Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ernst Barlach >

Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Zwanzigstes Kapitel

Was mit-, durch- und füreinander leidende Menschen tragen können, davon weiß das Ehepaar Wau auszusagen – und waren doch beide großherzige und zum besten Wollen bereite Menschen. Ein allerdings in Leiden dieser besonderen Art tieferfahrener Bekannter Waus pflegte zu sagen: Ein Dolchstoß mit nicht gerade tödlichem Ausgang gehört unter die Kinderspiele gerechnet zu werden, wobei ja auch lamentiert und geplärrt wird – gegenüber diesen anderen Folterungen durchs Daseinmüssen in dem Fegefeuer der zwiespältigen Einheit, wie der einer unstimmigen Gemeinschaft. 100 Wenn das alles aus Fügung und Schicksal zusammengerinnt und zur Qualbereitung angeordnet ist, so ist dennoch die tückische Schuldfalle Tag und Nacht gespannt und schlägt unversehens ihre scharfen Zähne ins schaudernde Gemüt. Die stärkere Henny wollte Waus Bereitschaft zum Verzicht nicht gelten lassen und war darum ihrerseits wieder die Unerfahrene. Sie gestand ihm gewissermaßen nicht das Recht auf Enthaltung von der üblichen Lebensnotdurft Glück zu, dem sie selbst sich seit langem entzogen hatte. Er lebte am zufriedensten als stiller Zuschauer der kleinen wie der großen Dinge, und der Humor des Betrachters eigenen und fremden Wesens verließ ihn selbst in den grauesten Tagen nicht ganz – und sie, Henny, hatte das Gewand ihrer Zeit von sich getan, und wenn sie handelte, so war ihr Tun ein solches aus der völligen Ungebundenheit durch Selbstsucht und zugleich ein solches der bedenkenlosesten Selbstigkeit einer furchtlosen Überhebung, mit der sie menschliche Begrenztheit sprengte und ihr Sein frei gewagt mit Sorge für die ganze Welt belud. Wenn es hier oder da Heilige oder doch des Lobes aller Guten und Besseren Würdige, anderswo Sünder und Böse geben sollte, welche Annahme mancher Wahrschein belichtet, gegen die aber viele Erwägungen sich richten, so ist dennoch oft nicht klar, wer denn nun die Betreffenden, hier Heilige und Bessere und sogar Beste, dort die Bösen eigentlich sind, denn beim geringsten Fortgang des Geschehens der Dinge oder beim stürmischen Drängen der Gewalten gegen und durch einander, beim Ausbrechen bislang verborgener Möglichkeiten stehen dann plötzlich die als solche geltenden Sünder in Schuhen von Heiligen da, und die Heiligen sind unversehens beladen mit Schuldlasten, deren die Sünder frei und ledig geworden.

Aus welcher Ferne, welcher Wirklichkeit die Stimmen kamen, die in Waus Ohren nachhallten und die seine Seele in Weltweiten hinausgerufen hatten, als er sich eines Tages bewußt wurde, daß die hergebrachte Fülle seiner Alltäglichkeit zur Leere geworden, dagegen die 101 gewohnte Unbestimmtheit sonstiger Zustände seines Gemüts in Macht- und Stolzerhobenheit ausgebrochen und sich zu gewissester Wirklichkeit geformt hatten, woher und warum dieses Geschehen über ihn gekommen, dies zu erfahren blieb ihm versagt.

Siehe, sagte jemand, das sind eure Stimmen, die eine Haruts, die andere Maruts, der beiden gefallenen Engel; höret einander und redet miteinander!

Wir, sagte Harut mit der Stimme des einen von ihnen, sind unter denen, die waren, und mußten uns scheiden von dem Einen, der ist. Wohl waren wir unterschiedlich, aber nur von ihm und nicht von einander. Wir schieden und fielen ab: Eins mit einander, aber uneins mit ihm, der ist.

Mitnichten, Harut, sagte die andere Stimme, der da ist, hat uns verworfen, und er wollte, daß wir fielen, wir sind ins Unrecht gestoßen und ins Böse gestürzt. Er hat sich von uns geschieden, von uns, dem Abfall seines Überflusses. Weil der Eine ist, mußte der Zweite werden, er bedurfte des Bösen, damit das Gute würde.

Und durcheinander, bald von der Stimme Haruts, bald Maruts, klang es weiter: Wir waren eins mit einander, wir zwei – so ist es nicht mehr – auch wir sind entzweit und zu zweien geworden, jeder seines Selbst eigener Herr und Knecht seines eigenen Beliebens durch das Belieben des anderen, der anders, ist. – Und Marut fuhr fort: Das aber ein Belieben ist durch den Haß, durch den Haß, der der Liebe dienen sollte. Aus dem gemeinsamen Haß gegen den Einen. – Harut erwiderte: Gegen den Einen, der den Haß geboren hat, damit die Liebe sich stark und übermächtig entfalte. Darum sage ich dir, Marut, mein Bruder, hasse recht, hasse mit dem quellenden Haß des tiefsten Grundes. Und so du derart hassest, besorgst du die Geschäfte der Liebe. Und da Liebe nichts ist als die große Freude, die alles ist und sein wird, so sei deine Losung die Häufung des Leides auf immer neues Leiden. Immer sei das Leid der Garten deines nie ermüdenden Fleißes. Pflanze 102 Leid, hege Leid, und du wirst die Ernte der Liebe bereiten. Sieh und höre, wie ich es sage.

Marut schwieg eine Weile und verharrte in Verdüsterung. Dann schallte seine Stimme wie eine Glocke: Du lügst, Harut, mein Bruder, nie kann der Mehrer des Leids ein Mehrer der Lust sein. Nie wird der Sack, in den Haß gefüllt, der Sack sein, aus dem die Hände des Einen Liebe säen. – Harut sagte gelassen: So wahr wieder, der des Todes stirbt, zugleich ein Werdender ist und doch ein Vergehender, so wahr du sagen kannst, man wird den Tod erleben, so wahr ist das Wort meines verheißenden Mundes vom Werden der Freude aus dem Vergehen der Lust und vom Geschehen der Liebe aus dem Geschehen des Hasses. Ich, des sei der gelobt, der da war, ehe ich war, und der wohl anders war als ich, aber so, daß mein Anderssein doch nur die Folge seines Andersseins war – ich, der so lobt, habe das so geartete Wissen vom Guten aus meiner bösen Beschaffenheit, die Welt ist auf dem Gange zum Guten und dem Wege zu ihrem Wohl. – Marut verharrte im Widerspruch. Du lügst, Harut, sagte er, und hast gelogen von Anbeginn. Du lügst, denn nie kann geschehen, was geschehen müßte, wenn die Welt ist auf dem Gange zum Guten, wenn nicht vorher geschah, daß alles Leid aller Zeiten zum Nichtgewesen kommt. Dieses aber bleibt ungeschehbar und unerreichbar – und also ist die Welt nicht auf dem Gange zum Guten.

Harut ließ nicht ab. Marut, mein Bruder, auch dieses wird sein, dieses, das größte der Dinge dessen, der da ist, daß ungeschehen sein wird, was geschah, und daß alles Leid aller Zeiten nicht und nimmer gelitten ward. – Und als Marut schwieg, fuhr er fort: Es ist schon geschehen, gelobt sei, der da war, ehe ich war, der wohl anders war als ich, aber so, daß mein Anderssein nur die Folge seines Andersseins war. Und so sehr mein Anderssein eine Ungleichheit des Scheins und nicht der Wirklichkeit war, so gut ist ungeschehen, was ungeschehen sein muß, wenn die Welt auf dem Gange zum Guten und dem Wege zu ihrem Wohl ist.

103 Maruts Gedanken, die er nicht auf den Weg der Worte gehen ließ, hörte dennoch das Ohr der Welt, und sie dröhnten durch die Weiten der Brust des Alls: Alles Leid darf nicht geschehen sein, dieses ist das Größte aller Dinge. Und nur durch Geschehen des Größten kann die Welt auf den Gang zum Guten und den Weg zu ihrem Wohle kommen.

Siehe, sagte jemand danach, das waren eure Stimmen, so habt ihr einander gehört und mit einander geredet!

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.