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Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebzehntes Kapitel

Wahl trat zu Wau ins Zimmer, frischbraun, als hätten salzige Meeresluft eines tiefen Südens und die Sonne 73 Homers bei dem Werke geholfen. Dazu strotzend in einer Farbenpracht seiner Gewandung, bei deren Mischung ein auswärtiger Kleiderkünstler zu den gewagtesten Ratschlägen aufgestachelt worden war. Stürmisch war sein Auftritt, siegreich, fast drohend sein Blick, und wie Wau ihn kannte, war er hochträchtig eines besonderen Vorhabens.

Die braunen Hefte Schults lagen auf dem Tisch, und als Wahl niedersaß, tippte er herrisch auf die mehreren, denn Schult hatte Wau beim Abschied im Absteigequartier zu dem einen auch noch die weiteren Drucke auf dem Sofa wie ein fächerartig gebreitetes Kartenspiel zum Auswählen dargeboten. Wau hatte zugegriffen, die vier oder fünf Hefte wieder zusammengeschoben und als seinen Besitz erklärt. Was sind das für Lappalien? fragte Wahl einleitend und war im Begriff, die papierenen Hüllen beiseite zu schieben, denn er achtete derlei unstatiös gebündelten und bescheiden gehefteten Druckkram nur gering. Der Umschlag war es, der in seinen Augen den Ausschlag bei der Bewertung gab und entschied, ob ein Buch Anspruch auf einen guten Platz im Regal machen durfte. Wau winkte leise ab und griff eins der Hefte heraus, ein flüchtiges Zucken von Trotz auf der Stirn. Er schlug auf und las laut, was er sonst fast nie tat. Überschrift dieses ersten, lieber Wahl: Es rotten sich Kirchen und Kapellen.

Der Bettler

Er tritt noch täglich mitten zwischen sie,
aber seine Gewänder sind verbraucht,
die großen Propheten sind tot,
und seine Häuser sind wie leergefaulte Schalen am Meer.
Man hat ihm seine Zeit gesetzt.
Ihn hungert hinter feierlichen Fenstern,
Des Sonntags speist man ihn.
Ein kleiner Gott, den eine Negerin am Halse trägt,
ist besser dran als er.
Nur seine ehrnen Zungen riß man ihm nicht aus; 74
er darf sie rühren dann und wann,
und nach Gebühr und Maß.

Wahl wurde herzlich unbehaglich zu Mute, er fühlte sich zu Unrecht hintangesetzt, bewahrte aber klug eine achtungsvolle Haltung. Wau schenkte ihm nichts. Er las weiter:

Kirchen über der Stadt

Sie fuhren früh wie große Archen aus;
vorweltliches Geschwader, fromm und räuberisch
die himmlischen Küsten plündernd.
Gott aber schwieg. Und seiner falschen
und ergrimmten Heiligen Geschrei
erschreckte sie und warf sie an den Strand.
Sie drohen noch. Der Glanz des fremden
Gestirns auf ihren Schultern
ist noch nicht ausgelöscht . . .

Und als ob er fürchte, nicht rechtzeitig das Gesuchte zu finden, überschlug er einige Zeilen. Dann ging es weiter:

Himmelfahrt

Er ist alle Tage gesattelt und geschirrt,
unruhig stampft er mit den mächtigen Hufen
und wartet, wer ihm auf den kupfernen Rücken springt.
Sie achten seines Gescharres nicht,
sie hören sein orgelndes Gewieher nicht,
sie handeln unter dem brennenden Schweif
frisches Gemüse ein
und lebenden und gedörrten Fisch.
Am Abend heult er wie ein Gespenst
und schnobert nach goldenen Krippen.

Er brüllt wie ein Stier,
da nimmt er mich auf,
da hals ich den Turm,
es stampfen die Pfeiler, 75
es klirren die Ziegel,
da schwank ich im Sattel,
da hebt sich der Stein.

Er fährt mit schrecklichem Getöse auf.
Es rotten sich die Kirchen und Kapellen.
Sankt Gertrud hängt sich wie ein furchtsam Nönnlein
an seinen Schweif.
Erhängte schlägt sie sanft in ihren Mantel
und trägt sie näher an das glänzende Gestirn.

Wau mit einer Art Ingrimm im Herzen blätterte schnell um.

Die Jakobsleiter

Auf deinem Steine nährt und wäscht dich der Schlaf,
die Stäbe deiner Rippen geben dich frei,
die Nacht höhlt Dome aus,
Gesichte und Zeichen sind über dir,
Flügel rühren dich an,
Morgen ist weit
und ganz am andern Ende der Welt.

Wau schwieg und blickte auf Wahl. Wahl aber war ein kluger Fuchs und merkte wohl, daß er in einer Falle saß. Und . . .? fragte er, denn er wußte, daß keine Falle von selbst aufspringt und ein Fuchsbein unlädiert entläßt. Wau antwortete: Und? Oh, du kannst noch viel zu hören kriegen, wenn es dir so gut tut . . . und entfaltete die Flügelumschläge eines zweiten Heftes, aber er war nur noch wenig ergrimmt, denn er las nicht gut und spürte einen Vorwurf gegen sich selbst, den Vorwurf des Mißbrauchs der großen Worte eines kleinen Mannes zur Aufrüstung seines Gemüts gegen Wahls so oder so geartetes Vorhaben. Er las nur leise noch wenige Sätze:

Du bist ein anhangloser Mann,
es zieht herauf in geilen Haufen,
es rührt dich kein Verlangen an,
um fremde Botschaft mitzuraufen. 76

Du weißt, wo du verschworen bist,
du sollst dich nicht verwirren lassen,
bedenke dich, gebrauche List,
die Mörder schweifen in den Gassen.

Sie werfen Feuer, schüren Brand,
wo willst du deine Seide spinnen,
trink Wasser aus der hohlen Hand
und trabe wie ein Fuchs von hinnen.

Ein Engel nimmt dich an die Brust,
es kühlt dich Sturm aus freien Sphären,
du hast es je und je gewußt,
du sollst dich von Gesängen nähren.

Du fürchtest dich, er gibt dich frei,
im Sturze zählst du deine Jahre,
es fegen Greise Blut und Brei
fromm und verstockt von dem Altare.

Noch willst du armer Sanskulott
Geschöpf und Schöpfer schnell verdammen,
da fügt der spielerische Gott
dich aus den Stücken neu zusammen.

Wau räumte zusammen und sagte etwas kurzatmig: Das tat gut. Wahl seinerseits, langsame Anbahnung von Geschäften gewohnt und ungewiß, ob die Zähne der Falle, kaum gelockert, nicht wieder zusammenschlagen würden, enthielt sich, was für ihn das Gescheiteste war, einer Meinungsäußerung, blickte nur, Nachdenksamkeit und Willfährigkeit im Blick, schräg aufwärts und ließ vermuten, daß er Waus Befriedigung herzlich teile. So folgte ein anscheinend von beiden geteiltes Schweigen der Andacht den Schultschen Strophen, es war dämmerig im Gemach, und Wahl fühlte seine farbige Rüstung verbleichen, ihre Eindrucks- und Einschüchterungswirksamkeit schwächer werden und damit im gleichen Maße die Zuversicht in die eigene heute 77 dringend erforderliche Unwiderstehlichkeit seines persönlichen Zaubers wanken. Er räusperte sich und drehte Licht an. Bei Lichtschein gewann die heftige Farbigkeit seiner heutigen Aufmachung eine Art von Unwirklichkeit, man konnte zweifeln, ob gefärbter Stoff oder Anstrahlung aus der Unterwelt Wahls Leiblichkeit überdeckte. Ihre Blicke kreuzten sich wie die scharfen Waffen in jener Vollmondnacht, und beide waren sich der Gefährlichkeit des diesmaligen Ganges zu Entscheidungen wohl bewußt. Der Verlauf besiegelte Waus schwerste Niederlage, denn Schritt für Schritt in der Entfaltung seiner Darlegungen, körperlich immer näher rückend, so daß Wau sich ein anderes Mal unauffällig zum Abstand verhalf, indem er wegen einer nebensächlichen Hantierung aufstand und den Stuhl zurückschob, gewann Wahl Gewalt über ihn. Mehrere Male rüttelte ein Krampf an Waus ganzem Bau, als ob er widerstandslos der Versuchung erliegen sollte, einen Mörder an der Kehle zu packen, aber Wahl stieß vor und überwältigte Wau vollständig. Zunächst breitete er längliche Papiere auf den Tisch und bewies, daß er mehr für Wau getan, als seine Kräfte erlaubten, indem er für manche noch unklare Forderung von Handwerkern an den Bauherrn einstweilen gutgesagt und nun gezwungen sei, Wau um seine Unterschrift zwar als reine Formsache, aber doch als unaufschiebbar zu bitten. Alles war doch aufs beste und mit bestem, ja hochwertigem Material durch seine Fürsorge beschafft – kurz, er war für Wau Verpflichtungen eingegangen, mit deren Einzelheiten er ihn damals verschont hatte, die aber jetzt doch geregelt werden mußten, und somit – – er legte Papier und Feder vor Wau nieder – nur ein Namenszug und somit gut. Wau schrieb, denn Wahl blätterte vor seinen Augen unablässig, indem er den Mittelfinger der Rechten fleißig an den Lippen benetzte, um desto schneller Seite für Seite umschlagen zu können, benannte längst vergessene Umstände beim Bau mit Fachausdrücken, ließ Zahl um Zahl vor Waus Augen als Nummer im Reigen der Summen tanzen, schnurrte und haspelte ab, 78 was der Beweisführung diente – – kurz, Wau schrieb, und Wahl blickte billigend auf die Hantierung mit raschelndem Papier darein. Dann rückte er wieder näher, dämpfte vertraulich die Stimme, und Wau mußte den Tabakshauch des Lungenrauchers vermischt mit zu reichlichem Ausstrom an schweren Dünsten aus Wahls besten Parfümkaraffen, Faulbaum und Syringe, widerwillig atmen. Wenn er bedächte, wie schwer er mir das alles macht, dachte er noch, aber Wahl wußte gewiß nichts davon und ließ sich keine Zeit zu Bedenken. Es müsse also ohne Zeitverlust etwas geschehen. In dem Hause, wo Frieda bei ihrer Mutter mit noch mehreren Geschwistern lebte, hatte der Hochzeitskuchen für die Trauungsfeier der älteren Schwester zugleich beim Taufschmaus des ersten Kindchens Verwendung gefunden. Das Paar mit ihrem unschuldigen Würmchen war zur Not untergebracht worden, aber Frieda hatte ihren Platz räumen müssen – und einstweilen, verriet Wahl, hatte sie im Gartenhäuschen genächtigt. Wahl senior war nun die Sorge für Nahrung und Obdach dieses Kindes zugefallen, das infolge krächzender Gerüchte auch ihrer Brotstelle bei dem älteren Fräulein verlustig gegangen war. Da sie einer Karla nicht ebenbürtig, also nicht von Frechheit strotzte und gegen keine Übelrede aufzutrumpfen vermochte, so hatte sie den Kopf verloren und wohl, nein gewiß obendrein den Takt des Abstandhaltens und das Gefühl der Wichtigkeit für Standesunterschiede. Nun, bemerkte Wahl zwischendurch, würden wir ja das Notwendige gewähren können, wobei Wau nicht klar war, ob Wahl ihn und sich oder sich und seinen Vater meinte. Aber dem Alten ist auf seine alten Tage mit solchen Weitläufigkeiten nicht gedient – und gewiß auch uns nicht, obendrein paßt man auf uns wie auf Leute mit verdächtigen Fieberbacken . . . gelinde gesagt. Also wir . . . – Wir, ermannte sich Wau einzuwerfen, wir – was habe ich dabei zu tun? – Das ist es eben, antwortete Wahl, das kommt nun. Also die Frieda sitzt im Häuschen und heult den ganzen Tag, und der Alte hilft ihr dabei. Ich würde ihm 79 ja raten, abzureisen, wonach sie das Alleinsitzen wohl überdrüssig bekommt. Aufhängen –, nein, daran ist nicht zu denken, aber wenn du nun mal ein Auge zudrückst oder zwei und läßt es darauf ankommen – so sehr viel wird's ja nicht kosten –, der Alte verschwindet, weil er Geschäfte hat, und ihr wird das Alleinsein sicher über, und sie holt sich, was da gefällig ist und gutwillig Gesellschaft leistet – da, will ich wetten, ist sie im Handumdrehen versorgt, wir exmittieren sie und ihren Versorger – was kann da sein, spricht Löwenstein. Schließlich, Wau, nimm's mir nicht übel, denkt sich mancher manches, und du hast es zugelassen, und für das, was man zuläßt, gibt es Gründe, und wenn du wohl nur einen halben Spaß dabei gehabt hast, nimmt man für gewiß, daß es ein ganzer war. Die Frieda muß aus dem Wege, Wau, und du vermagst es leicht und billig. Ein bißchen Zeit zum Besinnen, ein bißchen Langweilen, der Alte schreibt ein Kärtchen oder zwei, Essen gut, Getränke für ihren Besuch – und der Alte hat immer noch Abhaltung, dabei mehren sich die Gäste im Haus, und schließlich, siehst du wohl, raus mit der ganzen Bagage! – Schon während der letzten Ausmalung seines Zutuns bei der Auflösung aller Wahlschen Schwierigkeiten, Vaters und Sohns, war Wau aufgesprungen und hatte heftige Schritte hin und her getan. Wahls imponierende Ruhe aber, statiös starrend und unbeweglich, nachdem er seine Papiere zur Seite geschoben, mit der Zigarette exerzierend, die er aber auch schließlich fortgelegt hatte, so daß sie sich selbst verzehrte, Wahls Beispiel von Unbeugsamkeit, die Sicherheit des Siegers in seinen Mienen, die Heftigkeit seiner Zuversicht, daß seine Ordnung der Dinge die einzig erfolggewisse sei, Wahls Haltung übte auf Wau einen Zwang aus wie eine lähmende Willensübertragung. Er setzte sich wieder, fühlte Ruhe und Kühle in sich einströmen, enthielt sich jeder Frage und vernahm nur noch wie leichten Niederfall restlicher Tropfen nach einem Ausguß eines Schwalls die Mitteilung Wahls, daß er den Alten bereits zur Abreise bewogen habe, womit denn auch Wahls 80 Eigenmächtigkeit wie schon oft nachträglich nicht mehr moniert werden konnte und der ganze Handel seine Erledigung gefunden. Da in der Provinz solle er in Ruhe wieder an dem mageren Knochen seiner Pension nagen und seines abseitigen Alters froh werden. Frieda habe leidlich getrost den Abschied hingenommen, und wahrscheinlich, trotz fortfließender Tränenbäche, knospe in ihrem Herzen schon die Ahnung des Auflebens frischer Romantik. Der abgelegene Ort mache einstweilen, da sie es hoffentlich nicht zu arg treiben würde, ihr Verweilen ohne Waus Mitwissen oder gar Erlaubnis unauffällig. Ihre Mutter? Ach, Gott, das sei am unbedenklichsten, ihre Mutter sei von ihren andern Töchtern an jede menschliche Möglichkeit gewöhnt worden, und was Frieda ihr nun vormache und wie sie ihren Zustand bis zur baldigen Änderung zum Bessern schildere, das könne dem abgehärteten Mutterherzen nur als Versprechungen der guten Zukunft selbst erscheinen. – Und, die Familie, die Schwester und . . . der ganze Anhang, kommt das nun auch zu . . . zu mir? sagte Wau, bei der Wahl des Wortes fehlgreifend, denn er hatte sagen wollen: zu ihr. – Das sehen wir dann, antwortete Wahl, – hoffentlich nicht, höchstens ein paarmal vielleicht, das läßt sich dann abstellen. Wau schwieg längere Zeit, sagte aber dann: So weit wären wir also . . . ein Satz, den Wahl dahin auslegte, daß Wau sich als befriedigt und von Wahls uneigennütziger Vorsorge zu seinem Besten überzeugt erkläre. Es geschah nun mit Wau aber etwas Seltsames. Eine wohl allzu starke Spannung durch Eingezwängtheit seiner Seele ward gesprengt. Unverhofft weitete sich sein Inneres zu alles umfassender Fähigkeit, und er sagte, als Wahl Anstalten machte aufzustehen: Bleib sitzen, wir sprechen weiter! Er bemerkte kaum Wahls Bekümmertheit ob einer drohenden nachträglichen Prüfung seiner anscheinend günstig aufgenommenen Vorschläge. Aber Wau verfuhr ohne Bedenken geradezu mit Wahl, wie dieser vorher mit ihm, ja es war, als wirke die erlittene Vergewaltigung mit gleicher Gewalt in rückwirkendem Sinne. Wau 81 spürte in sich die Ungeheuerlichkeit der Vision des Weltenschattens nicht bestürzend, sondern entfesselnd und belebend, und die Scheu, Wahl auch nur ein Wort von seinem ehemals niederzwingenden Erlebnis zu reden, war dem Zwang zur Eröffnung gewichen, und in einer Art Furiosität gab er Bericht, schenkte dem starräugigen, nun plötzlich als Freund und nächster Vertrauter, als einziger in der Welt entpuppten Wahl nichts von allen Umständen, die ihn in seltsam heftiger Vergegenwärtigung heute fast zur selben Entrücktheit wie damals führten. Als er endlich schwieg, tat er es nicht mit Blick und fragender Gebärde, was denn nun Wahl zu sagen habe, sondern ließ ihn sich unter der Last des Eindrucks abquälen, gleich als ob es nichts verschlage, ob Wahl noch atme oder ob es ihm den Rest gegeben. Wahl war viel zu sehr von dem annehmbaren Ergebnis ihrer Unterredung befriedigt, als daß er heute zu tun versucht gewesen, was bei ungünstigem Verlauf der Verhandlung sicher nicht ausgeblieben wäre. Ja er war bis zu dem – sagen wir: Wahlschen Grade, der Möglichkeit mitgerissen und von der Schilderung der Vision wie einem abgeschwächten Selbsterlebnis, also etwa einer Sache, die Hand und Fuß hatte und dabei nicht alltäglich war, angeregt. Er hatte also, zwar teilnehmend bewegt, doch nüchtern betrachtend, den Vorteil des Abstandes und fühlte die Notwendigkeit kritischer Prüfung der Sachlage. Dein Schatten also – du, Wau, abgeschattet in – na, in die Welt – ja, siehst du, Schatten kommen doch, wenn . . . er überließ, um keine kränkende Überlegenheit zu zeigen, Wau die Folgerung. – Ja, sagte Wau, gern bereit, etwas prüfen zu lassen, was jedem Versuch zur Verkleinerung des Gegenstandes gewachsen war, . . . ja, wenn ein Punkt, der hell ist, und man vor den Punkt tritt, der hell genug ist, um Schatten sichtbar zu machen – freilich, was weiter? Wahl schwieg, und wieder begab sich etwas Besonderes, indem Wau, in Wahls Natur heimisch, Wahls Vorstellung vor sich sah, die nicht zu Worten werden konnte, weil sie unklar und beinahe erstickend, seiner ganzen Anlage ungemäß, aus 82 Tiefen ausbrach, die unzugehörig zu seiner wahrnehmbaren Umgrenzung gewissermaßen nicht seine eigenen waren. Wau sagte beinahe furchtsam und bestand nach wortwörtlicher Annäherung an ihre Beschaffenheit: Wie kann das sein, gewiß, es kann nicht so sein, daß . . . aber doch vielleicht wäre zu denken, ich wäre selbst nur eine Art Schatten und der Schatten gar kein Schatten! – sondern ich als Schatten, nichts Eigentliches, wäre sein, des Schattens Eigentliches. Er also das Eigentliche vom mir . . . ? Wahl fand Worte und sagte, gleich als hätte er und nicht Wau selbst gesprochen: Ist das so dumm? – Sehr dumm, sagte Wau, eben unfaßbar, aber vielleicht läßt es sich hören . . . und Wahl, wiederum in einer Art Vertauschung ihrer beider, fuhr fort: Wenn es auch dumm ist, so wäre es immerhin was und läßt sich hören. Wau, ein wenig schwindelköpfig, aber auf Wahlsche Art nach grotesker Bildlichkeit greifend, phantasierte drauflos: Alle Achtung, ich möchte mich da im Weltenraum ganz gern herumstolpern sehen, spuck ich aus oder huste, so fliegen Spiralnebelwelten durchs All . . . Wahl bekam nun nachgerade Grund unter den Füßen, er fand sich zurecht, er gab den Dingen einen Wahlschen Schick. Ja, sagte er, und dann wäre es ein rechtes Umgehen mit dir da vor mir, denn du, Herr Wau vom Zollamt, wärest ja nichts weiter als ein Exkrement von deinem Wirklichen . . .

Wau brach der Wendung des Gesprächs ins Spöttische das Genick. So sollte es nicht weitergehen. Er besann sich. Aber, sagte er, Er, der Schatten, das Große, geht und steht und bewegt sich wie ich, tut, was ich will, und ich habe Gewalt über ihn durch das Belieben meines Willens. – Nein, sagte Wahl heftig und alle Rücksicht hintansetzend, das bildest du dir ein – es wird so sein, daß du nur tust, was Er will. Der dir bewußte Wille ist nur dein eingeflößter, so daß du denkst, du bist's, der befiehlt, wo in Wirklichkeit nur Er will und befiehlt.

Wieder waren, wie Wau sogleich sah, sein und Wahls Vermögen der Aufgetanheit gegenüber dem 83 Undeutbaren die gleichen – Wahls, den er vor Minuten noch versucht gewesen war, wie einen Mörder an der Gurgel zu packen. Flüchtig ging ihm die Vorstellung durch den Sinn, ob nicht Wahl seinerseits auch vergleichsweise das Exkrement seines eigentlichen, nicht weniger weltgewaltigen Eigentlichen sei wie des mit ihm als Einheit erkannten oder vorgestellten eigentlichen Selbst. Beide waren sie im Augenblick zweieins und ohne Gegenseitigkeit.

Einer von ihnen tat den Mund auf: Und so bin ich nichts, und Er ist alles?

Gott sei Dank, so wird es sein, antwortete der andere. Denn so hast du als der Unwert seiner doch Teil an der großspurigen Himmlischkeit – du derart nicht mehr mißachteter, sondern von Erhabenheit durchdrungener Abdruck seines Fußes, du Spur seines Ganges, du Empfänger seines Tritts – und verlange nicht mehr zu sein als ein gläubiger Rest – nimm's hin in Ehrfurcht, ein Nichts neben Etwas zu sein, du als sein eingebildetes Ding. – Aber, sagte wieder der erste von ihnen, sei getrost, auch die Einbildung ist so gut wie eine Beschaffenheit im Gehäuse der Wirklichkeit. Das laß dir gefallen, das erhebt den elenden Rest, das gibt Erhabenheit sondergleichen dem Wurm. Der Geist aus dem Munde des zweiten verstieg sich weiter: Denn, ob der Schatten deiner ist oder du der Schatten seines, es kommt nur darauf an, daß ein Sein ist und eine Durchdringung der Weltweite mit . . . – Mit? fragte es. Mit . . . darauf besinne dich, ehe du etwas darüber sagst. Halt an und verstumme. So verstummten sie und begannen allmählich, als die Stille der gewohnten Wirklichkeit ihnen ins Bewußtsein drang, sich zu schämen. So bald, galt ohne Abrede zwischen ihnen als ausgemacht, wird von solchen Dingen nicht wieder gesprochen.

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