an seinen Sohn denkend.

An demselben Abend aber sandte ihm das Schicksal einen andern Brief. Die Unterschrift lautete: »Ein Arbeiter.« Außer dieser Unterschrift jedoch verriet nichts den wenig gebildeten, kläglichen Mann der Muskeltätigkeit, wie sich ihn der Gouverneur unter dem Begriffe »Arbeiter« vorstellte.

»In der Fabrik und in der Stadt spricht man davon, daß man Sie bald töten wird. Ich weiß nicht genau, wer es tun wird, aber ich glaube nicht, daß es die Vertreter irgend einer Organisation sein werden, sondern weit eher irgend ein Freiwilliger aus der Bürgerschaft, die über Ihr bestialisches Verfahren gegen die Arbeiter am 17. August empört ist. Ich bekenne offen, daß ich samt einigen meiner Genossen gegen diesen Beschluß bin, nicht etwa, weil ich Mitleid mit Ihnen hätte – haben Sie selbst ja nicht einmal mit Frauen und Kindern Mitleid gehabt – wie ich denn glaube, daß auch sonst niemand in der ganzen Stadt Mitleid mit Ihnen hat, sondern einfach darum, weil ich prinzipiell gegen jeden gewaltsamen Tod bin, wie gegen den Krieg, so auch gegen die Todesstrafe, gegen politische Morde und überhaupt gegen alle Morde. Im Kampfe für ihr Ideal, das in der ›Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit‹ besteht, sollen die Staatsbürger sich solcher Mittel bedienen, die mit diesem Ideal nicht in Widerspruch stehen. Töten aber heißt sich eines Mittels bedienen, wie es bei den Menschen der alten Weltordnung üblich war, deren Devise ›Knechtschaft, Privilegium, Feindseligkeit‹ war. Aus Bösem kann nichts Gutes hervorgehen, und aus dem Kampfe, der mit den Waffen der Gewalt geführt wird, wird niemals der Bessere, sondern immer nur der Schlechtere als Sieger hervorgehen, d. h. derjenige, der grausamer ist, weniger Mitleid empfindet, die menschlich fühlende Persönlichkeit weniger achtet und in seinen Mitteln nicht wählerisch ist, mit einem Wort: der Jesuit. Wenn ein guter Mensch schießt, wird er unbedingt entweder vorbeischießen, oder irgend eine Dummheit begehen, die ihn in die Patsche bringt, weil seine Seele dem entgegen ist, was seine Hand vollbringt. Aus diesem Grunde berichtet auch, nach meiner Ansicht, die uns bekannte Geschichte von so wenigen geglückten politischen Attentaten, weil die Herrschaften, die man töten will, Schurken sind, die sich auf alle Feinheiten verstehen, während die, welche sie töten wollen, Ehrenmänner sind, die bei der Sache hereinfallen. Seien Sie überzeugt, Herr Gouverneur, daß, wenn all die Leute, die auf Ihresgleichen Attentate verüben, Schurken wären, sie sicher solche Schlupfwinkel und Methoden ausfindig machen würden, wie sie ehrenhaften Leuten gar nicht in den Kopf kommen können, und daß Sie längst alle abgemurkst wären. Ich erkenne von meinem Standpunkt aus die Revolution nur als eine Propaganda der Ideen an, in dem Sinne, in dem auch die christlichen Märtyrer Revolutionäre waren, weil nämlich, selbst wenn die Arbeiter einen Sieg erfechten sollten, die Schurken sich doch nur so anstellen würden, als seien sie besiegt, während sie selbst sofort irgend einen neuen Betrug ersinnen und ihre Sieger übers Ohr hauen werden. Siegen muß man mit dem Kopfe, nicht mit den Fäusten, weil nämlich die Schurken, was den Kopf betrifft, schwach sind; darum verstecken sie eben die Bücher vor dem armen Manne und halten ihn im Dunkel der Unwissenheit, weil sie für ihre Existenz fürchten. Wissen Sie, weshalb die Arbeitgeber nicht den achtstündigen Arbeitstag gewähren wollen? Glauben Sie, die Herren wüßten nicht selbst, daß bei achtstündiger Arbeitszeit die Produktivität nicht geringer sein wird als bei elfstündiger? Aber die Sache ist die, daß die Arbeiter bei achtstündiger Arbeit klüger werden als die Arbeitgeber und ihnen die Geschäfte aus der Hand nehmen. Man hält sie eben nur darum allein für klug, weil sie alle dumm gemacht haben, gegen einen wirklich klugen Menschen sind sie keinen Sechser wert. Daß ich hier auf einmal in Erörterungen hineingeraten bin über solche Fragen, das geschieht deshalb, damit Sie nach meinen ersten Worten gegen Ihre Ermordung mich nicht für einen Verräter an der gemeinsamen Sache aller ehrlichen Menschen halten. Ich muß hier noch hinzufügen, daß ich und meine Genossen, die meine Überzeugung teilen, am 17. nicht auf dem Platze waren, weil wir sehr gut wußten, wie das enden wird, und nicht als Narren dastehen wollten, die da glauben, daß von Ihresgleichen Gerechtigkeit zu erwarten ist. Jetzt geben uns natürlich auch die andern Genossen recht und sagen: ›Wenn wir jetzt wieder hingehen, werden wir nicht bitten, sondern gleich losschlagen,‹ nach meiner Ansicht ist das ebenso dumm, weil ich nämlich sage: warum erst hingehen, sie werden bald selbst mit freundlichen Worten und Verbeugungen zu uns kommen, dann werden wir ihnen schon zeigen. Hochgeehrter Herr! Entschuldigen Sie, daß ich die Kühnheit hatte, mich mit meinem Wort als Arbeiter, der sich nur selbst aus Büchern was beigebracht hat, an Sie zu wenden, aber es scheint mir doch sonderbar, daß ein gebildeter Mensch, der kein solcher Schurke ist wie die andern, mit den unglücklichen Arbeitern, die ihm vertrauten, so verfahren konnte, daß er auf sie schießen ließ. Vielleicht werden Sie sich mit Kosaken umgeben, Spione in Dienst nehmen oder irgend wohin verreisen und auf solche Weise Ihr Leben retten, und dann können meine Worte Ihnen Nutzen bringen und Ihnen den rechten Weg weisen, den Interessen des Volkes wahrhaft zu dienen. Bei uns in der Fabrik heißt es, daß Sie von den Arbeitgebern gekauft waren, aber ich glaube das nicht, weil unsere Arbeitgeber nicht so dumm sind, ihr Geld umsonst wegzuwerfen, und außerdem weiß ich, daß Sie nicht bestechlich und auch kein Dieb sind, wie andere Ihrer Kollegen, die Geld für Harfenmädchen und Champagner mit Trüffeln brauchen. Ich möchte sogar behaupten, daß Sie im allgemeinen ein ehrenwerter Mensch sind...«

Der Gouverneur legte den Brief vorsichtig auf den Tisch, nahm triumphierend die beschlagene Brille von der Nase, putzte sie feierlich und langsam mit dem Zipfel seines Taschentuches und sagte mit Achtung und Stolz:

»Ich danke Ihnen, junger Mann!«

Er durchschritt ohne Hast das Zimmer, und indem er sich gegen den kalten Ofen wandte, fügte er gewichtig hinzu:

»Mein Leben könnt ihr nehmen, es gehört euch, aber meine Ehre...«

Er sprach den Satz nicht zu Ende, und indem er den Kopf in den Nacken warf, kehrte er, ein wenig komisch in seiner Wichtigtuerei, an den Schreibtisch zurück.

»... Ich möchte sogar behaupten, daß Sie im allgemeinen ein ehrenwerter Mensch sind – im allgemeinen ein ehrenwerter Mensch – im allgemeinen ein ehrenwerter Mensch – und von selbst keinem Huhn etwas zu leide tun würden, wenn man es Ihnen nicht befiehlt. Aber wie können Sie, ein ehrenwerter Mensch, solchen Befehlen nachkommen? – Das ist für mich die Frage! Hochgeehrter Herr! Das Volk ist kein Huhn. Das Volk ist etwas Heiliges, und wenn Sie begreifen würden, was das Volk mit seinen Leiden ist, würden sie auf denselben Platz hinausgehen, sich demütig bis zur Erde neigen und um Verzeihung bitten. Bedenken Sie mal: von Geschlecht zu Geschlecht, von Generation zu Generation, seit jenen Zeiten der ersten Sklaven, die nach dem Geheiß ihres tyrannischen Fürsten die Pyramiden bauten, führen wir unsere Existenz, und wie es unter Ihnen erbliche Adelige, d. h. Unterdrücker, gibt, so gibt es unter uns erbliche Arbeiter, erbliche Sklaven. Und bedenken Sie weiter, daß man uns in all den Jahrtausenden nur geschlagen und unterdrückt hat, und soweit ich auch in die Vergangenheit meiner Ahnen zurückschaue, ich sehe dort nichts als Tränen, Verzweiflung und Roheit. Und alles das hat sich auf die Seele gelegt, und alles das wurde aufbewahrt als das einzige Kapital, wurde vom Vater auf den Sohn, von der Mutter auf die Tochter vererbt, und versuchen Sie doch nur einmal, die Seele eines wirklichen Arbeiters oder Bauern zu öffnen – das ist ja das wahre Entsetzen! Bevor wir noch geboren sind, haben wir schon tausendfältiges Unrecht erlitten, und wenn mir hervorkriechen, ins Leben, geraten wir gleich in eine Art Höhle und trinken nichts als Kränkung, und essen Kränkung und kleiden uns in Kränkung. Man erzählt sich, Sie hätten vor drei Jahren irgendwo Bauern prügeln lassen – begreifen Sie, was Sie da getan haben? Sie meinen, Sie hätten nur ihren Hintern entblößt – nein, Sie haben ihre seit Jahrtausenden geknechtete Seele entblößt, Sie haben die verstorbenen und die zukünftigen, noch nicht geborenen Menschen mit Ruten geschlagen. Und wenn Sie auch ein General und eine Exzellenz sind, so will ich's Ihnen doch ganz grob heraussagen: Sie sind nicht würdig, Ihre Lippen auf einen Bauernhintern wie auf ein Heiligtum zu drücken, um wieviel weniger ihn mit Ruten zu schlagen. Und wie die Arbeiter zu Ihnen kommen – wer meinen Sie wohl, ist da zu Ihnen gekommen? Die wieder auferstandenen Sklaven waren es, die die Pyramiden gebaut haben, sie kamen mit ihren tausendjährigen Schwielen und Tränen, um um Liebe, um Rat, um Hilfe zu betteln, kamen zu Ihnen als einem gebildeten und humanen Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts, und wie sind Sie mit Ihnen verfahren? Ach, Sie... Ihr Vorfahr war vielleicht Aufseher über diese Sklaven und schlug sie mit der Peitsche und vererbte Ihnen diesen törichten Haß gegen die Arbeiterklasse. Hochgeehrter Herr! Das Volk erwacht! Vorläufig wirft es sich erst noch im Schlafe hin und her, und schon krachen die Stützen an Ihrem Hause – aber warten Sie nur, bis es ganz erwacht ist! Diese meine Worte sind Ihnen neu, denken Sie nur darüber nach! Im übrigen bitte ich um Verzeihung, daß ich Sie belästigt habe, und im Namen der »Brüderlichkeit« wünsche ich, daß man Sie nicht töten möchte.«

»Man wird mich töten!« dachte der Gouverneur, während er den Brief zusammenfaltete. Für einen Augenblick tauchte der Arbeiter Egor mit seinen stahlgrauen Locken in seiner Erinnerung auf, um sogleich wieder in dem formlosen und gleich der Nacht grenzenlosen Etwas zu verschwinden. Nichts von Gedanken war in ihm, kein Widerspruch, keine Zustimmung. Er stand an dem kalten Ofen – auf dem Tische brannte die Lampe hinter dem grünseidenen Schirm – irgendwo spielte seine Tochter Sisi Klavier – der Mops der Frau Gouverneurin, den offenbar jemand neckte, stieß ein Bellen aus – die Lampe brannte. Die Lampe brannte.

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