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Leonid Nikolajewitsch Andrejew: Der Gouverneur - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorLeonid Andrejew
titleDer Gouverneur
publisherBühnen- und Buchverlag russischer Autoren J. Ladyschnikow
addressBerlin
translatorAugust Scholz
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon
senderwww.gaga.net
created20100401
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III.

Es gab viele muntere Spiele, viel Lachen und Singen – am nächsten Morgen fuhr nämlich Peter Iljitschs Sohn, der Offizier, nach Petersburg zurück, und die Bekannten waren gekommen, um von ihm Abschied zu nehmen. Auf den grünen Waldwiesen und Lichtungen, unter dem goldig-purpurnen Herbstlaub, in der smaragdenen Klarheit lichter Waldweiten waren als ebensolche harmonische und helle Farbenflecke schöne Frauenkleider und Offiziersuniformen zerstreut. Als die blutigrote, fast winterliche Abenddämmerung erloschen war und am Himmel die Sternschnuppen hinflitzten, wurde ein Feuerwerk abgebrannt – Raketen, die knallend zerbarsten, Feuerfontänen und Räder. Stickiger Rauch zog sich unter den alten, ernst dreinschauenden Bäumen hin, und als die roten bengalischen Flammen angezündet wurden, wandelten sich die Gestalten der hin und her eilenden Menschen in gespenstische, zuckend auf und ab huschende Schatten.

Polizeimeister »Zander«, der beim Mittagessen gehörig einen auf den Durst genommen hatte, schaute herablassend auf dieses ganze lustige Durcheinander, schwänzelte witzig um die Damen herum und war glücklich. Und als aus dem rauchangefüllten Dunkel, dicht neben ihm, die Stimme des Gouverneurs erklang, hatte er nicht übel Lust, ihn auf die Schulter zu küssen, vorsichtig seine Gouverneurstaille zu umfassen oder sonst etwas in der Art zu tun, was seine Ergebenheit zum Ausdruck gebracht hätte. Statt dessen jedoch legte er seine Hand auf die linke Seite der Uniform, warf die eben erst angerauchte Zigarette ins Gras und sagte:

»Ah, Exzellenz, was für eine bezaubernde Festlichkeit!«

»Hören sie, Illiador Wassiljewitsch« – fiel der Gouverneur in verhaltenem Baß ihm ins Wort – »warum schicken sie immer diese Agenten da her? Was soll das?«

»Böswillige Menschen planen ein Attentat auf Ew. Exzellenz heiliges Leben,« versetzte der »Zander« gefühlvoll, beide Arme an die Uniform legend. »Und auch sonst ist es meine Pflicht...«

Das Knattern der platzenden Schwärmer, das Lachen und ängstliche Schreien übertönte seine Worte; dann strömte ein Regen von blauen, grünen und roten Flammen herab, die in dem rauchigen Dunkel die Knöpfe und Achselstücke des Gouverneurs aufblitzen ließen.

»Ich weiß warum, Illiador Wassiljewitsch, d. h. ich errate es. Aber ich glaube nicht, daß es ernst zu nehmen ist.«

»Sehr ernst sogar, Exzellenz. Die ganze Stadt redet davon – ganz erstaunlich ist's, wie eifrig sie davon redet. Ich hatte schon drei Mann in Haft genommen, doch waren es nicht die Richtigen!«

Ein neuer Ausbruch von Schüssen und lustigem Geschrei unterbrach seine Rede, und als der Lärm sich gelegt hatte, war der Gouverneur nicht mehr da.

Nach dem Abendbrot fand unter geräuschvoller Fröhlichkeit die Abfahrt statt, wobei der junge Gehilfe des Polizeikommissars den Ordner spielte. Alles, das Feuerwerk, dem er aus dem Gebüsch zugeschaut hatte, und die Equipagen, und die Menschen erschienen ihm außergewöhnlich schön, und seine eigene jugendliche Stimme setzte ihn durch ihre Kraft und ihren Wohlklang in Erstaunen. Der »Zander« war total betrunken, machte Witze, lachte und sang sogar die Anfangsworte der Marseillaise:

»Allons, enfants de la patrie,
Le jour de gloire est arrivé!«

Endlich waren alle abgefahren.

»Warum bist du immer so verdrießlich, lieber Papa?« sagte der Offizier und legte mit gönnerhafter Freundlichkeit seine Hand auf Peter Iljitschs Schulter. Der Gouverneur war bei den Seinigen beliebt, und die Frau Gouverneurin fürchtete sich sogar ein wenig vor ihm, doch fand man seit einiger Zeit, daß er stark gealtert sei, und verachtete ihn deshalb ein klein wenig.

»Unsinn! Es ist nichts weiter,« antwortete Peter Iljitsch unsicher. Er hätte sich einerseits gern seinem Sohne gegenüber ausgesprochen, andererseits fürchtete er sich vor dieser Aussprache, da ihre Meinungen längst auseinandergingen. Jetzt aber konnte dieser Meinungsunterschied sogar von Nutzen sein.

»Die Sache ist die, siehst du,« fuhr er verlegen fort, »daß mich dieser Vorfall mit den Arbeitern etwas beunruhigt.«

Er sah dem Sohn offen ins Gesicht; dieser antwortete mit erstauntem Blick, während er die Hand von seiner Schulter nahm.

»Aber du hast doch eine Anerkennung aus Petersburg bekommen!«

»Allerdings, und ich bin sehr glücklich darüber, indessen ... Aljoscha!« – er blickte mit der schwerfälligen Zärtlichkeit eines ernsten und alten Mannes in die schönen Augen des Sohnes – »die sind doch keine Türken, nicht wahr? Sie sind so gut Russen wie wir, sie heißen Iwan und Peter, wie wir – und ich bin mit ihnen wie mit Türken umgesprungen! Hm? Wie liegt nun die Sache?«

»Sie sind Empörer.«

»Sie tragen aber Kreuze auf der Brust, Aljoscha, und ich« – er hob den Finger empor – »ich habe auf ihre Kreuze schießen lassen!«

»Soviel ich weiß, Papa, hast du auf die Religion nie besonderes Gewicht gelegt. Was haben die Kreuze mit der Sache zu tun? So was ist vielleicht in einem Regimentsbefehl am Platze, oder sonst wo, aber ...«

»Gewiß, gewiß,« stimmte der Gouverneur hastig zu – »nicht auf die Kreuze kommt es an. Ich lege auch nur darauf Gewicht, daß es Landsleute sind, verstehst du wohl, Aljoscha: Landsleute! Ja, wenn ich irgend ein August Karlowitsch Schlippe-Detmold wäre – aber nun heiß ich doch Peter, und noch dazu Iljitsch!«

Die Stimme des Offiziers klang immer trockener.

»Du siehst nicht ganz klar in der Sache, Papa. Was haben hier die Deutschen zu tun? Und schließlich, wenn du willst, haben auch Deutsche auf Deutsche schon geschossen, und Franzosen auf Franzosen usw. Warum sollen nicht Russen auf Russen schießen? Als Vertreter des Staates mußt du begreifen, daß im Staate vor allem Ordnung herrschen muß, und wer sie auch stören mag – das bleibt ganz gleich, wenn ich sie stören sollte, wäre es deine Pflicht, auch auf mich schießen zu lassen, wie auf einen Türken.«

»Das stimmt!« sagte der Gouverneur, mit dem Kopfe nickend, und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. »Das stimmt vollkommen.«

Und dann blieb er stehen.

»Aber die waren vom Hunger getrieben, Aljoscha! Wenn du sie gesehen hättest!«

»Auch die Bauern in Sensiwejewo sind aufrührerisch geworden, weil sie Hunger hatten, und das hat dich nicht abgehalten, ihnen die allerschönsten Prügel verabreichen zu lassen.«

»Prügel sind etwas anderes, als... Dieser Dummkopf hatte sie alle in eine Reihe legen lassen, wie abgeschossenes Wild, und ich schaute auf ihre Beine und dachte: Diese Beine werden nie wieder gehen... Du willst mich nicht verstehen, Aljoscha. Auch der Henker ist vom Gesichtspunkte der Staatsraison betrachtet eine Notwendigkeit, aber ein Henker zu sein...«

»Was redest du da, Vater!«

»Ich weiß, ich fühle es: man wird mich töten. Ich fürchte den Tod nicht« – der Gouverneur warf den grauen Kopf in den Nacken und blickte ernst auf den Sohn – »aber ich weiß: man wird mich töten. Ich begriff immer nicht, ich dachte immer: um was handelt es sich denn eigentlich?« – er spreizte die großen, dicken Finger aus und ballte sie dann rasch zur Faust zusammen – »aber nun begreife ich: man wird mich töten. Lache nicht, du bist noch jung, ich habe heut' den Tod gefühlt – hier, im Kopfe. Ja, im Kopfe.«

»Papa, ich bitte dich, laß Kosaken kommen, verlange Geld für eine Schutzwache! Man wird dir alles bewilligen. Ich bitte dich als dein Sohn, und ich bitte dich im Namen Rußlands, dem dein Leben notwendig ist.«

»Und wer wird mich töten, wenn nicht eben dieses Rußland? Und gegen wen soll ich Kosaken kommen lassen? Gegen Rußland – im Namen Rußlands? Und können Kosaken, Agenten und Wachtleute überhaupt einen Menschen retten, dem der Tod hier an der Stirn geschrieben steht? Du hast heute beim Abendbrot ein wenig getrunken, Aljoscha, aber du bist nüchtern, und du wirst mich verstehen: ich fühle den Tod. Schon dort, in dem Speicher, fühlte ich ihn, doch wußte ich nicht, was es eigentlich war. was ich dir vorhin von Kreuzen und von Russen sagte, war Unsinn – nicht darauf kommt es an. Siehst du dieses Tuch?«

Er zog rasch ein Taschentuch aus der Tasche, faltete es auseinander und zeigte es, wie ein Taschenspieler, Alexej Petrowitsch.

»Da, sieh her!«

Er schwenkte das Tuch rasch nach vorn, daß eine duftige Luftwelle dem unbehaglich dasitzenden Offizier erreichte.

»Da! Ihr Modernen, ihr Akademiker, glaubt an gar nichts, ich aber glaube an das alte Gesetz: Blut um Blut! Du wirst sehen!«

»So nimm deinen Abschied, verreise irgendwohin!«

Er schien diesen Vorschlag erwartet zu haben und war durch ihn gar nicht überrascht.

»Nein. Um keinen Preis!« entgegnete er fest. »Du wirst selbst begreifen, daß das gleichbedeutend mit Flucht wäre. Unsinn! Um keinen Preis!«

»Verzeih, Papa, aber das scheint mir so ungereimt.« Der Offizier legte den hübschen Kopf an die Schulter und zuckte die Achseln. »Das weiß ich wirklich nicht mehr beim rechten Namen zu nennen. Mama stöhnt, du redest da immer vom Tode – ja, was soll das alles? Schäm dich, Papa. Ich habe dich stets als einen einsichtsvollen, willensstarken Menschen gekannt, und jetzt bist du wie ein Kind, oder wie ein nervöses Weib. Verzeih – aber ich begreife das nicht.«

Er selbst war nicht nervös, und auch nicht einem Weibe ähnlich, dieser hübsche, junge Offizier mit den rosigen, glattrasierten Wangen und den ruhigen, selbstbewußten Gesten eines Mannes, der sich nicht nur achtet, sondern sogar verehrt. Wenn er unter Menschen war, kam es ihm immer vor, als wäre er ganz allein und niemand sonst neben ihm; und man mußte schon eine sehr angesehene Persönlichkeit, zum mindesten ein General sein, um von ihm bemerkt zu werden und ihm jenes Gefühl des leisen Zwanges und der Selbsteinschränkung einzuflößen, das die Anwesenheit von Menschen in der Regel hervorruft. Er war ein guter Schwimmer und liebte diesen Sport; und wenn er im Sommer in der Newa in der öffentlichen Schwimmanstalt badete, studierte er seinen Körper so ruhig, aufmerksam und eingehend, als wenn sonst niemand da wäre.

Eines Tages erschien in dieser selben Schwimmanstalt ein Chinese, und alle betrachteten ihn mit Neugier, die einen verstohlen, die andern ganz offen und ungeniert; nur er allein würdigte ihn nicht eines Blickes, da er sich selbst für wichtiger und interessanter hielt als den Chinesen. Alles in der Welt war für ihn klar und einfach, alles ging restlos auf, und er wußte, daß mit Kosaken die Sache jedenfalls besser stand als ohne Kosaken.

Und aus seinen Vorwürfen klang es wie aufrichtiger Unwille, der nur durch die Höflichkeit und die Scheu, der Eigenliebe des alten Herrn nahe zu treten, gemildert wurde... Was da mit seinem Vater vorging, kam ihm zwar nicht ganz unerwartet, aber es regte ihn doch auf, als etwas Grobes, Barbarisches, Atavistisches. Kreuze, Blut um Blut, Iwan und Peter – wie abgeschmackt war das alles!

»Du bist doch ein schlechter Gouverneur, wenn man dich auch belobt hat«, dachte er langsam, während seine schönen Augen dem auf- und abschreitenden Vater folgten.

»Was ist also, Papa? Es scheint, du bist mir böse?«

»Nein,« antwortete der Gouverneur schlicht. »Ich danke dir für dein Mitgefühl, und du wirst wohl daran tun, die Mutter zu beruhigen. Was mich betrifft, so bin ich vollkommen ruhig und habe dir nur meine Ansicht auseinandergesetzt. Nach deiner Meinung ist's anders – wir werden ja sehen, was daraus wird. Aber geh' jetzt schlafen, es ist Zeit für dich.«

»Ich bin noch nicht müde. Wollen wir nicht ein bißchen im Garten spazieren gehn?«

»Mir ist's recht.«

Das Dunkel umfing sie sogleich, und sie verschwanden einer vor dem andern – nur ihre Stimmen und bisweilen eine flüchtige Berührung störten das Gefühl dieser seltsamen, allumfassenden Einsamkeit. Die Sterne dagegen waren zahlreich und funkelten hell, und alsbald begann Alexej Petrowitsch dort, wo die Bäume weniger dicht standen, an seiner Seite die hohe, wuchtige Silhouette des Vaters zu unterscheiden. Die Finsternis, die Luft und die Sterne hatten in ihm wieder zartere Gefühle gegen diesen dunklen, kaum sichtbaren Menschen geweckt, und er wiederholte seine beruhigenden Erklärungen.

»Ja. Ja,« – antwortete kurz Peter Iljitsch, und es war nicht recht klar, ob er zustimmte oder nicht.

»Aber wie dunkel es ist!« sagte Alexej Petrowitsch und blieb stehen. Sie schritten tief in die Alleen hinein, wo in der dichten Finsternis schon gar nichts mehr zu unterscheiden war.

»Du solltest hier Laternen aufstellen lassen, Papa!«

»Wozu Laternen? Sag' doch einmal...«

Sie standen beide unbeweglich da. Man vernahm nicht mehr das Geräusch ihrer Schritte, und die allumfassende Einsamkeit herrschte ungeteilt und ohne Schranken.

»Nun, also was?« fragte Alexej Petrowitsch ungeduldig.

»Sagt dir diese Finsternis irgend etwas?«

»Wieder diese Phantasien,« dachte der Offizier und bemerkte in lehrhaftem Tone: »Sie sagt mir, daß du hier nicht allein umhergehen darfst. Hinter jedem Baum kann jemand sitzen und dir auflauern.«

»Auflauern! Ja, das sagt sie mir auch, die Finsternis. Stell' dir vor, daß hinter jedem Baum Menschen sitzen – unsichtbare Menschen – und lauern. Es sind ihrer viele – siebenundvierzig, soviel damals getötet wurden – und sie sitzen da, und horchen auf das, was ich rede, und lauern –«

Der Offizier hatte ein peinliches Gefühl. Er sah sich rings im Kreise um, sah nichts als Dunkel und tat einen Schritt vorwärts, um weiterzugehen.

»Wie überflüssig, sich unnütz aufzuregen!« entfuhr es ihm unwillkürlich.

»Nein, erlaube einmal!« Der Offizier fuhr zusammen, als er eine leichte Berührung mit den Fingern fühlte. – »Stelle dir vor, daß sie auch dort, in der Stadt, und überall, wo ich nur weile, auf mich lauern. Ich gehe, und irgend ein Mensch geht gleichfalls und lauert auf mich. Oder ich setze mich in den Wagen, und ein Mensch geht vorüber und grüßt – er lauert auf mich!«

Das Dunkel war unheimlich geworden, und die Stimme des unsichtbaren Sprechers klang seltsam und fremd.

»Genug, Papa, gehen wir!« sagte der Offizier, während er rasch davonschritt, ohne auf den Vater zu warten.

»Siehst du, mein Lieber!« ließ sich Peter Iljitschs Baß in unvermutet scherzhaftem Tone vernehmen. »Und du willst mir nicht glauben! Ich sage dir: da sitzt er, hinter der Stirn!«

Als das Licht aus den Fenstern ihnen schimmerte, schien es so fern und unzugänglich, daß der Offizier Lust verspürte, darauf zuzueilen, um es nur ja zu erreichen. Ein gelinder Zweifel an seiner eigenen Tapferkeit wandelte ihn an, und zugleich ein gewisses Gefühl der Achtung vor dem Vater, der sich in der Dunkelheit so frei und leicht bewegte. Aber Furcht und Achtung verschwanden, sobald er erst das vom Schein des Petroleums erhellte Zimmer betreten hatte, und es blieb nur der Ärger über den Vater, der auf die Stimme der Vernunft nicht hört und in greisenhaftem Trotz auf die Kosaken verzichtet.

 

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