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Der gewürzige Hund

Helene Böhlau: Der gewürzige Hund - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gewürzige Hund
authorHelene Böhlau
year1916
firstpub1916
publisherUllstein & Co
addressBerlin-Wien
titleDer gewürzige Hund
pages394
created20140225
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Als die schönen, weißen blonden Mädchen mit Engele, die sie ganz in ihren Fittichen verborgen, wie die Schwäne hinaus in die Dunkelheit geflogen waren und den Vetter Felix Roggenbach auch mit sich genommen hatten, begann für Engele das Leben sich zu bewegen.

Ein Überschwall von Jugend und Heiterkeit schlug über ihr zusammen.

Die vier großen, schönen Geschöpfe waren wie gute Kinder, so liebenswürdig und harmlos.

»Wie oft haben wir einander schon begegnet,« sagte die Jüngste, Bettina, »und ich wollte Sie immer anreden, des Onkels wegen. Wir wußten ja doch, er wollte Sie mit uns zusammenbringen. Wir haben es auch durch ihn erfahren, daß Sie seiner verstorbenen Braut gleichen, und daß er Sie damals deswegen angeredet hatte; aber man traut sich nicht, und wir gar! Wir Kinder sind immer 184 unter uns gewesen, haben fast nie Kinderbekanntschaften gemacht.« Die Riesin sagte: »Wir Kinder.« »Der Vater hat uns auch zu Hause unterrichten lassen. Wir sind ja auch genug! und haben's immer wunderschön gehabt.«

Elektrine meinte: »Es ist hier zu viel Literatur gewesen, und literarische Menschen, Dichter und Geschichtenschreiber liebt unser Vater nicht. Wir natürlich hätten die Schlegels, die schöne Frau und ihre entzückende kleine Tochter, gern kennen gelernt, und Novalis. Wir waren damals freilich noch zu jung, aber wenn sie bei uns verkehrt hätten, würden wir sie doch gesehen haben und all die berühmten Leute auch!«

»Nun,« sagte wieder eins der blonden Mädchen mit tiefer, lieber Stimme: »Und es ist auch vergangen. Jetzt hätten wir das Nachsehen; aber schade, daß jetzt so viel Interessantes in der Welt los ist und gerade in unserer nächsten Nähe! Wir könnten doch auch in Weimar zu Hofe gehen, ja wir müßten es eigentlich. Wir würden Goethe sehen. Nichts, gar nichts. Vater sagt: Laßt Euch an dem genügen, was diese Leute schreiben und hier auf Erden den Menschen hinterlassen! Wie oft sind 185 wir Goethe zu Gefallen gegangen, wenn er Frommans besuchte oder zu Griesbachs ging; aber das schon durfte unser Vater nicht wissen, und bei uns wird alles gelesen, was er schreibt. Unser Vater lebt nur in Kunst. Wir waren zwei Jahre in Rom, ehe wir hierher kamen. Da können Sie sich vorstellen, was wir sahen! Was eigentlich Vater so besonders gegen Weimar einnimmt, wissen wir gar nicht.«

»Ich glaube«, fügte Bettina, die Jüngste, hinzu, »wenn wir nicht wären, würde Väterchen jeden dritten Tag bei Goethe sein, und in das Haus der schönen Frau Karoline Schlegel wäre er auch mit tausend Freuden gegangen.«

Der Vetter Felix Roggenbach aber meinte lächelnd: »Nun, was sollten sie denn in Weimar bei Hofe mit meinen vier großen schönen Kusinen eigentlich anfangen? Auf so etwas sind sie da gewiß gar nicht eingerichtet. Vier solche in Freiheit dressierte Komtessen Roggenbach kann ein kleiner deutscher Hof nicht vertragen. Vier!«

Engele mußte ihm von seinem Onkel erzählen, und sie tat es bewegt, als wäre sie nicht die Engele Gutjahr, sondern ein ihr selbst unbekanntes Wesen, 186 das auf einer Fahrt ins Unbekannte begriffen war. Sie wußte nicht, wohin sie eigentlich gingen, ob die schönen Mädchen nur einen nächtlichen Spaziergang mit ihr machten, oder ob sie ein Ziel hatten.

Felix Roggenbach hielt sich zu Engele. Sie hatten so viel von dem einsamen Onkel und dem alten, mit wertvollen Bildern und Sammlungen angefüllten Hause zu reden.

»Schade, daß Sie Ihren Onkel nicht näher kannten,« sagte Engele. »Sie wissen es aber, was für ein guter Mensch er war?«

»Ich weiß von ihm doch zu wenig, und Sie können nicht glauben, welch wunderbares Empfinden es ist, an seinen Besitz zu rühren! Es kostet Überwindung, ein Fach aufzuschließen; ich erschrak zuerst, wenn meine Hände stöberten, und mir war es, als wenn ich mich auf einem Diebstahl ertappte. Man fühlt die Eigenart des eigentümlichen Mannes jedem Gegenstand im Hause aufgeprägt.

Es ist lange her, daß wir uns nicht gesehen haben, ich war ein Knabe, als ich das letztemal bei ihm wohnte. Damals habe ich neben ihm in dem niederen Dachstübchen geschlafen. Er wollte in der Nähe jener astronomischen Instrumente sein, 187 um zu jeder Zeit in der Nacht es leicht zu haben, in die Geheimnisse seiner Sternenwelt zu blicken. Der Mond schien in meine kleine Kammer, und er stand in seinem weiten Schlafrock vor mir, fast verlegen, daß er mich geweckt hatte. ›Du schliefst schon fest, nicht wahr? Aber schlüpf' einmal in Deine Schuhe und komme mit mir!‹ Ich trat mit ihm hinaus auf die Plattform. Der Sternenhimmel wölbte sich über uns in klarer Herrlichkeit. Ich glaubte ihn noch nie so unaussprechlich geheimnisvoll und erschütternd gesehen zu haben. Ja, es war mir, als zeigte ihn mir mein Onkel zum ersten Male in jener Nacht. Und als er mich dann eine jener im Raume schwebenden, leuchtenden Welten durch sein wundervolles Fernrohr schauen ließ, schien mir's, als sei ich bei dem lieben Gott selbst oder einem seiner Propheten zu Besuch.

Wir saßen dann noch lange auf der Plattform über den Dächern der schlafenden kleinen Stadt, nichts über uns als die im Raum sich bewegenden Welten.

Wie selten haben wir Menschen einen solchen Eindruck, der uns dem Weltall und seiner Größe gegenüberstellt!

188 Wir Kulturleute tun alles, um uns in die Enge zu sperren, und werden noch viel mehr tun, um von allem, was Gott ist, abgetrennt und vollgefüllt von allem, was Erde ist, zu werden. Solch einer wie Novalis, der Friedrich von Hardenberg, wußte das; der nannte Philosophie Sehnsucht. Philosophie ist Sehnsucht. Der wußte, wohin wir uns retten müssen. Daß der hier in Jena mit Ihnen dieselbe Luft geatmet hat! Und Sie wissen nichts von ihm!«

Da sagte Engele: »Er verkehrte ja mit Ihrem Onkel; aber starb dann bald, als ich Herrn von Roggenbach kennen lernte. Der sagte mir, daß Novalis den reinsten Begriff von Religion in sich getragen habe.«

»Sagte das mein Onkel?« rief Felix Roggenbach erfreut. »Wie schön, daß Sie mir das berichten können!

Meine Kusinen haben freilich recht, zu bedauern, daß sie all die kostbaren Leute nicht kennen lernten, die hier in Jena lebten. Aber ebenso verstehe ich meinen Onkel, daß er seine schönen Mädchen ruhig aufwachsen sehen wollte. Denn die hier lebten, waren alle eigenwillige Leute, die das Schicksal 189 beugen wollten, diese großen Träumer, und man will seine Töchter in ruhigen Verhältnissen sehen. Wir Roggenbachs sind sehr gefährdete Menschen, und würde es nicht Schlegels, Tieck, Novalis gegeben haben, hier in unserer Familie hätten sie entstanden sein können. Nein!« – unterbrach er sich – »Niemals! Bei uns liegt Romantik zu tief, so daß sie nur zu Einsamkeit und Abgesondertheit der Seelen führt, nicht zu Schöpferkraft. Siehe unsern lieben Onkel! Und welche Romantik ruht in der Abgesondertheit dieses feinen, feinen Mannes, Alexander Roggenbachs. Ja, schau' nur,« sagte er zu Bettina, die in seinen Arm vertraulich sich eingehakt hatte.

»Wohin lauft Ihr denn eigentlich?« fragte der Vetter Felix.

»Wir, wir wollen nur den Frohbergs noch Gute Nacht zurufen.«

Da wendete Bettina sich zu Engele: »Sie wissen nicht, daß zwei von uns verlobt sind. Die Alma mit einem sehr allerliebsten Baron Rosen am Gothaischen Hof und Elektrine mit dem jungen Frohberg hier. Da werden Sie sehen, wie gemütlich es dort ist.«

190 Sie gingen über die Kamburger Brücke. Die Saale rauschte, der Mondschein lag über den steil abfallenden, schönformigen Bergen ausgebreitet, daß sie wie luftige, aus silberfarben schimmerndem Duft gewobene Erscheinungen im Lichte schwammen, und von den Wiesen, die sich an den Ufern der Saale hinzogen, hoben sich monddurchschienene Nebel wie zarte, durchschimmernde Geisterwesen.

Die Roggenbachschen Töchter erzählten Engele und ihrem Vetter von den Frohbergs, zu denen sie eben gingen.

»Wißt Ihr,« meinte Elektrine, die eine Braut, »die Frohbergs heirate ich einmal alle miteinander, nicht nur ihren großen Schlingel, den ich schon ewig kenne; die sind nach meinem Herzen, die Mutter wie die Tante und die Hannah auch; und das Pony und der Schnauz, wie sie gehen und stehen! Und daß sie Frohbergs heißen und die Tante Lilly Spiegel, das ist alles so lustig und lebendig! Jetzt wollen wir ihnen aber einmal Gute Nacht sagen.«

Sie standen vor einem großen, ländlichen Hause, das mit der Giebelseite zur Straße hinblickte, mit der ganzen Breite aber in einem weiten Garten lag.

191 Elektrine zog die Klingel an der grünen Gartenpforte.

Vom Hause aus kamen ihnen zwei junge Gestalten entgegen, ein großer, jünglinghafter, frischer, biegsamer Mann, der mit froher Stimme: »Elektrine und alle miteinander!« rief, und ein junges Mädchen.

»Bald hättet Ihr uns aus den Betten holen müssen,« rief diese, »gerade packte der Löwe seine sieben Sachen.«

»Der Löwe ist Frau von Frohberg, die Mutter von meinem Bräutigam,« erklärte Elektrine. Während sie dies sagte, küßte der junge Mann ihr Hand und Mund.

 

Und alle traten in das Haus ein. In einem sehr breiten, etwas niederen Zimmer saß am Klavier eine graziöse Frau in weißem Kleid mit einem türkisfarbenen Brusttuch. Sie hatte soeben mit Spielen aufgehört, und eine andere Frau in langem grauen Kleid, und nicht lieblich wie die erste, viel kräftiger und derber, im weißen Brusttuch, hatte die Arme voll Bücher und trug eine Kerze in der andern Hand.

192 »Wo sind denn unsere bösen Kinder hin?« fragte das Frauchen am Klavier.

Da wurde die Tür geöffnet, und die ganze Gesellschaft trat ein. Die weißen Mullgardinen flogen vom Zugwind, denn alle Fenster standen offen. Es war die schönste Mondnacht-Gartenluft im großen Raume zu spüren.

»Na hört einmal!« rief die kräftige Frau mit der brennenden Kerze in der Hand; sie legte ihre Bücher auf den Tisch zurück. »Könnt Ihr denn nicht noch 'n bißchen später kommen? Vor literarischen und unseren besten Menschen auf Erden werdet Ihr behütet; aber Strolche scheint man bei Euch für nichts zu achten, und die laufen doch, weiß Gott, dichter gestreut umher wie Genies.«

»Der Löwe schimpft,« sagte Friedrich August heiter und hielt seine Braut an der Hand. Alma, die älteste der Roggenbachs, meinte: »Da hat der liebe Löwe auch ganz recht, und wir gehen auch gleich wieder.«

Die anmutige Frau am Klavier hatte ihren Arm um ihre hübsche blonde Tochter Hannah geschlungen. Beide waren gleich zierlich und glichen einander, man konnte sie für Schwestern halten.

193 »Sieh nur,« sagte Frau Lilly Spiegel, »was für Haufen sie alle sind! Der Löwe, Friedrich August, der Schlapps, und all die Roggenbachs. Gott behüte einen! Und nun heiraten sich auch noch die Riesentiere.«

Sie setzte sich nieder an das Klavier und spielte eine leichte Melodie.

»Das stampft und trampelt und tut,« sagte sie vergnügt während des Spiels zu ihrer Tochter gewendet. »Weshalb gehen sie denn nicht in den Garten? Ach wie nett war's, als Ihr alle noch klein wart!«

Sie setzten sich aber sehr behaglich und ließen sich nicht stören, trotzdem der Löwe gern zu Bett wollte und Frau Lilly von Spiegel schimpfte.

Sie unterhielten sich bis jetzt nur von Tieren. Ein hübscher Schnauz wurde der Mittelpunkt des Interesses; von einem Pony, das sie im Stall hier hatten, und das beiden Parteien gehörte, Frau von Frohberg mit Sohn und Lilly von Spiegel mit Tochter, wurde viel und eifrig gesprochen, trotzdem der junge Friedrich August Frohberg Majoratsherr der großen Frohbergschen Besitzungen war und sein Gut in der Nähe von Rudolstadt bewirtschaftete.

194 Hannah von Spiegel erkundigte sich nach den Rosinen der Roggenbachs. Das waren fünf kleine, glatte, schwarze Hündchen, die gewöhnlich zwischen Roggenbachs Blondinen durcheinanderliefen. Rosinen im Kuchenteig. Der Löwe, Frau von Frohberg, hatte sie so genannt.

Spätabends durfte nur von Tieren gesprochen werden. Dieses Gesetz hatte Frau von Frohberg aufgestellt. Erstens wollten auch die Tiere zu ihrem Rechte kommen, sagte sie, und zweitens war das das friedlichste Gespräch auf Erden in unruhiger Zeit.

Denn unruhig war diese Zeit. Gewitterwolken, wohin man sah, und das gewaltige Gespenst Napoleon, das wie aus den Tiefen des Chaos aufgetaucht war, mit Kräften ausgerüstet, die das Erdreich erschütterten.

»Ein Wunder, daß jeder so dahinlebte, daß sie alle nur ihr eigenes Gedreh im Kopfe haben und damit vollauf beschäftigt sind,« war ein Glaubensbekenntnis der Frau von Frohberg, »und daß man sich so behaglich fühlt und sicher auf dieser furchtbaren Erde, die ein jedes Geschöpf mit Schwermut erfüllt ins Leben schicken müßte, wenn es mit rechten Dingen zuginge.«

195 »Ich weiß nicht,« sagte diese Frau, die sie den Löwen nannten, oft, »ich versteh's nicht, daß man nicht auf Schritt und Tritt Leute findet, die auf der Gasse liegen, sich die Haare raufen und schreien um die alltäglichsten Dinge, wie Alter, Krankheit, und daß ein jeder sterben muß. Dickfellig müssen wir sein, über alles Maß, ohne jedes Bewußtsein unserer Lage, denn Weisheit ist's wahrlich nicht.«

Sie hatte ganz recht, daß man abends in ihrer Umgebung nur von Tieren sprechen durfte oder von Philosophie, was sie »Philosophie« nannte.

Heut aber sprach man nur von Tieren.

 

Auf dem Heimweg vertieften sich Felix von Roggenbach und Engele in wunderlich sehnsüchtige Gedanken, welche die reifende Seele des Mädchens bedrängten. Wie viel hatte ihr alter Freund in ihr angeregt, was nun aus Stummheit wieder hervorbrach! Ihre Seele flammte auf. Sie fragte wieder wie einst den Alten jetzt den Jungen.

Das Mädchen in seiner Lebendigkeit gefiel dem jungen Roggenbach. Ihre Schönheit, ihr Lebensdurst bewegte ihn.

196 Er war von jeher außerordentliche Wege gegangen, hatte seine Eltern in München früh verloren, war in einem französischen Collège dann erzogen, seit Jahren in England an die preußische Gesandtschaft attachiert, dort mit einer vornehmen Engländerin verheiratet und nun zum erstenmal wieder in Deutschland.

Seine Züge sind tief geprägt, und nichts an ihm erscheint kleinlich, auch seine Freundlichkeit nicht, die überraschend, wenn er spricht, seine ernsten, jugendlichen Züge belebt. Seine Sprache hat etwas Langsames, fast Schwerfälliges, wie fast alle Roggenbachs sprechen, doch stört dieser Mangel den Eindruck, den seine Persönlichkeit macht, keineswegs.

»Ich möchte Sie fragen,« begann Engele eifrig wie ein Kind, »Ihr Onkel sagte mir, daß Schleiermacher etwas geschrieben habe, einen Katechismus für Frauen: ›Laß Dich gelüsten nach der Männer Bildung, Kunst, Weisheit und Ehre.‹ Ach, wie einsam ist doch ein Mädchen und so hilflos! Zu Hause möchte ich nicht davon reden, ich würde alle ärgern; aber ich sehe das Leben von meinen alten Kusinen, und da steht mir manchmal das Herz still, aber dann wieder muß ich sehen, daß diese besser und 197 größer sind als alle andern Menschen. denken nicht an sich selbst, leben ganz für andre, wollen nichts und sehen eigentlich immer den Himmel offen. Kennen Sie Frauen, aus denen etwas Wundervolles wurde?« fragte das schöne Geschöpf lebendig.

»Frauen sind etwas Wundervolles, wenn sie das sind, was sie sein sollen.«

»Ja, was sollen sie aber sein?« fragte Engele, »weshalb sagt denn Schleiermacher: ›Laß Dich gelüsten nach der Männer Weisheit‹?«

»Ich finde es auch schön, wenn die Frau etwas weiß und reicher wird an allen herrlichen Dingen hier auf Erden neben der Liebe,« antwortete er ihr. »Aber notwendig ist es nicht, die Frau ist in sich selbst so reich.«

»Mir kommt's oft vor, als führte ich und alle Frauen hier ein Leben ohne Bewußtsein.«

»Nein, das glaube ich nicht. Sie sind so jung. Sie sehen noch nicht die Seelen der Menschen, in jedem lebt eine Seele und wächst wie eine Pflanze, in den bescheidensten Menschen oft am stärksten und schönsten. Ein jeder lebt verschleiert und verborgen. Die jungen Mädchen haben es nicht leicht. Sie bleiben das nicht, was sie sind, deshalb 198 ist es ihnen nicht heimisch auf Erden, so stelle ich mir das vor.«

Engele hörte ihn voller Freude reden. Sie empfand, daß ihr jemand ehrlich vom Besten gab, was er hatte, daß er sie an seinem Wesen teilnehmen ließ.

Die andern gingen heiter miteinander, der junge Friedrich August begleitete seine Braut, und die beiden Spiegels hielten sich zu den Roggenbachs Mädchen, nur Bettina hatte sich zuletzt ihrem Vetter und Engele angeschlossen und hörte still zu, was beide besprachen.

Zufällig war das Gespräch auf das junge Paar gekommen, das bei Gutjahrs jetzt wohnte. Engele nannte den Namen. »Gabriel Schenk von Geyern!« rief der junge Roggenbach laut auf. »Herr Du mein Gott! sind die aus Bayern? Da ist er ja mein ältester Freund auf Erden, der einzige, der noch aus meinem Elternhause stammt, als mein Vater preußischer Gesandter in München war. Was ist er denn für ein Mensch geworden?«

Engele wußte es nicht. »Er sieht nicht froh aus, aber hat eine wunderhübsche, süße Frau, die ihn wie ein kleines Kind behütet.«

199 »Der war schon, als ich ihn kannte, ein verwöhnter Bub, hatte eine Mutter wie einen Engel und einen ernsten Vater. Sie wohnten im Winter in München und im Sommer auf einem wundervollen Gut, das mir wie ein Märchen vor der Seele steht; ich wurde öfters mitgenommen. Herrgott, ein Stückchen Heimat wiederzufinden von all dem, was zersprengt und verloren ist, hätte ich niemals gedacht – und hier! Neues wollte ich sehen und hören, Goethe, Weimar, alle Möglichkeiten in Weimar, und finde zuerst einmal Altes!«

Er war ganz bewegt. »Sie, liebes Engele, unmöglich können Sie verlangen, daß man vor solch einen Namen ein Fräulein oder Demoiselle setzt, haben mir das gebracht! Was solch ein Wiedersehen für einen armen herumgeworfenen Jungen bedeutet, das ahnen Sie ja gar nicht! Mir ist, als fände ich Vater und Mutter wieder, so jung und schön wie sie gingen, und unser Haus, unser Heim! Ach wer versteht denn überhaupt hier, wie's mich bewegt? Sie halten mich alle für einen Ausländer. Das bißchen Deutsch, auf das niemand viel gibt, denken sie, ist längst, längst abgewaschen und dahin. Sie reden mich englisch und französisch an, glauben 200 mur eine Höflichkeit damit zu erweisen. Ich komme, ein Deutscher, ein sehnsüchtiger Deutscher, das ganze Herz voll Glut und Vaterlandssehnsucht, endlich, endlich heim – und finde gleichgültige Leute! Aller Blicke staunen nach Frankreich. Ganz Vortreffliche erschrecken nicht vor dem Gedanken an ein einstiges Aufgehen Deutschlands in Frankreich. Das ist doch wahrlich kein Vaterland mehr! Der Deutsche muß hinaus in die fremde Welt geschickt werden, dann wächst sein Vaterland in seinem eigenen Herzen! Sehnsuchtsvoll müßte es allen einst so wieder erstehen.«

Engele wurde von den schönen Roggenbachs-Mädchen für den ganzen nächsten Tag eingeladen. Die beiden jüngsten, Bettina und Marie, wollten sie abholen. Der nächste Tag aber war schon angebrochen. Die Uhr der alten Michaeliskirche schlug eins. als der junge Roggenbach Engele an die Türe des Jungfernturms gebracht hatte, hinter dessen Mauern die fünf heiligen Jungfrauen sanft und traumlos selig schliefen, und hinter denen auch Felix von Roggenbachs ältester Freund, der Kindheit und früheste Jugend zurückbringen sollte, einem unruhigen Schlaf sich hingab, wie 201 ihn die schlafen, deren werdende Seele mit Unfrieden ringt, mit Sich-nicht-genügen, die mehr wollen, als sie vielleicht erreichen können. Ein seliges Kind schlüpfte leise die Treppe hinauf. Das Leben hatte sich lächelnd ihm zugeneigt.

Wunderlich sind Träume, die nach solchen belebten Stunden uns im tiefen Schlafe aufsuchen.

Es ist nicht genug, daß die Macht des Schicksals alle sonnendurchschienenen Stunden an sich gerissen hat, um uns zu peinigen und zu beglücken, tausendfältig zu beunruhigen. Wie manches sanfte, kühle Herz erwacht im Traum zu heißem Leben, wie mancher Mund empfängt im Traum den ersten Kuß, der die Seele aus stillem Dasein in das flutende Bewegen stürzt!

Engele erwachte mitten in der Nacht mit einem Lächeln. Sie hob sich halb, stützte den Kopf in die Hand und blickte mit weit offenen Augen in das Dunkel.

 

Als Engele am Morgen zum Frühstück in die Laube herabkam, war alles so morgenfrisch, so einzig, als wäre es zum ersten Male da. Solch ein froher Garten, und die Saale plätscherte und 202 gluckste. Das alte weinumrankte Haus, Vater und Mutter in Wohlbehagen eingesponnen, der Bruder zum Schulgang bereit, noch ein wenig die Freiheit und Morgenpracht genießend.

Die Mutter hatte die Perlenschnur in der Lederkapsel zum Frühstück mit herabgebracht, um sie Engele, die sie gestern abend kaum gesehen, bei Sonnenschein zu zeigen. Da lagen die Perlen matt glänzend in Engeles Hand, in schimmernder Feinheit. Wie eine gleichmäßig reife Seele im Weh wie in Freude ihre Sanftheit bewahrt, schimmern Perlen im Mondenlicht so sanft wie im Sonnenlicht. Sie tragen ihren eigenen Schein in sich.

»Das muß der alte Roggenbach erst zusammen haben fügen lassen, die Schnur und das Bild, denn schwerlich hat das Mädchen ihr eigenes Bild um den Hals getragen,« meinte die Mutter.

»Aber Engele, der Aff', wird's tun,« sagte der Junge. »S' is wirklich wie sie selbst.« Damit hielt er die Miniatur in der festen kleinen Hand und schaute auf Engele. »We' mer se auf dem Bilde betracht, is's, als wenn Engele wirklich was wär', we' mer nich alles so genau wißte, we' mer nich wißte, was mer weiß. Der das Bild an der 203 Berlnschnur sieht, denkt nich, daß se haun kann un kneifen wie der Deifel.«

»Der denkt auch nich, daß sie so einen Bruder hat, den sie hauen muß und kneifen, so'n Klotzbär, so'n dicken Tropf.«

»Geh,« sagte der Bruder, »gär' nich! Du haust ganz gerne. Zier' Dich nur nich, weil Du an 'ner Berlnschnur hängst.« Damit packte er seine Bücher auf, bot Vater und Mutter die runde, feste Hand und ging.

Die Töchter des alten Doktors huschten im Garten umher. Man sah sie hie und da auftauchen. Man hörte ein heftiges Gezwitscher, es flatterte. Sie genossen »ein bißchen was« vom Morgen, ehe sie ihre wunderliche Wirtschaft begannen, in der sie so viel miteinander bei allem Eifer und gutem Willen verdarben, weil die Tüte zu voll war.

Engele erzählte den Eltern von gestern nacht, und daß sie heute wieder eingeladen war, und fand viel Interesse.

Die Mutter:

»Ist der junge Graf Roggenbach verheiratet?«

»Verheiratet?« wiederholte Engele. Daran hatte sie noch gar nicht gedacht. Sie blickte betroffen auf. 204

Der Vater:

»Doch, er ist verheiratet. Ich weiß es durch seinen Onkel. Wenn ich nicht irre, hat er eine Engländerin zur Frau.«

Die Mutter:

»So, so. – Na, heb' Deinen Perlenschmuck hübsch auf, laß ihn nich rumliegen! So was is sehr wertvoll.«

Der Vater:

»Man sollte ihr die Kette nicht lassen.«

Die Mutter:

»Nein, das soll man auch nich. Aber die Perlen müssen wenigstens hin und wieder getragen werden, so viel weiß ich davon, dann werden sie noch heller.«

Soeben ging die kleine Freifrau an der Laube vorüber und grüßte.

Hinter ihr kam Hans mit dem Frühstückszeug, um den Kaffeetisch zu decken.

Die kleine Freifrau wurde angeredet.

»Schönes Wetter, schönes Wetter!«

Sie blieb stehen, sagte auch etwas vom Wetter, lobte den Garten, wurde nach dem Herrn Gemahl gefragt, antwortete etwas.

205 Engele sagte: »Ich glaube, es kommt heute jemand zu Ihnen. Ein alter Freund von Ihrem Herrn Gemahl, der Herr von Roggenbach. Er hat es mir aufgetragen Ihnen zu sagen.«

»Ja – Felix von Roggenbach,« antwortete die kleine Freifrau versonnen.

Da kam der Freiherr Gabriel Schenk von Geyern den Weg daher. Myrtel hörte seine Schritte, wendete sich um und rief: »Felix von Roggenbach – Dein Freund aus der Kinderzeit kommt!«

»Felix von Roggenbach!« rief ihr Ehegemahl laut aus. »Der? Wo kommt der her?«

Engele mußte mit ihnen in die Laube gehen und erzählen. Und während sie das tat, hörten sie Schritte, und Felix von Roggenbach kam eilig den Weg herab und rief: »Da frag' ich gar nicht, ob er's ist! Er ist's!«

Des Freiherrn Hände wurden stark umfaßt. Der Ankommende war in lebendigster Bewegung, die sich sogar seinen Kleidern mitteilte. Seine braunen Rockschöße flogen so lebendig, der ganze Mensch atmete Freimut und Freude.

»Wie kann man nur sich so gleich geblieben sein! Was Du für ein Bubengesicht behalten hast, trotz 206 Deiner langgestreckten Züge und der beiden Falten von der Nase zum Mund, die Du nicht haben solltest! Und statt Deines Mutterengels sitzt hier ein andrer und behütet Dich« – damit gab er Myrtel einen freundschaftlichen Händedruck – »und gar noch ein Engele sitzt dabei. Nun, und was machst Du denn eigentlich? Was ist aus Dir geworden? Habt Ihr Euer herrliches Traumhaus noch auf Eurem Gut? Ich bin in der Welt herumgekommen. Geschüttelt bin ich und gerüttelt worden.«

Myrtel schaute sehnsüchtig auf, als er des Traumhauses Erwähnung tat. Ihr Traumhaus, ihre Sehnsucht, ihre einzige Heimat auf Erden.

»Ich«, sagte der Freiherr, »blieb daheim auf der Scholle. Wollte Gott, ich wäre geschüttelt und gerüttelt worden.«

»Bist Du nicht Dichter?« fragte Felix Roggenbach. »Da hätte ich dafür meine Hände ins Feuer gelegt, daß Du Dichter würdest. Weißt Du noch die seligen Stunden in Eurem Hause, an Eurem See, als Du alles mir ausdeutetest, als Du mir erzähltest, was alles in Eurem uralten Hause sich begeben hatte?«

»Das müßtest Du doch wissen, wenn ich wirklich 207 Dichter wäre! Ein Dichter, von dem keine Seele weiß.«

»Steht's so?« rief der lebhafte Freund. »Daß i net lach'! Weißt Du noch?« Da tauchte so eine warme Münchner Redensart aus der Vergessenheit auf. »Ach, Du willst berühmt werden! Weißt Du noch unsre Gänge auf den Friedhof in München, wo die stillen Toten hinter Glaswänden ruhen und man sie betrachten konnte wie feierliche Bilder? Weißt Du noch, wie wir da im Anblick eines wundervollen Toten mit erhabenen Zügen, der sein Leben bis zu Ende wie ein vollendeter Mensch ausgelebt haben mußte, uns einander in die Arme fielen und uns schworen zu leben wie jener, daß unsere Züge nach dem Tode erhaben wie die seinen ruhen sollten! Da warst Du immer der, der Worte fand und Leben gab. Wie hab' ich meiner Kindheit und ersten Jugend als einsamer, verwaister Bub in der Fremde viel nachgesonnen und dazu Deiner gedacht! Du warst damals ein Dichter.«

»Zu früh ausgekrochen,« sagte der Freiherr kühl.

»Die Dichter werden als Dichter geboren.«

»Ja,« antwortete der Kindheitsfreund, »das werden sie wohl; aber schwere Dünste und 208 Schwaden legt das Leben über die Menschen. Wer stark genug ist durchzubrechen, der ist ein Dichter und bleibt es. Er ist der Stärkere.«

»Nun und?«

»Ich bin wohl noch im Durchdringen begriffen, hoffen wir's. Wunderlich ist es, daß das Schicksal Dich gerade wieder zu mir schickt, um mich an meine Kraft zu erinnern.«

»Wunderlich ist das gar nicht,« antwortete Felix Roggenbach. »Höchst gesetzmäßig gehen die Dinge vor sich.« Er erhob sich, zog seinen Freund mit sich empor, und sie gingen miteinander im Garten auf und nieder, der starke, elastische, fast mächtige Felix Roggenbach und der so viel zartere, biegsame Schenk von Geyern.

»Weißt Du, ich bin auch mit England verheiratet,« sagte er, lebendig wie ein Junge. »Kannst Du Dir das vorstellen? Du kennst doch den bayrischen Lausbub', der ich trotz aller preußischen Abstammung wurde. Deinen Eltern grauste vor mir – und der lustige Lauser steckt allweil noch in mir. Dös glabst. Dagegen hilft kein Franzos und nix. Glaub' mir, ich träume noch heut auf bayrisch. Da gibt's nix. Mein armes 209 England – mein armes England, so zart und schön, so aller edlen Traditionen voll, die auf der süßen Stimme lasten, die getragen sein wollen mit aller Hoheit und Kühle, so wie die Mutter sie zu tragen verstand und es die Tochter lehrte. Eine Vollkommenheit und Unerbittlichkeit der Lebensführung – entzückend, unwiderstehlich – aber – aber diese unverständliche Sehnsucht, diese aufsteigende Glut nach unserer warmen Unvollkommenheit daheim! Und nun bin ich ja gar nicht daheim, und hab' gar kein Daheim! – Hirngespinste, Tollheiten, dummes Zeug, das mich hertrieb! Enttäuschungen, wohin ich sehe! Aber wie ein Wunder fand ich Dich! Die Roggenbachs, die guten, warmen Roggenbachs bedeuten noch etwas – aber das mit der Heimat war einfach Verrücktheit.«

Sie hatten einander viel zu sagen. Felix Roggenbach war der Fassende, Greifende. Der, dem die Sehnsucht nach Verlorenem einen Ueberschwall an Leben gebracht hatte. Der, der in der kühlen Fremde gelebt hatte.

Inzwischen saßen Myrtel und Engele und sprachen ein wenig, tasteten vorsichtig nach ihren beiden Wesenheiten, fanden Gefallen aneinander.

210 Engele erhob sich bald. Sie mußte aber hinaufgehen, um mit der Mutter ihr Sommerkleid anzuschauen, das sie am heutigen Tage bei Roggenbachs tragen wollte.

 

Bettina und Felix Roggenbach waren es, die Engele abholten, die wartend in ihrem weißen, rosa gemusterten Kleid am Fenster stand und den Dingen, die kommen wollten, entgegensah.

Jetzt standen sie vor dem geheimnisvollen Lindengarten. Die Linden bildeten eine schöne Allee, welche auf das Haus zu führte, und stark entfaltete Linden beschatteten die Rasenplätze.

Dieser Garten war würdig und feierlich und bot ein sommerliches Bild. Man hatte Gras gemäht, und der kräftige Heugeruch lag wie Duftwolken über den Wegen. Der klare blaue Himmel leuchtete, ein frischer Wind wehte von den Bergen.

Ueber den großen Rasenplatz kamen bewegte Gestalten.

Die Ankommenden winkten unter Lachen und Rufen. Die großen, blonden Mädchen waren von der Frische und festen Kraft der Blumen, die eben aus der Knospenhülle blicken. Gleichmäßig mit 211 derselben Schönheitsart begabt, wirkten sie so mächtig. Was für Gestalten! Welche Kraft, welche Anmut, wie sie im Sonnenschein unter den Linden daherkamen in ihrem goldglänzenden Haar, in hellen, ungewöhnlich einfachen Kleidern! Um sie herum sprangen, wedelten und kläfften die Hündchen, die Rosinen. Sie waren so flink und behend, daß es zwischen den weißen Kleiderfalten der Mädchen schwarz und glänzend aufleuchtete.

Ein Knabe von acht Jahren war noch dazu gesprungen, ein blondlockiger Bursche mit großen, schlanken Gliedern.

»Da bist Du ja auch, Felix!« sagte die Aelteste, reichte ihrem Vetter den frischen Mund zum Kuß und tat dies mit der Harmlosigkeit eines Kindes. Jede der Mädchen und der Bruder bewillkommneten ihn auf diese liebliche, verwandtschaftliche Weise.

Nun ging es an ein kräftiges Händeschütteln und an ein Bewillkommnen Engeles. Die Mädchen und der junge Bruder bewegten sich alle ruhig, beinahe langsam.

Die Aelteste, die Schwester Alma, die wohl zu den vollkommensten Geschöpfen gehörte, die je von 212 der Natur hervorgebracht worden sind, gab Engele noch einmal die Hand und sagte: »Ich hoffe, daß es Ihnen bei uns gefallen wird.« Gutmütigkeit und Unschuld, so gar nichts Höfliches, Gewandtes, sondern die reizendste Wahrhaftigkeit eines guten Kindes lag in diesen Worten.

Die mittelste, ein mächtiges Mädchen, die in ihre Zeit nicht hinein zu gehören schien, hatte ein schalkhaft lieblich lebendiges Gesicht und lachende Augen und trug ihr zierliches, mit leichtem krausen Haar umflattertes Köpfchen anmutig auf der vollen Gestalt. Doch mußte man diese mittelste gehen und sich bewegen sehen, um mit ihrer für ein junges Geschöpf allzu großen Fülle ausgesöhnt zu sein.

Wie Engele mit den Schwestern dem Hause zuging, kam sie sich, die sich immer für groß gehalten hatte, verschwindend klein und unbedeutend vor.

Felix: »Heute haben sich die Löwinnen ein Reh geholt. Soll man das Euch ruhig überlassen dürfen?«

»Das denke ich,« sagte die Angeredete, »wir werden ihm nichts tun. Wir sind so böse nicht.«

Das Haus, auf das sie zuschritten, hatte zwei Flügel, war trotz seiner Einfachheit herrschaftlich 213 und ausgezeichnet durch ungewöhnlich hohe, schmale Fenster.

Auf der Treppe kam ihnen die Gräfin entgegen, eine stattliche Frau, die in der Schönheit ihrer Kinder die eigene wieder erstehen sah. Auch sie begrüßte den Gast und Felix lebendig und herzlich.

»Nun, wie ist Dir's, mein Junge, hast Du gute Nachricht von Ellen?«

»Ich danke, gut, sie schreibt heiter,« erwiderte Felix.

»Nun, und Du bringst uns die Freundin Onkel Roggenbachs?«

 

Man ging in das Speisezimmer, um das Mittagsmahl einzunehmen. Auf Engele machte der hohe Raum, der durch die gedeckte Tafel ein festliches Aussehen erhielt, Eindruck. Große Oelgemälde hingen an den Wänden, ein paar alte, reichgeschnitzte Schränke gaben dem Zimmer etwas ungemein Heimisches. Alles schien so ganz anders zu sein. als sie es bis jetzt zu sehen gewohnt gewesen.

Der Graf trat ein. Engele hatte ihn schon bei dem Begräbnis ihres lieben Freundes gesehen; aber 214 er erschien ihr jetzt viel imposanter. Er hatte ein ganz anderes Betragen wie alle Männer, die sie bisher kennen gelernt hatte, auch wie sein Vetter Roggenbach, der Astronom.

Man fühlte beim ersten Sehen, daß dieser Mann von niemandem abhing, daß er vollkommen frei sich immer hatte bewegen können, wie seine Ahnen schon vor ihm. Man spürte seine gute Kultur und Gelassenheit. Seine leicht vorgebeugte Gestalt, seine leise Stimme, ein In-sich-versunken-sein, ein Nicht-von-sich-loskommen, wenn er unter andern war, fiel an ihm auf, gehörte zu der Art seiner Erscheinung und störte die schöne Wirkung seines Wesens nicht. Er war ein großer Gelehrter in der Geschichte der bildenden Kunst.

Nach Tisch ging das junge Volk wieder hinauf in den Garten. Man lagerte im Heu. Der kleine Bruder war von ausgelassener Lustigkeit. Engele plauderte mit den Schwestern. Die älteste und die zweite, Alma und Elektrine, waren währenddem auf dem Lindenweg auf und nieder gegangen. Die beiden schönen Gestalten, die durch ihr Glück von den andern abgesondert gingen, berührten Engeles teilnehmendes Empfinden. Es kam ihr 215 unbeschreiblich reizend vor, wie sie so vertraulich miteinander sprachen, wie die Sonne in den spielenden Lichtern über den Weg funkelte, und wie schön sie beide waren.

Sie kamen auf Engele zu und nahmen sie in ihre Mitte.

»Wie gefällt Ihnen mein Verlobter, mein lieber Schlingel?« sagte Elektrine. »Er ist ganz, ganz einfach, spricht nicht viel, guckt nur. Aber er guckt die Menschen durch und durch. Er weiß alles, sagt aber nichts. Sehen Sie nur einmal seine klaren Augen an! Wir kennen uns seit einer Ewigkeit und sind auch ewig schon verlobt, da ging er noch in die Schule und ich erst recht. Ich weiß gar nicht, wann wir uns verlobt haben. Er sagt: ›Wir sind sogar schon hundertmal miteinander verheiratet gewesen und nun heiraten wir das hundertundeinstemal, und das wird das schönste.‹ Wie gefällt Ihnen unser Vetter Felix? Das ist doch ein Prachtstück. Vater sagt, so was können nur die Roggenbachs. ›Der ist wie Sonne,‹ sagt der Vater. Er kann es nicht verschmerzen, daß Felix so eine dumme Engländerin geheiratet hat. Alma meint: dumm soll sie nicht sein, sondern im Gegenteil unheimlich gescheit.

216 Die beiden Mädchen erzählten nun weiter, unter den Linden auf und nieder gehend. Sie konnten nicht aufhören von ihren Verlobten zu sprechen, von ihrer Aussteuer. Alma malte für ihren Hausstand und für den der Schwester, für jeden ein Tafelservice, an dem die Geschwister eifrig mithalfen.

Mit welcher Weihe behandelten die Mädchen alles, was sich in dieser Zeit bis zum Hochzeitstag begeben sollte! Sie sprachen davon, wie Kinder von der nahen Weihnachtszeit sprechen. Wie von Güte, Glück und tiefster Hoffnung war jedes ihrer Worte bewegt.

Keine der Schwestern war talentlos und unbeschäftigt. Sie führten Engele in ihr Atelier, einen hohen Raum, in dem breite Tische standen, Staffeleien, Schränke. In diesem Raum zeigte alles, daß hier gelebt und gearbeitet wurde Die Wände hatten sie mit Zeichnungen und Studien wahrhaft überdeckt – und was war hier alles zusammengetragen! Gipsabgüsse aller Art, wie es schien, ausrangierte Herrlichkeiten des Vaters, wunderlich verschossene Zeugstücke, die, wo es irgend anging, hingen oder lagen. Eine der Schwestern hatte einen großen Vogelbauer an ihrem Platze stehen, in dem 217 Kanarienvögel ihr Wesen trieben und durchdringend zwitscherten und schlugen.

Engele erstaunte über den Eifer und Ernst, mit dem die Mädchen ihre Sache zu betreiben schienen. Die vollendeten Arbeiten machten durchaus den Eindruck von ruhiger Kraft und Gesundheit; fast nichts war zu sehen, was jene bängliche Unentschlossenheit der meisten Dilettanten verrät.

Als Engele sich über die ganze Anstalt und über das Können der Schwestern verwunderte, sagte Elektrine:

»Das ist so merkwürdig nicht, im Gegenteil, es wäre erstaunlich, wenn nichts auf uns gekommen sein sollte, denn die Mutter stammt aus einer Künstlerfamilie. Und wenn Sie finden, daß vieles bei uns so ziemlich zuwege gebracht ist und wie fertig aussieht, so müßten Sie den Vater kennen, der hält darauf.«

Sie zeigten ihr mit Stolz und Freude das Service, das zum größten Teil schon gebrannt auf einem der großen Tische stand. Man hatte edle Formen gewählt und diese reich mit Blumen belebt. Die großen Flächen waren mit dichten Orangenzweigen, in denen goldene Früchte glänzten, bedeckt, 218 andere mit Rosen, wieder andere mit Lorbeer. Tulpen in vollem Blätterschmuck, auch Amaryllis. Und nichts erschien zierlich und ängstlich gemalt, kühn und lustig waren die Blumen ihrer Größe getreu über die Gefäße hingestreut.

Man wurde nicht müde, einen Teller, eine Schüssel nach der andern zu betrachten. Wie heiter und glücklich waren die Schwestern während dieser Besichtigung!

 

Nach dem Essen erhob sich die Gräfin, nahm Engele an der Hand und wandelte mit ihr im Garten auf und nieder. Während sie miteinander gingen, lud die Gräfin ihren Gast auf das liebenswürdigste und herzlichste ein, oft zu ihnen zu kommen; sie wolle sie als Erbschaft ihres lieben Vetters betrachten.

»Sie kommen morgen schon wieder zu uns! Die Mädchen freuen sich auf Sie. Es werden jetzt die letzten Wochen sein, in denen wir alle vollzählig beieinander sind, ehe meine beiden Töchter von mir gehen. Wir wollen die Tage noch recht genießen. Glauben Sie mir, manchmal will es mir gar nicht gefallen, daß ich die Kinder hergeben soll.«

219 Das sagte die Gräfin in einer Vertrauen suchenden Weise, nicht als spräche sie zu einem jungen Mädchen.

Engele wußte nichts darauf zu erwidern.

Während sie miteinander gingen, war Engele, ohne daß sie es bemerkte, ein leichtes Tuch, das sie über dem Arm trug, herabgeglitten, und ehe sie es hindern konnte, hatte die Gräfin es aufgenommen und es ihr gereicht.

Da stand das Mädchen mit Rot übergossen vor der imposanten Frau.

Als diese sah, in welcher Verlegenheit die Kleine vor ihr stand, lächelte sie und klopfte ihr leicht auf die Schulter:

»Sie kommen also morgen, mein Kind.«

Felix von Roggenbach brachte Engele spät abends nach Hause. Er hatte den Tag mit seinem wiedergefundenen Freund verbracht. Sie hatten in Erinnerungen sich vergraben, und Felix von Roggenbach war sein wiederaufgetauchtes Bayrisch in allerlei Kraftausdrücken von neuem lebendig geworden.

Er sagte zu Engele: »Sie glauben nicht, was mein Freund für ein wundervoller Bub' war, und 220 nun so ein Verkrochensein, so eine In-sich-selbst-Verkapselung! Ich möchte nicht umsonst ihm in den Weg gelaufen sein.

Wir Roggenbachs sind auch nicht gerade aus Eisen, trotz der Riesen. In uns nun wieder sind die Gefühle losgelöst. schwebend. Mein Onkel weiß gar wohl, weshalb er die himmlischen Geschöpfe behütet. Die Gräfin ist eine prächtige Frau, auf mich hat sie von Kindheit an einen großen Eindruck gemacht. Sie ist das gütigste Wesen, das sich auf Erden denken läßt. Ganz Liebe. Sie ist die Tochter eines Bildhauers, hat viele Geschwister und hat im Hause ihres Vaters eine freie, wundervolle Kindheit verlebt. Sie von den munteren, lebendigen Erinnerungen ihrer Heimat erzählen zu hören, ist eine Freude, von dem fortwährenden Ausschauen von alt und jung nach Lebenslust, von der grenzenlosen Naivität, mit der man sich dem Wechsel von Mangel und Ueberfluß der Lebensgüter anzupassen wußte. Durch die Gräfin ist der heitere, sorglose Geist auf ihre eigene Familie gekommen.

Aber Sie, Engele,« sagte er wie versonnen, »was haben Sie eigentlich mit den Roggenbachs vor? Spuken in des Onkels Leben hinein, sind 221 mit einem Perlenband an uns gekettet worden. Wie sind die Mädchen von Ihnen entzückt, was haben Sie für eine zwingende Seele für uns! Was für eine Hexerei ist denn das? Ich bin der Erbe meines Onkels, nicht wahr? Aber, aber – aber davon steht nichts im Testament! Engele, wenn Sie einen Freund brauchen, ich bin da!«

Er sah so jung, so voll lebendiger Bewegung auf sie nieder.

Engele war es, als sei dies das Wunder aller Wunder. Sie fühlte ein Ueberströmen seines Wesens. Das strömte ihr zu.

Mit Staunen und innerem Erschauern sah sie auf ihn.

Da standen sie vor der Haustüre.

»Also angebunden mit einer Perlenschnur!« rief er ihr erregt noch zu.

Wieder lagen die fünf heiligen Jungfrauen im sanften, unbewegten Schlaf, und der Freiherr Schenk von Geyern war unter schönen, guten Erinnerungen in seinen traumreichen Schlummer gesunken.

222 Das Kind, das leise wie ein Hauch die Treppe hinaufschlich, wagte kaum zu atmen, ihm war so wunderlich zumute wie nie noch im Leben.

 

Am andern Tag kam Bettina und sagte: »Heute kann sein, daß schon der Bruder der Mutter kommt; wir haben es uns so ausgerechnet. Er kommt vom Rhein, denke Dir! Er ist Bildhauer. Auch wir sind durch die Mutter halbe Rheinländer. Zehn Jahre oder länger haben sich Mutter und Bruder nicht gesehen. Er ist der erste Hochzeitsgast. Wir kennen ihn kaum. Ich liebe es und wir alle, wenn Verwandte kommen, und weißt Du, Verwandte von der Mutter, da geht einem das Herz auf!

Felix mögen wir auch sehr gern. Wenn es sich doch machte, daß er in Deutschland bliebe. Er ist zu schade für die Engländer. Ich kenne keinen so deutschen Menschen wie ihn im schönen Sinne. Und nun hat er gar eine Engländerin zur Frau. Da verlieren wir ihn vollends, wenn er die Erbschaft geordnet hat und wieder ganz von hier geht. Trotzdem sie ihn so in der Welt nach seiner Eltern Tod herumgeschickt haben, ist er doch ein prächtiger 223 Junge. Findest Du nicht auch? Hast Du nicht gemerkt,« fragte Bettina, »ich habe Dich ›Du‹ genannt. Du hast doch nichts dagegen?«

Da fiel ihr Engele um den Hals und küßte sie, und es wurde ihr so leicht, so froh.

 

Gegen Abend kam der Onkel wirklich. Und kam bei Sonnenuntergang den Weg durch den Garten dem Hause zu gegangen. Man war oben im Saal auf Anordnung der Gräfin versammelt, um ihn da zu empfangen.

»Er soll uns hier alle finden,« hatte sie gesagt, und mußte wohl zu diesem Wunsche einen Grund haben. Sie hatte den Saal gar nicht schön genug zum Empfang bereiten können. In der freudigen Erwartung des lang vermißten Bruders stand sie alle Augenblicke von ihrem Sessel auf, ordnete einer oder der andern Tochter noch etwas am Kleide, und als er nun endlich kam, winkte sie allen, auch dem Grafen, zurückzubleiben. Sie ging dem Bruder bis zur Treppe entgegen.

Als sie miteinander eintraten, die beiden kraftvollen Menschen – der Bruder war eine gedrungene Gestalt mit einer eigentümlich strammen 224 Schulter- und Kopfhaltung –, sagte die Gräfin mit unbeschreiblichem Ausdruck, der von Glück und liebevollen Gefühlen fast überströmte: »Siehst Du, Friedrich, da sind wir!«

»Ja, ja, Du mein Gott!« rief dieser, warf seinen grauen Filzhut auf den Tisch und schüttelte dem Grafen die Hand. »Das waren lange, lange Zeiten, wir sind andere geworden! Und diese Kinder! diese Kinder!« rief er, die gefalteten Hände erhoben, in seiner ganzen rheinländischen Lebhaftigkeit, indem er auf die Gruppe der Töchter und deren Verlobten zuging, einen Blick auf seine Schwester und den Grafen warf, wieder, ohne die Mädchen begrüßt zu haben, auf die Eltern zuging, diese bei den Händen nahm und erregt sagte: »Ist es denn möglich, solche Schönheit, Ihr glückseligen Menschen!«

Die Mädchen standen in voller Heiterkeit, kaum, daß sich ein leichtes Verlegensein auf ihren Gesichtern malte, beieinander.

Dann gab es ein lustiges Händeschütteln. Als er Engele die Hand gab, hob er ihr etwas das Kinn hoch und sagte.

»Das ist keine von den Unseren?«

225 »Nein,« sagte die Gräfin. »Das ist unser lieber Gast.«

»So,« erwiderte er, »das ist schön, ein schwarzbraun' Mädel unter diesen goldenen Geschöpfen! Nun, und wer ist das?« wendete er sich an die Gräfin, indem er auf Felix zeigte, der eben erst unbemerkt eingetreten war.

»Das ist ja Felix Roggenbach, der Engländer!«

»Ei, sicher, sicher!« und auch dieser wurde auf das herzlichste von dem lebhaften Manne begrüßt.

»Schönheit über Schönheit!« rief der alte Bildhauer, indem er wieder zu der Gräfin trat. »Ihr bösen Menschen! So haben wir uns denn so viele Jahre – ich weiß nicht wieviel – nicht gesehen! Und Ihr hättet mich rufen und mich nicht in Ruhe lassen müssen! Hättet Ihr Euch doch nicht an meine Schrullen gekehrt! Ich wäre jetzt ein berühmter Mann, ein großes Tier!«

»Nun, Fritz, beruhige Dich,« sagte die Gräfin. »Du wirst meine Mädels kennen lernen, und da wirst Du ihnen selbst sagen, daß Du ihr guter Onkel bist, der gar sehr geneigt ist, zu übertreiben und zu vergrößern, ich kenne Dich ja; aber gut sind meine Mädchen, und das ist das Beste!«

226 »Aergere mich nicht, sie sind schön!« rief der wunderliche Mensch. »Und ein Vergehen, eine Engherzigkeit ist es, einem schönen Mädchen, das sicher bei seinen Eltern wohnt, sein Bestes vorzuenthalten. Solch einem Mädchen soll man sagen: Du bist schön, freue dich, danke Gott auf den Knien dafür und sei keine Gans! Anerkennung ist Leben! Herrgott, fühlt Ihr denn das nicht?«

»Ja, ja, Du bist noch derselbe Enthusiast,« sagte der Graf lächelnd.

»Nach manchen Seiten hin wohl derselbe,« erwiderte der Bruder, »aber – alt geworden – alt geworden! Man hat sich beschieden.« Indem er das sagte, blickte er wehmütig zur Gräfin. »O, heilige Jugend!«

Er ging zu Alma, legte ihr seine Hand auf das Haupt und sah sie an mit einer Weihe und einer Weichheit im Blick, die für die Umstehenden etwas Rührendes hatte.

»Nach langer Zeit setze Dich nun wieder mit uns zu Tisch,« sagte die Gräfin bewegt. Sie führte ihren Bruder, und alle anderen folgten.

»Wie schön alles bei Euch ist! die Beleuchtung, der Raum und die Menschen!«

227 Das war eine heitere Abendmahlzeit! Der Bruder befand sich in dem glücklichen Familienkreise wohl. Er war im Leben einsam geblieben, hatte seit langen Jahren nicht die Grenzen seiner Heimat überschritten und hatte wohl, wie mancher Mensch, dumpf hingelebt, ohne von dem, was ihm fehlte, ein klares Gefühl zu haben. Hier an dem Tisch, an dem die herrlichen Kinder saßen, schien er überwältigt und bewegt zu sein. Er lehnte sich manchmal in den Stuhl zurück, atmete tief auf, schlug die Arme übereinander und blickte lächelnd und gedankenvoll im Kreise umher. Er wurde nach Einzelheiten seiner Reise gefragt. Der Graf und die Gräfin erkundigten sich, wie es dem und jenem in der Heimat des Bruders und der Gräfin erginge. Es wurde die Unterhaltung geführt, die sich von selbst in der Gegenwart eines eben Angekommenen, lang Erwarteten ergibt.

Als man sich von der Tafel erhoben hatte, begann sich der Abend wunderlich zu gestalten.

Der alte Bildhauer war von der Schönheit seiner Nichten wahrhaft berauscht.

Er war kaum aufgestanden, so rief er die Mädchen zusammen, kommandierte nach links und rechts. 228 Es sollten Bilder gestellt werden. Er schickte nach allem möglichen und sagte:

»Die Türe da schließen wir, und davor stellen wir die lebenden Bilder.«

Was sich im Hause an farbigen Tüchern, Gewändern, an schönen Gefäßen, Blumen und Früchten zusammentragen ließ, wurde aufgestöbert.

 

Als Felix von Roggenbach sah, daß dieser Abend sich so lebhaft gestaltete, als alle Frohbergs nachkamen, und als noch eine eilige Einladung an den Major von Knebel, den treuen Freund Goethes, der ein langjähriger Freund Friedrich Henslers und der Roggenbachs war, abgesandt wurde, trug Felix dem gräflichen Paar die Bitte vor, auch seinen alten Freund, Freiherrn Schenk von Geyern, und dessen Frau zu diesem improvisierten Feste aufzufordern.

Mit Freude wurde die Bitte erfüllt, und das freiherrliche Paar kam, als wären sie längst erwartet, wie in eine schöne Heimat; denn so vorsichtig die Roggenbachs in der Wahl derer waren, die in ihrem Hause verkehrten, so liebenswürdig zeigten sie sich denen, die sie bei sich aufnahmen.

229 Und Felix Roggenbach durfte auf seinen alten, wiedergefundenen Freund und die liebreizende Myrtel stolz sein.

Freiherr Schenk von Geyern hatte die Dünste und Schwaden, die über seinem Leben lagen, durchbrochen und war von natürlichster Liebenswürdigkeit. Von der Schönheitswelt, in die er so unverhofft und ungeahnt eingetreten, war auch er hingerissen.

Graf Roggenbach aber wußte nicht, daß er einen der von ihm so gefürchteten Literaten, die nichts als Ungelegenheit und Verwirrung bringen, bei sich aufgenommen hatte. Daß Goethe in dieses Vorurteil des Grafen mit einbegriffen war, wurde oft von dem Major von Knebel und dem Grafen Roggenbach heftig debattiert, wobei Knebel dem Grafen vorwarf, daß er inkonsequent sei, denn zuallererst hätte er dann ihn selbst, Knebel, aus seinem Hause verbannen müssen.

»Dein Menschentum«, sagte ihm dann der Graf, »ist so unverhältnismäßig über Dein Dichtertum erhaben, daß letzteres bei Dir gar nicht mitspricht. Du bist in meinen Augen von allen unerträglichen Eigenschaften der Dichter vollkommen ausgeglüht.« 230 Was Major von Knebel immer von neuem verdroß; aber die Freundschaft zwischen dem Major und Graf Roggenbach war von unzerstörbarer Art.

Es schien, als wären die Roggenbachs bis dahin ihres Wertes unbewußt dahingegangen und mit einemmal zu dessen vollem Bewußtsein erwacht.

Das, was bis jetzt als selbstverständlich angenommen sein mochte: die Schönheit der Kinder, war durch den Bildhauer mit einemmal zum Göttergeschenk gestempelt, zu einem reinen, hohen Glück.

Der Graf sah dem Treiben scheinbar kühl und doch im Innersten befriedigt zu, und die Mädchen waren von reizender Befangenheit und zartester Würde, fast rührend anzusehen.

Jedes der Mädchen erreichte durch die Art, wie der alte Künstler sie zu stellen wußte, gleichsam den Höhepunkt der Schönheit. Und wie hatte dieser den Reiz der großen, langsamen Bewegungen der Roggenbachschen Kinder erfaßt, und wie wußte er solche Bewegungen zu verwenden!

»Es ist sehr angenehm, den Zuschauer hier abzugeben,« sagte Felix zu Engele, »für mich, heißt das. Was Sie betrifft, begreife ich nicht, wie der Onkel Hensler Sie hier stehen lassen kann. Er ist 231 außer sich vor Verwandtenstolz; wir wollen es ihm zugute rechnen, daß er uns vergessen hat; aber wir wollen auch etwas tun, was uns beliebt. Wollen Sie?« fragte er, den Blick musternd auf Engele gerichtet.

»Warten Sie, dort geht Georg eben in seinem griechischen Gewändchen aus der Tür.« Damit war er auf und davon, dem Knaben nach, und brachte ihn, an der Hand geführt, zu Engele.

»So, Engele. Nun wollen wir ihn mit hinunter in den Garten nehmen. Dort soll er uns Rosen zeigen, wir brauchen Rosen.«

In einem stillen Zimmer banden sie miteinander zwei Rosenkränze, einen für Engele und einen für Georg. Als sie damit zu Ende waren, führte Felix seinen Schützling zu Elektrine und bat diese: »Mach' mir aus dieser da eine Griechin – weiß – das Kleid ganz schlank.«

»Ja, ja, das will ich, sie soll schön werden.«

»Schön ist nicht nötig, schlank – wie eine kleine Säule.«

Ohne weiter ein Wort zu verlieren, war Elektrine voller Eifer, nahm Engele mit sich, und in wenigen Minuten hatte sie diese ausgewickelt, 232 notdürftig wieder eingewickelt, führte sie ihrem Vetter zu und flüsterte ihm ins Ohr, ganz erregt: »Sie ist wunderhübsch. Sieh doch selbst.«

Nun wurde zu dem Onkel die Botschaft geschickt, daß die kleine Bühne eine Zeitlang in Anspruch genommen werden würde.

Und Felix führte seine beiden Gestalten hinter den Vorhang. Engele und Georg hielten jedes eine Schale mit Blumen über sich. Die beiden Rosenkränze drückte ihnen Elektrine auf Felix' Befehl bis tief in die Stirn. Elektrine mußte Engele das Gewand fest an die Glieder anschmiegen. Das Haar hatte sie ihr im Nacken in einen Knoten zusammengesteckt. Den schlanken Hals hielt Engele leicht zurückgebeugt. Dicht neben ihr stand Georg mit seiner Blumenschale, ganz in derselben Haltung wie Engele. Nur wendete er den Kopf zu ihr und blickte zu ihr auf.

Als Elektrine den Vorhang hob, rief sie: »Die Blumenverkäufer«.

Man konnte sich nichts Lieblicheres denken als den Kontrast zwischen dem blonden Knaben, der in den goldenen rosigen Farbentönen der Roggenbachschen Familie wahrhaft strahlte, dessen Glieder das 233 Streben zu einem tüchtigen Wachstum verrieten, und dem jungen Mädchen, das in seiner lieblichen Vollendung behend und schlank dastand, dessen zierlicher Kopf mit dem dunklen Haar schön zu den weichen, kindlichen und doch großen Zügen ihres Gefährten stimmte.

»Das habt Ihr prächtig gemacht! Und wie schön ist unsere Kleine!« rief die Gräfin.

»Das wollte ich meinen,« sagte der Onkel. »Euer Gast ist ein feines Mädchen.«

Engele war »schön« genannt worden. Es war ihr, als hätte man ihr ein herrliches Geschenk gegeben, und ein nie gekanntes Gefühl von Freude bewegte sie.

Als Felix zu ihr trat, lag über ihrem Gesicht etwas Strahlendes.

Er reichte ihr die Hand und sagte: »Sehen Sie, das haben wir gut gemacht!«

Sie trug wieder ihr gewöhnliches Kleid. Da trat die Gräfin auf sie zu, hielt in der Hand den vollen Rosenkranz und drückte ihn Engele wieder in die Stirn.

Das junge Mädchen stand in leichter Verwirrung und lächelte unter dem Kranz hervor. Sie wurde 234 von den Anwesenden umringt, der Onkel, die Mädchen, der Graf, Myrtel und der Freiherr, der wunderliche, interessante Knebel. Sie wußte kaum, was man zu ihr sprach, was sie erwiderte. Sie fühlte sich hineingezogen in den Kreis der beglückten Menschen, und ihr Herz war in der freudigsten Bewegung und vom gegenwärtigen Augenblick vollkommen erfüllt.

Als sie wieder allein neben Felix stand, reichte ihr dieser die Hand:

»Ich sagte Ihnen, daß Frauen etwas Wundervolles sind, wenn sie das sind, was sie sein sollen, auch ohne die Weisheit der Männer, die karg genug verteilt ist. Die Frau ist an sich reicher, wissen Sie noch? So muß eine Frau blicken wie Sie jetzt im Bewußtsein der Kraft ihres Wesens.«

Wer aber ganz in sich versunken dem heiteren, schönheitsvollen Treiben zusah, war Freiherr Schenk von Geyern.

So aus dem Vollen hatte er Menschen noch nicht gesehen. »Das ist eine Offenbarung,« dachte er.

Er war erstaunt, daß er mit Entzücken die großen Mädchen und ihr Treiben beobachtete.

235 »So ist in ihnen etwas stärker noch als ihre Körperlichkeit,« schloß er, von seinem eigenen Empfinden ausgehend. »Sie müssen Träger großer Gefühle sein und wahrer Reinheit, sonst wäre diese Körperlichkeit angsterregend.«

Diesen Gedanken sprach er aus, und zwar wendete er sich an einen ihm Unbekannten, dessen Namen er bei der Vorstellung überhört hatte. Es war ein Mann, der ihn interessierte.

Er hatte das Aussehen eines alten Weisen, ein schwarzes Käppchen trug er auf einem wohlgeformten Kopf. Die hohe Stirn war sehr merkwürdig, der Mund ungemein lieblich, sein Lächeln anmutig, er war in eine Art talarhaften Rocks gekleidet. Ein weiter, runder Kragen umschloß den offenen Hals. So trug er sich sehr frei, nach eigenem Belieben. Das hielt der Freiherr nicht gerade für einen Vorzug; aber die ausgezeichnet schöne Stirn des Mannes überstrahlte alles andere, und ein Lächeln war ihm eigen, so persönlich, gleich einer Zusammenfassung aller Erfahrungen und aller Gewinne seines Lebens.

Zwar wendete er dies Lächeln gewissermaßen als Antwort auf des Freiherrn Aeußerung an; aber 236 es war damit nicht ohne weiteres gesagt, daß er nicht beistimme.

Der Freiherr fuhr fort: »Novalis, die Schlegel und ein wenig auch Tieck, doch diesem gelang es nur selten, sind Wege gegangen, die Seele die Körperlichkeit überwinden zu lassen.«

»Gottlob, es gelang ihnen zumeist nicht,« sagte der Mann mit der schönen Stirn. »Was ihnen in ihrem Sinne gelang, damit haben sie uns etwas gelangweilt, da aber, wo sie der lieben Erde treu geblieben sind, wo sie dieselbe in Liebesglut umfingen, waren sie entzückend! Sie haben meinen Freund Goethe zum Gotte gemacht. Ich glaube, sie würden ihm Rock und Füße weggeküßt haben, wenn er sich ihnen ganz hingegeben hätte. Er aber hatte, was sie wollten, im höchsten Sinne.«

»Qualvoll,« dachte der Freiherr entsetzt, »das ist Knebel«; und er kam sich wie gebrandmarkt vor. Er gedachte des Besuches bei Goethe. Der Mann mit der schönen Stirn aber fuhr fort: »Da war so ein etwas Nachträglicher, Uebertriebener, Ueberreifer ganz kürzlich bei ihm und sumste ihm wie eine Fliege um die Nase. Der hat ihn übler Laune gemacht. Dem war's nämlich zu sehr geglückt. 237 Unsere romantischen Leute hier vermiss' ich – vermiss' ich. Genialisch waren sie alle. Romantik ist Poesie, und Poesie ist Genie! Jo – jo! In ihnen ruhte alles, was schön und teuer und sehnsuchtsvoll ist. Philosophie und Sehnsucht, Märchenbronnen und tiefste Mystik. O Stern und Blume, Geist und Kleid. Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit! Jo – jo.« Das sprach der wunderlich anziehende Mann so kindlich und sehnsuchtsvoll, daß Freiherr Schenk von Geyern, trotzdem er bis ins Innerste getroffen war, einen tiefen Eindruck hatte; denn der war Seele von seiner Seele. Er war erblaßt, etwas fühlte er wie gebrochen in sich. Er hielt sich aufrecht.

»Ich gehörte nicht zu ihnen, ich war ein alter Kerl. Jo – jo,« fuhr Knebel zu reden fort; »aber ich vermisse sie, vermisse sie! Man begegnet ihnen nicht mehr auf der Straße. Als wären Nachtigallen eingezogen, war's. Es sang und dudelte die ganze Luft. – Jo – jo.

Entzückenderes gab es nie! Und diese Frauen!

Ich wollte, Goethe wäre damals jünger gewesen und noch nicht die alte Exzellenz. Das hätten die Menschen seiner Jugend sein sollen! Hat 238 er denn nicht geschmachtet in Weimar! Glauben Sie mir, eine Karoline Schlegel ist ihm in seiner Jugend nicht begegnet. Was meinen Sie? Zehn Fauste hätten wir, wären wir unter den jungen Göttern jung gewesen; jo – jo, und lassen Sie's weniger sein!

Hier hat die Menschheit geblüht, o ihr armen Nachblüher!

Der arme Kauz, der Goethe neulich um die Nase sumste! Lassen Sie's gut sein. So etwas kommt nicht wieder!

Und Sie fragen mich gewissermaßen, was hier in diesem schönen Raum, unter diesen Menschen los ist? So meinten Sie's doch?

Romantik! Romantik! Von der Art, wie ich sie liebe, und wie sie hin und wieder fast gegen den Willen unserer Romantiker geglückt ist. Gelebte, nicht gedichtete Romantik. Schauen Sie sich Alma an, schauen Sie sich Felix an!«

Vor des Freiherrn geistigem Auge zog ein stilles, einsames Leben vorüber, das seine, fast ohne Widerhall. Einsam, einsam! Und wo er zu den Menschen gelangen wollte und festen Fuß fassen wollte, brachen die Brücken und Stege.

239 Es war auch, als hätten seine Hände keine Kraft zum Greifen. Myrtel blieb wie sein Schatten bei ihm. Nur Myrtel war treu. Oede, wohin er blickte.

Wie traurig erschien ihm die wunderliche Versammlung junger, schiffbrüchiger Gesellen in seinem Hause, wie sonderbar und nicht sehr ehrenvoll!

»Aber,« dachte er wie im Traum, wie jene denken, denen die eigenen Gedanken keinen rechten Eindruck machen, »hätten die frohen, jungen Götter, die hier einst lebten, nicht herzhaft zusammengehalten; wären sie einzeln gekommen, aus Gott weiß was für Landstädtchen und Nestern, wer weiß, ob Goethe sie nicht auch wie summende Fliegen von seiner Nase verscheucht hätte. Wie recht hatte also eigentlich Mathias Heinloth mit seiner Traube, seinem Ichsee, seinem Ich, seiner Gruppe!« Nein, was die sonderbaren Freunde sagten und taten, war nicht übel; aber sie erschienen ihm so zusammengekehrt aus allen Winkeln. Es war keine Ehre mit ihnen einzulegen.

»Pfui,« dachte er, »du Protz. Brauchst du denn Leute, die Licht auf dich werfen, bist du dir nicht selbst genug? Nein, wahrscheinlich nicht.«

240 Es war ihm schlecht zumute, und er dachte fast daran, seine Reisekutsche wieder flottzumachen.

Hätte nun dieser köstliche Mann mit dem entzückenden Mund und der schönen Stirn nicht ein anderer als gerade Knebel sein können! Aber siehe da, da ging Myrtel eingehängt in seinen Arm, und er beugte den Kopf, um Myrtel näher zu sein und besser zu hören, denn er war groß.

Myrtel sprach lebhaft, wie es gar nicht ihre Art war, die süße, blonde Bettina näherte sich den beiden und hing sich in Knebels zweiten Arm ein. Sie liebte das, so als dritte zuzuhören, wenn zwei plauderten. Knebel war ihr guter Freund, und die kleine zarte Freifrau gefiel ihr über alle Maßen und sie wollte hören, was die beiden miteinander hätten.

Knebel schien gar nicht acht darauf zu geben, daß sich jemand ihm so vertraulich genähert hatte.

»Ei du barmherziger Himmel! Ei du barmherziger Himmel! Jo – jo!« rief er ein Mal ums andere Mal. Erst als er sich mit der Hand an seine schöne Stirne fahren wollte, bemerkte er Bettina.

»Was willst Du denn?«

Myrtel schaute auch ganz betroffen, denn sie hatte in ihrem sorgenvollen Herzen den Beschluß gefaßt, 241 Knebel wegen des unglückseligen Besuchs ihres Mannes bei Goethe in das Vertrauen zu ziehen, und hatte das soeben getan.

»Und Schenk von Geyern heißt er! und! und! Meine hochverehrte, liebe, süße Frau!« rief der lebhafte Mann ganz verzweifelt, »da hab' ich Entsetzliches angerichtet! So ein alter Esel, der ich bin! Aber freilich, freilich! Wie konnte ich den Zusammenhang ahnen!«

Nun teilte er Myrtel kurz mit, was er, ohne zu ahnen, mit wem er vorhin gesprochen, verbrochen hatte.

»Ich sage es Ihnen, verehrte Baronin, weil doch nur Sie auf Erden imstande sind, ihn zu trösten. Ich kann nichts tun! Er war bei Goethe, da ist kein Zweifel! Unsere Exzellenz, mein Freund, ist eine etwas unbewegliche Maschine in solchen Dingen! Nein! nein! Unsagbar gerne täte ich Ihnen, holde Frau, jeden erdenklichen Gefallen; aber ich rate Ihnen, lassen Sie hier nichts Neues geschehen. Ihr Herr Gemahl soll vergessen, einen Strich unter die Sache machen, sie leicht auf die Schulter nehmen. Ich stehe Ihnen immer zu Diensten. Er soll auch mir verzeihen. Vielleicht sucht er mich einmal auf, 242 auch komme ich zu ihm, wenn er es wünschen sollte. Rechnen Sie auf mich, Sie Sanfte, Holde.«

Er küßte ihre Hand und blickte in ein totenbleiches Gesicht, das ihn lächelnd ansah.

Bettina aber war an Myrtels Seite, schlang ihren weichen, vollen Arm um sie und drückte sie an sich wie ein kleines Kind. Bettina, mit Tränen in den Augen, hatte alles begriffen und überblickt.

»Seien Sie nicht so blaß,« sagte sie, »was ist denn Großes an der Sache? Goethe ist nicht der liebe Gott. Zu uns zum Beispiel dürfte er gar nicht kommen. Und glauben Sie mir, mein Vater weiß, weshalb nicht. Wären Sie in Ihrem himmlischen Haus geblieben, von dem Felix uns erzählt, würde die ganze Dummheit nicht geschehen sein.«

Bettina wußte nicht, was sie vor Mitgefühl tun sollte. Am liebsten hätte sie die kleine zarte Frau in ihr eigenes Bettchen getragen und eingeschläfert. Limonade brachte sie ihr und Kuchen; den Vater wollte sie ihr bringen, die Mutter, damit sie die kleine Freifrau trösten sollten. Sie war ganz unerschöpflich.

Als Myrtel sich endlich von dieser frühlinghaften, täppischen jungen Tierzärtlichkeit freigemacht 243 hatte in aller Zartheit und Vorsicht, eilte sie zu ihrem Mann, den sie neben Alma fand, mit der er sich unterhielt.

Sie wartete ein wenig, und als Alma von ihrem schönheitsfröhlichen Onkel zu irgendeinem Unternehmen geholt wurde, trat sie zu ihrem Liebsten, nahm ihn an der Hand und führte ihn durch die offene Flügeltür hinaus in den nächtlichen Lindengarten.

Der ganze Himmel war ausgestirnt, eine Herrlichkeit sondergleichen.

Unter diesem ungeheuren Dach von nie zu zählenden Welten, die in unermeßlichen Räumen in urewigem Tanze sich bewegen, begaben sich die Geschicke der kleinen Menschen mit den unendlich leidensvollen und freudvollen Seelen.

»Was hast Du, Myrtel?« fragte ihr Liebster. Myrtel sagte ihm alles, was sich begeben, was sie getan, und daß sie Knebel gebeten, ihnen mit Goethe zu helfen, damit ihrem Liebsten noch einmal Gelegenheit gegeben würde, Goethe zu sprechen.

Da fiel Myrtels unabweisbare Nähe, ihr Aufgelöstsein in sein Ich wie eine weiche, erstickende Last über den Freiherrn. Und dies: »Mann und Weib 244 sind ein Leib und eine Seele – und eine Einsamkeit«, bedrängte ihn wieder, brachte ihn in Wut.

Es kam ein ächzender, gequälter Ton von seinen Lippen, und er schlug nach Myrtel auch wie nach einer lästigen Fliege und traf sie heftig.

Totenstille zwischen beiden.

 

»Unglückselig muß er sein,« dachte Myrtel, »daß er mich schlug.«

Ihr Liebster aber war innerlich wie erstarrt von Myrtels törichter Tat und dem Schlag, den er nach ihr getan.

Er kam sich vor, als wäre er von nun an unter Rüpel und die Bettler geworfen.

Es ekelte ihn vor sich selbst. 245

 


 

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