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Der Gott im Treibhaus

Willy Seidel: Der Gott im Treibhaus - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Gott im Treibhaus
authorWilly Seidel
year1925
firstpub1925
publisherBuchenau & Reichert
addressMünchen
titleDer Gott im Treibhaus
pages240
created20090815
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Kapitel

Das scharfe Hüsteln quälte den alten Mann in der letzten Zeit ziemlich häufig. Es war Rupert schon zur Gewohnheit geworden, immer auf dem Posten zu bleiben. Der Vater hielt keine Dienstboten; das war auch nicht nötig. Alles ging ja mechanisch, und das Wenige, was zu tun übrig blieb, kostete den Sohn geringe Mühe. Eines Abends – (es war im Spätherbst) – hatte der Alte zum erstenmal beim Baden Hilfe verlangt. Rupert trocknete und massierte den ausgemergelten gelben Körper, der von weißem Gekräusel auf Brust und Rücken bedeckt war. Der Alte sah das gebrechliche Bild, das ihm aus den geschliffenen Spiegeln des weißgekachelten Badegemaches vielfältig und in der Verzerrung vorgetäuschter Entfernung vor Augen kam, heute 8 irgendwie gedankenvoll und kritisch an. »Ich habe mich bald ausgehüstelt,« meinte er, »das sieht man. Ich esse heute Abend nichts, aber mach' mir Tee; ein wenig mehr als sonst, von dem Souchong! Ich denke, es ist an der Zeit, daß wir uns einmal über wichtige Dinge unterhalten.«

Rupert brachte dem Greis feinwollene, dunkelviolette Pyjamas und seine hochschäftigen Saffianschuhe. Der Alte zog heute noch eine wattierte chinesische Jacke darüber, in deren Ärmeln seine runzligen Finger sich ganz versteckten. Schlürfend bewegte er sich, von Rupert gestützt, durch die überheizten Räume bis in die Bibliothek. Hier nahm er in einem wildledernen Sessel Platz und befahl Dämpfung der Beleuchtung. – So blieb nur noch das indirekte Licht der Decken übrig, in dessen mattem Schimmer die Gegenstände dunkelfarbig verschmolzen. Eine kleine Stehlampe brannte auf dem Tischchen zur Seite des Alten. Nachdem dieser einen neuen Hustenanfall niedergekämpft, ließ er ein langgezogenes, etwas hämisches »so-lala« hören. Wiederholte es in trällernd-harmloser Weise, so als sinke er bewußt um einige Jahrzehnte zurück, in seine warme und fürsorgliche Periode, da es die eigene Mutter noch gab. Rupert wurde gerührt durch dieses murmelnde, abschließende, halb kindliche Gesinge; er fragte: »Nun Vater, Du bist wohl ein wenig müde?«

»Müde,« ächzte der Greis, »ist gar kein Wort dafür. Ich war eigentlich nie lebensfähig, trotz meiner Achtzig, und eigentlich nie unternehmungslustig, trotz meiner Erfolge . . .« – Er beugte sich vor; sein scharfes Profil glänzte gelblich im Licht des Lämpchens, seine hervordringenden, blaßblauen Augen schienen schon viel weiter zu sehen, als Rupert ahnen durfte. – »Es scheint, ich imponiere Dir? Es scheint, mein 9 Sohn, mit mir wankt Dein Vorbild zu Grabe? – – Mach' nur dasselbe wie ich, kratze nur zusammen, hamstere, friß mit den Eisenfressern, knechte Dir den Geist unserer Zeit. Du wirst es vielleicht noch weiter bringen als ich, denn jetzt ist alles möglich. Du wirst von mir sagen: ›Der alte Dux, wissen Sie, – der mit dem drahtlosen Beleuchtungspatent – (übrigens mein Vater) – hat auch ganz hübsch angefangen. Ohne seine Vorarbeit wäre ich auch nicht so weit.‹ – Das wirst Du sagen, mein lieber Rupert, und ich werde mich im Grab umdrehen, wie man früher sagte. Denn das Fazit meines Lebens ist ein großer Haufen anrüchigen Mammons; und das Eigentliche? – – Na ja . . .« Er winkte ab und trank mit gierigen Schlucken eine Tasse Tee leer. Rupert war recht erstaunt.

»Welches Eigentliche, Vater?«

»Um Dir das klar zu machen, laß mich ein paar wichtige Dinge sagen. Zunächst muß ich unterstreichen, daß mein sogenannter von meinem Großvater und Urgroßvater überkommener Erfolg mir in dieser Stunde eine blasse Chimäre ist, denn wem vererbe ich ihn, mein guter Rupert? Ich habe soviel an Zerknirschungen und seelischem Heißhunger hinter mir, daß ich Dir meine Tätigkeit nicht an den Hals wünsche. Natürlich kann sich jeder jetzt Beleuchtung aus der Luft holen, aber was hat man davon? – Ich habe das arrangiert und noch beigetragen zum allgemeinen ›Fortschritt‹. Es stände auch bei mir, noch zwanzig oder dreißig Jahre weiterzuleben. Aber ich bin ausgepumpt von diesen vagen Süchten, ich kann und will nicht mehr. Eigentlich bist Du zu gut, um nichts weiter zu tun, als ein ererbtes Patent auszuschlachten, und ein Heer von Kontrollbeamten zu verköstigen, damit Dir keine dieser billigen Millionen entgeht . . . 10 Nimm, was da ist; doch tue etwas anderes damit. Kaufe Dir einen ganz bestimmten Menschen, den ich nicht kaufen konnte; vielleicht gelingt es Dir. Deiner harrt eine Mission, die unendlich wichtiger ist, als all' diese schnöde Privatbereicherung. Ein Gramm Glück wiegt mehr als Tonnenfrachten von ›Fortschritt‹. – Fortschritt! Fortschritt!«

Es war erstaunlich, wie lebendig der Alte wurde. Er schob die langbaumelnden Ärmel zurück und stand auf einmal kerzengerade da. Die Augen hatten etwas Seherhaftes, groß und blaßblau; es schien, als erwache ein Funke in ihnen. Überhaupt war es, als ob eine zweite Physiognomie die gewohnte durchbreche; als ob dahinter irgendetwas Goldenes oder Blaues aufblitze . . . Etwas Gewaltiges, das nur auf einen Wink warte; sieghaft, sturmhaft und neu . . . »Diese Geißel der Menschheit!« krächzte er wie ein Adler im Käfig, dem die Föhnluft wilden Fleischduft zuträgt. Er schlug wie mit halbkahlen Schwingen rasselnd auf die Stuhllehnen; in seinem Halse keuchte es, als habe eine übermächtige Eingebung ihn zu letzter Stunde gepackt und schüttele ihn wie eine morsche Puppe. – »Dieser Fetisch!« schnaubte er. »Was haben wir getan, wir armen Schufte, länger als fünfundsiebzig Jahre? – Wir dumpfen Sklaven? – Unsere Nester gepolstert haben wir für unsere unersättliche Vermehrung! Alles, alles haben wir hinausgejagt, was an Menschlichkeit uns geblieben; Fäulnis und Durchschnitt haben wir gezüchtet und eine Gedankenträgheit, die schlimmer ist als aller Frevel von Gomorrha! – Man hält ein Kästchen, das man aus der Tasche nimmt, in die Luft, und ein Funke blitzt darin auf. – Welch' eine Errungenschaft! – Und so ist alles Vergeudung. Unser Selbst schweißen wir hinein in diese unaufhaltsam tobende 11 Maschine. Auf Kosten unseres Besten schmieren wir dem Moloch die Kinnbacken, damit er leichter frißt und verdaut. – Und ich –« (hier steigerte sich seine Stimme zu schluchzender Fistel) – »ich habe einmal ein Spielzeug gehabt; eine blendende Idee, ein Edelsteinchen von einer Idee. Ich habe es vererbt bekommen von Deinen Vorfahren. Ich habe gern damit gespielt. Es hatte nichts mit dieser Zeit zu tun. Es ist mir aus der Hand geglitten, zwischen die Räder hinein, ich kann es Dir nicht einmal vermachen. Du mußt es Dir suchen.« Er kämpfte nach Luft. »Öffne ein Fenster,« flüsterte er keuchend.

Erschrocken sprang Rupert ans Fenster und riß es auf. Der Alte wankte hinter ihm drein und blickte ihm über die Schulter. Sein Atem ging wie der eines Jagdhundes. »Siehst Du,« meinte er, und sein zitternder Finger stach in die kühle Luft, »das ist der ›Fortschritt‹. Das ist nun alles, was uns übrig geblieben ist. Glas, Metall und Menschen: überfüttert, geistlos, massenhaft.« Drunten pulsierte der Verkehr. Die langen Straßenschläuche unter ihren Glasdächern blitzten kalkweiß von elektrischen Sonnen, deren endlose Schnüre sich von hier nach allen Richtungen streckten. Es kam ein Gemurmel herauf, wie wenn man unter der Kuppel eines Tempels sitze und drunten würden fragwürdige Riten zelebriert. Ruckweise vorwärtsstoßend, zu Gruppen geballt, schoben sich die Menschenströme vorüber. Dazwischen krochen, grünliche Raupen, die Trambahnzüge. Der Asphalt blitzte an kahlen Stellen bunt von Farben darübergestreuter Lichtreklame. Wo sie auf Köpfe trafen, geriet der Schwarm in bengalische Beleuchtung und bekam etwas schlüpfrig Entgleitendes, wie ein Traum, der einer unerkennbaren Unzucht zusteuert. Die Hochbahnen 12 kreischten metallen in den Kurven oberhalb der Dächer. Ihr Schall verfing sich in gläsernen Wölbungen, die spinnwebfein vor der dunklen Bläue des Nachthimmels hingen. Das Ohr empfing die Schwingung gewalttätiger Geräusche. Unten bot die Zivilisation sich feil mit unzähligen stereoskopischen Lichtspielbühnen, palastartigen Kabaretts und Bankgebäuden aus spiegelndem Marmor, die sich an Kauf- und Modehäuser drängten in endlosem Wechsel; oben kletterte sie mit Metall und Glas ins Firmament und machte das Leben auch dort zur Hetzjagd. Über dem Allen schwebte der ewige bald auf-, bald abschwellende Ton von Propellern; das unbändige Gesumm der Aeroplane, die wie Leuchtkäfer durch die Himmelsschlucht zogen und auf den Landungsplätzen ein Geknatter vollführten, wie große Schmeißfliegen an Leimruten. »Siehst Du,« wiederholte der Alte, »soweit haben wir es gebracht. Das ist der Fortschritt. Ich glaube nicht, daß noch Wesentliches übrig geblieben ist, was uns zur Bequemlichkeit fehlt. Mein Hüsteln ist mein Privatvergnügen. Daß ich mich daran zugrunde gehen lasse, ist mein freier Wille. Eine halbe Stunde in der Bestrahlungszelle, und ich wäre ausgedörrt-haltbar wie Backobst. Was sollen mir diese Mittelchen zur Lebensverlängerung? Weg damit! Wozu soll ich diesen großen, großen Humbug noch weiter ertragen? – Seit ich das Spielzeug verloren, ist mein Hirn dumpf geworden; der Durchschnitt hat mich angesteckt. Wer würde das einem alten Mann verübeln?« Er packte Rupert plötzlich bei den Schultern und sah ihm lauernd ins Gesicht. Das blaugoldne Blitzen war wieder hinter seiner Maske. – »Sohn,« sprach er sonor und auf einmal kräftig, »Du bist zu gut für die heutige Welt. Ich gebe Dir noch in meinem Testament ein 13 Wörtchen mit, einen Namen . . . Vielleicht rettet er Dich vor dem ›Fortschritt‹ . . .«

Von dem immer erstaunteren Rupert zu seinem Sessel zurückgeleitet, verfiel er in Brüten. Er trank noch zwei Tassen Tee und machte einige Ansätze zu reden, doch schien ihn Ermattung überkommen zu haben. So geleitete ihn der Sohn zu Bett und blieb den Gedanken überlassen, die der Alte ihm hingeworfen. So redselig war dieser selten gewesen. Aber in Rupert keimte ein Verdacht auf, daß aus all' der »Sophisterei« (wie er es bei sich nannte) ein Kern herauszuschälen sei, ein strahlender, unverhoffter Kern . . .

Der Atem des Alten zersägte die Stille der Wohnung. Kein Laut drang von außen durch die schallsicheren Wände. Rupert fühlte sich auf einmal vereinsamt und machte sich mit Entsetzen klar, daß er zu Unrecht bei sich zu lächeln wage. – Etwas Großes war im Werk. – Das war kein nur redegewandter Greis, dem er heute Abend gelauscht. Es schien ihm, als ob der Vater nur vorerst im allgemeinen an den Schleiern gerückt habe, die er von großen Enthüllungen wegziehen wolle. Die nächsten Nächte würden wohl Ernsteres, Bedeutsameres bringen. Mit einemmal lag für Rupert da drinnen ein zur Unzeit verstummter Prophet, ein ehrwürdiger Freund, dem der bevorstehende Abschied die Zunge gelöst. Eine fieberhafte Trauer bemächtigte sich des jungen Mannes. Worte aus dem Bericht des Alten lösten sich aus seinem Gedächtnis und standen grell vor ihm. Wer war der Mensch, den der Vater hatte kaufen wollen? Was für eine Bewandtnis hatte es mit dem »Edelsteinchen von einer Idee«? Mit einemmal packte ihn der Schauer der Sehnsucht, die er seit seiner Jugend vergraben glaubte. Er selbst, das wurde ihm brennend klar, suchte ja zwischen den 14 Rädern, seit er denken konnte, suchte blind und tastend, und wo lag der Schlüssel versteckt? – Vielleicht dort in jenem gebrechlichen Kopf, dem der Tod schon mit zauderndem Kuß nahen wollte. Und er, Rupert, durfte es um Gottes Willen nicht zulassen, daß jener schied, ohne den Schlüssel zu enthüllen. – Es war keine Krankenwache, die er diese Nacht betrieb. Es war er selbst, der sich belauschte und aus seinem Innersten Kraft hervorsog, jene fremde Sprache wirklich zu verstehen. – Jedes Wort mußte ihm von jetzt ab heilig sein. 15

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