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Der gewürzige Hund

Helene Böhlau: Der gewürzige Hund - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gewürzige Hund
authorHelene Böhlau
year1916
firstpub1916
publisherUllstein & Co
addressBerlin-Wien
titleDer gewürzige Hund
pages394
created20140225
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Maienmorgen! Balsamduft. Seidenzartes Buchenlaub. Die Bäume wie grün strahlende, aufragende Berge in ihrer Fülle und ihrer neuen Laubesmacht. Noch nie dagewesene, mächtig sich ausladende Gewalten von zartestem Grün. Dazu die strahlende Breite eines weit ins Land hinein ausgegossenen Sees. Ein Spiegel aller Herrlichkeiten des Himmels und der Erde. Weiße segelnde Wolken, seliger Vogelsang, Himmelsschlüssel, die ersten Maiblumen, aus deren weißen Glöckchen zarter Frühlingsopferduft ausströmt – Herz, was willst du mehr! Einsamkeit, große, weite Einsamkeit – die wir heutzutage nicht mehr kennen. Abgeschiedenheit, tiefe, tiefe Abgeschiedenheit, wie die weltabgewandte Seele, die ganz von ihrem Gott allein erfüllt ist, sie haben soll.

Wolltest du dieser Abgeschiedenheit entfliehen, bedrückte sie dich trotz aller Schönheit und Seligkeit, 6 warst du nicht reif und still genug, mit ihr eins zu werden, oder drängte dich das Schicksal hinaus in die Welt, so mußtest du erst dein Bündel schnüren und dich auf die Wanderschaft begeben, über Landstraßen und holprige Feldwege hin. Oder eine alte Postkutsche rumpelte dich in die Welt hinaus. Zu jener Zeit war die Erde noch weit und groß, unüberschaubar. Die dicht bevölkerten und die kleinen Städte lagen in Einöden, waren voneinander unsäglich getrennt.

Heut ist alles eng zueinander gekrochen. Das eiserne Netz, das sie um unsere liebe, schreckensvolle Erde gesponnen haben, hat alles zusammengerückt und gedrängt. Angsterregende Fernen gibt es heute nicht mehr – keine Einöden. Alles liegt nah, Raum und Zeit hat sich gewandelt. Ein Katzensprung dahin und dorthin, und man hat, was man will, und man ist da, wo man sein möchte. Träume von ungeahnten Fernen auf dieser Erde sind ausgeträumt, und die Sehnsüchte sind klein geworden. Wehe aber denen, die ohne Sehnsucht sind! Damals war die Erde noch aller Sehnsucht voll, die mächtig zu den Seligkeiten Himmels und der Erde führte.

7 Der Maimorgen am Ufer des weit ausgegossenen Sees war so schön, und die hier lebten, lebten wie auf einem Stern für sich, der im Raume schwebt, einsam, unnahbar und abgesondert.

Der uralte Herrenhof am See stand wie angewachsen und gewurzelt. Dessen Parkbäume dehnten sich von einer kaum merklichen Anhöhe hinab an das Ufer des Sees. Ueber der grauen Parkmauer quoll das Grün der Baumkronen und der Blütenbüsche ganz überschwenglich. Niemand wußte, wann der Herrenhof erbaut war – Geschlechter über Geschlechter hatten darin gehaust. Chroniken berichteten davon. Aber auch von dunklen Zeiten vor diesen Aufzeichnungen erzählten die Leute. Sagen hatten sich um dieses Haus mit dem spitzen, hohen Dach, den runden Türmen und den ungeheuren Parkmauern gesponnen. Könige sollen auf Kriegszügen hier genächtigt haben, Geld soll im Hause geprägt worden sein in grauen Zeiten. Uralte Münzen hat man gefunden und Gräber im Walde. Keine Erde ist so schwarz wie die unter den riesigen Bäumen, die um das Haus stehen. »Wenn man in dieser Erde gräbt, werden einem die Hände rußig von allen Geschehnissen hier,« meinte der alte Gärtner.

8 Vor diesen hohen, rauschenden Bäumen breitet sich ein weiter Wiesenabhang aus, der mit Tausenden von Himmelsschlüsseln wie ein Festgewand bestickt ist. Opferdampf von allen Wohlgerüchen und Liebeswonnen der Blumen und Kräuter steigt auf. Und durch die Wiese schlängelt sich ein Landweg. Vor dem Hause unter den Bäumen, in der grünen, schattigen Luft steht die zarte Gestalt eines jungen Weibes im weißen Kleid: blond, lieblich, ein ganz klein wenig so, als hätte ein inniger Künstler die liebe, zarte Gestalt aus feinem, feinem Holze geschnitzt und hätte in seiner Einfalt gedacht, sie solle nicht sein wie aus Holz. Sie soll sein wie aus wahrhaftigem Leben. Gott helfe mir, Amen.

Und wie sie so stand, und über ihr rauschten die tausend und aber tausend seidenweichen smaragdenen Blätter im Sonnenschein, lag der Morgenschlaf noch wie ein Hauch über ihren dünnen, zarten Gliedern. Von einem wunderlichen fernen Brausen wurde sie erst ganz erweckt.

Es nahte wie ein geheimnisvolles Unheil, schwoll an, als flöge ein Vogelflug auf, zog dumpf dröhnend heran, ebbte ab wie Wasserrauschen. Das Herz schlug ihr bang, trotzdem sie wartend stand und 9 das Brausen ihr vertraut war. Denn die Bittwoch' brach mit heute an, in der meilenweit her die Pilger gezogen kamen, um zum heiligen Berg Andechs zu wallfahrten. Auf den golden blühenden, welligen Wiesen vor dem Hause tauchte ein gekreuzigter Erlöser mit ausgebreiteten Armen auf. Der Mann, der ihn trug, ging ehrfurchtsvoll mit der heiligen Last, neben ihm zwei Chorknaben in roten Röcken, und hinter dem Gekreuzigten drein zog die Schar der Bittgänger.

Wieder klang das Beten wie geheimnisvolles Unheil, schwoll an, als flöge ein Vogelflug auf, zog dumpf dröhnend vorüber, ebbte ab wie verklingendes Wasserrauschen.

Und ein Erlöser nach dem andern tauchte über der Blumenwiese auf und hinter ihm drein immer von neuem die schreiende, verlangende Welt. Nackt und rein schwebten die schmerzhaften Erlöser über dem heulenden Volk, das, in mißfarbene Kleider gehüllt, über den Weg stolperte, den die Bauern mit grobem Kies und Steinen jetzt gerade ausgebessert hatten, damit die Bittgänger von allen Dörfern der Umgegend wie eine Walze darüber hingehen sollten. »Die mögen mit ihren Sünden auf dem Buckel die 10 Steiner einistampfen!« hatten die Bauern gesagt. »Die Stoanesel, die!«

Ja, und sie stampften die Steine ein, verlangend, betend, dröhnend. Sie waren durch Regen und Wind und Sonnenbrand ihren Erlösern nachgezogen, hatten auf ihrem Wege mit der Last ihres Verlangens viel Steine eingestampft.

Und jedes Dorf trug seinen gekreuzigten, nackten, schönen Gott ehrfürchtig vor sich her, wie einen reichen Mann, der versprochen hatte, in Andechs Geld unter die Leute zu streuen.

Das zarte Weib unter den gewaltigen Bäumen dachte: »Wie würdest Du Dich wundern, Herr Jesus Christus, wenn Du so viele Deiner armen gekreuzigten Bilder über die blumigen Wiesen schweben sähest und all das arme mühselige Volk, was Deinen Bildern nachgeht! Würdest Du nicht glauben, Dein Reich sei gekommen?«

Sie war von dem endlosen Zug in der großen schweren Maienherrlichkeit erschüttert. Tränen drangen in ihre Augen. Die Anbetung dieses schönen gefolterten Gottes, dessen todbringende, rührende, die Welt umarmende Bewegung so unaussprechlich ist, war ihr nie bewegender erschienen.

11 Vor ihren Augen zogen die höchsten Geheimnisse und Gleichnisse der Welt vorüber.

Sie stand und schaute wie eine abgeschiedene Seele – und es war ihr, als sehe sie auf ein Buch mit sieben Siegeln, und die Siegel würden aufspringen, eins nach dem andern. Das fühlte sie am Erschauern ihres Herzens.

Ihre Hände preßten sich zusammen, und sie betete: »Gott behüt' ihn – Gott sei ihm gnädig!« Und in diesem Augenblick war ihre Seele ganz nahe bei ihrem Ehegemahl, Gabriel Schenk von Geyern, der oben im Hause, im Schlafgemach, wohl noch träumte, und von dessen Seite sie sich geräuschlos fortgeschlichen hatte, um die Bittgänger in aller Frühe vorübergehen zu sehen und mit ihnen zu beten. Zu beten, daß Gott ihrem lieben Herrn Frohmut schicken solle, damit er sich an der schönen Welt freuen könne und an ihrer beider großen Liebe.

Nun aber war ihr das Herz schwerer als vordem geworden. Gar traurig und schmerzbeladen erschien ihr Jesus Christus selbst, der Weg dornig und wehevoll, den Gott auf Erden gegangen war. Und sie gedachte auch der traurigen Heimkehr der heiligen Gottesbilder, wenn sie von Andechs zurückkehrten.

12 Schwer war ihr das Herz.

Da schwebten die schönen heiligen Gestalten nicht mehr über dem Volke. Der Gekreuzigte wurde dann ohne viel Geschichten unter dem Arm getragen oder wie ein Gewehr über der Schulter oder schief, wie es der Zustand des Trägers wollte; aber am meisten unter dem Arm, das war das bequemste. Die nachfolgten, schwatzten; nur hin und wieder beteten ein paar alte Mütterchen, die mit dem Tod auf gutem Fuß stehen wollten.

Die Erlöser hatten in Andechs alle Wünsche und Verlangen angehört. Die Gemüter waren beruhigt. Die Bauern und Bürger dachten: »'s wird scho recht wern.«

Oben im Dorfwirtshaus – das war immer so – da standen die Erlöser im Schuppen und warteten, nachdem sie ihre Pflicht getan. Die Träger und die Gläubigen aber saßen in der Gaststube und ließen es sich wohl sein und schlugen mit der Faust auf den Tisch und waren ihrer Sünden und Verlangen nun ledig.

Die Erlöser warteten da lange, lange vergessen draußen. Und es war kein Wunder, daß die verschiedenen Dörfer ihre Heiligen verwechselten und in 13 der Dämmerung Streit darüber anfingen in ihren benebelten Sinnen. Das war den Erlösern längst bekannt, darüber wunderten sie sich nicht mehr. Ueber all dies wurde die kleine Freifrau traurig und trauriger. »Nichts ist, wie es scheint. Alles ist anders oder wird anders.«

Und da gedachte sie ihrer großen Liebe.

Da kam ihr Mann auf sie zu, schlank und biegsam, nicht so elastischen Ganges, wie seine Gestalt vermuten ließ, mit schmalem Kopf, aschblondem, kurzem Haar und der Feingliedrigkeit alter, guter Rasse.

Er war eben aus dem Hause getreten und kam schweigend näher. Er begrüßte sie erst, als er vor ihr stand, hatte ihr keinen Guten Morgen zugerufen. Sie stand auch und sah ihn kommen. Auch über ihre Lippen kam kein fröhlicher Ruf, wie er zu dieser hellen Maien- und Jugendzeit recht wohl sich geschickt hätte.

Sie begrüßten sich aber beide innig in einer stillen Zärtlichkeit.

»Haben Dich die Plebejer mit ihrem Geheul auch geweckt?« fragte er.

Erstaunt blickte sie auf und lächelte.

Vor der Haustüre deckte jetzt eine alte Wirtschafterin den Kaffeetisch.

14 Er liebte das braune Getränk, das noch wenig bekannt war, und nannte dieses Frühmahl: »die Ausgießung des heiligen Geistes«.

Als sich das junge Paar in der grünen Laubluft, am zierlich gedeckten Tisch, vor dem uralten Herrenhaus gegenüber saß, konnte man meinen, daß sie den Himmel auf Erden hätten. Der See glitzerte durch das Laub. Jubelchöre der Vögel, Opferdampf der blühenden Erde und süße, duftende, stille Atemzüge aller Gewächse um sie her – und sie selbst in schöner, biegsamer Jugend.

»Mir hat heut nacht geträumt,« sagte er, »Du wärst aus Aprikose. Eine Aprikosenfrucht in Menschengestalt, aus dem Stoff, aus dem die frische, duftende Aprikose, die soeben vom Baum gebrochen wurde, geschaffen ist.«

»Ach geh,« sagte Myrtel leise und schüttelte das kleine Haupt.

»Du warst von unbeschreiblicher Schöne und duftetest wie Sommerluft, die an Früchten vorbeistrich.«

»So etwas! Und nun, da ich aus Fleisch und Blut bin, möchtest Du mich aus Aprikose haben. Geh!« lachte sie ganz hell und perlend auf.

15 »Aus Fleisch und Blut,« wiederholte er grüblerisch. »Aus gröbster Nahrung sind die Menschen gebildet. Hast Du je darüber nachgedacht?«

»Nein,« sagte sie. »Weshalb auch? Christus sagt: Nehmet hin das Brot, es ist mein Leib, der für Euch gegeben wurde. Nehmet hin den Wein, er ist mein Blut, das für Euch vergossen wurde.«

»Ja, so sagte er.«

Der junge Mann sprach mit einem müden Ausdruck der Stimme.

»Wir sind geheiligt, meint Schwester Beate. Ach, Gabi,« begann Myrtel nach einer Weile leise, »was denkst Du so wunderlich! Bei uns daheim im Kloster« – sie sagte »daheim im Kloster« – »war alles einfach. Was gesagt war, das war gesagt, und was getan war, das war getan. Du rüttelst an allem.«

»Das paßt Dir nicht?«

»Ach, passen, Gabi, wegen meiner! Schwester Beate meint: Bedenket das Leibliche nicht, aber das Geistige.«

»Da ist mir ja mit Dir, Du Nönnchen, das ganze Kloster ins Haus gekommen, samt Schwester Beate.« Er lachte.

16 »Wenn Du nur lachst!« sagte sie freundlich. »Verlangt's Dich auch heute fort von hier, in die Welt hinaus?«

»Das verstehst Du nicht, Myrtel. Du bist so eine kleine, süße, ruhige Seele. Sagt da Schwester Beate nicht auch etwas? Etwas von Abgeschiedenheit?« fragte er lächelnd, »so etwas?«

»Ja freilich,« antwortete das zarte Weibchen eifrig. »Selige Abgeschiedenheit der Seele in Gott.«

»Aber,« fragte er, »wie ist das? Das verlangt sie von Euch Kindern, von ihren Zöglingen? Das ist doch erst etwas für die Alten?«

»Ei bewahre: Selig ist und dreimal selig, wenn die Jungfrau oder der Jungherr die Abgeschiedenheit der Seele erkennt.«

»Du braves Kind,« sagte er. »Was für eine liebe Schülerin mußt Du gewesen sein – aber« – und er zog sie zu sich heran und flüsterte ihr etwas ins Ohr – »Du Schelm?«

Ein zartes Rot ergoß sich über ihre Wangen.

»Sollte man meinen, daß solch eine Seele, die die Abgeschiedenheit in Gott schon kennt, so tief und selig in die Abgeschiedenheit der Liebe sinkt?«

»'s ist eins,« sagte Myrtel leise.

17 »Für Dich, Du Engel, ja!«

»Für Dich nicht?« fragte sie kaum hörbar und schmiegte sich fest an ihn.

Er antwortete nicht und blickte vor sich hin.

»Eine Blume oder eine kleine Frau zu sein, mag sehr ausruhen,« meinte er.

»Glaubst Du? Das glaubst Du so. Sei einmal eine kleine Frau – Deine kleine Frau!«

»Ist das so schwer?«

»Wohl schwer,« antwortete sie ernst.

Da lachte er: »Ist's, weil Du kein Kindchen hast?«

Sie: »Brauch' keins – hab' Dich.«

Er: »Ist's, weil Du Dir schönre Kleider wünschst?«

Sie: »Brauch' keine, hab' Dich.«

Er: »Ist's, weil es auch Dich hier verdrießt, in dem öden Nest?«

Sie: »Verdrießt mich net, bin gern hier.«

Er: »Ist's, weil Dein Lieber so sauertöpfisch ist?«

Sie: »Ja, das ist's. Weshalb muß er's denn so sein? Sind wir net alle Gäste nur auf Erden – lohnt sich's denn? Ist Heiterkeit nicht aus Gottes Geist und Trauer und Leid aus dem Weltverlangen?«

18 Er: »Das verstehst Du nicht, mein Schatz. Ein Denkersmann und Dichtersmann ist ein ander Ding. So ein Schwälbchen wie Du, das kann überall sein Nest haben.«

Sie: »Bin, was Du bist, tief im Herzen fühl' ich Dich.«

Er: »Ja, das meinst Du.«

Sie: »Das ist so. Das ist mein Schicksal, daß ich Dich so spür'.«

Er: »Das ist aber sehr unnötig!«

Sie: »Ist net unnötig, muß so sein, wenn's die wahre Lieb' ist. Muß auch Gott spüren in all seiner Herrlichkeit, wenn's die wahre Frommheit ist. Habt Ihr Männer die wahre Lieb' wohl? Spürst Du mich?« Sie lächelte.

Er: »Ist nichts zu spüren, was weh tät'. Die zarte, zarte Haut – die süßen Lippen, die Arme wie Blütenstengel! Daß man vergessen möchte, daß Du aus Fleisch und Blut bist, und von dem düstern Stamm unreiner Bestien stammst, denen es voreinander graust und ekelt.«

Sie: »Aber die Seele – die Seele, spürst Du die net?« fragte sie bewegt. »Ich trag' Deine Seel' in mir, nicht Deinen Leib. Der Leib ist nur das Kleid, 19 sagt Schwester Beate. Spürst Du nur mein Kleid, Du – tust Dir leicht.«

Er: »Du Eingesponnenes, Du!«

Sie: »'s ist net so schlimm mit der Spinnerei. Ich seh' alles und weiß doch alles und spür' auch alles.«

Er: »Spürst Du eine Blumenseele etwa?«

Sie: »Ich spür', daß die Blume schweigt. Ihre Freude und ihr Leid rinnt in ihren zarten Aederchen, hat kein Wort gefunden und keinen piepskleinen Laut. Sie duftet nur; und den Duft, mein' ich, verstehn wir nicht. Ehrfürchtig wie ein Geheimnis muß man eine Blume in der Hand halten. Alles auf Erden ist so.«

Er küßte sie. »Eine gute, schöne Stunde,« sagte er, wie aufatmend.

Sie: »Zähl' sie nur, es kommen ihrer nicht so wenig. Bist vielleicht nicht dankbar genug, Du? Was? – Sei froh, daß Du ein Nest hier hast, daß Deine Eltern Dir's erhielten, so treu und ganz auf Dich bedacht.«

»Komm,« sagte er. »Wir wollen miteinander zum Verwalter gehn. Begleit' mich!«

Und sie gingen. Der weite Hof lag hinter Haus und Park.

20 Die Türen der Ställe standen weit geöffnet. Die Maienluft drang in die dumpfen Räume und mischte sich mit dem Dampf, der von den mächtigen Tierleibern und dem Dung zu deren Füßen aufstieg. Eine alte Linde mitten im Hof rauschte mit den frisch ausgeschlupften Laubmassen im weichen Winde.

»Ach, ach!« rief die kleine, zarte, weiße Freifrau und schmiegte sich ängstlich an den Arm ihres Gatten. Da stürzte der alte Kettenhund auf seine Herrin los, ein altes, halb kahles Tier, das seiner treuen Dienste wegen aus dem Hof verbleiben durfte. Myrtel wurde bleich, aber hielt den Ansturm des Tieres auf ihre zarte Gestalt tapfer aus, legte ihm die Hand zärtlich auf den Kopf; die Hand aber bebte. Ihr Gatte beobachtete sie. Es war ihm noch nie so aufgefallen, wie sehr sie den Hund, der eine große Liebe zu ihr hatte, fürchtete.

»Nun, Du ängstigst Dich ja wirklich?« fragte er, als er den Hund vertrieben.

»Aengstigen? Nein,« sagte sie, erregt aufatmend. »Er ist so sehr gewürzig.«

»Gewürzig? Na! Stinken tut er wie die Pest.«

Sie aber schüttelte leicht den Kopf und legte ihrem Gatten die Hand auf den Mund. »Nein, sag' 21 das nicht! Das ist nicht so schlimm mit ihm. Er ist nur gewürzig.«

Wunderlich, daß gerade dieses Wort in der Seele des Mannes haften sollte sein Lebtag.

Er führte sein kleines Weib durch ein Pförtchen in den Park, schloß hinter ihr die Türe, damit der Hund sie nicht wieder belästige, und ging zum Verwalter, um mit ihm allerhand zu besprechen.

 

Sie aber suchte ihren Hasenzwinger auf, wie Freiherr Gabriel Schenk von Geyern ihre vergitterte Kiste nannte, in welcher sie sich weiße Kaninchen mit rosa Augen hielt. Sie spielte oft mit ihnen, herzte sie und freute sich, daß sie so zutunlich waren. Wenn Myrtel mit ihrer Klosterspitzenklöppelei im Freien saß, war es ihr ein lieber Zeitvertreib, die Häschen um sich her spielen zu sehen.

Sie liebte das Stück Erde, das ihr wie ein Wunder zugefallen war. Mitten in der Arbeit, wenn sie eine Weile im Zimmer gesessen hatte, ließ es ihr keine Ruh', sie mußte hinauslaufen, um die Bäume anzuschauen und die reine Luft zu trinken. Sie streichelte einen glatten Buchenstamm und sah in den Sonnenschein und legte sich ins Gras 22 oder vergrub ihr Gesicht in einen Blütenbüschel oder schaute versunken in die duftigen Wolken der blühenden Bäume, wußte gar nicht, wie sie ganz eins werden konnte mit dem, was sie umgab, mit dem Stückchen Erde, das ihr zusammen mit dem geliebten Manne zu eigen geworden war. Alles war zum Herzen sprechend.

Jetzt hatte sie seit Tagen hin und wieder zugeschaut, wie die Häsin ihre kleine weiße Brust zupfte, um zarte Wolle für das Nest der kommenden Jungen zu richten; wie sie unermüdlich ein und aus lief, mit Halmen im Maul, und wie das Flaumbettchen immer weicher und voller wurde und die seidene Wolle auf der Häsinnenbrust immer dünner, ganz zerzaust.

»Wie gut sie ist,« hatte Myrtel gedacht. Dann lagen acht Junge im wohlbereiteten Bett und sogen an der armen Häsin. Die hatte sich wie ein Pelzchen ausgebreitet, und die blinden Kinder waren ganz in sie eingehüllt und quälten sie.

»Wie kann ein Mensch übers Herz bringen, so eine liebe Häsin zu essen, so ein Wunder an Liebe und Treue!« hatte Myrtel gedacht. Sie hatte auch gesehen, wie die Häsin den Jungen das Nest säuberte und sie trocken legte. Und die Häsin war ohne Rast und Ruh' in ihrer liebevollen Arbeit.

23 Der Hasenvater aber hatte ein Junges sich zu Gemüte geführt und einfach gefressen, und die Hasenmutter mußte ihre Kinder gegen ihn verteidigen wie gegen den gefährlichsten Feind. Sie traktierte ihn mit Ohrfeigen, wenn er sich den Kindern wieder nähern wollte.

Mein Gott, was hatte sie zu tun!

Myrtel hatte gesehen, wie die Häsin dem Hasen ein Wöllchen ausziehen wollte. Da war er aber bös geworden und hatte nach ihr gebissen und nicht einen Faden hergegeben.

Als die kleine Freifrau heute wieder so auf ihre Häsin schaute, sah sie ihren Mann durch das Pförtchen kommen, und er sah, daß sie wieder bei den Hasen war, und lachte.

Sie dachte: »Heut hat er schon mehrmals gelacht, ihm ist wohl, gottlob!« und sie rief: »Komm und halt' mir den Hasenvater ein kleins bissel!«

Sie langte in die Kiste hinein und fing den Hasen geschickt, gab ihn ihrem Ehegemahl, damit er ihn ihr bei den Ohren halte. Darauf langte sie nach einer winzigen Schere, die ihr in einem Lederfutteral vom Gürtel herabhing, und begann den sündhaften Hasenvater zu scheren. Sie wollte dem lieben Herrgott 24 nachhelfen und den bösen Hasen zwingen, doch etwas für die armen Kinder herzugeben, damit das Nest wärmer und weicher würde; aber wie sie den Hasenvater auch griff und die silberne zierliche Schere ansetzte, er war so fest und glatt, daß nur wenig von ihm abging.

»Der will nicht!« sagte die kleine Freifrau ärgerlich, »auch so nicht!« Sie war böse, gab dem Hasen einen Klaps und steckte ihn wieder in die Kiste.

»Weißt Du,« sagte der Freiherr Gabriel Schenk von Geyern, »der natürliche Mann ist auch Hasenvater. Es tut not, daß solche Hasenväter vollgepfropft werden mit Wissen und Können und Arbeit aller Art. Sie müssen gefüllt werden mit Arbeit und Tat, die ihnen das Herz erfreut und sie unschädlich macht. Denk' nur daran, was Dein eigner Hasenvater hier für einer ist!«

»Ach Du!« sagte sie und lachte. »Aber sag', ob Christus auch für die Tiere starb? Was soll uns die Erlösung, wenn die armen, so sehr getreuen leer ausgehen?«

Er: »Hat er nicht gesagt: Lasset die Kindlein zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich?«

Sie: »Du meinst?«

25 Er, mit leichtem Hohn in der Stimme: »Ich lerne von Dir.«

Sie schaute errötend und erschreckt auf.

Ueber des jungen Mannes Züge ging es wie ein schwerer Schatten. Von den Nasenflügeln herab zu den Mundwinkeln zogen sich harte Linien. »Dummes Volk sitzt in der wahrhaftigen Hölle und glaubt im lieben Vaterhaus zu sein. Lebendige Nahrung sind sie alle, Mensch und Vieh, und ahnen's nicht.«

»Nein, nein,« sagte Myrtel wie erschauernd. »Das Himmelreich ist größer denn alles Leid, und die, so den Himmel vor Augen haben, sehen den Tod nicht!«

»Sagt Schwester Beate« – und er küßte ihr die kleine dünne Hand.

Er ging und ließ sie bei ihren Häschen mit den rosa Augen allein.

Da stand sie und blickte ihm nach. Ihr Gesicht war ganz ruhig und still, aber klare Tränen rannen darüber hin.

Sie überhörte leichte Schritte, die vom Hause herkamen, und bemerkte nicht, daß eine zierliche, ältliche Bauersfrau jetzt in ihrer Nähe stand und aus hellen Augen auf sie schaute.

26 Ein leises Bewegen der Frau, die einen Rechen über der Schulter trug, ließ sie aus ihren Gedanken erwachen.

»Grüß Gott, meine gnädige liebe Frau!«

»Ach, Guggemoosin, Guggemoosin!« sagte die kleine Freifrau warm und voll Freude, »geht sie schon zum Heuen?«

»Die untern Wege soll ich ein bissel in Ordnung bringen. Heint hat's schenes Wetter.«

»Ja,« sagte Myrtel, »wenn's nur immer alles so bliebe!«

»Ist der Herr wohlauf?«

»Heut recht wohlauf – aber es ist doch nicht, wie es sein sollte, Guggemoosin. Dasselbige Ding scheint dem einen ein Paradies, dem andern ein Grab. Ich möcht' zu jedem Tag sagen: Halt ein. Er möcht' ihn verjagen. Ich möchte hier jahraus jahrein in Seligkeit sein, er aber will hinaus in die Welt. Und Ihr werdet sehen, es hält ihn hier nimmer lang.«

»Meine gnädige Frau, das tut kein gut nicht, das Haus seiner angestammten Leut so alleinig stehen lassen. Das würde dem seligen Herrn ans Leben gegangen sein, so 'was, und ich sag's, wie's is. Ich will niemand was Böses nachreden; aber der 27 Anselm is kei' Guter net. Der ist kein Verwalter, den der Herr alleinig wirtschaften lassen kann. Wo der is, gehört ein Herr her – sonsten – ich sag's, wie's is.«

Da lächelte die kleine Freifrau. »Guggemoosin,« sagte sie, »das versteht Sie nicht. Ihr seid eine Bauersfrau, sogar die untere Müllerin, aber mein Mann ist ein Gestudierter und ein Dichter.«

»Ja, ja, das gib' i zu. Aber der alte Herr war auch kein unfeiner Herr. Und sie sagen, daß er droben sogar die ganze Bibliothek auswendig gewißt hat. Aber da hätte der Anselm kommen sollen mit alleinig wirtschaften. Nicht über ein einziges Saatkirndl hätte der dem Anselm ein Recht gegeben.«

Die kleine Freifrau meinte: »Mein Mann muß schon wissen, was er tut. Da gibt's nichts. Er wird den Anselm schon kennen.«

»Na, na,« sagte die Guggemoosin. »Ich sag', der Anselm kennt sich selbsten net aus, geschweige daß ihn ein anderer kennt. Ich sag's, wie's is.«

»Gegen den Anselm seid Ihr nun einmal.«

»Weil's wahr ist. Mei Sephi sagt immer: Du wirst Dir's Maul noch verbrinnen, Mutter. Alles muß 'raus, was Du inni hast. Wer alles wie ich auf mir selbst gehabt hat, der weiß, wie's geht.«

28 »Mi druckt nu nichts mehr,« sagte die zierliche alte Frau, »und weil i gar nichts mehr hab', brauch' i mir auch kei Sorgen net zu machen. Gar nichts is leicht zu heben.«

Myrtel war aufgefallen, wie praktisch und zu jeder Arbeit passend die Müllerin immer gekleidet war. Und weil es ihr heute wieder auffiel, sagte sie es.

»Der rechte Rock«, antwortete Frau Guggemoos, »ist die halbe Arbeit.«

Myrtel hörte andächtig zu, wie Frau Guggemoos es mit ihren Arbeitsröcken und Jacken und Arbeitshemden hielt, und dachte, daß die feinste Dame nicht ausgespitzter in ihrer Toilette sein könnte wie diese Taglöhnerin. Da gab es ein ganzes Kleiderreglement, das nicht übertreten werden durfte.

Sie sah im Geiste, wie Frau Guggemoos am späten Abend ihr frischgewaschenes, vielgeflicktes Arbeitskleid am Ofen bereitlegte, um in grauer Morgenfrühe behaglich hineinschlüpfen zu können, wie die Arbeitskleider immer wieder aus der Wäsche neu erstanden und in stiller Nachtstunde und in Feiertagsstunden ausgebessert wurden, und wie sie so ein ewiges Leben hatten. Frau Guggemoosens 29 Kleider trugen feste Gesetze in sich. Und die Geschichte der Arbeitskleider erschien Freifrau Myrtel wie die Geschichte der sechs Schöpfungstage des Weibes. Das erste und zweite hatte sich Frau Guggemoos angeschafft, als ihr erstes Kind geboren wurde, und sechs Kinder hatte sie geboren. Fünf waren ihr gestorben, und jedes war von ihr schwer zu Tode gepflegt worden. In schweren, drückenden Zeiten hatte sie drei andere Arbeitskleider sich selbst genäht, und eines hatte sie vom Mann, als der zuletzt krank vom Säckeschleppen im Müllerstübchen saß.

Und nun war sie allein, hatte die Tochter verheiratet, war frei aller Last und voller Zufriedenheit und trug ihre Kleider bei friedlicher Arbeit leichten Herzens. Von keinem aber hätte sie sich trennen können, denn sie trug die schwere Geschichte ihres Lebens in den Kleidern, und auch das älteste mußte noch mitgehen.

Der zarten Träumerin erschien Frau Guggemoosens Arbeitskleid ein Heiligtum zu sein, denn sie sah, daß die Müllerin die Krone des Lebens trug, die über Krankheit und Verlust und über vergossenen Tränen steht. Myrtel liebte die heitere 30 Müllerin, und wie ein Kind mit großen Augen hockte sie bei ihr, als die Frau die Wege vom Unkraut reinjätete, und erzählte.

Ja, wie ein Kind lebte die kleine Freifrau auf ihrem schönen, ihr durch Liebe und Glück zugefallenen Stück Erde, und sie liebte es so heiß, wie man die Dinge auf Erden nicht lieben soll. Sie sagte sich gar oft: »Wäre meine Liebe zu den höchsten, heiligsten Dingen so groß und tief, wie ich hier Wasser, Bäume und Haus liebe und die starke duftende Luft, so könnte ich fast eine Heilige sein. So aber ist es eine rechte Sünde – und Gott möge mich um dieser Liebe willen nicht strafen.«

 

Der Tag nach dem herrlichen Morgen wurde drückend. Weiße Wolken wie Berge zogen am Horizont auf, und graue schoben nach und tiefdunkle wälzten sich von allen Seiten gewaltig daher und überzogen alles Helle am Himmel. Und unter dieser drohenden Wolkendecke wurde die Erde ganz totenstill wie eine arme Seele, über die Gott der Herr mit Schrecken und Zorn kommt, und die nicht weiß, ob ihr letztes Stündlein anhebt. Dann kam der wilde Sturm, und die gewaltigen 31 Baumberge rauschten mit ihrem hilflosen zarten Maienlaub und hoben sich wie helle gepeitschte Wasserwogen von dem dräuenden schwarzen Himmel ab. Es rumpelte und grollte, und dann stürzten Wasserströme vom Himmel nieder, und auf den Parkwegen und im Hofe gab es große Lachen mit schmutzigen Wasserblasen. Die Luft aber war, als wäre die Seele aller Herrlichkeiten auf Erden in sie eingeströmt, so duftete sie.

Myrtel saß im großen Wohnzimmer des alten Hauses und spann in der Gewitterdämmerung. Ihr Ehegemahl hockte am Schreibtisch und schrieb – oder schrieb nicht.

Es schien Myrtel, als wäre er über seine alten Mystiker gebeugt. Meister Eckarts Predigt von der Abgeschiedenheit der Seele übertrug er jetzt in das Hochdeutsche. Er hatte ihr daraus vorgelesen.

Die kleine Freifrau war sich nicht klar darüber, was er tat oder nicht tat Er grübelte – oder grübelte nicht. Er dichtete – oder dichtete nicht. An seinen Schultern aber sah sie, daß er verdrossen war. So nahm sie an, daß er wohl nichts Rechtes tat. Denn verdrossen ist man so eigentlich nur ohne Tat und Ziel. Aber sie wagte ihn nicht zu stören. Auch 32 das wilde Wetter hatte keine Macht über ihn gehabt. Er war nicht ans Fenster getreten, was doch ein jeder Mensch tut, wenn es graupelt und gießt; ja, ein Todkranker würde sich in seinem Bette umgedreht und zugeschaut haben.

Was aber sind die dröhnenden Gewitterwolken gegen die Wolken, die in einer Seele aufsteigen?

Die kleine zarte Myrtel aber saß ganz in sich verkrochen. Sie spann auch nicht mehr.

Als aber das Geräusch der gießenden Wasser aufgehört hatte, schaute der Freiherr mit dunklem Antlitz, auf dem ein Mißvergnügen seiner Seele deutlich ausgebreitet lag, zu Myrtel hin:

»Nun, was machst Du denn eigentlich?« fragte er. »Du weißt, ich kann das nicht leiden, wenn Du mich so beobachtest.«

Sie sagte nichts, stand leise auf und wollte zur Tür hinausgehen.

»Was willst Du denn?« fragte er.

»Ich will sagen, sie sollen einen Kaffee machen. Nach dem Wetter ist das ganz gut.«

»Was Du nur immer hast! Gar keine Ruh'! Du wirst in dieser Einsamkeit hier noch ganz hysterisch. Auf mir liegt's auch wie Blei. Mir ist's, 33 als spräche und schriebe ich wie in ein Federbett hinein – kein Widerhall, nichts! Zwischen Viechern und Bäumen und Bauern.«

Vor dem Freiherrn lag ein Blatt mit Bleistift beschrieben. Im Gewittersturm mochten ihm da Gedanken gekommen sein.

»Da lies« – und er reichte Myrtel das Blatt. Und Myrtel las:

»Wer baute Dir das böse Haus
Aus Fleisch und Blut,
    O arme Seele?

Wer barg Dich in die schwülen Mauern
Aus Fleisch und Blut
    O arme Seele?

Wer gab Dir Rachen und Zahn,
Die Welt zu verschlingen,
    O arme Seele?

Wer füllte Dein Blut mit Glut und Gier,
Zu fassen, zu greifen
    O arme Seele?

Wer setzte Dich in Wirrnis dunkler Wege,
verbarg Dir Gottheitshoffnung,
    O arme Seele?

Wer ließ Dir nicht als trübes Heimatsweh
In Deinem Haus des Schreckens und der Freudenqualen
    O arme Seele?

34 »Gabi,« sagte Myrtel kaum hörbar. »Lach' net! Schwester Beate würde sagen: ›Und siehe da, eh' sie es dachten, ward ihre Seele voll Sonnenschein.‹ Du weißt ja, wie's um uns steht – und weißt, daß die Seele göttlich ist. So ist's doch recht. Geh, Gabi – um das bisserl Leid,« sie lächelte, »und das bisserl Körper ist gar schnell überwunden. Weißt Du, Dein Lied vom Einsiedler ist mir wohl lieber. So möcht ich's halten.« Und sie sagte ihm das Lied, das ihr lieb war. Sie tat es so voll Hingebung, daß es ihn gar wunderlich durchrann:

Er wollt' den Wald der Menschenstadt vertauschen,
Wollt' in sich gehn und seine Seele fühlen
Und – lernte auf der Seele Atem lauschen.
Und mit den Jahren wuchs die Seel' heran,
Gerad wie der Rauch aus kleinem Feuer aufsteigt
Und oben sich vereint der Wolkenbahn.
So lebt er ruhig, von keinem Leid betroffen.
Er wußte sich am Wege der Erkenntnis,
Nur eine trübe Frage bleibt ihm offen:
Was wird mein Körper, da die Seele wächst?

So ging er morgens an die kleine Quelle
Und sah im Spiegel zwischen dunklem Moos
Und zwischen zarten Kräutern oft sein Bild,
Sah's glänzen dort in seiner ganzen Helle
Und ahnte, daß der Körper Seele wird.

35 »Schau, so ist's recht,« meinte Myrtel sanft.

»Bestell' doch Kaffee,« sagte der Freiherr. »Zwar es soll nicht sein, dieses zweimal täglich Kaffee trinken. Aber meinetwegen. Komm' aber gleich zurück!« Die kleine Freifrau lächelte.

 

Als sie zurückkam, fand sie ihn auf dem Sofa sitzend, und sie setzte sich zu ihm.

»Erzähl' was!«

Und sie erzählte ihm von den heiligen Arbeits- und Feierkleidern der Guggemoosin und plauderte so zierlich und eifrig. Und der duftende Kaffee tat das seine.

Und er sagte: »Ja, schön ist diese Kleidergeschichte. Du bist eine kleine Dichterin.«

»Nein, das ist die Guggemoosin. Ich erzähl Dir's genau, wie sie's erzählte.«

»Wie karg ich hier lebe,« sagte er. »Hie und da rieselt ein Quellchen der Anregung, und draußen in der Welt strömt es nur so.«

»Und«, sagte Myrtel, »die Abgeschiedenheit der Seele? Wie soll ich Dich verstehen? Ich halte es gern mit der Abgeschiedenheit und möchte mit Leib und Seele Deines Meisters Schülerin sein.«

36 »Myrtel«, sagte er versonnen, »wäre auch wohl die einzige unter Tausenden, die dem alten Eckart Freude gebracht hätte. Wir andern alle – Klötze, Spießbürger! In unsern Adern rinnt Blut gemischt mit Erde, ein trüber, schwerer, entarteter Stoff – in diesem wundervollen Eckart feuriger Abendmahlswein, der sich in ihm zu Christi Blut und Gottheit wandelt und zu flammenden Flügeln, die zur Erkenntnis tragen.

Nicht auszudenken sind die Seelengluten jener Menschen des dreizehnten Jahrhunderts. Wundervolle Dinge gibt es in unserer Zeit; aber der Mensch wird erst zum Menschen durch das, was wir Mystik nennen, durch das Erschauen seiner Seelenbahn. Ohne dies werden wir zu Klumpen. Schwer und unbeweglich wie Säcke voll Eingeweide, klotzig wie Ungeheuer und Berge kleben wir auf dieser Erde, die wir nur streifen sollten, ganz getragen von Sehnsucht und Wissen.

Myrtel, versteh' mich, was ich auch schaffen werde, es soll diese Sehnsuchtsglut in sich tragen.

Du hast eine dumme Heirat gemacht, Myrtel. Ein solcher Kerl ist aller Nasen lang schlechter Laune und liegt sich selbst in den Haaren. Felix von 37 Roggenbach wäre jetzt der Rechte; – wie der voller Treue und Wissen vom Andern war! Wo er wohl steckt?«

»Er ist so jung schon fortgekommen in die weite Welt, sagtest Du doch?« fragte Myrtel.

»Ja – ganz jung, doch wird er heut so sein, wie er damals war, – einfach und ruhig ist er früh zum Wesentlichen des Daseins gedrungen.«

Die Gewitterwolken draußen und die in der Seele des Freiherrn waren fortgezogen, und die Sonne schien noch ein wenig, ehe sie zur Neige ging.

Aber die Nacht kam bald herauf, die duftende Maiennacht, und in der Seele des Freiherrn die dunkle Melancholie der jungen Jahre, die so tief und drückend ist – und so hoffnungslos – sagen die Alten – und wissen nicht mehr, wie hoffnungslos.

 

Des Freiherrn Arbeiten rückten nicht vor – blieben stecken, und die Schuld an diesem Mißgeschick trug, wie der Freiherr meinte, die tiefe Einsamkeit, in der das junge Paar seine Jahre verlebte. Sie hatten in den ersten Zeiten ihrer Ehe versucht, den Winter über in München zu leben. Da aber war der Freiherr den Eindruck nicht los geworden, als wäre er dort zwischen gewaltigen 38 Bierbäuchen und »sauzufriedenem« Pack eingekeilt, daß es nicht auszuhalten war.

Die kleine Freifrau dachte, so schlimm sei's nicht gewesen; sie hätte die Leute ganz lieb und so weitherzig gefunden. Freilich, Schwester Beate und Frau Guggemoos waren ihr die lieberen.

 

Da kam ein Tag in diesem gesegneten Mai, daß die zarte Myrtel mit ihrem Ehegemahl zusammen den »Tasso« las von jenem Goethe, der in Weimar saß, von dem Myrtel alles, was er dichtete, hören mußte und auch gern hörte. Er, der Freiherr, ganz hingerissen, saß am Kamin und las der kleinen Freifrau vor, die seinem Vortrag so brav folgte wie ein liebes Kind.

»Freilich ist's schön,« fühlte sie, »aber am schönsten ist's doch, wenn mein Lieber froh ist.« Wodurch dies geschah, war ihr recht. Sie betete aber in ihrem Herzen, daß dies durch sie selbst und die liebe, herrliche Heimat, die ihm zu eigen gehörte, geschehen möge. Aber in Gottes Namen auch durch andere Dinge – wenn es nur geschah!

Er erzählte ihr von Goethe, vom herzoglichen Hofe zu Weimar, von den ganz außerordentlichen 39 Dingen, die sich in der kleinen Stadt zugetragen hatten. Er sprach von Goethe wie von einem fast göttlichen Menschen und war so aufgelebt und heiter wie seit langem nicht.

Da dachte die feine Myrtel, und wie ein Schreck und eine große Last stieg ihr dieser Gedanke auf: »Wie wär's, wenn wir, wie zu einem Gnadenort, zu diesem wundertätigen Menschen wallfahrten gingen! Wüßte ich eine heilige Kapelle, die gut gegen meines Mannes Trübsinn und gegen sein schwermütiges Blut wäre, ich verlobte mich, dahin zu wallfahrten mit bloßen Füßen, und wenn der Weg durch das steinigste Land führen sollte.«

Aber ganz gebeugt saß sie, als dieser Gedanke zum ersten Male sie zu beherrschen begann; denn eine Reise zu tun, erschien ihr wie ein großes, dunkles Unglück. Es war ihr, als sollte sie das leibhaftige Himmelreich verlassen, um hinaus in die unbekannte Hölle zu bösen Geistern und in böse Länder zu ziehen.

Und ihre Stimme klang wie die Stimme einer armen Seele, als sie zu später Nachtstunde leise zu ihrem Ehegemahl trat und sagte: »Wie wäre es, Gabriel, wenn wir nach Weimar zu Goethe gingen?«

40 Da fuhr er auf und schaute sie an: »Wie denn? Wieso denn kommst gerade Du auf diesen Gedanken?«

Sie schwieg und kämpfte hart mit Tränen.

»Jawohl – glaubst Du, wir sind große Herren,« fuhr er fort, »die mir nichts dir nichts ihrer Laune folgen können? Was meinst Du, was unsere paar Tagwerk abwerfen? Hast Du Dir denn je überlegt, daß wir arme Teufel sind, Bauern, die auf ihrer Scholle sitzen, die sie nährt? Wir leben von der Erde zum Munde. Aber setz' einmal unsere Einkünfte in Geld um, da wirst Du Augen machen, mein liebes Nönnchen!«

Da wurde sie wieder von einem Gedanken bewegt, den ihr die große Liebe eingab, die sie zu diesem schwerblütigen, suchenden Manne gefaßt hatte. Sie begann:

»Weißt Du nicht, wie mein Vormund sagte: Was braucht so eine arme Waise solch einen köstlichen Schmuck, wie ich ihn von meiner seligen Mutter hab'? Du wolltest nicht, daß er verkauft wurde. Nun haben wir ihn noch. Wart'!«

Sie ging an ein Schränkchen, in dem sie allerhand Herrlichkeiten aufbewahrte: bunte Wachsstöcke, 41 Christkindel in starren, goldbrokatenen Röckchen mit Strahlenkränzen, Heiligenbilder, uralte Stücke von Klosterspitzen, die sie nachklöppelte, ihre Klosterschulhefte, ihr Tagebuch, ein Skapulier und ein Schnäuztüchlein, das Schwester Beate ihr selbst gestickt hatte. Diesem Schränkchen entnahm sie ein saffianenes dunkelgrünes Etui.

»Schau,« sagte sie und öffnete es. »Sieh ihn Dir an!« Sie nahm eine Opalkette heraus, goldgefaßte Steine, die wie Tropfen von der zarten Kette niederhingen. »Sieh, wie Tränen!« Der Schmuck funkelte im milden Schein der Kerzen wie Mondenstrahl. »Man sagt, Opale bringen kein Glück. Drum wäre es gut, Du verkauftest ihn.«

Sie ließen miteinander, eng zusammengeschmiegt, die schöne Kette durch ihre Finger gleiten, und es war, als wenn sie mit Tränen spielten. Opal im Kerzenlicht – du aller Steine geheimnisvollster! Dazu die feinen, jungen Finger des feinen Paars, die in der lichtdurchschienenen Dämmerung, dem Opal nicht unähnlich, eigenes Licht ausströmten. »Wahrlich,« sagte er und schaute auf das Spiel der zarten Finger, der seinen und der ihren, und der mondstrahlartigen Steine, »Fleisch und Blut vermag 42 wie Geist zu scheinen, vermag sich aufzulösen. Trost jener, denen es vor der grauenhaften, lebendigen, fressenden Nahrung graust – heiliges Symbol, solch ein Spiel geisterhafter Hände! ›Du fühlst dich Körper, du weißt dich Seele.‹

Furchtbar zu denken, daß die schauerlichen, intelligenten Fleischmassen dieser Erde keimen, wachsen, welken und gräßlich vergehen, ohne Geistwerdung. Denkende, fühlende Braten, gespensterhaftes Fleisch. Je intelligenter, um so gräßlicher. Wie vertraulich und beruhigend ist ein wahres und wahrhaftiges Gespenst dagegen. Da aber grausen sich diese warmen, pulsierenden Klumpen, deren Existenz grauenhaft zu denken ist. Und hieße solch ein Klumpen Goethe – gleichgültig – desto grauenhafter.«

»Ach,« sagte die kleine Myrtel, »wenn Du doch Geduld hättest. Die Geheimnisse dieses Lebens werden sich klären. Du mußt nicht lachen; aber Schwester Beate sagt: Geduld und Demut . . .«

»Ja, Nönnchen. Weißt Du, was ich glaube? Schwester Beate bist Du selbst,« sagte er lachend.

»Nicht lachen,« bat sie, »wenn Du von so schrecklichen Dingen redest!«

43 »Auferstehung des Fleisches!« Sie rührte ihn an dem Aermel. Ihr kleines zartes Gesicht strahlte. »Das ist's ja, was Du willst. Schau doch, es ist ja ganz in Ordnung. Du willst nur nicht!«

Er: »Man kann nicht mit Dir reden. Du fährst über die Dinge hin wie mit einem Beschen.«

Sie sah so müde auf ihn hin, so matt, und hielt die Opalkette in ihren beiden Händen. Es strengte sie an, ihm zu antworten. Sie lebte bei ihm über ihre Kraft, sie hatte ihr eigenes harmloses Dasein und nahm auch ihn ganz in sich auf mit seinem zehrenden, wühlenden Denken und Fühlen und seiner Ruhelosigkeit. Da ist's wahrlich, dachte sie, eine kleine Sache dagegen, die Seele und den Leib eines unschuldigen Kindleins in sich zu tragen.

Nun lachte sie und sagte: »Wir wollen doch zu Goethe, auch wenn er ein Klumpen wäre. Und Du fährst auf ein paar Tage fort und verkaufst die Kette in München. Wenn ich zu den Hasen gehe, brauche ich die Kette nicht, und überhaupt brauche ich die Kette nicht. So soll sie sich zu der Reise umwandeln.«

»Sei nicht so gut, Myrtel,« rief er erregt aus und schloß sie in die Arme. »Was für ein Engelskind bist Du mit Deinem Uhu!«

44 »Ach geh', red' nicht!« Vor innerer Bewegung aber kam sie ins Weinen, verbarg ihren Kopf an seiner Brust, damit er es nicht merke.

»Ach, Du weinst!« sagte er.

Sie: »Das sind Freudentränen.«

Er: »Wegen der Reise? Lügerei, Lügerei! Du – und reisen! Da reiste, glaub' ich, Deine Häsin lieber.«

Sie: »Ach was, ich geh' gern mit Dir. Die alte Reisekutsche von Deinem Vater, die lassen wir herrichten.«

»Myrtel!« rief er laut. »Myrtel!« Vor seiner Seele stand die alte staubige Reisekutsche, die, solange er denken konnte, in der Wagenremise gesteckt hatte, mit einem gewichsten Planentuch verdeckt. Die Reisekutsche, in der er in seiner Kindheit stundenlang gesessen hatte, in Staub und Spinnweben, seine Traumkutsche, die nie aus der Remise herausgekommen war, solange er denken konnte, außer sie mußte einmal notgedrungen gereinigt werden, seine alte geheimnisumsponnene Reisekutsche, die seinen Vater einmal in dessen Jugend nach Florenz gefahren hatte!

Er entsann sich, daß er in seiner Kindheit in den Ritzen der Wagenspeichen und der geschwungenen 45 Federn, auf denen die Kutsche ruhte, nach Teilchen alter verstaubter Erde gesucht hatte, und war irgendwo ein Körnchen zu finden gewesen, so hatte er diese Krume fremden Landes zwischen die Lippen gepreßt und war mit diesem Talisman an der Zungenspitze dagestanden wie erstarrt in Träumen; da war er wirklich, wie er ging und stand, durch Wunder und Herrlichkeiten gefahren. Und wie ein Bub so eifrig bat er jetzt: »Geh, Myrtel, sei so lieb, machen wir uns auf und schauen uns doch miteinander einmal das alte Gehäuse an!«

»Jetzt in der Nacht?« fragte Myrtel erstaunt und erschreckt.

»Ist denn kein Tropfen, kein Funken Feuerglut in Dir, Du Häsin Myrtel? In mir gärt's und tobt's und braust's. Und Du bist wie eine Flaumfeder! Herrgott noch einmal!«

»Ich geh' mit Dir,« sagte sie.

Da nahm er sie auf den Arm, und eine Kerze gab er ihr zu halten und schleppte sie durch den langen Korridor.

Das Licht flackerte, so lief er. Sie schützte es mit ihrer Hand, die, durchschienen vom Licht, wie ein rosafarbener Edelstein leuchtete.

46 »Wir holen die Laterne,« sagte er.

Alles im Hause schlief – Totenstille.

In der Küche glänzten die Kupfergefäße, aufleuchtend im Kerzenlicht, und in Reih und Glied standen auf einem Bord am mächtigen Rauchfang große, blankgeputzte, uralte Messinglaternen, und in allen steckten Lichte, halb abgebrannt oder Stümpfchen, je nachdem sie gebraucht waren.

Der Freiherr nahm zwei von ihnen und zündete sie mit der Kerze an. Es war, als zitterten seine Hände. Als in zwei Laternen die Kerzen still brannten, löschte Myrtel die Flamme aus dem Leuchter aus.

»Drei Flammen soll man nicht brennen. Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes,« sagte sie leise.

Er schaute auf. Da sah er sie bleich in ihrer ganzen Zartheit stehen, als wollte sie in der Dunkelheit des hohen, uralten Küchenraums zerfließen.

Vor Augen hatte er die Geistwerdung der Leiber schon auf Erden durch Güte und Hingebung; doch verstand er es nicht.

Wie er nun mit Myrtel durch den noch von nachziehenden Gewitterwolken gedämpften und 47 unterbrochenen Mondenschein über den Hof ging und der Querbalken, der die Remise verschloß, herabgerumpelt war, heulte der gewürzige Hund laut auf. Da traten sie in die modrige, dumpfe Dunkelheit ein.

Der Freiherr führte die kleine Freifrau an der Hand und zog sie an allerhand Wagen und Gerümpel vorüber, bis sie vor dem alten Ungeheuer standen. Da schwang sich der Freiherr Gabriel Schenk von Geyern voll Kraft und Unternehmungsgeist auf eins der hohen, staubigen Räder und knöpfte und riß die schützende, steife Plandecke herab. Und da stand im Halblicht die alte Reisekutsche ganz tüchtig vor ihnen. Denn man sah ihr ihre Gebrechen jetzt nicht an, man roch nur Staub und Alter und morsches Leder und stellte sich zerschlissene, verschimmelte Polster vor. Vom Bock aber flog, geheimnisvoll aufseufzend, eine Eule auf und strich mit leisem, körperlosem, weichem Flügelschlag an den nächtlichen Ruhestörern vorüber, umkreiste sie einigemal und schoß dann lautlos zur Türe hinaus.

»Ein Wunder!« rief der Freiherr, »schau her!« Er leuchtete. Da schimmerten vom Fußtritt des Kutscherbocks aus einem Neste von Stroh und zarten 48 Gezweig drei grauweiße Eier im Laternenschein. »Euleneier! So was ist denn doch noch nicht dagewesen! Ein Eulennest in der Reisekutsche! Nicht auszudenken.«

Myrtel war bebend vor Erstaunen und Erregung. »Ach, und nun haben wir sie aufgeschreckt!« rief sie.

Er: »Ein stillerer, abgelegenerer Ort war nicht zu denken für solches Volk. Aber alles hat ein Ende. Diese Brüterei hier, ein für allemal! Basta!« Der Freiherr öffnete den Kutschenschlag. Da quoll ihnen eine dicke Luft entgegen. Er schwang sich in die Kutsche, in der er als Kind sich ganz in Träume eingesponnen hatte, und zog die sich sträubende Myrtel zu sich hinein, küßte sie so heiß und bebend, wie er sie lange nicht geküßt hatte, überströmte sie mit Zärtlichkeiten. Sie schmiegte sich fest, fest an ihn, denn grauenvoll war es ihr zumute.

Und er hüllte sie ganz in Liebe und Zärtlichkeit; doch sie dachte dunkel: »Du hast die Reisekutsche selbst heraufbeschworen aus ihrem Todesschlaf, keine Menschenseele wußte mehr von ihr.«

Er: »Du bist so kühl, Du bist so eigen fremd, und in mir schlagen alle Seligkeiten der Erde zusammen. Reisen! – Myrtel! – In die Welt hinaus! Leben! 49 – Myrtel, lebendig werden! – Und Dein Geschenk ist's!

Du süße, einzige Myrtel! Weißt Du noch, wie wir uns zum ersten Mal in meiner Tante Priorin heiligen Stube bei Deinen englischen Fräuleins sahen? Du Schelm! Wie Du hereinkamst mit Deinen zarten Täßchen, um meiner Tante den Tee zu servieren? Ich seh' Dein Mützel, wie es weiß Dein Gesicht einrahmte.

Eine kleine Heilige, dachte ich, die sie aus ihrer Kirche nahmen.

›Unser sehr lieber Zögling,‹ sagte Tante Brigitte, ›Fräulein Myrtel von Ivogun, ein Waislein, das, will's Gott, den Schleier einmal in unserm Kloster tragen wird.‹

›Jawohl, jawohl, meine liebe Tante, ganz wie Sie meinen!‹

Myrtel – Myrtel – Myrtel! dachte ich von da an immer. Zuerst der Name – da war alles drin, was mir gefiel, das Nönnchen, die Blumenaugen, die Gestalt ohne Schwere, der ernste, liebe Mund, der nicht wie ein Mund, fast wie noch ein Auge ist! Die weiche Stimme, denn die bekam ich auch zu hören.

50 Braut Christi, sagte ich, als wir einander bei Tante Brigitte wiedersahen – weißt Du noch? Gott hatte sie glücklich einmal unversehens davongeführt – und wir waren allein.

›Nicht doch spotten,‹ antwortete mir das Myrtel von Ivogun. ›Solch eine Braut möcht' unsern Heiland net grad freun.‹

›Mich aber würde sie gerade sehr, sehr freuen,‹ sagte ich.

Da schaute mich das Myrtel mit erschreckten, ganz heiligen Augen an, ganz abwesend, kalt vor Tugend. Heilig – heilig – heilig – dreimal heilig«

»Dann kam – was kam dann?« fuhr Myrtel flüsternd gespannt fort und schmiegte sich an ihren Eheliebsten. »Das Liedel von den tausend Spiegeln, in einem rosa Briefel, so hereinstibitzt vom Bäckermädel. Ich kann's noch wohl.«

»In meinem Herzen war es Nacht seit Jahren,
Ein dumpfer banger Lebensschlag, sonst nichts.
Wohl tausend Spiegel, die verborgen waren,
Die sehnten sich des langentbehrten Lichts.

Da strahlten Deiner beiden Augen Sterne
Mit Lebenslicht und Freude in mein Dunkel.
Schon sind die trüben Jahr' in weiter Ferne,
Die Spiegel werfen tausendfach Gefunkel. 51

Ich komm' zu Dir und schau' Dir ins Gesicht,
Da fühl' ich in der Brust ein hartes Stechen.
Dein kühles Wesen! Ach, du liebst mich nicht!
Ich spür's, wie meine Spiegel alle brechen.«

»Dann kam?« nahm er das Scherzspiel wieder auf.

Sie: »Briefel – Briefel – Briefel!«

Er: »Dann kam?«

Sie: »Net mehr im Kloster, net mehr im Kloster, dem lieben, dem lieben.«

Er: »Dann kam?«

Sie: »Bei meiner Patin, Küsserei – Küsserei – Küsserei.«

Er: »Dann kam?«

Sie: »Liebe, Liebe, Liebe!«

Er: »Dann kam?«

Sie: »Daß Du mein alles wurdest und ich Dein für alle Ewigkeit – und Dein Traumhaus!«

Er: »Dann kam – Sauertöpferei – Sauertöpferei – Sauertöpferei!«

Sie: »Ja leider, ja leider, ja leider.«

Er: »Und weshalb – und weshalb – und weshalb?«

Sie: »Aus großer Ungezogenheit – aus großer Ungezogenheit – nur von ihm.« 52

Er: »Das sagst Du! Das sagst Du – das sagst Du!«

Sie: »Das sag' ich – das sag' ich!«

Er: »Weil das Myrtel langweilig war – langweilig war – weil Myrtel lang–weilig war.«

Sie: »Was net wahr is – was net wahr is – was net wahr is.«

Er: »Nein, was nicht wahr ist. Ein gutes Kind – ein zartes Nönnchen – eine süße, süße Geliebte.«

So spielten sie in der alten Reisekutsche in tiefer Dunkelheit und Weltverlorenheit, wie zwei Katzen mit Bällen spielen, mit Worten und Zärtlichkeiten. 53

 


 

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