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Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfunddreißigstes Kapitel

Eine dürre Rippenwalze von Leib, über ihr die Reihe der Hals- und Rückenstacheln, vorn und hinten das fleischlose Geklüft von grausam geschundenen Schulter- und Hüftknochen und an ihnen pendelnd vier steife Überlängen von Beinen mit starren Gelenken und endend in klumpigen Hufen – dazu die Halslinie tief ausgehöhlt zum Kopf dieses Pferdejammerbildes mehr hängend als tragend – in seinem Abfall von Widerrist dahin gezogen, wo ehedem ein Nacken sich wölbte – das ganze Elend von verschabtem Fell nur dürftig verdeckt, dieses, zum Richtplatz stolpernde Gerüst eines bis zur Unbrauchbarkeit ausgedienten, somit schlachtreifen Pferdegespenstes, immer noch Roß geheißen, immer noch mit vier dünn gewetzten Hufeisen die Spur längst vergangener Rüstigkeit in die Erde stempelnd, folgte am Halfter der leitenden Hand des Pferdeschlächters Witthöft, genannt Viktor. Und trug sein ganzes Elend gerade auf den Scheitel der gebogenen Zugbrücke über den Wasserlauf des Orts, als Wau auf tiefer laufendem Deichpfad von einem Gang über Wiesenbreiten stadtwärts geschlendert kam. Es war ein Pferd von 196 mächtigem Bau auf langen Beinen gewesen, aber nun, fast völlig im Fleische abgeschwunden, stand sein hartes Gerüst auf der Höhe der Zugbrücke übergroß in seiner krassen Magerkeit gegen den Himmel und zerschnitt mit zwei Beinpaaren wie mit Scheren den Himmel wie einen Papierbogen in Fetzen, während sein Kopf am Stiel des langen Halses gleich einem Beil bei jedem Auf- und Zuklappen der langen Scherenschenkel auf die Welt unter ihm niederhackte. Oben verhielt sich dieses Monument der Schaurigkeit seines letzten Ganges, als wünsche der Zulasser und Zurichter dieser Ordnung diese seine Höchstleistung zu erhalten als dienlich in starrender Groteskheit zur Lästerung der eigenen Herrlichkeit.

Waus Fuß stockte, und ihm schien, als ob auf Herrn Viktor ein Wink zum Halten übertragen sei. Sie sahen sich an, und unwiderstehlich angezogen erstieg er langsam vollends den leichten Aufgang zur Höhe der Brückenstraße. Viktor wartete, und Wau hatte Ursache, über sich selbst zu staunen, denn es entfuhr ihm, als er nahe genug war, die zwecklose Frage: Was kostet das Tier? – Viktor war mit der Antwort schnell bei der Hand. Nichts, sagte er, Sie können's geschenkt haben, Herr Wau, wenn Sie einen ausgeben wollen. – Machte auch eine Art beteuernder Geste, daß es seinerseits ernst gemeint sei, indem er tat, als wolle er Wau das Halfterband überreichen, fügte aber noch hinzu: Die Leute wollenes nicht länger füttern, das letzte Maulvoll haben sie ihm gerade eben noch gegönnt, verdauen kann er's nicht mehr, da ist keine Zeit. Morgen oder übermorgen geht's doch ein, und sie denken, Viktor heute ist doch noch besser als der Schinder morgen. Wau wehrte ab, und so standen sie ein paar Sekunden schweigend da und blickten auf das grausame Bild des regungslosen Dokuments seiner vierfüßigen Vergänglichkeit. Schließlich, da Wau mit seiner Überlegung noch immer nicht fertig war, sagte Viktor mit einem nur leicht spöttischen und dennoch treuherzigen Blick in Waus Gesicht: Er hat das Schlimmste überstanden, Herr Wau, mit dem 197 Rest ist er bei Viktor gut aufgehoben. Ja, Herr, wenn es alle Menschen zum Schluß so leicht haben könnten, würden viele wünschen, Rösser gewesen zu sein. Sie können sich überzeugen, Herr, gehen Sie die paar Schritte weiter mit, und hinterher hätte ich, weil sich das so trifft, auch noch gern ein Wort mit Sie gewechselt.

Sie gingen, und das Tor des nahe gelegenen Schlachthauses tat seine Flügel auseinander. Wau und Viktor waren voran, und das ahnungslose Leben am Halfter hinter ihnen tappte das letzte Dutzend der unzähligen Tritte seiner Roßvergangenheit hinterdrein. Es soll nicht lange dauern, sagte flink um sich blickend Viktor. Sie werden sich wundern, Herr Wau.

Der Schlachtraum war zur Zeit unbenutzt, denn eigentlich hatte die Zunft schon Feierabend, aber Viktor war nicht umsonst der Träger eines renommierten Namens im Hamburger Schlachthof, er nahm sich heraus, außer der Zeit eine Stunde recht zu finden, er machte sie zur rechten – schnell war eine Lederblende über die Augen des verdorrten Stückes Dasein geworfen, ein nicht großer Hammer an einem langen Stiel ergriffen, ein nicht gerade heftiger Schlag durch die Wand der Stirn, sorgfältig gezielt, kaum verhallt, als das ganze mächtige Knochengestell zu Boden brach und dessen vier Füße wie im Schreckgalopp durcheinanderwirbelten; aber die Hufe klapperten nicht mehr und waren ihrer Fron auf harter Erdrinde enthoben. Sie schlugen durch die Luft geräuschlos wie der Galopp schwerefreier Hufe über den Rasen der ewigen Pferdeweide, dort, wo nicht mehr des Todes Peitsche knallt, wo er keinen Zaum in Händen und keine Hürde gezogen hat, während Viktors sauberer Stich schon der Blutquelle in der Brust den Weg zum Ausströmen geöffnet hatte. Das Tor entließ das eilig hinaussprudelnde Leben.

Noch lange keine volle Minute, Herr Wau, bat Viktor Wau zu bedenken, indem er sich erhob und seine Geräte weglegte. Er muß Zeit zum Kaltwerden haben, 198 und wenn Sie denn mögen, so lange hätte ich Zeit für ein paar Worte mit Sie, hier gleich draußen links um die Ecke. Und wirklich, Viktor war auch hier kein Beschöniger der Umstände, gleich links um die Ecke befand sich eine Art Kasino für Schlachthausleute aller Art, Beamte, Meister, Gesellen und alle solche, die am lebendigen und toten Fleisch und Bein ehrlich berechtigten Anteil nehmen. Diese gastliche Gelegenheit erwies sich auch als solche für ein paar Worte, und Viktor, der nicht nur gut, sondern gern arbeitete und auf dessen weitere Arbeit das erkaltende tote Pferd nebenan wartete, lehnte Waus Vorschlag eines gehaltvollen Gläschens zur Förderung seiner »paar Worte« ab. Dünner Aufguß, Kaffee genannt – und ja, und ein Fingerhut voll Köhm, damit gut und genug. Wau war aufmerksam geworden, und überdies machte Viktors treuherzige Weise ihn geneigt zu hören, was es zu hören geben würde. Er glaubte zu spüren, daß der Mann ihm wohlwolle – also gut, er soll nur den Mund aufmachen. Und Viktor ließ nicht darauf warten: Was der Daß ist, mein Schwager nämlich, Herr Wau, mit dem werden Sie wohl noch was zu tun kriegen, mehr als ich Sie gönne. Jedem soll sein Teil unverkürzt sein, auch Daß soll haben, was recht ist, aber sehen Sie woll, auch nicht mehr, als recht ist. Sie haben da was Verdruß, nicht zu knapp, mit die Mamsell Wunderlich. So was kann vorkommen, und kam schon oft vor. Wahr oder nicht, Daß war nicht dabei und ich auch nicht, am Ende weiß es niemand als Frieda und Sie allein. Nu macht sich Herr Wahl ein Fest und setzt den ganzen Stadtteil in Brand und läßt sich das Fest was kosten. Denkt sich auch was Gutes dabei für Sie, Herr Wau. Und Daß hilft ihm anbrennen und versteht sich darauf, kann ich Sie versichern, bloß, daß er nicht auseinanderhält, ob da für Herrn Wau oder für ihn allein was Gutes bei rauskommt. Er sagt ja: Für Herrn Wau, aber er dachte, Herr Wau wird sich gern viel kosten lassen, daß der ganze Stadtteil anbrennt. Was er sich nun da hat einreden lassen, wo doch er und der 199 alte Gerichtskrämer von Geist die Köpfe zusammenstecken, da ahn ich für Sie nichts Gutes, Herr Wau, denn Daß ist woll ein guter Schwager, aber was da sonst Gutes an'n is, hab ich noch nicht gerochen – – wenn da was zu riechen ist, dann riecht es nicht gut, bloß daß er ein guter Schwager ist, und das bleibt er wohl auch.

Viktors Miene ließ hier Besorgnis ahnen, ja er zog erst die eine, dann die andere Schulter hoch und beugte sich vor, als handle es sich um eine Eröffnung von besonderer Eindringlichkeit, auch dämpfte er seine Stimme, so daß Wau sich zum Betreten des Zentrums der vertraulichen Aussprache geladen glaubte.

So ein geschundenes Fell wie dem seins, Herr Wau, sagte er dann und sprach plötzlich von dem toten Roß, habe ich in meinen guten und bösen Jahren nicht sehen brauchen, keine Handbreit heil, das ganze Biest Krätze und Rotze und alles Böse aufm Haufen, und dazu geflickt wie von Dorfschmieds mit der Packnadel und gedroschen und gestriemt, daß sein Blut überall in brüchige Krusten abbrach. So was hab ich noch nicht gesehen, Herr Wau, und Sie ja woll auch noch nicht. Na, diesen Mantel, aus und ein nichts als blutiger Jammer, ist er gleich los und für immer – muß'n ihm in der Minute ausziehen bloß . . .

Viktor griff zu seiner Mütze neben ihm auf der Bank, faßte den Schirm und blickte, bevor er sie aufsetzte, ihr recht fettiges und wenig präsentables Innenfutter nachdenklich an. Das Fell des Rosses war an der Reihe, aber das Fell des Herrn Wau bedurfte vorerst ein bißchen behütender Salbung. Was das nu für'n guter Rat ist, den sie zu zweit ausgebrütet haben, weiß ich nich, nämlich was das auf sich hat, daß das Ding von Frieda ja eigentlich gar kein Kind hat, dafür aber von Herr Wau ihr Leben, als wenn es doch seine Richtigkeit hätte. Nämlich so haben sie's ausgemacht, und so soll's dann sein und nicht wie vorher, und so schmökt das nun überall herum und gibt keinen schlechten Gestank. Ja, Herr Wau, Viktor stand auf, ich geh nu ins 200 Geschäft, das is so sicher wie das gute Ende von dem schlechten Leben von der Kreatur da hinten, und wenn ich Sie wäre, ich ginge von hier gradaus zu Herrn Wahl und brächte den auf die Beine und das Guttun in dieser ganzen Sache bei nach seinem mehr als genug Schlechttun – und das ist ebenso sicher wie das gute Ende von dem – er zeigte mit seinem Daumen über die Schulter in der Richtung nach dem Schlachthaus – seinen schlechten Leben! Wau war gleichfalls aufgestanden und begleitete den Roßschlächter bis an das Schlachthaustor. Nur einen Blick warf er durch den Spalt der halb offenen Torflügel auf die mit ausgestreckten Beinen wie in Behagen und Ruheseligkeit eines tiefen Schlafes versunkene Regungslosigkeit des apokalyptischen Rosses, wie er den elenden Gaul in einer Regung von Gewaltsamkeit in seinem Gemüt nannte. Er ruhe auf der Glätte der Blutlache wie auf Purpur in königlicher Aufbahrung, beliebte er sich weiter vorzustellen.

Viktor zog seine Jacke schon aus und griff zur Schürze, hatte auch schon ein Messer zwischen den Zähnen, und Wau wandelte keine Versuchung an, den Fortgang der Dinge zu sehen. Heimgehend ratschlagte er bei sich selbst: Sollte er zu Wahl gehen? Viktor hatte gesagt, er, wenn er Wau wäre, täte es noch heute. Aber Viktor war nicht Wau, und somit . . . aber vielleicht wäre es doch richtig, und bis zur nächsten Straßenecke könnt man es erwägen? Aber als seine Ratschlagung so weit gedrungen war, erinnerte er sich plötzlich jener geheimnisvollen, fast vergessenen Minute, wo er auch den stürmenden Gedanken der Befreiung vom Elend des Zwiespalts und Verlorenheit zwischen Erwarten und Erringen wie eine Notwendigkeit gefaßt. Also gleich, also heute, klang es in ihm, und schon spürte er den Strom eines Gefühls frischer Freudigkeit heiß und brausend kreisen. Viktor ist ein braver Mann und arbeitet mit Hammer und Messern, sprach er in heftig aufschwingender Heiterkeit, ich – womit ich, wenn ich auch brav bin wie Viktor? Wirst ja sehen, Wau – –.

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