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Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierzigstes Kapitel

Die gesunde Bräune der in Fläschchen käuflichen Sonne Homers auf dem Gesicht, drückte Wahl mit erzürnter Bündigkeit auf den Türdrücker zur Wohnung des Betriebshelfers Daß, wartete keine Aufforderung zum Eintreten ab, und es war ihm gleich, ob er sie empfing oder nicht. Die Plünderung seines armen Vaters war ihm als bittere Kost eingegangen und hatte seine Galle gereizt. Der Igel seines Inneren spreizte seine Stacheln und stach 230 ihn schmerzlich ins Gedärm. Forsch und das Gewitter einer tüchtigen Auseinandersetzung nicht scheuend, war er eingetreten, fand zwar den alten speckigen Kachelofen von damals am alten Platze, aber keine Spur eines Betriebshelfers. Eine schlampige Frau schlurfte vom Hinterhofe durch den Gang und ließ ein Unklares über eine wohl baldige Rückkehr des Hausherrn vernehmen. Der Herr möge sich nur gedulden und sich setzen. Wahl war auf Geduldsübungen im Augenblick nicht vorbereitet, Sitzen war unvereinbar mit der empörten Frische seines Schmerzes am verwundbarsten Punkte, und so lehnte er sich gegen den Ofen und machte vergebliche Versuche, die Luft der Abgestandenheit aller Übel dieses üblen Quartiers nicht zu atmen und seines Löwenmuts Pranken bis zur Minute ihrer Verwendbarkeit scharf zu halten. Löwenmut? Er täuschte sich selbst, Hastigkeit und Überstürzung eines gut Wahlschen Ärgers hatten seine Sohlen auf das hiesige Elendspflaster gehetzt, auf alles gefaßt, wie er sich glaubte, mußte er doch bald mit der Kälte des nicht oder kaum geheizten Ofens im Rücken ein langsam eindringendes Gefühl der Ernüchterung gewahr werden, wenn er überlegte, wie es denn nach dem Erscheinen des Betriebshelfers weitergehen würde. Das Geld bekam er bestimmt nicht zurück, darin kannte er seinen Daß nur zu gut. Was durfte er also hier in des Löwen Höhle für einen Empfang erwarten? Prügeln, Schimpfen, Drohen, in all diesen Möglichkeiten der Unterhaltung war er Daß nicht gewachsen. – Die säuerliche Kälte des kahlen Raumes kränkte Leib und Seele, und die Vorstellung von wasserhellem Korn erregte ihm eine plötzliche Sucht – mochte es kommen wie es wolle, Korn war hier am Platze, und schon stand er auf dem Flur, die Geldtasche in der Hand, um die im Gang lauernde Frau zu schicken, als er sich anders besann. Wenn Sie mir ein oder besser zwei Gläser hinsetzen wollen, sagte er, inzwischen gehe ich einkaufen, muß mir mit ein paar Schluck Korn beim Warten helfen lassen. War auch schon entschlossen, nicht wieder zu kommen, als die Sohle des Betriebshelfers gegen die 231 Haustür stieß und Daß eintrat. Nanu, der Herr Wahl selbst sagte er zur Begrüßung, das hätt ich mir von einem so feinen Herrn nicht träumen lassen – immer herein, Herr Wahl, ich habe ebensoviel Zeit wie Sie selbst, worauf Wahl, indem er seine Hände mit Zuknöpfen seines Mantels beschäftigte und so den Druck der Daßschen Hand umging, auch die Augen wie gelangweilt zusammendrückend erwiderte, daß seine Zeit bedauerlicherweise abgelaufen sei, und zur offen gebliebenen Haustür hinaustrat. Daß folgte und schloß sich an: Wenn Ihnen Ihre Zeit ausgegangen ist, dann kann ich aushelfen, Herr Wahl, ich habe Zeit für uns beide.

Das war der häßliche Beginn eines Rückzuges im Geleit des Betriebshelfers, eines Ganges, der in seiner ganzen Länge nicht freundlicher wurde und im Gehäuse der Erinnerungen Wahls einen bevorzugten Platz bekam.

Daß drängte sich vertraulich heran und nötigte Wahl immer näher an die Hauswände der Straße, sprach oder vielmehr brachte seine Überdeutlichkeiten im Schreiton zur Geltung, indem er dem Wahlschen Glück und Glanz Preis und Ehre zollte. Mehr solche Leute wie die Wahls könne man im Lande wohl umsonst suchen, und was der Vater sei, gebe es überhaupt nur eine Stimme, da könne der Sohn stolz auf sein – wie auch der Vater auf den Sohn, der ihn hielte und pflegte und versorgte ganz nach der Regel der besten Verdienstlichkeit, hübsch bescheiden, damit es kein Aufsehen gäbe und kein Ärgernis über so vornehme Leute, die es sich wohl leisten können und doch herumstreichen wie Schnorrer und Ortsarme. – Hier an der ersten Straßenecke machte Wahl halt und fragte, wes Weges Daß zu gehen beliebe – er selbst hätte Geschäfte in anderer Richtung, worauf Daß gestand, daß er genau in derselben Richtung Geschäfte habe, sie könnten also zum Glück zusammen weitergehen und die gute Unterhaltung fortsetzen. So machten sie ein paar weitere Schritte, als sich Wahl eines anderen besann, da ihm einfiel, wie er sagte, daß er vorher etwas Wichtigeres erledigen müsse und also . . . übrigens hätte er im Augenblick kein Bedürfnis, sich mit Daß zu 232 unterhalten, und als dieser erstaunt tat und die Meinung des Herrn genauer zu kennen wünschte, fügte er hinzu: Ich brauche Sie eben nicht.

Ein paar Rotznasen hatten schon längere Zeit Gefallen an dem lärmenden Gespräch gefunden, standen herum, grinsten und freuten sich auf eine nicht alltägliche Begebenheit. An sie wandte sich nun Daß und verwies ihnen das Getue mit Kichern und anzüglichen Püffen der Ellenbogen untereinander. Sie sollten doch noble Leute nicht belästigen und ihnen eher die Ehre erweisen, tüchtig Hurra zu rufen, ob sie denn noch nie solche Leute gesehen hätten, die zu Besuch kommen, und wenn man ihnen zu Ehren das Geleit gibt, nicht mal die Klaue zum Abschied reichen wollen? Das Kreischen der Bengel über diese Belustigung mißtönte in Wahls Ohren, und es kann geschehen sein, daß er bei hastiger Abkehr von Daß diesen leicht mit Schulter und Rücken berührte. Nun gut, Daß lenkte weiter den Lauf der Begebenheiten und wünschte sich nichts Besseres, als diesen Scheinanlaß zur Bewährung seiner Rauhborstigkeit. Er vertrat Wahl den Weg und verstand es im Umsehen, ein Auditorium für seine laut und lauter schallende Straßenmusik anzulocken. Schade, klagte er, daß die Spatzen diesen sauberen Leuten nicht auf den Kopf scheißen, daß man's sieht, womit man es zu tun hat. Man solle sich den Herrn genau anschauen, wie gräflich er daher stolziert, aber was schneidet der unbezahlte Schneider für Gesichter dazu, man müßte doch ein Einsehen haben und für den armen Mann sammeln gehen. Daß zog den Hut ab und machte ein paar Faxen, als sollte es nun mit dem Sammeln beginnen, hielt sich aber immer in Wahls allzu großer Nähe, und so schob sich ein spektakelnder Haufe die Straße entlang. Wahl hüllte sich in Zigarettenrauch, besah seine Nägel, zog sein zierlich gefaltetes Tuch aus der Brusttasche, entbreitete es und fuhr sich damit unter der Nase hin, um es sodann sorgfältig zusammenzulegen und am alten Platze zu bergen, daß es aussah, als entsprieße seinem Busen eine Krokusblüte.

Ein Mann, der gemächlich die Straße heraufkam und 233 im Gedränge nicht gerade laut, aber hörbar nach der Ursache des Affentheaters, wie er es nannte, fragte, bekam von Daß zugeschrien, er solle den – na ja und so weiter – doch selbst fragen, worauf der andere, der nicht auf Wortwechsel erpicht schien und Miene machte weiterzugehen, etwas lauter zurückgab, er sei gar nicht neugierig, aber wenn er so sagen solle, so käme ihm der da, er wies dabei mit dem Daumen rückwärts über die Schulter auf Wahl, reichlich so anständig vor wie er mit seiner Trompete, wenn der eine sein Teil gesagt hätte, sollte der andere auch zu Wort kommen, meine er man. Daß wäre dem Fremden gewiß gern zu Leibe gegangen, aber zugleich wollte er sein Opfer Wahl nicht aus den Augen lassen. Er hohnlachte aus vollem Wuthalse und wollte es darauf ankommen lassen, ob der Herr es sich leisten könnte, den Mund aufzumachen. Bei uns wissen sowieso alle alles, nämlich . . . da, das Mädchen in der Nebenstraße und dann der Freund Wau! Oh, der Freund ist gut und eine gute Freundschaft zwischen ihnen, und der eine Freund hilft dem andern, und das Mädchen kann zusehen, wo es bleibt. Das wissen alle, aber wenn der Herr, der das Stillschweigen aus dem Effeff versteht, was dazu sagen will, wandte sich Daß an Wahl, immer zu, lang und breit, wir haben Zeit – – Herr Wahl?

Wahl lächelte und nickte. Daß gebot mit den Armen Stille und legte es pantomimisch aufs Hören an. Alles lauschte. Wollen mal weitergehen, sagte Wahl, wenn Sie so versessen sind auf lange und breite Mordsgeschichten, dann sind Sie freundlich eingeladen – aber machen Sie gefälligst Beine, ich tue es nur Ihretwegen, es ist ein Umweg, aber kein großer. – Und Wahl schritt rüstig voran, ehe noch Daß Zeit fand, ihm in die Quere zu kommen. Die Leute waren der Affäre nun überleidig anteilhaftig gewesen, der Haufe bröckelte ab, als man sah, daß Wahl und sein Gefolgsmann Daß zwar nicht besonders verträglich, aber mit anscheinendem Einverständnis in der Richtung nach der Altstadt miteinander weitergingen.

234 Daß mochte denken, daß Wahl, sein Opfer, opferwillig geworden, und Wahl seinerseits vermied Fragestellungen, indem er schneller und schneller ging. Nur noch eben übern Wall. Daß, sagte er ermutigend, dann gleich hinter der Ecke, und schon sind wir am Platz, sollen mal sehn, Daß, ein guter bequemer Platz und verläßliche Sitzgelegenheit – wie gesagt, nur Ihretwegen, daß ich mir die Zeit nehme. – Es ging noch etwas weiter als eben um die Ecke. Sie waren nun in einer der alten Seitenstraßen mit Häusern von kühler Vornehmheit aus der Zeit, da die Erbauer mit Schmuggelgeschäften im großen an der Napoleonischen Kontinentalsperre so viel erwarben, wie zum Reichwerden nötig ist. Ihre Häuser waren Kleinstadtpaläste von schlichter Behäbigkeit, und an der schweren Eichentür einer dieser Fassaden drückte Wahl auf den eleganten Rücken des unten mit einem dicken Bauch gesegneten Messinggriffs, ohne sich des benachbarten Türklopfers zu bedienen, dessen Gebrauch nun schon vielleicht hundertfach verjährt war. Hatte nicht Bostelmann die Zuführung des Daß ausdrücklich erbeten, ja gefordert? Die Sache war zwar auch fast verjährt, aber – nun, er sollte seinen Willen haben, der Bostelmann!

Sie erstiegen die mächtige Treppenstraße, eine Partie über niedrige breite Stufen einer majestätischen Bequemlichkeit von Hinaufkommen, und Wahl stellte sich mit dem Rücken gegen das Namensschild an der Glastür zur oberen Raumentfaltung. Indem er auf den Erfolg des Klingelzeichens wartete, sagte er freundlich: Korn ist gut zu trinken, Daß, aber es lohnt sich, auch andere Sorten zu studieren, sie werden schon zu Wort kommen, haben ja ein gesundes Urteil in sowas. – Bostelmann selbst öffnete.

Als Bostelmann Daß und Daß Bostelmann Auge in Auge gegenüberstand, blickten beide zugleich auf Wahl. Der eine quittierte die Erkenntnis, daß er in eine Falle gelockt war, des andern Blick besagte soviel wie: Warum gerade heute? Wahl sagte gemütlich: Ja, Bostelmann, da haben Sie ihn. – Nun ja, antwortete Bostelmann, 235 weiß schon – und lud nicht gerade dringend zum Eintreten. Sein verräuchertes Zimmer blähte sich mit einer Fülle gebündelter und aufgeblätterter Akten. Auf den Stühlen lag es, auf Sofa und Nebentischen lastete es von aussichtsreichen und aussichtslosen menschlichen Fraglichkeiten in papierenen Niederschlägen. Bostelmann räumte Sitzgelegenheiten frei und fragte abwesend in irgendwelche vernebelten Fernen, in die noch heute abend Sonnenklarheit gebracht werden mußte: Also? Ihr Wunsch ist erfüllt, antwortete Wahl, leider spät, aber, wie ich versichere, mit nicht geringen Aufwendungen meinerseits – bedienen Sie sich nach Belieben.

Weder von Korn noch von anderen Sorten war die Rede. Wahl mußte mitten ins Schweigen hinein plötzlich entsetzlich lachen. Er hatte am Morgen dieses Tages das ältere beinlahme Fräulein Pippow auf ihrem Akku durch die Räume des Warenhauses rollen und walzen sehen, und die Erinnerung an diesen unvergeßlichen Anblick erschütterte ihn mit unwiderstehlicher Gewalt. Als der Anfall vorüber war und er Bettelmanns Versteifung der Mienen gewahrte, machte er eine kurze Schilderung der ausgekosteten Gelegenheit und antwortete auf Bostelmanns mißlaunige Frage, was er denn im Warenhaus groß zu besorgen gehabt, als ob die Wichtigkeit oder Unwichtigkeit seines Einkaufs an dem Sachverhalt als eines unerhört Komischen etwas ausmache, er habe für seinen Vater eingekauft, und berichtete sodann von dem unerwarteten Auftauchen des Alten und lenkte darauf zu Daß und weiterem über. Er vermied nicht den Ausdruck Plünderung und tränkte es Daß schonungslos ein.

Es wäre für einen Zuschauer nicht kenntlich gewesen, zu wessen Unheil Wahls Schonungslosigkeit ausschlagen würde, falls etwa Heil oder Unheil auf Bostelmanns Entscheid gegründet werden sollte, denn Bostelmann hörte anscheinend gar nicht zu und lugte durch den Spalt seiner zusammengekniffenen Augen offenbar in jene vernebelte Ferne einer verwickelten Rechtsfrage, ja, er machte sich kein Gewissen daraus, ein oder anderes Mal seine Finger zwischen die Blätter auf dem 236 Schreibtisch zu schieben und schnell die gesuchte Schriftseite ans Licht zu schlagen. Textstelle hin, Textstelle her, dachte Wahl und galoppierte sattelfest weiter. Er war fast zu Ende, als es sich so anließ, daß ein Sonnenblick in die vernebelte Ferne gefallen sei. Bostelmann warf mit zuckenden Zügen Merkworte auf ein Blättchen und schmiß den ganzen Plunder von Papier zusammen seitwärts zu anderem und sagte, als dann Wahl endlich schwieg: Gut, gut, so ungefähr mußte es ja kommen, und der weitere Verlauf wird nicht besser werden. Die Zurateziehung Ihres Freundes Weinrebe war ein Versuch am untauglichen Objekt, übrigens . . . Wahl unterbrach ihn: Wenn ich Sie, wie schon früher, bitten dürfte, Herr Rat, mir das mit »übrigens« eingeleitete Sonstige zu sparen. Sie baten mich, Ihnen die Bekanntschaft des Herrn Daß zu vermitteln, und nun sagen Sie: »übrigens«. – Er wies empfehlend auf Daß hin.

Hier machte sich nun dieser auf seinem Platz breit und gab sich den Anstrich der unverfrorenen Redemächtigkeit. Wenn der eine sein Teil vorgebracht hat, muß der andere zu Wort kommen, sagte er mit den Wendungen des Mannes von vorhin auf der Straße: Wenn Herr Wahl so viel Gutes von mir gesagt hat, denn kann ich von ihm noch viel Besseres erzählen. Da war mal vor nicht lange der Hof Boldebuck, und da war Herr Wahl, aber auch Herr Weinrebe mitsamt dem Herrn Geist, den sie den Großen Geist nennen. Die wollten zusammen in allen Ehren den Hof unter sich teilen. Und das haben sie miteinander gut eingefädelt, nämlich . . .

Und war drauf und dran, das ihm von dem Großen Geist übermachte dunkle Kapitel aus Wahls Vergangenheit aufzuhellen, Planung, Mache, Mißlingen und Ausgang des Unternehmens, aber Bostelmann warf die Frage an Wahl dazwischen: Ich denke, der Fall ist längst erledigt – oder . . .? Wahl nickte und winkte Daß ab, Bostelmann aber hüstelte, sah nach der Uhr, sah nach dem Aktenberg und sah nach der Tür, aber Daß grunzte 237 wie ein Schwein, dem jeder Fraß genehm ist – er hatte ohnedies vom letzten das Saftigste schon zwischen den Kiefern zermahlen. Er kratzte an seinem Rauhbart, als suche er Läuse, wankte nicht im Stuhl, und dachte nicht an Weichen. Also rülpste er als Übergang zu einem andern Text, indem er sich nun direkt an Bostelmann wandte, der seinerseits in die Zukunft und nach dem Wiederkommen des gestohlenen Mondes Ausschau zu halten schien, aber die Gegenwart des Sprechers als vernebelte, aber keines Sonnenblicks bedürftige Ferne bewertete. Was da aber die beiden sauberen Herren Wahl und Wau mit der Frieda Wunderlich aus meiner Nachbarschaft, fuhr er darauf los, vorhaben, da kann man nur sagen, daß es so eine Gemeinheit m. b. H. ist, bloß daß sie einen anderen Personenbestand hat, da ich selbst mit der Teilhaberschaft beehrt werden sollte, zu was ich ihnen dumm genug war, die schwerste Arbeit zu besorgen. Er wandte sich an Wahl und tatzte auf seine wütendsten Register: Habe ich Arbeit gemacht, Sie, oder habe ich keine gemacht, Antwort!

Als weder Wahl antwortete noch Bostelmann sich rührte, lachte er, anders als Wahl vorhin, nicht aus Herzenslust, sondern wie im Ausguß eines Kübels verdorbener Reste in die Gosse. Ja, die werten Herren schenieren sich mit unsereines und graulen sich mit Recht, sagte er dann plötzlich fast leise, als spräche er mit sich selbst, sie sollen auch Recht behalten, dazu will ich gern mein Teil beitragen. Es gurgelte unlieblich in seinem Halse, und was aus dem brodelnden Schlund hervorgeschwemmt kam, waren üble Winde aus der Wildnis seiner borstigen Vorstellungen. Er brauchte es nicht herauszubrüllen;, was er sagte, war an sich angetan, die Herren kalt und heiß zu machen, je wie es ihrer Veranlagung entsprach. Ja, sagte er, es gibt sone und sone, und da kann niemand was vor, aber die Unterschiedlichkeiten müssen es sich gefallen lassen, daß man sie an den Ohren reißt. Was da der olle Geist ist, derselbige nämlich, der da geschäftlich bei Boldebuck mit benachteiligt wurde, der freut sich schon darauf, 238 wenn das mit dem Herrn Wahl seinem Vater seine Richtigkeit hat, und nimmt den kleinen Wahlfrischling bei der Hand, wenn er das Laufen anfängt, und spaziert, so lang er is, mit ihm hin und her, und wenn sie dann Glück haben und begegnen dem kleinen seinem großen Bruder, denn sollen Sie mal sehen, was der für Freude hat. Ich sag ja: wenn das mit dem alten Herrn seine Richtigkeit hat und der da auf schwört, wie er schon heute da auf schwört, das Halbbrüderchen ist immer und bleibt'n kleiner Wahl, und die Freude gönne ich Sie mehr als mich, kann ich versichern, Herr Wahl, da bin ich nicht neidisch auf, und der Große Geist reibt sich schon die Hände vor Vergnügen. Aber der Ernst tritt dem Spaß die Hacken kaputt, und was er woll davon hat? Der zerbricht sich schon lange den Kopf darüber, warum die Herren da ihre Köpfe zusammenstecken tun. Wenn das mit den Herrn auch seine Richtigkeit hat, und wie kann es damit seine Richtigkeit haben, wenn sie so todernste Gesichter dabei machen, da muß er sich was über lachen, und ich lach mich gehorsamst mit. Wenn aber der Ernst es mit Lachen kriegt, das muß was zu bedeuten haben.

Er posaunte in einen schmutzigen Lumpen und knurrte weiter: Da können Sie sich auf verlassen, daß die Gruben, wo die Leute in allen Häusern täglich ihr bißchen Mist in lassen, ne gute Portion Gestank vertragen, aber was zuviel ist, ist zuviel, und lange dauert's nicht, dann wird's sogar den Gruben im Grunde übel von so viel faulen Abgang aus den herrschaftlichen Windrichtungen, kommts ihnen hoch und läufts ihnen über und schwemmt durch die Häuser und auf die Straßen, und die Toten auf Sankt Gertruden haltens in den Gräbern nicht aus beim bequemen Verrotten und fahren auf und laufen mit faulen Klapperfüßen durch die Kotze der Gruben und schreien durcheinander: Es stinkt bis tief in unsre gutartige Fäulnis hinein, und schnappen nach ihrem gewohnten gesunden Moderdunst und schreien: Wau und Wahl, ihr bringt uns die höllische Pestilenz, und kehren ihre Taschen um und kratzen zwischen ihren 239 Wurmknochen nach einem Groschen oder zwei für einen Strick. Den machen sie dem Herrn Bostelmann zum Präsent und singen den Choral: Heil, heil dir, du böser Bostel, häng und werde eine ehrliche Leiche am Haken. Da hängt er dann und ist gelobt von allen Frischstinkenden oder Halbverwesten von Sankt Gertruden.

Er wühlte in seinen Hosentaschen, als besorge er, etwas verloren zu haben. Jemineh, ich find ihn doch noch – meinen Groschen geb ich dazu, und wenns zwei sein müssen, daß der Strick bloß hält und seine schöne Bescherung nicht vorzeitig vom Haken fällt.

Daß war es sauwohl trotz dem fehlenden Korn oder anderen Sorten. Er fühlte sich und strotzte vom Fett seiner Munterkeit. Der Wohlstand seiner Laune nahm immer mehr zu. Er schmatzte und genoß sichtlich den Braten, den ihm die Gelegenheit und die eigne Kochkunst aufgetischt hatte.

Das war das Gleichnis von dem gut angewandten Groschen, gab er zur Erläuterung hinterher, fuhr aber gleich fort, indem er sich am Gesäß kratzte: Ich hab 'n Flohstich auf dem Gewissen hier hinten, aber mit mehr bin ich nicht geplagt, da sei Lob und Dank dem, der die Stuben für die Gewissen gut ausgepolstert hat. Aber manche haben auf ihre Gewissen nicht gut aufgepaßt und sind ihnen abhanden gekommen wie Katzen zum Mausen in die Nachbarschaft. Bei uns im Sandgang herum hat sich so'n Biest verlaufen, und die ganzen Hunde da sind hinter ihm drein und jagens von einer Ecke in die andere. Den Schwanz haben sie ihm ausgerissen, aber sonst war er ihnen zu lausig über und über, da ist ihnen das Beißen vergangen. Der Kopf sitzt ihm auf und sieht aus wie'n fauler Apfel – der treibt sich so um das Wunderlichsche Haus herum, die haben ihm 'ne Schale Milch hingestellt, und ich hörte im Vorbeigehen man gerade die Frieda sagen: Wenn das bloß nicht Wahl sein böses Gewissen ist – aber Trinken, sagte sie, soll er schon, was kann das arme Vieh dafür, daß es bei Wahl so grindig geworden ist, sagte sie.

Daß verschluckte sich vor der drängenden Fülle der 240 rumorenden Rauheiten, die sich beim Ausweg aus seinem Bauche gegenseitig ersticken zu wollen schienen. Er war um Innehalten mit seinem Geschmor von höhnenden Widerwärtigkeiten durchaus nicht verlegen, als er bemerkte, daß Wahl sich vorneigte und Bostelmann halblaut fragte: Welche Nummer hat die Polizeiwache?, indem er gleichzeitig die Hand nach dem Sprechgerät mitten zwischen den Aktenbündeln ausreckte. Bostelmann aber schüttelte den Kopf und sagte leichthin: Kein Grund, Herr Wahl, der Mann benimmt sich ja ganz manierlich – zuhören tue ich schon lange nicht mehr, ich habe an Besseres zu denken, vollführte auch mitsamt seinem Stuhl eine Wendung nach dem Schreibtisch und hob mit beiden Händen vom niedrigen Seitentisch eine Aktenlast, die er auf dem vor kurzem frei gewordenen Platz ordnete. Schön, sagte Wahl, die Hand einziehend – wie Sie meinen, Herr Rat, ich will nicht stören – stand auch schon auf, als Bostelmann mit einem kurzen: Ach so, Sie wollen gehen? herumfuhr. Sie sahen einander alle drei abwechselnd an. Dann richtete Bostelmann das erste Wort an Daß: Wenn ich nicht Bostelmann wäre, könnte ich vielleicht Daß sein und vermag mir ausgiebig vorzustellen, wie zufrieden ich in Ihrer Haut und mit allem ihrem Inhalt wäre. Aber, wie Sie sehen, ist es, wie es ist – ich muß schon zufrieden sein. Ich habe jetzt nur noch zwei Worte mit Herrn Wahl zu sprechen – ich danke Ihnen, stand auf, ging zur Tür und öffnete. Daß hatte sich bei der unerwarteten Anrede noch heftiger verschluckt, seine Stimme, vor wenig Augenblicken noch Fülle und Regent im Raume, war plötzlich wie die eines Gehenkten im Schlunde gefangen. Er machte zwar linkische Umstände, als wolle er Rechten auf weiteren Verbleib Geltung verschaffen, aber als alles das schließlich keinen rechten Schick gewann, schob er mitsamt seinem verstopften Rumoren hinaus.

Nun, fragte Wahl etwas befangen, wie hat er Ihnen gefallen, Herr Rat? Bostelmann sagte kurzab: Es kommt nicht auf Gefallen oder Nichtgefallen, an. Ihr Weinrebe 241 war schon ein Mißgriff, Ihr Daß ist mehr. Er stockte einen Augenblick und fuhr mit einem Ton, als ob seine Stimmbändchen mit einem Reif von Heiserkeit beschlagen wären fort: Ja, wenn ich nicht Bostelmann wäre, einerlei, der Kerl hat was von wirklicher Phantasie im Leibe, das ist nun mal so, lieber Wahl. Aber ein Kerl, der Ihnen zu schaffen machen wird . . .

Mir? Wahl sah mit hohen Augenbrauen drein. – Ja, Ihnen und Ihnen allein oder auch Ihrem Freund Wau, dessen schlechter Sekundant Sie waren. Es war gegen unsre ausdrückliche Abrede – ich hoffe, Sie erinnern sich –, aber sagen Sie mal, wollten Sie denn im Ernst das ganze Viertel dahinten in Pech und Schwefel ersäufen? Wahl zögerte nicht: Gemäß unser beider Abrede, wie Sie sich hoffentlich erinnern, Herr Rat – oder rechne ich falsch, wenn ich mich auf Ihr Gedächtnis berufe . . .? Beileibe nicht – so war die Abrede, aber meinten Sie es im Ernst, Herr Wahl? Ich nicht. Und unsere G. m. b. H. mit einer Teilhaberschaft wie des Daß hat aufgehört zu bestehen – ich scheide aus.

Als Wahl Sich erhob, fragte Bostelmann einlenkend: Soll ich Sie nicht besser begleiten? Ich traue dem werten Teilhaber zu, daß er an der nächsten Ecke lauert und Ihnen eins über den Kopf haut. – Danke verbindlichst, Herr Rat, antwortete Wahl, mein Weg führt um die andere Ecke – keine Sorge!

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