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Der Goldene Hades

Edgar Wallace: Der Goldene Hades - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer Goldene Hades
publisherGoldmann Verlag
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
year1960
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1

Frank Alwin hob mühsam die Hände, die mit Handschellen aneinandergefesselt waren, und riß sich den angeklebten Schnurrbart ab. Durch den schweren Vorhang drangen schwach die Klänge des letzten Orchesterstückes, während das Publikum das Theater verließ. Der Requisitenverwalter erschien auf der Bühne.

»Tut mir leid«, entschuldigte er sich, »ich habe nicht gewußt, daß der Vorhang schon heruntergegangen ist. Heute abend ist die Vorstellung eher zu Ende als sonst.«

Frank nickte und sah zu, wie der Mann mit einem besonderen Schlüssel die Handschellen aufschloß und in Verwahrung nahm. Noch vor fünf Minuten hatte Frank Alwin die Rolle des verruchten und bösen Grafen Larska gespielt, der bei einem Einbruch in die Bank von Brasilien ertappt und dann von dem tapferen, unbesiegbaren Detektiv verhaftet wird.

In Gedanken versunken blieb er stehen, während die Lampen im Bühnenhaus nach und nach ausgedreht wurden und die Arbeiter die Versatzstücke forträumten. Dann ging er zu dem weißgetünchten Vorraum, der zu den einzelnen Garderoberäumen der Schauspieler führte.

Ein junges Mädchen im Straßenkleid wartete dort auf ihn. Sie hatte ihre kleine Nebenrolle schon vor einer Stunde beendet. Frank dachte im Augenblick an ganz andere Dinge; immerhin fiel ihm ein, daß er eine gewisse Verpflichtung ihr gegenüber hatte. Im Unterbewußtsein erinnerte er sich daran, daß er den großen Stoß Papiergeld, den er sich im letzten Akt aus dem Geldschrank der Bank angeeignet hatte, dem Requisitenverwalter noch nicht zurückgegeben hatte. Im Gegenteil, er hatte die Scheine in die Tasche gesteckt und mitgenommen. Er lächelte das ängstliche junge Mädchen an, als er auf sie zuging, und drückte ihr etwa sechs Banknoten in die Hand, die er aus der Tasche zog. Er faltete sie noch besonders sorgfältig, bevor er sie ihr übergab.

»Das ist für Sie, Marguerite«, sagte er mit einem gewissen Pathos.

Er bemerkte, daß sie ihn erstaunt, fast bestürzt ansah, lachte aber nur still vor sich hin und stieg die Treppe zu seinem Ankleideraum hinauf, immer zwei Stufen mit einem Schritt.

Als er fast oben angelangt war, fiel ihm etwas ein. Er hatte sich geirrt, fluchte und eilte wieder nach unten, aber die junge Dame war inzwischen fortgegangen.

Wilbur Smith, der früher als Offizier beim Militär gedient hatte und jetzt als Detektiv beim Polizeipräsidium in New York tätig war, machte es sich in einem der großen Armsessel bequem. Er saß in der Garderobe des Schauspielers Frank Alwin, und während er auf seinen Freund wartete, rauchte er dauernd und füllte die Luft mit Tabaksqualm. Als Frank Alwin hereinkam, schaute Smith auf.

»Hallo, Frank!« rief er. »Was ist denn los? Hat die Vorstellung heute nicht geklappt?«

»Ich bin ein dummer Kerl«, erwiderte Alwin und sank in den bequemen Stuhl vor seinem Ankleidetisch.

»In mancher Beziehung gebe ich dir vollkommen recht, aber andererseits bist du auch ein sehr tüchtiger Schauspieler. Welche besondere Dummheit hast du denn begangen?«

»Es handelt sich um ein Mädchen«, begann Frank.

Smith nickte mitleidig.

»Verzeihung, ich wollte mich nicht in deine persönlichen Verhältnisse einmischen. Wenn du in der Beziehung Dummheiten gemacht hast, dann spricht das noch nicht besonders gegen dich.«

»Ach, rede doch keinen Unsinn«, entgegnete Alwin gereizt. »Um dergleichen handelt es sich doch überhaupt nicht. Es ist ein nettes kleines Mädchen, das zu unserem Ensemble gehört ...«

Er zögerte einen Augenblick.

»Nun gut, ich kann es dir ja auch sagen. Sie heißt Maisie Bishop und hat eine kleine Rolle in dem Stück, das wir jetzt spielen.«

Wilbur nickte.

»Ich habe sie schon auf der Bühne gesehen. Sie ist wirklich sehr hübsch. Aber was hast du mit ihr?«

Frank antwortete nicht gleich und sah den anderen nachdenklich an.

»Als ich heute abend auf die Bühne gehen wollte, kam sie zu mir«, erklärte er etwas betreten. »Sie schien sehr besorgt zu sein und sagte mir, daß sie große Schwierigkeiten hätte. Ihre Familie leide bittere Not, und sie bat mich, ihr etwas Geld zu leihen. Ich hatte im Augenblick natürlich keine Zeit, mich mit ihr zu beschäftigen, da jeden Augenblick mein Stichwort fallen mußte. Ich versprach ihr aber, daß ich ihr helfen wollte, und dann habe ich es ganz vergessen.«

»Nun, du kannst sie ja noch aufsuchen, sie ist doch sicherlich nicht schwer zu finden.«

»Darüber zerbreche ich mir nicht den Kopf. Aber sieh einmal her!« Er steckte die Hand in die Tasche, holte einen Stoß Banknoten heraus und legte sie auf den Tisch. »Das ist natürlich falsches Geld, wie wir es auf der Bühne brauchen. Ich sah, daß sie wieder unten im Vorraum auf mich wartete, aber durch das Theaterspiel hatte ich tatsächlich vergessen, was wir vorher miteinander besprochen hatten. Ich wollte einen Scherz machen und gab ihr ein halbes Dutzend dieser Scheine. Es sollte wirklich nur ein Scherz sein.«

Wilbur lachte.

»Aber darüber brauchst du dir keine grauen Haare wachsen zu lassen. Wenn sie verhaftet werden sollte, weil sie Falschgeld unter die Leute bringt, werde ich sie und auch dich schon durchbringen. Das verspreche ich dir. Der Schaden ist also nicht so groß.«

Er erhob sich, ging zu dem Ankleidetisch hinüber und nahm den Stoß Banknoten in die Hand. Es war ein dickes Bündel und der aufgedruckte Wert der Scheine ziemlich hoch.

»Ich wundere mich, daß ihr auf der Bühne derartig gut gedrucktes Geld benützt.«

Alwin war gerade dabei, sein Gesicht mit Creme einzureiben und sich abzuschminken. Plötzlich hielt er jetzt mitten in der Bewegung inne.

»Das ist mir auch schon aufgefallen. Es ist jedenfalls nicht das übliche Geld, das wir sonst immer auf der Bühne benützen. Man könnte fast annehmen, daß es sich um echte Scheine handelte.« Er wischte seine Hand an dem Tuch ab, nahm eine der Banknoten und betrachtete sie genau. »Das Wasserzeichen sieht genauso aus, als ob es echt wäre. Ich möchte bloß wissen, wo diese Banknoten herkommen. Noch nie habe ich derartig fabelhaft imitierte Scheine gesehen. Ich fürchte nur, daß die Leute Maisie das Geld als echt abnehmen und daß der Irrtum erst später herauskommt. Wilbur, willst du mir nicht den Gefallen tun, zu ihrer Wohnung zu gehen und mit ihr zu sprechen? Sie wohnt irgendwo im Osten, der Portier am Bühnenausgang wird dir sofort ihre Adresse geben.«

»Wirklich merkwürdig«, erwiderte Smith nachdenklich, während er einen der Scheine zwischen den Fingern rieb. »Ich habe auch noch nie so gut gedrucktes Falschgeld gesehen. Aber – um Himmels willen, was ist denn das?«

Er hatte die Banknote umgedreht und starrte entsetzt auf die Rückseite.

»Was hast du denn?« fragte Alwin erstaunt.

Der Detektiv deutete auf ein gelbes Zeichen, das auf die Rückseite des Scheines aufgedruckt war.

»Was ist denn das?«

»Was glaubst du wohl, daß es sein könnte?« fragte Wilbur. Seine Stimme klang seltsam.

»Es sieht fast aus, als ob es die Darstellung eines Götzenbildes wäre.«

»Da hast du tatsächlich recht. Es ist das Bild des goldenen Hades.«

»Ich habe nicht verstanden. Was soll das sein?«

»Der goldene Hades. Hast du niemals von ihm gehört?«

»Doch«, erwiderte Frank lächelnd. »Das ist ein Platz, zu dem man die Leute hinbefördert, die einem im Weg stehen!«

»Ja, mit anderen Worten – die Unterwelt. Hades kann aber auch der Gott der Unterwelt sein«, erklärte Wilbur Smith grimmig. »Die Römer nannten den alten Herrn Pluto.«

»Aber warum nennst du ihn golden? Hat er etwa eine derartige Farbe gehabt?«

Sein Freund schüttelte den Kopf.

»Das ist das dritte Mal, daß ich Gelegenheit habe, einen derartigen Aufdruck zu sehen. Die anderen Stempel, die ich bisher kennengelernt habe, waren allerdings mehr goldfarben.«

Wilbur Smith nahm den Stoß Banknoten vom Tisch auf und zählte ihn sorgfältig durch.

»Das sind zusammen sechsundneunzigtausend Dollar!«

»Glaubst du tatsächlich, daß es echtes Geld ist?« fragte Frank erstaunt und atemlos.

»Daran ist nicht zu zweifeln, es sind echte Scheine«, entgegnete der Detektiv und nickte. »Wo hast du die denn herbekommen?«

»Auf die gewöhnliche Weise – vom Requisitenverwalter.«

»Den Knaben muß ich sprechen. Kannst du ihn nicht rufen lassen?«

»Wenn er noch nicht nach Hause gegangen ist«, erwiderte Frank, ging zur Tür, öffnete sie einen Spalt und rief nach seinem Diener.

»Schicken Sie doch bitte Hainz zu mir.«

Glücklicherweise konnte der Requisitenverwalter noch angehalten werden, als er gerade das Theater verlassen wollte. Er kam in den Ankleideraum, und zufällig fiel sein Blick sofort auf das Geld, das auf dem Tisch lag. Ungeduldig trat er zu Alwin.

»Ich wußte doch, daß ich etwas vergessen hatte, als ich Ihnen die Handschellen abnahm, Mr. Alwin. Ich werde das Geld noch verwahren ...«

»Warten Sie einen Augenblick«, entgegnete Wilbur Smith. »Sie kennen mich doch, Mr. Hainz?«

»Jawohl«, sagte der Mann und grinste über das ganze Gesicht. »Ich habe Sie zwar noch nicht in Ihrer amtlichen Eigenschaft kennengelernt, aber trotzdem weiß ich sehr gut, wer Sie sind.«

»Woher haben Sie das Geld?«

»Das Geld? Meinen Sie etwa diese Papiere hier?« Er zeigte auf die Scheine, die auf dem Tisch lagen.

»Ja.«

»Woher ich die habe?« wiederholte Hainz. »Nun, die habe ich in dem Requisitengeschäft gekauft, von dem wir alle Utensilien beziehen. Ich hatte nicht mehr genügend Papiergeld für die Bühne, und so besorgte ich mir wieder einen Stoß. Gleichzeitig wurde bei der Firma übrigens ein Plakat für den Film ›Der verführerische Reichtum‹ zusammengestellt, und ich sah, wie man es mit solchen Scheinen einrahmte. Sie wurden auf den Rand eines großen Bogens geklebt.«

»Woher hat sie denn der Händler, von dem Sie sie gekauft haben?«

»Ich weiß es nicht – sicher von einer anderen Firma.«

»Wissen Sie, wo ich ihn finden kann?«

Hainz nahm ein großes Notizbuch aus der Tasche und schlug die Adresse auf.

»Ein glücklicher Zufall, daß ich seine Adresse habe. Ich beschäftige ihn nämlich auch hier auf der Bühne.«

Als der Mann gegangen war, sah Wilbur Smith seinen Freund nachdenklich an.

»Schminke dich endlich ab, Frank, damit man sich mit dir auf der Straße zeigen kann«, sagte er dann gutmütig. »Wenn du nichts dagegen hast, werde ich das Geld an mich nehmen. Dann gehen wir in die Stadt und essen zu Abend.«

»Zum Teufel, was hat das nur alles zu bedeuten?« »Das erzähle ich dir während des Essens«, entgegnete Wilbur Smith ausweichend.

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