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Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel

Man hätte eigentlich staunen müssen darüber, was ein Ort wie Waus Wohnort alles beim Ruchbarwerden von unüblichen Vorkommnissen wohlgefällig beäugte, behorchte und in sonst einer Form wahr- und hinnahm. Man konnte auf den Gedanken kommen, daß ein Hunger nach dem Unüblichen vorhanden wäre und daß seine Stillung mit billigender und entschuldigender Dankbarkeit belohnt werde. Das einzige, was Fräulein Linde, als sie nach einem kurzen Erholungsurlaub giftfarbenprächtiger als je ihren Posten im Kaufhaus des Zentrums wieder versah, wie früher durch die Straßen zog und allen zwanglosen Gelegenheiten frisch, frech, fröhlich, frei ihr Dabeisein gönnte, war, daß man ihr nur noch bei ihrem Vornamen nachredete, was noch nachzureden war – Karla hier, Karla da –, und ihre Bekanntschaft, die zahlreiche und fast unübersehbare, sie im Vorüberstreichen mit einem vertraulichen augenzwinkernden: na, Karla! beifällig darauf hindeutete, daß doch nun Gott sei Dank der Ernst einer Lebensgefahr überwunden und der Spaß wieder am Platze sei, ja sie gewissermaßen ermunterte, den Spaß nun auch nach Verdienst wahrzunehmen. Ob nun aber ihre eigene peinliche Angelegenheit oder nur die Rücksicht auf den Kreis von anspruchsvolleren, der Einbeziehung in diese Frage nicht recht gewachsenen Bekannten und Vertrauten ihren Erholungsurlaub verursacht hatte, wußte freilich niemand, und jedermann legte sich seine Meinung zurecht nach dem Sprichwort: was ich bin und tu, trau ich andern zu. Jedenfalls hatte sich Karla prächtig erholt. Weniger gut war diese Epoche für den Assessor verlaufen. Da er das fleißige Eingießen aus 35 Flaschen ohne Ermüdung und Nachlassen der Kräfte Leibes und der Seele weiter übte, so waren die beliebten Eulenspiegeleien wohl nicht auf dem Grunde der Flaschen zu suchen, sondern solche aus Anlage und je nachdem als Geburtsfehler oder Talentanlagen überhaupt anzusehen. Es gab aber Persönlichkeiten am Ort, die entweder Spaß nicht verstanden oder Ernst nicht liebten; die in dem Strudel der Zungenschlägerei wegen Karla mißlaunisch wurden – und eine dieser Persönlichkeiten, der Nachrede einer Mitschuld besonders abgeneigt, ließ durch einen Freund bei dem Assessor einen korrekten Besuch bewerkstelligen. Die folgende Korrektheit war der ersten würdig, kurz, es gab an einem frühen Morgen auswärts eine forsche Abmachung und formelle Ausschaltung von Weiterungen, eine Abmachung mit mäßigem Blutverlust. Der Beleidigte, wie immer er sonst hieß, wurde unter vier Augen vom Assessor aus Gründen, auch solchen körperlicher Natur, Dr. Kaul – eigentlich Kaulquapp – genannt, und zu dem frühmorgendlichen Treffen hatte der Assessor durch seinen Begleiter ein leichtes Gefäß mitführen und beim Einnehmen des angewiesenen Anstands neben sich stellen lassen. Es geschah nach dem Erforderlichen nichts Inkorrektes, und nach vollbrachter Formalität ward besagter Blechnapf von des Assessors Begleiter wieder aufgehoben und vom Wagen mit heimgeführt. Warum diese ungewöhnliche, wenn auch fast unbemerkt gebliebene Handlung geschah, verriet der Freund des Assessors bei späterer Gelegenheit. Die Mitführung des Kübels sei unabwendbar gewesen, da der Assessor von so intimer Beschäftigung mit Dr. Kaul . . . wie dem Kugelwechsel ein Übelwerden befürchtet und auf Beschaffung der schicklichen Bequemlichkeit zur Entleerung bestanden hätte. Als dem Doktor nun diese Verhöhnung hinterbracht wurde, entsandte er zwar wieder einen Freund mit korrekten Aufträgen an den Assessor, aber diesem Herrn beliebte es diesmal keineswegs, als Gastgeber mit Korrektheit seinerseits aufzuwarten. Er griff zur Flasche und bot an, goß auch, obgleich das Angebot abgelehnt 36 wurde, fleißig ein, trank und goß noch mehrmals ein, um schließlich zu einer vertraulichen Eröffnung auszuholen – nein, es ginge diesmal beim besten Willen nicht, es wäre ihm schon jetzt im voraus bei dem Gedanken an das innige Zusammenwirken mit Dr. Kaul an einem gemeinsamen Geschäft wie einem Duell so katzenübel, daß er herzlich für die Ehre danken müsse. Es gab noch zusätzliche Fatalitäten für den Assessor, die er, wie zum Beispiel eine sehr lange Unterredung mit dem ortsansässigen Gerichtspräsidenten, wohl bestand, aber nicht ohne die Folgeerscheinung schattiger und aschfarbiger Drücker im sonst noch so straffen Gesicht. Karla strotzte wie eine Sumpfblume, der Assessor aber schien einem verderbenden Sumpfe knapp entronnen. Die Phase des Hockens im Hinterquartier unter dem gewirkten Idyll aus der Postkutschenzeit bei Kaffee, Gläschen, Zigaretten und Gebäck war wie die Postkutschenzeit selbst abgelaufen. Und Wau gewann die Vorstellung, als ob Karlas Geläufigkeit auf Hintertreppen des Assessors Eulenspiegeleien von »Anfang des Beginns« an, wie ein Budenausrufer des Jahrmarktes sagte, weit übertrumpft hätte. Wenn der Assessor und Karla sich auf der Straße sahen, so galt es zweierlei zu beobachten, die Standesrücksichten des Assessors gingen vor, und so mußte es beim Unbemerktwerden bleiben. Über die Rücksichten Karlas weiß man nichts, und Wau hatte zu ausreichend mit sich selbst zu tun, um dem Auslauf des verpfuschten Romans nachzuspüren.

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