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Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfundvierzigstes Kapitel

Weinrebes Steigen auf der Treppe zu seinem Glück war schon längere Zeit fleißig geübt. Er selbst fand es ganz in der Ordnung, daß er an einem schönen Abend über die ersten Stufen der bewußten Treppe eigentlich gestolpert und, versteht sich, aufwärts gestolpert war, ehe ihm eine Belehrung über die unfaßbare Herrlichkeit da oben zuteil geworden. Sein klangvoller Name, der Adelsabglanz seiner Grandezza, die er auch auf Berufswegen in den Elendsrevieren der abseitigen Stadtteile nicht fahren ließ, hatte ihn in jenen Gaststätten mittleren Ranges, wo er einst mit Wahl und Bostelmann getagt, in die Runde eines flotten Treibens um einen gut besetzten Tisch und an die Seite just des Mittelpunktes dieses Treibens gebracht. Es wurde Geburtstag gefeiert, und Fräulein Tonius, beiläufig mit dem Wirt verwandt oder nur mit plumper verwandtschaftlicher Vertraulichkeit weniger geehrt als verunziert, ließ sich die Huldigungen der Runde etwas Tüchtiges kosten. Sie war in Geschäften zugereist und säumte nicht mit wiederholter Ausbreitung der besonderen Art ihrer Geschäfte vor staunenden Ohren aller, die hören mochten, daß sie das Kind eines nun verstorbenen Mannes, ja sein 262 Lieblingskind sei, eines reichen, sehr reichen Mannes, in dessen Testament ihr Name neben denen ihrer ehelichen Geschwister einen bevorzugten Platz erhalten hatte. Der Sekt in den Gläsern war zwar des Hauses würdig, aber er floß wie besserer in besten Häusern und wurde getrunken, als koste er überhaupt nichts. Weinrebe fühlte sich schnell warm werden in der Gunst der Spenderin mit dem offenbarenden Herzen und den offenen Händen, er öffnete seinen Mund und trank, wie er seine roten Ohren weit öffnete. Über das Vorleben der verehrten Mutter dieses Kindes jenes Mannes Erhebungen anzustellen, war der Zweck der Erbin hier am Platze, und Weinrebe machte sich rasch anheischig, alle nötigen Schritte, weitest bekannt, wie er in verborgensten und diskretesten Ortsrevieren war, so stürmisch wie sicher ihr Ziel finden zu machen. Oh, das sei ein wahres Labsal für seinen Drang, zu helfen und uneigennützig, ja gewiß, der verlegenen Schönheit sein ganzes Verdienst in solchen und ähnlichen Dingen zur Verfügung zu stellen, ja, wenn er so sagen dürfe – dabei übernahm er mit freimütigem Anstand selbstlos das Einschenken – zu Füßen zu legen. Es wurde zum unbestimmt vielen Male angestoßen, und Weinrebe trank mit der Zunge die perlende Kühle, mit den Augen aber die wärmste, fast glühende Dankbarkeit aus den Blicken dieses armen Lieblingskindes eines Verstorbenen, das doch so reich an Aussichten war und sich seiner fördernden Ergebenheit mit kindlicher Dankbarkeit vertraulich anheim gab. Der Name des ersten Anwalts in der Hauptstadt als bestellten Sachwalters der Erbgeschäfte und Kurators des ganzen riesigen Nachlasses brachte in Weinrebes Herzen einen hübschen Stoß von Hoffnungen zum Schmoren. Er trank,- als stände sein Name als eines Miterben vornean im Testament, und lobte mit anscheinend erprobter Sachkenntnis die weltbekannte Tüchtigkeit des genannten Sachwalters in Erbfragen von so großartigem Anstrich.

Es ergab sich nun, daß in den Umständen der verehrungswürdigen Mutter des Fräuleins einige 263 Unklarheiten offenbar wurden und daß dieserhalb an den Herrn Doktor in Berlin zwar wahrheitsgetreu, aber auch mit geschickter Umgehung unerwünschter Tatsachen zu berichten war und daß Weinrebe Wahl aufsuchen mußte, um den Rat des erfahrenen Kenners in ehrbaren Praktiken zu erbitten. Wahl lachte aus vollem Halse, als Weinrebe seinen Vortrag begann, wie er aber zu seiner genauen Orientierung einen Brief aus dem Büro des großen Auswärtigen vor die Augen gehalten bekam, verschluckte er sich an einem im Halse steckenbleibenden Brocken Hohnlachen, las langsam und andächtig und entschied tiefernst blickend: Die Sache sei von größter Wichtigkeit, und er müsse unverzüglich die Erbin selbst befragen, damit Ihr keine Dummheiten macht, wie er vorgab. Das sind alles keine Kleinigkeiten, Weinrebe, sagte er, da entscheidet die äußerste Güte in der Handhabung dessen, wovon du nichts verstehst – Takt und aber Takt, Weinrebe! Na ja, ich bitte dich, mir eine Besprechung mit deiner Dame zu verschaffen . . .

Und Wahl der Obsieger kam, sah und siegte! Weinrebe durfte bald Umschau nach einem warmen Plätzchen halten, die Gunst des Fräuleins erkaltete täglich mehr, und es fror ihn in seiner Abgestelltheit als zuverlässiger Bedienter und Botengänger. Wahl aber zog forsch an der Notleine seines Zuges ins Verderben und brachte ihn zum ruckartigen Halten, stieg aus und gewann einen aussichtsreichen Platz im Speisewagen des in entgegengesetzter Richtung fahrenden D-Zuges. Wahl, dessen sonstige Geschäfte nicht einmal den Namen mehr verdienten, den sie trugen, erklärte sehr bald das Ergebnis der Forschungen für unzulänglich, die in der Stadt wie der Krähwinkler Landsturm immer langsam vorangingen, und einen Umbau ihrer Basis zwecks Aufführung eines ordentlichen Trutzbaus gegen die Einsprüche der Miterben für geboten. Eine vertrauliche Aussprache mit dem Allgewaltigen in der Hauptstadt konnte hier allein nützen, und er erbot sich, seine teure Zeit der Sache des Fräuleins zuliebe, solange erforderlich, als Opfer darzubringen. Aber freilich sei die 264 Anwesenheit des Fräuleins selbst die beste Gewähr für schnellen und segensreichen Verlauf der Unternehmung, und sie, dessen überstürzt freudig gewiß geworden, willigte ein mitzufahren. Sie kehrten als glückliche Verlobte zurück, und als ein zur Dauerseligkeit ewigen Erbens geschaffenes Paar paradierten sie hart am Gehege der Neidfront des Ortes und aller seiner den baldigen Umsturz des Wahlschen Glückes gespannt mitfürchtender oder mithoffender Urteilslosen oder -fähigen auf und ab.

Das Fräulein löschte die schädigende Erinnerung an die Beschaffenheit der früheren Unstandesgemäßheit ihrer Lebensform aus, indem sie sich in die Sphäre der einwandfreiesten Pension des Ortes hüllte, und befleißigte sich einer Aufführung, wie sie den Ansprüchen ihres Verlobten auf Hochvornehmheit des Scheines entsprach, und entsprechend fleißig wob die Legende um sie eine Aureole von imposanter Fabelhaftigkeit.

Auch Lundberg, der sich pfiffiger dünkte als alle andern, bekam langsam und unauffällig die wohltuendsten Vorstellungen von der Zukunft seines Kumpans im Wagen und Gewinnen eingeflößt, wurde biegsam und nachgiebig in den Fragen nach Mein und Dein und zeigte sich fast willig, die Formel: Was mein, sei dein, bei der Regulierung ihrer Differenzen unter Zulassung weitestgehender Auslegung anzuerkennen, falls nur Wahl selbst auf ein so weitherziges Absehen der Dinge angespielt hätte.

Nur Wau mischte in den Salut an das neugeborene Glück Wahls eine Zurückhaltung wie ein stummes Verbot des so kühn begonnenen Glückspiels. Er wußte nichts von dem Überfall des Oberzollrates durch Wahl, der, in der Hand einen prächtigen Blumenstrauß für sein Fräulein Braut tragend, unter dem Oberarm aber eine wuchtige Aktenmappe geklemmt hatte, die er im Laufe des Gesprächs bat öffnen zu dürfen, nachdem er vorher in dem Büroraum Umschau haltend den guten alten Herrn gebeten hatte, den Strauß als Duft- und Farbenbringer und Verdränger der nüchternen Atmosphäre niederlegen und vergessen zu dürfen, womit 265 seine Verlobte freudig einverstanden sein würde, wie er als erfahrenster Kenner ihres gütigen Herzens bestimmt erwarte. Sodann hatte er der Mappe Papier um Papier entnommen und verstanden, die Bedenken der Leichtfertigkeit in Waus Handeln durch Unkenntnis mancher Umstände verursacht und als übertrieben, zumindest übereilt zustandegekommen zu zerstreuen, indem seine, Wahls, Anregungen und Ansprüche Waus Opferwilligkeit zu kritikloser Gewährung gebracht. Aber auch er als allein tadelnswert könne, wie der Herr Oberzollrat klar sehe, den Nachweis des Fehlgehens aller ungünstigen Auslegungen besagter Tatsachen erbringen und nicht zuletzt in Hinsicht des allgemeinen Geraunes über ein Vorkommnis, wo eine unglückliche Verquickung seiner eigenen und Waus Beteiligung dem letzteren einen Schaden gebracht, der ihm, Wahl, eigentlich zukomme, ja dessen Verursachung er für sich ausdrücklich in Anspruch nehmen müsse – übrigens sei ja über das alles Gras gewachsen, und niemand wisse eigentlich Näheres und Genaues –.

Er schob die Blätter wieder ins Fach, wobei sich seine Lippen triumphierend kräuselten, und ließ noch die Worte hervorperlen: Man weiß ja nie, wie was abläuft, Herr Rat, aber siehe da, meine Rechnung war richtig, und darauf kommt es am Ende an . . .

An Wau erging antwortlich seines Entlassungsgesuches die amtliche Aufforderung, bis zur Entscheidung und Aufklärung seiner Angelegenheiten seinen Dienst wie sonst zu versehen, mit dem Zusatz, daß man seiner bewährten Kraft zur Zeit nicht entraten könne.

Wahls Gönnermiene, als er eines Tages nach vorangegangener Abrede mit seiner Verlobten bei Wau eintrat, war zwar fürstengleich, aber doch wie nach der Maske eines Königs im Kartenspiel geschnitten. Ob er fühlte, daß seine Würde in Waus Augen zwar gut, aber doch nur gut gespielt war, oder ob ihn eine Anwandlung von Verlegenheit leicht beschlagen: er war offenbar der Bewährung seiner Tonius nicht sicher, der Bewährung nicht so sehr als Gold und Glücksstern 266 blinkendster Ordnung, sondern als Behüterin der Wahlschen Wege vor allem Ungewissen und als fürsorgende Hemmerin seiner Fahrt ins Blaue aller größtmöglichen und unvorstellbaren Herrlichkeiten. Nur ein bißchen klare Gescheitheit möchte sie haben, hatte Wau in Erwartung des Besuches gedacht, und Wahl hatte unbestimmt genug gefühlt, was Wau bedacht und erwartet hatte.

Als sie eintraten, war Waus Urteil schnell fertig: Armer Wahl, was du da zu mir leitest, ist höchstens ein Notbehelf für kurze Zeit – zwar das Rechte für dich, wenn sie wirklich reich ist, weit entfernt aber, sonst die Richtige zu sein, da es ja gar keine Sie ist, die du dir gewinnst, sondern ein Es und nichts als ein Es – mit einem . . . lein hinter jeder Artbenennung, ein Fräulein, keine Frau, ein Knusperhäuslein, aber kein Haus zum Wohnen und Heimsein, ein Krücklein für einen auf seinem Wege Erlahmten, aber keine Stütze für ein Leben der Wirklichkeit in weiter Ferne von unnützer Geschäftigkeit . . .

Er sagte das alles ja nicht, sondern lud zum Sitzen ein und gewahrte mit einem Gefühl echter Freundschaft Wahls linkische Anstalten, die Unterhaltung in einen aufgeräumten, flotten Gang zu bringen, während Waus in Wahls Mienen und Gebärden untrüglicher Kennerblick nichts sah als einen ertappten und bloßgestellten Lobredner falscher Werte.

Nein, dieser Bräutigam Wahl war gar nicht der alte und im Guten und Bösen so wohl bekannte Wahl. Dieser toniusfromme, Beglücktsein und Gläubigkeit manifestierende Scheinwahl, ein verlorener Sohn, der sich an den Trebern sättigte und keinen Vater hatte, an dessen Herz er sich heimkehrend werfen konnte, so ging es Wau gerade, wenn die Unterhaltung am lautesten war, durch den Kopf, wäre er doch elend, verlassen und aussichtsarm, wie lieb sollte er mir sein . . . Und Wau spürte ein seltsames Schauern von Zuneigung zu dem wie in die Verlorenheit vergangener Zeiten dahin gesunkenen fremdgewordenen alten Kameraden. Es 267 war ihm, als vollzöge Wahl eine lästerliche Verunglimpfung seines früheren Selbst wie eine üble Nachrede gegen einen Toten.

Nun ja, die Tonius – mit ihr galt es sich jetzt so zu stellen, daß das Pärchen sich nicht geradezu herausgewiesen fühlte. Nun ja, Wau, also getan, was dein Vater ingrimmig bei ähnlichen Gelegenheiten das Maulschiefziehen nannte: Also ein bißchen gefragt, was man so fragt, wenn es nichts Ernsteres zu fragen gibt, gelauscht auf das, was man so antwortete, wenn eigentlich nichts zu antworten ist – kurz, Wau, Getue und aber Getue!

Was aber Wau nicht merken zu lassen gedachte, hatte die Tonius eher gespürt, als er selbst es sich klar bewußt geworden war. Nicht lange, und Wau mußte anerkennen, sie war ja in diesem und jenem nicht ganz schlecht beschlagen, hatte offenbar, wenn auch in der Schule nichts gesät, so doch hinterher geerntet und war am Ende doch wohl, wenn auch auf verquere Art, so etwas wie gescheit, und mindestens hatte ihr das Leben außer mancherlei Nichtigkeiten ein oder anderes Bessere in die Taschen gestopft. Ein einziges Mal, und auch dies mit kunstvoller Beiläufigkeit hinhauchend, sprach sie von »unseren leidlichen Aussichten«, während Wau sich darauf gefaßt gemacht hatte, etwas sehr Forsches von »meinem Geld« hören zu müssen – und Wahl sah sich bald der Mühe überhoben, das knarrende Räderwerk der Unterhaltung zu ölen, wenn es zu stocken drohte. Es ging alles besser von statten, als er gehofft, und offenbar überbot sich Wau in Selbstüberwindung, oder, wer hätte das gedacht, sie, die in vorbereitenden Gesprächen schroff Abgeurteilte, sie, seine Tonius, gefiel dem Freund, wie so was unverhofft und beinahe unerwünscht geschehen kann.

Täuschte sich Wau, oder lächelte Wahl gar ein wenig über ihn, als er die im Augenblick nicht erforderliche Frage nach einem oder anderem Gläschen bestrenommierter Flüssigkeit stellte? Stellte Wahl fest, daß Wau sich einige Vorbereitungen gut verträglicher und 268 kostspieliger Art auferlegt hatte? Wie es auch war, man schenkte ein und nippte im Genuß des guten Einvernehmens, nippte und war nicht abgeneigt, das Einvernehmen durch weiteres Nippen zu stärken.

Nun ja, die Tonius, dieser Balg, war doch nicht so, wie andere Bälger sind – und für Wahl vielleicht doch, – hoffentlich – die rechte Wahl, und er nahm sich zur Notiz, wenn es dereinst so weit wäre, dieses Wortspiel in anmutiger Abwandlung zu beifälliger Geltung zu bringen, dann nämlich, wenn die Tonius keine Tonius mehr, sondern eine Wahl geworden sein würde.

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