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Leonid Nikolajewitsch Andrejew: Der Gouverneur - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorLeonid Andrejew
titleDer Gouverneur
publisherBühnen- und Buchverlag russischer Autoren J. Ladyschnikow
addressBerlin
translatorAugust Scholz
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon
senderwww.gaga.net
created20100401
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VI.

Der große Tag des Gerichtes über den König brach an, die geheimnisvolle Macht, die so alt wie die Welt, muß Antwort geben dem Volke, das sie Jahrtausende geknechtet, der Welt, die sie als triumphierender Wahnsinn geschändet. Der Narrenschelle und des goldenen Thrones beraubt, beraubt der klingenden Titel, und aller seltsamen Symbole der Macht entblößt, wird sie vor dem Volke erscheinen und eine klare Antwort geben: weshalb sie eine Macht gewesen, was ihr die Kraft und das Recht verliehen, in der Person eines Einzelnen über Millionen zu gebieten, ungestraft Böses zu schaffen, Gewalt zu üben, Freiheit zu rauben, Tod und Wunder zu wirken? Der Zwanzigste ist im voraus vom Gewissen des ganzen Volkes gerichtet: Schonung gibt's für ihn nicht und kann es nicht geben, doch soll er vor der Hinrichtung seine geheimnisvolle Seele auftun, soll die Menge bekannt machen nicht mit seinen Taten – diese sind allen bekannt – sondern mit dem Denken und Fühlen der Könige.

Der mythische Drache, der Mädchen verschlang und das Land in Schrecken hielt, lag gefesselt, auf den Markt der Stadt geschleppt, und bald soll die Menge seinen schuppenbedeckten Rücken, seine gespaltene Zunge, seinen grausamen, feuerspeienden Rachen sehen.

Eine unbestimmte Besorgnis rührte sich. Schon seit der Nacht bewegten sich durch die stillen Straßen Militärmassen nach allen Richtungen, die freien Plätze, die Straßenkreuzungen überflutend; auf dem ganzen Wege des Königs einen Wald von Bajonetten, eine Mauer düsterer, feierlich strenger Gesichter bildend. Über den schwarzen Silhouetten der Gebäude und Kirchen, den spitzen, eckigen, wunderlich unbestimmten, leuchtete schwach im Dämmer der Nacht ein gelblicher, mit Wolken bedeckter Himmel, der kalte Himmel der Städte, so alt wie die mit Ruß und Rost bedeckten Häuser. Es war wie ein Kupferstich in einem der dunklen Säle eines alten Ritterschlosses.

Die Stadt schlief in dunkler Erwartung des großen und furchtbaren Tages; durch die Straßen aber zogen, langsam, mit gedämpften Schritten, geordnete Massen von in Soldaten umgewandelten Bürgen; wälzten sich mit grellem Dröhnen, den Lauf zur Erde gerichtet, Kanonen, und an jeder erglänzte rötlich das Flämmchen der Lunte. Man kommandierte abgerissen, als scheute man sich, die zu wecken, deren Schlaf leise und unruhig. Ob sie für den König fürchteten, für seine Sicherheit, oder ihn selber – wußte niemand, nur das wußten alle, daß man sich bereit halten und alle dem Volke innewohnenden Kräfte anrufen und sammeln müßte.

Lange wollte es nicht Tag werden. Zusammengeballte Wolken, gelb, zerzaust, hingen steil über den Kirchen, und nur in dem Augenblick, als der König den Turm verließ, glänzte die Sonne in einem blauen Riß auf. Eine glückliche Vorbedeutung für das Volk, eine drohende Warnung dem Tyrannen!

Man führte ihn so: durch eine schmale, von dicht gedrängten Reihen von Soldaten gebildete Gasse marschierten bewaffnete Kolonnen: eine, zwei, zehn – man konnte sie nicht zählen; dann, kaum sich bewegend, eng umschlossen von Gewehren, Säbeln und Bajonetten, Schritt für Schritt, eine schwarze Kutsche. Und wieder Kanonen und Kolonnen. Und auf dem ganzen meilenweiten Weg, vor der Kutsche und hinter ihr und ringsherum – lautlose Stille. An einer Stelle des Platzes ertönte der unsichere Ruf mehrerer Stimmen: »Tod dem Zwanzigsten!«, aber von der Menge nicht aufgefangen, verstummte er wieder. Wie bei der Eberjagd nur kleine Hunde kläffen, während die, welche zugreifen sollen, den Haß und die Kraft sammeln und schweigen.

In der Versammlung verhaltener Lärm und Gespräche, schon mehrere Stunden erwarten sie bereits den so langsam herankriechenden Tyrannen und gehen erregt in den Korridoren umher, wechseln jeden Augenblick die Plätze, lachen ohne Grund und reden fieberisch. Aber viele sitzen regungslos, wie in Stein gehauen, und Steinen gleichen auch ihre Gesichter; junge Gesichter, aber mit alten, tiefen, wie mit Beilen hineingehauenen Furchen und zerzaustem Haar; die Augen liegen bei den einen unheimlich tief im Schädel, bei anderen treten sie starr, weit aufgerissen, als wären sie der Wimpern beraubt, aus der Stirn heraus, gleich Fackeln in den schwarzen Nischen von Kerkermauern. Es gibt in der Welt nichts Grausiges, was diese Augen nicht ohne Zucken sehen könnten; es gibt nichts Grausames, Trauriges, gespenstisch Grauenhaftes, wovor diese im Schmelzofen der Revolution stahlhart gewordenen Gemüter erzitterten. Die zuerst diese große Bewegung begonnen haben, sind längst gestorben, in der Welt verstreut und vergessen: vergessen auch ihre Gedanken, ihre Hoffnungen und Träume. Der verklungene Donner ihrer Reden erscheint jetzt dünn, dem Geräusch einer Kinderklapper ähnlich; die große Freiheit, von der sie träumten, erscheint wie ein Kinderbettchen mit einem dünnen Vorhang gegen die Fliegen und gegen das grelle Tageslicht. Kleine, seltsame Menschen, Zwerge, die einen Berg untergraben. Aber diese, aufgewachsen im Sturm und lebend im Sturm, geliebte Kinder der Schreckenstage, – der blutigen Häupter, die man wie Kürbisse auf Lanzenspitzen getragen; der übervollen Herzen, deren Blut in gewaltigen, titanischen Reden ausgeströmt; – Reden, wo jedes Wort schärfer als ein Dolch und jeder Gedanke vernichtender als Pulver und Blei. Diese haben, nur den Willen des Volkes kennend, das Gespenst der geheimnisvollen Macht beschworen, und nun werden sie kühl und sachlich, wie gelehrte Anatomen, wie Richter und Henker den blauen Phosphorschimmer, der die Dummen und Abergläubigen schreckt, untersuchen, die Glieder auseinandernehmen, das schwarze Gift der Tyrannei finden und vernichten.

Siehe! vor den Mauern legt sich der Lärm und die Stille wird tief und schwarz, wie der nächtliche Himmel. Horch! donnernd nähern sich die Kanonen, verstummen. Am Eingang entsteht eine leichte Bewegung. Alle setzen sich – sie müssen den Tyrannen sitzend empfangen. Man bemüht sich, gleichgültig zu erscheinen. Schwerfällige Schritte der im Gebäude sich verteilenden Soldaten, leises Rasseln der Gewehre, hinter den Wänden verhallt das Getöse der Kanonen. Mit eisernem Ring, die Mündungen nach außen gerichtet, gegen die ganze Welt, nach Ost und West, nach Nord und Süd, umfassen sie das Gebäude.

Etwas Winziges ist eingetreten.

Von den obersten, entfernten Bänken sieht es aus wie ein kleines, rundes Männchen mit raschen, aber unsichern Bewegungen; in der Nähe ist es ein dickleibiger Mann von mittlerem Wuchs mit einer großen, von der Kälte geröteten Nase, faltiger Haut an den Wangen, mit kleinen, matten Äuglein – ein Gemisch von Gutmütigkeit, Jämmerlichkeit und Dummheit. Er dreht den Kopf hin und her, weiß nicht, ob man ihn grüßt oder nicht, und verneigt sich leise; unentschlossen steht er da, mit auseinandergespreizten Beinen und weiß nicht, soll er sich setzen oder nicht. Alle schweigen, aber hinter ihm steht ein Stuhl, offenbar für ihn, und er setzt sich darauf, zuerst zaghaft, dann beherzter, – endlich in großartiger Haltung. Er scheint den Schnupfen zu haben, hastig zieht er sein Taschentuch und schnäuzt sich mit sichtbarem Behagen, in mehreren Zügen, jedesmal von schmetternden Trompetentönen der Nase begleitet. Er setzt sich wieder zurecht, steckt das Taschentuch ein und erstarrt in Großartigkeit. Er ist bereit.

Das war der Zwanzigste!

 

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