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Leonid Nikolajewitsch Andrejew: Der Gouverneur - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorLeonid Andrejew
titleDer Gouverneur
publisherBühnen- und Buchverlag russischer Autoren J. Ladyschnikow
addressBerlin
translatorAugust Scholz
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon
senderwww.gaga.net
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V.

Schon am ersten Morgen nach dem Niederschießen der Arbeiter wußte beim Erwachen die ganze Stadt, daß der Gouverneur getötet werden wird. Noch sprach es niemand laut aus, aber alle wußten es schon: wie wenn in dieser Nacht, als die Lebenden in unruhigem Schlafe lagen und die Toten alle in derselben wunderbaren Ordnung, Fuß bei Fuß, im Feuerwehrschuppen ruhig hingestreckt waren, eine dunkle Gestalt über die Stadt hingeschwebt wäre und sie ganz mit ihren schwarzen Flügeln überschattet hätte.

Und als die Leute von der Ermordung des Gouverneurs sprachen, die einen früher, die andern, Zurückhaltenderen, später, sprachen sie davon wie von einer längst und unwiderruflich von irgend jemand beschlossenen Sache.

Und die einen – es waren ihrer sehr viele – sprachen davon ganz gleichgültig, wie von einer Sache, die sie nichts weiter anging, wie von einer Sonnenfinsternis, die nur auf der andern Erdhälfte sichtbar sein und nur die Bewohner dieser Hälfte interessieren wird; die andern, die Minderheit, regten sich auf und stritten darüber, ob der Gouverneur eine so grausame Strafe verdiene, und ob die Ermordung einzelner Personen, mögen sie auch noch so schädlich sein, überhaupt einen Sinn habe, wenn der allgemeine Zustand des Lebens sonst unverändert bleibe. Die Meinungen waren geteilt; aber selbst die heftigsten Debatten wurden nicht allzu hitzig geführt: wie wenn nicht von einem Ereignis die Rede wäre, das erst noch eintreten konnte, sondern von einem bereits vollzogenen Faktum, an dem keine Meinung mehr irgend etwas ändern kann. Und bei den gebildeten Leuten ging die Diskussion infolgedessen sehr bald auf das breite theoretische Gebiet über, und den Gouverneur selbst vergaß man, wie einen Toten.

Es zeigte sich in den Debatten, daß der Gouverneur mehr Freunde als Feinde hatte, und sogar viele von denen, die in der Theorie für den politischen Mord eintraten, fanden für ihn Entschuldigungsgründe, und wenn man in der Stadt eine Abstimmung veranstaltet hätte, dann hätte wahrscheinlich die überwiegende Majorität, auf Grund verschiedener theoretischer und praktischer Erwägungen, gegen die Ermordung oder, wie einige es nannten, Hinrichtung gestimmt. Und nur die Frauen, die gewöhnlich so mitleidvoll sind und sich vor Blut fürchteten, legten in diesem Falle eine auffallende Grausamkeit und einen unbezähmbaren Trotz an den Tag: fast alle stimmten sie für den Tod, für den schrecklichsten Tod, und so sehr man sie auch eines Bessern zu belehren suchte und sich mit ihnen herumstritt, sie blieben hartnäckig und sogar mit einem gewissen Stumpfsinn bei ihrer Meinung. Es kam vor, daß eine Frau sich bekehren ließ und zugab, daß die Ermordung überflüssig sei – und am Morgen darauf blieb sie dann wieder, als ob gar nichts wäre, als ob sie ihre Zustimmung von gestern verschlafen hätte, steif und fest dabei, daß die Ermordung notwendig sei.

Und überhaupt herrschte eine allgemeine Gedankenverwirrung und eine heillose Spaltung der Meinungen; und wenn ein Unbeteiligter von der Seite her zugehört hätte, was man alles sprach, würde er nie dahinter gekommen sein, ob denn nun wirklich der Gouverneur getötet werden mußte oder nicht. Und er würde ganz erstaunt gefragt haben:

»Aber wie kommt ihr denn alle auf die Idee, daß er getötet werden wird? Und wer wird ihn töten?«

Und er hätte keine Antwort erhalten; nach einiger Zeit aber hätte er, wie alle andern, gewußt, der Gouverneur wird ermordet werden, und sein Tod ist unabwendbar, und zwar hätte er sein Wissen aus derselben unbekannten Quelle geschöpft wie die andern. Denn alle – Freunde wie Feinde des Gouverneurs, Verteidiger wie Ankläger – alle unterwarfen sich einem und demselben unerschütterlichen Glauben an seinen Tod. Die Gedanken waren verschieden, und die Worte waren verschieden, das Gefühl aber war dasselbe – ein gewaltiges, machtvolles, alldurchdringendes, allüberwindendes Gefühl, das in seiner Stärke und Gleichgültigkeit gegen alle Worte dem Tode selbst ähnlich war. Im Dunkel geboren, und an sich selbst ein Stück unerforschlichen Dunkels, herrschte es zugleich triumphierend und drohend, und die Menschen bemühten sich vergeblich, es mit den kleinen Lichtern ihres Verstandes zu erhellen. Wie wenn das altersgraue, längst entschlafene und in den Augen der Nichtsahnenden beinahe abgestorbene Gesetz, das den Tod mit dem Tode bestraft, seine kalten Augen geöffnet, die getöteten Männer, Frauen und Kinder erblickt und seinen erbarmungslosen Arm über das Haupt desjenigen, der sie getötet hatte, ausgestreckt hätte. Und die Menschen, unbesonnen und unwahr in ihrem Widerstande, fügten sich dem Gebot und wichen zurück vor dem Schuldigen und er wurde für alle Todesarten erreichbar, die es nur in der Welt gibt; und von allen Seiten, aus allen dunklen Winkeln, aus Feld und Wald und Schlucht drangen sie auf ihn ein, taumelnd, humpelnd, stumpf und unterwürfig, nicht einmal gierig.

So mochte in den fernen, grauen Zeiten, als noch Propheten auftraten, als es noch weniger Gedanken und Worte gab und jenes grausame Gesetz selbst, das den Tod mit dem Tode vergilt, noch jung war, als noch die Tiere mit dem Menschen Freundschaft hielten und der Blitz ihm die Hand reichte – so mochte in jenen fernen und seltsamen Zeiten der Verbrecher für jegliche Art von Tod erreichbar werden: die Biene stach ihn mit ihrem Stachel, und der Stier stieß ihn mit seinem spitzen Horn, und der Stein harrte der Stunde seines Niederfallens, um sein unbedecktes Haupt zu zerschmettern,und die Krankheit nagte an ihm vor allen Menschen, wie der Schakal am Aase nagt; und alle Pfeile wichen von ihrem Fluge ab, um nur sein schwarzes Herz und seine gesenkten Augen zu treffen; und die Flüsse änderten ihren Lauf, um den Sand unter seinen Füßen fortzuspülen, und der majestätische Ozean selbst warf seine zottigen Wogen ans Land und scheuchte ihn mit seinem Gebrüll in die Wüste. Tausend Tode, tausend Gräber. In ihrem weichen Sande begrub ihn die Wüste, und sie weinte und lachte über ihn im Pfeifen ihres Windes; die schweren Massen der Berge legten sich auf seine Brust und bargen in ihrem tausendjährigen Schweigen das Geheimnis der großen Vergeltung – und die Sonne selbst, die allem Leben gibt, versengte mit sorglosem Lachen sein Hirn und wärmte freundlich die Fliegen in den Höhlen seiner unglücklichen Augen. Lange schon war das her, und jung, wie ein Jüngling, war damals das große Gesetz, das den Tod mit dem Tode vergalt, und selten nur schloß es in Selbstvergessenheit seine kalten Adleraugen.

Bald verstummten in der Stadt, von ihrer eigenen Unfruchtbarkeit vergiftet, auch die Gespräche. Man mußte entweder die Ermordung als eine heilige Tatsache annehmen und auf alle Einwände und Argumente gleich den Frauen das eine unerschütterliche: »Man darf doch keine Kinder morden!« vorbringen, oder man war dazu verurteilt, sich rettungslos in Widersprüche zu verwickeln, zu schwanken, sein Denken zu verlieren, es mit dem Denken anderer zu vertauschen, wie bisweilen Betrunkene ihre Mützen vertauschen, und trotz alledem nicht um ein Jota vom Fleck kommen. Das bloße Reden langweilte sie schließlich, und so hörten sie denn auf, zu reden, und an der Oberfläche blieb nichts, was an das Ereignis erinnerte; aber inmitten der eingetretenen Schweigsamkeit und Ruhe wuchs gleich einer Gewitterwolke die große grausige Erwartung. Alle warteten: die gegen das Ereignis und seine seltsamen Konsequenzen gleichgültig waren, die über die bevorstehende Hinrichtung frohlockten, die sich darüber schwer beunruhigten – sie alle, alle warteten auf das Unausbleibliche mit derselben gewaltigen, spannenden und grausigen Erwartung. Wäre der Gouverneur in dieser Zeit an einem Fieber gestorben, oder am Typhus, oder infolge eines Schusses aus einem zufällig losgegangenen Jagdgewehr – niemand würde dies für einen bloßen Zufall gehalten haben, und hinter der zugestandenen Ursache hätte man eine zweite, unsichtbare, nicht zugestandene, aber doch wirkliche Ursache entdeckt. Und in dem Maße, wie die Erwartung wuchs, dachte man mehr und mehr an die Kanatnajastraße.

In der Kanatnaja aber war es ruhig und still, wie auch in der Stadt selbst, und die zahlreichen Häscher spähten vergeblich nach Anzeichen eines neuen Aufstandes oder irgend eines verbrecherischen und schrecklichen Anschlags aus. Wie in der Stadt, so stießen sie auch hier auf das Gerücht von der bevorstehenden Ermordung des Gouverneurs, aber die Quelle des Gerüchtes vermochten sie auch hier nicht zu entdecken: alle sagten es, aber auf so unbestimmte, ja sogar alberne Art, daß man daraus gar keine Schlüsse ziehen konnte. Irgend ein starker, ja sogar mächtiger Mann, dem gar nichts fehlgehen könne, werde unbedingt in diesen Tagen den Gouverneur töten – das war alles, was man aus den Gesprächen entnehmen konnte. Der Geheimpolizist Grigorjew konnte eines Sonntags, als er sich Trunkenheit heuchelnd in einer Bierschenke aufhielt, ein solches geheimnisvolles Gespräch belauschen. Zwei Arbeiter, die bereits tüchtig gezecht hatten und fast betrunken waren, saßen bei einer Flasche Bier, neigten über den Tisch hinweg ihre Köpfe zu einander, stießen dabei ungeschickterweise an ihrer Flasche an und unterhielten sich halblaut in geheimnisvoller Weise.

»Mit einer Bombe wird man ihn töten,« sagte der eine, der offenbar besser orientiert war.

»Nanu! Mit einer Bombe?« meinte der zweite verwundert.

»Gewiß, mit einer Bombe, was denn sonst!« versetzte der erste, nahm einen Zug aus seiner Zigarette, blies seinem Kumpan den Rauch direkt in die Augen und fügte ernst und bestimmt hinzu: »In kleine Fetzen wird's ihn zerreißen.«

»Am neunten Tage, hieß es, wird's geschehen.«

»Nein,« entgegnete der andere mit einem Stirnrunzeln, das den höchsten Grad der Negation ausdrücken sollte, »weshalb am neunten Tage? Das ist Aberglaube, das vom neunten Tage. Einfach früh morgens wird man ihn töten.«

»Wann?«

Der Arbeiter sperrte sich gleichsam gegen den Saal durch die ausgespreizten Finger ab, neigte sich unter heftigem Schwanken ganz dicht zu seinem Partner vor und sagte in scharfem Flüsterton:

»Am nächsten Sonntag über eine Woche.«

Beide schwankten hin und her, verschwammen gänzlich einer in den Augen des andern und schwiegen geheimnisvoll. Dann hob der erste geheimnisvoll den Finger empor und drohte:

»Verstehst du wohl?«

»Die werden ihn schon nicht verfehlen – nein, so sind die nicht.«

»Nein,« sagte der andere, die Brauen verfinsternd.

»Was heißt da verfehlen. Ist 'n aufgelegtes Spiel, vier Däuser.«

»Die ganze Hand voll Trümpfe,« bestätigte der andere.

»Verstehst du wohl?«

»Na gewiß versteh' ich.«

»Wenn du's also verstehst, dann trinken wir noch eins. Hast doch Respekt vor mir, Wanja?«

Und lange noch flüsterten sie auf höchst geheimnisvolle Weise, sahen sich gegenseitig an, blinzelten mit den Augen und neigten einander die Köpfe zu, wobei sie an die leergetrunkenen Flaschen anstießen. In derselben Nacht noch wurden sie arretiert, doch fand man nichts Verdächtiges an ihnen, und gleich beim ersten Verhör stellte es sich heraus, daß sie beide nicht das geringste wußten und nur irgend welche Gerüchte wiederholt hatten.

»Aber wie kommt es denn, daß du sogar den Tag – den Sonntag – anzugeben weißt?« sprach ärgerlich der Oberleutnant der Gendarmen, der das Verhör vornahm.

»Kann ich nicht wissen,« antwortete der eingeschüchterte Arbeiter, der drei Tage lang nicht geraucht hatte. »Bin betrunken gewesen.«

»Man sollte euch alle miteinander –r–r ...« schrie der Oberstleutnant, doch konnte er nichts herausbekommen. Aber auch die Nüchternen waren nicht besser. In den Werkstätten, auf der Straße tauschten sie offen ihre Bemerkungen über den Gouverneur aus, schimpften auf ihn und frohlockten, daß er bald sterben werde. Etwas Positives wußten sie jedoch nicht vorzubringen, und bald hörten sie auch auf zu reden und warteten geduldig. Bisweilen warf einer dem andern bei der Arbeit ein Wort hin:

»Gestern ist er wieder vorübergefahren. Ohne Soldaten.«

»Kriecht selbst dem Tod in den Rachen.«

Und dann arbeiteten sie wieder. Und am nächsten Morgen vernahm man am andern Ende des Arbeitssaales:

»Gestern ist er wieder vorübergefahren.«

»Laß ihn fahren.«

Sie zählten gleichsam jeden Tag seines Lebens, der ihnen zu viel schien. Und schon zweimal war es vorgekommen, daß plötzlich, fast zu gleicher Zeit an allen Enden der Kanatnaja und in der Fabrik, die völlige Gewißheit herrschte, daß der Gouverneur soeben ermordet sei. Wer die Nachricht zuerst mitgebracht hatte, war unmöglich herauszubekommen, aber in Haufen geschart, erzählten sie einander die Einzelheiten des Mordes, nannten die Straße, die Stunde, die Zahl der Mörder, die Waffe. Es fanden sich Leute, die beinahe Augenzeugen gewesen waren, die den Knall der Explosion gehört hatten. Und sie standen alle bleich, entschlossen, ohne Freude oder Schmerz zu äußern – bis nach ein paar Minuten die Kunde kam, daß das Gerücht falsch sei. Und nun gingen sie ebenso ruhig auseinander, ohne Enttäuschung – als ob es sich nicht lohnte, sich wegen einer Angelegenheit aufzuregen, die nur für ein paar Tage, vielleicht gar nur ein paar Stunden oder Minuten aufgeschoben war.

Wie in der Stadt, so waren auch in der Kanatnajastraße die Frauen die unerbittlichsten und erbarmungslosesten Richter. Sie urteilten nicht, sie bewiesen nicht, sie warteten einfach – und in ihrer Erwartung legten sie die ganze Glut ihres unerschütterlichen Glaubens, den ganzen Gram ihres unglücklichen Lebens, die ganze Grausamkeit ihres verkommenen, hungrigen, erwürgten Denkens. Sie hatten in ihrem Leben ihren besonderen Feind, den die Männer nicht kannten – den Ofen, den ewig hungrigen, ewig mit seinem offenen Rachen fragenden kleinen Ofen, der schrecklicher war als alle glühenden Öfen der Hölle. Vom Morgen bis in die Nacht hinein, jeden Tag, das ganze Leben hielt er sie in seiner Gewalt; ihre Seele mordend, merzte er in ihrem Kopfe alle Gedanken aus außer jenen, die ihm selbst dienen und ihm selbst nötig sind. Die Männer kannten das nicht. Wenn die Frau am Morgen erwachte und auf den Ofen blickte, dessen Öffnung die eiserne Tür nur schlecht verdeckte, wirkte er auf ihre Phantasie wie ein Gespenst, ließ er sie wie ein Krampf des Ekels und der Furcht, einer stumpfsinnigen, tierischen Furcht erleben. An ihrem Denken beraubt, vermochte die Frau den Feind, der sie beraubt hatte, nicht einmal zu nennen; in ihrer Betäubung brachte sie ihm immer und immer wieder demütig ihre Seele dar, und nur ein schwarzer, tödlicher Gram umhüllte sie mit undurchdringlichem Nebel. Und davon erschienen alle Frauen in der Kanatnajastraße so böse: sie schlugen die Kinder, die sie fast zu Tode prügelten, zankten sich untereinander und mit ihren Männern, und ihr Mund floß über von Vorwürfen, Klagen und Bosheiten.

Zur Zeit des furchtbaren dreiwöchigen Hungers, als während einiger Tage kein Feuer im Ofen angemacht wurde, ruhten die Frauen endlich aus – jene seltsame Ruhe des Sterbenden war's, dessen Schmerzen wenige Minuten vor dem Tode aufgehört haben. Das Denken, das sich für einen Augenblick aus dem ehernen Kreise losgerissen hatte, haftete sich mit seiner ganzen Leidenschaft und Kraft an die Vision eines neuen Lebens – als wenn der Kampf nicht um die Lohnerhöhung von monatlich fünf Rubeln, von der die Männer redeten, geführt würde, sondern um eine völlige, freudige Befreiung von allen urewigen Fesseln. Und da sie ihre an Entkräftigung gestorbenen Kinder begruben und sie, von Schmerz, Erschöpfung und Hunger verdüstert, mit blutigen Tränen beweinten, waren die Frauen in diesen schweren Tagen so sanft und freundlich wie nie: sie waren des Glaubens, daß so Entsetzliches nicht ohne Zweck und Absicht über sie gekommen sein könne, daß den großen Leiden die große Belohnung folgen werde. Und als am 17. August auf dem Platze, in den Sonnenstrahlen schimmernd, der Gouverneur zu ihnen hinaustrat, da nahmen sie ihn für den graubärtigen Herrgott selber. Und er sagte:

»Ihr müßt die Arbeit aufnehmen. Bevor ihr nicht die Arbeit aufnehmt, kann ich nicht mit euch reden.«

Dann:

»Ich will sehen, daß ich etwas für euch tun kann. Nehmt die Arbeit auf, und ich werde nach Petersburg schreiben.«

Dann:

»Eure Arbeitgeber sind keine Ausbeuter, sondern ehrbare Leute, und ich verbiete euch, sie so zu nennen. Und wenn ihr morgen die Arbeit nicht aufnehmt, lasse ich die Fabrik schließen und schicke euch nach euern Heimatsgemeinden.«

Dann:

»Es ist eure Schuld, daß die Kinder sterben. Nehmt die Arbeit auf!«

Dann:

»Wenn ihr euch so benehmt und euch nicht zerstreut, lasse ich euch mit Gewalt auseinandertreiben. Nehmt die Arbeit auf!«

Dann folgte chaotisches Geschrei, das Weinen von Kindern, – das Knattern von Schüssen – Gedränge – und eine wilde Flucht, bei der der Mensch nicht weiß, wohin er flieht, niederstürzt, wieder flieht, Kinder und Haus verliert. Und dann sogleich wieder, so jäh, als ob kaum ein Augenblick vergangen wäre – der verwünschte Ofen, stupid, unersättlich ewig seinen Rachen öffnend. Und von neuem dasselbe, ganz dasselbe, von dem sie sich für immer losgerissen hatten, und zu dem sie zurückgekehrt waren – für immer.

Vielleicht war der Gedanke, daß der Gouverneur getötet werden müsse, sogar in einem weiblichen Kopfe entstanden. Alle die alten Worte, mit denen die Gefühle der Feindschaft des Menschen gegen den Menschen bezeichnet werden, Haß, Zorn, Verachtung, gaben das nicht wieder, was die Frauen empfanden. Es war ein neues Gefühl – das Gefühl der ruhigen, unbedingten Verurteilung; wenn das Beil in der Hand des Henkers fühlen könnte, würde es vielleicht sich selbst ebenso fühlen – dieses kalte, scharfe, blinkende und ruhige Beil. Die Frauen warteten ruhig, ohne einen Augenblick zu schwanken, ohne zu zweifeln, und sie sättigten gleichsam mit ihrer Erwartung die Luft, die alle atmeten, die auch der Gouverneur atmete. Sie waren naiv. Es brauchte nur irgendwo eine Tür laut zugeschlagen werden, es brauchte nur jemand laut mit den Füßen aufstampfend über die Straße zu rennen – gleich liefen sie hinaus, mit bloßem Kopfe, fast schon befriedigt.

»Ist er tot?«

»Nein, es war nichts weiter. Ssenjka ist nur nach Branntwein gelaufen.«

Und so blieb es, bis wieder irgend jemand klopfte oder mit den Füßen aufstampfend auf der schweigsamen, toten, stillen Straße daherlief, wenn der Gouverneur vorüberfuhr, blickten sie gierigen Auges hinter den Vorhängen hervor nach ihm hin – und war der Gouverneur vorbei, so kehrten sie wieder zum Ofen zurück. Es setzte sie nicht in Erstaunen, wenn der Gouverneur, der sonst immer in der Begleitung von Wachtleuten ausfuhr, plötzlich allein, ohne Schutzwache zu fahren begann – wie das Henkerbeil, wenn es fühlen könnte, beim Anblick eines bloßen Nackens nicht in Erstaunen geraten würde. Es war eben ganz in der Ordnung, daß der Nacken bloß war. Aus grauen Fäden flochten sie wahrhaftig eine farbensatte Legende zusammen. Und sie eben, diese grauen Frauen des grauen Lebens, waren es, die jenes uralte Gesetz erweckt hatten, das den Tod mit dem Tode vergilt.

Der Schmerz um die Getöteten kam in dumpfer, zurückhaltender Weise zum Ausdruck: er war nur ein Teil des allgemeinen großen Schmerzes und wurde von ihm restlos verschlungen, wie eine salzige Träne vom salzigen Ozean verschlungen wird. An einem Freitag aber, gegen Ende der dritten Woche nach dem Blutbad, brach plötzlich bei Nastaßja Sasonowa, der eine Tochter, die siebenjährige kleine Tanja, getötet worden war, der Wahnsinn aus. Drei Wochen lang hatte sie, wie alle andern, an ihrem Ofen gearbeitet, hatte mit den Nachbarinnen gezankt, auf die beiden ihr noch gebliebenen Kinder losgeschrieen, und plötzlich, als kein Mensch es erwartete, verlor sie den Verstand. Am Morgen schon begannen ihr die Hände zu zittern, und sie zerschlug eine Tasse; dann kam es gleichsam wie ein Übel über sie, und sie begann zu vergessen, was sie tun wollte, lief von einem Gegenstand zum andern und wiederholte sinnlos in einem fort:

»O Gott, was ist nur mit mir?«

Und endlich schwieg sie ganz, und schweigend, mit unheimlicher Unterwürfigkeit, schlich sie von Ecke zu Ecke, trug denselben Gegenstand von einem Ort zum andern, stellte ihn hin, nahm ihn wieder fort – und war selbst im beginnenden Irrtum nicht imstande, sich vom Ofen loszureißen. Die Kinder waren im Garten, ließen einen Drachen steigen, und als der kleine Petjka nach einem Stück Brot heimkam, steckte seine Mutter wortlos, mit wildem Blick, allerhand Gegenstände in den Ofen: ein Paar Schuhe, eine zerrissene wattierte Jacke, Petjkas Mütze. Anfangs lachte der Knabe, dann aber sah er das Gesicht der Mutter und lief schreiend auf die Straße hinaus.

»A – a – ai,« schrie er daherlaufend und setzte die Straße in Alarm.

Die Frauen versammelten sich und begannen über sie zu heulen, wie Hunde, die von Kummer und Schrecken befallen sind. Sie aber beschleunigte ihren Gang immer mehr, stieß die nach ihr ausgestreckten Arme zurück, kreiste ruckweise auf dem drei Arschin großen Raume, schnappte nach Luft und murmelte irgend etwas vor sich hin. Nach und nach zerriß sie mit jähen, kurzen Bewegungen ihr Kleid, und der obere Teil ihres Körpers, gelb, mager, mit hängenden, schlenkernden Brüsten, wurde sichtbar. Und dann stieß sie ein schreckliches, langgedehntes Heulen aus, wobei sie ein- und dieselben Worte in endloser Wiederholung auseinanderzog:

»Ich ka – ann nicht. Meine Li – ieben – ich ka – a – ann ni – icht!«

Und sie lief auf die Straße hinaus, und hinter ihr her all die andern. Und da verwandelte sich die ganze Kanatnaja für einen Augenblick in ein einziges lautes Weibergeheul, und man konnte nicht mehr unterscheiden, wer wahnsinnig war, und wer nicht. Und dann erst verstummte das Geheul, als die Kommis aus den Kaufläden der Fabrik die Wahnsinnige abfingen, ihre Hände und Füße mit Stricken banden und sie mit ein paar Eimer Wasser begossen. Sie lag auf dem Wege, in der frischen Wasserpfütze, mit der nackten Brust dicht an der Erde, die Fäuste der verrenkten, blau angelaufenen Arme starr vorstreckend. Das Gesicht hatte sie zur Seite gewandt, und sie blickte wild, ohne zu blinzeln; die leicht ergrauten nassen Haare klebten am Kopfe fest und machten ihn seltsam klein, und ihr ganzer Körper zuckte von Zeit zu Zeit. Aus der Fabrik kam ihr Mann ganz erschrocken herbeigelaufen, er hatte nicht einmal Zeit gefunden, sich das rußbedeckte Gesicht zu waschen, auch seine Bluse war von Ruß beschmutzt und glänzte von Öl, und ein verbrannter Finger an seiner linken Hand war mit einem ölgetränkten, schmutzigen Läppchen umwickelt.

»Nastja!« rief er, sich über sie beugend, finster und streng, »was machst du denn? Na, was ist denn?«

Sie schwieg, zuckte und blickte wild vor sich hin, ohne zu blinzeln. Er sah die blutunterlaufenen, purpurroten Arme, die man erbarmungslos mit dem Strick gefesselt hatte, löste den Strick und berührte mit den Fingern die nackte, gelbe Schulter. Schon kam der Polizist mit einer Droschke angefahren.

Als die Menge sich verlief, gingen zwei Männer nicht gleich den andern nach der Fabrik, blieben auch nicht in der Kanatnaja zurück, sondern schlugen langsam den Weg nach der Stadt ein. Sie gingen in Nachdenken versunken, immer gleichen Schritt haltend, und schwiegen.

Am Ausgang der Kanatnaja nahmen sie Abschied voneinander.

»Was für ein Fall!« sagte der eine. »Kommst du mit zu mir?«

»Nein,« antwortete der andere kurz und schritt weiter. Er hatte einen jugendlichen, gebräunten Nacken, und unter der Mütze quoll sein blondes Kraushaar hervor.

 

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