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Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtunddreißigstes Kapitel

Die Krippe des Pferdestalles, in dem der Mann mit dem Totengräbergesicht tagsüber seine Geschäfte am Holz mit Meißel und Klöppel trieb, war von mancherlei unzeitgemäßem Machwerk beladen. Auch die Raufe, aus der die Pf erde ehemals Heu zum Hafer rupften, war verstellt mit Dingen, die darum, weil sie höher standen, nicht besser waren oder wurden. Am Fenster zum Hintergarten hatte sich der Mensch eine horizontal abgerichtete Zementplatte über die Pflastersteine des Stalles legen lassen, um seinen Böcken und Trittbrettern einen sicheren Stand zu schaffen. Dieser feste Standgrund der dort entstehenden Bildwerke konnte seinen sogenannten Werken aber auch keinen größeren Wert verschaffen als seine zwei Hände mit dem Dutzend auf einem Küchenschleifstein mehr schartig als scharf geratener und gehaltener Meißel aus ihrem eigenen Vermögen. Es bedeutete eine ordentliche Schmälerung des Raumes, daß der Mehlhändler mit einer Bretterwand einen Teil nach der Wohnung der Kinderhälterin abgeschalt und als Hühnerstall ausgebaut hatte, doch war dem zeitweise arg beflissenen Schnitzer dadurch Vorteil erwachsen, daß die klugen Hühner den Eintritt des 218 Feierabenddunkels besser beobachteten als er, der, den Anfällen seiner Arbeitswut zum Nachteil seiner Augen und seiner Arbeit allzusehr nachgebend, vom Hacken und Hauen oft erst abstand, wenn die Schärfe seiner Meißel sich von der Farbe des Holzes nicht mehr abhob, wozu einen zünftigen Vertreter seines Handwerks gewiß nur eine Art Besessenheit verführen konnte. Die gescheiten Hühner aber gingen zur Nachtruhe ein, sobald es zu dämmern begann, kratzten mit den Füßen auf den Sprossen der Leiter, und die geschickteren oder flinkeren von ihnen verhalfen sich mit zänkischem Flügelklappen und Gackern zu den wärmeren Plätzen auf den Oberstiegen ihres Quartiers und zum Schutze vor dem Betroffenwerden durch die natürliche Entleerung der Leiber ihrer Sippe. Die Räucherkammer über dem Pferdestall aber schwieg das tödliche Schweigen der Unbenutztheit, und der Ausüber seiner guten oder schlechten bildnerischen Fähigkeiten wußte nicht einmal, daß da über ihm ein Raum voll von solcher Atemlosigkeit und Stille war, daß eine Grabkammer kaum schweigendere Rücksicht auf sein Bedürfnis zu Ungestörtheit hätte üben können.

Der ausgehungerten Frau mit den Hyänenaugen war ihr jüngstes Ziehkind an Zahnkrämpfen abgegangen, und so traf es sich gut, daß der Große Geist ihr einen älteren, etwas verschossenen Herrn zuführte, dem es, wie er sagte, nur auf Wohngelegenheit für einige Tage oder auch Wochen ankam, übrigens ein bescheidener, mit allem schnell zufriedener Mann, der im voraus zahlte und alles gut hieß, wie es kam. Frau Wiese hatte wohl noch nie so gute Tage gehabt, trotzdem sie dem Mieter ihr eigenes Zimmer und ihr einziges Bett überlassen hatte und sich selbst in einen Winkel am Herde gebettet hatte. Dieser Herd befand sich hinter oder unter der Stiege, die zu der ungemächlichen Wohngelegenheit des Großen Geistes hinaufführte, und wenn Herr Wahl zu Hause war, so bequemte sich ihr bißchen Leiblichkeit einigermaßen so wie die Hühner gleich nebenan. Aber sie aß sich täglich satt von dem, was 219 Vater Wahl übrig ließ, der, wie er sagte, an gutes Essen gewöhnt sei und den Tisch stets gut und reichlich bestellt haben wollte, für welche Besorgung er der Frau Wiese immer den wohlbemessenen Betrag in bar in die Hand legte. Es ginge ihr so gut wie noch nie, dachte Frau Wiese und hütete sich wohl, ihren Versorger durch Überforderung bedenklich zu machen.

Dem Handel mit frischen sowie mit faulen Bücklingen hatte der Große Geist seit einiger Zeit entsagt, dem Gewinn seiner Lebensnotdurft ging er auf anderen Wegen, geraden wie ungeraden, nach. Auf dem Bahnhofe mit seiner unbezahlbaren Wärme im Winter hatte er im Winkel des Wartesaals Posto gefaßt, wo Gespräche mit Ortsfremden sich leicht ergaben, die sich auch wohl in die Länge und Breite dehnten und gelegentlich von Leuten mit mangelhaften Kenntnissen dieser oder jener Umstände der Stadt zu Erforschungen bei einem hier offenbar bestens Ratkundigen in geschäftlichen oder persönlichen Dingen benutzt wurden. Der Große Geist war beschlagen und konnte Dienste anbieten, Besorgungen erledigen, ja sogar diskrete Auskünfte erteilen und Händel nicht nur einfacher Art anbahnen. Kurz, er hatte eine Winkeladvokatur niedersten Grades der früheren besseren folgen lassen. Den alten Wahl hatte er einreisen sehen, trotz der Veränderungen in seinem Gebaren erkannt und sich des arglosen Unschlüssigen angenommen. Frau Wiese tat an ihnen beiden das Beste, und an manchem Bissen konnte der Große Geist kauen, ohne zu wissen, daß er nur ein Abschlag auf Schulden war, die Frau Wieses Hunger bei den schwesterlichen Schüsseln auf seiner Treppe gemacht hatte.

Wenn an diesen dunkeln Herbsttagen die Hühner schon bald nach fünf Uhr nachmittags die Plätze auf den kotigen Sprossen ihrer Nachtruhe für die einen mehr, für die andern weniger zufriedenstellend verteilt hatten und der Bildhauer durch die dabei vorfallenden Geräusche an die Zeit und das Recht seiner Meißel auf Erholung gemahnt war, kauerte sich auch Frau Wiese in den Winkel am Herde auf der andern Seite des 220 Hühnerstalles zum Ausdauern der langen, langen Dunkelheit bis zum Morgen zusammen, ein Schatten hinter der Treppe ohne Schlaf und Schläfrigkeit. Wenn dann der Herr Einmieter die unverschlossene Tür leise aufklinkte, so war es gleichfalls nicht viel mehr als ein Schatten, den die Stufen der Treppe in zwei oder drei Teile zerschnitten, bevor die Tür wieder angezogen und der Zudrang der Herbstluft und dies bißchen angeschwemmte Straßenhelle hinter dem Hof abgesperrt war. Daß am zweiten oder dritten Tage seines Daseins der Schatten des Herrn Einwohners sich verdoppelte, kränkte Frau Wieses Ruhe nicht, und da sie ohnedies nicht schlief, so ließ sie sich einige Wahrnehmungen als Folgen der Verdoppelung des Schattens nicht ungern gefallen. Als sie aber hörte, daß hinter der Tür dort im Dunkeln nur geweint wurde, dachte sie an ihre eigenen, für immer ausgetrockneten Augen, und der Hohn der bei lebenslänglichem Elend verdorrten Hungerleiderin wärmte einen Augenblick das kalte bißchen Lebensblut hinter ihrer dünnen Rippenwand, und sie lachte dabei leise wie eine ehrliche Hexe, die sich auskannte: Sie muß noch viel lernen, das dumme Ding.

Es geschah bald darauf, daß der Große Geist sich zur Teilnahme am Mittagessen bitten ließ, denn immerhin hatte er an dem Nachweis dieses Quartiers einige Verdienste, wenn er auch nicht gerade Mühe oder Kosten geltend zu machen hatte. Er war so frei, seinen guten Bekannten Daß mitzubringen, wie es so kommen kann und sich gerade so trifft. Daß räkelte sich im Sofa, streckte seine Beine bis in die Mitte der Stube und schüchterte den alten an leise Umgangsformen gewöhnten Herrn bis zur Sprachlosigkeit ein. Es kommt nicht darauf an, ob er die Ausgüsse der Übellaune über Wau und weiter die Verunehrung der Frieda als Vortäuscherin eines betrügerischen Spieles glaubte oder nicht, als aber Daß grobkörnig von anständigen Leuten sprach, die halten, was sie versprechen, und die leer gefressenen Teller beiseite schob und Platz machte für Barzahlung nach Maßen, die Herr Wahl Sohn selbsteigen 221 angegeben hätte, da griff Wahl Vater in die Brusttasche, nicht triumphierend wie sein Sohn vormals nach dem vor Steifheit knackenden Musterbogen, zog heraus und machte alles gut und glatt. Daß erkannte willig an, daß sich der Vater nicht lumpen lasse, strich ein und warf mit Dreckfingern dem Großen Geist seinen Teil zum Schnappen nicht gerade zwischen die Zähne, aber doch wie einem Spießgesellen in den Bereich seiner Krallen. Er traute auch so wenig dem Glück in diesem Winkel, daß er schon aufgestanden war, als er den Großen Geist noch regungslos sitzen und auf den zugeteilten Abhub der Beute, ein winziges Häufchen schäbiger Scheine, stieren sah.

Was denn, oller Geist, eingesteckt – oder was willst du noch, he! Sags gleich, oder du guckst in den Mond, kann ich dir versichern. Geist, so niedrig er saß, sah Daß dennoch aus gleicher Höhe ins Gesicht, kaute auch schon sein bedenkliches Kauen auf eingebildeten Bissen, schob, ohne den Blick hinzuwenden, das Häuflein Scheine mit seinen langen Armen über den Tisch, bis sie über den Rand und zu Boden flatterten, und entließ aus seinen Kiefern das Wort: Mordbrenner, auf den Schindanger mit dir, und hol dir da mit den Hunden deinen Fraß. Man wußte nicht, geschah es aus Enttäuschung über die Kleinheit seines Beuteanteils oder aus Beschämtheit durch die Gegenwart des geplünderten Opfers. Daß trat mit den Hacken auf die am Boden liegenden Scheine, machte noch eine Gebärde des Wegwerfens mit der Hand, als wolle er sagen: Auch egal, mach was du willst, und ging.

Wahl senior aber fühlte zwar seine Geldtasche am alten Ort, aber weder Frau Wiese noch dem Großen Geist war ihre völlige Ausgeschöpftheit bewußt geworden. Beiden war durchaus behaglich in der Nähe eines bescheidenen, ja fast unterwürfigen Gebieters über so hoch achtbare Zahlungsfähigkeiten, zwei Hungerleidern, die durchaus den Tag vor dem Abend lobten. Frau Wieses Kehrichtschaufel hatte noch nie anderes als der Mistgrube Verfallenes vom Boden aufgenommen. An 222 Mistgrube konnte aber heute nicht gedacht werden. Sie strich die zerknüllten Papiere glatt und blickte nach vollbrachter Rettung des Schatzes abwechselnd auf den Großen Geist und Vater Wahl, als zweifle sie, wem er zu Recht angehöre. Da beide mit den Köpfen schüttelten, der eine kümmerlich lächelnd, der andere mit bissiger Verdrossenheit, und beide ihr ermutigend zunickten, so eilte ihr Verständnis freudig herzu und trieb sie, ihr Glück unter den über die Brust gefalteten Händen bergend, hinaus, dahin, wo Leute wie sie hinter der Tür ihr bißchen Hab und Gut verbergen.

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