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Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierunddreißigstes Kapitel

Die Gevatterin Unverzagt mit den platten Gänsefüßchen klopfte der brandigen Karla auf die blauroten Backen: Hast ein schönes Bein, Kind, hinten und vorne gibt's auch was zu sehen und nichts Schlechtes, halt dich weiter brav, solange es geht. Hättst du keinen Hals, wär alles gut, aber mit einem Hals wie deinem geht's nicht mehr lang. Hilft dir ein Doktor, so hilft er dir ins Grab, und dahin kommst du auch ohne ihn. Kannst der Kasse viel Geld ersparen, und sie kann gut rechnen und wird es dir hoch anrechnen, da sei getrost, Karla. Am Ende ist eine schöne Leiche auch was Schönes, und darin wirst du vielen andern über sein. Siehst du wohl, da lachst du schon – bist wirklich ein gutes Kind, Karla. Tu nur der Frieda noch was Gutes, ehe es Zeit wird für dich und für sie. Will dir was erzählen, und hör gut zu, hast ja gute und gesunde Ohren. Zeig mal erst deine Hand her, ob da wohl was Gutes drinsteht – – 194 na, oh, oh, wollen's lieber lassen, wär es anders, wär es gut, da kannst du dich ruhig dran halten! Aber der Frieda kannst noch was Gutes antun, dazu ist noch Zeit. Hast du bloß gute Waden? Beileibe, auf deinem bösen Hals sitzt ein guter Kopf, also geh hin und erzähl den Leuten. Heiser bist du, das ist wahr, aber das klingt gar nicht so schlecht, also erzähl: Läuft hier nicht überall die Mussehl herum und bringt ihren Ausschlag in alle Häuser? Aber was geht's die Häuser an, wie, Kind? Laß sie selbst mit dem Ausschlag fertig werden, mag sie laufen, so gut sie kann. Aber kriecht sie nicht auch so um die Schummerstunde bei Mutter Wunderlich herein? Mancher sieht's, mancher nicht, mancher denkt sich was, und mancher läßt es bleiben. Aber, was meinst du wohl, dauert's mit der Frieda ihrer Zeit nicht schon viel zu lange? Wie lange ist es her, daß da was rum kam, und wie lange vorher wußten es bloß die paar Wunderlichs und niemand sonst! Ja, ja, Kind, die Mussehl hat lockere Finger und versteht mehr als zuschneiden und die Fummelei mit ihren Zwirnsfäden. Wer sehen kann, der sieht's ja doch, da stimmt was nicht. Da geht was nicht mit rechten Dingen zu. Wenn's so weit war, so war's doch nicht so weit, und die Mussehl weiß warum und Gott sei Dank die alte Unverzagt auch. Da sind Schneiderkünste bei der Arbeit, und die guten Leute gucken sich die Augen aus und sehen's nicht, ob die Mussehl am Werke war oder ob Herr Wau sich die Freude gemacht hat, ein guter Vater zu werden – und wer weiß, wo ein Kind noch ungeboren weit weg oder nahebei lustig vom Vater Wau träumt. Wenn's dann ausgeträumt hat, ist auch der Frieda ihre Zeit gekommen, und alle freuen sich und sagen, das hat Herr Wau gut gemacht, und gönnt ihm seine Freude, und die Frieda kauft gut ein, für sich und fürs Kind, und legt es in eine bessere Wiege, als alle Wunderlichs gelegen haben. Aber die rechte Mutter ist froh, denn sie ist eine rechte Sorge los, und wenn sie nicht schweigen will, kriegt sie ein Pflaster aufs Mundwerk. Kommt dir doch auch schon längst so vor, Kind, na, siehst du 195 wohl, hast gute Augen in deinem guten Kopf, wenn du aber Arg hast, dann geh mal bei Vater Daß und frag den, was er davon hält – wenn einer noch sonst gute Augen hat für so was, dann ist es Vater Daß. Aber bring's nicht gleich weiter herum, bloß der Frieda kannst du's sagen, und daß es niemand weiß als so eine Gescheite wie du. Sag ihr auch, daß sie's der Mussehl dazu gibt, daß sie ihren Ausschlag los wird, denn sonst, wenn die so bei ihr herum hantiert, geht's über und an sie selbst, und wer mag dann einem Ding mit so einem Leibschaden Gutes tun. Das sag ihr dreist, damit muß sie Herrn Wau sein gutes Herz nicht versuchen, daß er sich abkehrt und es auf Klagen und Gerichtskosten ankommen läßt. Ja, Karla, hast schöne Beine, aber der Hals, der Hals!

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