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Der getreue Kleist

Paul Schreckenbach: Der getreue Kleist - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer getreue Kleist
publisherL. Staackmann Verlag
year1953
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061004
projectid175a627f
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Erstes Buch

I

Der Candidatus Theologiä Martin Garbrecht saß in seinem Informatorstüblein und schrieb in sein Tagebuch. Es war ein kleiner, aber unförmlich dicker Band, der vor ihm lag, verschließbar und für gewöhnlich auch streng verschlossen gehalten. Denn seinen verschwiegenen Blättern pflegte der junge Gottesmann alles anzuvertrauen, was er erlebte, dachte und empfand, das Buch durfte als ein getreues Spiegelbild seiner Seele gelten. Kein Wunder daher, daß er es vor profanen Blicken aufs sorgfältigste verbarg. Jetzt war er fertig und legte mit einem leichten Seufzer die Feder aus der Hand. Er bog sich in seinem roh gezimmerten Lehnstuhle so weit zurück, daß er mit dem Hinterkopfe fast das Fenster in seinem Rücken berührte, hob das Buch hoch empor und begann, die letzten Strahlen der Abendsonne auf diese Weise auffangend, halblaut vor sich hin zu lesen: »Schloß Zeblin, den 30. Junius 1724. Ein dies ater liegt hinter uns. Selten werden die gesegneten Fluren Zeblins und Curows solch ein Malheur erfahren haben. In der neunten Stunde des Vormittags schob sich eine effroyable schwarze Wolkenwand von Köslin heran, und ein Hagelwetter prasselte hernieder, erschröcklich zu sehen und ebenso erschröcklich zu hören, wohl fünf Minuten lang. Die Weibsen lagen auf den Knien und schrien, daß Gott sich erbarmen wolle, und mein Herr von Kleist stand weiß wie eine Wand mit zusammengebissenen Zähnen da. Es ist für ihn ein rechtes Kreuz, daß die schöne Ernte verhagelt ist, sintemalen seine Umstände, wie ich immer mehr sehe, ohnehin nicht die besten sind. Er ist zwar Erb-, Lehns- und Gerichtsherr auf sechs adeligen Gütern in unserem Pommernlande, aber –« Der Kandidat brach plötzlich ab, klappte das Buch zusammen und ließ es blitzschnell in einer Schublade verschwinden. Eilige Kinderfüße kamen die knarrende Stiege emporgestürmt, die Tür flog auf, und ehe der Kandidat den Schlüssel umdrehen konnte, stand ein etwa zehnjähriger Knabe im Zimmer. Man hätte ihn, der barfuß ging und ein vielfach geflicktes Wams anhatte, für einen Bauernjungen halten können, aber die feinen Züge und die großen blitzenden Augen deuteten darauf hin, daß nicht das Blut unterworfener wendischer Knechte in seinen Adern floß. Die wegen der Störung etwas unmutige Miene des Kandidaten entwölkte sich bei seinem Anblick sogleich, und ein Zug väterlichen Wohlwollens erschien in seinem jugendlichen, gewöhnlich etwas strengen Gesichte. Von den Kindern des Herrn Joachim Ewald von Kleist, die er zu erziehen hatte, war dieser Knabe ihm bei weitem der liebste. Denn er war nicht nur geweckt im Unterricht, er hatte sich auch seinem Präzeptor mit einer Zutraulichkeit angeschlossen, die eigentlich gar nicht in seinem ziemlich scheuen Wesen lag.

Darum trat der Kandidat mit freundlichem Lächeln auf ihn zu, faßte ihn scherzhaft beim Ohre und fragte in mild verweisendem Tone: »Junker Ewald, Junker Ewald, wann wirst du lernen manierlich anzuklopfen und ohne Gepolter in die Stube einzutreten? – Aber was ist denn los, mein Jung?« unterbrach er sich, denn er sah die Augen seines Zöglings mit einem so angstvollen Ausdrucke auf sich gerichtet, daß ihm der Gedanke durch den Kopf fuhr, es müsse ein Unglück geschehen sein. »Herrgott, was ist denn?« wiederholte er, als Ewald sich mit einem Male an seinen Arm klammerte und zu schluchzen anfing. »Ach, Herr Garbrecht,« stieß der Knabe hervor, »nicht wahr, es ist eine Lüge, daß die Daniela eine – eine Hexe ist?«

Der Kandidat trat betroffen einen Schritt zurück, und seine kleine zierliche Gestalt reckte sich. »Wer, sagst du? Die Schulmeistersche? Wer hat das gesagt?«

»Die Bauern sind unten beim Vater, ihrer drei aus Curow. Sie sagen, sie hätte das Wetter gemacht und dem Schulzen seine Ochsen hätte sie auch verhext.«

»Selbst Ochsen!« rief der junge Mann und schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. »Allmächtiger, wann endlich wird der scheußliche Wahn aufhören in diesem Lande! – Was wollen sie von deinem Vater?« fragte er weiter. »Der Vater soll sie nach Köslin schaffen lassen und nachher soll sie nach Berlin gebracht werden und – und –«

»Nun, und in Berlin?«

»Dort soll sie der König – der König soll sie – verbrennen lassen«, würgte der Knabe hervor und schluchzte wieder ganz verzweifelt auf.

Der Kandidat lachte spöttisch. »Das wird er wohl bleiben lassen. In unserem Lande ist der König neunmal klüger als sein dummes Volk.« Er legte seinem Zögling die Hand aufs Haupt und fuhr freundlich fort: »Sei ruhig, mein Jung. Deiner Daniela wird nichts geschehen. Sind die Leute noch unten? Ja? Nun, da werde ich gleich selbst einmal zu deinem Vater gehen.« – »Aber nicht doch!« wehrte er hastig und fast verlegen ab, als Ewald in stürmischer Aufwallung seine Hand ergriff, um sie zu küssen. »Geh noch eine halbe Stunde in den Park hinab, Ewald, ich komme dann zu dir.«

Als Garbrecht allein war, trat er mit raschen Schritten vor ein Bild, das an der Wand hing und blickte es wohl eine Minute lang unverwandt an. Es stellte einen Mann dar in der steifen Gelehrtentracht der Zeit, aber unter der von der ungeheuren Allongeperücke halb verdeckten Stirn funkelten ein paar ungewöhnlich scharfe Augen hervor, und um den feinen Mund spielte ein ironisches Lächeln. Das war Herr Christian Thomasius, Kanzler und einer der gefeiertsten Lehrer an der jungen Universität Halle, der große Bekämpfer und Überwinder des Hexenprozesses auf deutschem Boden. Durch ihn war der Kandidat einst in die Zahl der akademischen Bürger Halles aufgenommen worden, und auf eine Empfehlung hin hatte er sogar persönlich Zutritt zu dem Hause des berühmten Mannes gefunden. So kam es, daß selbst August Hermann Francke die Seele des jungen Theologen nicht in dem gleichen Maße hatte beeinflussen können wie der erleuchtete Jurist und Philosoph.

Erfüllt und begeistert von seinen Ideen kehrte er nach Hause zurück, aber er hatte damit kein Glück in seiner hinterpommerschen Heimat. Die Geistlichen dort waren fast alle in Greifswald gebildet und also in der starrsten lutherischen Rechtgläubigkeit befangen. Sie betrachteten von vornherein jeden mit Mißtrauen, der von Halle kam; denn der Pietismus Franckes war ihnen fast ebenso zuwider wie die humane Aufklärung des Thomasius. So hatte sich Garbrecht ihrer Gunst nicht zu erfreuen, und da die adeligen Patrone natürlich auf den Rat ihrer Pastoren hörten, so waren seine Aussichten auf eine Pfarrstelle sehr gering. Er wäre vielleicht sogar in Not und Bedrängnis geraten, wenn ihn nicht Herr Joachim Ewald von Kleist auf Zeblin in sein Haus aufgenommen hätte.

Dem war damals gerade die Frau gestorben, und so stellte er seine vier Mädchen unter die Zucht einer französischen Gouvernante, die beiden Knaben unter das Regiment eines Informators. Das war in seiner Lage sehr vernünftig gehandelt, denn er selbst hatte mit der Verwaltung seiner Güter genug zu tun und konnte sich um die Erziehung seiner Kinder wenig kümmern. Auch die Stiefmutter, die er ihnen einige Jahre später gab, nahm die Zügel der Erziehung nicht in ihre Hand. Sie war ein polnisches Fräulein, eine Tochter des königlichen Kammerherrn von Dorpowski auf Grabiana, noch ziemlich jung, hübsch, lebenslustig und sehr geneigt, sich auf Zeblin zum Sterben zu langweilen. Darum verreiste sie überaus häufig zu Verwandten oder Freunden, wo es etwas zu sehen und mitzumachen gab, und so befand sie sich gerade jetzt wieder bereits seit sechs Wochen bei einer Tante in Dresden und schien noch kaum an die Heimkehr zu denken. Daher war Herr von Kleist sehr häufig nur auf den Informator seiner Kinder angewiesen, wenn er mit jemand in seinem Hause ein vernünftiges Wort reden wollte, wozu er ein starkes Bedürfnis besaß. Denn er hatte in der Tat Interessen, die über seine Wirtschaft, die Reitbahn und Wildbahn hinauslagen. Er liebte es, tiefsinnige Gespräche über Gott und die Welt zu führen, wobei er freilich oft verwunderliche Meinungen zum besten gab, aber auch Widerspruch wohl vertragen konnte. Solche Disputationen dehnten sich nicht selten bis weit über Mitternacht aus, und seine Partner mußten sich nicht nur durch eine tüchtige Suada, sondern auch durch eine trunkfeste Kehle auszeichnen. Denn Herr Joachim Ewald war der Meinung, daß zu jedem ernsten Männergespräch Rotwein gehöre, vieler, guter und starker, oder auch ein steifer Grog, bei dem das Wasser gänzlich fehlen durfte. So hatte er schon manchen mundtot gemacht, nicht durch das Gewicht seiner Gründe, sondern durch kräftiges Zutrinken.

Bei Garbrecht hatte er damit allerdings selten Glück, denn der stand in einem festen Trunke, wie in allen anderen Dingen, seinen Mann. Das trug sicher dazu bei, ihm die Achtung und das Wohlwollen des Edelmannes zu erhalten. Erworben hatte er sich beides durch die gerade Ehrlichkeit seines Wesens und die ungeschminkte Deutlichkeit, mit der er seine Meinung äußerte. »Man weiß immer, wie man mit dem Kerl dran ist,« pflegte Herr von Kleist von dem Lehrer seiner Kinder zu sagen.

Auch jetzt war der Kandidat fest entschlossen, ohne alle Umschweife für die von ihm erkannte Wahrheit einzutreten, selbst wenn der Edelmann, was nicht unwahrscheinlich war, den Aberglauben seiner Bauern teilen sollte.

Er schritt die Treppe hinab und trat auf die Diele. Dort öffnete sich eben die Tür, die zu der Wohnstube des Gutsherrn führte. Drei Bauern in ihren Sonntagsgewändern schoben sich heraus, und bei ihrem Anblick vermochte der Kandidat ein schadenfrohes Lächeln nicht zu unterdrücken. Denn ihre Mienen waren so finster und verbissen, daß man ihnen auf den ersten Blick ansah, sie hatten ihren Zweck bei dem Herrn nicht erreicht.

»Nun, Enbschulze, hat Euch der gnädige Herr die Wahrheit recht ordentlich gesagt?« fragte Garbrecht den ältesten und dicksten unter ihnen.

Der Bauer sah ihn mit einem queren Blicke an und murmelte: »Recht möt man doch Recht bliven.« Dann schritt er ohne Gruß mit den anderen dem Ausgange zu.

Der Kandidat blickte ihnen nach. »Wenn die Dummheit weh täte,« dachte er bei sich, »so müßten diese Menschen vor Schmerzen rasen.« Dann klopfte er an, und auf ein mürrisches »Herein« trat er ins Zimmer.

Das Gemach war halb finster, die Lichter waren noch nicht gebracht. Mit Mühe unterschied der Kandidat die große Gestalt des Edelmannes, der sich mit der Stirn gegen das Fensterkreuz gelehnt hatte und sich bei seinem Eintritt nur halb umwandte.

»Was wollt Ihr?« fragte er verdrossen. Die Anrede »Sie« gebrauchte ein pommerscher Edelmann gegenüber einem Geistlichen erst dann, wenn der die Ordination empfangen hatte. Daran änderte alle persönliche Wertschätzung nichts. »Ich will Ihnen danken, Herr von Kleist, dafür, daß Sie die Menschlichkeit und die Vernunft gegen unsere Bauern vertreten haben.«

»Was wißt Ihr denn davon?« fragte der Edelmann verwundert.

»Ewald sagte mir, weshalb die drei gekommen waren.«

»Der Ewald? Der Jung ist überall und nirgends. Er hört alles, was er nicht hören soll,« brummte Kleist.

»Es wird sich keiner so freuen wie er, daß Sie die abscheulichen Anträge der Leute zurückgewiesen haben,« bemerkte Garbrecht.

»Zurückgewiesen? Ich habe ihnen nur gesagt, ich wolle mir die Sache überlegen,« erwiderte der Edelmann langsam und bedächtig.

»Herrgott, was gibt's da noch zu überlegen!« fuhr es dem Kandidaten heraus.; »Man müßte einem Menschen, der einen anderen der Hexerei bezichtigt, fünfundzwanzig Stockprügel zudiktieren. Dann würde die alberne Bosheit bald verschwinden.«

»Meint Ihr?« sagte Kleist und ließ sich schwerfällig in einem Stuhl am Fenster nieder. »Na, ich will Euch was sagen, Kandidat: In diesen Dingen spricht der eine so, der andere so, und der Henker weiß, wem man glauben soll. Eueren Thomasius in Ehren, aber es gibt kuriose Dinge in der Welt.«

»Mein Herr von Kleist will doch nicht sagen, daß er an Teufelsbündnisse glaubt?« gab Garbrecht mit einem überlegenen Lächeln zur Antwort.

Der Schloßherr schlug sich mit der Faust aufs Knie. »Glaubt Ihr, daß es einen Teufel gibt?« fragte er unwirsch.

»Das ist nicht zu leugnen!« rief der Kandidat, »wird auch vom großen Thomasius nicht geleugnet.«

»Ist mir lieb zu hören,« entgegnete der Edelmann, »denn wer nicht an den richtigen Teufel glaubt, der glaubt auch nicht an den richtigen Gott. Warum soll er also nicht mit den Menschen einen Pakt schließen können?«

»Ja, warum sollten die Leute mit ihm einen Pakt schließen wollen?« gab der Kandidat zurück.

»Damit sie reich oder mächtig oder sonst was werden.«

Garbrecht lachte. »Das paßt auf den Fall, der vorliegt, ausgezeichnet. Die Daniela Kluska ist eine arme Schulmeisterswitwe und lebt in dem alten halbverfallenen Schulmeisterhause, das Ihre Gnade ihr überlassen hat. Sie nährt sich und ihre Susanne redlich durch ihrer Hände Arbeit und durch die Heilmittel, die sie für Menschen und Tiere bereitet.«

»Eben dadurch hat sie sich im Dorfe verdächtig gemacht,« warf Kleist ein.

»Natürlich!« sagte Garbrecht hart, und sein Gesicht rötete sich, »wer der Welt wohltut, wird zum Dank von ihr gesteinigt.«

»Man kann auch sagen,« erwiderte Kleist, »die Menschen tragen Scheu vor einem, der an die geheimnisvollen Kräfte der Natur rührt. Das ist nicht wohlgetan.«

»So sprachen Sie nicht voriges Jahr, als die Kunst dieser Frau den Ewald und die Adelheid vom Fieber kurierte,« sagte der Kandidat gelassen.

»Den Ewald hat sie seit der Zeit auch ganz verhext,« knurrte der Edelmann, »der Bengel steckt oft halbe Tage lang in ihrer Spelunke und spielt mit der Schulmeistersgöhre.«

»Das hat wohl seinen triftigen Grund,« entgegnete Garbrecht, »die Frau war seine Amme, und die kleine Susanne ist seine Milchschwester. Und ich will meinem Herrn von Kleist den tieferen Grund sagen, der ihn zu der Frau zieht. Er findet dort die Liebe, die er sonst nirgends wo findet, seit seine Mutter in die Ewigkeit eingegangen ist.«

»Was?« rief der Edelmann und sprang auf, »wollt Ihr sagen, ich liebe meine Kinder nicht?«

»Das durchaus nicht,« fuhr Garbrecht ruhig fort, »aber Sie können ihnen die Mutterliebe nicht ersetzen. Sie sind ein guter Vater, aber ein strenger Vater, wie die allermeisten Väter sind und wohl sein müssen. Deshalb bildet die zärtliche Mutter nach Gottes Ordnung eine Art Gegengewicht gegen die rauhe Art des Vaters. Das fehlt hier. Manche Kinder entbehren es weniger, andere sehr, und Ewald gehört zu diesen anderen. Seine neue Mutter ist, hm, mit Respekt zu sagen, sehr viel verreist. Er hungert nach Liebe und findet sie nicht. Auch seine älteren Schwestern sind nicht zärtlichen Gemüts. Darum läuft er zu der Witwe des Schulmeisters, die ihm von seiner seligen Mutter erzählt und ihr Grab mit ihm schmückt. Das, mein Herr von Kleist, das ist es, was ihn dorthin treibt, nichts anderes.«

Herr von Kleist hatte sich, während er so redete, ganz von ihm abgewendet, als schaue er angelegentlich in den dämmernden Hof hinaus. Er schwieg lange, dann sagte er mit seltsam veränderter, gepreßter Stimme: »Ihr möget wohl nicht unrecht haben. Ja, es war ein Jammer, daß meine selige Frau starb. Sie ist nicht zu ersetzen. Geht jetzt, wir reden über alle diese Dinge ein andermal. Sagt dem Diener, er soll die Lichter bringen; ich habe noch allerlei zu schreiben vor dem Nachtessen, denn ich fahre morgen in Geschäften nach Köslin, dann auf zwei Tage zu meinem Schwiegervater nach Groß-Poplow.«

Der Kandidat verbeugte sich und ging. Er war ergriffen, denn bewegt hatte er den Herrn von Kleist noch nie gesehen. Zugleich war es ihm peinlich, daß er dem Manne, der sonst seine Gefühle so streng vor der Welt verbarg, diese Äußerung entlockt hatte. Es kam ihm vor, als habe er an eine Wunde gerührt, die zu berühren ihm nicht gezieme.

Mit einem Seufzer wandte er sich der hinteren Ausgangstür des Hauses zu, die in den Park führte. Dort lief ihm Franz Kasimir von Kleist, sein ältester Zögling, von außen entgegen.

»Wo ist dein Bruder Ewald?« fragte er ihn.

Der Knabe lächelte geringschätzig. »Er bringt die Schulmeistersuse heim.«

»Wen?«

»Na, das Kind von der –,« er machte eine verächtliche Handbewegung. »Sie hat wieder den ganzen Tag auf dem Hofe gesteckt, und nun traut sie sich nicht nach Hause und fürchtet sich.«

»Mit Fug und Recht. Warum bist du nicht mitgegangen?«

»Ich mag nicht. Das dumme Ding geht mich nichts an,« antwortete der Knabe trotzig.

»So! Welchen Weg sind sie?«

»Hinten durch den Park.«

Mit langen Schritten eilte der Kandidat den Kindern nach. Er mußte sich sagen, daß die Furcht der Kleinen keineswegs unbegründet war. Ihre Mutter war ja gewiß jetzt im Munde aller Leute, und rohe Burschen, die nach Feierabend umherschwärmten, mochten wohl auf den Gedanken kommen, an dem Kinde der verfemten Frau eine Gemeinheit zu verüben. Dem Herrensohne drohte allerdings kaum eine Gefahr, denn die Furcht vor der harten Hand des adeligen Gebieters bändigte auch die Frechsten. Aber vielleicht erlebte er etwas Abscheuliches, was ihm auf immer eine quälende Erinnerung blieb.

Seine Ahnung trog ihn nicht. Kaum war er aus dem Parke herausgetreten und den dämmernden Weg etwa hundert Schritte weit gegangen, da hörte er Stimmen, und hastig näher laufend und um eine Ecke biegend, gewahrte er eine eigenartige Gruppe.

Da stand der kleine Junker Ewald an einen Zaun gelehnt. Mit der Linken hatte er ein weinendes kleines Mädchen umfaßt, in der Rechten hielt er eine schwankende Gerte und schrie mit schriller Kinderstimme auf ein paar halbwüchsige Bengel ein, die grinsend vor den beiden standen.

»Geiht ut dem Weg, Lümmels, ich seggs min Vatter!«

»Lat sin, lütt Junker, dir dauhn wi nicks. Wir wölln det Hexenmäden en beten in de Radüe smeiten,« sagte der eine der Burschen mit rohem Lachen und streckte die Hand nach der Kleinen aus. Aber da pfiff die Gerte des Knaben durch die Luft, und er fuhr zurück mit einem breiten, roten Striemen auf dem Gesicht.

»Rackertüg!« knurrte er, indem er sich die getroffene Wange rieb. »Hei hadd mich geslagen. Jo, jo, jungen Spatzen und jungen Edellüt soll man bi Tiden de Köpp indrücken.«

»Was geht hier vor?« rief Garbrecht, der atemlos auf dem Platze erschien.

Kaum gewahrten ihn die beiden Burschen, so drehten sie sich um und gaben Fersengeld. Denn wenn sie dem geistlichen Herrn entgegentraten, dann, das wußten sie, nahm die Sache ein sehr böses Ende. Dann setzte es Prügel, das war so sicher wie das Amen in der Kirche, und die Strafbank in der Zebliner Gerichtsstube war beiden schon bekannt.

»Geh nach Hause, Ewald!« sagte der Kandidat ruhig und freundlich. »Du weißt, du sollst nicht in der Dämmerung herumstreichen. Ich selbst werde Susanne zu ihrer Mutter bringen.«

Der Knabe gehorchte ohne ein Wort der Widerrede und wandte sich zum Gehen. Aber da stürzte das Mädchen laut weinend auf ihn zu, warf ihre dünnen Ärmchen um seinen Hals und küßte ihn auf die Wange.

Ewald duldete die Zärtlichkeit still mit einem scheuen Blick nach seinem Erzieher hin. Er erwiderte sie nicht, sondern legte nur leise seine Hand auf den Kopf des Kindes.

Der Kandidat war über den plötzlichen Gefühlsausbruch des Mädchens geradezu erschrocken. Er berührte ihn peinlich. »Gott bewahre mich,« dachte er, »welch leidenschaftliches Wesen steckt in diesem Kinde! Welche Frühreife! Nun ja, es ist polnisches Blut in ihr. Aber für den Knaben ist das nicht gut, nein wahrhaftig, gar nicht gut. Sie darf nicht mehr so viel mit ihm spielen, denn da werden leicht Sentiments geweckt, die noch lange in seiner Seele schlummern sollten. –«

Noch auf dem Heimwege grübelte er darüber, wie er die Kinder voneinander trennen könne, ohne Ewalds Herzen zu weh zu tun. Aber wie er auch sann, er fand keinen Ausweg.

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