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Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechsundzwanzigstes Kapitel

Nach Monaten aber hatte sich Wau eines anderen besonnen, er wußte es nun und wußte es so: Das Höchste wird sein, zu erfahren, daß alles gegenwärtige Leid und mit ihm alles Leid der gewesenen Zeiten in Wahrheit kein Leid war, und dieses Höchste zu gewinnen bedarf es keiner Zeit und keines Wartens. Dazu, daß es geschehe, genügt der Entschluß der Gewißheit. Und dieser Entschluß kann vor Ablauf der nächsten Minute vollbracht werden. Er sei hiermit vollbracht, und so bin ich in dieser Minute des Höchsten teilhaftig geworden, sprach Wau zu sich selbst und ließ es in sich geschehen wie das Ausschlagen einer Stunde, die schon die ersten Schläge getan.

Sonst war alles wie sonst, und wenn man es als Ganzes in die Unterteilung gut oder schlimm hätte bringen müssen, so war alles schlimmer als sonst.

Die Herde der Wahlschen Geschäfte wuchs erstaunlich, sie strotzte in Gedeihen ihrer besonderen Art und 138 gewann schier unheimlich an Unübersehbarkeit. Aber freilich, nicht zu Wahls persönlichem Gedeihen oder nur leidlicher Zufriedenheit, denn da er sie nicht auf eine fette Weide treiben konnte, wo sie sich in sattem Frieden behaglich ausbreiten dürfte; fraß sie ihn selbst und sein ganzes Gefallen an wimmelnder Vielfalt des Treibens um ihn auf. Diese seine Herde an ungeklärten und fast verjährten, peinlicher oder verschiedenartiger Auslegung anheimfallenden Umständen bewies eine wuchernde Fruchtbarkeit, und wenn selbst der Ausfeger, Aufräumer und Laufbursche Wahls angesichts der Überflutung von behördlichen Zustellungen und des täglichen Einschreibkrams, den eine halbwegs ehrenvolle Hand als verdächtig nur widerwillig berührte, bewundernd von seines Herrn »gutem Nerv« psalmodierte, wenn dergleichen papierne Zudringlichkeiten sich häuften und uneröffnet bei Haufen blieben, so konnte doch zweifelhaft scheinen, ob besagter »guter Nerv« eine Stärke seines Brotherrn sei oder nicht vielmehr eine bange Scheu vor Entscheidungen, eine Abneigung davor, die Nase in die scharfe, aber frische Luft klarer Zustände zu retten.

Wer möchte sich nun wundern, daß die wimmelnden Unklarheiten in Wahls Leben durch diese Scheu und in der Stickluft unbestimmter Erwartungen auf schicksalhaftes Eingreifen zu seinen Gunsten nur immer zahlreicher wurden und daß er am Ende kein besseres Wandern durch die Wüste der Zeitübel wußte, als auf Freierfüßen. Reiche Frauen gab es fern und nah, solche, deren Reichtum sagenhaft und also märchenhaft groß war, dafür aber hauptsächlich aus imposanten Gerüchten bestand, auf die sich verlassen durfte, wen nach solchen Schätzen verlangte, andere, Töchter von Vätern, die in gewissem und dauerbarem Glücke, aber auch in gesunden und guten Jahren standen ohne Anwandlungen einer Bereitschaft, aus beiden Lebensumständen zugunsten eines flottlebigen Schwiegersohnes abzudanken, Damen, deren solides bißchen Hab und Gut auf absehbare Zeit von gewissenhaften Händen 139 eines Nachfolgers im väterlichen Geschäft knauserig, aber dafür um so unriskanter verwaltet wurde. Es gab sowohl bescheidene wie bestgeborene weibliche Existenzen, teils im Besitz, teils in Erwartung hoher Einkünfte, bereit, in die Begründung ihres eigenen Glücks ein anderes einzuschließen, aber freilich nicht ohne vorsichtige Hinzuziehung eines kritischen Ratgebers und Kundigen in eherechtlichen Dingen, keine aber weit und breit, die es so eilig hatte, wie Wahl es wünschte, alles Ihrigen mit einem Federstrich ledig zu werden.

Wahls kostspielige Wikingerfahrten in Bäder und an sonstige Treffpunkte der Hochvornehmheit oder des auffälligen Reichtums brachten ihn in vielfache absonderliche Bindungen, die alle die Hochzucht einer selbstbewundernden Genugtuung förderten und ihn die Herde seiner Mißlichkeiten als armseligen Krümelkram von Unwichtigkeit erscheinen ließ. Er verschwand monatelang aus der Gegend und kehrte müde und betäubt von glänzender Fremde zurück, einem Windhund gleichend, der von erfolgloser Jagd hinter vielen Hasen her mit keuchenden Flanken und lechzender Zunge den häuslichen Eßnapf mit wässerigem Gemenge von unschmackhaften Brocken vorfindet. Wau mußte ihn mehr als einmal verloren geben, aber die Wahlsche Treue zum heimischen Port und zur hilfreichen Freundschaft war echt und ohne Wank. So ausgiebig er Wau plünderte und in aussichtslose Verschuldung brachte, so ernst blieb sein Anteil an dessen Wohl und Wehe. Keiner echten Rachsucht fähig, meinte er doch in voller Aufrichtigkeit mit allen Widersachern und Bedrängern Waus aufräumen zu müssen – und wenn er wochenlang die Ferne durchstürmte, so vergaß er nimmer des Projekts der Gerichtshaltung über das ganze Mehlhorn- und Sandstraßenviertel, ja er ordnete aus der Ferne taktische Maßnahmen an und wußte sich bei Ausführung seiner Maßnahmen keines besseren Helfers zu bedienen als von Weinrebes. Die brandige Karla und der geistesbrüchige Weinrebe im Verein besorgten die Geschäfte, die Waus Wohl fördernd von Wahl zu Waus Wohl 140 betrieben wurden und von deren Gang und Fortschreiten Wau selbst nichts erfuhr.

Die »Mussehl« war eine windschiefe Schneiderin mit einem häßlichen Hautübel, das sie bei einem Heilpraktikanten, der sich in Einbildungen von höchstem Wert seiner Quacksalbereien gefiel, ohne Erfolg zu kurieren seit Jahren nicht abließ, weil ihre Furcht vor dem Anschein von Untreue gegen ihren Heilbringer unüberwindlich war. Diese Mussehl kam in viele Häuser aller Viertel der Stadt und auch in die des Mehlhornviertels. An sie fanden Weinrebe und Karla Anschluß und entdeckten in ihr eine willige Kraft und in ihrer Engbrüstigkeit eine Stimme für die lauterste Hin- und Herträgerei. Sie pfiff immer ersterbend auf dem letzten Loch der Verdächtigung und wußte in aller Redlichkeit zugleich von nichts und allem, was an Verrottung und Schäbigkeit zwischen vier Wänden eines Hauses schimmelig dunsten und an Faulfraß kranken kann.

Fräulein Viereck hatte, wie sie gelegentlich mit oder ohne Anlaß zu bedenken gab, einst bessere Tage gesehen. Ob die Augen dieser besseren Tage ihrerseits an Fräulein Viereck Gefallen gehabt, ließ sich heute nur ratend ausmachen. Wahl hätte beim Aufwerfen dieser Frage entsetzlich gegrinst und vermutlich ein Prunkstück für Bostelmanns Sammelband gefördert. Ihren jetzigen und so anders gearteten Tagen kam sie in ihrer Erscheinung vor wie ihr selbst ihre jetzigen Tage, nämlich mißfällig, und der Mussehl Scheren- und Nadelkünste trugen dazu das Ihrige bei. Das Spieglein an der Wand, in das sie täglich ihre Blicke warf, hat nicht verraten, welches Wohlwollens sich dieses Spiegleins Werk in des Fräulein Vierecks Augen erfreute und ob sie es immer öfter und also lieber oder immer seltener und also unzufriedener befragte, übrigens gehörten beide Frauen einer kinderlosen Gruppe älterer, vom Leben keineswegs enttäuschter, wenn auch stiefmütterlich behandelter, aber zeitlebens ehrenfester und jungfräulich gebliebener Damen an, führten sich streng statutengemäß, tagten an zwanglosen Abenden und 141 retteten in Feststellungen und unter gelegentlichem Beistand eines pastörlichen Schirmherrn die anderweitig verlorengegangenen Ideale der Jetztzeit. Sonstige Herrenwelt war aber gänzlich abgeriegelt, und Pastor Weislich – Wahl nannte ihn Preislich – war und blieb Hahn in diesem Korbe, der mit dem Stroh des Glaubens an einen Rest von Anmut, Würde und verdienstlicher Unbescholtenheit gestopft war. Sie lasen ein oder anderes epochales und derzeitiges Buch und entfesselten Erörterungen darüber, die den Verfasser gewiß um seinen Verstand gebracht hätten, wenn es ihm verstattet gewesen wäre, den Auslegungen zu lauschen und seine eigenen Abgründigkeiten unter seinen Füßen gähnen zu sehen. Allen miteinander tat es herzlich wohl, sich gegenseitig in dem Besitz reicher Seelen- und Geistesgaben bestätigend zu hegen, ja zu hätscheln.

Im Nachbarhause versammelte sich regelmäßig vollzählig der Verein der Geflügelzüchter, und da dessen Vollzähligkeit stattlich war, das Nachbarhaus überdem als gewerblich-gastliche Stätte Männervolk verlockte, so übte sie wohl mancherlei geflügelte und schwungvolle Reden zur Sache der bewußten Zucht, aber vor allem ein fleißiges Nässen der rauhen Männerkehlen, die dadurch freilich nicht sanfter, sondern eher rauher wurden, Hier strich bisweilen, wenn er freigehalten wurde, von Weinrebe seine Saiten, und von ihnen durfte man sagen, daß die Milde ihres Klanges bei starker und stärkerer Tränkung ihres Handhabers immer mehr reifte. Gründer und Vorstand dieses Vereines aber war Onkel Vorholz, und der Betriebshelfer Daß erleichterte als Mitglied sein reichlich beschwertes Gewissen durch Trinken und lästerliches Bereden von kleinen und großen Übelständen unter den Vereinsgenossen und deren Nächsten.

Es war schon gut, daß von Weinrebe das Versprechen der Verschwiegenheit über Daß und seine so oder so gearteten Angelegenheiten vorgeschützt hatte. Denn Daß hatte nicht nur eine rabiate und unbedenkliche Zunge, man fürchtete ihn auch wegen anderer Mitteilungsformen. Vor seinen Augen zusehends verwandelten sich 142 die eigenen Mängel, falls über sie der Wind der Nachrede strich, in die bare Schuld des Nachredners. Dreinschlagende Fäuste aber waren zugleich die erläuternden Nachweiser und Sühner jener Schuld, sie stellten das Gleichgewicht des zerstörten Einvernehmens schnell wieder her, ein bißchen Nasenbluten, blaue Augen und Beulen jeder Art bei anderen hatten keinen Schrecken für den Betriebshelfer Daß. Was Wunder, daß man es auf seine Gunst anlegte und ihm mit Untertänigkeit diente, und als eines Abends Onkel Vorholz den Antrag auf Ausschluß des Betriebshelfers stellte, ohne allerdings mehr als allgemeine Gründe für seine Unwürdigkeit preiszugeben, flammte eine lärmende und wilde Ungeregeltheit von Nach- und Vorwürfen beschimpfender Art hoch.

Onkel Vorholz, der wohl weidlich hätte aussagen können, hielt sich zurück. Die Freunde schwankten, und die Zuvoreingeweihten ließen sich einschüchtern, Daß bekam das Wort, oder vielmehr stürzte er die Ordnung der Verhandlung und schlug mit Gebrüll alle Möglichkeiten eines geregelten Austrages der Dinge in Stücke, Onkel Vorholz legte sein Amt nieder, und im Umsehen war Daß Herr im Bereiche der Geflügelzüchter, öffnete nun erst recht seine Zahnreihen und verfolgte mit Unflätigkeit den entweichenden Onkel Vorholz vor die Tür, an der gerade die nachbarlich tagenden Damen nach Schluß ihres Konvents vorbeipassierten und, teils auseinanderflatternd, teils in sicherer Entfernung geschart, zitternd, aber fleißig äugend und lauschend von der Flut der Aufdeckungen der Greueltiefen der anscheinend so ehrbaren Geflügelzucht erweicht und schließlich davongeschwemmt wurden.

Die Scheiben des Abends waren durch steiniges Polterreden eingeworfen, und die hier und da noch erleuchteten Fenster der Häuser taten ihre Flügel auseinander, aufgeschreckte Hörer bogen sich heraus, und die einen verlangten von den anderen Auskunft über den Anlaß so wilder Störung der schon umschleichenden Nachtruhe ihrer Straßenzeile. Die Nächsten antworteten den 143 Entfernteren nach bestem Vermuten mit ergiebiger Neigung zu Mißverstehen und Übertreibung. Eine Last verdorbener Fische hätte von einem betrogenen Käufer auf offenem Markt nicht argwütiger wegen ihrer Fäulnis beschrien werden können als Onkel Vorholzens Ärgernisse und seine Verquickung mit dem Wunderlichschen Unglück.

Waus Name aber, vom allgemeinen Geraune schon als leicht angegangen dem ganzen Viertel geläufig, bekam von der Ausruferstimme des Betriebshelfers den Preis des stinkendsten Lobes. Er hatte einen Wildschweinskopf, der Daß, und unter dem Druck auf den Blasebalg seines Bauches heulte sein Dröhnton wie aus einem Wolfsrachen, und er war bei aller Gewaltsamkeit dieses Geschäfts durchaus in guter Verfassung, weder überschrie er sich, noch ließ er es an Ausdauer und gründlicher Bedachtheit und Deutlichkeit bei allen anprangernden Umständen fehlen. Solche Gelegenheiten waren eben seine liebsten, sie bedeuteten seine besten Ergötzlichkeiten, und er schwelgte in dieser Darstellung seiner selbst wie der gefeiertste Tenor. Denn nichts als sein auf andere übertragenes Selbst war der Gehalt seiner Unmäßigkeiten im Abwerten fremder Zustände. Zuletzt allerdings schrie er wie ein gerade abgestochenes Schwein, und seine eigene unflätige Beschaffenheit unterlegte er dem armseligen Familienjammer, dessen ahnungslos schuldig gewordene Erregerin Frieda war. Da die abendliche Dunkelheit keine Zäume bereit hatte, um sie dem skandalierenden Mundwerk des Daß anzulegen, auch keinen Feuerstrahl am flintsteinfarbigen Himmel, um seine Lästerreden mit einigen durchschlagenden Funken zu löschen, auch kein Wort aus der finsteren Dichte posaunte, um Daß mundtot zu machen, so tat er sein überschwenglich Bestes, bis nach und nach die hörenden Fenster der Häuser sich verschlossen, der Schatten des jungfräulichen Konvents sich dem Schatten des Abends vermählte und sein bißchen Dasein ausgetüncht und vernichtet war. Da Onkel Vorholz längst auf Hören und Sehen verzichtet hatte, 144 so tat die Leere und ohrenlose Dunkelheit ringsum, was kein Zaum, kein Sternschuß, keine Posaune vermocht hätte: sie stopfte ihm die von den Wänden widerbellende Rede in den Schlund und ehrte ihn und sein Tun, unverantwortlich wie sie war, mit einem Fußtritt in die Weichen seiner Empfänglichkeit, der an Gut und Böse vorbei den Punkt der Punkte traf, wo selbst ein Daß, ein Betriebshelfer, spürt, daß auch seines Tages Abend gekommen ist.

Irgendwo in einer herrschaftlichen Ferne lief sich Wahl die Freiersfüße wund. Aber die abgewetzten Treppenstufen des Sandweges auf und nieder, durch die Mehlhornstraße und so weiter zurück über den Fronereiplatz in die Runde Grube und den Glatten Aal längs der von vielen Jahren abgeschabten Flurwände des Bargehl, von tausendfachem Anschlagen heiser und dünn gewordene Haustürglocken immer wieder zu kläglichem Lautgeben anstoßend, lief auf glatten Gänsefüßen die Gevatterin Unverzagt gespenstig ihr Klatschgemächte einschwärzend und ihren Marktkorb frischen Gerüchtgrüns leerend – lief von früh bis spät und verschliß weder ihre Sohlen noch ihre Zunge; und die Strecke ihrer Bahn dehnte sich zwar nicht in majestätischen Kurven wie die Wahls, aber Weglein knüpfte sich an Weglein, und der Faden ihrer Längen übertraf weit den der Wahlschen Wege.

Von Weinrebe, der am Verlauf dieses Abends mit nichts anderem als Zittern und Zagen teilgenommen hatte, lief bei Wahl ein Brief ein, und nach fleißigem Studium dieses Schriftstückes gärte in ihm wie blasiger Schaum die Erkenntnis, daß Bostelmann mit der Verwerfung Weinrebes als Helfers am Werk endgültig widerlegt sei. Nein und aber nein – Weinrebes Wirken hatte sich als wert und wichtig erwiesen, Weinrebe blieb sein bester Mann. Daß aber, der Betriebshelfer, so gor es bei ihm weiter, Daß war unvergleichlich wichtiger, und auf ihn baute er seine weiteren Pläne wie auf einen Felsen.

Und er baute, so gut eben Wahl bauen konnte, das heißt großartig hinein in die luftigen Gefilde, wo 145 überall die Trümmer einstiger Wahlscher Schlösser und fürstengleicher Sitze zerstreut lagen. Daß aber besaß nicht nur einen Wildschweinskopf und einen Wolfsrachen, sondern auch mit Fuchsschläue hatte sein Schöpfer ihn gutwillig versorgt, lauter Gaben, die ein Betriebshelfer wie er als gute Gebrauchsstücke in seinem Lebensbetrieb gelten ließ.

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