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Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreiundvierzigstes Kapitel

Verstohlen wie auf Schleichwegen durchquerte der Totenwagen die Stadt. Es waren wohl nicht die besten Gäule des Posthalters, die vor dem schwarzen Aufbau der Leichenkutsche her mit einer kinderleichten Last gingen, wie in halbem Schlaf und des rechten Leiseganges wie eines ihrem Alter zukommenden unter schwarzem Überwurf wohl bedacht. Auf dem Hochsitz des ärmlichen fahrenden Katafalks glühte aus dem schäbigen Ornat, das in der Herbstsonne sein verschossenes Schwarz tabakfarbig schillern ließ, der Apfelkopf des Kutschers Mahlmann wie ein roter Gasballon, dem allein der filzige Dreispitz den Aufstieg in den Himmel zu verlegen schien. Die an die Latten der Überdachung genagelten ebenfalls zu Tabakfarbe verschossenen Lappen, Quasten und Troddeln des vor vielen Jahren einmal frisch schwarz lackierten Fuhrgestells 250 hingen und schwankten da, der bescheidenen Würde ihrer Aufgabe eingedenk, ein bißchen wohlgesetzte Trauermäßigkeit zu beweisen, wie sie sich Toten gegenüber als Anschein wahren Schmerzes von jeweiligen Angehörigen und leidtragenden Begleitern ziemte. Pastor Weislich und Onkel Vorholz schlossen sich zunächst an, und was ihnen folgte, konnte man nur das große Gefolge der Trauerzeugen aus Neugierde und sonstigen ärmlichsten Regungen des Jammerquartiers, dem die Wunderlichs zugehörig waren, nennen. Pastor Weislich war wohl der scharfen Abrechnung seines Übergeordneten im Kirchenamt wegen Geleits einer Selbstmörderin zur letzten Ruhe gewärtig gewesen, und er hatte seine Trauerrede wohlbedacht der kommenden peinlichen Befragung angepaßt und vorsorglich auf Papier zur Hand gelegt, aber auf Onkel Vorholzens Anstalten und nur leicht in Ehrerbietigkeit gehülltes hartmäuliges Zureden hin war er von seiner anfänglichen Weigerung, seinen Beistand zu gewähren, abgewichen. Er war in tadellosem und gleichsam festtäglichem Schwarz gekommen und hatte seines Amtes mit ernstem Bedauern über den Anlaß würdig gewaltet. – Und Kutscher Mahlmann lenkte Pferde und Wagen und mit ihnen das ganze Geleit wie auf Schleichwegen durch die Straßen der Stadt, obgleich er hätte geraden Weges und direkter zum Kirchhof gelangen können, bis Onkel Vorholz aufschauend und um sich blickend eine erstaunte Frage an die zur Seite des Wagens schreitende Totenfrau Mahn richtete, die ihrerseits ein paar Schritte vorauseilte und an den rotbäckigen Mahlmann auf seinem Hochsitz die Frage weitergab. Dieser rückte verächtlich seinen Dreispitz und gab halblauten Bescheid: Es wäre so angeordnet und geschehe wegen ausdrücklichen Wunsches. Ein Trauergast begehre, sich dem Gefolge von der Domstraße aus anzuschließen. Nicht lange, und der Trauerzug hielt vor dem Zollamt, und einige Mitglieder wurden gleichsam abgedrängt, gingen hinein und klopften bei Herrn Wau an. Einer von ihnen folgte dem Hereinruf und vermeldete Herrn Wau, daß der Wagen 251 mit dem Sarg der Frieda Wunderlich warte und Herr Wau freundlichst gebeten wäre . . ., worauf dieser nach einer Sekunde schweren Atmens mit einem kurzen: Er sei fertig, antwortete. Er nahm Hut und Mantel, folgte den Aufforderern, reihte sich ein und trat den sauren Weg seiner Buße bis zum Kirchhof an. Daß, der Einflüsterer in das Ohr Mahlmanns- und seiner Mithelfer, stand, die Hände in den Hosentaschen, vor einem Laden in der Nähe, drehte den Kopf und musterte mit fuchsigen Blicken über die Schultern den Verlauf seiner gelungenen Veranstaltung. Er hatte Mahlmann eingeschärft, ja und gewiß so lange zu halten, bis Herr Wau sich bequemt haben würde. Der Heerwurm so vieler kleiner Leute des Quartiers trappelte nun weiter übers grobe städtische Pflaster, und es wallte von vorn bis hinten und wieder nach vorn um Wau herum und über ihn hin vom Murmeln lauterer Zufriedenheit über die erzwungene Demütigung eines offenbar reuigen Schuldigen. Wau, sonst allen öffentlichen Schaustellungen abhold, ja vor allen Nötigungen zur Preisgabe seiner Person zurückschreckend, fühlte sich auf seinem Gange ummauert vom Stolz eines hohen Gleichmuts, obgleich die Neugier und hohnvolles Erstaunen der Allbekanntschaft in jedem Hause der durchwandelten Straßen Anstrengung machte, erdrückende Berge über seinen Kopf zu häufen. Er war auch wenig erstaunt, als beim Einrücken des Wagens in die Vorstadtstraße Vater Wahl in clownhaftem Aufzuge um die Ecke irrend vom Wind des Zufalls hergeführt wurde und beim unverhofften Treffen des Trauerzuges, dem er andern Orts zu begegnen gedacht, Miene machte, anzusehen wie der hergescheuchte Rest einer Narrengeselligkeit, neben Pastor Weislich zu treten und als vorberechtigter und nächster Zugehöriger in erster Reihe dem Wagen zu folgen. Pastor Weislich und Onkel Vorholz stutzten und verzogen mit einigen Schritten, so daß der Zug sich wiederum staute und der leidige Wagen allein weiterrollte. Es schien alles vorgesehen, was dieses Begräbnis in Spott und Skandal auslaufen lassen mußte, als Wau 252 sich zum Ordner berufen fühlte. Er trat aus seiner Reihe und zog den halbirren lächerlichen Alten beim Arm an seine Seite, indem er zugleich an Pastor Weislich einige aufklärende Worte richtete und ihm den Vollzug der Zeremonie in der früheren Gliederung von Rang und Anspruch der Teilnehmer nahelegte. So ging es denn weiter, und Wau und Wahlvater stellten ein recht groteskes Paar, dar, indem Wau den Aufgeregten und Unberechenbaren mit einiger Mühe zur Ziemlichkeit in Gang und Haltung nötigen mußte, wodurch im Zuge unliebsames Aufsehen und ein Chor gedämpfter Mahnungen an beide, würdige Aufführung heischend, Anstand zu wahren oder vom Trauergefolge auszuscheiden, erregt ward. Glücklicherweise verschleierten beim Einbiegen des Zuges durch die Friedhofspforte in den Mittelweg die Schatten schon längst wieder aufgezogener Wolken den grellbunten Flecken inmitten der schwarzen oder doch grauen Anständigkeit, und als das so vom Schatten verdunkelte Aufgebot nachbarlicher Anteilhaftigkeit sich um die Grube drängte, schienen auch die Wahlschen Farben von der Trauerfarbe ringsum angetüncht zu sein und das vom Träger der Farben nicht gewollte Auftrotzen gegen alle Üblichkeit zu erreichen. Als der Totengräber Dreyer dann seine Schaufel mit Erde den zur Erweisung allerletzter Ehrung Gewillten darbot; bediente sich als erster Onkel Vorholz mit gemessener Handhabung der zu Erde gewordenen Reste vorgängiger Totengeschlechter, andere traten langsam näher, und auch Wau tat, was er am Grabe der toten Henny unterlassen; und mit ihm, wie ein Kind am Handgelenk geführt, unter den letzten und unter den Augen des Wunderlichschen Quartiers, trat auf die aus der Tiefe zur Bettung des Mädchens und seines Kindes aufgeworfene nasse und lehmige Umwallung des Grabes mit einem Anstrich von Väterlichkeit und mit komischer Wichtigtuerei, als habe er auf Grab und Sarg und Tote das Hauptanrecht, der kunterbunte alte Wahl. Wau langte nach der dargebotenen Dreyerschen Schaufel, Vater Wahl aber bog sich tief hinab und schöpfte 253 dreimal mit seinen zittrigen und krallenden Fingern aus dem vollen Erdgrunde. Wau zog ihn zurück und führte ihn, der widerwillig folgte, auf Umwegen über fernere Teile des Kirchhofes und durch abgelegene Straßen in sein Heim bei der Frau mit den Augen, die das Weinen längst verlernt hatten. Es hat ausgesehen, dachte Wau bei seiner Rückkehr ins Amt, als wüßte der Alte es nicht anders und gehöre auch ins Grab, womit er im großen und ganzen wohl recht haben mochte.

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