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Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel

Jedermann war Wahls Freund, guter Bekannter, Mithelfer bei Zeitverderb, Abladeort für den Überfluß an Langerweile, die ihn gelegentlich befiel. Kurz, Wahl bediente sich jedermanns Gefälligkeit, womit es ihm nur selten mißlang. Alle kannten ihn, und er kannte alle. Daß Wau sich ihm verband, war ein Geschehen aus der schon einmal angeführten ausgemachten Unergründlichkeit. Zuerst kneipten sie miteinander in zufälliger 21 Geselligkeit, dann ergaben sich Gelegenheiten, wo nicht der Trunk, sondern der unselige Zustand einer verbindenden Gegenseitigkeit in allerlei Not sie zusammenführte und der gemeinsame Trunk als allzu willkommene Abhilfe, als Tor ins Freie zu wechselseitiger Erleichterung versuchsweise vorgeschlagen wurde. Wau, sonst vertrauensselig, hatte aus Wahls Allbeliebtheit eine Mahnung zur Zurückhaltung für eine Person entnommen. Er war der fetten Festivität von Lebenshaltung ein wenig gram geworden und fühlte sich von den immer neu aufzischenden Raketen der Lust an den gangbaren Arten der üblichen Hochleberei leicht angewidert. Wahl, der überall mitmachte und unermüdlich alle Anlässe zu Schlamperei, ja Luderei fleißig nutzte und studierte, machte ihn besorgt für seine mit den Jahren in bescheidenen Maßen gediehene Zurückhaltung, ja ihm ward bänglich in seiner Nähe, wenn er spürte, daß Wahl es mit ihm anders als mit den meisten hielt. Er verschonte ihn sozusagen mit dem Anteilnehmen an ganz Grobem und Massivem seiner oft wüsten, manchmal bedenklichen, immer offenkundig über die Grenzen der Leidlichkeit hinausführenden Betriebsamkeit. Es schien Wau, als markierte er den im Grunde höherwertigen Menschen, wenn er mit ihm zusammentraf, und als mache es ihm nicht viel Mühe zu scheinen, was er letzthin nicht war, nämlich ein Jemand für sich, der dieses Sein im Eigenen als löblich anerkannt zu wissen wünscht. Diese Bänglichkeit Waus wich nur selten in langen Jahren, in denen er sich von Wahl umkreist wähnte. Kneipgeselligkeit verpflichtete zu nichts, und er ließ sich Wahls Gegenwart gefallen oder mied sie, wie es ihm beliebte, ja gelegentlich entartete seine Reserviertheit in offenkundige Ablehnung, die ihm dann selbst Kopfzerbrechen über Unklarheiten im eigenen Innern machte, indem er einen Vorwurf aus Wahls Wesen in sich eindringen und Stimme werden ließ, die scheinbar als seine eigene gegen sich selbst für Wahl laut wurde. Da sie beide mäßige Trinker waren, so gab es der Gelegenheiten zur Zwiesprache beim Pokulieren mehr, als wahrgenommen 22 wurden, und so vergingen manche Jahre, ehe die Freundschaft als ausgemacht und gültig in ihrer beider Bewußtsein als Bau und Obdach für ihre Gemeinsamkeiten dastand.

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