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Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiunddreißigstes Kapitel

Bostelmanns Sammelband Wahlscher Dikta, überschrieben »Wahl-Verwogenheiten«, war nahezu gefüllt, und Bostelmann mußte sich entscheiden, ob es sich lohne oder vernotwendige, einen zweiten von vielleicht bescheidenerem Umfang für weitere Eintragungen bereitzulegen. Es drängte zwar nicht, denn es gab noch Platz im ersten, und wenn er es, überlegte Bostelmann, über sich gewinnen könne, manchen der Satzgebilde aus Wahls Munde, diesem oder jenem, das Schicksal des Vergessenwerdens zu bereiten und also sozusagen nur Ewigkeitswerte zu erhalten, so konnte dieser einzelne Band nur an Gewicht zunehmen. Es kam hinzu, daß Eintragungen seit längerem seltener geschehen konnten, weil Wahls Besuche beim häufigen Fernsein vom 180 Schauplatz ihrer gemeinsamen Unternehmung immer rarer wurden. Vielleicht gab es noch einen zweiten Grund für die steigende Seltenheit der Besuche Wahls, den Bostelmann als dessen Widerstand gegen die Pflicht der Gemeinsamkeit ansprach, als Mißfallen an Bostelmanns kritischer Kontrolle seiner Planungen und deren Ausführung. Der fast gefüllte Band blieb somit vorläufig ohne Nachfolger.

Wahl aber stürmte nach dem unglücklich abgelaufenen Besuch bei Wau zu Bostelmann. Er lief gegen dessen feste Burg urteilseigener Befunde an und gedachte, sie mit Grimm und grausen Schwüren, sturmatmender Rede, eindringlicher suggestiver Darlegung seiner An- und Einsichten zu überrumpeln. Aber die Umwallung Bostelmanns war keineswegs sturmreif, er hörte geduldig alles an, notierte im Gedächtnis einige Brocken des Wahlschen Redehagels und bemerkte sichtlich ungerührt wie für alle Ewigkeit trocken: Daß? Daß muß heran. Schaffen Sie Daß zur Stelle, Wahl. Wahl, bloß Wahl, nicht Herr Wahl? Das war schlimm, so erwünscht es bei früheren feurigen Bekräftigungen ihrer Einhelligkeit gewesen wäre. Also eine offenbare Geste der kalten Schulter! Und das ihm, Wahl selbst? Er vergaß Daß und die ganze anscheinend fest gegründete Gemeinsamkeit. O nein, dachte er, so geht's nimmer, und er fühlte, daß hier viel auf dem Spiele stand. Bostelmann, sein Helfer und Mitverschworener – und nun der kalte Abwiegler? O nein, Herr Rat, dachte er, so was denken Sie sich leichter, als es ist. Ich habe mit Gräfinnen und sonstigem Edelblut zu tun gehabt – und was sind Sie denn groß?!

Daß, sagte er, Daß ist meine besondere Nummer, mit Daß, Herr Rat, werden Sie nicht fertig . . . Und Bostelmann, wieder sehr trocken, warf ein: Strafregister, Herr Wahl! Ein übler Kunde, Ihr Daß, es wäre gut, wenn Sie sich in diesen Hinsichten von dem Herrn Rat einen guten Rat geben ließen. Lassen Sie die Hände von Daß ab, Sie kennen doch das Sprichwort vom Pech, das man nicht angreift, ohne sich . . . übrigens – – Aber 181 Wahl unterbrach ihn nicht eben fein mit den Worten: Ich weiß schon, Herr Rat, Sie dürfen sich's sparen. – Bostelmann fiel so schnell nur die Gegenfrage ein: Wissen – was wissen Sie denn? Könnten Sie sich nicht irren? – Nein, entgegnete Wahl, ich weiß bestimmt, daß mit »übrigens« immer eine Folge von Unannehmlichkeiten eingeleitet wird. Von dergleichen ist mir in letzter Zeit genug beschert, ich möchte vorbeugen. Und nun tischte er Bostelmann eine so pittoreske und grausame Schilderung der Vorgänge im Vaterhause auf und ließ den armen Senior vor Bostelmanns Augen einen Grotesktanz von so wilder Lächerlichkeit vollführen, daß dessen Übellaune in alle Winde zerstob und er im stillen beschloß, zwecks breitester Ausmalung dieser Bilder allernächstens einen zweiten Band für »Wahls Bekenntnisse« in Gebrauch zu nehmen, denn die Ahnung ging ihm auf, daß dieser zweite Band eine andere, eine bitterschwere Art von Gehalt und Darstellung und also eine neue Überschrift verlange.

Am Ende ihrer Unterhaltung hatte sich Wahl des ganzen Bostelmann bemeistert und beantwortete dessen Vorschlag, ihm den Daß doch bei schicklicher Gelegenheit zuzuführen, mit einem halbwegs gnädigen: Hoffentlich macht es sich, Herr Rat.

Er ging heim, als trügen ihn Adlerschwingen statt der Füße. Mit seiner Hahnenschnabelnase pickte er die Sterne vom Himmel, ein himmelhohes Selbstgefühl hielt ihn beim Kragen und riß ihn aus den Niederungen der Fehlschläge und Enttäuschungen hoch. Die Abfuhr bei Wau, seinem guten Freunde, der noch immer, was er ihm auch zugemutet, nachgedacht, wo er selbst vorbedacht hatte, war offenbar nur ein Haarriß in der Glasur ihrer Freundschaft, zu nichts gut, als bei nächster Gelegenheit der Wand des Vergessens zugekehrt zu werden und der Unmerklichkeit anheimzufallen.

Ob es gut sein würde, Daß und Bostelmann zusammenzubringen, war ein Bedenken, das sein wallendes Selbstgefühl weniger achtete als einen Floh, der sich des Stechens erfrecht: Geknickt, und damit für heute genug! 182 Ich obsiege, kochte es in ihm, ob ihr kratzt oder stecht, ich obsiege euch allen, auch vor dir, Wau, ist mir nicht bange, auch du wirst merken, wer ich bin – und freilich spottete er damit seiner selbst, aber er wußte es nicht.

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