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Der gewürzige Hund

Helene Böhlau: Der gewürzige Hund - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gewürzige Hund
authorHelene Böhlau
year1916
firstpub1916
publisherUllstein & Co
addressBerlin-Wien
titleDer gewürzige Hund
pages394
created20140225
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zur Zeit, als Engele wachend in ihrem Bette, eingesponnen in Träumen lag, hatte Felix noch nicht Ruhe gefunden. Er fühlte bis in den Grund seiner Seele, daß sein sorgsam erbautes Leben wankte, und er war unruhig und erregt. Eine nicht geahnte, furchtlose, zwingende Liebe tauchte vor seinen Augen auf in neuer, reizvollster Gestalt. Tiefes Bangen trug er um Engele, denn sie war es, gegen die das Schicksal sich in seiner ganzen Schwere neigen mußte.

Eine große Erfahrung war über ihn gekommen; er hatte ungeschützte Liebe gesehen, die allen Schrecknissen des Lebens ausgesetzt ist, über Tod und Verderben lächelnd. Der Sieg, den er einmal errungen, schwand ihm bedeutungslos, und er fühlte sich von neuem in tiefste Unruhe gestürzt. 330

 

Als die Sonne auf das Haus der schönen Menschen wieder herabschien, wurde jede Bewegung eine Vorbereitung zum Feste.

Die Dienstleute, die am frühesten Morgen ihre Arbeit begannen, huschten, flüsterten, eilten.

Georg und die Jüngsten waren die ersten, die tätig waren. Ganze Lasten von Grün und Blumen wurden durch die Haustür geschafft. Auf der Treppe begann ein eifriges Leben, ein Hin und Her; da schwankten mächtige, grüne Zweige, von eifrigen Händen geordnet, an Wand, Fenster und Geländer, und in kurzem hatte die Treppe ein festlich lustiges Aussehen.

Die Morgensonne schien durch die grünen Büsche, ließ die kräftigen Blumen leuchten und vergoldete die Flatterlöckchen der Mädchen, wenn sie bald da, bald dort den Kopf durch das Laub steckten.

Nach und nach wurde einer nach dem andern wach, und jeder, der kam, hatte durch die geschmückte Treppe den ersten überraschenden und festlichen Eindruck des Tages.

Die Gräfin führte die beiden Bräute und ging mit ihnen in den Garten hinab. Bettina steckte jeder eine Rose in den Gürtel und küßte beide aus 331 vollem Herzen. So begann der Tag auf das sonnigste, und jeder Augenblick steigerte die schönen Eigentümlichkeiten der Familie.

Die schönste Stunde an diesem Tage war wohl die, als die Bräute in einem sonnigen, hohen Zimmer des Hauses in ihre weißen Gewänder sich kleideten.

Die Gräfin, die Jüngsten und Engele schmückten die beiden Mädchen zum Kirchgang.

Auf einer Tafel lagen die Kleider ausgebreitet. Durch die duftigen Schleier schien die Sonne, und auf den Myrtenkränzen schimmerte sie auf jedem feuchten Blättchen.

Niemand sprach ein lautes Wort, niemand war in Eile. Es war ein sanftes, ruhevolles Ankleiden, das einer heiligen Handlung glich.

Die Gräfin wollte den Töchtern Kranz und Schleier selbst auf die blonden Häupter legen und versuchte es auch; aber es gelang ihr nicht, wie sie wünschte. Sie küßte Engele auf die Stirn und bat, daß sie es statt ihrer tun möchte. Engele nahm den Schleier, breitete ihn über Alma, und indem sie dies tat, war es ihr, als wenn auch über sie ein Schleier fiele, trüb und schwer.

332 Sie neigte den Kopf und schloß einen Augenblick die Augen; ein angstvoller Schmerz lag auf ihr.

»Das hast Du schön gemacht, mein Kind,« sagte die Gräfin zu Engele, als beide Mädchen in Kranz und Schleier vor ihr standen.

In dem großen Zimmer, das nach dem Garten zu geöffnet war, versammelte sich die Familie. Die Bräute waren eben herabgekommen und standen nebeneinander in der offenen Tür. Der warme Wind wehte ihre Schleier, wie leichtes Gewölk, in das Zimmer herein.

Der Graf trat ein, ging auf seine beiden Töchter zu und drückte jeder einen innigen Kuß auf die Stirn. Seine Stimme war heute auffallend sanft, beinahe matt.

Onkel Friedrich, der still an einem Fenster stand, trat auf ihn zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte:

»Mut, alter Freund, Mut.«

Wortlos schüttelte der Graf ihm die Hand.

Es erschienen jetzt mancherlei Gäste. Georg und Agnes, die beiden Kinder, standen Hand in Hand neben den Bräuten, einen Korb gefüllt mit Blumen zwischen sich, die sie während des Ganges durch die 333 Kirche den Brautpaaren auf den Weg streuen sollten. Wagen fuhren vor; Engele und die beiden Jüngsten waren die ersten, die in die Kirche eintraten, die von Neugierigen und Teilnehmenden gefüllt war, welche das Doppelfest der bekannten Familie mitansehen wollten. Vor dem Altar war ein blumengeschmückter, freier Raum; dort blieben die drei jungen Gestalten unter den ernsten, feierlichen Klängen der Orgel stehen – die Schwestern in ruhiger Erwartung, Engele mit pochendem Herzen. Sie sah, wie die Tür sich öffnete, wie geschmückte Hochzeitsgäste eintraten, wie sie sich wieder und wieder öffnete und immer mehr Gestalten einließ. Sie sah feierliche, ernste Gesichter, festliche Kleider, würdige Mienen, hörte halblautes Flüstern. Die gegenwärtige Stunde bekam ihr immer größere Bedeutung, je mehr Gäste eintraten, je mehr die Kirche sich füllte. Die Töne der Orgel waren ihr nie im Leben so gewaltig erschienen wie heute. Sie stimmten, wie es Engele bedünkte, mit der Stunde, die inhaltsschwer jetzt vorüberzog, überein; sie erregten in ihr einen leisen Schwindel, der sie immer tiefer und tiefer in ein halbbewußtes Träumen versinken ließ. Die Gesichter um sie her erschienen ihr unzugänglich für 334 alles, was außer dieser gegenwärtigen Begebenheit lag.

Sie blickte umher. Er war noch nicht da. Wie einsam sie sich erschien! Als wäre sie gar nicht mit den Anwesenden hier, sondern weitab von ihnen, ohne die Möglichkeit, irgendein menschliches Wesen zu erreichen.

Die Tür öffnete sich, der Graf und die Gräfin traten ein. Man machte ihnen ehrerbietig Platz. Nach ihnen kamen die Brautpaare; weiß schwebte es an Engele vorüber – fremder Friede, fremdes Glück – fremde Hoffnungen. Engeles Blicke versanken in den duftigen Schleiern, hingen wie gebannt an den Gestalten der Bräute. In seliger Zusammengehörigkeit mit ihren Verlobten standen sie in unantastbarer Hoheit vor dem Altar, weiß, golden und rosig, sonnenüberstrahlt, wie herrliche Bilder.

Mit unruhigem Ausdruck durchschaute Engele die Reihen der Gäste, um die trostbringenden Augen zu sehen, die auf sie gerichtet sein würden. Sie suchte angstvoll, aber konnte ihn nicht entdecken. Und während ihre Blicke noch nach ihm forschten, geriet ihr Herz in grenzenlose Verwirrung und ahnte, wie hilflos es sei.

335 Endlich sah sie ihn; er stand weit zurück unter den Zuschauern, die sich zur Kirche hereingedrängt hatten. Seine Blicke aber fand sie nicht auf sich gerichtet, mit einem ernsten Ausdruck sah er vor sich hin.

Sie fühlte das wie ein Erstarren in ihrem Herzen.

Und sie begann ihr eigenes Schicksal, das unverständlich über ihr gelegen hatte, zu begreifen.

 

Der Graf, die Gräfin, die Brautpaare begaben sich zuerst nach Hause und empfingen die Gäste. Die Räume des Roggenbachschen Hauses strahlten heute in der Poesie, die ein festliches Schmücken der gewohnten Umgebung verleihen kann. Man setzte sich an die schön gedeckten Tafeln. Bald entfaltete sich Heiterkeit unter den Anwesenden und eine froh erregte Stimmung. Felix Roggenbachs Freunde aber waren nicht erschienen.

Die gute Gräfin mußte die liebenswürdige Wirtin spielen und konnte sich dem Empfinden, daß dieser Tag sie von ihren Kindern trennen sollte, nicht hingeben, und kein Augenblick verging, in dem sie nicht von einem ihrer Nachbarn in ein Gespräch 336 gezogen, in dem nicht ihrem Hause zu Ehren eine Rede gehalten wurde, in dem sich nicht jeder, der es irgend zuwege bringen konnte, bemühte, etwas Freundschaftliches, Liebenswürdiges, ja Begeistertes zu sagen. Jeder schwere Gedanke wurde zurückgedrängt, und so hatte es den Anschein, als wäre den beiden Töchtern Tor und Tür des Hauses leichten Herzens geöffnet, um sie daraus zu entlassen.

Das junge Volk saß an einer Tafel für sich. Mit jeder Stunde wuchs die allgemeine Heiterkeit.

Manche der alten Freunde und Bekannten des Hauses streiften ihre langbewährte Würde und Ruhe ab, ließen sich von launigen Einfällen hinreißen und nahmen ihnen ungewohnte Formen der Liebenswürdigkeit an.

Von einem der Diener wurde eine Weinsorte besonders sorgfältig eingeschenkt mit Nennung eines bedeutungsvollen Namens, und ein junger Vetter Roggenbachs, der diesen Wein als außerordentlich angenehm bezeichnete, veranlaßte den Diener, von dieser Sorte einige Flaschen auf den Tisch zu stellen, die er, der junge Vetter, verwalten wollte. Er veranlaßte ihn zu gleicher Zeit, dem Onkel Friedrich, der Graf Haug gegenüber saß, eine solche Flasche 337 vor den Teller zu stellen, überhaupt gerade diesen Wein vorzugsweise einzuschenken. Der Diener lächelte verständnisvoll ganz untertänig und kam dem Befehle des jungen Herrn nach. Und in Wahrheit fand der Wein Anklang bei jung und alt. So wurde an jedem Tische mit viel Behagen Schloß Vollratser getrunken.

Die Reden häuften sich auf eine beinahe erstaunliche Weise und nahmen bald einen anderen Charakter als bisher an.

Man wendete sich fast allgemein von der Prosa ab und fand es für geeignet, seinem Herzen in Versen Luft zu machen, so gut man konnte, und je weniger es einer zuwege brachte, desto bestimmter war er eines durchgreifenden Erfolges sicher.

Manche der Reden wollten kein Ende nehmen und nahmen es plötzlich, man wußte nicht wie, an der ungeeignetsten Stelle.

Auch die ungeeignetsten Personen begannen zu reden.

Georg schlug an sein Glas, wie er es die anderen hatte tun sehen, sprang, um sich mehr Bedeutung zu geben, auf einen Stuhl und rief: »Ach, meine liebe Alma, meine liebe Elektrine, was soll nun werden, 338 wenn Ihr fort seid! Dann seid Ihr nicht mehr da!« setzte er mit einer merkwürdig unsicheren Stimme hinzu, hielt sein Glas in die Höhe, schwenkte es hin und her, daß die hellen Tropfen auf seine blonden Locken sprühten, und rief unter Tränen, halb weinend, halb lachend: »Hoch – hoch – hoch!«

Die beiden Bräute kamen auf ihn zu. Er wurde umarmt und geküßt. Er war ganz vergraben und verschwunden in weißen Gewändern und duftigen Schleiern.

Manche bemerkten diese Szene; manche erinnerten sich auch nach einer Weile, die Bräute während der zärtlichen Umarmung mit dem kleinen Bruder zum letztenmal gesehen zu haben. Wie Erscheinungen waren sie verschwunden, ohne daß es bemerkt wurde.

Der Kandidat, der auch wieder neben Bettina saß, nahm sein Glas und besprach in einer sonderbar schwungvollen Rede die Vorzüge des Roggenbachschen Hauses.

»Ich,« sagte er, »der ich« – und legte die Hand auf die Tischkante – »die geringste Befugnis habe, diese hochedle Familie leben zu lassen, ich wage es dennoch dies zu tun, und zwar aus allervollstem 339 Herzen, denn schwerlich kann jemand einen ungünstigeren Eindruck hervorbringen, als ich ihn hervorbrachte in der ersten Stunde meines Hierseins, und schwerlich kann solcher sich dann trotzdem rühmen, so aufgenommen zu sein, wie ich es bin –«

»Herr Kandidat Fröschel,« flüsterte Marie, die neben ihm saß, ängstlich. Es wurde ihr ganz eigen beklommen zumute, als der Kandidat zu sprechen begann, und sie dachte: »Das hätte er doch nicht tun sollen; was fällt ihm nur ein!«

Er ließ sich aber nicht stören, sondern fuhr fort: »Wie hat diese hochedle Familie mir beigestanden in Schmach und Verachtung –«

»Ja, was will denn der?« sagte der junge Offizier, der am Schloß Vollratser so viel Geschmack gefunden hatte, zu Marie.

Diese blickte auch bedenklich auf den Kandidaten.

»Wir wollen ihm beistehen,« fuhr er fort. »Hoch!« rief er, »hoch das hochedle Haus, hoch, hoch!« und allgemein wurde eingestimmt.

Der Kandidat blickte mit großen, unschuldsvollen Augen im Kreise umher, lächelte eigentümlich und setzte sich nieder – wie es schien, äußerst befriedigt. Da trat Graf Haug zu ihm, klopfte ihm auf die 340 Schulter und sagte mit dem jovialsten Lächeln auf seinen schön geschwungenen Lippen: »Nicht zu weit treiben, mein Sohn, die Würde der Kirche im Auge haben!«

Der Kandidat schaute lächelnd auf Graf Haug, mit einem Blicke, wie er ihn vielleicht noch nie zu seinem Vorgesetzten erhoben hatte, so einverständlich, so beistimmend, als wollte er dazu sagen: »Jawohl, Alter, wir verstehen uns.«

Bettina blickte erstaunt auf Fröschel und von dem guten Fröschel auf den Onkel Haug, der den ganzen Tag über einen unbeschreiblichen Ausdruck von Würde und ein vorzügliches Gemisch von familienhafter Freundlichkeit und Unnahbarkeit dargestellt hatte. Bettina fürchtete, daß das sonderbare Benehmen des Kandidaten diesem etwas Außerordentliches zuziehen würde, und war sehr erstaunt, daß dies nicht der Fall war, sondern daß Onkel Haug ihm noch einmal freundschaftlich auf die Schulter klopfte. Bettina dachte, daß dies sehr rätselhaft sei. Da ließ sich eine liebenswürdige, sympathische Stimme hören, und allgemeine Stille trat ein.

Onkel Friedrich sprach: »Die Stunde hat geschlagen, geliebter Schwager, teuerer Freund –« 341 Der Onkel wendete sich augenscheinlich an den Grafen, der aber gar nicht zugegen war, sondern mit der Gräfin von den Töchtern Abschied nahm. Der Onkel ließ sich aber durch diesen Umstand offenbar gar nicht stören und fuhr fort: »Teurer Freund! Das Leben dehnt sich weit und weiter aus. Haben sich zum erstenmal aus dem Kreise derer, die wir lieben, die unserer Sorge anvertraut sind, geliebte Gestalten losgelöst, verliert unser Herz seine Insichabgeschlossenheit. Und der erste Schritt ist getan, der uns zur Auflösung ins Allgemeine führt.«

Es wurde eine sehr schwermütige Rede.

Der Onkel hob das Glas dem Platze zu, auf dem der Graf gesessen hatte –, »und das Leben,« fuhr er aus tiefster Brust fort, »auch das einfachste, gesegnetste, verlangt Heldentaten von uns. Das Wachsen und Dahinwelken der Geschlechter ist ein großes erhabenes Schauspiel, das seine Schauspieler zwingt zu spielen und –« Der Onkel fühlte an seine Stirn und rief: »Wozu das Reden! Die beiden schönen Kinder gehen aus dem Hause. Ich mag es betrachten so oder so, mein teuerer Freund! Das Glas zu Deinem Troste!«

In dem Augenblick trat der Graf ein.

342 Der Onkel blickte etwas verblüfft um sich, eilte auf den Grafen zu, schloß ihn in die Arme und rief: »Göttliches Barbarentum; wo das in unserem hochzivilisierten Zeitalter sich noch sehen läßt, kommt wahre Lebensweisheit und Vernunft zutage! Denn was ist klüger: sich bei einem ernsten Lebensabschnitt in Philosophie stürzen oder für genügend Lärm und guten Wein zu sorgen?«

Der Graf blickte einigermaßen erstaunt um sich. Die Gesellschaft machte einen außerordentlich heiteren Eindruck. Ja, er fand, daß sich diese Heiterkeit bedeutend während seiner Abwesenheit gesteigert hatte. Die stürmischen Umarmungen seines lieben Schwagers berührten den Grafen, dessen vornehme Natur eine Weihe und keinen Aufruhr durch die Trennung von den Töchtern erfahren hatte, äußerst seltsam. Er ging im Saale hin und her, trat da und dort zu einer Gruppe, die sich am Tisch gebildet hatte, und konstatierte jedesmal eine sehr gehobene Stimmung, die bei manchem der Gäste sogar einen rätselhaften Charakter angenommen hatte. Als er hinter dem Stuhle seiner Tochter Bettina stand, wohnte er einem sonderbaren Gespräch zwischen ihr und dem Kandidaten bei. Der Kandidat packte in 343 eine Tüte allerlei närrisches Zeug für Agnes, die zwischen seinem und Bettinas Stuhl stand. Er steckte zwischen das Konfekt, das er hineinfüllte, allerlei Dinge, ein Weißbrötchen, einen Löffel, und bemühte sich sogar, ein Salzgefäß mit hinein zu geheimnissen. Agnes klagte mit weinerlicher Stimme, daß er ihr das Salz über die Süßigkeiten gestreut habe, und fragte, warum er das Löffelchen mit hineinstecke. Kandidat Fröschel erwiderte ihr unermüdlich in einem lehrhaften Ton, daß sie es so lassen sollte, wie er ihr es eingerichtet habe.

Bettina blickte verwundert auf sein Tun.

»Komtesse,« sagte er, »haben Sie die Güte, die Tüte zu halten, ich muß zu Graf Haug gehen. In meiner jetzigen Stellung wird es mir von nicht zu berechnendem Werte sein, wir haben Brüderschaft getrunken.«

»Wie denn?« fragte Bettina, mit ängstlichen Augen den Kandidaten musternd, dessen Züge und Ausdruck ihr fremd und sonderbar erschienen. »Wie denn Brüderschaft?« fragte sie noch einmal zaghaft.

»Ich habe es ihm angetragen, und er hat es gütigst akzeptiert,« erwiderte Fröschel in vertraulich flüsterndem Ton.

344 In dem Augenblick trat Graf Haug neben den Grafen, legte seinen Arm um Fröschels Schulter und sagte:

»Nun, nun, da ist er ja; komm mit, mein Alter!«

Der Kandidat erhob sich und ging Arm in Arm mit Graf Haug durch den Saal.

Graf Roggenbach faßte Bettina sanft bei der Hand. Bettina blickte zu ihm auf und fragte leise: »Hast Du das mit dem Kandidaten gesehen?«

»Ja,« erwiderte der Graf.

»Was kann er nur haben?« fragte sie ängstlich weiter. »Es wird doch nichts an dem Essen gewesen sein?«

»Bewahre. Ihr könnt jetzt in das Wohnzimmer gehen.«

Es kam zu einem Aufbruch. Einige standen noch in Gruppen im Speisesaal. Die Damen gingen in das Gartenzimmer.

Graf Haug und der Kandidat wanderten noch immer, Arm in Arm, im Saale auf und nieder und neben ihnen der Onkel. Sie schienen alle drei im tiefsten Gespräch zu sein.

»Es ist ein schöner Abend heute, ein Abend, für den man Gott dankbar sein muß,« sagte Graf Haug mit gerührter Stimme. »Welche Freude, mit dem 345 geliebten Freund und Jünger, Jünger und Freund im Einverständnis zu sein. Sehen Sie, Herr Friedrich Hensler,« sagte er und blieb stehen, »dieser junge Mensch ist mein Stolz, der Träger meiner eigenen Ideen. Ich habe ihn mir herangebildet, und hier steht er.«

Diese Vorstellung begleitete Graf Haug mit einem sanften, liebevollen Schlag auf die Schultern des Kandidaten.

»Wer weiß,« sagte der Onkel bedächtig, mit beseligten Augen und mit freudigem Ausdruck, »ob dieser junge Mensch nicht eher mein Sohn ist als Ihr Jünger, verehrter Graf? Ich fühle eine außerordentliche Neigung zu ihm. Es ist eigentümlich.« So sprach Onkel Hensler geschraubt.

»Sonderbar – sonderbar,« sagte Graf Haug. »Wollte Gott, daß es ihm zum Segen ausfällt.«

»Damit ist wenig getan; man müßte den jungen Mann von dem unbesonnenen Schritt abzuhalten suchen,« sagte der Onkel ruhig und blieb stehen.

»Ja, das müßte man,« sagte Graf Haug gedankenvoll.

Der Onkel aber schien längst von dem Geiste der Verwirrung auf andere Wege geführt worden zu 346 sein und sagte nach einer Weile, zu Graf Haug gewendet: »Ich glaube, unser junger Freund hier ist nicht zum besten in Ihren Händen aufgehoben, liebster Graf.«

»So?«

»Ja,« und der Onkel legte den Arm des Kandidaten in den seinigen mit einer Bewegung, als wollte er ihn zu sich hinziehen.

»Hüten Sie sich, Herr Graf, das Reich der Kleinlichkeit und Härte statt das Reich der Liebe zu stützen und zu erweitern! Oder, mit anderen Worten,« fuhr er erhitzt fort, »hüten Sie sich, Engherzigkeit und Hartherzigkeit weiter zu verbreiten!«

»Lieber Freund,« sagte Graf Haug, und ein berückendes Lächeln schwamm auf seinen wellenreichen Lippen, »wo käme die Welt hin, würde jedem hier sein Recht zuteil? Sie fräßen sich auf vor Gerechtigkeit und fräßen sich auf vor Liebe. Das schließt nicht aus, daß man ein guter Christ ist,« sagte Graf Haug mit schwerer Zunge.

»Lassen Sie den jungen Mann los,« rief der Onkel heftig und riß an dem Kandidaten.

»Wie können Sie der Jugend so etwas vorreden! Wissen Sie, was Jugend ist? Nehmen Sie 347 ihr die heilige Ueberzeugung, den Glauben an sich selbst, die Hoffnung, Wunder zu verrichten, und Sie haben schwachgeistige, greisenhafte Geschöpfe vor sich, in denen ihrer Natur nach heiliges Feuer brennen müßte.« Sehr geschraubt war der Onkel.

»Lassen Sie den Kandidaten los!« rief der Onkel wütend.

Der Speisesaal war beinahe leer. Graf Roggenbach, gefolgt von seinem kleinen Neffen Freden, dem Offizier mit dem Vollratser, der ihm schon seit einer Viertelstunde auf das sonderbarste und aufdringlichste überall, wohin er auch gehen mochte, nachlief, trat jetzt zu der lebhaften Gruppe, die der Onkel, Graf Haug und der Kandidat bildeten.

Jeder von beiden suchte sich des Kandidaten zu bemächtigen, und in dem Augenblick, als der Graf zu den dreien trat, befreite sich dieser eben von seinen beiden Gönnern, ging in gemessener Haltung auf den Grafen zu, hob die Finger wie zum Schwure empor und rief:

»Ich werde meinem Namen Ehre machen! Ich werde meinem Namen Fröschel Ehre machen!«

»Er wird quaken,« rief der kleine Freden und stand genau hinter Graf Roggenbach postiert, 348 und zwar auf einem Beine, das andere hielt er mit der Hand in die Höhe, kam dabei aber so ins Schwanken, daß er sich an den Schultern des Grafen halten mußte, der, sehr wenig von solcher Vertraulichkeit erbaut, sich kopfschüttelnd nach seinem Neffen umblickte. Dann sagte er zum Kandidaten, daß er mit seinem lobenswerten Entschluß ganz einverstanden sei.

»Und ich werde noch mehr tun,« erwiderte der Kandidat enthusiastisch.

»So,« sagte der Graf.

Der Onkel stand währenddem und versuchte energisch und würdevoll, seine Zigarre an einer Champagnerflasche anzuzünden. Dann stellte er die Flasche, verwundert, daß die Zigarre nicht Feuer fing, vorsichtig zurück.

»Fröschel,« rief der Onkel, ohne auf seinen Schwager zu achten, »Du bist auf dem Weg, auf den ich Dich leiten will; noch ein paar Schritte, und Dein Gang wird fester werden.«

Er umschlang den Kandidaten. Beide Arme streckte er aus und hielt ihn von sich weg, nachdem er ihn prüfend von oben bis unten betrachtet hatte. Dabei liebkoste er ihn in der Art, wie man ein 349 abgerichtetes Tier liebkost, und wendete sich zu dem Grafen und sprach:

»Mein kleines Fröschel entwickelt sich vortrefflich.«

»So, so –,« sagte der Graf, blickte sich ungeduldig nach seinem Neffen um, der eben wieder schwankend an des Grafen Schulter gestoßen war, und machte sich auf, um aus dem Saale zu gehen.

Wie an ihn gebannt folgte ihm der kleine Freden und diesem der Onkel und dem Onkel Graf Haug; dem letzteren schloß sich der Kandidat an. So gingen sie die Treppe hinab. Unterwegs änderte der Onkel die Reihenfolge und begab sich hinter den Kandidaten, so daß der junge Mensch wieder zwischen seinen beiden Gönnern gehen konnte.

Während des Weges aus der oberen Etage hatte der Zug der munteren Hochzeitsgäste, in denen allen der Vollratser sonderbar wirkte, ihren Anführer, den Grafen, verloren.

»Er wird seinen Schmerzen nachhängen,« bemerkte sein Schwager wehmütig.

Graf Haug steuerte geradeswegs durch eine Hintertür dem Garten zu.

350 »Treten Sie leise auf, Graf,« rief der Onkel, der ihm mit dem Kandidaten auf den Zehen folgte, »das wird gut sein!«

Graf Haug befolgte des Onkels Rat, und so schlichen alle drei, immer noch hintereinander, in den Garten.

»Lieber Graf,« sagte der Onkel – sie unterhielten sich auffallend wohlgesetzt und höflich –, »beunruhigen Sie unsern Fröschel nicht; ich habe ernste Befürchtungen, wie ich Ihnen, wenn ich nicht irre, schon andeutete, daß Ihr Einfluß auf ihn kein günstiger ist. Bedenken Sie, daß jetzt in seiner Seele eine gesegnete Aenderung vorgeht! Sein Herz erwacht, sein Geist beginnt sich zu klären.«

»Das wäre?« fragte Graf Haug und blickte gespannt auf. Sie wanderten durch flimmernden Mondschein über weite Rasenplätze und unter tief schattenden Bäumen hin.

So kam der Zug, Graf Haug, der Kandidat, Onkel Hensler, vor dem Haus mit den hellerleuchteten Fenstern wieder an.

In der Tür und an den Fenstern des großen Gartenzimmers standen und saßen die Roggenbachschen Kinder, die Gräfin und noch einige Gäste.

351 »Was macht Ihr denn, wo lauft Ihr denn hin?« riefen verschiedene Stimmen.

»Sagt einmal,« fragte der Onkel gedehnt, als besinne er sich erst auf das, was er fragen wollte, »wo ist denn der Schwager?«

»Er wird sich etwas zurückgezogen haben,« erwiderte die Gräfin.

»So –,« sagte der Onkel wieder gedehnt. »Du bist übrigens nicht besorgt – in keiner Weise?«

»Inwiefern?«

»Glaubst Du, daß ihm der Abschied von den Kindern nahe gegangen ist?«

Die Gräfin lächelte sanft.

»Ich meine,« fuhr der Onkel heftig. aber mit leiser Stimme fort, »weißt Du bestimmt, wo sich Dein Mann augenblicklich aufhält?«

»Nein,« erwiderte sie ruhig, »ich denke, er wird etwas ausgegangen sein. Ich kenne ihn. Er liebt es, mit seinen Gedanken allein fertig zu werden. Wir wollen ihn nicht stören.«

»So – nicht stören,« polterte der Onkel. »Ich denke, ihn auf alle Fälle aufzusuchen; koste es, was es wolle, sei er, wo er sei.«

352 Mit diesen bedeutungsvollen Worten verließ er die Gräfin.

Die Gräfin blickte ihm erstaunt nach, und der Onkel ging kopfschüttelnd wieder in den Garten.

»Ja – ja – ja,« sagte der Kandidat, als der Onkel zu ihm trat, zog seine Lippen zu einem Rüsselchen zusammen und starrte vor sich hin.

»Was machen Sie da?« fragte der Onkel barsch. indem er ihn genau betrachtete.

»Ich – ich – bedenke mich,« erwiderte der Kandidat.

»Ei – wie häßlich Sie das tun!« sagte der Onkel mißbilligend.

Dann machten sie sich beide auf, um den Grafen zu suchen, und gingen wieder durch den schimmernden Mondschein.

Der Onkel murmelte allerlei vor sich hin, dessen Sinn der Kandidat nicht mehr fassen konnte, blieb da und dort stehen und fragte: »Geht er nicht da, lieber Fröschel?«

»Das wäre!« erwiderte der Kandidat darauf.

»Der sitzt tiefer,« fuhr der Onkel fort, »das versichere ich Sie.«

353 »Glaub' es wohl – so ein Graf,« bestätigte der Kandidat.

Nach längerem fruchtlosen Umherirren trafen die beiden wieder ein und fanden alles in erhöhter Verwirrung.

Es war niemand mehr zugegen als die Gräfin, die zwei Mädchen und die Frohbergs. Der Graf war immer noch nicht zurück. Nur der junge Freden leistete noch Gesellschaft und machte seine Gegenwart außerordentlich bemerklich.

Der Onkel fand seine beiden jüngsten Nichten weinend zusammen auf einem Stuhle sitzend.

»Es ist heute alles gar zu schaurig – gar zu schaurig!« rief Marie und verbarg ihren Kopf an der Brust der Mutter.

Auch der Gräfin rannen an diesem Abend die ersten Tränen über die Wangen.

Es war eine so wunderlich erregende Atmosphäre in den letzten Stunden im Hause gewesen, ein sonderbares Empfinden war durch aller Herzen gegangen.

Der Gräfin und den Töchtern fehlte jedes Verständnis für die Ereignisse, die sich hier abgespielt hatten. Es mochte lange gewährt haben, bis ihnen 354 über den Grund des Benehmens ihrer Gäste einige Klarheit gekommen war. Sie wußten nicht, wie abenteuerlich, während sie sich im Wohnzimmer eingeschlossen hielten, es in ihrem Hause aussah; wie leichtsinnig man mit Feuer und Licht umging, so daß es als ein Wunder anzusehen war, daß nirgends Flammen ausbrachen, und wie schnöde und unachtsam der Wein, die edle Gottesgabe, verschwendet wurde.

Einer der dienstbaren Geister, dessen Tun und Lassen von ganz anderen Mächten an diesem Abend bestimmt wurde, als von seinen ihm sonst zu Gebote stehenden Verstandeskräften, ließ auf der Treppe ein Tragbrett mit noch unentkorkten Champagnerflaschen fallen.

Ein gewaltiges Zischen, ein Brausen, ein Klirren, ein Sprühen, und das edle schäumende Naß strömte die Stufen der geschmückten Treppe hinab – eine köstliche Flut.

Der Täter dieser schönen Untat stand verblüfft einen Augenblick vor dem seltenen Schauspiel, darauf verschwand er, das dunkle Bewußtsein, etwas Außerordentliches geleistet zu haben, in sich tragend. 355

 

Zur Zeit, als in dem Roggenbachschen Hause alles Leben überschäumte, als Vernünftiges, Lustiges, Ausgelassenes, Schmerzliches in allerlei Gestalten in den Köpfen wirbelte, fand sich im Garten ein junges Paar: Felix und Engele. Sie hatten sich tagsüber wenig sprechen können und waren nun unter dem Schutz der allgemeinen Verwirrung miteinander in tiefste Stille geflüchtet. Engeles Kopf ruhte an Felixens Schulter, ihre Arme hielten ihn umschlungen.

»Ich bin müde,« sagte sie nach langem Schweigen. »Was für Glück gibt es auf Erden!«

Der Mond schien auf die in Liebe versunkenen Gestalten.

»Ich habe eine Bitte an Dich,« flüsterte sie.

»Welche, mein Herz,« fragte er flüsternd zurück. »Welche?«

Sie antwortete nicht und hielt ihn nur inniger, nur fester umschlungen.

»Was für eine Bitte, mein süßer Liebling?«

»Nenne mich –«, sagte sie leise und stockend, als ließe das klopfende Herz ihr die Stimme erbeben, »ein allereinzig Mal – Deine liebe Frau.«

356 Er ließ sie einen Augenblick frei; über seine Züge flog ein Ausdruck, den sie nicht verstand. Sie blickte unverwandt auf ihn.

»Du bist nicht böse?« fragte sie.

»Meine liebe, süße Frau,« sagte er eigentümlich ernst und drückte ihr einen Kuß auf den Mund.

»Das ist doch kein Unrecht,« erwiderte sie ruhig. »Ich werde es mein Leben lang wissen, daß Du es einmal gesagt hast – ein einzig Mal.«

»Mein armes Herz,« sagte er weich.

Und sie umschlang ihn mit einer tiefen, innigen Leidenschaft.

»Niemand wird um eines Traumes willen für glücklich gehalten,« rief sie, »und niemand hält sich selbst deshalb für glücklich!«

»Mein Liebling!« sagte er bewegt und schloß sie fester in die Arme. »Hör' mich, meine süße Frau! Laß mich Dir's sagen, was mich so ganz bewegt: Wir stehen in einer sehr ernsten Zeit. Es gibt Krieg, von dem einige wenige glauben, daß seine Schrecken nicht allzufern von hier sich abspielen werden. Noch sind alle hier ruhig und fast ahnungslos; aber es ist so, wie ich Dir sage. Engel, Dein Lieber wird 357 mitziehen, in wenigen Tagen schon. Wir werden einen großen, ernsten Abschied voneinander nehmen.«

Sie blickte mit erstarrtem Ausdruck zu ihm auf, ganz ohne Verständnis.

»Du mußt ein tapferes Mädchen sein, mein Kind. Es wird von uns jetzt mehr gefordert werden, als in ruhigen Zeiten von den Menschen verlangt wird. Die große, wundervolle Liebe zum Vaterland wacht auf!«

»Nicht bei mir,« sagte Engele und blickte dunkel vor sich hin. »Was ist Vaterland? Die fremden Städte und Dörfer, und die fremden Leute, die Sonntags hinausziehen, um Bier zu trinken?«

»Du wirst's erfahren,« sagte Felix.

»Ist es notwendig, daß Du mitgehst?« fragte sie zitternd.

»Nein – doch will ich.« Das sagte er so fest, daß sie zu ihm aufschaute, und sie blickte in ein männlich schönes reines Gesicht, das unbezwinglich aussah.

Wie eine gräßliche Last war das, was Felix ihr vertraut hatte, Engele auf das Herz gefallen. Ein furchtbarer Stoß mitten ins Leben hinein.

Felix, getragen von großen Vorstellungen, erfüllt von Ekstasen und Ideen, die größer waren als er 358 selbst und ihn aufrecht erhielten und stärkten, hatte das hilflose Menschengeschöpf in den Armen, das nichts sah zwischen sich selbst und dem Entsetzen, das von keiner Idee getragen wurde. Wie wohlgerüstet stand er da und hielt die zerdrückte Seele, die kraftlos vor Schrecken dahinsank.

»Und Deine Liebe, Engel,« sagte er leise, »Dein heiliges Versprechen! Willst Du mir das, was ich tun muß, wenn ich meinem innersten Gesetze folge, schwer machen?«

»Nein, nein, schwer machen nicht,« sagte Engele kaum hörbar. – »Dir zuliebe alles! alles! Nichts gibt's, was ich Dir zuliebe nicht könnte! Doch sprich nicht vom Vaterland!« Sie hob die Hände bittend auf. »Das ist für mich nur eine gräßliche Redensart; nichts mehr.« Sie stand jetzt aufrecht vor ihm und legte ihre Hand in die seine – und so gingen sie miteinander stumm durch die Gartentür, dem Jungfernturm, dem Altersnest zu, in dem die heiligen Jungfrauen den Schlaf des stillen Lebens schliefen.

Engele trat erschauernd nach stummem Abschied in das dunkle, lautlose Haus und tastete sich in ihr Stübchen wie ein armes Tier, das schwer verwundet sich eine Ecke sucht, in die es sich verkriechen kann. 359

 

Engele und Felix hatten nicht bemerkt, daß im Erdgeschoß ein grünumranktes Fenster zum Garten hinaus noch erleuchtet war.

In der Unruhe des Tages, in der Unruhe seines Herzens hatte er heute nicht nach seinen Freunden gesehen, hatte sich nicht nach ihnen erkundigt.

In dem von einer Kerze erleuchteten Zimmer saß Myrtel in ihrem Nachtkleid am Fenster. Die kühle Herbstluft drang ein. Myrtels Füße waren bloß. Sie schien keine Kälte zu spüren. Die Kerze flackerte in der bewegten Luft. Myrtel hielt die Hände auf dem Tisch gefaltet.

Ihr Liebster schlief nach einem schweren, trüben Tag, und sie hatte sich lautlos erhoben, um hier still zu sitzen.

Wenige Tage nur hatte der Lebensmut, die Wandlung angehalten, dann war der Freiherr wieder wie stumpf geworden, ohne Freude, ohne Kraft zur Tat, und doch in quälendem Tatverlangen befangen.

Ob ihm ein Knopf bei der Toilette riß, oder der Einsturz einer Decke aus dem verlassenen Gut vom Verwalter gemeldet wurde, alles wirkte gleich stark wie ein Donnerschlag in seine Gedankenwelt hinein. 360 Er konnte nicht über sich hinaus. Die Einladung zur Hochzeit mußte abgelehnt werden, ohne eigentlichen Grund.

Nein, er wollte nicht zu diesen blonden, schönen Kühen. Er wollte sie nicht essen sehen mit dem guten Appetit der Roggenbachs; auch die Frohbergs sahen ihm gefräßig aus. Nein, er wollte nicht.

Myrtel hatte auf das Wiedertrübewerden ihres Liebsten so geschaut, wie auf ein dunkles Wetter, das am Horizonte aufzieht und die Seele zu erdrücken scheint.

»Nie mit mir,« hatte sie nächtelang gedacht. »Nie wird er lebendig und frei mit mir. Ohne mich – ohne mich – erwachte er! Zehr' ich ihm am Leben? Muß wohl sein. Was bin ich für ihn? Mit aller unergründlichen Liebe eine Last – eine Beschwerlichkeit für seine Natur. Nie mit mir! nie mit mir! wird er lebendig und froh.«

Dies Gebet der schmerzlichsten Erkenntnis betete ihre arme Seele unentwegt.

Und sie fühlte, wie eine zwingende Macht sie an der Hand nahm und führte.

Ja, sie wollte geführt sein, und nun geschah es also. Von ihrem Liebsten wurde sie fortgeführt, in 361 eine unbekannte Nacht hinaus. Fort – fort – fort – fort – mit jedem Schritte und ohne Wiederkehr, in die Weltennacht hinaus.

Eine dunkle Verheißung, ein dämmerndes Ziel, fern, wie ein flimmernder Stern – ein süßer, unaussprechlicher, weltenferner Jubelton – eine Einswerdung über alle Räume hinaus – ein Locken der Erlösung – eine große, tiefe, zwingende Liebestat. Ein Abgrund zog an, zog an. Sie näherte sich taumelnd mit grausender Wonne – mit Entsetzen. Sie fürchtete über alles den Schmerz – das Weh – das Tun.

So kämpfte sie, so wurde sie vom Strom ihres schmerzensvollen Wollens gegen ihr Erdenverlangen, ihre Erdenwonnen getragen, über die Welt hinaus, einen fremden, nie geschauten Weg; aber der Strom trug, – er trug. Sie fühlte keine Erdenkühle mehr, ihre armen Füße froren nicht. Sie erschauerte in ihrem dünnen Nachtkleide nicht mehr.

Sie war schon auf der Reise, die keiner Füße mehr bedarf.

In der Nacht, als sie ihrem Liebsten den Opalschmuck gebracht hatte und die vier zarten Hände mit den schimmernden, geheimnisvollen Steinen wie 362 mit Tränen im Kerzenschein gespielt hatten, als ihr Liebster sie getragen und sie mit der Hand das flackernde Licht geschützt, damit es nicht verlösche, und die Hand ihr rosa geleuchtet, wie ein durchscheinender Karfunkelstein, und von der alten Reisekutsche die nistende Eule aufgeflogen war, damals schon hatte die dunkle Reise, über die liebe Erde hinaus in die Weltennacht hinein, für sie begonnen.

So saß Myrtel regungslos. Ihre Seele lebte ohne Körper, tastete sich zurecht wie ein armes, blindes, verlassenes Kind.

Ihr Liebster schlief.

Sie aber legte sich nicht nieder an seine Seite, sondern blieb auf, kramte in ihrem Koffer, nahm ein weißes, liebliches Kleid heraus mit weißer Stickerei und zarten Einsätzen, ein Kleid nach ihrem Sinn, nahm ein feines, lindes Hemd und seidene weiche Strümpfe und legte sich alles zurecht, zuoberst wieder in den Koffer und nahm einen Brief, der sorgsam auf ihren Kleidern lag, und den ihr Frau Guggenmoos vor Wochen schon geschrieben.

Sie hatte ihn schon oft gelesen und mit Tränen benetzt, als wären es die Zeilen einer geliebten 363 Verstorbenen. Alles Heimweh flammte auf. Alles Abschiedsweh.

»Liebe werthe, gnädigste Frau,« schrieb die alte, zierliche Müllerin. »Gar herrlich steht die Saat. Aber an dem Platz, den man das Aeckerle nennt, hat ein kurz Hagelwetter, wo niederging, bös gehaust und Gottes Gab zernichtet und schwer nieder gelegt. Der Anselm wird sich schon melden. Ich sags, wie's is. Das Holz wo er hat schlagen sollen im Herbst, is wohl geschlagen dazumal; aber ich kenn mich net aus. Ich mein mehr hätts geben soll'n. Mei rechte Hand tät ich ins Feier davor legen. Meine lieb werthe gnädige Frau, ich schau nach Euch aus und nach seiner Freiherrlichen Gnaden. Und net ich allein, die Hasen schau'n mit ihren roten Aeugeln und Nero, der alte elendige, heult nach Euer Gnaden, daß es eins erbarmen möchte. Und wenn ich auch sag: Schamst di net. Der is ganz a ausg'schamter. Und wenn ich sag: Dei Fraule graust sich ganz vor dir, das will er net hören. So ein Hundsvieh trägt auch sein Leid. Wenn ich net Zeitlang hätt nach Euer Gnaden, ging es mir wohl, so aber möcht ich mit dem alten Saupelz heulen, was sich wohl net schicken tät vor mich.

364 In Ihrem Schlafgemach hängt die Decken, das Gebälk nicht; aber der Bewurf macht ein Sack um andern. Da gehört der Maurermockel her. Ich hab die beiden Bettladen abgerückt. So ein alt's Haus will seine Wartung wie ein alter Mensch. Zeit wärs, Ihr kämet heim. Mir gefallts net.

In der Kugel wär auch manchs zu richten. Die Mäus sein frech! und der Anselm! Ich sags wie's is. Den söllt wohl Einer auf die Finger schaun und auf die Finger klopfen. Ach meine lieb gnädige Frau kommts heim.«

So las Myrtel – und streckte die Arme aus nach der lieben Guggemoosin und nach ihrem Heim auf Erden.

Dann kauerte sie sich voll Schlaf auf das kleine Sofa nieder und schlief ein.

Die Kerze flackerte vor ihr auf dem Tisch. Die kalte Herbstluft drang ein. Myrtel aber schlief.

 

Felix Roggenbach war diese ganze Nacht in seinem stillen Hause wach.

Er hatte von seiner Botschaft einen Ueberblick der absoluten Wirklichkeit des Krieges erhalten.

365 Der Friedensglaube Preußens erschien unbegreiflich.

Seit der Mobilmachung rückten Preußens Truppen, wie durch ihre eigene Wucht auf kriegerischer Bahn vorwärts getrieben, ohne leitenden Gedanken, ohne Begeisterung, ohne Glauben und Wollen und ohne Rücksicht auf die Bedenken und den Friedensglauben der Regierung unaufhaltsam vor.

Napoleon ging mit seiner ganzen Armee den nächsten Weg, um seine Gegner anzugreifen, wo er sie träfe. So wälzten sich die Heeresmächte über Deutschland hin. Die preußischen Truppen in drei Heere geteilt, doch ohne daß bis jetzt von Preußen eine Kriegserklärung erfolgt wäre.

Noch war scheinbarer Friede unter den kriegerischsten und unerhörtesten Verhältnissen.

Heute war die Nacht des vierten Oktobers, die Hochzeitsnacht der zwei schönen Roggenbachschen Töchter, die todesbittere Nacht Myrtels – die Nacht, in der Felix von Roggenbach seine Seele rüstete und sich vorbereitete, wenn es sein mußte, das Leben für sein Vaterland zu lassen. Wie ein rührender Schatten spielte Engele in seine Gedanken hinein, ein Schatten, der seine Seele beklemmte. Morgen 366 wollte er sich beim Fürsten Hohenlohe melden, der sein Hauptquartier schon seit dem zweiten Oktober in Jena hatte. Morgen wollte er dem Grafen Roggenbach seinen Entschluß mitteilen.

Felix von Roggenbach ordnete und schrieb.

Seine Frau war die erste, der er sein Vorhaben, den Feldzug mitzumachen, mitgeteilt hatte. Eine Nachricht würde ihn vor dem Ausbruch des Krieges schwerlich mehr erreichen.

Felix Roggenbachs Stimmung war erregt und gehoben.

Es hatte ihn hierher getrieben, seinem Geschicke entgegen.

Die Sehnsucht seiner Jugend war in ihm zur Tat geworden. Er hatte seine wiedergeschaute Heimat an sein Herz gedrückt; da gab's kein Zweifeln, kein Bedenken, was nun zu tun sei.

Und die Liebe zu Engele, so voll verhaltener Glut, war im tiefsten Innern, die Liebe zu seinem angestammten Blut. Engeles Schönheit wurde ihm zur Schönheit seiner Heimatserde. Er liebte Engele mit der ganzen Kraft eines Heimatslosen, früh Verwaisten, den die Gnade der Heimkehr berauscht.

367 Und wie er in dieser stillen Nacht im totenstillen Hause saß und Engeles Züge sich bewegt zurückrief, befiel ihn eine tiefe, ratlose Wehmut.

Er hatte die Geliebte vor seiner leidenschaftlichen Glut bewahrt. »Bewahrt,« dachte er, »bewahrt! Armes, armes Kind, arme, süße Seele im Altersnest.«

Er sah sie im Geiste mit Erschauern unter den verblichenen Jungfrauen, die alle dieselben dunklen schönen Blicke hatten, wie sie aus Engeles blühendem Angesicht strahlten.

 

Eine schwere, lähmende Gewitteratmosphäre umgab die Menschen, eine Unsicherheit, ein Beklommensein. Noch wußte man in der Oeffentlichkeit von keiner Kriegserklärung, man schlug sich die Sorgen aus dem Sinn und lebte sein alltägliches Leben. Die ersten Tage des Oktobers waren hell und voller Herbstesschönheit, nach kühlen Nächten leuchtete die Sonne, so auch nach jener Nacht, die Myrtel in dem kleinen Zimmer, dessen Fenster vom Weinlaub dicht verwachsen war, mit unausdenkbaren Entschlüssen durchlebt hatte.

Myrtel aber war die Erfüllung geworden der Sehnsucht ihres Liebsten. Die Liebe, die sie ganz 368 durchglühte, durchleuchtete ihren Leib, wie ihre Hand verklärt wurde, mit der sie jene brennende Kerze schützen wollte.

An ihrem Liebsten lag es, daß er das Wunder, welches er herbeigewünscht hatte, nicht sah. Dieser Welt Fluch lag noch über ihm, der da heißt:

»Seelenblind für alle Seele außer dir verkennst du alles, was du nicht selbst bist, und dich selbst. Du begreifst die ganze Welt sinnlich; du nimmst dich selbst sinnlich wahr.«

So kam es, daß der Freiherr diesen Tag, an dem Myrtel von ihm scheiden wollte, wie jeden andern Tag verbringen konnte.

Er war übler Laune und bedrückt. Ein mühseliger Brief war abgegangen an Anselm, den Verwalter, dem er halb traute, halb nicht traute. Es war daheim allerhand nicht so, wie es sein sollte. Er hatte versucht zu arbeiten, doch war ihm nichts geglückt. Noch fand er den Ausdruck seines innersten Willens nicht. Er vergaß: wer erlösen will, sei selbst erlöst!

Myrtel und ihr Liebster saßen miteinander zu Tische. Hans trug auf, was er bereitet hatte. Unter Myrtels Leitung war er gar kein ungeschickter Koch 369 geworden. Sie hatten miteinander die kleine Wirtschaft ganz prächtig geführt.

Für Myrtel blieb Hans ein lieber Gesell aus der Heimat, ein Stück Heimat, ein Trost. Ohne zu reden, in sich versunken, saß der Freiherr.

Myrtel sagte: »Wir hatten ein so schönes Daheim; denkst Du manchmal daran? Jetzt färben sich die Bäume, und der Himmel ist so dunkelblau, wie den ganzen Sommer nicht. Weißt Du, wie silbern das Schindeldach in der Sonne schimmerte, und abends die Nebel vom See – wie sie angestiegen kamen. Ich habe den Herbst dort so geliebt. Ueberall sonst schien er mir traurig zu sein. Wie dankbar bin ich Dir, daß Du mich in eine so wundervolle Heimat brachtest!«

»Sonderbar, daß Du das alte Heckennest so liebst,« sagte er. »Was hast Du davon? Mir war's seit Jahren wie eine Oede, wie ausgestoßen saßen wir dort.«

Myrtel: »Ich nicht. Gedenkst Du der Guggemoosin manchmal?«

Er: »Nein, daß ich nicht wüßte.«

Myrtel: »Mein Lieber, das ist nit recht. Weißt Du noch, was ich Dir von ihren heiligen Kleidern 370 erzählte? Unscheinbar ist sie, aber angefüllt von lauter göttlichen Geheimnissen des Lebens. So einfach erscheinen sie in ihr. Sie aber trug das Schwerste heiter, das haben die Märtyrer auch getan. Die Guggemoosin sollte eine Heilige sein. Grüße sie vieltausendmal von mir!«

Er: »Nach Deiner Sehnsucht, scheint es, wird Dich wohl kaum hier etwas zurückhalten, kleine Myrtel.«

Myrtel: »Wer weiß, Sehnsucht ist nicht dasselbe wie Heimkommen.«

Er: »Willst Du heim? So sag's! Mir ist das eine gleichgültig wie das andere.«

Sie: »Nein, ich will nicht heim. Aber Dir dürfen die Dinge dieser Erde nicht länger mehr gleichgültig sein. Du mußt leben, und leben tut man nur, wenn man etwas aus tiefstem Grund der Seele will. Oder wende Dich von der Welt ab, in heißem Verlangen nach Gott! Das ist das höchste Leben und das höchste Verlangen.«

Er: »Nönnchen!«

Sie: »Felix sagt, Du willst, daß Kunst Erlösung bringe, wie Christus Erlösung bringen wollte.« Dann fuhr sie mit ihres Liebsten Worten fort, die er 371 im Garten bei Felix Roggenbach gesprochen hatte: »Du sagtest: ›Es wird durch die Kunst nicht mehr eine Welt der Körper sein, der Masken und schaurigen Larven, der Fleischklumpen und redenden Braten, und wir werden sie erst von Angesicht zu Angesicht schauen.‹«

Er: »Wieso behieltest Du das wörtlich wie Dein Glaubensbekenntnis?« Er lächelte.

Sie: »Weil es Dein Glaubensbekenntnis ist.«

Er: »Du bist ein gutes, artiges, holdes Kind.« Es schmeichelte ihm, daß sie seine Worte so genau behalten hatte. Ahnte er es, welch tiefes Weh diese Worte ihr ins Herz gegraben?

Sie: »Nein, bin kein Kind, Du siehst mich falsch.«

Er: »Doch ein Kind, was seine Aufgabe ganz wunderlich aufgesagt hat.«

Er streichelte ihre Hand.

Sie: »Ich spreche net im Scherz. Wer so denkt wie Du, soll allzeit heiter und mutig sein.«

Er: »Das stellst Du Dir so vor, kleine Myrtel.«

Sie: »Nein, das wird so sein. Du wirst von nun an mutig und lebendig, ein neuer Mensch werden, wie Du wurdest, als ich nicht bei Dir war. Weißt Du, als ich nicht bei Dir war.«

372 Er: »Weshalb bist Du bei Tisch so prophetisch und hast kaum gegessen?« Er lächelte heute oft über sie.

Sie (scherzend): »Sähest Du hinter die schaurige Larve, die Myrtel heißt!«

Er: »Die seh' ich durch und durch. Die möchte ihr Spirituslämpchen holen und Kaffee brauen.«

Sie: »Das möchte wohl die schaurige Larve, die Gabi heißt. Du hast Recht, man sieht nicht hinein in den andern.«

Sie brachte die Täßchen und ihre kleine Lampe. Die Flamme brannte kaum sichtbar im hellen Zimmer, in das die Sonne durch das Weinlaub schien.

Bald duftete der schwarze Kaffee in den kleinen Mokkatassen.

Myrtel war tief erbleicht. Die süße Stunde des Behagens riß ihr am Herzen. Sie trat zu ihrem Liebsten und schmiegte sich still an ihn. Er ließ sie aus seinem Täßchen nippen. Sie tranken zärtlich abwechselnd miteinander.

»Schön ist es,« sagte Myrtel, »daß Christus vor seinem Tode Trank und Speise uns geheiligt hat. Vielleicht liegt darin auch eine Erlösungstat. Wir trinken und essen, was einst lebte und wuchs, 373 sich freute und litt. Das ist schauerlich. Der Tod aber ist überwunden. Wir erkennen durch Christus und wissen, er führt ins reinere Leben. Nicht mehr ist der Tod schauerlich. Erlösung ist der Tod auch für die alle, die wir trinken und essen.«

»Du wunderliches Kind,« sagte Myrtels Liebster.

»Nicht wahr, Gabi, Du weißt, was ich auch tue, ist, um Dir zu helfen? Sieh hinter meine Larve, da ist nichts, was nicht Liebe zu Dir ist, und was ich nicht von Herzen gern für Dich täte. Denke nie, daß ich etwas ungern für Dich tat.«

»Nein, das denke ich doch nicht, Myrtel, gewiß nicht. Wie kommst Du darauf?«

»Ich wollte es Dir nur sagen, vergiß es nicht. Alles wird mir leicht, was ich für Dich tue, spielend leicht.«

»Aber ich verlange nichts Schweres von Dir.«

»Es schadet aber auch nichts, wenn ich's sage.«

»Nein, gewiß nicht, Liebling.«

»Ehe Du gehst,« fuhr Myrtel fort, »Du gehst doch heute mit Felix, es ist schon Zeit – trink noch ein Glas Wein und gib' mir davon!«

»Ja, ich muß gehen. Was ist denn Dir, Myrtel? Alles durcheinander, trinken und sprechen.«

374 »Nein, nein,« sagte sie, »das ist nicht so schlimm«

Da brachte sie schon aus dem Schrank eine Flasche mit Wein und ein Glas. Sie goß ein und reichte es ihm.

Er trank einen Schluck. Sie aber nahm das Glas aus seiner Hand und leerte es auf einen Zug. Sie tat es aber in ihrer Seele wie eine heilige Handlung, als hätte sie mit ihm das Abendmahl genommen.

»Myrtel,« sagte ihr Liebster, »was für ein Saufaus bist Du.«

Sie half ihm in seinen Mantel, er nahm seinen Hut, und Myrtel hing ihm am Halse, küßte ihn, trug ihm Grüße an Felix auf; und der solle unbeschreiblich gut zu ihm sein.

»Sind wir denn noch in den Flitterwochen?« frug der Freiherr lächelnd seine Liebste.

»O, tausendmal mehr liebe ich Dich,« sagte sie ernst.

Auch er küßte sie voll großer Liebe.

Als er durch den Garten ging, stand sie am Fenster und nickte ihm heiter zu.

Er wollte nickend an ihr vorübergehen, da wendete er sich um, trat an das Fenster und sagte:

375 »Mich däucht, mein Schatz, Du bist fast allzu heiter. Ich denke an die Geschichte mit dem gewürzigen Hund. Geh, betrüg' mich nicht wie ihn! Wenn ich Dir widerwärtig bin, sag's allzeit offen! Wenn Du etwas nicht gern tust, laß es mich wissen!«

»Nein,« sagte Myrtel ernst. »Du bist mir wahrlich nicht widerwärtig. Ich liebe Dich mehr, als ich's zu sagen weiß, und was ich auch für Dich tue, tue ich von ganzem Herzen und mit Leib und Seele.«

Er küßte ihr die Hand, die sie ihm durch das Weinlaub reichte. Da berührten seine Lippen die Beeren einer kühlen Traube bei dem Kusse, so daß ihn die Kühle sonderbar durchrann.

 

Als Myrtel allein geblieben, die Schritte ihres Liebsten verhallt waren, sank sie in die Knie und blieb so stumm und ohne Bewegung.

Dann nahm sie ihre kleine Schreibmappe, setzte sich in ihrem Zimmer an das Fenster. Die herbstliche Nachmittagssonne schien durch den Garten, so kristallhell, wie nur Herbstsonne scheint.

Myrtel schrieb:

»Mein über alles Geliebter, weißt Du, die Nacht, als ich nicht bei Dir war, als Du mich 376 verloren glaubtest – wie Dein Bestes sich auf sich selbst besann, wie Leben und Hoffnung Dich durchströmte, wie Du ein neuer Mensch wurdest! – Werde es! Ich verlasse Dich, damit Du Dich selbst findest wie an jenem Abend!

Wie Du mich frugst; so antworte ich Dir von ganzer Seele. Was ich für Dich tue, das tue ich gern, und wär's für Dein Wohl in den bittern Tod zu gehen, der nur bitter ist im Tun vom Leben zum Tod.

Um mich brauchst Du Dir keine Sorge zu machen. Ich werde wohl aufgehoben sein. Ich ging aus großer Liebe zu Dir. Man wird gütig und freundlich mit mir sein. Ich fürchte mich nicht. Und wie viel Menschen müssen weit, weit mehr leiden wie ich, ehe sie zur hohen Seligkeit erwachen. Dein Reisedolch ist scharf. Meine Liebe ist groß. Mein Glaube, in einer bessern Welt zu erwachen, ist unverbrüchlich. Ich bin durchdrungen davon.

Da ist wahrlich keine Lüge wie beim guten gewürzigen Hunde damals, sondern alles ist so, wie ich Dir sage. Alles ist klar und hell und ohne Falsch, durchsichtig wie der klarste Edelstein und die allerhellste Quelle.

377 Nun aber sei mein tapferer Schatz! Ergreife das wahre Leben und Deine wahre Kunst, und sei mir gesegnet über alle Maßen!

Ich erwarte Dich. Die paar Jährchen werden Dir und mir vergehen.

Durch alle Ewigkeiten getreu und liebend

Deine

Myrtel.«

Nun hüllte sich Myrtel in ihr weiches, weißes Hemd und ihr zartes Kleid, die seidenen Strümpfe zog sie nicht an, legte sich mit bloßen Füßen auf ihr Bett – faltete die Hände zum letzten Gebet. Griff nach ihres Liebsten Reisedolch, der unter ihrer Bettdecke verborgen lag – und wahrlich, es schien, als würden ihre schwachen Hände von der mächtigen Kraft geführt, der sie so ganz sich vertraut hatte. Grauenhaft entschlossen, mit unerhörter Kraft tat sie das Entscheidende, daß die tödliche Spitze ihr Herz traf, ohne daß ein Tropfen Blut ihr weißes Kleid befleckte.

Ihr von Angst und Schmerz und Kraft verzerrtes Gesicht glättete der Tod.

So lag ihr junger, schöner Leib friedvoll, die offenen Augen schauten geheimnisvoll, ohne Blick. 378

 

Myrtel hatte die Türe nicht verschlossen. Felix und der Freiherr traten nach wenigen Stunden, als die Dämmerung schon tief herabsank, in das Wohnzimmer. Hans wollte Licht machen. Der Freiherr wehrte es.

Felix kam zum ersten Male als Krieger und hatte mit seinem Freund vieles zu bereden gehabt.

Der Freiherr rief nach Myrtel, sah in ihrem Schlafzimmer nach und fand sie im tiefen Dämmerlichte schlafend.

»Aber nie schlief sie zu solcher Stunde,« sagte er zu Felix.

Die beiden Freunde saßen nun still auf dem kleinen Sofa nebeneinander. Vor dem Fenster zogen Truppen vorüber, die zur Armee des Fürsten Hohenlohe gehörten und seit dem zweiten Oktober in und um Jena verstreut lagen. Das taktmäßige Marschieren drang gedämpft und schauerlich in den Raum. Der Boden erzitterte vom Rhythmus der Schritte. Es war, als zöge mit schwerem Dröhnen das Schicksal ungezählter Menschen vorüber, ein Strom, der, sich ins Dunkel hinauswälzend, Unheil und Grauen mit sich führte.

Hans brachte nun doch das Licht. Ihm war es 379 auch draußen bei dem gleichmäßigen, nicht endenwollenden Ziehen der Truppen unheimlich zumute geworden.

»Myrtel,« sagte der Freiherr, »was schläft denn Myrtel so?«

Der Freiherr erhob sich, nahm ein Blatt von seinem Schreibtisch. »Ich versuchte,« sagte er, »was mir Krieg bedeutet« – und er sprach, oder las ganz in sich versunken, und in seine Worte dröhnte es fort und fort von draußen.

»Erschauernd blickst Du in das Grauen des Völkerkampfes, der vor Deinen Augen entbrennt und die Erde mit ihren Menschen furchtbar verwandelt.

Todbringend ein jeder. Glut zu töten in jedem Atemzug, kein anderer Ausweg, um zu leben, erbarmungslos morden! Eingeboren ist es ihnen, mächtig tritt es hervor in den ungeheuren Massen der Krieger und Heerscharen, wie ein Hochgewitter im Sommer.

Und es scheint so ganz erdengeboren zu sein; kanntest Du wohl Deine Dir so teure Erde im scheinbaren Frieden? Kanntest Du sie wohl? Kanntest Du jenen Frieden, der Dich umgab? Jene Welt, die Dich umgibt? – Und wenn Du sie kanntest, 380 sage, weshalb stauntest Du, als sich der Urgrund dieser Welt auftat und sein Angesicht unverhüllt zeigte?

Freudvoll sind diese Welten, doch vergänglich sind Freuden dieser Welt; vergänglich wie Blüten, welkend wie Jugend, enttäuschend wie Liebesgenuß.

Grauenvoll sind diese Welten, wahnbefangen und leiderfüllt, ganz im Banne niemals gestillten Verlangens, ganz im Banne ewig friedloser Tat, allem Schrecken preisgegeben, preisgegeben dem Tode.

Eine Welt, in der aller Sieg auf Niederlage ruht, alle Freude auf Schmerz, alle Lust auf Leid, alles Leben auf Vernichtung, vom Brunstschrei bis zum Todesröcheln, eine Welt aus Gier und Fraß, aus Angst und Flucht, aus Kampf und Qual; ein ewig stürmendes Meer, unabsehbar an Raum, endlos an Zeit, an rastlos quellendem Leben übervoll, nur von einem Gedanken erfüllt, voll nimmer gestillter Gier, ringsum zu töten! und tötend zu leben! Henker und Opfer zugleich, wir blinden Menschen. In allen Höllen und Erden dieser Welt, – in allen Himmeln! Eine Welt, die sich selbst frißt – nie auszumessendes Maß an Leid. Wohl Dir, wehe Dir, daß Du blind bist!

Wir schauend Blinden!

381 Da, in dieser dampfenden, schwelenden Dumpfheit, in der nichts Mächtiges gedieh als Ichheit, bricht das Hochgewitter Krieg ein.

Der Urgrund der Welt, den sie nie erschauen wollen, tut sich vor aller Augen auf: Welten, die andre Welten verschlingen, selbst von anderen Welten verschlungen werden.

Die Herzen, die so erdensicher lebten, werden bestürmt, gerüttelt und beraubt.

Gottes Stimme wird gehört: Entsagung – Bekehrung – Ueberwindung – Aufopferung – Verklärung!

Selbstlosigkeit steht auf, Selbstlosigkeit, das Wunder aller Wunder. Quell und Ursprung, Geburt aller Gottheit, bricht durch starre Ichheit. Ich! Ich, das sich aus dem Fleisch und Blut des Nächsten aufbaut, Ich, das von der Vernichtung anderer lebt – erwacht, gibt sich preis, vergißt sich selbst, opfert sich!

Wie dunkle Wolken ziehen die Heerscharen der Krieger an erschütterten Herzen vorüber – hinaus ins Feld, sich zu opfern, wie Wolken, in denen nur ein Wille herrscht. Jeder einzelne in Einheit ausgehend hat eine Welt überwunden.

382 Bin ich, so ist Welt; gebe ich die Welt auf, so ist Gottheit, so bin ich nicht und keine Welt. Darum keine Gottheit, da Welt ist – und kein Ich, keine Welt in der Gottheit.

Und wenn es nur ein Gleichnis ist, wie alles hier auf Erden: in den Heerscharen, die zum Schlachtfeld ziehen, um das urewige Weltengesetz zu erfüllen, das ihnen gebietet: zu verschlingen, um nicht verschlungen zu werden, entflammt Opfermut. Das ist Selbstlosigkeit, Geburt aller Gottheit.

Das höchste Ereignis.

Gottwerdung – Entichung – flutet durch Heerscharen, ein Sturm der Gottwerdung, der Einswerdung. Die Seelen fluten über die furchtbare Erde hinaus.

Und wenn Du mir sagst: ich werde Dich auf ein Schlachtfeld führen und Dir die hingemordeten Leiber zeigen – und Rede sollst Du mir stehn, ob des Krieges Angesicht nicht über alles Maß hinaus grauenerregender ist als das des Friedens, antworte ich Dir: Ich werde Dir die Walstatt der Seelen zeigen, die im dumpfen Frieden, im breiten Behagen, verstümmelt, erstickt, verunstaltet, erdrosselt wurden. Sage Du mir, welche Walstatt die grauenvollere ist?«

383 Felix drückte seinen alten Freund an sich. »Gottsucher Du!«

»Gottsucherlump! Wortfinder!« antwortete der Freiherr wie außer sich und machte sich los.

»Gedulde Dich doch, bis sich das Höchste Dir kündet,« rief Felix. »Ringe nicht so! Warte! Und ich wollte, es wäre, wie Du sagst; die, die draußen marschieren und so schweigsam und still trotten, zögen dahin wie ein Sturm der Gottwerdung! – dann, glückseliges Deutschland!

Aber heute noch braut es nur hier im Stübchen. – Vielleicht morgen!

Und sieh mich an: Für meinen Traum, für das süße Schlafliedchen, mit dem meine Mutter mich einst einsang, für ein sehr geliebtes Mädchen, das nicht mein ist, und für eine Heimat, die ich nicht habe, und für Dein und Myrtels Traumhaus, für deutsche Frühlingsmorgen und heimliche Herbstabende, die ich mir kaum entsinne, für unser Wandern in Deinen Wäldern, für lauter Fernes, Versunkenes – Verklungenes, will ich mein Leben hingeben; – ein wunderlicher Narr!«

»Felix, – Dein In-den-Tod-gehen-wollen für selige Träume macht meiner Seele Erdenliebe! 384 Sehnsucht nach allem, was Du nennst! Myrtel! – Myrtel!« rief er laut. »Sage, Felix, ist es nicht, als schiene Myrtels Seele hin und wieder durch den lieben Körper, als fiele ihre Ichheit dann wie ein Mäntelchen von ihr ab – und sie wird zur reinern Liebe, ein Stück Gottesheimat, eine Offenbarung der höchsten Dinge – ein Buch mit sieben Siegeln.

Das Geheimnis und Verlangen meiner Seele neben mir zu finden – nicht in mir – aber in sel'ger Nähe!« Er nahm die brennende Kerze, öffnete die Türe. Da stand er und sah in Myrtels blicklose Augen.

Draußen das Wälzen und Stampfen des unheilvollen Stroms.

Myrtels Liebster blieb stumm. Der Lichtschein leuchtete über Myrtels Gestalt, spiegelte in ihren Augen wie in trüben Edelsteinen. Der furchtbare Takt der Schritte der Todgeweihten vor dem Fenster wogte fort und fort.

Keine Bewegung kam in das Starren des Mannes.

»Felix,« rief endlich eine fremde, tonlose, sonderbare Stimme.

Und Felix sprang auf und sah seinen Freund regungslos vor Myrtels Bett stehen.

385 Er sah das stille Totengesicht, die blicklosen Edelsteinaugen, – nahm seinem armen Freund erschauernd das Licht aus der Hand, stellte es beiseite, nahm ihn in seine Arme. Dieser aber sank vor Myrtels Bett nieder und verbarg sein Gesicht in die kühlen Tücher.

Felix schloß sanft Myrtels fremde Augen und sah mit Entsetzen, was Myrtel an sich selbst getan. Das wollte er dem Freunde verbergen. Der aber hatte am Fußende des Bettes Myrtels Brief gefunden, seine Stirn hatte ihn berührt.

Er las ihn beim matten Scheine der Kerze, die vom Fensterbrett herüberleuchtete, schrie auf und fühlte, seine Welt war vom Blitz getroffen.

Selbstlosigkeit – Geburt aller Gottheit! »Das höchste Ereignis!« rief er aufschreiend und sank mit dem Haupt auf Myrtels Füße.

 

Im Hause hörte man von der unseligen Tat Myrtels. Der alte Doktor, der Vater der fünf heiligen Jungfrauen, kam und konnte nichts als den heldenhaften Tod des guten Geschöpfes beklagen. Alle boten ihre Hilfe an, wo nichts mehr zu helfen war.

386 Nur Engele ließ Felix in die traurigen Zimmer treten.

Engele sah Felix zum ersten Male als Krieger. Keine Klage, kein Wort. Sie ging hinaus in den Garten, um die letzten Blumen für Myrtel zu holen, und schmückte das Lager damit. Den traurigen Stahl hatte der Doktor entfernt.

Engele saß diese ganze Nacht still an Myrtels Bett, sprach ein paar gelassene sanfte Worte mit Felix, wagte, dem Freiherrn gegen Morgen eine Tasse Tee zu bringen und Felix zu einem kleinen Abendessen zu ermutigen.

Mitten in der Nacht aber trat Mathias Heinloth in das Zimmer, bleich, ganz zerrüttet. Er bat den Freiherrn mit einfachen Worten, Myrtel sehen zu dürfen.

Der gewährte es ihm mit einer Handbewegung.

Mathias Heinloth sank vor dem Bett in die Knie und sagte einmal über das andere Mal: »Du geliebte Heilige, bist Du herabgestiegen aus Deiner Nische, hast Du das Weh, was sie Liebe nennen, kennen gelernt, das süße, furchtbare Weh – und man hätte Dir heilige Teppiche unter die Füße breiten sollen.«

387 Mathias Heinloth war der einzige, welcher hier Tränen fand. Er strömte über von Tränen und schien mitten in seinem Kummer Wein zu sich genommen zu haben; oder war er trunken vor Schmerz? Er blieb an Myrtels Zimmertür stehen und redete von ihr in Sehnsucht und Liebe.

»Alle habt Ihr sie nicht genug geliebt, und habt die Süßigkeit ihres Wesens nicht getrunken, wie ich sie trank. Ihr Anblick war meine Nahrung, ihre Stimme war mein Getränk; ich lebte von ihr. Auch Du nicht, Aermster, den sie über alles liebte, auch Du liebtest sie nicht genug.« Mit seinen schwappligen Händen fuhr er sich über die Augen, wendete sich zum Gehen und taumelte in die Nacht hinaus.

Die im Zimmer still und wortlos saßen, hörten seine unsicheren Schritte im dunklen Garten.

 

In tiefer Nacht nahm Felix von Engele im Garten an der Saale Abschied. Aus dem Fenster, hinter welchem Myrtel noch im schmalen, weißen Sarg lag und der Freiherr hoffnungsarm bei ihr wachte, drang der Lichtschein durch die Bäume und Sträucher, und der Lichtschein aus der Stube der Gutjahrs und aus der Wohnstube der fünf heiligen 388 Jungfrauen. Alle saßen sie in Furcht und Entsetzen, erschüttert von Myrtels trauriger Tat, und in Angst gejagt von den Truppenzügen, die sich grauenhaft still und schweigend durch die nächtlichen Straßen bewegten, die von brennenden Kerzen, welche die Bürger an die Fenster stellen mußten, schwach erhellt waren. Dies stille Marschieren der Soldaten erweckte einen Schauer des Entsetzens, der die Gemüter vollständig niederdrückte. Man hörte kein Lied, man hörte keine Stimme, alles blieb stumm. Lautlos zogen diese Menschenmassen.

Felix und Engele hielten sich umschlungen in ihrer traurigen, vor der Welt verborgenen Liebe. Er konnte das gute Geschöpf keiner Menschenseele anempfehlen. mußte sie in ihrer Not und stummen Qual zurücklassen. Worte stellten sich nicht ein, stumme, schmerzvolle Küsse, in denen die ganze Trostlosigkeit und Schwere ihres Liebesschicksals lagen.

»Wo gehst Du hin?« fragte Engele leise.

»Ich bin zu Prinz Louis von Preußen beordert, bringe Befehle vom Fürsten Hohenlohe nach Rudolstadt.«

Ein Lebewohl – ein langer, banger Kuß. Er nahm ihre Hand und führte sie stumm dem Hause zu.

389 »Geh, mein Kind,« sagte er, »geh zu Myrtel und dem Freiherrn!«

Armseliger Schutz und Trost für dies bedrängte Herz. Er schickte sie zu der Toten und zu dem Zerbrochenen und gehorcht seinem eigenen Schicksal.

 

Als Myrtel in der Erde ruhte, fuhren Schauer des Grauens über die Stadt, Hagelwolken des Entsetzens. – – – – Die stummen, mutlos, müde marschierenden Truppenzüge, die endlos durch die Straßen sich bewegten, die wie durch eigene Wucht sich herangewälzt hatten ohne genügende Fürsorge, hungernd und dürstend, gleichsam vaterlos, ohne Ansprache, ohne Glaube – und todgeweiht, durch keine Idee getragen, – ungetröstet, von keines Führers Kraft und mächtiger Ausstrahlung belebt. – Diese vaterlosen und glaubenslosen Truppen wurden vor der Stadt durch Gerüchte erschreckt, der Feind sei da. Ein Grausen verbreitete sich, alle Stumpfheit fiel ab, Entsetzen, Todesfurcht überfiel die Massen und gärte in ihnen und tobte in ihnen wie der Sturm in einem Meer. Und das Entsetzen, das Brüllen der Angst, die Todesschreie des Grausens fuhren wie ein keuchender Sturmwind durch die 390 Straßen, erstarrten jedes Herz, machten das Blut vor Grauen gerinnen.

Ein Gewitter von Tränen und Angstschreien derer, auf deren Mut man hoffte, entlud sich. Alles rannte in namenlosem Schrecken durcheinander, überrannte einander. Die Knechte hieben die Stränge der Wagen durch und jagten davon, Kanoniere ließen Kanonen mit Munition im Stich, totenbleiche, schlotternde Menschen, wie Kinder schluchzende und schreiende Burschen warfen Gewehr und Tornister ab. Zitternd drangen die armen Vaterlosen in die Häuser ein, flehten um Schutz, versteckten und verbargen sich, wo sie konnten. In den Lindengarten der Roggenbachs strömte das haltlos losgerissene Grauen; vor Bettina, Marie und der Gräfin lagen sie und jammerten um Schutz vor dem Tode, um Verstecktwerden und Verborgenwerden. Die Mädchen und die Gräfin schluchzten und zitterten mit ihnen. Der Graf sah starr und düster auf die Elenden.

In die stillen Totenzimmer des Freiherrn drangen sie, kauerten sich auf Myrtels Bett, küßten dem Freiherrn die blassen Hände, stürmten zu den fünf heiligen Jungfrauen, entsetzten diese mit ihrem 391 Furcht- und Todesjammer. In jedes Haus drang Grauen.

Lähmung und Aufruhr der höchsten Furcht, Gespensterfurcht des Todes überall.

Weit außerhalb der Stadt waren Wege und Felder mit weggeworfenen Gewehren und Taschen bestreut, man fand vernagelte Kanonen. Preußen hatte sächsische, Sachsen preußische Bagage geplündert, Zelte, Kochkessel, Brot- und Geldwagen hatten sie verloren und stehen gelassen.

Bangigkeit mußte jedes Herz erfassen. Dazu kam die Nachricht von dem unglücklichen Gefecht bei Saalfeld und vom Heldentod des Prinzen Louis von Preußen. Er hatte kühn und kampflustig gegen den Befehl des Fürsten Hohenlohe den übermächtigen Feind angegriffen. Neben dem Prinzen von Preußen war Felix von Roggenbach gefallen, als Held einer besseren Zeit.

 

Das Entsetzen wuchs. Aus dem fürchterlichen Vorahnen und Vorfühlen des Todes stieg der Tod selbst mit allen Schrecken empor. Auf den Hochebenen über der Stadt, die steil zu Tale abfallen, donnerten die Kanonen, sanken die Kämpfer zu Tausenden.

392 In der Stadt, in jedem Heim höchste Not, Feuersbrünste in den nächtlichen Straßen, wilde, vom Kampf erregte Horden, kaum eine Heimstatt, die nicht zerrissen und zerstört, kaum ein Eigentum, das nicht ergriffen wurde.

Nächtliches Toben in Häusern und Gassen, Lebensunsicherheit, Schlaflosigkeit, angstvolles Wachen. Nimmer endenwollende Züge Sterbender und Elender.

Bürgerlichkeit schwand dahin.

Ueber alles feine Leben, über all die Gespinste zarter Seelen, über die süßen Schmerzen, süßen Freuden, weltenschweren Qualen der einzelnen, über alle Opfer der Liebe, alle Abneigung und Zuneigung, über all das Ausgebreitete, das in jeder Brust als Lebensgewißheit brannte, hatte sich eine gewaltige Faust gestreckt und hatte alles ergriffen mit einem Griff und in der flachen Hand gewogen wie ein leeres Nichts.

Demut stieg aus diesem Chaos der Zerstörung auf für die einen, für andere Verzweiflung und Wahnwitz

Alles Gute war fortgeweht, wie ein Mückentanz im Sturmwind.

393 Ganz zarte, ganz arme Seelen aber tauchten in dem Meer von Schrecken und Not auf und wollten, trotz ihrer schwachen Hände und zertrümmerten Herzen, helfen.

Unter den dunklen Gewölben der Michaelskirche, durch die geöffneten Türen drang des Nachts der Schein der Feuer, die von Prunkstücken bürgerlicher Wohlbehaglichkeit genährt wurden, von geschontem, teuerem Hausrat, damit Verwundete und Frierende in den kalten Nächten sich wärmen konnten. Unter den Bogen dieser altersdunklen Kirche ging eine unermüdliche Gestalt mit Wasserkrug und Brot und Verbandzeug und kniete bald bei diesem aus dem Heere der Elenden, bald bei jenem. Nichts schreckte sie ab, nicht die verzerrten Gesichter der Toten, nicht das Stöhnen der Sterbenden, das jammervolle Seufzen und Toben der Fieberkranken, nicht der entsetzliche Geruch und die das Herz zerkrampfenden Anblicke. Sie hatte Wege gefunden, daß man ihre Handreichungen duldete. Sie ging beschmutzt und zerrissen, ihr Haar war wirr, ihr Gesicht gealtert. Sie betete mit dem einen, verband den andern, half überall. Ihr zur Seite, ihr immer behilflich Myrtels Geliebter mit zarten 394 blassen Händen. Diese beiden jungen Menschen ruhten nicht, gaben sich hin, wie nur Trostlose sich hingeben können. Zwei Gefallene waren diesen beiden geisterhaft nahe, ein heimatssehnsüchtiger Mann, dessen Leib auf dem Schlachtfelde schlief, und ein zartes, heiliges Weib, das dem zehrenden Kampf der Selbstverneinung selig erlegen war.

Die Lebenden aber knieten vor den unergründlichen Geheimnissen und dem unergründlichen Sein des Lebens.

Denn meine Gedanken
sind nicht Euere Gedanken,
Und meine Wege
sind nicht Euere Wege.

 


 

Die zwei Gedichte »Der Einsiedler« und »Die tausend Spiegel« von Helwig Omar.

 

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