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Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiundvierzigstes Kapitel

Die Nacht tränte aus Unerschöpflichkeit Trostlosigkeit hernieder, die Rinnen schluchzten Überfülle von schwarzdunklem Jammer aus den Höhen der Nachtdichte. Zwei Schatten waren soeben durch die Hoftür 247 dicht an Frau Wieses naßfeuchter Lagerstatt unter der Treppe vorbeigestrichen und im Zimmer des Einmieters zu trauriger Geräuschlosigkeit eingegangen, als hartes Klopfen an selbiger Hoftür Frau Wieses nächtliche Schlaflosigkeit zur Munterkeit aufscheuchte. Eine bekannte Stimme rief, und so entraffte sie sich ihrer Ruhe, griff nach Zündhölzern und schuf Licht an einer erbärmlichen Küchenleuchte. Schon stand des Großen Geistes Schwester vor ihr und mißbrauchte ihren Rest von Atem zu einigen heftigen Wortreihen, die weniger als Klang denn als nebliger Hauch das vorgehaltene Flämmchen umschweiften. Ob Frau Wiese nicht wüßte, der Bruder wäre seit Tagen abgängig, ihre Angst ließe ihr keine Ruhe, der Beamte stände vor der Tür – sie wollten doch gleich nach dem Rechten sehen . . .

Eine städtische Polizeimütze, ein städtischer Schnauzbart, ein blankknöpfiger massiver Polizeimantel schoben sich ins Licht, und sie gingen alle mit scheuen Tritten die Stiegen hinauf und standen, nachdem auch Wahlvater und Frieda durch die Ungewohntheit des Vorganges aus ihrer Tür gelockt waren, um des Großen Geistes erbärmliches Lager. Die Flamme entwand die einzelnen Winkel dem Dunkel, und so, während die Nachzügler noch mit halbem Leibe im lichtlosen Treppengang entkörpert schienen, traten sie ratlos hin und her, bis die Schwester des Großen Geistes eine niedrige halboffene Tür in der Bretterwand vollends aufstieß und zurücktretend mit ahnender Bereitschaft zum Erschrecken ins Dunkle dahinter deutete. Es war die Tür zu dem unbenutzten Nebengelaß, der Räucherkammer über dem Pferdestall des Schnitzmeisters unten. Der städtische Wachtmeister griff zur Leuchte in Frau Wieses Hand und trat, zur Schonung der städtischen Mütze die Linke über sich haltend, hinein, gefolgt vom Scharren zögernder Schritte der übrigen. Die paar Leute füllten fast die enge Kammer, sie zusammen mit dem Großen Geist, der dort an einer der Räucherleisten hing, an denen in verflossenen Tagen Schinken und Würste in ihrem Fett zum Hängen in gut gezählten 248 Reihen ihren Ort hatten. Die niedrige Stätte hatte dem Großen Geist nicht zum Hochhängen dienen können, er hatte sich erbärmlich beholfen und halbwegs knieend den Tod als gefälligen Bedienten in Anspruch nehmen müssen. Seine Mienen waren friedlich und seine Augen wie zu sanftem Schlummer geschlossen. Der Strick hatte seine Kinnbacken verschlossen, und das Kauen war wie der Hunger in seinem ausgemergelten Leibe für immer abgetan. Er hatte dort schon mehrere Tage und Nächte ohne Unruhe, und ohne den beflissenen Werker an seinem Holzblock zu stören, geduldig geweilt. Der städtische Bevollmächtigte umfaßte ihn mit dem linken Arm, nachdem er vorher sein Taschenmesser hervorgeholt und aufgeklappt hatte. Der matte Stahl blinkte über dem Kopfe des weiland Großen Geistes, und der Körper sank, von zwei Frauenhänden gehalten, langsam zu Boden, und das Messer kam an seinen Ort zurück. Dann, auf einen Wink des Beamten, griffen mehrere Hände zu und schleiften, da Tragen bei der Enge des Raumes zu unkommode gewesen wäre, die nicht gar gewichtige Leiblichkeit eines fast Verhungerten ins Gemach und hoben ihn auf die Bahre seines Bettes. Der Schein des Lämpchens glitt noch einmal über die ganze Länge der apokalyptischen Lebensform, die in schlechteren Zeiten, den Zeiten ihres Trottens auf überlangen Beinen durchs Leben, selbige Beine nur gebogen ruhen lassen konnte. Auch jetzt behielten sie die Stellung der Lage des Hängens und der Nächte des Seins in der Todeskammer, als wollte der Körper auf dem letzten Lager seine unnütze Länge verbergen. Aber es war keine Sorge in Kümmernis und Unbehagen vor den Schauern der naßdunklen Jahreszeit die Ursache mehr.

Niemand hatte ein Wort gesagt, niemand einen Seufzer seiner Beklommenheit entlassen, Wahlvater und Frieda waren die Letzten, deren Füße die abwärtsführenden Stiegen Brett für Brett suchten.

Der Wink eines freundlichen Fingers hatte aber dem gemarterten Mädchen das friedliche leichte Sein auf dem Gesicht des Großen Geistes gewiesen. – Gevatter 249 Tod war leise mit hinabgestiegen, und das Schluchzen seines lieben Kindes verschmolz auf dem Heimgang tröstlich mit dem Seufzen der mitleidenden Nacht aus allen Höhen und Weiten der großen Lichtlosigkeit um sie und über ihr – er geleitete sie fürsorglich, lautlos in das Heim des Vergessens ihrer selbst, und sie wußte in tiefatmender Beseligung, daß, wohin er sie führte, ihre letzte und beste Zufluchtsstätte in dieser Welt sei, und der, welcher es war, der sie führte, sie heimbrachte ins Bett ihrer kummerlosen Ruhe.

Das Wunderlichsche Haus wartete vergeblich auf ihre Rückkehr, sie war einem anderen hörig geworden, und Gevatter Tod meinte es herzlich gut mit seinem jüngsten und liebsten Kinde. Er führte sie den geradesten und kürzesten Weg, und es beliebte ihm, Gebrauch von seiner Vollmacht zu leidlosem Ausrichten des letzten aller menschlichen Dinge zu machen.

Die tiefe Dunkelheit, das tiefe Wasser, die tiefste Ruhe schufen miteinander innig vereint das Ende eines ratlosen Lebens.

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