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Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtundzwanzigstes Kapitel

Wahl schrieb wie mancher andere auch, aber er vermied dabei alles, was Anklang an den Ton der falschen Propheten und den Stil der gequollenen Trauerseligkeit ihrer gemeinsamen Mühe bei einer früheren Beileidsadresse hatte – kurz, fast karg und klug jeder Überschwenglichkeit ausweichend. Es tat Wau wohl, den Brief zu lesen, aber so sehr er bereit war, ihn als Zeugnis von Takt und ehrlichem Mitgefühl Wahls anzusehen, so ertappte er sich doch bei wiederholtem Lesen auf dem Bedenken: Wer mag ihm wohl dieses oder jenes ganz unwahlsche Wort eingeblasen haben, gewiß 150 keine Person von gewöhnlichem Format, gewiß jemand von guter, ja besonderer Gepflegtheit und Verständnis für die Forderung gedämpfter Ausdrucksform. Aber freilich hatte Wahl ihm das Nötige und Schickliche aus eigenem Vermögen vorgezeichnet. Wahl glänzte wieder einmal als Meister in allen Künsten des gefälligen Scheins.

Bostelmanns formstrenge Beileidserweisung wußte Wau wie so vieles Ähnliche mit Würde zu empfangen. Aber nach kaum erledigten Üblichkeiten unterließ er es wie schon bei anderen Gelegenheiten nicht wieder und lenkte geradezu auf das Geheimnis des gestohlenen Mondes hin ab. Es fiel ihm im Augenblick nichts anderes ein, und er war just wenig zur Rücksicht aufgelegt und dachte: Mag er auskosten, was er angerührt hat – er soll mir nicht wieder entwischen.

Gestohlener Mond, Herr Wau, erwiderte Bostelmann, wieso – oder meinen Sie etwa die längst verjährte Schnurre aus meinen beinahigen Kinderjahren – ja, ja, so wird es sein, aber nicht wahr, Herr Wau, Sie verfahren bewußt grausam! Es soll Ihnen nicht verübelt sein, immerhin festgestellt. Wir sind aber doch inzwischen ausgewachsen. Wie geht es übrigens Ihrem Freunde Wahl? Ein prächtiger Mensch, oder vergreife ich mich im Adjekt, was meinen Sie?

O nein, sagte Wau, wäre er sonst mein Freund, Herr Rat? Aber was war es mit dem gestohlenen Mond? – Ich weiß es kaum selber noch, erwiderte Bostelmann, muß mich besinnen. Ich erinnere mich an eins deutlich: Sie, Herr Wau, waren der gütigste Zuhörer, wohl der einzige, also sei es drum, alles sei bekannt und geradezu gebeichtet!

Wir sind wirklich ausgewachsen, Herr Rat, gab Wau zurück. Ich bin auf viel gefaßt, nur zu! – Aber wo? fragte Bostelmann. – Dauert es lange? fragte Wau zurück. – Je nachdem, es kann so und auch anders kommen; aber hier so auf der Straße . . .

Bostelmann steuerte ins Café aus der Postkutschenzeit, vier Wände waren die einzigen Lauscher. Die 151 Herren vom Gericht saßen hier ein bißchen unstandesgemäß, aber es lag dem Gerichtsgebäude in bequemer Nähe, und schließlich adelt die noble Frequenz die schäbigsten Wände. Sie saßen, wo sie schon manchmal gesessen, und Wau wiederholte sein unbeugsames: Nur zu!

Hm, sagte Bostelmann und schwieg danach, als wüßte er nicht weiter.

Wir werden ja sehen, dachte Wau, und schwieg gleichfalls. Bostelmann aber wandte sich dann überraschend zu Wau und sah ihm voll ins Gesicht. Sie erwarten etwas Erstaunliches, sagte er, wie hätten Sie sonst den Krimskrams so lange im Kopfe und – und, – nun ja, an keinem schlechten Platze behalten. Ja, sehen Sie, es kommt, wie Sie es sehen werden, und damit gut und genug davon! Da war vor Jahr und Tag ein Bübchen, mit dem ich zuzeiten mehr Spaß hatte als mit Papa und Mama, kann ich Ihnen versichern. Diesem Bübchen hatte eine graulsüchtige Person von Kinderfräulein irgendwas vom Teufel vorgemacht, und der Teufel hatte es dem Bübchen angetan – mit dem einen Pferdefuß und so weiter. Welch ein Jahrmarkt von Möglichkeiten! Sagte es da eines Tages zu mir: Du, Bostelmann – denn er nannte mich ehrenderweise nicht Onkel – du, Bostelmann, der Teufel hat mir erzählt, er will mit seinem Pferdefuß den Mond auskratzen, dann sitzen wir alle im Dunkel – und machte so weiter, wobei ich ihm half, seinem Kinderspök um Teufel und Mond, – und ich, auf seine Vorstellungen abgestimmt, pfiff mein kleines Lied dazu, wie Sie wissen. Und nun, was denken Sie, sagte neulich jemand sonstwas, aber merklich und noch mehr betrunken, dem ich, ebenfalls nicht nüchtern, das Ding vom gestohlenen Mond erzählt, sagte also: . . . Aber die Dunkelheit wird über uns sein, als wäre das Licht nie gewesen, – und sie werden sagen, was fragen wir nach Licht – fort mit Licht und Helle! . . . Sagen Sie selbst, Herr Wau, kann man alles, was ich anzudeuten Lust hätte, besser ausdrücken? Was könnte ich wohl noch hinzufügen? Sollen nicht die wenigen, die 152 ein bißchen wissen, sollen nicht die lieber schweigend zwar das Unerforschliche verehren und ebenso das Unausweichliche, nämlich die drohenden Schrecken der Verdunkelung, nahen lassen? Der Alte hinter dem Berge der vergangenen hundert Jahre soll nur getrost hinter seinem Berge bleiben – ein Versuch mit der Derzeitigkeit würde ihm schlecht geraten.

Ist das Ihre ganze Beichte? fragte Wau, als Bostelmann seinen kurzen Spruch beendet hatte und sein Schweigen zugleich die Antwort auf seine letzte Frage zu geben schien.

Licht und Helle, wenn schon – fort damit! So hieß es damals und heißt es noch, Herr Wau, damit geht es uns über den Schnabel, und damit wie mit Rasiermesserschärfe hantieren sie, wenn wo einer die Nase in die Luft steckt und wittert Märzenluft oder hängt die Ohren in den Wind der unverhohlenen Meinungen, ab die Ohren, ab die Nasen! Sie werden uns nett zurichten, Sie auch, Herr Wau, Sie auch, denn Sie sind keiner von den vielen, gehören nicht zur Masse. Was murmelt der Alte hinter dem Berge der vergangenen hundert Jahre? . . . »Woran die Menge glaubt, ist leicht zu glauben.« Tun Sie es mal, versuchen Sie nur, es sich leicht zu machen – ja, das ist die ganze Beichte, und ich habe nicht mal Lust, sie mit Feuchtigkeit aufzufrischen – oder was schlagen Sie vor?

Wau, leicht angewidert, lehnte eine Auffrischung verdorrter Schößlinge von Bostelmanns Baume der Erkenntnis ab. Nein, er, Wau, war gewiß keiner von den vielen, aber wer waren denn die vielen? Er murmelte vor sich hin, eines Schultschen Verses innewerdend: Dich wandelt kein Verlangen an, um fremde Botschaft mitzuraufen.

Im Fortgehen sagte er noch: Immerhin hörte ich Sie damals ein verlorenes Wort vor sich hinsprechen. Aber da Sie selbst vergessen haben, was es mit Ihrem »kleinen Vers« auf sich hatte . . .

Wort, Wort, welch ein Wort? Der Rat Bostelmann horchte auf.

153 Wau zog seinen Mantel über. Ein leises und undeutlich gesprochenes – »geweckt« oder dergleichen, so kam es mir vor. – Bostelmann besann sich: Ich weiß nicht mehr, wirklich – aber halt, es dämmert mir . . . Damals kam die Technik des Einmachens von Früchten et cetera auf, und den Menschen schien es ähnlich zu gehen – abgeschlossen und gut vor Luft und frischer Anteilnahme am Außersich bewahrt. Eingeweckt – ich meinte – hm, hm – ein abtrumpfendes Wort, Herr Wau, Sie wissen schon, was ich meinte. Inzwischen hat der Verlauf die Sache nicht besser gestaltet. Gehen Sie hin in Frieden, es bleibt dabei: Eingeweckt, abgesperrt, keimtot und zugerichtet im Sinne jenes bewußten abtrumpfenden und etwas hochmütigen Wortes.

Wau dankte und empfahl sich. In Bostelmanns Augen aber hatte der Rhythmus des Verses einen Funken entzündet. Er blieb sitzen, und es sah ganz danach aus, als wollte er mit Hilfe einer entkorkten Flasche für Auffrischung der dürren Weide seiner Stimmung in stiller Versunkenheit selbst sorgen.

Ihr braven Worte, dachte Wau beim Heimgang, ihr Monde, deren Licht und Helle man wohl auskratzen und ordinär machen kann, aber nicht vertilgen. Unversehens, wenn eure Zeit gekommen, steht ihr wieder hoch am Himmel und leuchtet in Unvergänglichkeit. Gehören, sagte er? Gut, ich gehöre nicht, und also gehorche ich auch nicht.

Zu Hause wollte es ihm mit nichts recht glücken. Er hatte bisher in einigen Papieren aus Hennys nicht gerade allerletzten Tagen nur immer flüchtig, ja mit deutlich spürbarem Unbehagen geblättert, und war sich eines Verdachts bewußt geworden, daß aus diesen Seiten ein Wort von testamentarischer Bestimmtheit und mit dem Anspruch auf die Würde eines zwar gehauchten, aber unwidersprechbar letzten hervorgehen würde. Heute widerstand er der Anwandlung zu abermaliger Lässigkeit und Flüchtigkeit, las und las Buchstaben für Buchstaben, hielt auch wohl gelegentlich inne, um das Gehörte mit Muße zu überdenken, das Geschaute vor 154 trächtigen Augen zur immer klareren Gestalt werden zulassen. Sie hatte nicht glücklich geschrieben, nicht mit der Gabe zur Form, die ihrem gesprochenen Wort ebenbürtig war, hatte ringen müssen und war bei aller Mühe nicht Herrin im Bereich ihrer Gedanken geblieben. Ja, es wollte scheinen, als bedeuteten ihre Niederschriften den Beweis ihrer Unklarheit gerade in dem, was ihr als das Lichtreiche wert der Mitteilung und Erhaltung erschienen war. Nicht als ob es ihr auf Belehrung, Offenbarung oder Verkündung einer Feststellung von hoher Wichtigkeit angekommen wäre. Es waren vielmehr eher Selbstgespräche in Ermangelung eines ebenbürtigen Teilhabers, zur Findung von Sicherheit und letzter Entscheidung geführt, eigentlich eine Art von Flucht von Versteck zu Versteck vor eigenen Zweifeln. Und so sah es Wau, und so ließ er sich willig und in Vergegenwärtigung ihrer kinderartigen Liebenswürdigkeit herzlich erschüttern.

Einige ihrer Worte konnte er sich als gerade und nur ihm geltend zueignen, andere blieben im Vagen eines allgemeinen Meinens und versuchsweisen Klärens schwer faßbarer und eigentlich dem Denken unzugänglicher Vorstellungen, solchen, die Wau für sich selbst hie und da als Zuflucht aus Verlorenheit im Ungewissen und Ungenügen wohl gehegt hatte, die er aber alsbald als begriffliche Notbehelfe erkannt und als schmückende Möglichkeiten am Bau seiner Anschauungen angebracht hatte. Hier hatten sie an verborgenen Stellen das Ganze zwar bereichert, aber keineswegs den Dienst von Ecksteinen und Gebälkträgern versehen.

Fast beiläufig hingekritzelt, aber dieses Mal gewißlich an niemand als an ihn ausdrücklich gerichtet, fand er einige Sätze, und diese Sätze gewannen beim ersten Lesen die Wucht testamentarischer Bestimmtheit, ohne daß sie mit absichtlicher Nachdrücklichkeit beschwert gewesen wären. Er las: Ich denke, Wau, du wirst dich des Kindes annehmen, selbst wenn es nicht, wie ich aber glaube, von guter Art ist. Das Gute, das von dir geschieht, muß für euch beide ausreichen, es kann nicht sein, daß das 155 Geringere das Bessere schädigt – und sollte es dennoch den Anschein haben, so wäre es nur ein Schein und besteht nicht im Sein. Nimmst du es in deine Hut, so hebst du dein Sein, das ja augenblicklich nur in gutem Willen und Meinen lebt, zu besserer Wirklichkeit.

In diesen Tagen wurde Wahl zu seinem schwer erkrankten Vater heimgerufen. Der Senior war bei einer stürmischen Feier an seinem bunt beflaggten Wohnort in vollem Saus und Braus der lokalpatriotischen Hochgestimmtheit vom Schlage getroffen. Als Wahl, in der weiten Welt schwer auffindbar, endlich zur Stelle war, fand er den Erzeuger zwar auf den Beinen und in seinen Gemächern umgehend, aber zu seiner aufrichtigen Bestürzung in würdelosester Verfassung. Er stand, als sein Sohn eintrat, im Zimmer und verrichtete ein Bedürfnis, für das ein anderer Ort seiner Wohnung schicklich gewesen wäre. Mitbewohner des Hauses blickten durch die offene Tür auf den benetzten Boden, und Wahls, des Jüngeren, hochvornehme Sohlen behagten sich schlecht in der Nässe von so unangebrachter Natürlichkeit.

Der arme Alte hatte von seinem bedauerlichen Zustande zwar keinen Begriff, aber desto peinlicher gestaltete sich die Aufgabe der nun zu findenden Verkehrsform zwischen Vater und Sohn, da kaum festzustellen war, ob überhaupt eine väterliche Empfänglichkeit für Bezeugungen kindlicher Mitleidssorgen oder deren Ersatz bestand. Wahl mochte immerhin ehrlich betrübt, ja durch den Schrecken bis zur Wertlosigkeit erpreßt sein, aber die Äußerungen dieser Regungen unterschieden sich kaum von Verstimmtheit, ja Befremdung über unangebrachte Zumutungen. Man hätte auf den Gedanken kommen können, daß er, Sohn Wahl, der Betroffene gewesen, daß ihm das Unrecht dieses Verhängnisses angetan wäre.

Er sorgte für angemessene Haltung und Pflege des Kranken, stellte rührende weiter und weitest gehende, ja pompöse Anstalten für ein sorgloses und glückliches Vegetieren des elenden Vaters in Aussicht und reiste, 156 bis der Zeitpunkt für alle seine Entwürfe gekommen sein würde, zwar nicht in unerreichbare Ferne, aber doch in der Richtung seines Wohnsitzes und Wirkungskreises ab.

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