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Der goldene Esel

Apuleius: Der goldene Esel - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer goldene Esel
authorApuleius
translatorAugust Rode
year1920
publisherPropyläen-Verlag
addressBerlin
titleDer goldene Esel
pages310
created20110913
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Buch

Unterdessen trieb Psychen Tag und Nacht rastlose Sehnsucht nach ihrem Gemahl aller Orten umher. Sie dachte denselben noch irgendwo anzutreffen und seinen Zorn, wo nicht durch zärtliche Liebkosungen, doch wenigstens durch demütiges Bitten zu besänftigen.

Auf dem Gipfel eines hohen Berges wird sie jetzt einen Tempel ansichtig. ›Ach, wenn da mein Geliebter sich aufhielte!‹ ruft sie und richtet sogleich ihre Schritte dorthin. Hoffnung und Wunsch erneuen ihre ermatteten Kräfte, behend hat sie die höchste Spitze erreicht.

Als sie in den Tempel tritt, sieht sie darin hin und wieder Weizenähren haufenweise zerstreut oder auch in Kränze gebunden am Boden liegen, Gerstenähren mit darunter gemischt. Auch findet sie Sicheln und alles andere Erntegerät ohne Ordnung untereinander hingeworfen, sowie nach vollendeter Arbeit die müden Landleute es nachlässig hinfallen lassen.

Psyche macht sich gleich darüber her. Sorgfältig sondert sie jegliches voneinander und bemüht sich, alles in schickliche Ordnung zu bringen; denn sie glaubte, keines Gottes Dienst vernachlässigen zu dürfen, sondern aller Mitleiden und Gunst suchen zu müssen.

Mitten in dieser emsigen Beschäftigung trifft die allernährende Ceres sie an.

›Ach arme Psyche!‹ ruft diese ihr schon von ferne zu, ›entrüstet sucht Venus Dich in der ganzen Welt auf; droht Tod Dir und Verderben, spart keine Macht, ihren Mut nur an Dir zu 137 kühlen! Und Du, auf nichts weniger bedacht als auf Deine Rettung, stehst geruhig hier und trägst Sorge für das Geräte meines Heiligtums?‹

Da warf Psyche sich vor ihr auf die Knie nieder, netzte ihre Füße mit einem Strom von Tränen und flehte die Göttin mit den rührendsten Worten um ihren Schutz an. Ihre goldenen Locken schleppten am Boden.

›Ich bitte Dich, o Göttin,‹ spricht sie, ›bei dieser Fülle der Früchte ausspendenden Rechten, bei den fröhlichen Erntefesten, bei Deinen heiligen, geheimnisvollen Körben, bei Deinem drachenbespannten Wagen, bei Siziliens Fruchtbarkeit! Ich beschwöre Dich, bei dem Raube Deiner Tochter, bei der Erde, die sie verbarg, bei Deinem fackelerleuchteten Hinabsteigen zu ihrer Hochzeit in der Unterwelt, bei Deiner Wiederkehr und bei allem übrigen, was das attische Eleusis in unverbrüchliches Stillschweigen einhüllt! Erbarme Dich, Du milde Ceres, hilf der unglückseligen Psyche, die zu Dir ihre Zuflucht nimmt! Verstatte mir, nur wenige Tage unter diesen zusammengetragenen Ähren verborgen zu liegen, bis der mächtigen Venus Zorn durch Zeit sich besänftigt oder bis wenigstens meine so unablässig angestrengten und nun völlig erschöpften Kräfte durch einige Ruhe wiederhergestellt sind!‹

›Deine Tränen,‹ antwortet ihr Ceres, ›und Deine Bitten rühren mich, und von ganzem Herzen wünschte ich, Dir helfen zu können; allein die genauesten Bande der Verwandtschaft und Freundschaft verknüpfen mich mit der Venus, und sie ist auch sonst eine so gute Frau. Es ist mir unmöglich, etwas zu tun, wodurch ich sie mir (wie ich voraussehe) zur Feindin machen würde. Geh also nur gleich aus meinem Tempel, Psyche! Du kannst hier weder Schutz noch Herberge finden und wirst es mir wohl selbst nicht verdenken.‹

138 Abgewiesen zu werden, hatte Psyche keineswegs erwartet; doppelte Traurigkeit beklemmt also ihr Herz.

Sie geht den gekommenen Weg wieder zurück. Beim Herabsteigen vom Berge erblickt sie unten im Tale in einem dämmernden Haine einen Tempel von künstlicher Bauart. Neue Hoffnung belebte sie. Welcher Gottheit auch dieser Tempel geweihet sei, sie will die Huld derselben anrufen.

Als sie der heiligen Pforte naht, sieht sie an den Ästen naher Bäume und an den Türpfosten viele reiche Geschenke aufgehängt, bei jedem ein Tuch, dessen Goldstickerei die erhaltene Wohltat und den Namen der Göttin des Ortes erzählt.

Nun wischt sie die Tränen von ihren Augen, kniet hin, umfaßt den noch lauen Altar mit beiden Händen und betet also:

›Schwester und Gattin des großen Jupiter! Du bewohnst nun den uralten Tempel von Samos, das Deiner Geburt, Deines ersten kindlichen Lautes und Deiner Erziehung sich rühmt, oder Du besuchst Deinen seligen Sitz im hohen Karthago, das Dich als Jungfrau im löwenbespannten Wagen himmelan fahrend verehrt, oder Du waltest an den Ufern des Inachus über die hochberühmten Mauern der Argiver, die Dich als Vermählte des Donnerers und der Göttinnen Königin anrufen! Du, die der ganze Aufgang als Vorsteherin der Ehe und der ganze Niedergang als Geburtsgöttin anbetet: O hilfreiche Juno: verlaß mich in meinem Drangsale nicht! Ich erliege unter der Last meines Elendes, stehe mir bei, entferne von mir die drohende Gefahr! Ich vertraue Dir, o Göttin; Deine Hilfe entgeht ja niemals notleidenden Schwangeren!‹

Kaum hat sie ausgebetet, so steht Juno in aller Majestät ihrer Gottheit vor ihr.

›Wie gern, o Psyche,‹ so sagt sie, ›gewährte ich Dein Gebet! Allein Venus ist meines Sohnes Weib, und ich habe sie von 139 jeher wie mein eigenes Kind geliebt, ich müßte mich schämen, wollte ich mich Deiner, ihrer Feindin, gegen sie annehmen.‹

Psyche, abermals in der Hoffnung, Schutz und ihren Gemahl zu finden, getäuscht, verzagt nun ganz und gar. Lauter Unglück ahnend, spricht sie also bei sich selbst:

›Umsonst, umsonst! Für mich ist keine Rettung mehr! Der Göttinnen bester Wille selbst ist ja für mich ohnmächtig! Was fliehe ich noch? bin ich nicht überall mit Garnen umstellt wie ein gefangenes Reh? Und welches Dach, welche Finsternis mag mich vor dem allschauenden Auge der großen Venus verbergen? Auf denn, Psyche, ermanne Dich! Hinweg mit der eitlen Hoffnung! Geh, liefere der Göttin Dich freiwillig in die Hände. Unterwürfigkeit mag sie vielleicht allein noch erweichen, mag ihren Zorn mildern! Und ach, wer weiß? Triffst Du nicht gar den bei seiner Mutter an, den Du schon so lange allenthalben vergebens gesucht hast?‹

So war Psyche nun völlig zur mißlichen Demütigung vor Venus, ja selbst zum gewissen Verderben bereit. Sie sann nur noch auf den Anfang ihrer bittenden Rede, den ersten Ausbruch des Zornes der Göttin doch wenigstens zu schwächen, wenn sie ihn nicht ganz vermeiden könnte.

Mittlerweile war Venus müde, auf der Erde nach Psychen herumzuziehen. Sie erhebt sich gen Himmel. Schon läßt sie sich den Wagen rüsten, welchen Vulkan ihr zum Hochzeitsgeschenke gemacht hatte. Sauber und künstlich hatte ihn der Gott selber verfertigt. Er strahlte von Glanze. Was die nagende Feile ihm an Golde geraubt, hatte seine Kostbarkeit nur umsomehr erhöht.

Alsbald flattern vier von den weißen Täubchen herzu, welche in unzähliger Menge um die Wohnung der Göttin nisten. Sie wenden girrend ihre farbewechselnden Hälse, streifen das von Edelgestein blitzende Joch über, nehmen ihre Gebieterin ein und 140 fliegen fröhlich mit ihr empor. Mit lautem Gezwitscher umgaukelt den Wagen ein Heer buhlerischer Spatzen, andere kleine liebliche Sänger schweben vorauf, in süßen Weisen der Göttin Ankunft verkündigend, sonder Furcht insgesamt vor den begegnenden Adlern oder den räuberischen Habichten.

Die Wolken schwinden, es öffnet sich der Himmel vor seiner Tochter; mit Freuden empfängt der hohe Äther die Göttin.

Sie begibt sich sogleich zu Jupiters königlicher Burg. Mit stolzer Bitte fordert sie als notwendige Hilfe den Merkur zum Herold. Sie bedürfe seiner höchst notwendig. Zeus winkt ihr von den hohen schwarzen Augenbrauen Gewährung ihrer Bitte zu.

Frohlockend steigt sie nun augenblicklich in Begleitung Merkurs vom Himmel herab und eröffnet ihm unterwegs ihr Anliegen.

›Bruder,‹ sagte sie, ›Du weißt es, ohne Deinen Beistand tat Deine Schwester Venus überall nichts. Auch jetzt weißt Du, wie lange ich schon umher nach der versteckten Dirne suche. Umsonst! sie entgeht allen meinen Nachforschungen. Ich wende mich wieder zu Dir, lieber Merkur! mach' es doch auf der Erde bekannt. daß ich jedem, der sie mir zuweist, hohe Belohnung verspreche! Aber tu mir diesen Gefallen recht bald, bezeichne sie dabei höchst genau, auf daß sie allen Menschen kennbar werde und niemand, der sie verbirgt, hoffen dürfe, sich mit der Entschuldigung zu schützen, er habe sie nicht gekannt!‹

Darauf gibt sie ihm einen Zettel mit Psychens Namen und ihren übrigen Kennzeichen, verläßt ihn und begibt sich nach ihrem Palaste.

Merkur erfüllt geflissentlich ihren Auftrag. An allen Orten, bei allen Völkern des Erdbodens ruft er aus:

›Kund sei es jedermänniglich, wie eine gewisse Königstochter, mit Namen Psyche, sich an Venus schwer vergangen hat und heimlich nun entwichen ist, sich ihrer verdienten Strafe zu 141 entziehen. Sollte jemand sein, der diesen Flüchtling aufgefangen hat oder nur nachweisen kann, wo sie sich verborgen hält, der finde sich bei den Murcischen Pyramiden ein und gebe es bei mir, dem Merkur, an, der ich dieses als Herold jetzt bekannt mache. Er soll für seine Mühe von Venus in Person sieben Küsse zur Vergeltung bekommen und einen noch insbesondere, der mit allen Süßigkeiten gewürzt ist, welche nur der Liebesgöttin Honigmund zu geben vermag.‹

Auf diesen Ausruf Merkurs beeiferten sich alsbald alle Sterblichen um die Wette, eine so hohe Belohnung zu verdienen. Umsomehr beschleunigt Psyche die Ausführung ihres vorgefaßten Entschlusses.

Und schon nahet sie zur Türe der Venus, als ihr die Gewohnheit, eine von der Göttin Hofgesinde, begegnet und so laut, als sie nur immer kann, zu schreien anfängt:

›Ha, Du Nichtswürdigste! So erkennst Du endlich, mit wem Du es aufnimmst, und demütigst Dich jetzt, nachdem Du Dich in der ganzen weiten Welt hast aufsuchen lassen, und wir uns um Deinetwillen Tag und Nacht haben plagen müssen. Doch gut, daß Du gerade mir in die Hände gerätst, in den Klauen des Todes wärest Du nicht sicherer aufgehoben, und besser als ich könnte Dich selbst keine Furie bewillkommnen.‹

Und nun keck, mit beiden Händen zugleich, Psychen in die Haare, und sie so fortgeschleift, ohnerachtet sich diese nicht im mindesten ihr zu folgen sträubt.

Sobald als Venus Psychen also zu sich hereinschleppen sieht, schlägt sie das laute Gelächter auf, das der wütige Zorn zu erheben pflegt, schüttelt den Kopf und sagt zu ihr mit den höhnischsten Gebärden:

›Ei! So würdigst Du mich doch noch endlich, mich als Deine Schwiegermutter zu begrüßen! Oder gilt der Besuch etwa dem 142 Herrn Gemahl, dem das glühende Öl, womit Du ihn gesalbt hast, so schlecht bekommen ist? Gleichviel, nur näher! Es soll Dir darum nicht weniger alle verdiente Ehre widerfahren!‹

›Angst! Sehnsucht! wo seid Ihr?‹ ruft sie jetzt, sich zu ihrem Gefolge wendend. Sie erscheinen sogleich.

›Ich überlasse Euch diesen Gast,‹ spricht sie zu ihnen, ›und empfehle ihn Euch bestens.‹

Beide verstehen nur zu gut ihre Gebieterin. Sie führen gleich Psychen mit sich hinweg und sparen an der armen Unglücklichen weder Geißeln noch andere Qualen. Dann bringen sie sie wieder zur Göttin zurück.

Venus empfängt sie mit neuem Spottgelächter: ›Seht nur,‹ ruft sie aus, ›wie sie ihre Schwangerschaft so vorteilhaft zu zeigen weiß, um unser Mitleiden damit zu erschleichen. Die Verschmitzte hat die schwache Seite meines Herzens ausgespäht! Sie spiegelt mir das süße Glück vor, nun bald Großmutter zu heißen! Wie? Ich? Großmutter? in der Blüte meiner Jahre? Und durch wen? durch ein so schnödes Geschöpf? Irre Dich nicht, Du Elende! Deine Brut kann nie Kleinkind der Venus heißen. Wer bist Du, daß Du Dich mit meinem Sohne vermählen könntest? Die Ehe wäre zu ungleich, auch ist sie überdies nicht gültig! nur auf dem Lande, ohne Zeugen, ohne des Vaters Einwilligung geschlossen! Sie ist null, sie ist nichtig! Nur einen Bastard wirst Du zur Welt setzen, wenn ich es anders noch so weit kommen lasse!‹

Mit den Worten fliegt sie Psychen ins Angesicht, zerrauft ihr das Haar, reißt ihre Kleidung in Stücken und mißhandelt sie aufs erbärmlichste.

Dann nimmt sie Weizen, Gerste, Hirse, Mohn, Erbsen, Linsen und Bohnen, mischt es alles untereinander und schüttet es auf einen Haufen zusammen.

143 ›Da,‹ spricht sie nun, ›Du Scheusal! sieh zu, ob Dir hier Deine Emsigkeit eben wie im Buhlen will zustatten kommen! Lies mir dies vermengte Gesäme auseinander! Mache von jeglicher Art einen besonderen Haufen, und eh es noch Abend wird, sei mir damit fix und fertig!‹

Nach so angewiesener Arbeit begibt sie sich zu einem Hochzeitsschmause.

Psyche bleibt stumm und starr vor ihrem aufgegebenen Geschäfte stehen. Die Unmöglichkeit, es zu vollenden, benimmt ihr den Mut, nur Hand daran zu legen.

Allein eben hielt sich eine kleine Ameise da auf. Es jammerte sie so große Bedrückung der Gattin eines mächtigen Gottes und erregte all ihren Abscheu gegen die Grausamkeit der Schwiegermutter. Stracks läuft das gute Tierchen und ruft und bittet in aller Geschwindigkeit sein ganzes benachbartes Geschlecht zusammen.

›Herbei!‹ schreit es, ›herbei! Ihr arbeitsamen Kinder der allgebärenden Erde! Kommt, erbarmt Euch Amors schönen Weibes und rettet es durch schleunige Hilfe aus der sonst unvermeidlichen Gefahr!‹

Wie ein Strom stürzen die Ameisen der Gegend alle, eine über die andere, in Eile herzu. Der Boden wimmelt. Sie fallen über den ungeheuren Gesämhaufen her, sondern mit Sorgfalt Art von Art, machen von jeglicher einen eigenen Haufen und verschwinden wieder, nachdem alles vollbracht ist.

Als nun bei einbrechender Nacht Venus, von Weine triefend und duftend von Balsam und mit tausend blühenden Rosen geschmückt, vom Hochzeitsgelage nach Hause zurückkehrt, erstaunt sie nicht wenig, da sie Psychens Aufgabe getan findet. ›O,‹ ruft sie, ›das ist nicht Dein, nicht Deiner Hände Werk, Du Nichtswürdige! sondern dessen, dem Du zu Deinem und 144 seinem Unglück gefallen hast!‹ Hiermit wirft sie ihr nur ein Stück grobes Brot hin und geht schlafen.

Aber Kupido war in dem nämlichen Palaste, ganz im Innersten des Hauses, in einem besonderen Zimmer, allein, unter äußerst strenger Aufsicht, damit er nicht etwa Mutwillen treiben und seinen Schaden verschlimmern oder gar entwischen und seiner Geliebten zufliegen möchte.

So zusammen unter einem Dache, einander so nahe und darum nicht weniger getrennt: welche Nacht, welche abscheuliche Nacht für beide Liebende.

Kaum aber fährt Aurora herauf, so ruft Venus schon Psychen.

›Siehst Du den Wald da,‹ sagte sie ihr, mit der Hand nach demselben hinzeigend, ›welcher sich längs den Ufern jenes Flusses erstreckt, dessen Quellen dort auf dem nahen Berge entspringen? Ungehütet weiden darin fette Schafe mit goldenen Vließen; stracks gehe hin und sieh zu, wie Du mir einen Flocken von ihrer köstlichen Wolle herbringst!‹

Willig machte sich Psyche dahin auf den Weg. Zwar nicht in der Absicht, den Befehl zu vollbringen, sondern sich vom Ufer in die Tiefe zu stürzen, um endlich einmal vor allen Leiden Ruhe zu haben. Allein bald wisperte ihr vom Flusse her das grüne melodische Schilf, von einem Gotte durch sanfter Lüfte lindes Geflüster beseelt, diese Worte entgegen:

›Besiege Deine Verzweiflung, Psyche! und entweihe nicht mein heiliges Gewässer durch Deinen Tod, noch begegne jetzt, ich bitte, diesen furchtbaren Schafen! Sie pflegen, so lange die Sonne im Mittag brennt, die Glut derselben zu teilen und toben in unbändiger Wut, mit spitzem Gehörn, mit eisernem Schädel, ja mit giftigem Gebisse, jeglichem Sterblichen den Untergang drohend. Warte, bis der nahende Abend die Sonnenhitze mildert und dann sich die Tiere im frischen Wehen vom Gestade her 145 abkühlen und besänftigen. Verbirg Dich inzwischen unter der breitblättrigen Platane dort, die einen Strom mit mir trinkt. Sobald sich aber der Schafe Wut gelegt hat, gehe hervor und schleich Dich näher herzu in den Wald, wo Du an Gesträuchen und Stämmen hin und wieder Flocken wolligen Goldes wirst hängen finden.‹

Diesen heilsamen Rat erteilte das mitleidige Schilf der verzweiflungsvollen Psyche. Sie verschmäht ihn nicht, pünktlich befolgt sie ihn, und sonder Mühe bringt sie der Venus den Schoß voll verlangter Goldwolle zurück.

Aber so gefahrvoll auch diese zweite Arbeit gewesen war, sie besänftigte dennoch die Göttin so wenig als die erste; denn sie schrumpfte die Augenbrauen und sagte mit bitterem Lächeln: ›Du hast Ursache, Dich bei Deinem Gehilfen zu bedanken, in der Tat, er hat Dir gute Dienste geleistet! Doch jetzt auch ein Pröbchen von Deinem unerschrockenen Mut und Deiner großen Klugheit! Du siehst doch auf dem hohen Berge da die schroffe Felsenspitze so kühn emporstreben? Oben auf derselben strömen schwarze Fluten aus einer finsteren Quelle und stürzen sich tief in ein verschlossenes Tal hinunter, wo sie den stygischen Pfuhl anfrischen und das dumpfe Getöse des Kozytus unterhalten, da gehe hin und schöpfe mir mitten aus der Quelle innerstem Strudel diesen Krug voll!‹

Mit diesen Worten reicht sie ihr, unter den entsetzlichsten Drohungen, ein glattes, kristallenes Gefäß.

Psyche nimmt es und eilt mit beschleunigten Schritten davon, des Berges oberster Spitze zu. Dies, denkt sie, sei nun gewiß ihr letzter mühseliger Gang; auch nahete sie nur erst von ferne dem Gipfel, so zeigte sich ihr schon ganz deutlich unvermeidliche Todesgefahr bei Ausführung des ihr erteilten Befehls. Denn der Fels, der unermeßlich hoch in die Luft ragt und überall 146 schroff und unzugänglich ist, speit nur erst auf der äußersten Höhe, aus weitgeöffnetem Schlunde das fürchterliche Gewässer aus, und sobald dieses aus der Tiefe hervorgebrochen, stürzt es jäh den Abhang schäumend hinunter in eine enge grundlose Felsenkluft und wälzt sich mit Ungestüm da hindurch zu dem benachbarten Tale hinab. Rechts und links lauern wilde Drachen in Höhlen. Sie drohen und zischen, ihre langen Hälse schrecklich emporreckend. Nimmer schließt der Schlaf ihre unermüdlichen Augenlider; darum sind sie hierher zu ewigen Wächtern gebannt, wiewohl schon die heulenden Wellen allein sich Schutzes genug wären. ›Hinweg von hier!‹ lautet immerfort ihr wechselseitiges Gebelle, ›nicht zu nahe, sieh Dich vor, was machst Du, nimm Dich in acht, fleuch! Hier bist Du verloren!‹

Der Anblick all dieser unübersteiglichen Schwierigkeiten versteinert Psychen. Wie entseelt steht ihr Körper da; vor Übermaß des Schmerzes gebricht ihr auch der letzte Trost – Tränen.

Aber die Not der unschuldig Leidenden war vor den Augen der allgütigen Vorsehung nicht verborgen. Denn siehe, es erscheint des hohen Jupiters königlicher Vogel, der starke Adler, hoch im Winde sich wiegend auf ausgespreiteten Schwingen. Eingedenk, daß ihm einst Kupido gefällig beistand, als er für den Zeus den phrygischen Mundschenken raubte, eilt er jetzt, aus Dankbarkeit, des Gottes Gattin in ihrer Bedrängnis zu helfen. Flugs verläßt er seine hohe Himmelsbahn, bleibt still vor Psychens Angesicht schweben und redet sie also an:

›O blödsinnige, unerfahrene Psyche! Wie kannst Du hoffen, dieser heiligen, furchtbaren Quelle auch nur einen Tropfen zu entwenden, ja nur, Dich ihr zu nahen? Hast Du nie gehört, daß sogar die Götter und Jupiter selbst dies stygische Gewässer scheuen und daß, wie Ihr bei ihrer Gottheit schwört, also sie bei 147 der Majestät des Styx zu schwören pflegen? Aber gib her Deine Urne!‹

Stracks nimmt er sie ihr aus den Händen, und im Nu war sie gefüllt. Denn dicht über dem Schlund hängt er sich, künstlich sich schwingend, und mit immer regem Fittich zu beiden Seiten der giftigen Drachen Biß und dreigespaltene Zunge meidend, schöpft er ein die widerstrebende, scheltende Flut, nachdem er sie mit vorgegebenem Befehl der Venus getäuscht.

Mit Freuden empfängt Psyche den angefüllten Wasserkrug wieder zurück und überbringt ihn eiligst der Venus.

Allein auch hierdurch wurde das rachsüchtige Herz der Göttin nicht gerührt. Vielmehr ergrimmte sie jetzt um desto ärger gegen die arme Psyche und trachtete nur eifrig nach ihrem Verderben.

Mit schnödem Spotte hebt sie also zu ihr an: ›Ei, ich glaube gar, Du bist eine Zauberin! Mag Dir doch unsereins in der Welt nichts mehr aufgeben, was nicht bloß Kleinigkeit für Dich wäre! Indes, mein Kind, nur noch einen kleinen Dienst. Da nimm die Büchse, geh damit in die Unterwelt, bis zu des Orkus finsterer Burg hinunter und stelle sie da Proserpinen zu. Sag ihr dabei: Venus läßt Dich bitten, ihr doch so viel von Deiner Schönheit zu schicken, als sie auf einen Tag wohl bedarf. Die ihrige wäre bei der Wartung ihres kranken Sohnes zunichte gegangen. – Komm aber ja bald wieder zurück, denn ich will sie gleich noch auflegen, um damit in der Versammlung der Götter zu erscheinen.‹

Nun erkannte Psyche mit Zuverlässigkeit der Göttin letzte grausame Absicht. Auch lag sie klar genug am Tage: der Befehl, zum Tartarus hinunterzuwandern und zu den Manen, ist überall nur eindeutig.

Ungesäumt richtet sie jetzt ihren Weg nach einem sehr hohen Turme hin, sich von da herabzustürzen; denn kürzer und 148 schöner, glaubt sie, könne sie zur Unterwelt nicht gelangen. Allein der Turm bricht plötzlich in diese Stimme aus:

›Und warum willst Du, Ärmste, Dich von meiner Höhe herabstürzen und Dich töten? Warum so ohne Not der allerletzten gefährlichen Arbeit unterliegen? Ist Deine Seele einmal vom Leibe geschieden, so kommst Du freilich in den tiefen Tartarus hinunter; allein von dort auch nie wieder zurück. Merk also lieber auf meine Rede! Nicht weit von hier liegt Griechenlands edles Lacedämon. In der Nachbarschaft desselben, nur etwas abseits und versteckt, findest du Tänar. Dort ist der Eingang zum Dis; dort die Pforte, welche den rauhen Weg zur Unterwelt öffnet. Da hindurch begib Dich und verfolge dann den geraden Fußsteig; so gelangst Du unmittelbar zu des Orkus Burg. Leer indessen darfst Du diesen Weg der Finsternis nicht antreten, in jeder Hand mußt Du einen Honigfladen und im Munde zwei Stüber mitnehmen. Unterwegs wirst Du einen hinkenden Esel, mit Holz beladen, antreffen, samt einem gleichfalls hinkenden Eseltreiber. Letzterer wird Dich bitten, ihm die vom Esel herabgefallenen Holzscheite wieder aufzuheben; aber gehe Du, ohne ein Wort zu verlieren, stillschweigend vorüber. Nun kommst Du gleich zum Totenfluß, worüber Charon gesetzt ist. Ehe er die Ankömmlinge in seinem wandelbaren Nachen an das jenseitige Ufer hinübersetzt, fordert er sich erst Fährgeld von jedem ein.‹ – Wehe! Also auch bei den Toten herrscht Habsucht? So wenig Charon als Vater Dis, ein so großer Gott er auch ist, tut das Geringste umsonst! Und der Arme muß zum Sterben sich erst mit einem Reisepfennig versehen, sonst darf er nicht fort! – ›Gib dann diesem schmutzigen Greise einen von Deinen beiden Stübern Schifferlohn, oder vielmehr, laß ihn sich denselben aus Deinem Munde selbst nehmen. Kaum werdet Ihr Euch auf dem trägen Pfuhl eingeschifft haben, so wird Euch der 149 Schatten eines Alten nachgeschwommen kommen und seine gichtigen Hände zu Dir aufheben und aufs Erbärmlichste flehen, ihn doch in das Schiff zu ziehen. Doch fern sei von Dir ein so unzeitiges Mitleiden! Seid Ihr aber den Fluß hinüber, dann wirst Du so gar weit eben nicht gehen, so werden Dich wieder alte Weiber, die mit Weben beschäftigt sind, bitten, doch auch ein wenig Hand mit anzulegen und ihnen zu helfen. Allein auch damit laß Dich unvermengt. Denn dies und noch weit mehreres geschieht alles auf Betrieb der Venus, um Dir nur einen von den Kuchen aus den Händen zu spielen; und das siehe ja nicht bloß für einen geringen Teigverlust an! Wisse, mit eines einzigen Verlust ist Dir die Rückkehr zum Lichte auf ewig versperrt. Denn durch sie allein kannst Du Dich vor dem Cerberus schützen. Gleich vor dem Eingange zu den düstern Gemächern Proserpinens liegt dies schreckliche, dreiköpfige Ungeheuer und bewacht des Dis leere Behausung, indem es mit donnerndem, dreigespaltenem Rachen den Toten, denen es weiter nichts Böses zufügen kann, Entsetzen entgegenbellt. Zolle ihm einen Honigkuchen, so ist seine Wut bezähmt und sonder Gefahr kannst Du vorbeischlüpfen. Gehe sofort zu Proserpinen. Freundlich und huldreich wird sie Dich empfangen, wird Dich einladen, neben ihr auf weichen Polstern Platz zu nehmen, um an ihrer herrlichen Tafel mitzuspeisen. Aber schlage Du alles aus und setze Dich auf den platten Boden und laß Dir nichts als etwas schwarzes Brot reichen, und das iß. Darauf entledige Dich Deines Auftrags, nimm, was sie Dir dann geben wird und kehre damit zurück. Und wenn Du wieder gehörig mit dem dann noch übrigen Honigfladen beim Höllenhunde Dich lösest, nachher dem geizigen Schiffer den zurückbehaltenen Stüber gibst, den Fluß herüberfährst und auf dem gekommenen Wege zurückgehst, so wirst Du zuletzt zum Glanze der himmlischen Sternenheere 150 wohlbehalten wieder heraufkommen, wofern Dich nicht lüstet (sei aber davor auf das kräftigste von mir gewarnt), die Büchse zu eröffnen, um den darin verwahrten Schatz göttlicher Schönheit vorwitzig zu besichtigen oder gar zu berauben!‹

Also der weitschauende Turm. Psyche säumt nicht. Sie geht nach Tänar; versieht sich vorgeschriebenerweise mit den Stübern und Fladen, steigt damit in den Höllenschlund hinab, zieht stillschweigend an dem gebrechlichen Eseltreiber vorüber, zollt dem Schiffer das bestimmte Fährgeld, achtet nicht des nachschwimmenden, alten Gespenstes Begehren, nicht der tückischen Weberinnen hinterlistige Bitte, schläfert des bösen Höllenhundes Wut durch einen vorgeworfenen Kuchen ein und dringt bis zu Proserpinens Gemach.

Allda widersteht sie jeder freundlichen Einladung. Nicht der weichgepolsterte Thron der Königin der Hölle, nicht ihre Göttertafel verführt sie. Demütig setzt sie sich zu den Füßen ihrer leutseligen Wirtin auf den harten Boden, begnügt sich mit schwarzem Brote und richtet alsdann getreulich der Venus Gesandtschaft aus.

In kurzem bekommt sie die Büchse, insgeheim mit dem Verlangten angefüllt, zurück.

Sie verschließt nun wieder mit dem andern Kuchen des Cerberus fürchterlichen Rachen, fährt für den andern Stüber zurück über den schleichenden Acheron, und schon verläßt sie hochgemut die Hölle; schon erblickt sie, schon trinkt ihr Auge wieder mit Wonne das schimmernde Tageslicht und beflügelt sich mit Eile ihr Fuß, im Nu das gefährliche Geschäft zu vollenden – indem, so beschleicht, betört verwegener Vorwitz ihren Sinn.

›Siehe,‹ spricht sie, ›wärest Du nicht eine Törin, Psyche! Du hättest hier die Götterschönheit in Händen und legtest Dir nicht 151 einmal ein ganz klein wenig davon auf? Dadurch könntest Du ja allein Deinem schönen Liebhaber wieder gefallen!‹

Gedacht, versucht. Auf ist die Büchse. Allein wehe! Da ist keine Schönheit, da ist nicht das Geringste darin. Nur ein höllischer Schlaf, ein wahrer Totenschlaf.

Sobald der Deckel geöffnet ist, fährt er hervor, ergreift Psyche, gießt sich in einem Gewölk schwerer Schlummerdünste um all ihre Glieder und streckt sie sofort unbeweglich am Boden hin. Da liegt sie auf dem Wege, eine schlafende Leiche!

Aber Kupido war allbereits wiederhergestellt von seiner Wunde und vermochte nicht länger die langwierige Abwesenheit seiner Psyche zu ertragen. Er entschlüpft durch ein Fenster aus der Kammer, worin er eingesperrt gehalten wurde und seine Flügel, die desto mehr Schwingkraft durch die lange Ruhe erhalten hatten, tragen ihn schneller als jemals davon, hin zu seiner Psyche.

Sorgfältig nimmt er sogleich den Schlaf von ihr hinweg, verschließt ihn wiederum in die Büchse und erweckt dann Psychen mit der Spitze eines unschädlichen Pfeiles.

›Sieh,‹ sagt er zu ihr, ›warst Du nicht schon wieder durch Deinen Vorwitz verloren? Doch gehe nur jetzt und entledige Dich geflissentlich Deines Auftrages bei meiner Mutter, ich will schon weiter für uns sorgen.‹

Mit den Worten hebt sich der holde Flieger in die Luft; Psyche aber trägt allsofort der Venus Proserpinens Geschenk hin.

Kupido, nicht minder von Liebe zu Psyche als von der Furcht genagt, seine Mutter möge ihn doch noch der Mäßigkeit übergeben, da ihr Blick noch immer zürnet, nimmt hinwiederum zu seinen gewöhnlichen Ränken seine Zuflucht. Er schwingt sich auf rüstigem Gefieder zum hohen Pole des Himmels, klagt da dem großen Jupiter seine Not und macht denselben alsbald seinen Wünschen geneigt.

152 Liebreich küßt ihn Zeus, mit der einen Hand den kleinen Mund sanft ihm zusammendrückend, mit der andern ihn zu sich hinziehend, und spricht zu ihm also:

›Du kleiner loser Schelm! hast Dich zwar jederzeit mehr als mein Herr betragen, denn als mein Sohn, hast mir nie die von allen Göttern mir einhellig zugestandene Ehre erzeigt! So könnte ich es denn nun wohl ahnden, daß Du mich, den Gesetzgeber der Elemente, mich, den Roller der Sphären, fast beständig zum Ziele Deiner Pfeile genommen und zu so vielen Torheiten mit irdischen Schönen, zu so vielen Verstößen gegen alle Gesetze der Zucht und Ehrbarkeit verleitet hast, daß ich beinahe allen Anspruch auf Ehre und Glimpf verloren habe. Hat mich doch Dein Mutwille bis zu Drachen, zu Feuer, zu Vögeln, zu allerhand wilden und zahmen Tieren herabgewürdigt. Allein, ich will mich nur meiner Liebe zu Dir erinnern. Du bist ja unter meinen Augen aufgewachsen. Ich will alles tun, Dich glücklich zu machen; nur bleibt die Sorge, Dich vor Nebenbuhlern zu schützen, Dein eigen! Doch weißt Du, was ich mir bei Dir kleinem Schalk für diese Huld zur Vergeltung ausbedinge? Das hübscheste Mädchen auf Erden!‹

Er sprach's und erteilte dem Merkur Befehl, augenblicklich die gesamten Götter zur Versammlung zu berufen und anzukündigen, wer fehle, solle mit zehntausend Nummen büßen, Aus Furcht vor der Strafe ist in kurzem kein Platz im weiten himmlischen Versammlungssaale mehr leer.

Majestätisch vom erhabenen Throne herab spricht nun Jupiter also:

›Ihr sämtlichen Götter und Göttinnen, deren Namen in den Denkbüchern der Musen verzeichnet sind, Ihr kennt alle diesen Jüngling, der hier unter meinen Augen auferzogen worden. Es ist jetzt meines Erachtens Zeit, dem feurigen Ungestüm 153 seiner ersten Jugend einen Zügel anzulegen. Schon übel genug ist er durch allerlei böse Nachrede von Ehebruch und anderen Ausschweifungen berüchtigt. Laßt uns ihm die Gelegenheit rauben, auf dem Wege weiter fortzugehen, laßt uns seinen jugendlichen Flattersinn mit den Fesseln der Ehe binden. Er hat sich schon selbst ein Mädchen gewählt und mit ihr gebuhlt. Diese laßt uns zu eigen ihm geben! Er vermähle sich mit ihr diesen Augenblick! In Psychens Umarmung genieße er fortan ewige Fülle der Liebe!‹

›Du aber‹ – fährt er fort, zur Venus sich wendend – ›meine Tochter, darfst Dich keineswegs darüber betrüben. Nicht im mindesten soll Dein hohes Geschlecht und Dein Stand unter dieser Verbindung Deines Sohnes mit einer Sterblichen leiden. Ich will straks allem abhelfen, was dabei dem Wohlstande oder den Gesetzen entgegen sein könnte.‹

Jetzt winkte er, und Merkur verschwindet, holt Psyche und führt sie in den Himmel ein.

Der Gott der Götter reicht ihr selbst den Becher der Unsterblichkeit dar. ›Nimm, Psyche,‹ spricht er, ›und sei unsterblich! Niemals wird Kupido wieder von Dir weichen, denn Euch verknüpft von nun an ein ewiges Band!‹

Fröhlich wird alsbald das herrlichste Hochzeitsmahl gerüstet.

Man lagert sich umher; obenan Psyche, ihrem Neuvermählten im Schoß. In gleicher Lage Jupiter und seine Juno daneben. Dann die sämtlichen Götter nach der Reihe.

Jupitern reicht sein Mundschenk Ganymed, der schöngelockte Hirt vom Ida, den Nektar. Die übrigen bedient Bacchus. Vulkan legt vor.

Die Horen bepurpurnen Tafel, Polster und Fußboden mit frischen Rosen und anderen Blumen.

154 Die Grazien erfüllen die Luft mit Wohlgeruch des Balsams, und die Musen ergötzen die Gäste mit silbernen Stimmen.

Zuweilen singt auch Apoll zu der gewölbten Leier melodischen Saiten; Venus tanzt mit entzückender Anmut, jede ihrer Bewegungen in bezaubernder Harmonie mit der angegebenen Weise; die Musen stimmen alsdann dazu im Chore Lieder an, und wechselweise begleitet sie jetzt die Doppelpfeife eines Satyrs, jetzt die Flöte eines jungen Pans.

Also ward Psyche feierlich mit Kupido vermählt. Sie genaß bald einer Tochter, die in der Sprache der Sterblichen ›Wollust‹ genannt wird.« –

 

Also erzählte die alte verwirrte Saufschwester dem entführten Mädchen vor. Ich, der ich nicht weit davon stand, beklagte herzlich, daß ich weder Schreibtafel noch Griffel hatte, ein so herrliches Märchen niederzuschreiben.

In dem Augenblick kehrten die Räuber von irgendeinem großen Gefechte wieder ganz beladen nach Hause. Die muntersten unter ihnen eilten, die Verwundeten zu verbinden und zu Bette zu bringen, um dann, wie sie sagten, wieder fortzuziehen, den in einer Höhle versteckten Überrest der Beute nachzuholen.

Nachdem sie das Essen in aller Geschwindigkeit hintergeworfen, nahmen sie mich und das Pferd zum Tragen der zurückgebliebenen Sachen mit, und so bergauf und bergab, die Krümme und die Quere fort, unter manchem derben Lungenhieb, den sie uns mit ihren Knütteln versetzten, bis wir endlich ganz gegen Abend zu der Höhle gelangten. Ohne uns da die mindeste Zeit zum Ausruhen zu lassen, beluden sie uns mit erstaunlich vielen Sachen, und augenblicklich wieder rückwärts, und zwar mit solcher Eile, daß über dem unaufhörlichen Prügeln und Stoßen ich endlich über einen an der Straße liegenden Stein zu Boden 155 stürzte. Hatte es vorher schon Prügel geregnet, so regnete es ihrer nun über alle Maßen, bis ich, so lahm und geschunden ich auch am rechten Hufe und linken Buge war, mich dennoch wieder aufraffen mußte.

»Wie lange,« hub darauf einer von den Räubern an, »wie lange werden wir doch wohl die alte Schindmähre so umsonst ernähren?«

»Jawohl!« gab ein anderer zur Antwort, »und es scheint wirklich, als ob das Unglück auf dieser alten Krake zu uns geritten gekommen. Seitdem wir sie haben, haben wir auch keinen einzigen Vorteil davongetragen, wohl aber Wunden und so manchen Verlust an tapferen Kerlen.«

»Nun,« versetzte der erste wieder, »die Tracht da muß das träge Tier noch heimtragen, es mag sich nun auch dazu anstellen, wie es wolle; aber dann breche ich ihm auch zuverlässig den Hals und gebe es den Geiern zur Beute!«

Derweilen meine milden Herren also über meinen Tod wortwechselten, waren wir wieder heim; denn Furcht hatte meine Fersen beflügelt.

Sie schafften hurtig alles, was wir mitgebracht hatten, beiseite, bekümmerten sich weiter weder im Guten noch im Bösen so wenig um das Pferd als um mich, sondern sahen nur nach den Verwundeten, die sie zurückgelassen hatten, und dann rannten sie abermals fort, um, wie sie sagten, noch die letzte Nachlese zu halten.

Inzwischen die geschehene Bedrohung des Todes blieb mir wie ein Stachel im Herzen zurück.

»Was stehst Du da, worauf wartest Du noch, Lucius?« sprach ich zu mir selber. »Dein Urteil ist gesprochen, Dir ist der bitterste Tod bereitet! Wie Du siehst, braucht's auch weiter keiner großen Anstalten zur Exekution, die nahen Felsen da 156 mit den spitzen, hervorragenden Klippen, die scheinen nur darauf zu warten, Dir den Garaus zu machen. Wohin Du auch fallen magst, wirst Du nicht ganzbeinig davonkommen. Hätte Dich Deine heillose Magie nur noch gänzlich zum Esel gemacht. Aber da hat sie Dir nur des Esels Ansehen und Elend gegeben und statt seines dicken, unempfindlichen Felles, die feine dünne Haut eines Blutegels! Ermanne Dich denn und rette Dich, da es noch Zeit ist! Jetzt, da die Räuber abwesend sind, hast Du die schönste Gelegenheit zur Flucht; denn vor dem alten Gespenste von Weib wirst Du Dich ja nicht fürchten? Die kannst Du Dir mit einem einzigen Schlage, und wär's auch nur mit dem lahmen Fuß, vom Halse schaffen. Aber wohin fliehen, wo unterkommen? Nun, da haben wir den Esel! Als ob nicht jedweder Vorübergehende einen Kauz wie Dich mit offenen Armen aufnehmen würde, auf dem er, statt des mühsamen Gehens, ruhig nach Hause reiten kann!«

Und somit war auch der Riemen, mit dem ich angebunden, den Augenblick zerrissen, und dahin trollte ich.

Unterdessen konnte ich den Spionenaugen der alten Hexe nicht entgehen. Sie sah mich losmachen, lief herbei, und mit einem Mute, den ich weder ihrem Geschlechte noch ihrem Alter zugetraut hätte, fiel sie mir in den Zügel und suchte mit all ihren Kräften und mit den besten Worten von der Welt mich zurückzuhalten. Allein alles verfing bei mir nicht. Der Drohung der Räuber wohl eingedenk, ließ ich mich von keinem Mitleide rühren. Ich versetzte ihr mit den Hinterfüßen einen solchen Schlag, daß sie die Beine in die Höhe kehrte. Gleichwohl ließ sie den Zügel nicht fahren. Ich schleppte sie eine weite Strecke hinter mir her. Sie kreischte laut auf, sie rief, sie schrie aus vollem Halse um Hilfe. Niemand kam, denn es war niemand da, der ihr helfen konnte, außer dem einzigen gefangenen Mädchen. 157 Diese kam am Ende auf das gelle Geschrei wirklich herbei; aber sie sah nicht sobald das merkwürdige Schauspiel – die alte DirceDirce ward vom Zethus und Amphion an einen wilden Stier gebunden und geschleift. Das bekannte Sujet des farnesischen Stiers., zwar nicht von einem Stier, sondern von einem Langohr geschleift –, als sie sich schier mit männlicher Kühnheit der schönsten Tat unterfing.

Sie riß der Alten den Zügel aus den Händen, besänftigte mich durch schmeichelndes Klopfen, schwang sich dann behend auf meinen Rücken und sprengte mit mir davon.

Ich, der ich schon vorher von Begierde, zu entfliehen, entflammt war und jetzt sowohl durch den Wunsch, das Mädchen zu retten, als durch die oft wiederholten Streiche, die ich bekam, dazu noch weit mehr angereizt wurde, ich schlug wie ein edles Roß mit leichtem Hufe den Boden und wieherte fröhlich in den sanften Zuruf des Mädchens. Auch drehte ich zuweilen meinen Nacken zurück, und unter dem Scheine, mich auf dem Rücken zu jucken, küßte ich meiner holden Reiterin niedliche Füßchen.

Endlich holte das Mädchen einen tiefen Seufzer, sah mit kummervollen Blicken gen Himmel und sprach:

»O, Ihr Götter! steht mir bei in dieser äußersten Gefahr! Und Du, o Unglück! höre endlich auf, gegen mich zu wüten; ich habe Dir ja sattsam durch unaussprechliche Leiden gedient! Du aber, Du mein Befreier, mein Erretter, wenn Du mich wohlbehalten meinen teuren Eltern, meinem geliebten Bräutigam zurückbringst, o dann, wie werde ich Dir danken, wie hoch werde ich Dich ehren, wie köstlich werde ich Dich speisen! Deine Mähne sollen meine Hände mit Sorgfalt kämmen und mit meinem jungfräulichen Geschmeide ausschmücken, Deinen Schopf will ich kräuseln und zierlich schniegeln, die Haare Deines Schwanzes, die jetzt schmutzig und verworren aus 158 Vernachlässigung herabhängen; mit Geflissenheit will ich die säubern und gefällig sie sondern; Du sollst über und über von goldenen Buckeln wie von himmlischen Sternen schimmern. Mit Jauchzen und Frohlocken soll Dich das Volk empfangen, so oft Du erscheinst, und in großem Gepränge Dich begleiten. Und täglich sollst Du aus meinem seidenen Schoß Dich in Mandelkern und Zuckerbrot sättigen. Doch bei all den leckeren Speisen, bei Ruhe und Gemächlichkeit und sonst allen Freuden des Lebens soll es Dir auch nicht an Ruhm fehlen! Ich will das Andenken meiner gegenwärtigen Flucht und des glücklichen Entkommens durch ein herrliches Denkmal verewigen. Ich will uns fliehend malen lassen, und feierlich soll dies Bild in der Halle meines Hauses aufgehängt werden. Bald, so wird man unsere Geschichte auch in Liedern und Komödien zu hören und zu sehen bekommen, und wer weiß, welch ein stattlicher Roman noch einst zum Titel führt: »Die auf einem Esel der Gefangenschaft entronnene königliche Prinzessin«. Du, guter Esel, wirst vielleicht auch noch die alten Wunder bestätigen helfen! Um der Wahrheit willen Deines neuern Beispiels wird man hinfort um so fester glauben, daß Phryxus auf einem Widder durch den Hellespont geritten, Arion von einem Delphin gerettet und Europa von einem Stiere nach Kreta getragen sei. Und hat Jupiter wirklich in Stieresgestalt gebrüllt, so kann ja wohl auch unter diesem Esel ein Mensch oder gar ein Gott verborgen sein!«

Unterdessen das Mädchen also betete, schwatzte und mitunter auch wohl einmal tief und schwer seufzte, unterdessen kamen wir an einen Scheideweg.

Sie ergriff sogleich den Zügel und wollte mich rechts lenken, weil da der Weg zu ihren Eltern ging.

Da ich aber wußte, daß die Räuber diesen Weg genommen hatten, das Zurückgebliebene nachzuholen, so sperrte ich mich 159 aus Leibeskräften dagegen, und in meinem Sinne hielt ich ihr folgende Standrede: »Was machst Du, was beginnst Du, unglückseliges Mädchen? Was eilst Du dem Tode gerade entgegen? Nie, nie werde ich meine Füße dazu herleihen, Dich und mich ins Verderben zu tragen!«

Sie hörte nicht auf, mich links und immer links zu zerren, sie peitschte, sie stieß mich; aber keine Gewalt ward über mich Herr, ich stand und machte Männchen und wich lieber gar nicht von der Stelle.

Indem wir so miteinander uneins waren, kamen die Räuber mit dem letzten Rest ihres Raubes dazu. Sie hatten uns schon von ferne beim Mondschein erkannt und wollten sich ganz tot über uns lachen.

»Ei, gehorsamer Diener!« rief uns einer von ihnen ganz spöttisch zu. »Wohin so eilig noch so spät in der Nacht? Und Sie fürchten sich nicht vor Gespenstern? Vermutlich wollen Mamsell inkognito einen kleinen Besuch bei Dero Eltern abstatten? Mit Ihrer gütigen Erlaubnis werden wir Ihnen Gesellschaft leisten und auch einen nähern Weg zeigen.«

Mit diesen Worten hatt' er mich schon beim Zügel erwischt und drehte mich um, nach der Höhle zu, und ließ dabei mit vieler Behendigkeit den Knüttel gar nachdrücklich auf meinem Leder spielen.

Sobald ich wieder dem Tod, dem ich so zu entlaufen gedachte, wider Willen entgegen mußte, so war ich auch gleich wieder huf-, bug- und blattlahm. Ich hinkte, daß der Kopf ellenhoch auf- und niederschlug, und ich hätte das Spiel noch weiter getrieben, wenn mir nicht der Räuber, der mich wieder gehascht hatte, mit einem gewissen Tone zugerufen hätte:

»Fängst Du schon wieder an zu zippern, zu humpeln und zu stolpern, du faule Bestie? Wart, ich will Dir die Füße kurieren. 160 Sie schienen doch vorher eben so morsch nicht, als es aufs Entfliehen ankam! Da ging's ja wahrhaftig rascher noch mit Dir vom Flecke als mit dem geflügelten Pegasus!«

Während des Prügelwetters, das dies Kompliment begleitete und erst gar kein Ende nehmen wollte, gelangten wir zur äußersten Schanze der Räuberburg.

Siehe, da hing die Alte, einen Strick um den Hals, an dem Ast einer hohen Zypresse. Sie schnitten sie flugs ab und schleuderten sie, so wie sie war, an ihrem Halsbande in den nächsten Abgrund hinunter. Nach dem Leichenbegängnis wurde das Mädchen erst in Ketten und Bande gelegt, und dann ging's gleich wie reißende Tiere über die Mahlzeit her, welche das arme alte Weib ihnen noch zu guter Letzt zubereitet hatte.

Nach Verlauf einiger Zeit, während welcher die Vielfräße nur mit einem dumpfen Geräusch ihrer Gefräßigkeit opferten, kam endlich unsere Flucht auf das Tapet, und wurde Rats gepflegt, wie man uns dafür am füglichsten zu bestrafen hätte. Bunt ging's da zu: so viele Köpfe, so viele Sinne. Der eine wollte, das Mädchen sollte lebendig verbrannt werden, der andere war der Meinung, man müsse sie wilden Tieren vorwerfen, der dritte hing sie an den Galgen, der vierte zerfleischte sie auf der Folterbank. Nur darin stimmten sie allesamt überein, daß sie das Leben verwirkt habe.

Zuletzt, als der größte Lärm sich gelegt, hub einer mit vieler Gelassenheit also zu reden an:

»Kameraden! Es würde nicht mit der Regel unseres Ordens, nicht mit der Sanftmut eines jeglichen unter uns, nicht mit meiner eigenen Gerechtigkeitsliebe übereinstimmen, wenn ich zulassen wollte, daß ihr jetzt bei Bestrafung des gegenwärtigen Verbrechens so alles Maß überschrittet und alles Ziel. Hinweg mit den wilden Tieren, dem Galgen, dem Feuer, der Folterbank 161 und überhaupt mit jedem frühen, schleunigen Tode. Wollt Ihr meinem Rate folgen, so schenkt dem Mädchen das Leben; aber schenkt es ihr so, wie sie es verdient. Ihr erinnert Euch, was Ihr schon längst über den Esel da beschlossen habt. Schon immer unausstehlich faul mit den Füßen, aber desto geschäftiger mit den Kinnbacken, hat er sich durch verstelltes Unvermögen und durch gutwillige Beihilfe zur Flucht des Mädchens jetzt noch schuldiger gemacht als jemals. Laßt uns diesen morgigen Tags erwürgen, ihn völlig ausnehmen; das Mädchen, das er uns hat davontragen wollen, nackend in seinen Bauch einnähen, so daß sie nur mit dem Gesicht hervorragt, mit dem übrigen Leibe aber ganz in ihm eingefuttert ist; darauf laßt uns diesen gefüllten Esel nehmen und auf einen hohen freien Felsen tragen und ihn da an den Strahlen der Sonne braten. Auf diese Art leiden beide Verbrecher, was Ihr ihnen mit so vieler Klugheit bestimmt hattet. Der Esel den Tod, den er längst schon verdient gehabt; das Mädchen aber die Bisse der wilden Tiere, wenn die Würmer ihre Glieder zernagen, die Glut des Feuers, wenn die allzu große Sonnenhitze ihre Hülle entzündet, alle Marter des Galgens, wenn Hunde und Vögel ihr die innersten Eingeweide aus dem Leibe reißen, und außerdem noch weit andere größere Qualen und Drangsale mehr. Denn lebendig muß sie den Bauch eines verreckten Viehes bewohnen, muß beständig den unausstehlichen Gestank des Aases einatmen, muß vor Hunger elendiglich, allmählich hinsterben, ohne daß ihre freien Hände ihr den Tod zu geben vermögen.«

Als er so gesprochen, ging alles einmütig zu seiner Meinung über. Mir, der ich's mit gereckten Ohren so mit anhörte, blieb weiter nichts übrig, als meine morgige Leiche zu beweinen. 162

 

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