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Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
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24 Sechstes Kapitel

Als Wau längere Jahre hindurch ziemlich regelmäßig seinen Nachmittagskaffee im »Café«, was sich schlechthin das Café nannte, im Gegensatz zu zwei oder drei anderen, worunter auch das erste am Ort, die man mit Namen der Besitzer unterschied, in diesem zum Verkriechen verbauten Hinterzimmer, eingenommen hatte, wußten diejenigen wenigen, die ihn suchten, ihn in der Verlorenheit, die er um diese Tageszeit geräuschvolleren Zuständen vorzog, zu finden und, wie es Wau manchmal auslegte, zu stellen. Kurze Zeit hindurch vertrieben ihn die Überfälle einer Sorte von unnützen Liebhabern des guten Getränks, die in dem Dunkel dieses Hinterhalts und seiner Sitzgelegenheiten eine Art Börse mit über schmalen Marmorplatten zusammengesteckten Köpfen abhielten und sich den Anschein von lichtscheuen Umtreibern in geheimnisvollen Geschäften gaben. Wau saß also einige Monate an der Rückwand des Cafés ersten Ranges am Markt, raschelte in Blättern, studierte im Wandspiegel gegenüber das Treiben auf dem Markt bis zum Ende der Büttentwiete hinauf, ließ das Stimmen der Instrumente als vorbereitendes Räuspern des pünktlich antretenden Orchesters mit Behagen im Raume raunen. Denn er meinte, aus diesem Girren von Klängen alles und zwar Besseres zu hören, als was diese Auslese von Musikanten in einem Cafékonzert ersten Ranges am Ort mit aller Gelassenheit ihrer Meisterschaft demnach leistete. Die ganze Musik – dachte Wau bei An- und Abklingen und dem schwirrenden Durcheinander der Töne – und die bloße Ahnung des Möglichen beglückte ihn. Wenn dann die ersten Streiche fielen und Bums und Sums, Schmalz und Gewalz mit den Flügeln um sich schlug, zahlte er und enteilte fluchtartig. Schließlich saß er unversehens doch wieder im Verlorenen des alten Absteigequartiers, wie das Café von den Lebensfreudigeren anzüglich und spöttisch zugleich genannt wurde. Hier traf sich nun aber auch der Assessor Bostelmann mit einer Verkäuferin des 25 erstrangigen Kaufhauses am Ort, da Standesrücksichten ihm verboten, dem Kinde eine Tasse Kaffee und ein Gläschen zum Kuchen und Zigaretten bei besserer Beleuchtung anzubieten, was aber im Halbdunkel und an Tagen, wo schon mittags Lichter dürftig genug aushelfen, bestens anging. Wenn Fräulein Linde sich gütlich getan und ihren Posten im Warenhause wieder versah, nahmen die beiden weitläufig bekannten Herren wohl Notiz voneinander, grüßten im Vorübergehen oder ließen ein paar Worte fallen, wechselten abgelesene gegen frischere Zeitungen und schließlich auch einmal die Plätze, rückten in der Verborgenheit der Nische zusammen, legten die Blätter beiseite, was alles der Assessor in einer Art von Absichtlichkeit anregte, die er nicht einmal zu verbergen sich bemühte. Er ist schon betrunken, dachte Wau, aber er sah auch, daß, wenn es so war, der Assessor Herr seiner Wallung geblieben war und gedachte, es weiter zu bleiben. Das blasse, sonst von besserem als natürlichem Rot verpatzte Gesicht des Fräuleins hatte Waus Aufmerken schon angeregt. Er hatte flüchtigen Blicks das wie immer hochfarbige Gesicht des Fräuleins gestreift, nicht ohne den Schatten einer blassen Vorstellung haften zu fühlen, daß die Farbe wie verrutscht war und weniger von Natur als von mangelhafter Kunst erzeugt. Das Quartier war leer geworden, und die Wände hielten ihre Ohren offen. Der Assessor mußte der von Neugier heißhungrigen Luft des Raums – räucherig, verbraucht, parfümiert von gemischten Dünsten verschiedenster Aufgüsse und Brühen, Getränke und Gebäcke – zuteilen, wessen sie offenbar noch dringend bedürftig schien. Kurz, er offenbarte Wau ohne viel Vorbereitung das Geheimnis des großen Skandals um Fräulein Linde. – Ich weiß, ohne zu ahnen warum, sagte er, daß Sie verschwiegen sind, aber ich kann es heute nicht mit mir allein aushalten und – da sind Sie nun. Wau antwortete nicht, und der Assessor entnahm aus seinem Schweigen, daß er richtig vermutet und beansprucht hatte. Wau war verläßlich, auch ohne daß der Verlaß ausbedungen und bestätigt 26 werden mußte. Er erfuhr also, daß – nun, eine gute Anzahl der besten Namen des Städtchens genannt werden konnten – und der Assessor nannte sie alle. Des Fräuleins Not mußte von allen gemeinsam gelindert werden. Keiner von allen verhehlte seine Mitschuld und Mitverpflichtung – und alle trugen die Last der Gefahr eines unerwarteten Ausgangs der Dinge oder des verräterischen Hauches aus verborgenem Hinterhalt. Dem Assessor war das Ehrenamt des Vollziehers gemeinsamer Pflichten zugefallen, da er mit den Finessen des heiklen Geschäfts am ehesten vertraut zu sein schien, ein Zutrauen, das ihm der jugendlich flotte Zuschnitt seiner Lebensführung eingetragen. Indessen ging das alles offenbar über seine Kräfte, und Erfahrungen besaß er für diesen Fall überhaupt keine. Er saß somit in Not und Bedrängnis und wünschte sich, wenn es irgend anginge, einen Umtausch dieser ganzen Weitläufigkeiten gegen ein oder beliebig viele Duelle, die er als klare Erledigungen lobte. Wau fragte schließlich, wodurch eigentlich der Assessor, da Hilfe oder Rat in der bewußten Angelegenheit von ihm nicht erwartet werde, bewogen sei, ihm das große Vertrauen, das er gebührend anerkannte, zu gewähren, auf welche Frage hin der Assessor sich in den Stuhl zurücklehnte und den Wandfries, eine Wirkerei in süßen Tönen, über Waus Sofasitz anstarrte. Der Fries lief von einer beiläufigen Begebenheit des Sitzens eines älteren und gemütvollen Herrn vor der Stadt, während der Postwagen nahte, von Frau und Kindern erwartet, und zugleich die stille rotdächerige Stadt sich einen halben Meter weiter dehnte, in dieselbe Begebenheit des Sitzens desselben älteren und gemütvollen Herrn vor der Stadt, während derselbe Postwagen ebenso wie der erste nahte. – Ja, sagte der Assessor, warum, Herr Wau? Seitdem ich erfahren durfte, daß Sie die Schnurre mit dem gestohlenen Mond so voll Verständnis aufgenommen, seitdem, fühle ich, kann ich Ihnen alles sagen und so auch dieses, wissen Sie. – Wau gedachte zunächst, der zunehmenden Betrunkenheit des Assessors die Schuld an dieser 27 seltsamen Wendung des Gesprächs zuzuschieben, aber obgleich der Assessor fleißig und immer wieder den Inhalt der Flasche in die Gläschen fließen ließ und das scharfe Zeugs nicht schnell genug im Hals verschwinden lassen konnte, so blieb doch seine Hand sicher, sein Griff geschickt und sein Blick von überlegener Eindringlichkeit. Er forschte in Waus Mienen. Wau hatte wohl hin und wieder an den gestohlenen Mond gedacht, aber immer mit dem Wunsch, zu wissen, was denn wohl er, der Assessor, für Vorstellungen damit verbunden hätte, wobei ihm denn diese oder jene Vermutung aufgestoßen war, ohne daß er ihr mehr als kümmerliche Bedeutung zuschrieb.

Nun muß eingeschoben werden, daß Wau in dieser Zeit von der Fülle schwerer Vorstellungen befallen war, die ihn nun einmal von Knabenzeiten an heimsuchten. Ihm kam dann, nicht als Visionen, aber als Gegenwärtigkeiten, denen er gar nicht auszuweichen gesonnen war, die Reihe seiner toten Vorfahren und Familienglieder in den Sinn, soweit er an ihrem Leben teilgehabt, den Verlauf ihres Daseins verfolgt, ihren Ausgang miterlebt oder doch genauestens mit allen seinen Umständen erfahren hatte. Alle waren schwer gestorben. Der Tod war ihnen gleichsam ein wütiger, mindestens ein kalt-grausamer Vollstrecker eines unbarmherzigen Urteils aus lautlosem Richtermunde gewesen. Waus Ergriffenheit, wenn er dieses oder jenes Nahegestandenen Ende, des Vaters, der Mutter, der Brüder und anderer, vor der schauenden Erinnerung wiederum miterlebte, überdrang ihn tagelang, und da solche Perioden von Vergegenwärtigung unermeßlicher Schwere des Geschehens nicht häufiger, aber auch nicht seltener wurden, so war am Ende der Tod in all diesen unversöhnlichen Gestalten ein Begleiter seines Lebens geworden, und er hatte sich des Gedankens an die Möglichkeit lange entschlagen, daß sein eigenes Dahinfahren dereinst ein gelinderes Geschehen sein würde als das der Früheren. Die Periode dieser nun schon lange nicht mehr Furcht erweckenden Vorstellungen, die 28 Vertrautgewordenheit mit den wohlbekannten Schrecken der überwundenen Auflehnung des Hinhängens in vorbereitender Ahnung war gerade in diesen Tagen wieder von Ferne in Nähe gerückt und machte, ohne daß er ein kleines von seinem Zustande weder Wahl noch sonst jemand offenbarte, den schwermütigen Zustand seiner Tage aus. Gewohnt, wie er dessen war, beanspruchte der Tod, der unablässig drohende, eine Art von Gastlichkeit in Waus Gemüt, das er erfüllte und innehielt, bis er vorläufig das Quartier räumte. Ein Gast, dessen Gegenwart Wau wie durchaus berechtigt hinnahm, dessen Kommen geschah und verging, ohne daß Wau dem Geschehen in seiner Schwere hätte entweichen, der Allgegenwart und Mitdazugehörigkeit des Todes gram werden wollen. Vielmehr war es an dem, daß er jedesmal wie tief versponnen, ja unweigerlich angezogen das Verhängnis hinnahm wie einen Vorgang von unvergleichlicher Wichtigkeit, ja als etwas alles andere Ausschließendes und das andere wert- und sinnlos Machendes.

Bei des Assessors Drängen, weniger einem durch Worte als durch Blicke, war das Ganze und Starke der Möglichkeiten mit einem Schlage aufgetan. Der Mond als Trabant, Mitläufer, Leibwächter, Begleiter der Erde in all und jedem Augenblick, der Nächste und Unabwendbarste, oft unsichtbar, wie unvorhanden und jeder Wahrnehmung entzogen, dann wieder aufdringlich und fast drohend mächtig durch seine Phasen wandelnd, immer in unfaßbarer Schnelle, immer der Erde auf den Fersen wie ihre zugeteilte Notwendigkeit, traumschön und wiederum am stürmenden Himmel hinter Wolken lauernd – wie der unvermeidliche Tod, so ging es durch Waus wie durch Sturz erschüttertes Wesen. Er sagte aber nichts, sondern nickte wie im Wohlverstand der Meinung des Assessors, als lohne es nicht, noch ein Wort über eine Selbstverständlichkeit zu verlieren. Der gestohlene Tod, der nicht mehr vorhandene, abhanden gekommene, einen Augenblick nur als Tatsache anerkannt – und nun dazu die forsträtliche Familiarität und 29 ihr bißchen Hach und Ach, als ginge es so an, zwar merkwürdig, aber nicht aufregend – und der Bürgermeister sagte obendrein: er kann mir gestohlen werden, – wenn schon! – – Übrigens, beschloß er, werde ich bei anderer Gelegenheit den Assessor befragen, und wir werden ja sehen, was schließlich und endlich er selbst denn mit seiner Schnurre anrichten wollte. Heute hat er bessere Geschäfte, dachte er und drängte nach einer schicklichen Pause des Nachdenkens über des Assessors Eröffnungen auf Abbruch der Sitzung in diesem Absteigequartier mannigfacher Bedürfnisse zu Verborgenheit und Abgeschiedenheit von erstickender Üblichkeit des tagtäglichen Lebensablaufs.

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