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Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
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210 Siebenunddreißigstes Kapitel

Wau befliß sich nicht gerade eines Studiums der Phasen im Wandel Fräulein-Viereckscher Erscheinungsformen durch Jahre und Tage seiner Häuslichkeit. Ihre tadellose Emsigkeit und ihr guter Wille hinderten die Lüftung des Schleiers, den lange Gewöhnung vor Fräulein Vierecks leiblichen Aufzug gewoben – er sah sie nicht und begehrte auch nimmer zu schauen, worauf er durch keinerlei Anlaß neugierig gemacht war. Zwar wenn er etwa an einem Wintertage heimkehrend durch die halboffene Küchentür Fräulein Vierecks Verrichtungen am Herde flüchtig wahrnahm, wo sie dann, in russischen Filzstulpenstiefeln halb versunken die Zigarette in gespreizten Fingern und am lang gestielten Kochlöffel turnend, Probe schmeckte, über den Topf gebogen und eines Tröpfleins an der Nase unbewußt, so ließ es ihn eine Dauer von Sekunden wundernehmen, warum sie nicht statt der Zigarette ein Taschentuch in der Linken führe – aber solche Sekunden wie andere von ähnlicher Art tröpfelten ihr Unbehagen ins Weite eines meerestiefen Gleichmuts. Indessen selbst auf der Oberfläche solchen starken Gleichmuts mußten Wandlungen in Fräulein Vierecks Gebaren leichte Kräuselungen bewirken, die seit Monaten den Ton der sonstigen Üblichkeiten im Tagesablauf umgefärbt hatten. Eine melancholische Verschnupftheit war ihr angeflogen, die sie so gut verbarg, wie man eben etwas verbirgt, was man durch gespornten Eifer der Verstellung eher verrät. Waus Bedacht wandte sich nur zu gern von der Beobachtung dieser Unerklärlichkeiten ab, bis Fräulein Viereck eines Abends an seine Tür pochte und zu einer Mitteilung ausholte, .die auf die Feststellung hinauslief, daß man sich in der Nachbarschaft Gedanken zu machen beginne, ob wohl und wann er und Fräulein Viereck sich ehelich miteinander verbinden würden, was ja, alles in allem, versteht sich: nachbarlicherseits nach dem Tode der Frau Henny als natürlich und gerecht gelte. Da Herrn Wau, fuhr Fräulein Viereck züchtig ehrenbeflissen 211 fort, dergleichen Absichten doch wohl fern lägen, so gebiete ihr die stets hoch gehaltene Ehrenhaftigkeit ihrerseits, dergleichen Geraune nicht weiter Nahrung zu geben, und wenn das denn auch Herrn Waus Meinung wäre, so müsse er wohl anerkennen, daß ein Abschied im Guten das Unvermeidliche sei und er sie am nächsten Ersten in Frieden ihres Weges ziehen lassen möge, zu welchen Eröffnungen Fräulein Vierecks Nase reichliche Feuchtigkeiten spendete und nach welchen sie sich, ihrer Gefühle nicht länger Herr, mit Heftigkeit zum Abgang wandte.

Wau, der Ahnungslose, sah sie erstaunt schon hinter der Tür, als er, nicht eben dringlich, aber doch, um vor Übereilung zu warnen, mit leichter Erhebung des Tones die Eilende zurückzukommen bat, was sie, das ihr angetane Unrecht des nachbarlichen Geraunes wie eine unsichtbare Dornenkrone tragend, ihre Altjüngferlichkeit unter Tränen verschämt einer Würdigung und geneigten Ehrenerstattung darbietend, tat. Wau bat sie, sich zu setzen, sprach ihr schonend zu und ließ eine Reverenz vor den Beschlüssen oder Vorstellungen der Nachbarschaft als unwichtig beiseite. Was die Leute dächten, sagte er, sei immer ohne Belang, und über diesen Punkt möchte er sie zunächst beruhigt sehen, was aber Fräulein Viereck keineswegs als tröstlichen Zuspruch gelten ließ. Herr Wau wüßte wohl nicht, was ein zartes Gemüt wie das ihre in ihrer Lage erdulde, oh, Herr Wau dächte bestimmt wie alle Männer nur an sich, und wenn es ihm gleichgültig sei, was man von ihm rede – dies schnaufte sie in leichtem Anflug eines Stockschnupfens andeutsam genug hervor –, so sei ihr Ruf der einzige Besitz ihrer alten Jahre und dürfe auf keine Weise bemakelt werden. Dieses und gleich Bitteres wogte stürmisch aus dem Blasebalg ihres Busens hervor. Wau ließ es hingehen, daß die Bausteine eines Schuldturms für ihn unmerklich, und nach einem ihm verborgenen Kanon der Bauleitung herbeigetragen wurden. Endlich, als er offenbar gefangen saß und mehr Unrecht an Fräulein Viereck getan, als er im Leben gutmachen 212 konnte, sagte er, sich in dem bisherigen gütigen Tone mit leichter Übertreibung genugtuend: Nun gut, Sie haben ganz recht, Fräulein Viereck, wenn Sie es dann für angemessen halten, so habe ich selbstverständlich keine Einwendungen zu machen, und falls es durchaus, wie Sie meinen, der nächste Erste sein muß . . .

Aber er brauchte nicht zu vollenden, Fräulein Viereck war längst hinaus, und Wau hörte ihre Tür hinten im Flur nicht nur unsanft ins Schloß fallen, sondern bekam auch noch den unlieblichen Rasselton eines Schlüssels zu hören, mit dem Fräulein Viereck die Tür verschloß – wovor, dachte Wau, einen schlechten Geschmack auf der Zunge spürend, – will sie etwa herumerzählen, daß sie sich vor mir habe einschließen müssen? In das Meer seines Gleichmuts fiel die kühle Schwere aufziehender Wetterwolken, er fühlte sich von seinen vier Wänden eingeengt, und da es eben nur eine späte Abendstunde, aber eine frühe Nachtstunde war, so folgte er der häßlichen Wunschregung, es dem Fräulein einzutränken, und nahm den Weg ins Freie, ins Freie einer melancholischen Verlorenheit zwischen engen Straßen und kümmerlichen Häuserreihen, und war sich doch bewußt, des Fräuleins exaltierten Abgang unüberlegt genug durch seinen eigenen überbieten zu wollen, bei ernstem Willen spät, sehr spät heimzukehren, schon wegen eines solchen kindischen Auftrotzens beschämt. Er hätte hier und da in Häusern bei Bekannten einkehren können, ein Mann, der als Flüchtling vor häuslicher Öde freudig bewillkommnet wäre, trotz Späte der Stunde und Unangebahntheit seines Kommens, aber er mußte danach die Erwartung wieder täuschen, daß solcher Anfang eine Fortsetzung bedinge und in eine gemüt- und seelenerfrischende Gewohnheit einleite. Dann doch noch lieber, kalkulierte er, die mit Unbehaglichkeit verhexte eigene Häuslichkeit. Bei dem Anklingen des von Wahl kürzlich für Frieda vernutzten Wortes Hexe kam Wau auf andere Gedanken. Er strich unkenntlich als nachtwandelnder Schatten durch den Sandgang und sah das Häuschen Wunderlich in der Ruhe seiner nächtlichen 213 Unseligkeit erdrückt von massigen Hochhäusern mit mindestens zwei Stockwerken liegen und überholte einen langsamen Wandler, der vor ihm in den Sandgang eingebogen sein mußte, – oder einen Schatten, der sich von dem Schatten eines der Häuser gelöst hatte und, von einer Laterne mit spärlichem Schimmer empfangen und durchs matte Dunkel zur anderen geschoben, mehr trottete als schritt. Wau überholte ihn nicht, sondern verzögerte seinen Schritt, ohne an dem Endlichen des Überholens sonderlich viel zu ändern. Vielleicht war der Mensch, redete sich Wau ein, von dem Schatten des Hauses Wunderlich hervorgekrochen oder von ihm ausgekehrt wie ein unnützes Häuflein von einem anderen, dessen Überfluß an Unnützem jedermann kannte.

Wau ging vorbei und schneller voraus – er hatte mit einem halben Seitenblick genug gesehen – und kehrte nach einem Dutzend unentschlossener Schritte um und sah in Wahlvaters mürbes Gesicht, das Gesicht eines vernachlässigten Alten mit Augen, die sich nicht getrauten, die Welt, wie sie war, anzusehen, und wie in Angst überall herumirrten, als wäre doch alles unsicher und erwiese sich plötzlich als unwirklich. Die leise Höflichkeit seines früheren Auftretens, die würdige Verhaltenheit in Gebärde und Sprachweise war in Unbeherrschtheit umgeschlagen, aber, versteht sich, in Übertreibung alles dieses zu Unsicherheit und Argwohn. Er begrüßte Wau wie ein verlegenes Kind einen imposanten Fremden, dem es zum Patschhandgeben unter die Augen gebracht wird. Er wußte weder genau noch ungenau, wie es mit ihrer Bekanntschaft stand, und Wau hätte sich nicht gewundert, wenn er, gefragt hätte: Irre ich vielleicht – oder sind Sie doch Herr Wau? Offenbar aber hatte er Waus Namen vergessen und war doch gewandt genug, sich durch eine Nachfrage keine Blöße zu geben. Ja, gewiß, er sei mal wieder hier, und sein Sohn erwarte ihn, sobald es ihm seine Geschäfte erlaubten – einstweilen –, ja, er kenne sich hier ja gut aus, aber so bei Abend könne man leicht fehlgehen, es sei auch schon ziemlich spät, er wolle doch lieber 214 umkehren, zog auch schon seinen Zwirnshandschuh ab und machte Abschiedsgebärden. Aber Wau, dem es bänglich wurde, übersah es und faßte den Alten unter den Arm, indem er erklärte, er dürfe heute die Einladung nicht ausschlagen, und bat ihn, so lang und kurz es ihm beliebe sein Gast zu sein, dachte auch zu einem kurzen Aufblinken eines Lichtfünkleins Humor: Das wird dem Fräulein gut tun, gerade heute abend – es wird sich herausstellen, was es wert ist, – und führte den von der Straße aufgelesenen Schatten »aus achtbarer Vergangenheit« heim. Da versank er nun im selben Sessel, den sein großer, vornehmer Sohn stattlich zu füllen pflegte, hielt den Kopf aufmerksam gespannt hoch und befliß sich des Dienstes am Verbergen aller Mängel seines Aufzuges, soweit sie verborgen werden konnten, ließ die Ärmel durch Einziehen der Schultern über die Hemdsäume von geringer Sauberkeit gleiten, beugte die Knie und verwies die Füße in das Schattenversteck des breiten Gestühls und war sich überhaupt bei aller äußeren Schlechtgefaßtheit, bei aller Verschollenheit seiner früheren bescheidenen Selbstbehauptung als gutes Beispiel aus vergangener, aber besserer Zeit aller Umstände seiner Lage klar bewußt. Er hatte beim Eintreten in die Tür das simple Namensschild Waus angesehen, just wie jemand, der nur so irgendwohin schaut, während er andershin denkt, hatte vor Fräulein Viereck und ihrem mit Papierwickeln zum Zubettgehen besteckten Kopf mit dem zuvorkommendsten nachbarstädtischen Anstand gegrüßt, als sie in der Meinung, es sei etwas Erschütterndes vorgefallen, den Raum zwischen Tür und Wand ihres Zimmers anscheinend mit ihrem Kopf spaltete, hatte eine Erkundigung Waus nach etwaiger Aufgelegtheit zu einer Erquickung durch Speise oder Trank mit einem Seitenblick nach der wieder geschlossenen Tür abgelehnt und sich den angebotenen Sitz gefallen lassen. Er wußte offenbar ausreichend, was er wollte, und welchen Weiterungen er mit guter Art ausweichen mußte, zwar anzusehen wie ein kranker Vogel in einem Gefieder, das in der Lauge eines langen 215 Gebrauchs abgeschabt, verfältet und verfärbt war, aber wohl gewillt, zu verbergen was seine Zurückgebrachtheit an Leib und Seele offenbaren konnte.

Wau glaubte, durch die Wände zu spüren, daß Fräulein Viereck nach nichts herzlicher verlangte als einer Beanspruchung zu so später Stunde, die ihr Gelegenheit zur Beweisung unendlicher Opferwilligkeit geben mußte. Nun gut, dachte er, sie hat sich vergaloppiert, ich will ihr ein Brücklein bauen, daß sie trockenen Fußes über den Graben zurückgelangt, stand auf und bat sich im gedämpften Tone der Rücksicht durch ihre Tür hindurch, »womöglich«, obgleich es fast zu spät sei, einen Imbiß und Tee für den alten Herrn Wahl – und richtig, sie trat schon wieder präsentabel und zu forscher Tat gerüstet sogleich heraus, nur noch um der Würde ihrer Gekränktheit willen etwas kurzatmig, versprach das Beste, wenn Herr Wau nur ein wenig Geduld haben wolle. Dem alten Herrn aber erklärte Wau, er selbst bedürfe um diese Abendstunde einer Erfrischung, und sein Gast solle ihm doch nicht versagen, teilzunehmen. Ein Tischleindeckdich ward zwischen sie gerückt, und siehe, es war alles Gute in hand- und mundgerechten Bissen zauberhaft schnell aufs kirschblütenweiße Tüchlein niedergeschwebt – ja, wenn Herr Wau nun nicht erkannte, welch ein Narr er war und womöglich weiter sein würde und ihm des heutigen Abends wichtige Vorgänge nicht die Augen über Fräulein Vierecks wahre Bestimmung und Eignung öffneten, so lag es gewiß nicht an ihr, wenn ihm solcher Werte Erkenntnis mißlang . . .

Vater Wahl aß und trank ein bißchen, anscheinend aus Geselligkeit und Gefälligkeit, machte aber keine Miene, den heiklen Hexenstand, der ihnen beiden im Sinne lag, mit einem Wort zu ehren. So flüchtig Wau das Wahlsche Protokoll auf dem halben Musterbogen gelesen hatte, so war ihm doch das Präludium des Gemächtes in recht deutlicher Erinnerung geblieben, der Verzicht der Frieda auf irgendwelche Ansprüche an den alten Wahl, und Wau hatte Grund und Wahrheit der fraglichen Dinge durch das Gestrüpp der grausamen 216 Unmittelbarkeit der Zeilen hervorleuchten sehen. Was mochte den Alten hergeführt haben, was für Sorgen konnte sich ein der Fürsorge selbst Bedürftiger freiwillig oder aus welcher Angeregtheit machen? Was würde Wahl Sohn sagen, der offenbar vom Hiersein des Vaters nichts wußte, denn niemals hätte er den Alten wie eine vom Nachtwind verwehte Vogelscheuche, diesen körperlich gewordenen Seufzer der Hilflosigkeit, seinem beliebigen Schweifen durch die besseren oder schlechteren örtlichen Gehege überlassen. Er fragte nicht, und Wahl senior sprach nicht – denn offenbar hatte er genug mit der Bewältigung des einfachsten Austausches von Unterhaltungsklein zu tun und schien fleißig auf der Hut, Worte zu umgehen, die nach Lage ihrer Vokale oder Häufung ihrer Konsonanten seiner Zunge Molest machten, auch verlor er sich des öfteren in unnützen Umschreibungen, wodurch er vermied, sich die Blöße des Suchens und Nichtfindens eines fehlenden Ausdrucks zu geben. Sie mochten so eine gute Stunde auf Um- und Nebenwegen der Unterhaltung hin und her getreten sein, als der Alte sichtlich versagte und begann, seine unsteten Blicke nach Gelegenheit zu einem schicklichen Abgang umgehen zu lassen. Wollen Sie heute bei mir nächtigen? fragte Wau, Sie sind ganz ungestört –, und war fortfahrend darauf aus, ihm die Entscheidung zum Gehen oder Bleiben zu erleichtern, indem er dachte: Er muß sofort zu Bette, als Vater Wahl schon aufstand und in wirklicher Angst vor wer weiß welchen Verwickelungen meinte, Abschied nehmen zu müssen. Ich wohne bei Leuten, sagte er beteuernd, und werde erwartet, und es ist schon sehr spät. Er dankte, erleichtert und froh, daß Wau nicht heftigere Versuche machte, ihn so oder so zu bestimmen, für die unverdiente Ehre, noch am Abend Herrn Waus Gast sein zu dürfen, bat, dem Fräulein sein Bedauern auszusprechen, daß sie . . . hier stockte er und ließ es bei einem: ja also . . . bewenden, als das gewünschte Wort sich seiner Zunge versagte, worauf seinerseits Wau den Sinn der Bestellung mit einem: Natürlich, aber Fräulein Viereck hat es 217 gewiß gern getan, bestätigte und dem bedauernswerten Alten das weitere Reden verwehrte, indem er selbst bis zur Tür und bis an die Straße das Wort führte. Er zweifelte, ob er ihn allein in der nachtdunklen Straße seinem Weiterfinden überlassen dürfe, aber Wahlvater behob ihn der Zweifel, indem er wie befreit von Zwang und Druck nach wenigen Abschiedsworten verwegen geradeaus ins richtige oder falsche Unsichere hineintauchte.

Das kann wohl nur schlecht ausgehen, dachte Wau zurückkehrend, ich muß Wahl benachrichtigen, gleich morgen früh – oder noch heute abend schreiben – was er denn auch tat. Der Brief kam noch zur Morgenbestellung in den Kasten.

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