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Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel

Wau war wohl ein glücklicher Mensch. Eine richtige Gläubigkeit als Durchsäuerung des ganzen Menschen machte ihn zum Gast des Seins, überall in Behagen und Vertrauen. Ob das Wesen seiner Gläubigkeit in Worte und Wortgestaltung übertragen werden könne, bekümmerte ihn wenig, ja er sah in der Freiheit von jeder Fesselung durch Worte und Begriffe die beglückende Bestätigung und den Prüfstein dieses einzigen, aber tausendfach teilbaren und jedem Vorfall und in jeder Lebenslage gewachsenen Verhaltens gegenüber der Undurchdringlichkeit und Weite dessen, was er wohl einmal den absoluten Vorfall nannte. Dieser »Vorfall« war eben ein solcher, neben dem es keinen anderen gab, und so war er der einzige und allein-mögliche, eben die Welt, beschaffen wie sie war. Wenn ihn dann einmal die Vorstellung überkam: gibt es keine andere Möglichkeit?, so beschwichtigte ihn seine Gläubigkeit mütterlich mit der Eröffnung, daß jene andere Möglichkeit zur Stelle wäre, wenn es ihr bequemen werde, in Wirklichkeit über- oder einzugehen; und wenn er dann gegen die Möglichkeit der Unterdrückung der sonstigen durch die gegenwärtige Möglichkeit aufbegehren wollte, so zähmte 30 ihn seine Gläubigkeit, indem sie ihm einen oder anderen Augenblick schenkte, in dem er in die Unaufhellbarkeit und Nacht der Tiefe der Gegenwart sekundenlang untertauchte und so gestillt Fragen und Verlangen vergaß. Woher aber nun das Spüren von Ungehörigkeiten als allzu fest eingebaut in den Bestand der Dinge ihn zu beunruhigen gekommen, danach zu fragen blieb ihm erspart, denn was ihn beunruhigte, kam gewissermaßen aus einem Belieben seiner Gläubigkeit, die in sich das Bedürfnis nach Zweifeln und Prüfungen ihrer selbst trug. Sie bedurfte es, zeitweilig gänzlich in Frage gestellt zu werden, um sich auch dann als echt und recht bestätigt zu sehen. Gläubigkeit, sagte sich Wau, hat nichts mit Glauben zu tun, sondern ist das Wissen selbst, insofern es wortlos und der Gnade des Ungeschorenbleibens von Denkmathematik teilhaftig geworden ist. Dank dieser Gnade und im Besitz dieses erhobenen wortlosen Wissens bin ich allwissend oder doch nirgends einer Grenzsetzung und Einhürdung bewußt wie ein Fisch im Teiche, der wohl einmal mit der Nase ans Ufer stößt, aber immer erfahren darf, daß es nach hinten und allen Seiten weitergeht im scheinbar Unermeßlichen, der das Kehren, Wenden und Kreisen betreibt und lebt, wie sich der Fisch sein Leben im schrankenfreien Überall vorstellt.

Denken, begrifflich und wortsinngenau, dachte er, wäre schon gut, und so machte er es sich mit Büchern nicht gerade bequem, schwamm in den Strömen und Strudeln des aus tausend Quellen zur Gewaltigkeit zusammengeflossenen Denkgeschehens, tauchte unter bis zur Atemlosigkeit in Meerweiten der Erkenntnistiefen vom Beweisbaren oder Unbeweisbaren, um dann, einmal anderen Dingen sich zuwendend, mit leichtem Spott über sich selbst Wahl dahin aufzuklären, daß der bei ihm einzig wirkliche Denkakt als Ergebnis seiner aufrichtigen Mühen darin bestehe, zwangs Denkgesetzes zu erkennen, daß er kein wirklicher Denker sei, daß aber der Gewinn dieser klaren Einsicht ihm den Anspruch auf eine, wenn auch bescheidene, aber echte 31 Denkfähigkeit verleihe. Wenn du also zünftig denkst, meinte nun Wahl, wohin geht der Weg, wo denkst du, wenn auch in bescheidener Gangart, einmal anzukommen? – Wie soll ich das im voraus wissen, erwiderte Wau, das wird sich erweisen, wenn ich am Ziel bin – –. – Wenn du aber kein Ziel hast, Wau, wozu setzest du dich in Gang, wenn auch mit kleinen Schritten – hm, oder versteh ich dich nicht richtig? Worauf Wau ihm nachwies, daß er ihn wirklich nicht verstehe, denn das Ziel benennen, beschreiben, klärlich aufweisen, hieße ja, es schon besitzen, was nun Wahl nicht gelten ließ, und es sei ebenso absurd, Schritt für Schritt von irgendwoher irgendwohin loszutrotteln, ohne einen Punkt dabei im Auge zu haben, wie aufs Geratewohl die Gedankenbüchse loszubrennen und sich zufriedenzugeben mit dem Gedanken, daß die Kugel ja irgendwo einschlüge, womit ja nichts zu gewinnen sei. Du bist also doch wohl kein richtiger Denker, auch keiner in bescheidenstem Grade, du bist ein Amateurdenker und tust es zu deinem herzlichen und dir gern gegönnten Vergnügen. Alle Dilettanten belügen sich selbst, belüge lieber andere, und sei gegen dich selbst ohne Falsch, beschloß Wahl die Unterhaltung, und ließ nachfallen: Ehrlichkeit gegen sich selbst ist eine schwere Arbeit, vielleicht die schwerste überhaupt, hüte dich und mach dir nichts vor, worauf als eine Anspielung auf seinen eigenen Fall Wau sich keineswegs gefaßt gemacht hatte und sich im stillen zum Fürsprecher seines reinen Herzens machte, das sich keines vorgetäuschten Wertes bewußt war. Er beschloß aber, hinfort aufzumerken und die Frage nach dem Eigenen und Wirklichen des Denkens einstweilen als unentscheidbar anzusehen. Wie steht es denn nun bei Wahl selbst in diesem Falle, fragte er sich – macht er sich vielleicht großzügig leichte Gedanken über so manches ziemlich Unentschuldbare, indem er bei sich selbst erkennt, wie es mit ihm steht, nämlich geringer als leidlich? Was wird damit gutgemacht, und warum fordert er in diesem einzigen Betreff Genauigkeit und Redlichkeit, um so vielen andern gleichen Forderungen 32 die Tür vor der Nase zuzuschlagen wie Hausierern und Bettlern und dabei auf das Schild hinzudeuten, das ihn als Mitglied des Vereins gegen Hausbettelei ausweist? Oder will er lediglich nicht zu den dumm gemachten Leuten gehören, die sich selbst eingeredet haben oder einreden lassen, daß ihre Beschaffenheit von gerechter Art sei, und auf dem Kissen der Selbstgerechtigkeit behaglich ruhen; daß er dagegen also vorzieht, in eigener Nacktheit entblößt vor den eigenen Augen dazustehen, weil er dann wenigstens das Eine gewinnt, das Wissen vom Verlaß auf die zugleich unbeträchtlichsten wie imposantesten der Erkenntnisse, nämlich der eigenen Eigenheit? Wogegen es dann nichts verschlägt, wenn die Handlungen dieses Ichs als verwerflich angeprangert werden müssen, denn gegen den Trost der klaren Einsicht über sich selbst wäre ja Mißfallen und Überbewertung des vom selben Ich bewirkten Geschehens allenfalls in Kauf zu nehmen gewesen? Wie aber ward ihm, als Wahl die Affäre des Assessors Bostelmann überraschend als Allerneustes zur Sprache brachte und den Assessor der Anzettelung des Skandals um Fräulein Linde beschuldigte. Das geht zu weit, sagte sich Wau, der es zu merken glaubte, daß auch Wahl, wenn auch in nebenläufiger Hinsicht, nur leicht verdächtig im Falle der vermutlichen Mitschuld am Unglück des Fräuleins wäre. Aber Wahl setzte den halbflüggen Zweifeln Waus an der Richtigkeit seiner Lesart wie ein Kater nach, zerbiß und zerkrallte sie und fuhr fort, des Assessors Geschäftigkeit in der bewußten Angelegenheit zu deuten als bedenkenlose Ausnutzung von kaum wahrscheinlichen, offenbar aber mehr im Scherz als Ernst geschehenen Zugeständnissen hochmögender Leute am Ort, die nun aus gelinder Erpreßtheit ein oder anderes halblautes Ja, aber gewiß kein Amen gesagt hätten. – Nein, das geht zu weit, Wahl, setzte Wau wieder an, aber Wahl ließ nicht locker, reckte die Krallen seiner Gnadenlosigkeit und brachte, Waus Atem stocken machend, den Assessor zur Strecke. Das soll zu weit gehen? sagte er, nein, es ist lediglich eine Vorübung für den zukünftigen Herrn 33 Staatsanwalt, das glaube mir. Ein großer Schrecken in den besten Häusern, das Fräulein ist der beliebteste Frischling im ganzen städtischen Revier bei allen zwanglosen Gelegenheiten, wo sich Hinz und Kunz und mit ihnen unauffällig die geachtete Wohlbeleibtheit der guten Jahrgänge ein Vergnügen zusammenschmort, das Fräulein ist angreiflich und greift an, aber der Rest von der ganzen Aufregung ist, daß an der Hauptsache, der Not des Fräuleins selbst, nichts daran ist als das darüber gebreitete Geraune. Ein talentierter Schlingel, dieser Bostelmann, schloß er, der mit Indizien jongliert. Er vertreibt sich die Zeit mit der Maschinerie eines Weltgerichts. Und nun blätterte Wahl stürmisch die Seiten des Bostelmannschen Schuldbuchs hin und her, machte klar, wie erstmals bei einem kleinen Zufall die Angst des Fräuleins Himmel mit Donnerwolken der Möglichkeiten verdunkelt, wie dieselbe Angst hier und da, immer mehr um sich greifend, Ausdeutbarkeiten unverfänglicher oder hier und da auch wohl ernsterer Geschehnisse zu Ahnung oder Wahrscheinlichkeit gereift hatte – nichts konnte man wissen, alles konnte sprechreif werden, und wo ein Wort gefallen war, da schlug der Same Wurzeln, und das Pflänzlein Mitschuld entwickelte sich kräftig vor aller Augen. Hatte er es so getrieben, der Assessor? und war doch selbst im vornehmsten Falle der Pflicht zur Verschwiegenheit, denn seine Schuld schien immerhin vor aller anderen erwiesen. Wenn aber die Not ein Phantom war, was konnte dann der Schuld geschehen? Da Not die Schuld beruft, aber ein Phantom keine Stimme hat, um die Schuld zu berufen, so blieb sie unberufen, ein Flederwisch, eine Ohrenbläserei, ein Rummelpott – und Wau, indem er seine Bestürzung abschüttelte, kaute das Sprüchlein noch einmal durch, mit dem er der Stille in und um sich alles den eigenen Ohren und solchen, die der Stille gewachsen waren, gönnte, den Lärm der Schützenfestumzüge, des Weckens, des Zapfenstreichs, Festwiesen und Gartenrumoren bedacht hatte: Gebums, Gerums, Geballer, Geblase und Gebölke. – Indessen wagte er 34 denn auch in der Stille seines Gemüts die Feststellung zu machen: dieser talentierte Schlingel von Assessor riskiert doch wirklich allerlei – und nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit das vorgehabte Wörtchen mit ihm über den gestohlenen Mond zu wechseln.

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