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Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel

Wenn Ungehörigkeiten unbestimmbarer Art allzusicher im rechtmäßigen Bestand der Dinge hausten, wie es Wau seit Monaten und Jahren unaufhörlich und immer heftiger in Abständen bewußt wurde, so bekam bei solcher Übung des Betrachtens der rechtmäßige Bestand der Dinge selbst Risse, und seine Festigkeit ward fragwürdig. Was war das für ein Bestand, der mit so 37 handfesten Ungehörigkeiten durchsetzt war! Träume lösten hin und wieder Erschütterungen ganzer Tage aus, und so erwachte Wau eines Morgens benommen und leicht angefiebert mit der Erinnerung an ein zwar geträumtes, doch nun sehr eindringliches Erlebnis. Es ließ ihn sich vor einer Kammer oder doch nicht großem Raume gewahren und erfahren, daß aufgestapelt oder verstaut, verpackt wie Gerumpel in Ecken gehäuft lauter zerbrochene Schallplatten ihn füllten, er wußte auch, aber aus der Einflößung des Wissens, wie sie im Traume zu geschehen pflegt, daß alle diese Schallplatten einmal die Phasen seines bisherigen Lebens waren, nun aber zerstört und als Nichtigkeiten und belanglose Überbleibsel keine anderen als zerbrochene Ehemaligkeiten nicht bedeuteten, sondern gerade eben nur andeuteten. Es war zwar niemand zugegen, der aussprach, daß das Ehemalige bedeutungslos sei oder sein solle, aber der zerbrochene Zustand der Platten überzeugte davon mit stärkerer als Zungenberedtheit, und als Wau erwachte, ward er nicht ohne wiederholte Rückfälle in das Rumoren der Traumerschütterung Herr über die Versuchung, tief und immer tiefer in eine heimliche Trauerseligkeit zu versinken, einen Zustand der Auflockerung seines Gemüts, deren schmerzliche Lust ihm Verlangen nach Dauer und Steigerung eingab, dem er sich gern überließ als einem gegen den alltäglichen reicheren, voll von Wichtigkeit und leiser Trauerverhängtheit, gerade als sei er einem schweren Urteil verfallen und doch einer Begnadigung und Erhobenheit für wert befunden, welche Erhobenheit nicht anders als Getrostheit ohne Grund war und dennoch von Aufschau und Dank begleitet, als sei sie wider alle Hoffnung und Erwartung über ihn gekommen. Die Auflockerung seines Innern nach diesem Traume traf in eine Zeit der wieder einmal stärker einsetzenden Heimsuchung durch Beunruhigungen früher gedachter Art, er geriet, ohne des Gleitens aus den üblichen Längen und Breiten der Tage bewußt zu werden, in einen Zustand der Abkehr von dem Bösen und Guten, sowohl dem Übel des Unbehagens am Geregelten 38 und Normalen wie dem Bekömmlichen der leidlich wohl ausfallenden Wahl zwischen bloßer Unterhaltung und wertvoller Verwendung seiner Zeit nach freiem Ermessen. Er war in den Fächern seines Aufgabenkreises zu fest eingewöhnt, als daß eine Betroffenheit wie die gegenwärtige ein geringes Aufmerken der Kollegen zum Ansetzen einer Wahrnehmung und Festsetzung einer Art von Wunderlichkeit in Waus Gebahren hätte steigern können. Ihm unterlief sowieso gelegentlich ein Bummel, der die Farbe seiner sonstigen Bewährung nur um so frischer färbte, wie die berühmte Ausnahme die Regel bestätigt. Aber das häusliche Fräulein Viereck behütete seinen Zustand mit Androhung des Ausfallenlassens ihrer Augen aus ihren Löchern mit nicht eben gefaßter Haltung gegenüber dem arg Ungewohnten, das allerdings in Kürze bei der Grenzregulierung ihrer trockenen Gegenseitigkeiten der Wahrnehmung in Waus Gebärden und Gehaben entzogen wurde. Er hüstelte bald wie sonst, wenn er nichts sagen mochte oder die Anreizung zu Viereckschen Unnützlichkeiten als Antwort beim Hinwerfen einer Bemerkung fürchtete. Vor diesen Unnützlichkeiten zitterte er. Sie waren mit Fleiß und Kunst zu Raritäten gewordene Dank- und Redeüblichkeiten, abgenutzt durch Übung ohne Ermüden, auf die nur Verstummen und Aufatmen wie nach einem schweren Sturz von Waus Seite erfolgten. Aber, wie gesagt, er befleißigte sich bald mit Erfolg der abgezirkeltesten Unauffälligkeiten, und Fräulein Viereck versenkte die Anfälle von Zerstreutheit bei Wau in den bewußten Tagen im Morast ihrer abgründigen Problemlosigkeit. So viel von den Grimassen Waus während der Durchschüttelung einiger Tage mit – ja, nun, welches Wort stellt sich ein, ohne schon bei währendem Aussprechen schaal zu werden! – mit jedenfalls solchen Ungewöhnlichkeiten, daß die Erwähnung von Begleiterscheinungen als Auswirkung von Lebensgewohnheiten – kurz: die Grimassen fast zu den Viereckschen Unnützlichkeiten gerechnet werden könnten!

Waus widerborstige Dankbarkeit machte es ihm 39 gegenüber dem eigenen und allem Leben, das Lebenmüssen mit dem Lebendürfen eines ins andere verschmelzend, nicht leicht, war sie doch als solche, nämlich als Dankbarkeit, inbrünstig und dem Sein und allem dem Sein Verhafteten hingeneigt, zuweilen aber, als stände er betrachtend draußen und begutachte eine Ordnung von Dingen, die im Augenblick nicht zu seinen gehörten, aufrichtig verwundert über die Zumutung des Anteilhabens an solcher Ordnung, erstaunt, ja fast empört. Daß diese nun frisch gewagt »widerborstige Dankbarkeit« genannte Haltung im Bereich des Wahrnehmbaren des Seins, mit Ahnung und Urteil angeschaut, eben als widerborstig nicht vereinbar sei mit der ihm zugesprochenen stärkeren Anlage zum Geben als zum Erraffen, zum Gutseinlassen dessen, was böse schien, mag für den, der es genau wissen will, widersprechend aussehen. Entweder war es mit Waus Dankbarkeit vor dem Sein nichts Lauteres, da ihre Widerborstigkeit, zur Empörtheit ausartend, sie im Kern ankränkelte, oder er war mit Gutnehmen des Bösen, der dem Leben nichts verübelte, eben ein Mann, dem Ernst mangelte und der es sich unbedenklich leicht machte, um mit Bedenken keine Mühe zu riskieren. Alle diese Zustände mögen in dem Reigen seiner wechselnden Gefühle Hand in Hand mit den stärkeren Einsichtigkeiten seines Wesens getanzt, mögen mit ihnen ein Possenspiel zusammengewirbelt haben, er ließ auch dies in Gelassenheit vor sich gehen und vertraute auf die Erfahrung der immer wieder zur rechten Zeit einschnappenden Feder, die mit einem Ruck alles wieder in Ordnung brachte. War das Leben ein Dürfen oder ein Müssen, sollte es oder wollte es – war es, da es als bloße und unausgesetzte Lusterfahrung nun einmal nicht gelten konnte, ein Ding von Gnaden der Freiwilligkeit oder, wo nicht des Zwangs, so doch der Notwendigkeit, und wenn nun als Notwendigkeit erkannt, wieso widerfuhr ihm durch eine Einrede, die er nur als solche seines Ichs ansehen konnte, die Willigkeit des Dankes und mit ihm das Geheiß der Freude über eigenes und alles Leben? Aber die stachelnden 40 Widerborstigkeiten waren, wie gerade in diesen Tagen, innewohnende Wüter gegen die Stille der Gehaltenheit im Hinnehmen unbesorgter Zeit und Weile. Etwas hielt ihn, und etwas anderes beunruhigte ihn aus der Dankerbietung an das All des Lebens, und wenn Leben nicht der Spender des eigenen Seins war, an den Spender des hinter dem Leben in verglühender Dunkelheit verborgen schaffenden Seins. Man müßte sein eben nicht zahmes Ausholen gegen die bestehende Ordnung Lästerungen nennen, wenn es ihm auf Herausforderung und Bemäkelung angekommen gewesen wäre. Davon konnte keine Rede sein, da es niemand in der weiten Welt gab, den eine Beleidigung hätte treffen können. Einen von ihm etwa konstruierten Gott, der so und so sein müßte, weil kein anderer denkbar als Urquelle aller Dinge, also auch ihrer Mängel, also auch den schuldigen Urheber seiner Beunruhigungen war er nicht versucht, zur Rede zu stellen. Ihn zu lästern, weil das Geschaffene in seinen Augen fehlgeschaffen wäre, war nur lächerlich. Ein Geschöpf, das vor dem Schöpfer ausspeit, ist ein Irrer, das war Wau seit langen Jahren völlig klar. Denn was hat ein Geschöpf zu fordern, da es nur zum Hinnehmen gemacht, zur Duldung und Erfüllung des schöpferischen Zweckes, sei seine Absicht so oder so? Ich aber, sagte Wau, ich bin dessen bewußt, zur Freude das Leben zu leben, ich danke dem Leben und habe das Wissen seines Seins, wenn auch wortlos, ahnend, gezeugt aus dem Walten, dessen ein Teil im großen Geschehen zu sein mir bewußt. Aber es bleibt ein Rest, und um diesen Rest ist großes Schweigen. Sei es immerhin gefährlich zu danken und zu bejahen aus der Überzeugung, daß nichts anders sein darf, als es ist, die Gefährlichkeit in Ehren und den kühnen Wager dazu. Aber bleibt er nicht doch ein augenrollender Mime mit Mutrot auf den Backen und fletschenden Zähnen? Letzten Endes ein Angsthase, der ja sagt, weil es keinen Weg gibt, wo »nein« hinweist? Ich lobe mir den nicht gemachten Vers auf die nicht denkbaren Möglichkeiten – und so ist der 41 Rest und das Schweigen um den Rest unabwendbare Zugehörigkeit zur bewußten Dankbarkeit.

Wau bedachte und fühlte sich durch das Ergebnis seines Bedenkens leicht gebrandmarkt. Zwar war es nicht allzusehr übertrieben, wenn er seinen eigenen Fall als einen Glücksfall, auslegte, war er doch des Daseins froh, wenn auch weit entfernt von Zufriedenheit oder gar Selbstzufriedenheit. Aber wie grausam anders sah es in Nähe und Ferne um ihn aus – es ging überall ein wenig zu wie mit Karla und ihrer Geschichte, an der, wenn auch im diesjährigen Fall wohl sicher ohne das Verhängnis einer wirklichen Not, so viele mitschuldig geworden waren. Zugestanden, daß sie als Giftpflanze, blühend und penetrant dunstend, die Widerstandsfähigkeit des Kreises ihrer Gönner oder Begünstigten betäubte, ihr Besseres erweichte, bis Schuld und Mitschuld aufschwärten und sich zu Beulen entzündeten, so war doch Mitschuld oder, verstehender gesprochen, Anteil am Ablauf ihres bösen oder glimpflichen Geschicks nun einmal nicht abwendbar und auch nicht rückgängig zu machen. Jeder hätte wohl anders gekonnt, aber ob wohl ein einziger von ihnen anders zu können gewünscht hätte? Karla und ihr Fall waren aber Wau nur ein neckisches Beispiel. Es gab viele Karlas und ähnlichen Krimskrams von Schuldverflochtenheit überall rundum in der nächsten Umgebung und vermutlich in aller weiten Welt bis zu den Wüsten der Steinhaufen hinter der Grenzenlosigkeit, an die eine neue Grenzenlosigkeit sich angliederte. Aber damit hielt sich Wau nicht auf, ihn drückte der eigene Schuh, und daß es so war und wohl überall so war, also weiter nichts dabei zu machen sei, kurierte das Übel nicht. Er verhängte unbarmherzig die Frage über sein Dasein, was davon zu halten sei, daß man durch scheinbar unentrinnbares Geschick sei, wie man war, denn die Empfänglichkeit für ausschweifendste Änderungen in der Beschaffenheit von heute zu Gunsten von morgen wohnte offenbar als ihre besonderste Beschaffenheit diesem Geschenk des Lebens inne. Es kam immer auf den Anstoß, ein Signal, den Anschlag 42 der Stunde an, daß alles neu und alles anders wurde – und wurde es doch immer nur im Auftrag der innewohnenden Nötigung und als Regung der rechtzeitig eintretenden Bereitschaft.

Wau fühlte sich also gebrandmarkt und zog den Vergleich seines Lebens mit dem eines Sträflings an der Kette, mit dem es einstweilen und vielleicht zeitlebens gnädig gehalten wurde, so daß er die Kette oft vergaß: sie, die sein Belieben beschränkte, angeboren oder angeschmiedet, einerlei, er war in Schande gekommen und mußte in Schande vergehen, weil er war, wie er war, nichts besonders Schlimmes, aber, was schlimmer war, nichts ausreichend Gutes oder gar vorzüglich Achtbares, und doch das Bewußtsein erschwang, ohne zu wissen durch welche Aus- und Einschaltung welcher inneren Mechanik, daß seiner selbst ein Teil ungehemmten Freiwollens am Walten des großen Geschehens niemals fehle. Da die Kette wohl Erbe und Mitgift war, so durfte doch kein Spatz von den Dächern zu pfeifen wagen, daß sie obendrein des Seins Ursinn sei, denn dann, wenn er so pfiffe, sagte Wau, würde er tot vom Dache stürzen, von dem eigenen mörderischen Lügenwort erwürgt.

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