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Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Zwischendurch genossen Wau und Wahl ein paar heitere, ja ausgelassene Stunden. Wahl, der zu Wau kam, weil er um den Text eines Kondolenzschreibens verlegen war, eine Schreibübung, der dieser sonst so Wort- und Schriftgewandte nicht gewachsen war.

Warum, fragte Wau, als Wahl sein Anliegen vorgebracht, machst du es nicht selbst? – Wahl konnte sich auf keinen Grund besinnen und sagte nur: Ich kann es nicht – alles, nur nicht dieses, ich bringe vor Angst nichts heraus.

Wau zögerte und machte, in Gedanken schon die erwünschten Üblichkeiten formulierend, Einwendungen: Wenn es dir ernst ist, wenn du ergriffen bist, teilnimmst . . .?

Ja eben, erwiderte Wahl, ich nehme nicht teil, es ist mir ganz egal, ob Tante Bertha, Vaters Schwester, tot oder lebendig ist. Vater verlangt es, daß ich an seinen Schwager schreibe, den ich nie gesehen habe – mach doch keine Umstände, setze dich und schreib!

Wau setzte sich, aber der Bau des Gemächtes sperrte 108 sich, es gab Worte, die vertauscht werden mußten und die sich plötzlich an einer anderen Stelle abweichenden Gehalts betreffen ließen, wo der Sollton der Aufrichtigkeit und angelegentlichen Herzlichkeit den fatalen Beigeschmack herzloser Berechnung aufs seufzende Witwergemüt bekam.

Es half nicht, es mußte Kognak herbei, und die Flasche mußte geleert werden. Wau war nicht schreibgewandt, aber er schrieb gern. Der Griff zur Feder glich dem Aufklinken der Tür zu einer nicht von Wahl beeinflußten Abseitigkeit seines Lebens. Hier war er wirklich allein, hier war er Herr – und hier war Wahl immer draußen, und niemand kam und ging als er selbst auf allereigensten Sohlen. Er stellte sich die tote Tante vor, den mehr oder weniger erschütterten Überlebenden, den Bruder der Verewigten, Wahl senior selbst, und schließlich Wahl, der zur Seite saß und Eile hatte. Er schrieb, strich aus, stopfte zwischen die Zeilen, was der Raum zuließ – trank und erwog halblaut ein oder anderes Wort der Tiefgerührtheit im Verbande der dem Ernst des Falls angemessenen, herzliche aber männliche Gefaßtheit bezeugenden Schar von Zeilen, strich und stellte das Gestrichene in seine schon verlustig gegangenen Rechte wieder ein, wozu allem Wahl so kuriose Verbesserungsvorschläge machte, daß Wau von himmlischer Heiterkeit ergriffen wurde.

Einer seiner Vorschläge leitete den Satz mit »glücklicherweise« ein, und sie boten und ließen ab beim Streit um dieses Wortes Verwendbarkeit wie bei einem Kuhhandel. Wahl war stolz auf einen solchen in einem Kondolenzschreiben ungewöhnlichen Ausdruck – aber natürlich: Wau sollte es vollenden und zum erbaulichen Klingen abrunden. Schließlich, da jeder sein Bestes tat, Wahl mit Beharren und Fordern, Wau mit Vorschlägen, deren Knifflichkeit den Zauber üben sollte, aus dem Unangebrachten das Ominöse auszulaugen und einen sterilen Rest von Klang und Gestalt als Grundstein für einen Satzaufbau zu legen, einigten sie sich auf diesen Beginn: Glücklicherweise nimmt mit der Tiefe des 109 Schmerzes die Innigkeit der Ahnung von der unauflöslichen Verbundenheit in wahrer Herzlichkeit unseres Gemütes zu, die Untröstlichkeit des Scheidens wächst mit dem Gefühl der Einheit im Geiste der reinsten Unvergänglichkeit aller in Liebe gehegten Dinge zusammen und bildet mit ihm eine neue Wirklichkeit, eine solche, die . . . und so weiter.

Es muß gesagt werden, daß dieses Getröpfel aus künstlich erzeugter Tränendrüse aufs Papier die tiefste Wirkung tat. Der Witwer fühlte sich wie von der lautersten Innigkeit eines fremden Zuspruchs tief und dauernd berührt. Zerknirscht, wie er war, wünschte er nur immer das Gleiche zu hören, und das Wenden des Trauermantels in Farben der Rührseligkeit von einer Seite auf die andere und wieder auf die eine nahm er gar nicht wahr.

Was sind wir doch für falsche Propheten, sagte Wau. Wind unserer Mäuler sollte mit Recht des angeredeten Menschen Herz ergrimmen – und fügte leiser hinzu: Für ihn, wie ihm zumute ist, mag der Wolf im Schafskleide so gut sein wie das in Wahrheit aus dem Schafstalle entlaufene Lämmlein – wie viele mag es wohl geben, die in den gehäuften Üblichkeiten unserer Jammertöne Kognakodem und Schnickschnack der Unechtheit heraushören? – Einerlei, sagte Wahl, du hast einen schönen Brief geschrieben, und für kommende Fälle lege ich mir eine Abschrift beiseite. – Knall und Fall und Widerhall, antwortete leicht angesäuselt und seiner Sorgen entbürdet Wau dem stutzenden Wahl – geh heim und sei ein ordentlicher und so gut gearteter Satan, wie du's vermagst . . .

Sorgen wie die Waus lassen sich durch Kognak verscheuchen, aber sie weichen nur eines Sprunges Weite vom Wege, denken nicht an Flucht und Verschwinden, und wenn der Morgen graut, stehen sie da, breit und mästig, wegelagererhaft und frisch verschworen, lachen des verdunsteten Kognaks und sind nicht nur die ersten besten, sondern auch die bösen letzten des Tages. Es lag an Wau, wenn der zu ihrem nächtlichen Verscheuchen 110 willige Kognak meistens in seiner Flasche blieb, denn die Flasche war eben nicht Waus letzter Trost.

Wahl hatte wohl bei erstem Bericht Waus über die Austreibung der »Rotte Wunderlich« unter Vorantritt Onkel Vorholzens triumphale Befriedigung wie zu einem von ihm selbst vorbereiteten Ausgang und guten Ende aller Peinlichkeiten gezeigt, aber seit längerem zeigte das Barometer seiner Gesichtszüge auf schlecht und schlechteres Wetter. Diese Hexe, murrte er, wenn von Frieda gesprochen werden mußte, und wenn sie schon eine Hexe ist, so will ich dafür sorgen, daß sie gebührend gefoltert und verbrannt wird.

Was heißt Hexe, erwiderte wohl Wau. Hexen waren arme Luder und gestanden ihre Teufeleien auf der Folterbank – und die Frieda, das bedenke, weiß nicht, was sie tut. Frieda ist von ihrer armseligen Unvernunft heimgesucht und vollzieht das Verdikt ihrer Sippe an uns – mir, wollte ich sagen –.

Nun ja, Frieda war zur Erpresserin bestimmt worden, und die ganze Rotte wollte ihren Anteil an der Beute. Mit der Bewilligung von Entschädigungen für ausgestandenes Ungemach, Ängste und erlittenen Schaden fing es an, und Onkel Vorholz erachtete es unter der Würde seines beleidigten Stammes, mit Apfelmus, wie er sagte, abgespeist zu werden. Ihm dünkte Suppe, Braten und Zukost nach Belieben eine nur geringe Buße für die herrschaftliche Schuld. Und diese Schuld schien ihm erwiesen, und Wau selbst war in seinen Augen die fettgemästete und schlachtreife Ursache aller bösen Dinge.

Mutter Wunderlich war gewiß eine brave Frau, und der Möglichkeiten zur Bravheit waren viele. Und in all diesen vielen hielt sie einen hohen, wenn nicht höchsten Standpunkt inne. Wau aber mußte langsam erkennen, daß diese Wunderlichsche Bravheit ihren Wuchs aus den Wurzeln des Wunderlichschen Bodens gewonnen hatte, eines Bodens, in dem der Wuchs aller fernen und näheren nachbarlichen Bravheiten ebenfalls wurzelte. In allen Gemäuern des Sandgangs, in der schwammigen Baufälligkeit des Kalkofens, in der Hinterhäusigkeit der 111 Mehlhornstraße, weiter herum und näher bei, strotzte die gleiche Zucht der gleichen Ehren- und Gutartigkeit, denn die nachbarlich Verbundenen hielten auf sich und eine säuberliche Entsprechung aller Zugehörigen gegenüber der nachbarlich normierten Sitte und Moral. Man hätte sagen dürfen: Dies beste, weil unerschüttertste Viertel der Stadt. Hier galt, was zu gelten bestimmt war, ohne Abhandeln – und die Ausnahmen unterwarfen sich wenigstens dem Zwang der äußerlichen Wohlanständigkeit nach geforderten Maßen. Dies alles sah Wau bald ein, er mußte aber bald erkennen, daß, wie niemand über seinen Schatten springen kann, auch die Wunderlichsche und die ihr benachbarte Elle nicht länger war als sie selbst. Ohne über schlecht und recht zu grübeln, stellte er fest, daß Fragen um Dinge mit besagter Elle gemessen wurden, die für sie ungeeignet waren, nämlich für seine, Waus eigenen Dinge. Sie behandeln mich wie einen Klotz mit ihrem Weil und Also, sie rechnen wunderlichsch und setzen Wau gleich Wunderlich. Die Gesamtheit der Sandstraße und des Kalkofens und weiter herum folgert mit klotziger Ehrbarkeit, – und wenn ich zwar nicht besser bin als sie, so bin ich doch anders. Sie messen mir Kleider an nach ihrer Art Bedürftigkeit, und nach ihren bescheidenen Maßen zu sehen, zu hören und zu verurteilen, werde ich gröblich vermessen. – Schon Wahl hatte ihm, wohl wissend, was er sagte, gedroht: Für alles gibt es Gründe, und wenn du nur einen halben Spaß dabei gehabt hast, so nimmt man für gewiß, daß es ein ganzer war. Zwar hatte Wau nicht einmal einen halben Spaß an dem gehabt, was er gut- oder vielmehr schwachmütig zuließ und also gutzuheißen schien, aber die Wunderlichsche Elle maß mit Fleiß und maß einen ganzen groben und unmißdeutbaren Spaß heraus.

Und Frieda, Frieda Wunderlich? Friedas Wurzeln staken mit allen Verzweigungen im Sandgang, und alles, was ihren Augen unzutreffend war, galt dem Sandgang als bestimmteste Ausgemachtheit. Hierin wußte der Sandgang, was er sich schuldig war, nämlich die Festlegung 112 von Waus und nur Waus Schuld im kleinen und großen und besonders im hauptsächlichsten Falle, über diesen zu streiten, ja nur zu reden, lohnte nicht, und wenn je einmal Friedas Besinnlichkeit ihr zaghaftes Schnäbelchen auftat, wälzte die Selbstverständlichkeit Onkel Vorholzens, Mutter Wunderlichs und des ganzen auf Bravheit haltenden Viertels rumorendes Besserwissen über ihr kümmerliches Lautgeben hin. Das Ende konnte nicht anders aussehen, als die Gewalt zuließ, ihr eigenes Wissen und Meinen war glatt gewalzt, zunichte geschwert und aus ihr gepreßt. Sie wußte es nicht besser als alle ihr gut und förderlich Gesinnten – Wau war schuld an allem und aller Vergeltung zu Recht wert.

Wahl warf sich in seinen infernalischen Staat, kleinkarierte Breeches und knallfarbiges Jackett mit doppelbreiten Schultern. Damit, gewissermaßen wie mit fliegenden Siegesfahnen, rückte er Onkel Vorholz auf die Bude. Onkel Vorholz, gänzlich ungebügelt, wie er war, machte, nachdem Wahl, keineswegs genötigt, näher zu treten, und in einem ehrbaren, aber dunklen und etwas schlampigen Flur durch wirkungslose Beleuchtung nicht gerade ermutigt, schneller als nötig seine Kanonen abgeschossen hatte, keine Anstalten, sich auszukennen. Er titulierte Wahl, der es nicht für nötig befunden hatte, seinen Namen zu nennen, mit »junger Mann«, machte seinen vorn von Arbeit ganz glatt und breit gewordenen Zeigefinger sehr krumm und bohrte in der Tasche seiner zerknüllten und verschwitzten Strickjacke, bis er die dort aufhältliche Rolle Kautabak richtig fand, wühlte ein Messer aus der Hosentasche, das aber erst aus einem roten und nach förderlicher Schnauberei aussehenden Taschentuch gewickelt werden mußte, schnitt ab und barg den schwärzlichen Wurm in den Hintergründen seiner Kusen, wobei allem Wahls Zungenübungen wohl rauschend um ihn kreisten, aber offenbar vergeblich nach einem Eingang suchten. Als Onkel Vorholz den Priem in Nummer Sicher hatte, bequemte er sich zu einer Auskunft: Ich habe wirklich alle Hände voll zu tun und kann keine neuen Bestellungen annehmen. Gehen Sie 113 getrost zur Konkurrenzschaft, junger Mann, und wenn Sie noch die Haustür unten zuziehen wollen, die ist aufgeblieben . . . sonst muß ich erst selbst . . . kurz, Wahl trat mit den Sohlen seiner gelben Stulpenstiefel auf das Pflaster des Sandgangs, ohne ihm einen Eindruck zu hinterlassen, und war auch zu gewiegt in Geschäften, um den Wunsch zu spüren, mit den Zähnen knirschend ein Hufeisen seines Stiefels in den Stein zu prägen, selbst wenn der mit Eisen beschlagen gewesen wäre. Er ging aber sicher genug seines Weges aus diesem Viertel, das er nie wieder zu betreten beschloß, da es offenbar kein Boden für seine Füße war. Er suchte und fand den geraden Weg zu Bostelmanns Behausung. Bostelmann beehrte zwar die Wauschen Fatalitäten mit willigster Aufmerksamkeit, aber sein Entzücken über Wahls zirkusdirektorialen Aufzug veranlaßte ihn nicht nur zu weitestem, sondern breitestem geradezu grenzenlosem Entgegenkommen. Er kannte Wahl, wie jedermann Wahl kannte, aber zu einer persönlichen und genaueren Bekanntschaft, zu der jetzt der Weg geebnet und frisch und freudig betreten wurde, war es durch Zufallsgefallen bisher nicht gekommen. Er begriff mit Windeseile: Wahl war sein Mann, naiv wie soeben aus dem Ei geschält, gescheit und oft pfiffig und zugleich arglos, der wahrhaft gefundene Gegenstand für alle Bostelmannschen Launen, Tücken und alkoholisiertes Frère-et-cochon-Belieben. Sie saßen bis an den Morgen hinein beisammen, und der Beschluß ihrer berauschten Weisheit war der Untergang des ganzen Wunderlich-Vorholzischen Viertels in Schauern von Pech und Schwefel, Sodom und Gomorrha dürfte es nicht schlechter ergangen sein.

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