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Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neununddreißigstes Kapitel

Fräulein Viereck folgte mit einer Gefaßtheit, wie sie der Ausrichtung ihres eigenen Begräbnisses angestanden hätte, der Bitte des Herrn Wau, sich auf einen Weg in den Sandgang vorzubereiten. Wau hatte die unentschiedene Frage wegen des nächsten Ersten kaum berührt, indem er sagte, er würde darauf zurückkommen. Einstweilen glaube er, wenn das Fräulein nicht widerspreche, annehmen zu dürfen, daß er weiter auf ihre treue und gewissenhafte Fürsorge rechnen könne, heute hätte er aber, damit schob er das peinliche Thema beiseite, ein besonderes Anliegen, nämlich eine Bestellung im Sandgang. Es beträfe das Kind Frieda Wunderlich, mit der er wenige Worte zu sprechen habe, übrigens – das solle sie nicht vergessen, einfließen zu lassen – versichere er, daß alles in Gütlichkeit vor sich gehen würde. Wenn aber das Kind Bedenken hätte, so sei es ihm recht, wenn ihre Mutter oder ihr Vormund und Onkel Vorholz sie begleite. Ich verlasse mich auf Ihre Umsicht, Fräulein Viereck, fügte Wau hinzu, indem er ihre Hand drückte. Sie erkennen gewiß auf den ersten Blick, wie Sie es anzubringen haben, was Sie zufügen oder weglassen müssen, um das Kind nicht zu erschrecken. Sie wissen ja, was die Spatzen von den Dächern pfeifen, und ich muß anerkennen, daß es wohl höchste Zeit geworden ist für das wenige, was von mir zu ordnen ist.

223 Fräulein Viereck besann sich zwar einige Augenblicke des Schwankens auf Vokabeln, die eine hoch achtbare und nimmer vom Wege der Ehrbarkeit abgewichene, jeder Prüfung ihrer Ehrenfestigkeit gewachsene Angehörige der idealsten Sphäre je und je in gestauten Reservoirs ihres Gemüts zu Fall und Erguß bereit hält, aber Wau schob sie sanft zur Tür und bat, da es sich um eine Sache von besonderer Wichtigkeit handle, den Gang nicht länger aufzuschieben. Trotz der Milde seines Tons spürte Fräulein Viereck Strenge, ja eine Drohung in seinen Gebärden, die sie erschreckten. So war ihr Herr Wau niemals begegnet, nein, er meinte es bitter ernst, also hüllte sie sich mit ihrem Mantel zugleich in die Würde eines verantwortlichen Tuns und verbannte sich in die äußerste und eisigste Bitterkeit einer Pflichtleistung wider ihre eigne Natur.

Der durch Fräulein Viereck nun verkündete Einzug der zwei Erwarteten verzögerte sich, ja Wau begann schon, seine ganze Berechnung bei sich selbst zu bemängeln, und griff, um sich abzulenken, aufs Geratewohl ins Bücherregal, faßte einen Band, schlug auf und las: Bach vollendete die Partitur der H-Moll-Messe im Anfang des Sommers 1733, las weiter und verlor sich in den weiten Räumen der Welt, die ihm nur flüchtig bekannt und garnicht vertraut war, deren gelegentliches Betreten ihm aber immer als Zulassung zur Huldigung vor höchster Majestät erschienen war, als oberstes Abenteuer und Hocherlebnis seiner Seele, sofern ihm die Gnade der Empfängnis zuteil wurde, wovon ihn schon beim Lesen die Möglichkeiten durchdrangen. Die Gänge, Straßen und Plätze der hochgebauten Stadt, durch die er so hinwallte, waren geheimnisvoll benannt mit Formeln aus der musikalischen Geheimsprache, die er bei sich die heilige nannte, die Sprache der überweltlichen Allgemeinheit und Gültigkeit in den Bereichen des Jenseits von allem gemeinen Verstehen und der Umschränktheit von nichts und aber nichts als den Gesetzen der ewigkeitswürdigen Freiheit, neben der es nichts gleich Hohes und nichts ebenbürtig zu Dienst und 224 Verehrung Verpflichtendes gab. Die Vorsehung und der ewige Ratschluß selbst, empfand er stürmisch oft und oft mit knieender Seele, hatten die Zeichen dieser Sprache geschaffen, und der Zauber, der sie umwitterte, hatte sie zu halbem Verstehen und seliger Ahnung sterblichen Ohren zum Erraten letzter Wahrheiten preisgegeben.

Die zaghaft gedrückte Klingel an der Etagentür ließ ein Stimmlein leise anschlagen. Wau stellte das Buch zurück an seinen Platz.

Onkel Vorholz ging durch die Länge des Flurs auf die von Wau geöffnete Tür zu, hinter ihm das Kind in ein Tuch geschlagen, das die grausame Verunstaltung des schmächtigen Körperchens mit Erbarmen verdeckte. Onkel Vorholz grüßte gut vernehmlich und räusperte sich gründlich. Es ließ sich so an, als habe er Weiteres nicht viel anzubringen. Das Kind rückte sachte den angebotenen Stuhl hinter den ihres Begleiters, saß nach ihrer Art hoch gerichtet und steif da, und da zunächst beide schwiegen, so oblag es Wau, eine Atmosphäre der Gelassenheit herzustellen, was er mit einigen Worten, zunächst des Dankes für freundwilliges Erscheinen, dann des Vertrauens, daß alles zwischen ihnen gut verlaufen würde, tat. Als er schwieg und bängliches Schweigen durch Raunen sich berufen glaubte, mit aufregendem Einflüstern an der Reihe zu sein, räusperte sich Onkel Vorholz wiederum. Es blieb aber nicht dabei, sondern er begann ein sonderbares Spiel mit den Händen, die wie eigenlebige Wesen eine Durchsuchung seiner Taschen anfingen, als spürten sie dort irgendetwas Wichtiges aber gut Verstecktes oder doch an unbestimmter Stelle Verborgenes, was gefunden werden konnte und mußte und schließlich gefunden wurde, ein schmales Päckchen in nicht gerade sauberem Umschlag, das er, als sei alles nun in Ordnung, seitwärts auf den nebenstehenden Tisch legte. Mehr vermögen wir heute nicht, Herr Wau, sagte er, nachdem er sich endlich zu männlicher Gradheit in Stimme und Gebärde durchgerungen. Und als Wau ratlos auf das ihm zugestellte Stück unscheinbarer, aber offenbarer Wichtigkeit blickte, fügte er hinzu: Es ist 225 Herrn Wau viel Unrecht geschehen, aber wir wußten es nicht besser. Heute vermögen wir nicht mehr, aber es wird alles auf Heller und Pfennig zurückerstattet. Wenn es Ihnen recht ist, Herr Wau, vergleichen wir unsern – er wollte nicht gerade sagen: »erpreßten« und zog vor, das böse Wort durch Räuspern zu ersetzen – also unsern erhaltenen – und da er durchaus nicht das rechte Wort finden konnte, sagte er entschlossen: Geschenke – mit Ihren Aufzeichnungen zu vergleichen – wenn Sie so gut sein wollen, Herr Wau. Wir wissen dann beiderseits, woran wir sind –, was diesen einen Punkt anbetrifft, schloß er und sah sich einen Augenblick nach der Frieda um, als wolle er fragen: War es so richtig, oder was sagst du nun über einen andern Punkt? – nahm sodann eine würdevolle Haltung ein, indem er sich doch nicht geradezu an die Rückwand des Sessels lehnte. Wau fühlte, daß er in diesem Augenblick Onkel Vorholzens Hinlenken auf Frieda und ihr Tun oder Unterlassen nicht folgen dürfte. Ein Blick auf sie wäre eine Aufforderung zum Sprechen gewesen, und sie so zu stellen, war nicht seine Absicht gewesen. Er ließ darum einstweilen Onkel Vorholzens Rückzug in Würde und Schweigen nicht gelten. Ich habe Sie zu mir ins Haus gebeten, sagte er, mit einer Kopfbewegung in Richtung des auf dem Tisch deponierten Geldes, nicht um Forderungen zu stellen oder gar in der Erwartung einer baren Rückgabe von – nun – Sie nennen es Geschenke – also von Geschenken. Ich will nichts davon zurückhaben und muß Sie bitten, das Geld wieder an sich zu nehmen. Als Onkel Vorholz keine Anstalt machte, der Aufforderung nachzukommen, im Gegenteil, als sei alles aufs beste geregelt, fortfuhr, schweigend den Thron seiner Selbstgerechtigkeit zu behaupten, fuhr Wau ein wenig härter fort: Unrecht, sagten Sie selbst, Herr Vorholz, nun gewiß, Unrecht habe ich hinnehmen müssen und gewiß nicht wenig – lassen wir es dabei, ich will nicht davon sprechen, ja, ich habe es schon vergessen. Aber vielleicht habe ich auch etwas gutzumachen, und das ist es, warum ich Sie hergebeten habe. 226 Es handelt sich also gar nicht um mich, sondern um – er zögerte, sagte es aber dann doch –: um das Kind, indem er wieder den Gegenstand seiner Meinung mit einer Neigung des Kopfes bezeichnete, diesmal aber zu Frieda, die ein Zittern von den Füßen bis zu den Schultern nicht verbergen oder unterdrücken konnte. Wau ließ noch leise einige Worte folgen: Wir, nämlich sie und ich, kennen die volle Wahrheit und brauchen nicht davon zu reden, aber auch ihr ist ein großes Unrecht geschehen, und darum sitzen wir jetzt hier zusammen.

Als alles still blieb, sagte er noch ein wenig leiser: Meine tote Frau war derselben Meinung wie ich und hat es selbst wohl nicht angeordnet, aber doch gewünscht. Sie dachte Gutes von – dem Kind, und sie wird gewiß recht gedacht haben.

Onkel Vorholz war nicht nur ein Biedermann in Vereins-, Familien- und sonstigen Bürgerfragen, sondern gewiß auch als Innungsmeister und Ausüber seines mäßigen, eigentlich recht kleinen Berufsgetriebes. Er hatte es nicht leicht gehabt und lernen müssen, vorteilige Umstände wahrzunehmen, ohne langes Erwägen ihrer Gültigkeit vor fremden Augen. Bei den Darlegungen Waus gewann seine Gedrücktheit erhobenen Atem, ihm wurde fast heimisch in dem Sessel, der ihm anfänglich als Marterstuhl dienen zu wollen schien, er stützte sich zur Förderung einer günstigen Wendung des Gesprächs durch gemächliches Gebaren mit dem Arm auf die vom Tische abgewandte Lehne des Stuhles, machte mit dem frei gewordenen Arm eine ausholende Bewegung, als gelte es nur eine bequeme Einbettung seines leicht fülligen Leibes nach natürlichen, einem Handwerksmeister zustehenden Ansprüchen durch einen Gewichtsausgleich und geriet dabei in die Nähe des Geldpäckchens, das nun einmal dort lag und auf eine fassende Hand zu warten schien, indem er leicht die Handschaufel unterschob und es in seinem zugehörigen Ort wieder heimisch machte. Dabei stöhnte er behaglich wichtig, als wolle er andeuten, wie sauer doch das Leben wäre, seines und das aller Welt, aber seines besonders, und zeigte in 227 Mienen und Haltung ein gutes Einverständnis mit solchem Beginn der Unterhaltung, die gewiß danach einen freundlichen Weitergang nehmen würde, in welcher Erwartung er ja nun von Wau herzlich ermuntert und bestärkt war.

Woran es Wau und besonders sein Freund Herr Wahl hatte fehlen lassen, sagte er mit Worten, die in der Masse seines Umfangs wie in einem Krater von Vorwürfen drohend zwar, aber immer noch verhalten brodelten – woran die Herren es hätten fehlen lassen, davon wäre immer noch Zeit zu sprechen, aber daß es zu dem großen Unglück gekommen sei . . . dabei brach er ab und rückte den Stuhl einige Zoll seitwärts, indem er so den Blick auf die Frieda freigab, die sich immer mehr in seinem Schatten Verborgen hatte – man möge sehen und urteilen, und dann wäre die richtige Zeit, um über das Gute zu sprechen, das Herr Wau zu tun gedenke. Frieda saß nun im vollen Licht und sah sich und das ganze Elend ihres Zustandes den Blicken preisgegeben. Onkel Vorholz wollte es so, und so mußte es denn auch wohl ausgehalten werden, obgleich eigentlich niemandes Blick ihr wehtun konnte. Onkel Vorholz kannte jedes Schattenfältchen, wie es sich seit Monaten angekündigt, gestaltet und nun als Stempel der sorgenden Furcht ihrem Gesicht für immer aufgeprägt schien. Wau ließ wohl einige Sekunden lang seine Augen über die leichten Kurven ihrer Gestalt vom Scheitel zu Schultern und, dem Zuge der über Schoß und Schenkeln zusammenstrahlenden Tuchfalten folgend, bis zu den kaum erkennbaren Fußspitzen gleiten, aber der Pranger, an den sie in ihrer verzagten Seele sich gestellt glaubte, war doch nur eine Veranstaltung ihrer Einbildung, aber darum keine weniger grausame: hinter ihr das Geraune eines ganzen Stadtteils, vor ihr der Engpaß eines steinigen Weges und als Gegenwart die umhüllende Lohe eines Haufens brennender Scheite, die zu atmen ihre Brust ihr versagte, durch die das Leben in ihr versengt wurde, als müsse die verleiblichte Schuld an so viel Jammer und Not in der Glut verderben. Wau stand auf und machte den Versuch einer Linderung ihres bänglich 228 anmutenden Zustandes, griff nach einigen Gläsern, die er ohne ernsthafte Absicht ihrer Benutzung vorher zu Hand gestellt hatte, richtete auch an Onkel Vorholz einige Worte, als könne man ja nun nach einer kleinen Erfrischung bequemeren Tones weitersprechen. Dann, wie von dem gelinden Rütteln der gläsernen Wände gegeneinander gleich einer Schelle aufgeschreckt, stand Frieda plötzlich zwischen ihnen und veranlaßte dadurch und erst nun so recht, daß die beiden Männer sie, jeder von seiner Seite, mit unbedachter Schonungslosigkeit anschauten. Sie bewegte die Lippen, aber es kam kein Ton. Da Wau fürchtete, sie würde fallen, griff er nach ihren Händen. Dabei lösten sich ihre Finger vom Tuchsaum, und die ganze Hülle um ihre körperliche Entstellung glitt zu Boden, und in ihrer dürftigen Bekleidung wie nackt und bloß stand sie grausam bestrahlt vom hellscheinenden Deckenlicht da. Wau erkannte, daß die geplante gütliche Verhandlung zu spät angestellt und falsch gedacht sei, und fragte ratlos, indem er das Tuch vom Boden aufraffte und ihr um die Schultern legte: Was wollen Sie nur von mir, Kind . . ., worauf sie, die Lippen schließend und in seiner Hantierung, vor allem in seinen Augen ein ihrem bisherigen Vorstellungskreise überhaupt unzugänglich gewesenes Menschliches gewahrend, das sie im Augenblick dennoch befremdete, ja erschreckte, ein paar Schritte zurückwich und den Kopf schüttelte. Es bannte sie weiter Schritt für Schritt rückwärts, wobei sie fortfuhr, den Kopf zu schütteln, und mit erschreckten Augen die seinen festhielt. So, während Wau erstarrend ihrem Entrücktwerden folgte, war sie bis zur Tür gelangt und fühlte sich plötzlich gehemmt, und da sie des Raums und seiner Grenzen vergessen hatte, wie von harten Händen gefaßt, und weil sie nun nicht weitertreten konnte, zurück zu dem Tisch mit Gläsern und zu Wau wie zu einer Nähe des Unbegreiflichen aber nicht durfte oder konnte, so geschah das Erschreckende, daß sie beladen mit einer Last ernster Bedrängnisse zusammenbrach und zu Boden gestürzt wäre, wenn nicht Onkel Vorholz, längst kein erstaunter 229 oder ergriffener Zuschauer ihres Gebarens mehr, sie und ihre Bürde mit den arbeitsschwieligen Händen abgefangen und aufgerichtet hätte. Er legte den Arm um sie und nickte Wau einen grimmigen Abschiedsgruß zu. Ihr Werk, Herr Wau, daß Sie es endlich genau wissen, sagte er mit derselben Stimme, die auch Daß, den Betriebshelfer, eingeschüchtert hatte, Ihr Werk und Ihres hauptsächlich, oder wollen Sie ableugnen, daß Sie Ihre löbliche Brüderschaft von Wahls und allerlei Gezücht sonst haben tun und gewähren lassen . . . Ihr Werk, und da können Sie stolz drauf sein.

Wau blieb auf seinem Platze und lauschte dem langsamen Fortgang der Zwei, die durch den Dämmer des Flurs hinzogen wie durch den Torgang in ein düster und immer düsterer werdendes Reich schattenhafter, schiefer, niedriger und drückender Zustände einer verpfuschten Zukunft. Es klinkte, und die Glocke ächzte oder seufzte, und Wau tat es ihr nach, indem er sich aufraffte und die Gläser beiseiteschob.

Die Folterung der Frieda an diesem Abend war die marterreichste von allen dreien, verhängt über sie und verübt wider Willen von dem Manne, der im Einklang mit der toten Frau die Hand mitleidender Dienstwilligkeit geboten hatte, den sie wußte, bangend und mit Reuetränen zwar, ausgenutzt und verunehrt zu haben, vor dem zurückzuweichen sie nun die Unfreiheit des Kindes aus der Enge in verschämter Blödigkeit zwang.

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