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Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Einundvierzigstes Kapitel

Auf einem seiner täglichen Wege zwischen Zollspeicher am Bahnhof und seiner amtlichen Ortsgelegenheit gelüstete es Wau, beim Café am Markt vorübergehend, sich eine irreguläre Kaffeepause zu gönnen. Um diese Zeit des Vormittags war der ihm längst nicht mehr heimische Ort gewöhnlich leer, höchstens der in ruppiger Zivilfeldmarschallsmäßigkeit einhertrampelnde Major Mewius mit seinem ihn an Noblesse weit überragenden Dackel trank seinen Schoppen, und ein paar 242 Fremde mochten zugesprochen haben. Wau liebte diese Art Geselligkeit in strenger Reserve, er ließ das Knistern eines umgeschlagenen Zeitungsblattes gern als zugehörig zur sonstigen Stille gelten und rührte nach seiner Gewohnheit unüblich kräftig in seiner Tasse, als handhabe er die Stimmgabel des um diese Stunde hier zulässigen Geräusches. Als er eintrat, sah er Wahls farbenfreudiges Tailormade-Kleiderstück, grün wie jungsprossende Brennessel, ihm erfrischend entgegenleuchten. Er trat dem Rücken des Prachtstückes näher und erschrak fast, als er den Augen des alten Wahl begegnete, hinter den dicken Linsen einer Brille unwirklich groß und von der Farbe der grundlosen Leere eines Gewässers, der hier im Prunkhabit seines Sohnes gemächlich und in erwünschter Stille bei der Zeitung saß und nun Anstalten machte, aufzustehen, um Waus Begrüßung zu erwidern. Wau erschrak noch mehr, als sich bei dieser Wendung des alten Herrn dessen ganzer kunterbunter Aufzug entfaltete und die gelbe, allzu grellgelbe Krawatte das Grün des Rockes zur Bösartigkeit reizte – die Weste, die einem Kaschemmenheros angestanden hätte, die lang auf dem Boden schlotternde Oxfordhose miteinander das Gehäuse eines Restes von respektabler Ehemaligkeit abgaben, aber er faßte sich und bat, sich zu ihm setzen zu dürfen, wozu der Alte, dessen Vergnüglichkeit im Versteck seines Blätterbusches sich augenblicklich verzog, gleichsam verlegen zustimmte. Seine Tasse war leer, aber er tat hastig einige Züge aus der leeren Schale und verbarg seinen verkümmerten Leib in dem weitfaltigen und protzfarbigen Kleiderhaufen, in den ihn sein Sohn gesteckt hatte, aus dem die krüppelhaft kleinen Hände und oben auf dem Stengel des mageren Halses ein wacher Argwohn im Mienenspiel eines ganz klein gewordenen Gesichts herausstachen. Die wohlgerundete Kuppel des Schädels, die stolze Eigentümlichkeit der Wahlschen Sippe, schwebte freilich stattlich über dem ganzen Kleider- und Körperplunder, was aber dieses Dach barg, war wohl nur noch das matte Glimmen und der unscheinbare Rest eines 243 müden Lebenstages. Ob auch bei dem heutigen Zusammensein der bewußte Gegenstand nicht berührt werden würde, der ihnen beiden im Sinne lag, fragte sich Wau. Es war anzunehmen, daß der scheue Vater Wahl die Hand nicht auf die Klinke legen würde, aufdrücken und eintreten in den Kreis heikler Fragen – nun gut, beschloß Wau, indem er aus seinem Kännchen die Tasse des Alten füllte, also habe ich den Anfang zu machen. Aber wie erstaunte er, als der Senior nach kurzem Dank, in dem er seine Tasse in Pausen der Besinnung auf Wortführung und Ausdruck leerte, seinerseits mit Hinweisen auf die Verlegenheiten der Frieda vorstieß. Fast schien es, als greife er die Anmaßung jeder Art auf Vaterschaft bei dem Kinde der Frieda an, auch gegen Wau, wenn er sich einfallen lassen würde, zu beanspruchen, was ihm allein zugehöre. In der Sprache von Daß hätte es geheißen: Da hat sich sonst niemand was auf einzubilden – –. Wahlvaters Aufstellungen aber waren umschweifender Art und verloren sich in Geraune und Geflüster. Herr Wau, sagte er, weiß nicht auf Dankbarkeit zu rechnen, denn er hat keinen Sohn wie ich, wenn er aber einen Sohn hätte, müßte er anders sein als meiner, wenn er auf Dankbarkeit rechnen wollte. Rudi, Herr Wau, macht es seinem Vater nicht leicht, versichere ich Sie, Herr Wau. Er sagt: Du hast alles, was du willst, aber misch dich nicht in Sachen, die Herrn Wau allein angehen. Aber was ich alles habe, kann er mir auch nicht sagen, und wo ich mich nicht hineinmischen soll, ist gerade die Sache, die Herrn Wau persönlich nichts angeht. Das habe ich, und dabei muß es bleiben, Herr Wau, da misch ich mich hinein, und hat sich auch mein Sohn nicht einzumischen.

Er förderte zwischendurch ein Glasröhrchen aus der Tasche, entnahm ihm ein weißes Plättchen von mehreren anderen und warf es ins Wasserglas, wo es langsam zerging. Als er dann trank, fragte Wau: Nehmen Sie verordnete oder unverordnete Mittel, Herr Wahl? Es sieht ganz danach aus, als täten Sie es beliebig – gewissermaßen wie man vulgär sagt: Doch man so. – 244 Der Alte schüttelte den Kopf und winkte ungnädig ab: Es kommt nicht auf mehr oder weniger an – Sie mischen sich mit Ihrer Frage in eine Privatsache. Aber wenn Sie's schon wissen wollen: Verordnet ja, aber mal, es ist schon ziemlich lange her und galt für damals. Also wenn Sie fragen: unverordnet – ja –, es kühlt den Kopf; und wenn er dann auch langsamer arbeitet, was schadet das? Man sagt sein Teil mit Gemütsruhe, eine Handvoll davon so über Tag . . .

Er hatte das Röhrchen wieder an seinen sicheren Ort gebracht. Aber Kühle schien seinem Kopfe nicht zuteil geworden zu sein, im Gegenteil ließ er es mit seinen Hinweisen zwar nicht lauter als vorher, aber hitziger und auch unklarer angehen, ja er verwirrte sich, und seine Sätze liefen bei mangelndem Vermögen zu geordneter Führung immer mehr in banalen, fast lächerlichen Unzugehörigkeiten zu einem gemeinsamen Sinn aus. Er las offenbar, wenn es bei ihm aussetzte, allerlei Abfall von Satzresten zusammen, die zerstreut in seinem unaufgeräumten Gedächtnis lagen, und reihte sie aufs Geratewohl ein. Wau unterbrach diese peinliche Entblößung mit ablenkendem Zureden wie etwa: Das alles ist ja klar, und wir sind miteinander in bestem Einvernehmen, oder; Ihr Sohn macht sich Gedanken über mich und weiß wohl selbst nicht recht, was für welche. Sehen Sie mal, Herr Wahl, ich rechne wirklich nicht auf Dankbarkeit, aber doch auf ein richtiges Verständnis, und Ihr Sohn wird mich am Ende auch darin nicht enttäuschen . . .

Aber Wahlvater beliebte nicht auf Zureden und Ablenkung zu hören. Er hatte den Faden wiedergefunden und sprach nun in der Fülle seines Dranges ohne Hemmungen seiner Zunge: Rudi, Herr Wau, hat mir versprochen, daß alles mit rechten Dingen zugehen soll, und das verspricht er mir und sagt doch, ich soll mich nicht in Herrn Waus Sachen mischen. Er wandte sich dem Tischnachbarn zu, indem er zugleich den Stuhl zur Seite rückte. Zwar keuchte er vernehmlich, und Wau dachte bei sich: Der Ton kommt aus der knöchernen 245 Brust eines Halbtoten. Aber seine sonst kaninchenhaft friedfertigen Augen glänzten, und die buntfarbigen Kleiderfalten strafften sich, fast als wären sie von der wohlgestalteten Leiblichkeit des eigenen Besitzers geschwellt und als mache der Greis Anstalt, in die heroische Zurüstung des mit ihr durch die Straßen prunkenden Götterlieblings und -günstlings Jungwahl hineinzuwachsen, wobei es ja nicht lange verblieb. Aber es geschah doch, und geschah mit triumphaler Aufrichtung eines Niedergedrückten.

Er strich sich mit Wohlgefallen über die maigrüne Brust. Das läßt mir nicht schlecht, finden Sie nicht, Herr Wau? sagte er, aber wie bin ich doch gerupft. Rudi macht sich was Prächtiges daher, aber wovon, frage ich Sie? Von mir und niemand anders, oder hat er Ihnen nichts von der Hypothek gesagt? Und als Wau den Kopf schüttelte, fuhr er fort: Na, dann will ich nichts weiter erzählen, aber das war doch das Letzte, und außerdem kommen bloß noch die monatlichen Trinkgelder – monatlich, Herr Wau, paar Kröten, und ob ich sie habe oder nicht, ist beinahe egal, aber Rudi sein Staat ist doch himmelschreiend, besonders wenn die Sonne darauf scheint. Aber die Sonne scheint noch auf was anderes, und das ist auch himmelschreiend, das wissen Sie selbst, Herr Wau, obgleich Sie nichts damit zu schaffen haben! Was soll ich, sagt Rudi . . .: ich soll mich um meine eine Sache kümmern und nicht um seine, und seine eigene Sache, sagt er, ist, daß er keine Brüder aus dem Sandgang brauchen kann. Da soll ich ihn gefälligst mit verschonen, sagt Rudi. Die Leute im Sandgang sollten sich nicht wichtig machen mit ihrem abgängigen Krempel. Ja, Herr Wau, da bin ich aus einer anderen Welt, das müssen Sie einsehen, obgleich es Sie nichts angeht, aber das eine will ich Ihnen sagen: Gegen diese hochnoble Ehrbarkeit von heute bin ich noch ein altmodischer junger Mann in seinen besten Jahren. Den Rudi habe ich damals empfangen wie eine Gabe direkt vom Himmel, und das Kind aus dem Sandgang, da sollen Sie mal sehen, und Rudi soll sich wundern!

246 Er stockte, aber sein schon ebbender Atem hauchte das Wort: Auch Sie, Herr Wau, werden sich wundern, nehmen Sie es mir aber bitte nicht übel. Und da er offenbar nicht weiterkonnte oder wußte, sammelten sich seine restlichen Kräfte nur noch zu einer bedeutsamen Bestätigung durch angestrengtes abtrumpfendes Blicken, eine Bestätigung von Vorsätzen unklarster Art.

Wau aber fiel die Frage von den Lippen: Und was gedenken Sie also in dieser Sache zu verrichten, Herr Wahl? Das aufgeplusterte Männchen sank bei dieser Wendung der Aussprache zum Sachlichen mit der ganzen Prächtigkeit seiner Hülle zusammen, und das lebensunmächtige Häuflein Mensch verkroch sich in der bunten Faltigkeit der ihm nicht zugemessenen Stoffmenge. Die Brille, als sähe er jetzt mit ihr auch nicht klarer, hatte er mit beiden Händen abgenommen und hielt sie wie ein unnützes Ding vor der Brust in der Schwebe. Seine Augen saßen in der Zuflucht ihrer Höhlen wie geängstete Mäuslein – genug, der arme Alte war am Ende seines Witzes, und Ratlosigkeit übte an ihm ihre erstarrenden und verdorrenden Handgriffe.

Wau, der gedacht hatte, über die Zustände im Hause Wunderlich zu hören mit der unbestimmten Vorstellung von sachter Leitung der Dinge oder Erleichterung von Schwierigkeiten, sah an Wahlvaters Zurücksinken in Umsponnenheit von Trübe und Untrost genug. Er erlöste ihn von einer kaum mehr willkommenen Gesellschaft, indem er sich seiner wohl nicht sehr dringenden eigenen Amtsgeschäfte erinnerte. Draußen überschlug er nicht gerade heiter die Zustände der armen Frieda und sagte für sich: O weh, zu diesem Kindsvater wird sie nicht viel Vertrauen haben dürfen.

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