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Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
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177 Einunddreißigstes Kapitel

Die nächtliche Grausamkeit des wasserhellen Korns war arg genug gewesen. Aber die Abtrumpfung der Frieda bescherte Wahl eine weit schlimmere Nacht. Er triumphierte zwar, und das Wogen seines Selbstgefühls war lebhaft und fast stürmisch, aber ein Mausezahn nagte doch fühlbar an seinem Herzen – er wußte, ohne dem Wissen Wortgestalt und Deutlichkeit zu geben, daß er nie mit Glück hitzig wurde, und hätte er sonst jemand auf seiner Art von Auskehr dieses Abends betroffen, so wäre ihm ein überzeugender Vortrag über das Unangängige solchen heftigen Vorgehens in so penibler Sache in Wohlgesetztheit nur zu gut gelungen. Auf das glücklich erzielte Protokoll verwandte er keine Mühe der Prüfung. Das Protokoll war in seinem Sinne zwar nicht sauer, aber ehrlich verdient, er hatte nichts getan, als den rechtschaffenen Gebrauch seiner natürlichen Gaben gemacht, aber es waren ihm Drohungen unterlaufen, die er, befristet wie sie waren, nicht in die Tat umsetzen konnte. Der Sack voll Unheil, dessen Ausschüttung er verheißen, war leer, und sein Inhalt würde spätestens am nächsten Abend als pure, wenn auch böse Luft erkannt. Das konnte er sich nicht verzeihen, und diese Einsicht verursachte das stille, aber fleißige Nagen des Mausezahns an seinem Herzen.

Ein längerer Besuch bei Wau war nicht mehr aufzuschieben. Es galt zunächst die Befriedigung der dringend gewordenen Daßschen Erwartungen, die eigentlich schon keine solchen, sondern Forderungen, gestützt auf Drohungen, genannt werden konnten. Bei der Aufhellung darüber, welche Bewandtnis es mit dieser vordringlichen Sache hatte, konnte, so kalkulierte Wahl, unauffällig die ganze bisher verhehlte, aus Rücksicht auf Waus Gemütsruhe verhehlte Reihe von Vorfällen und Plänen in Waus Vorstellungskreis gebracht werden. Der halbe Musterbogen in Wahls Brusttasche gab der Brust Wahls einen würdigen Umfang, seine Entfaltung mußte Waus dankerfülltes Gutheißen mit Windeseile 178 herbeiführen. Er sah sich von dem aufgeräumten Wau herzlich begrüßt, und alles hatte den besten Anstrich.

Als Wahl nach einigen Umschweifen von Daß sprach, unterbrach ihn Wau. Daß, sagte er, indem er noch freundschaftlich spaßend die Augen leicht zudrückte, weißt du, wenn du mir einen Gefallen tun willst, so murkst du mir diesen Daß ab, wenigstens als Person in unserer Unterhaltung. Ich habe mit deinem Daß nichts zu schaffen. – Und auf die folgende Entgegnung Wahls, die hinlängliche Empfehlung des Daß, antwortete er absichtlich mißverstehend: Gut und abgemacht, Daß ist ein toter Mann. Er ruhe in Frieden und huste nicht in seinem Grabe. Ich gönne es ihm, und das ist alles, was ich für ihn tun kann und werde. Erzähl weiter, Wahl, aber meide Daß.

Wahl wiegte seinen Kopf, aber das war alles, womit er Waus Wunsch entsprechen konnte. Immerhin, sagte er fest blickend, er arbeitet für dich und arbeitet gut, der Arbeiter ist seines Lohnes wert.

Wau, wie für sich selbst, flüsterte: So, so, so – und etwas lauter: Und was denn weiter von diesem mir herzlich unbekannten Daß?

Es wurde Wahl ungemütlich, das war nicht Waus übliche Sprechweise. Hier hieß es nicht, im Kammerton reden, sondern zwingend und überzeugend dringlich zu handeln. Er griff in die Brusttasche und entfaltete den vor Steifheit knackenden Musterbogen. Leiser Hohn umspielte seinen Mund, seine Nüstern schwollen, seine Lippen, scharf abwärts gebogen, spannten sich fischmundähnlich im Bogen nach hinten. Wau sah ihm entsetzt ins Gesicht – dann, als Wahl das knisternde Papier vor ihm auf dem Tisch glattstrich, las er . . .

Wenn Wahl es auf eine längere Aussprache abgesehen hatte, so ward er arg enttäuscht. Es kam überhaupt zu keiner Aussprache, denn als Wau nach schnellem Durchfliegen der von Wahl geformten Sätze die zitterige Unterschrift der Frieda enträtselt hatte, saß er einen Augenblick ohne Regung und den Kopf auf 179 das Papier gesenkt wortlos da. Dann, ohne daß man erkennen konnte, ob die Handlung das Ergebnis eines Nachsinnens oder von fremder Gewalt in ihm vollzogen war, ging ein Rucken durch Körper und Hände, scharf wie ein Knall ging ein Riß mitten durch den Musterbogen hindurch, ein Krampf seiner Hände zerbrach das »ehrlich erarbeitete« Protokoll zu wertlosen Scherben. Eine Handvoll Fetzen blieb zurück, die Wau Wahl in die Hand drückte, dessen Versuch, nunmehr doch eine geordnete Unterhaltung und rechtschaffene Aussprache zustande zu bringen, elend scheiterte.

Weder Wau erinnerte sich später daran, ob er Wahl des Hauses verwiesen, noch Wahl, wie er hinausgekommen. Eine längere Aussprache hatte jedenfalls nicht stattgefunden, und das Elend dieser Nacht Wahls übertraf weit das von dem wasserhellen Korn sowie das von der anderen Folterung der Frieda erzeugte. Das Übel des Sterbens schien ihm fast gering gegen das heutige.

Immerhin blieb bestehen, daß der Betriebshelfer auf Barzahlung in angemessener Höhe nicht in Geduld, sondern in beißender Erwartung rechnete.

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