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Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
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201 Sechsunddreißigstes Kapitel

Im Gegensatz zu Waus Wohnungseinrichtung, die im Verlaufe seiner ehefraulosen Jahre altväterisch geworden, war diejenige Wahls der Jetztzeit voll entsprechend modernst zugeschnitten, hochvornehm und geeignet, Leute, die sich leicht verblüffen lassen, beim Betreten des Flurs schon mit der Vorstellung zu bedrücken, daß hier alles zu nobel für sie sei. Wau hatte bei sich für einige Hauptstücke aus dem elterlichen Hause zwischen den leidlich wohlgeratenen der Hochzeitsausstattung Platz geschaffen, wo sie denn die Würde einer guten Zeit bescheiden bewiesen und der Behausung Waus teils die Stille ihrer zurückhaltenden Vornehmheit, teils den Duft von zwar vergangenen, aber frisch in Mahagoni und Nußbaumholz gebliebenen Vorjahren verliehen. Es roch da immer ein wenig nach getrockneten Sträußen aus Waus Jugendzeit, Und er behagte sich in der Gesellschaft von Erinnerungsstücken, die alle ein schickliches Jahr älter als er (das einzige Kind) waren. Einige Gelegenheitsanschaffungen, Notkäufe der Plötzlichkeit eines Bedürfnisses ohne viel Bedenken dazu gebracht, ein weniges von Liebhaberanwandlungen Waus als Raritäten oder wegen ihrer Stilwürdigkeit zugelassen, vollendeten den Charakter des Wauschen Haushalts als den einer sorglos geladenen Gesellschaft von Nützlichkeiten, die miteinander auszukommen haben, solange es dem Gastgeber gefällt.

Wahl aber war ausgestattet worden, und zwar von einer innenarchitektonischen Prominenz der Umgegend, die von Wahls Person selbst aus peinlich hochkünstlerischen Gründen Anpassung an seine Raumschöpfung beanspruchte. Gehen, stehen, halb liegend anwesend sein, richtig sitzend dem Gemächte der architektonischen Ungemächlichkeit den Triumph ihrer Richtigkeit zu verschaffen, war ihm so gut gelungen, daß er es nachgerade nicht anders wußte. Aber merkwürdigerweise hatte er sich das Ganze der Konstruktion nach dem Schema der sachlichen Strenge völlig untertan gemacht, und Wahl 202 stand, ging, lag und räkelte sich so selbstverständlich, daß Tischstuhl, Liegestuhl und Couch, Über- und Umform von Geschränk und sonstigem Bedarf wie nach seinem höchst persönlichen Bedürfnis sich in Erbötigkeit und Beflissenheit selbst geformt zu haben schienen. Daß die halbe Pracht noch unbezahlt war, nahm ihr offenbar nichts an aufgedunsenem Eigenlob, ein Lob, das sich der Herr Innenarchitekt in jeder seiner Erfindungen selbst zollte.

Nimm die Couch, sagte Wahl, etwas verwundert über Waus Besuch, der sich jahrelang nicht bei ihm ereignet hatte, und Wau setzte sich, statt sich auszustrecken, auf die äußerste Ecke dieses Möbels, Couch geheißen, den Stolz der Wahlschen Wohnung.

Er mußte sich eine Befangenheit gestehen, die ihn hier, erst als leichtes Fremdsein, dann als Unbehagen überkam. Der unsichtbar gegenwärtige Schöpfer des in Möbeln gestalteten Raumes schien als Verhandlungsleiter nur stilreine Anpassungsformen zulassen zu wollen, und offenbar erkannte er Wahl die vorzüglichere Vorbildung in dieser Abart von Weitläufigkeit zu, denn Wahl genügte einwandfrei den Forderungen des architektonisch-drakonischen Sittengesetzes. Wau aber verstieß gegen die elementarsten Voraussetzungen. Obendrein – was lag denn an handgreiflichen Dingen in der Luft, um hier, gerade hier, Ungemütlichkeit auszubreiten? Was sollte Wahl, was wollte er, streng genommen, von Wahl – nein, er hatte sich in Viktors Gesellschaft im Schlachthause wohler gefühlt. Er sah um sich, er sah nieder auf den Boden mit der Velourbespannung, auf die man trat, wenn man kam und wenn man ging wie der Dieb in der Nacht, verstohlen und unhörbar, denn vor allem beanspruchte der Herr Innenarchitekt die Unterlassung aller Störung seiner Schöpfungen und wenigstens das akustische Verschwinden der Bewohner aus dem Heiligtum, wo Möbel und Gebrauchswerk ein würdevolles Miteinander wie im Bewußtsein eines absoluten Höchstwertes an sich entfalteten.

Kannst du das aushalten, Wahl, fragte Wau, nicht 203 mal deine eigenen Schritte zu hören – es muß dir doch vorkommen, als hättest du hier nichts zu suchen –, machst du wenigstens beim Eintreten deine Verbeugung vor der Couch? Wahl führte tänzelnden Schrittes Geräuschlosigkeit vor, als wolle er sagen: So geht's hier zu, in hochvornehmer Gemächlichkeit, und flözte sich sodann in einen Kunstbau von Stuhl, anzusehen halb als Folterbank, halb als Symbol der ewigen Ruhe selbst, tat es, daß die Fugen krachten, als wollte er fragen: Was nun, wenn's beliebt? Und so waren die Pforten der Unterhaltung erwartungsvoll aufgetan.

Wau, um endlich etwas Weiteres zu sagen, gab nun eine kurze Schilderung von der Schlachtung des apokalyptischen Rosses. Knapp und wie beiläufig fügte er noch hinzu: Wenn's mal bei dir Matthäi am letzten ist, Wahl, so sei froh, wenn du einem Arzt von der Couleur Viktors in die Hände fällst – du hast doch Angst, wenn ich dich recht kenne? Fuhr aber ohne die Antwort abzuwarten fort: Hast du den Großen Geist einmal wiedergesehen, oder wie kommt es, daß es mich so anweht, als stände er da irgendwo bei uns herum? Vielleicht, weil du ihn früher den vom Roß gefallenen apokalyptischen Reiter genannt hast . . .

Wahl antwortete leichthin: Ich höre, es geht ihm leidlich, macht jetzt in Bücklingen. Wau lehnte sich zurück, die Couch nahm ihn auf, und der Innenarchitekt hätte sich zufrieden erklärt, aber Wau selbst war in diesem Augenblick der Gemütlichkeit abhold. Er sagte zwar nicht laut aber mit einem Wechsel des Tons, als würde nun aus Spaß Ernst: Und was sonst noch? Du weißt ja doch alles, warum machst du Umstände, Wahl? Und Wahl fragte prompt zurück: Machst du etwa keine Umstände, Wau? – Nun ja, ich habe welche gemacht, und es ist gut, daß du mir sie vorwirfst. Somit ohne Umstände: Was wollt ihr mit ihr machen – du, meine ich, du und deine Helfer? Ich werde sie, die Frieda, natürlich nicht heiraten, aber sie hat Ansprüche, denn wir – du und ich, Wahl – haben sie auf den Weg in den Morast gebracht, und es muß soweit wie möglich 204 ausgeglichen werden. Mach Vorschläge, die ich gutheißen kann. Und da Wahl, der einmal hin und einmal her gegangen war, sich nunmehr in fürstliche Haltung warf und spöttisch mit den Fußspitzen wippte, fügte er kaum lauter, eher verhaltener, aber kürzer atmend hinzu: Du und ich? Nein, du hast mich dazu gebracht! Und da Wahl, als handle es sich um Wahrnehmung einer welthistorischen Rarität von Unfaßlichkeit, in fast majestätischer Langsamkeit seinem Körper eine steife, das Kunstwerk von Stuhl schlecht kleidende, scharfes Aufmerken andeutende Haltung gab, setzte Wau, wieder etwas( leiser noch, hinzu: Du hast es eben mit mir zu tun und mit niemand sonst.

Wahl, ohne Schulbildung, wie er war, wußte wohl nicht, welches Wort Cäsar an Brutus richtete, als er ihn mit dem Dolch in der Hand unter seinen Meuchlern sah, aber cäsarisch war die Würde, mit der er gefaßt, aber sichtlich erschüttert sprach: Auch du, Wau? Er lehnte sich zurück, als sänke er ins Grab, der Schoß des Stuhlgemächtes empfing ihn wie die einzig gütig gebliebene aber komfortable Mutter Erde. Es war offenbar nichts weiter zu sagen, es war offenbar alles aus!

Wau seinerseits verzog sich weiter bis auf die Mitte der Couch, wählte eine bequeme Rückenlage, faltete die Hände unter dem Kopf und sah zur Decke hinauf. Keiner von ihnen räusperte sich, denn das wäre wahrscheinlich von dem anderen als Ansetzung zu einlenkenden Wendungen des harten Wortganges in sanftere Wege gedeutet worden, aber keinem von ihnen war wohl bei einer so mörderischen Stille, wie sie zwischen sie gekeilt war. Wer würde es am längsten aushalten, dachte Wau, denn am Ende konnte er so steif und stumm hier nicht die ganze Nacht liegenbleiben, ein Abschiedswort mußte zum wenigsten die Starre mildern, und, dachte er weiter: Darum kurz und schnell. Er schwang sich in aufrechte Haltung, und seine Füße stießen hörbar auf die Velourbespannung. Er stand auf und sah sich genötigt, nach Hut und Mantel 205 umzuschauen, als hätte er vergessen, wo er sie abgelegt, um dem Handreichen auszuweichen. Also deine Vorschläge, Wahl, wie ich schon sagte, ließ er hin und her blickend fallen, und Wahl, sitzenbleibend, aber höher gerückt, schüttelte den Kopf und wies auf die Couch: Bleib sitzen, wir sind noch nicht zu Ende und haben keine Eile.

Und Wau saß wieder wie vorher auf der Ecke der Couch, kalt und hart gesinnt, wie er glaubte, aber in Wirklichkeit nur traurig, wie er sich nach einem flüchtigen Umblick über die pompöse Aufmachung des Zimmers und auf den dieser Aufmachung wohl angepaßten und von einer Art Entselbstung fast ausgehöhlten und durch fade Festlichkeit des Scheins geknechteten Herrn des Velourfußbodens bewußt ward. Dekoration inmitten der andern Dekoration, dachte er und dachte weiter, doch hörbar wie im Selbstgespräch: Armer gepeitschter Wahl, geschunden von deinen wütenden Oberherren, deinen Großmannstrieben – immer außer Atem, immer verirrt in deinen Dschungel von wichtigen Unnützlichkeiten, lägest du doch einmal auf dem Purpur einer tiefen Ruhe mit Leib und Seele gebettet.

Purpur, sagtest du, fuhr Wahl dazwischen, – was hat Purpur mit Leib und Seele zu tun?

Und Wau erzählte von der majestätischen Ruheseligkeit des toten Rosses im Schlachthause auf der Purpurdecke, die sein entbluteter Leib unter sich gebreitet. Traurig, wie er geworden, ließ er den Unwillen Wahls ob der rührseligen Verquickung seiner Gehobenheit mit Schlachtereivorgängen zu beliebiger Stärke anschwellen, träufelte noch einen und anderen bitteren Tropfen bedächtiger Freundschaftssorgen in Wahls Ohr und dachte dann, da er eine Wendung des Gesprächs zu einem guten Ausgang nicht mehr erhoffte, wiederum an Aufbruch und Abschied. Und wiederum sagte Wahl ziemlich herrisch abwinkend: Bleib sitzen, wir sind noch nicht zu Ende. Er verschluckte sich an den eigenen Worten, aber er brachte sie doch heraus: Ich habe das mit deiner Heirat schon herumgebracht, um vorzubereiten aufs Drohende, das dann gar nicht mehr so schlimm 206 scheint, auch um in laufender Aussprache die Schockwirkung abzuschwächen – und Wau, wenn du so gut sein willst, was denkt sie sich denn nun, da sie, die Wunderlich, es irgendwo herum um eine Ecke todsicher gehört haben wird – was nun, Wau? – Und Wau antwortete prompt: Wenn es so ist und nicht etwa doch noch anders, Wahl, so will ich sie fragen und habe ohnedies mit ihr zu sprechen. Und noch etwas anderes: Hast du es wirklich geglaubt, Wahl, daß ich die Frieda Wunderlich, deren Kind nicht von mir ist, heiraten wolle?

Flink und behende zu schlüpfen, hatte das Lügenmäuslein aus Wahls Munde die Übung der tagtäglichen Gewohnheit. Wahl log so tüchtig, unbedenklich und schnellfertig, daß ihm das Aussprechen einer unwahren Feststellung bequemer war als einer zutreffenden, er log ganz uneigennützig und zwecklos, oft aus bloßer Gewohnheit. Und heute hätte er ja mit einem leicht daher huschenden: Ja, ich glaubte es, fast die Wahrheit gesprochen, denn der erste Schreck über Waus Mitteilung vor wenig Tagen war ein aufrichtiger Schreck gewesen. Er hatte gehört und als Waus wirkliche Absicht hingenommen, daß Frieda Wunderlich über kurz oder lang Waus Frau werden solle. Er durfte sogar die geheime Sorge bekennen, daß so etwas Wau schon zuzutrauen wäre. Warum also sagte er nicht sogleich: Ja, ich glaubte es, – und nicht nur, daß er zögerte, er vergaß offenbar, daß da eine Fragestellung geschehen, daß Wau eine Antwort erwartete, sprang hastig auf und durchmaß auf den Kurven eines eingebildeten Musters auf dem Boden seinen eigenen Affenkäfig, wie Wau im stillen Wahls Herrenzimmer nannte. Purpur, Purpur, murmelte er in echter Verdrossenheit vor sich hin – Blut, warum Blut, was geht mich das Blut von diesem Schinder an?

Denk an den gestohlenen Mond, mahnte Wau, der den Schritten Wahls über den samtenen Irrweg beobachtend gefolgt war, es geht ums Ganze, und das Ganze, guter Wahl, daß du es weißt, ist nur ein Rest, ein 207 ziemlich schäbiger – denk an den gestohlenen Mond, auf daß es gut bleibt zwischen uns – –. Du gehst dahin, du gehst daher, aber nirgends kommst du hin – denk daran.

Wahl aber lästerte und sprach: Der Weltenschatten, niemand anders als er hat den Mond gestohlen und in seine Westentasche gesteckt – frag ihn nur, Wau, mach eine Faust, Wau –, und er langt ihn heraus und schmeißt ihn dir an den Kopf, übrigens sah ich ihn, den Himmelsschatten, anders als du, jetzt sitzt er hoch zu Roß und hat sich in einen purpurnen Mantel gehüllt, und der Mantel verdeckt der edlen Kracke stakiges Gebein und trieft von Blut, und die blutige Tünche verschmiert uns den ganzen schönen Himmel . . . Ja, Wahl war arg verdrossen, und Wau erhob sich zum drittenmal, um zu entweichen, aber Wahl sagte zum drittenmal: Bleib sitzen, wir sind noch nicht zu Ende, und Wau setzte sich wiederum auf die Ecke der Couch und sagte: So mach ein Ende, Wahl, ich habe Geduld – aber ein gutes Ende, wenn es sein kann.

Wenn Wahl mit seiner Weisheit am Ende war, so pflegte er sich auf einen rettenden Einfall zu verlassen, und in der Voraussicht des Dazwischentretens eines solchen begrüßte er ihn schon mit Zuversicht und obsiegendem Lächeln, ja er lachte schon geradezu, denn es schien alles geregelt und an den Ort gebracht, den Wau soeben das gute Ende genannt hatte. Nur der rettende Einfall selbst mangelte einstweilen, und Wahl ließ das Wort vom guten Ende überhaupt nicht gelten. Ende, sagte er, wozu? Ein Ende ist selten gut – wenn ich davon sprach, daß wir noch nicht zu Ende sind, so dachte ich eben an einen frischen Anfang . . ., wozu Wau den Kopf schüttelte .und Wahl Umschweife vorwarf. Laß die Faxen, sagte er eindringlich, Ende oder Anfang, wie du willst, aber nicht diese . . . Er stockte, ein böses Wort auf den Lippen, denn Wahl hatte plötzlich den Irrweg über den samtenen Bereich seines Zimmers abgebrochen, stand vor Wau und sah ihm fest, fast drohend in die Augen.

Gutes Ende willst du, Wau –. Das sollst du haben, 208 aber wie ich es dir bereite, das bedenke, Wau, da pfusche mir nicht hinein. Es ist lange her, da sprachst du von dem guten Satan und meintest damit den einen, ich weiß nicht mehr welchen von uns beiden. Laß dir gefallen, daß ich es bin, ein Satan, ein guter und richtiger, und einer, der ein gutes Ende verrichten wird. Mein Werk wird sein, wie ich bin, damit gib dich zufrieden, denn ohne Wahl bist du nicht, Wau, wie du sein wirst und sein mußt. Ich wohl doch nie und nimmer ohne dich und du nicht ohne mich. Das Fleisch des Roßkadavers verkauft Viktor an den Marder-, Hunde- und Silberfuchszüchter, und die Damen bekränzen sich mit ihren Bälgen – und wenn sie ihre Schäden verhängt und sich mit einer Aura von Nobelkeit umhüllt haben, dann heizen sie uns tapfer ein, und das tote Roßfleisch wird purpurne Lebendigkeit bei uns selbst dank Viktors altem Schinder. Du und Bostelmann mit eurem gestohlenen Mond! Aber gut, ich denke an ihn, er geht mir durch den Kopf wie eine gute liebe Tante von Erleuchtung, und sie salbt ihre schönen Ermahnungen mit parfümiertem Zuckerwasser, hat aber gewiß nicht vergessen, ihren täglichen Löffel Rizinus zu nehmen. Uns ist die Ehrbarkeit in Handel und Wandel abhanden gekommen, meint ihr, die lichte Gelindigkeit in Denken, Trachten und Fühlen – und – na ja, Denken! Wir fühlen satanisch, denn der Satan hat ja den Mond gestohlen, er sei verdammt, das gönn ich euch, ihm nachzufluchen, aber immerhin habt ihr mit ihm zu tun, und gewissermaßen, Wau, ist er dein Nächster, dein Satan Wahl, und du besserst ihn nimmer durch Spruchweisheit aus den Tantenalmanachen. Wäre ich der wirkliche gute Satan, wenn ich deine Heiratspläne weitergewirbelt hätte? Mit welchen scheelen Augen hätte man mich wohl als Freund eines solchen Freundes angesehen, da sei Gott vor, ich halte auf Respekt, auch bei Hinz und Kunz. Wenn ich davon gesprochen habe, als hätte ich was weitergesagt, so war es ein satanischer Spruch. Damit ist alles entschuldigt, denn was ist von mir Satan anders zu erwarten als Satanisches – –?

209 Es geschah nun, daß Wau, während Wahl noch weitersprach, sich wieder zu erheben begann, dem aber Wahl, als hätte er schon obsiegt und wollte nur noch mit einem Letzten auftrumpfen, Einhalt tat, indem er Wau beide Hände auf die Schultern legte und ihn gelinde wieder zum Sitzen nötigte, während er mit immer größerer Nachdrücklichkeit wie Gewichte Wort zu Wort fügte, als gelte es, mit ihrer Schwere beides an Wau, sein Gemüt und seinen Körper, in Regungslosigkeit zu bannen. Er sprach mit gesteigerter Vermessenheit und häufte die Last seines Willens auf den Freund, als wäre er Geber und Bestimmer alles Bösen und Guten und der Lenker aller seiner Geschicke. Als nun aber Wau doch aufgestanden war und ihm die Hand reichte, schlug er freudig ein, schüttelte sie und war offenbar aller guten Dinge und des Ausgangs ihrer Unterhaltung im gegenseitigen Einvernehmen gewärtig. Aber Wau schüttelte nicht die Hand Wahls, sondern faßte und preßte sie, als wolle er einen gefangenen Vogel erdrücken. Er sah auch so wenig in Wahls strahlende und leuchtende Augen, als hätte eine Spinne ihm einen Schleier vor die Augenhöhlen gewoben, und er sagte, als Wahl endlich mühsam seine Hand befreit und ein verlegenes: »Also auf Wiedersehen« in seltsamer und plötzlicher Lähmung der Zunge hervorgebracht hatte, zerstreut, als wäre er sich der Härte seiner Worte nicht bewußt: Ja, vielleicht, wer weiß – also vielleicht, Wahl, oder auch nicht, sah sich nach Hut und Mantel um, nickte noch einmal flüchtig und ging, ohne daß Wahl sich seiner Erstarrung entschlagen und ihn zur Tür hätte begleiten können.

Wau aber, der kein Hasser war und auch Wahl nicht hassen konnte, ging traurig seines Weges heim. Was wissen wir gegenseitig voneinander, rumorte es in ihm – wenig, fast nichts –, und müssen doch nach unserem Vermögen urteilen und handeln. Wäre nicht das einzige recht und richtig, daß wir alle einander nehmen, wie jeder genommen sein will, ohne Naseweisheit, Besserwissen und auslegende Obacht?

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