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Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtzehntes Kapitel

Wenn unbestimmt viel Leute zwar Unbestimmtes, aber mancherlei wissen, weil andere es erzählt, andere 84 leichte Vermutungen, wieder andere Wahrscheinlichkeiten daran geknüpft haben, so fährt der Lästerwind auf und wirbelt durch die Zungen, und dann rauschen die Gewißheiten bald daher und blasen in die Posaunen. In vielen Fingern aber prickelt es, juckt und zwickt, Federn spüren es und kriegen es mit dem Kritzeln, und so geschah es Henny Wau, daß bei ihr aufgebauschte Auslegungen von Waus Gartenromantik beschwörend eingingen. Wau las den Brief, in dem sie, ihrem Manne zuredend, fragte, ob nicht das Gut der Gelöstheit vom Bedürfnis jeder Rücksichtnahme, sei es auch nur der Verpflichtung gegenüber einem Schein und dem Rest einer Erinnerung, ihm nunmehr, wenn auch unbeansprucht, zufallen müsse. Sie glaube, was ihm gehöre, dürfe er nicht mehr von ihm selbst unverwaltet lassen, sie wünsche, daß er sich die Notwendigkeit der Ehescheidung nicht länger verhehle. Wau antwortete zustimmend, bat Henny aber, noch einmal zu kommen, ein Wunsch, der ihm überm Schreiben in die Feder floß, an dessen Gewährung er keine Erwartungen knüpfte, nichts als eine Schlußformel, ein Wort zur gefälligen Abrundung der kargen Erklärung – klein wie ein Nichts, das er dennoch nicht ungeschrieben wünschte, als es nach mehrmaliger Prüfung des Briefes seinen Blick immer wieder gefangen hatte. Er nahm es mit Briefen genau und so auch mit diesem, genau mit jedem Wort, so auch mit diesem Wort darin. Nein, sagte er, sie mag kommen, wenn sie kommen mag. Da keines ihrer Worte als Eingebung von zu ihr gedrungenen Gerüchten ausgelegt werden konnte, so ließ Wau keinen Hauch einer Wendung gegen Nachreden unter seine Zeilen fließen. Er glaubte, Hennys eigene Wünsche und ihre Form einer Warnung vor Versäumnissen seines Besten zu erkennen.

Übrigens nahm Wahl nunmehr an Erfahrungen und offenbaren Wundern aus seelischen Abgründen keinen weiteren Anteil. Er schien, wie er der seltsamen Gemeinschaft im Erleben einer weltweiten Vorstellung gewiß vergessen hatte, die doch nur angebahnte Regelung 85 der Umstände mit der Frieda als Bagatelle neben anspruchsvolleren, als lästig und unbeachtlich und weit ausgreifenden Notwendigkeiten abträglich sich selbst überlassen zu wollen. Die Planung war nach seinem Urteil mustergültig, es konnte gewiß nichts fehlgehen, und so ließ er die Augen davon, wandte sich ab und war frei für höhere Anforderungen. Er war der Gunst der Stunde verpflichtet und fühlte sich schlecht aufgelegt, Heil oder Unheil eines Zugehmädchens seiner Aufmerksamkeit oder gar Sorge zuzumuten. Das alles war unwichtig; ihm Gespräche darüber aufzunötigen, wäre kränkend gewesen, derlei Umstände gehörten vor seinen Augen in den Kaninchenstall, bekamen ihr Futter und mochten ihre Blättchen rupfen, hatten nun aber das Verhalten zu beobachten, wie es dem Kaninchenstall angemessen ist. Die Welt ist weit, und was in der Weite rumorte und an Wichtigkeiten schmorte, was da schöpferisch kreiste und tausend Gelegenheiten zum Regen verhilft, das Fluten der Geschehnisse, Hochwuchs von Handel und Wandel, Ausbreitung in fremden Sphären der Heimat, das rührte erschütternd, wenn auch mit Einbuße an Gewaltsamkeit, an die abgelegeneren Zentren, so auch an Waus und Wahls Städtchen. Ämter waren beim Rütteln der Zusammenhänge der öffentlichen Vielfachheit frisch geboren. Trennung, Zusammenbruch, Neugestaltungen im bisherigen Bestand der Dinge waren an der Tagesordnung, und die Durcheinanderwürfelung manches Gewesenen brachte die stille Üblichkeit auch des Städtchens zum Gären. Was zu eng war und doch ein kümmerlich leidliches Wohlsein gedauert hatte, wurde gesprengt, Bedürfnisse pochten mit Fäusten an die Tore, Notwendigkeiten offenbarten eine Stimmkraft, der das raffinierteste Totschweigen nicht gewachsen war, der Boden kreißte sozusagen und warf aus den aufgebrochenen Schollen Anfänge herauf, die gespeist und getränkt wurden aus zahlkräftigen oder lieferungsbedürftigen Fernen wo nicht hinter den Sternen, so doch jenseits der Berge und Meere. Auch Säbel und Flinten fanden ihren Weg ins Städtchen, und ihre 86 Träger mußten in Betten und an Tische gewiesen werden, die der Höhe oder Bedeutung hoher und niederer Ränge entsprachen. Weil Kind und Gesinde wollten versorgt werden, und an die Bereitschaft der Herren im Rathaus, Vorstädte und Stadtteile aus dem Boden zu stampfen, nicht nur die Inhaber der Ämter, sondern auch die Ämter selbst unter Dach und Fach zu bringen, wurden die größten Anforderungen gestellt. Dem Wohnbedürfnis folgte die Wohnungsnot auf dem Fuße nach, und der Wohnungsnot wiederum die »Organisation ihrer Bekämpfung«. Die Bekämpfung ihrerseits bedurfte der Organisation eines Zuzuges aus Nähe und Ferne, die auch wieder der Wohnungsnot beisprang und ihr zu noch besserem Gedeihen verhalf. Pläne, Planungen, Vorschau und Überblick spuckten in die Hände, und der Spaten verlernte das Feiern. Die Preise für Lehmgruben und Kieslager in diesen regen Zonen stiegen, weil in der Ferne Erdteile tief gebohrt werden mußten, und der Säbel klirrte über das Straßenpflaster, Achtung heischend und Furcht gebietend in die Ohren der mit Bodenschätzen gesegneten fernen Länder, Länder, die unstreitig unserer Interessensphäre angehörten. Wahl plätscherte rüstig in seinem Element. »Wir« und »unser« spickten seine Sätze. Wir brauchen, unser Bedürfnis, unser Anrecht, wir verlangen, wir wollen und müssen, unsere Gelegenheit, unsere heiligen Pflichten gegen uns selbst, unsere Hochkultur, wir die Aufstrebenden, wir die Einzigen, wir Wohltäter der Menschheit, wir kraft unseres Erbrechtes Inhaber unseres Weltreiches, wir Strahlenden, wir Hochgemuten, wir, die wir, da wir, seitdem wir, falls wir und überhaupt wir: mit uns, unter uns, für und wider uns, aus uns und niemand als uns und außer uns und überhaupt: Uns! . . . Dieses alles war wohl nicht über Nacht in so stürmischen Gang gebracht. Vorstadien der kommenden Hochzeiten hatten Fluten von Möglichkeiten herbeigeführt und waren zu Gipfeln taumelnder Erwartungen aufgeschwollen, Ebben waren gefolgt mit Katerstimmungen und Ernüchterungen, aber dann hatte gerade in diesen Tagen eine 87 Erfüllung die andere durch die Tür geschoben, als wollte jede zuerst zu Stuhl kommen, und Wahl hatte Wau beglückt als wahrscheinlichen Mittelpunkt der künftigen schwindelerregenden Preissteigerung das Baugrundstück Waus genannt, den bisher still und abseits gelegenen Garten, durch seine glückbringende Fürsorge ausgewählt, durch seinen Weitblick von ihm in Waus Hände gebracht. Indessen wählte der Sturm des Verlaufs eine andere Bahn.

Ein Herr saß mit anderen Herren an einem Gasthoftisch des ersten Hauses am Ort, als Wahl vorüberschlenderte, suchend, zwar noch nicht wissend, was, aber zum Finden erzbereit. Dieser Herr war offenbar kein hiesiger, während die anderen Herren ältere und alte Bekannte waren. Wahl hörte im Vorüberstreichen, wie dieser selbe Herr mit einer Stimme und mit einem Tonfall, die Wahl eigentümlich vertraut waren, die Worte: Süden, Süden, Westen ist Unsinn . . . aussprach, ein Dominostein in der Unterhaltung, dem Wahl, der ein ganzes Spiel derartiger Steine in der Tasche trug, sogleich in Gedanken den rechten Stein zufügte und, in Gedanken weiterspielend, die Partie an sich riß und siegreich immer in Gedanken beendete. Das südlich angrenzende Gelände des Städtchens lag ihm seit langem im Kopfe, und der Westen, Waus Abgelegenheit, war im Grunde zu nichts gut als zu aufmunternder Unterhaltung. Er wußte bald dem einen und anderen Herrn von den hiesigen anderen am Tische zu begegnen und ahnungslos Ausplaudernden mit gewinnendstem Mienenzauber zuzuhören. Die echt Wahlsche Hemmungslosigkeit ballte ihre Kräfte, und der Wahlsche Furor verdoppelte seine Schwingen. Als er dann kurz darauf die Bekanntschaft eben dieses Herrn machte, nämlich des von außerhalb und von Wahl als Wuchs aus gleichem Boden wie dem seinen in blitzartig aufleuchtender Eindringlichkeit erkannten, hatte er, Wahl, einen Vertrag in der Tasche, den jener, unbekannt mit Land und Leuten, mit so unbegreiflicher Schnelle nicht hätte in seine eigene Tasche bringen können. Der Herr hieß 88 Lundberg und hätte viel darum gegeben, wenn er Wahl, Wahl aber Lundberg geheißen hätte, er also Inhaber bewußten notariell beglaubigten Papiers gewesen wäre. Lundbergs Umstände hatten einen breiten und zuverlässig tragfähigen Rücken, und Wahl zögerte nicht, diesen Rücken zu besteigen. Lundberg selbst witterte die Morgenluft des Gedeihens ihrer beider Zukunft, und die Verbrüderung zum Zweck des gemeinsamen Ausbaus ihrer Zukunft vollzog sich also ebenso schnell und herzlich wie vorbehaltlich und einstweilig. Wahls Glück hatte hohe Fahrt bekommen, seine Glorie glühte vom Flackerschein der Erwartung unbegrenzter Herrlichkeit. Das im Süden der Stadt vorgelagerte Gelände war der Ansatzpunkt für den Wachstrieb der Stadt geworden, und die Umgebung des Wauschen Gartens wurde dadurch nur noch einsamer, und wenn sie ehemals abseitig gewesen, so gedieh es ihr bald zur Verwunschenheit.

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